4. Kapitel.Spielplatz und Schule.

Kopfvignette des 4. Kapitels4. Kapitel.Spielplatz und Schule.

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A

Aber jetzt ist die Reihe an uns,“ sprach Tom; „kommt in den Hof, wir wollen Percy gleich ein paar Kunststücke lehren.“

Gern folgten alle dieser Aufforderung.

„Nun, Percy, stell’ Dich einmal hierhin, spreize die Beine auseinander, daß Du fest stehst, stütze die Hände auf die Kniee, so wie ich es Dir zeige, und beuge den Kopf so, daß Dein Kinn die Brust berührt!“

Percy gehorchte.

„Jetzt sicher gestanden, sonst purzelst Du!“

„Was willst Du denn machen, Tom?“

„Nur vor Dich sehen, Percy!“

Bei diesen Worten hatte sich Tom ein paar Schritte nach hinten entfernt, nahm einen Anlauf und sprang, mit den Händen sich leicht auf Percys Schulter stützend, über ihn weg.

Der verblüffte Percy wankte und schwankte, und als er das Gleichgewicht wiedergewonnen, fragte er besorgt:

„Du hast Dir doch nicht weh gethan, Tom?“

Tom schien die Frage nicht zu hören.

„Jetzt spring Du so über mich!“

„O, Tom, nein! das geht nicht.“

„Probieren, Percy!“

„O, ich falle ganz sicher auf den Kopf und beschmutze meine Kleider; und dann,“ sagte er lächelnd, „könnten mir ja auch die Gedanken aus dem Gehirn rollen.“

„Nur vorwärts!“ drängte Harry. „Hier Joseph und ich stehen auf beiden Seiten und wir fassen Dich, wenn Du fallen willst.“

Tom hatte sich schon zurechtgestellt.

„O, das ist mir aber viel zu hoch,“ erklärte Percy.

„Gut, ich will mich niedriger machen.“

Und Tom kauerte sich so tief zusammen, daß er kaum noch die Höhe eines Stuhles hatte.

„Jetzt will ich es also wagen!“

Percy ging etwa fünfzig Schritte weit zurück, nahm einen Anlauf, und mit Aufbietung aller Körper- und Willenskraft machte er den ersten Bocksprung in seinem Leben, und zwar ohne zu fallen, und ohne daß ihm seine Gedanken aus dem Gehirn rollten.

„O, das ist herrlich!“ jubelte er, „das muß ich gleich noch einmal thun!“

„Bravo, Percy, bravo!“ riefen die Freunde. Durch ihre ermunternden Worte noch mehr angespornt, machte Percy den Sprung wieder und wieder, bis er fast außer Atem war. Die Freude über seinen Erfolg und das Bewußtsein, auch andere froh zu machen, ließ ihn kaum ein Ende finden.

Das Bockspringen war für ihn wie eine Offenbarung;es erschloß ihm mit einem Male eine neue Welt von ganz ungeahnten Möglichkeiten.

„Sind die Knabenspiele alle so schön?“ war seine erste Frage, als er endlich wieder zu Atem gekommen.

„O, das war ja noch gar nichts!“ sprach Joseph Whyte; „alle andern sind viel schöner.“

„Ja“ sagte Willy, „das Bockspringen thun wir nur, wenn wir für die andern Spiele keine Zeit haben. Aber Du solltest erst einmal Handball sehen!“

„Und Fußball!“ fuhr Harry fort.

„Und von allen das schönste,“ schloß Tom, „ist der Ziellauf. Der ist fein! Er ist besser als alle andern zusammengenommen.“

„Was ihr nicht sagt! Jetzt bin ich doch froh, daß ich ein Junge bin!“

„Sehr richtig, Percy,“ versicherte Tom, „und gieb nur acht, Du wirst Dich immer mehr darüber freuen, je länger Du hier bist.“

Percy wurde jetzt plötzlich abgerufen. Der Studienpräfekt, der in Maurach den gesamten Unterricht zu leiten hatte, wollte ihn examinieren und ihm seine Klasse anweisen.

Bald erfuhren dann Tom und Harry zu ihrer größten Freude, daß Percy ihr Mitschüler inP.Middletons Klasse sei. Diese Klasse setzte zwar schon einiges Latein voraus, und Percys Kenntnisse waren in diesem Punkte recht dürftig. Allerdings hatte sein Privatlehrer, sobald es feststand, daß Percy in eine klassische Schule eintreten solle, den Lateinunterricht begonnen; jedoch gestattete ihm die kurze Zeit nicht mehr als eine fast rein mechanische Einübung derDeklinationen. Da sein begabter Schüler die Grammatik der Muttersprache sehr gut beherrschte, so glaubte er, im Laufe eines geregelten Unterrichtes werde sich das, was am vollen Verständnis noch fehlte, nach und nach ergänzen, falls man nicht vorziehen werde, ihn ganz von vorn anfangen zu lassen.

Dieser letzte Fall trat nicht ein. Da Percy in allen übrigen Fächern der Klasse weit voraus war, so ließ sich bei seinen Talenten erwarten, daß die große Lücke sehr bald ausgefüllt sein werde, eine Hoffnung, die der gewissenhafte, fleißige Knabe glänzend rechtfertigte.

Zehn Minuten später begab sich denn Percy zum ersten Male in eine Schule. Da fand er aber alles ganz anders als daheim im trauten Familienzimmer, bei Mutter und Schwestern. Er merkte gar nicht, daßP.Middleton, als alle Schüler an ihren Plätzen waren, eine leichte Handbewegung machte, und wunderte sich, warum plötzlich alle wie auf Kommando emporschnellten, eine andächtige Stellung einnahmen und auf den Professor schauten. Zwar sah er gleich, was geschehen sollte, geriet aber in neue Verwunderung, als die ganze Klasse mit frischer Stimme anhub:

„In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.“

Dann folgte ebenso frisch und doch andächtig dasPater noster,Ave Maria,Gloria Patriund wieder das Kreuzzeichen.

Percy bekam eine nicht geringe Achtung vor der Gelehrsamkeit seiner Mitschüler. Aber er selbst sollte und wollte ja auch Latein lernen.

Einen Augenblick nach dem Gebet saßen alle schon wieder ruhig; kein Buch, kein Bleistift oder Federhalter war auf den Tischen zu sehen, nur die Hände.

Ein Wink vonP.Middleton, und Playfair stand auf.

„Seco,secare,secui,sectum, abersecaturus, ich schneide.Reseco,resecare,resecui,resectum, aberresecaturus, ich schneide ab.Disseco,dissecare,dissecui,dissectum, aberdissecaturus, ich schneide auseinander.Frico,fricare,fricui,frictumoderfricatum, ich reibe.“

„Seco,secare,secui,sectum, abersecaturus, ich schneide.

Reseco,resecare,resecui,resectum, aberresecaturus, ich schneide ab.

Disseco,dissecare,dissecui,dissectum, aberdissecaturus, ich schneide auseinander.

Frico,fricare,fricui,frictumoderfricatum, ich reibe.“

So folgten ohne Stocken die zwölf Verba, welche aufgegeben waren. Auch zwei andere Schüler sagten sie mit derselben Geläufigkeit aus. Ein folgender blieb stecken, und Percy wunderte sich, daß derselbe sich so beschämt setzte, währendP.Middleton mit ernster Miene einen Strich in sein Notizbuch machte.

Percy wußte natürlich nicht, was dieses krause Wortgewirre bedeute. Aber bald zeigte ihm sein Nachbar, wo die Verba in der Grammatik standen. Dann mußte auch einmal ein Schüler die Perfekta allein aufsagen:secui, ich habe geschnitten, u. s. w. Percys lebendiger Geist erfaßte das schnell.

In gleicher Weise wurde aufgesagt:secaturus, einer der schneiden will,resecaturusu. s. w., und nachdem Percy auch während der Kreuz- und Querfragen, durch dieP.Middleton jetzt die Formen einübte, das eine oder andere glücklich erwischt hatte, glaubte er sich schmeicheln zu dürfen, er sei in dieserViertelstunde schon um ein Erkleckliches gescheiter geworden.

Mit besonderer Freude erfüllte es ihn, zu erfahren, wie einige Wörter seiner englischen Muttersprache, die er schon oft gehört und gebraucht, sich einfach auf ein lateinisches Stammwort zurückführten, z. B.sect, (Sekte),dissect(secieren).

Als dannP.Middleton das Wortvivisectionin seine Teile zerlegen ließ und ein Schüler mit frischer Stimme erklärte,vivusheiße ‚lebendig‘ undsectiokomme vonseco, da begriff Percy nicht nur, daß dieses Wort ‚bei lebendigem Leibe zerschneiden‘ bedeute, sondern sah auch freudig ein, wie die vielen englischen Wörter, die mitvivianfangen, alle mit der Bedeutung ‚Leben‘ zusammenhängen müssen.

„Ah, das Latein ist doch schön,“ dachte er, „und auch nicht so besonders schwer!“

Frohen Mutes nahm er mit den andern sein Übungsbuch und ließ sich zeigen, wo man stand. Aber da hatte er sich getäuscht. Da mußte er mehr wissen, als zwölf Verba und die Deklinationen und ein paar Formen der Konjugation. Schon drei Sätze waren übersetzt und erklärt, bevor er aus dem ersten Worte klug geworden. Wohl faßte er noch das eine oder andere Wort, aber warum die Endungen so häufig wechselten, wenn der Schüler es während der Erklärungen nannte, das war ihm fast immer ein Rätsel. Sehr bald streckte er die Waffen und hörte ein paar Minuten geduldig zu.

Endlich sprach er, — natürlich ohne aufgerufen zu sein, — mit lauter Stimme:

„Meinen Sie nicht,P.Middleton, das Lateinlernen sei für den Anfänger mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden?“

Die Schüler waren zu sehr überrascht, als daß sie gelacht hätten.

„Es ist wirklich am Anfange nicht leicht,“ sprachP.Middleton freundlich, ohne in seinen Mienen den geringsten Tadel zu äußern. „Du kennst ja das Sprichwort: Aller Anfang ist schwer. Aber je mehr man lernt, um so mehr versteht man; so wird es immer leichter, und man thut es zugleich immer lieber.“

„Ich glaube das wohl,“ sagte Percy, nicht anders, als wenn er daheim mit Mutter und Schwestern spräche. „Ich habe es im Englischen selbst schon erfahren. Im Anfange las ich nicht gern, weil ich es nicht gut konnte; aber ich habe mich überwunden, und jetzt thue ich nichts lieber als lesen. — Pater, bitte, erzählen Sie uns jetzt eine Geschichte!“

Da erschallte ein brausendes, allgemeines Gelächter.P.Middleton schmunzelte und rief, als wäre nichts geschehen, einen andern Schüler zum Übersetzen des nächsten Satzes auf.

Dieser Klasse gehörten auch Kenny und Prescott an, deren Aufmerksamkeit jetzt wieder auf den guten Percy gelenkt war.

„O, was für ein einfältiges Kindlein!“ sprach Kenny, als er sich nach der Schule mit Prescott allein fand. „Den hatte sicher seine Mutter immer am Schürzenband.“

„Ja, ja!“ bestätigte der saubere Freund; „aberum so besser! Wir wollen noch manchen Spaß an ihm haben. Der ist uns ein gefundenes Fressen!“

Jetzt folgte eine heimliche Unterredung.

„O, das ist herrlich!“ rief endlich Prescott halblaut. „Ein köstlicher Witz! so viel wert wie die beste Cigarre. Und verlaß Dich darauf, Du sollst ein ganz greuliches Gespenst werden; Du kriegst ein wahres Teufelsgesicht mit roten Augen.“

„Ja, Prescott, ich berste schon vor Freude, wenn ich mir vorstelle, wie das Mädchen in Todesangst gerät.“

„Und ich gehe hinter Dir her, damit ich sein Jammergesicht auch bewundern kann.“

Während alles dessen war derjenige, dem der Anschlag galt, in Frieden und Heiterkeit beschäftigt, die neue Welt der Knabenspiele noch weiter zu erforschen.

Zunächst zeigte ihm Tom einen Ziellauf-Ball.

„Sieh mal hier, Percy, kennst Du so ein Ding?“

„Hu, wie hart!“ rief Percy, indem er den Lederball mit seinen butterweichen Fingerchen vorsichtig berührte; „der ist ja gerade wie ein Stein!“

„Ich möchte Dich nun lehren, solche Bälle zu schnappen.“

„Ich solche Bälle schnappen? Nein Tom, das geht nicht. Ich kann nur ganz schöne, weiche Bälle schnappen. O, das hab’ ich oft mit meinen Schwestern gethan! Aber mit diesem verderbe ich mir ja die Finger, und dann kann ich nicht mehr Piano spielen.“

„Ei, Percy, kannst Du auch Piano spielen?“

„O, das thu’ ich so gern; und singen kann ich, Tom.“

„Percy, Du kannst alles, was ich nicht kann, und nichts, was ich kann.“

„Das hab’ ich eben von meinen Schwestern lernen können,“ sprach Percy lachend und warf das lange Haar zurück.

„Aber jetzt, Percy, mußt Du diesen Ball schnappen lernen.“

„Das geht ja gar nicht, Tom; ich könnte geradeso gut eine Kanonenkugel schnappen.“

„Es ist gar nicht so schwer. Ich will es Dir zuerst zeigen. Nimm Du den Ball und geh’ bis an den Baum dort. Dann wirfst Du auf mich, so stark Du kannst, und siehst zu, wie ich das Schnappen mache.“

„Aber wenn ich Dir weh thäte, Tom?“

„Keine Angst! ich will mich schon in acht nehmen. Und wenn Du doch all zu stark werfen solltest“ — hier hielt Tom inne, um ein Lachen zu unterdrücken — „so ducke ich mich schnell, daß der Ball über mich weg fliegt.“

„Aber so weit habe ich noch nie geworfen, Tom.“

„Dann versuch’ es jetzt einmal. Wenn Du Dich recht anstrengst, wird es Dir schon gelingen.“

Percy nahm den Ball und ging mit dem festen Entschlusse, recht stark zu werfen, an den bezeichneten Platz.

Dort schwang er den Ball ein paar Mal herum und ließ ihn dann aufs Geratewohl fahren. Nichtohne Grund zitterte er für die Folgen; denn anstatt gegen Tom, nahm der Ball seinen Weg in der ganz entgegengesetzten Richtung, wo eben ein größerer Zögling dieses Hofes, Johann Donnel, mit gespannter Aufmerksamkeit einem Handballspiele zusah. Der Ball würde ihn ins Gesicht getroffen haben, aber Tom hatte noch Zeit zu rufen: „Donnel, Dein Kopf!“ und so erhielt er den Ball an den Hinterkopf.

„Au!“ rief er, etwas überrascht, aber sein Erstaunen wuchs, als er den kleinen goldlockigen Neuling laut jammernd auf sich zueilen sah.

„O, Du armer Junge!“ rief Percy, und die Thränen standen ihm in den blauen Augen. „Ich habe Dir sicher sehr weh gethan. Aber ich konnte nichts dafür, nicht wahr, Tom? Ich habe es ganz gewiß nicht mit Absicht gethan. O, ich bitte tausendmal um Verzeihung. Ich finde gar keine Worte, um auszudrücken, wie leid es mir thut!“

Diese mitleidsvollen, aus innerstem Herzen quellenden Worte und das tief betrübte Gesicht des Kleinen waren für Donnel erst recht etwas Unerklärliches.

„Jawohl,“ sagte er mit einem recht bärbeißigen Gesicht. „Du hast mich beinahe tödlich verwundet. Jetzt solltest Du mich wenigstens zum Krankenbruder bringen!“

„O Tom, bitte, hilf mir! ich kann es nicht allein. Du faßt ihn bei den Füßen und ich bei den Schultern. O, was hab’ ich gethan! was hab’ ich gethan! O Verzeihung, Vergebung für meine Unvorsichtigkeit!“ Und Percy begann laut zu schluchzen.

„Du armes Würmchen!“ lachte jetzt Donnel; „meinst Du wirklich, Du hättest mir weh gethan? Das war ja kaum ein Mückenstich. Weil Du es aber durchaus willst, so verzeihe ich Dir auch noch großartig. Und wenn Du in Zukunft Spaß daran hast, so komm’ und wirf mich, wo Du mich nur treffen kannst.“

„Du brauchst dabei nicht zu fürchten, Hans,“ sprach Tom, „er werde Dich treffen. Denn wenn er auf Dich zielt, wirft er sicher an Dir vorbei; er trifft nur die, auf welche er nicht zielt.“

Da ging in Percys Herzen wieder die Sonne auf. Halb verlegen flüsterte er:

„Stelle mich vor, Tom, bitte!“

„Gern. Johann Donnel, das ist Percy Wynn!“

In gewohnter Weise machte Percy seinen artigen Knicks und versicherte, er sei entzückt Donnels Bekanntschaft zu machen.

Donnel fand an dem seltsamen Menschenkind Gefallen. Er war nicht nur der größte Zögling des kleinen Hofes, sondern zugleich der freundlichste und umgänglichste, und die ganz Kleinen nannten ihn wegen seiner Herzensgüte den ‚Großpapa‘.

Sofort erriet er, was Tom mit Percy vorhabe, und unterstützte dessen Bestreben, aus Percy einen rechten Jungen zu machen, gleich praktisch, indem er Percy eine Lehrstunde im Werfen gab.

Unter seiner geschickten Leitung war Percy denn auch bald so weit vorgeschritten, daß wenigstens die umsichtigen Zuschauer vor seinen Würfen einigermaßen sicher waren.

„Morgen fühlst Du nun Deinen Arm etwas steif,“ sprach Tom, als es Zeit war aufzuhören; „aber sei deshalb nicht besorgt; das passiert jedem, der das Werfen noch nicht gewohnt ist.“

Der Abend kam, und müde von den Strapazen seines ersten Pensionatstages fiel Percy in Schlaf, sobald sein Kopf das Kissen berührte.

4. Kapitel, Schlussvignette


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