Chapter 2

Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein Ende. Nebel umhüllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es wollte: kalt oder heiß, regnerisch, windig, mit Schnee oder Sonnenschein! Ihnen würde es gewiß willkommen sein. Jede Witterung kam ihnen besonders günstig vor. Denn solange ein Glück im Sprießen ist, scheint das Heute immer als der schönste Tag.

Der Nebel war ihnen ein lieber Anlaß zu täglichem, stundenlangem Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. — Nun holte er sie schon früh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren Gängen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein Pelzhütchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben.In den dichten Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der beste Schleier war ihnen die feucht hüllende Webe des Nebels. Der lag schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie durch eine der alten Querstraßen zur Seine heruntergingen. Du lieber Nebel, wohlig kühle Ruhstatt der Träume, dein Eishauch ist nur ein Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthülle, wie dem Flämmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens linken Arm dicht an sich gedrückt; sie gingen im gleichen Schritt; sie waren fast gleich groß, Lutz ein bißchen größer; so zwitscherten sie halblaut, fast Wange an Wange; wie gern hätte er auf dem Schleierdas betaute Rund ihres Mündchens geküßt!

Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen „Kunst- und Antiquitätenhändlers“, für den sie ihr „Grünzeug“, wie sie sagte, herstellen mußte. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die längsten Umwege und dann mußte der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel schließlich doch in greifbarer Nähe erschien, blieb Peter zurück, Lutz trat in den Laden. Er wartete an der nächsten Ecke. Er mußte lange warten und die Kälte war recht empfindlich. Aber er war selig, um ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu dürfen. Endlich kam sie wieder heraus, lief lächelnd herbei und fragte mitleidig und besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme!Er las es ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trödler Glück gehabt hatte, und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst hätte. Aber meistens kam sie mit leeren Händen wieder; sie mußte zwei, drei Mal hingehen, ehe sie zu ihrem bißchen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von Glück sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten zurückwies. Heute, zum Beispiel, gab es großes Geschrei wegen einer Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie nie gesehn hatte. Die Familie war empört, weil die Haar- und Augenfarbe nicht stimmte. Sie mußte es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches Mißgeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur darüber. Peter aber lachte nicht. Er war außer sich vor Zorn.

„Solche Trottel! Erztrottel!“

Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte, flammte er in grimmiger Verachtung auf — (wieviel Spaß machten ihr diese komischen Wutanfälle!) — gegen diese Idioten-Gesichter, diese feierlich grinsenden Klötze. Es schien ihm eine Entweihung, daß Lutzens liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, daß ihre Hände solche Züge wiedergeben sollten. Es war einfach empörend! Da war ihm noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes Interesse dafür. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder noch lebend — öfter aber tot — und wollte seine Züge verewigt sehen. Die Reichsten bestellten Porträtsin Farben: diese Arbeit wurde recht gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht wählerisch sein. In Ermanglung besserer Aufträge blieb nichts anderes übrig, als zu lächerlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrößern von Photographien zu befassen. Die nächste Folge war, daß Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte, so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim Kunsthändler vorzusprechen, um Arbeiten zu übernehmen oder abzuliefern; die Arbeit selbst ließ sich zu Hause machen. Das paßte nun den zwei jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos durch die Gassen und konnten sich nicht entschließen, den Weg zur Station einzuschlagen. Da sie müde und vom Nebel durchkältet waren, traten sie in eineKirche ein; dort setzten sie sich artig in eine Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags; dabei sahen sie in die Glasgemälde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der wie die zarte Berührung zitternder Fühlfäden war), ihre Seelen also pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte Farbenherrlichkeit der Glasgemälde, das Düster der Pfeiler, das Gesumme der Litaneien mengten sich in ihre Träumerei, weckten die Vorstellung der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flößten tröstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf Uhr vormittags war, erfüllte, wie Öl aus heiligem Kruge, gelbliche Dämmerungdas Schiff der Kirche. Aus fernster Höhe floß seltsames Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung umrahmt. Das blutfarbene Licht stieß eine Wunde in die hohe Nebelwand. . . Lutz sagte ganz unvermittelt:

„Kommen Sie auch dran?“

Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen derselben düsteren Fährte gefolgt war.

„Ja,“ sagte er. „Aber nicht davon sprechen!“

„Nur eines sagen Sie mir: Wann?“

„In einem halben Jahre.“

Sie seufzte.

„Sie dürfen nicht mehr daran denken. Das nützt ja gar nichts.“

Sie wiederholte:

„Gar nichts.“

Sie holten recht tief Atem, um dieseVorstellung zu verdrängen. Dann zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen „feige“? Wer kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden, von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der präludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtäschchen machte, wenn seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft stürzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte. Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie könnten dem Schicksal, das sie voneinander reißen wollte, irgendwie entrinnen. Statt sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen Volkes Trotz zu bieten, dürfte man eher versuchen, die Kirche,deren steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der letzte Augenblick würde nie kommen. Bis dahin nur glücklich sein!

Als sie plaudernd den Rückweg von der Kirche antraten, verriet ihm der Druck ihres Armes, daß sie noch einen Blick auf die Auslage werfen wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschäft. Er sah, wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnürstiefelchen umfing.

„Hübsch?“ fragte er.

„Einfach süß!“ sagte sie.

Er lachte über den Ausdruck und sie lachte mit.

„Sind sie nicht zu groß?“

„Nein, gerade recht.“

„Da könnte man sie ja kaufen?“ Sie drückte seinen Arm und zog ihn fort, um sich dem verführerischen Anblick zu entreißen.

„Das ist nur für reiche Leute,ist nicht für uns, ist nicht für uns,“ sang sie nach einer alten Volksweise.

„Warum denn nicht? Aschenbrödel hat auch den schönen Pantoffel angezogen.“

„Ja, damals gab’s noch Feen!“

„Dafür gibt’s heute noch verliebte Jungen.“

Sie sang wieder:

„Es darf nicht sein, mein Freund, nein, nein!“

„Warum denn nicht, da wir doch Freunde sind?“

„Gerade darum.“

„Wieso?“

„Gerade von einem Freunde darf man keine Geschenke annehmen.“

„Also nur von einem Feinde?“

„Von einem Fremden, das geht eher; wenn nur mein Kunsthändler mit einem Vorschuß herausrücken wollte, der Geizkragen!“

„Aber Lutz, ich habe schließlich doch auch das Recht, bei Ihnen ein Bild zu bestellen, wenn’s mir paßt!“

Sie konnte gar nicht weiter gehn vor Lachen.

„Sie wollen also ein ‚Werk‘ von mir besitzen? Mein armer Freund, was sollten Sie damit? Es war schon gerade genug, daß Sie das Zeug angeschaut haben. Ich weiß ganz genau, daß es Schund ist. Für den Genuß würden Sie sich bedanken.“

„Aber durchaus nicht, es waren reizende Sachen dabei. Und schließlich ist das Geschmackssache.“

„Ihr Geschmack hat sich merkwürdig schnell geändert.“

„Darf er das nicht?“

„Nein, bei Freunden nicht.“

„Lutz, porträtieren Sie mich!“

„Na hören Sie, porträtieren soll ich Sie auch noch?“

„Aber es ist mein voller Ernst, neben diesen Schafsköpfen werde ich wohl noch bestehen können!“

Da drückte sie fest seinen Arm, und ihr entschlüpfte das Wort:

„Mein Schatz!“

„Was haben Sie gesagt?“

„Nichts.“

„Ich habe es ganz gut gehört.“

„Dann behalten Sie’s für sich!“

„Nein, ich behalte es nicht für mich, ich gebe es Ihnen doppelt wieder . . . Mein Schatz! . . . Mein Schatz! . . . Sie machen also mein Porträt, nicht wahr? . . . Abgemacht?“

„Haben Sie eine Photographie?“

„Nein, ich habe keine.“

„Ja wie soll ich’s dann anfangen? Ichkann Sie doch nicht auf der Gasse malen?“

„Sie haben mir doch erzählt, daß Sie meist allein zu Hause sind?“

„Ja, an den Tagen, wo Mutter in der Fabrik ist. Aber ich getraue mich nicht . . .“

„Haben Sie Angst, daß man uns sieht?“

„Nein, deswegen nicht. Wir haben keine Nachbarn.“

„Also was fürchten Sie dann?“

Lutz antwortete nicht. Sie waren bei der Elektrischen angelangt. Es warteten zwar viele Leute, aber man sah sie kaum, der Nebel schied das Pärchen immer noch von der übrigen Welt. Sie mied seinen Blick.

Da faßte er ihre beiden Hände und sagte warm:

„Keine Angst haben, mein Schatz . . .“ Lutz erhob den Blick, und sie sahen einander in die Augen; diese zwei Augenpaareschauten so klar und ehrlich! „Ich vertraue Ihnen,“ sagte sie. Sie schloß die Augen. Sie fühlte, daß sie ihm heilig war.

Die Hände lösten sich voneinander. Die Tram gab das Abfahrtszeichen. In Peters Blick lag eine innige Bitte.

„An welchem Tage?“ fragte er.

„Mittwoch,“ antwortete sie, „kommen Sie gegen zwei Uhr . . .“ Im letzten Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lächeln wieder; sie sagte ihm ins Ohr:

„Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich weiß, Sie haben schon welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!“

Äußerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstraße. Halbausgebaute Straßen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten Flächen unterbrochen, die schon in eine Art ländliche Gegend von zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzäunen Hütten von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trübgraue Wolkenschläuche liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen: nur drei stehen auf dieser Straßenseite, es ist das letzte und hat kein Gegenüber. Es ist einstöckig und hat einen von Staketen umzäunten Hof mit zwei, drei armseligen Sträuchern und einem Gemüsebeet, das jetzt unterm Schnee liegt.

Peter ist geräuschlos eingetreten; der Schnee dämpft den Schall seiner Schritte.Aber die Vorhänge im Erdgeschoß bewegen sich; und wie er zur Türe kommt, öffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begrüßen. Sie führt ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch, ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden sollen; sie haben den Genuß dieses Zusammenseins schon zu sehr in Gedanken vorweggenommen; all die schönen Worte, die sie sich zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter und vom Fahrplander Straßenbahn. Dabei sind sie todunglücklich, daß ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.

Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis gebrochen. Die Bilder sind die erwünschten Mittler, über die hinweg man erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stören nicht. Peter hatte den glänzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen. Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor Freude; sie hat für das Bild zierlich lustige Kosenamen und Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Süßeres für eine Frau, als ein Klein-Kinderbild des Geliebten zubetrachten? In Gedanken wiegt sie ihn auf den Armen, reicht ihm die Brust — fast ist ihr, als hätte sie ihn unter dem Herzen getragen. Dabei spürt sie ganz genau, wie schön sich dem kleinen Knirps alles sagen läßt, was man dem Erwachsenen nicht sagen kann. — Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefällt, sagt sie ohne Bedenken: „Das liebe Kerlchen da . . .“

Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich, wenn Lutz sich getraut hätte (und richtig, eben traut sie sich), Peter recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu vergleichen, so würde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die Augen dieses kleinen Bürgerkindchens, das hübsch unter der Glasglocke gehalten wurde, sind wie Vöglein in verdunkeltemKäfig; jetzt ist eben das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt möchte er aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjähriges Mädelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen hält; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wäre nicht geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hündchen gegeben hatte; vielmehr hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Fräulein von dreizehn oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht; zum Glück wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches Lächeln, das zu sagen schien:

„Wißt ihr? Ich spaße nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .“

Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar überwunden.

Sie begann das Porträt mit dem Stifte zu entwerfen. Da er sich nicht rühren und auch beim Sprechen kaum die Lippen bewegen sollte, redete fast nur sie allein. Aber wie es aufrichtigen Menschen geht, wenn sie ein wenig zu lange sprechen müssen, kam sie im Handumdrehen auf die Geheimnisse ihrer engeren und weiteren Familie zu reden, die sie durchaus nicht hatte enthüllen wollen. Sie war selber erstaunt, wie sie sich dabei zuhörte; aber da gab es kein Halten mehr: gerade Peters Schweigen wirkte wie ein Abhang, der den Strom ihrer Worte unablässig fließen ließ . . .

Sie erzählte von ihrer Kinderzeit in der Provinz. Sie stammte aus der Touraine. Die Mutter war aus gutem, wohlhabendemBürgerhause und hatte sich in einen Lehrer bäuerlicher Abstammung verliebt. Ihre Familie wollte von einer solchen Heirat nichts wissen; aber die zwei Liebesleute bestanden auf ihrem Willen, das junge Mädchen wartete ihre Volljährigkeit ab und vermählte sich dann ohne die Zustimmung ihrer Eltern. Seitdem wollten ihre Leute von ihr nichts mehr wissen. Dem jungen Paare waren bei sehr beschränkten Mitteln ein paar Jahre innigen Zusammenlebens beschieden. Aber der Mann hielt die Überbürdung auf die Dauer nicht aus. Er erkrankte. Die Frau nahm nun tapfer auch seine Last auf sich; sie arbeitete für zwei. Der beleidigte Standesdünkel ihrer Eltern ließ sie in feindlicher Kälte verharren, sie wollten nichts für die Tochter tun. Der Kranke war ein paar Monate vor Kriegsausbruch gestorben. Die beiden Frauen hattenkeinen Versuch mehr gemacht, Beziehungen zur Familie der Mutter anzuknüpfen. Diese hätte gewiß das junge Mädchen zu Gnaden aufgenommen, wenn es den ersten Schritt getan hätte — das wäre dann als ein mea culpa der Mutter aufgefaßt worden. Aber da konnten die lange warten! Eher Kieselsteine essen!

Peter staunte über die Hartherzigkeit dieser bürgerlichen Verwandten. Lutz sah darin nichts Unerhörtes.

„Solche Leute sind doch gar nicht so selten, glauben Sie nicht? Im Grunde sind sie nicht böse. Davon bin ich bei meinen Großeltern fest überzeugt; sie hätten uns also gewiß so gerne zugerufen: ‚Kommt wieder zu uns!‘ Aber für ihren Dünkel war der Stoß gar zu hart, und was ist denn allein groß bei solchen Leuten? Eben nur ihr Dünkel! Hat man ihnen Unrecht getan, so sehen sienicht nur dies so oder so beschaffene Unrecht, sondern es wird einfach ‚das Unrecht‘ schlechthin: die andern sind eben im Unrecht, sie aber wohnen im Recht. Und dabei brauchen sie gar nicht bösartig zu sein (sie sind’s auch wirklich nicht) — aber sie ließen einen vor ihren Augen eher bei langsamem Feuer verbrennen, statt zuzugeben, daß sie vielleicht nicht im Rechte waren. Nein, ihre Verwandten waren die einzigen nicht! Da hatte man noch ganz andere Fälle erlebt! . . . Habe ich nicht recht,“ sagte sie, „sind sie nicht so?“

Peter dachte nach. Es ging ihm völlig ein. Er mußte sich sagen:

„Aber ja. Sie sind so . . .“

Das kleine Mädchen hatte ihm mit einem Male die Augen geöffnet für die ganze Engherzigkeit, die armselige Dürre der Bürgerkaste, der er angehörte. Ausgetrocknetes, ausgesogenesErdreich, das nach und nach alle seine Lebenssäfte aufgebraucht hat und sie nicht mehr zu erneuern vermag, wie jene Gegenden Innerasiens, wo befruchtende Ströme tropfenweis im gleißenden Sande versickert sind. Sogar die Menschen, die sie zu lieben meinen, lieben diese Bürger nur wie einen toten Besitz; ihrem Selbstsinn opfern sie jene auf, ihrem versteiften Hochmut, ihren kleinlichen, verrannten Ideen. Peter sah nun in diesem Lichte mit tiefer Trauer seine eigenen Eltern und sein eigenes Dasein. Er schwieg. Die Fensterscheiben erbebten von fernem Geschützfeuer. Peter dachte an die Menschen, die dort sterben mußten, und sagte bitter:

„Und das ist auch ihr Werk.“

Dies heisere Kanonengebelfer, der Krieg, der allgemeine Zusammenbruch — ging nicht dies alles großenteils aufRechnung eben jener Herzenskälte und Unmenschlichkeit, jenes bornierten Dünkels der Bürgerkaste? Aber jetzt (es gab noch eine Gerechtigkeit!) wollte das entfesselte Ungeheuer nicht innehalten, ehe es eben jenes Bürgertum verschlungen hatte.

Lutz sagte:

„Es ist gerecht.“

Sie ahnte gar nicht, wie ihr Denken so ganz gleichen Schritt hielt mit Peters Gedanken. Der schrak förmlich zusammen vor diesem Widerhall.

„Ja, es ist gerecht,“ sagte er, „gerecht ist alles, was da geschieht. Die Welt war zu alt, sie mußte und wollte sterben.“

Lutz senkte den Kopf und stimmte ein:

„Ja.“

Wie sich doch diese ernsten Kinderstirnen einem unausweichlichen Geschicke beugten und in scharfen Faltendie Spur verzweifelnden Grübelns trugen! . . .

Es wurde dämmrig im Zimmer, das auch ziemlich ausgekühlt war. Lutzens Hände waren eiskalt, wie sie ihre Arbeit abbrach. Peter durfte das Bild nicht ansehn. Sie traten nun ans Fenster und schauten in den Abend hinaus, über trübselige Felder auf bewaldete Höhenzüge. Über diesem veilchenblauen Bogenzug von Wäldern lag der blaßgrüne, goldbestäubte Himmel. Ein Hauch aus der Seele des Puvis de Chavannes war über diesem Bilde. Lutz verriet durch ein schlichtes Wort, wie sehr sie diesen zarten Frieden empfand. Als ihn das fast ein wenig wunderte, war sie gar nicht gekränkt sondern meinte, man könne ganz wohl etwas fühlen, das man nicht in Kunstwerken auszudrücken vermöge. Es war auch nicht bloß ihre Schuld, wenn sie gar so stümperhaftmalte. In übel angebrachter Sparsamkeit hatte sie ihren Kurs in der Kunstgewerbeschule nicht bis zu Ende besucht. Übrigens war sie nur in der Not aufs Malen verfallen. Wozu überhaupt malen, wenn es einen nicht dazu trieb? Peter mußte doch auch bemerkt haben, wie die meisten nicht aus innerem Drange sich künstlerisch betätigten, sondern aus Eitelkeit, aus Langerweile — oder auch weil sie sich zuerst den wahren inneren Beruf zugetraut hatten und später ihren Irrtum nicht eingestehn wollten. Man sollte doch nur dann Künstler sein, meinte sie, wenn man sein Erleben durchaus nicht für sich behalten konnte, wenn man an seinem inneren Reichtum sonst förmlich erstickte. Aber sie selbst, sie hätte gerade genug für sich selbst. Sie verbesserte sich gleich:

„Und für noch jemand.“

(Er hatte nämlich den Mund zum Schmollen verzogen.)

Der schöne Goldton des Himmels erlosch, wurde bräunlich. Die leere Ebene lag jetzt tieftraurig da. Peter fragte Lutz, ob ihr diese Öde nicht gar zu unheimlich sei.

„Nein.“

„Aber wenn Sie spät heimkommen?“

„Es ist keine Gefahr. Apachen kommen nicht in diese Gegend. Die haben ihre festen Gewohnheiten. Sind im Grunde auch solide Bürger. Und dann wohnt da unser Nachbar, ein alter Lumpensammler mit seinem Hunde. Überhaupt habe ich keine Angst. Ich prahle nicht damit. Es ist gar nichts Besonderes. Ich bin sonst nicht gerade mutig. Ich habe eben noch keine Gelegenheit gehabt, recht das Gruseln zu lernen. Wenn es einmal dazu kommt, entpuppe ich mich vielleicht als ärgerer Hasenfußals andere. Weiß man denn je, was man ist?“

„Ich weiß, was Sie sind,“ sagte Peter.

„Ja, das ist aber auch viel leichter, ich weiß es auch . . . was Sie angeht. Den andern erkennt man immer besser.“

Der feuchte Abendfrost drang durch die geschlossenen Fenster. Peter schauerte ein wenig zusammen. Lutz merkte es sogleich am Zucken seines Nackens. Auf ihrem Spirituskocher bereitete sie ihm eine Tasse Schokolade. So vesperten sie. In mütterlicher Sorgfalt warf Lutz ihm einen Schal um die Schultern. Behaglich ließ er sich verwöhnen, wie ein Kätzchen wohlte er sich in der weichen Wärme des Tuches. Man kam wieder auf Lutzens Lebensgeschichte zurück, die noch nicht ganz fertig erzählt war. Peter sagte:

„Wenn Sie sonst in der Welt niemand haben als Ihre Mutter, muß dochdas Verhältnis zu ihr sehr innig sein.“

„Ja,“ sagte Lutz, „eswarso.“

„War?“ wiederholte Peter.

„O wir haben uns immer noch lieb,“ sagte Lutz. Sie war etwas verlegen, weil ihr dieses Wort entschlüpft war. (Warum sagte sie ihm immer mehr, als sie sagen wollte? Dabei fragte er sie nicht aus, wagte es nicht. Aber sie hörte, wie sein Herz fragte, und es tut so gut, jemandem alles zu sagen, wenn man es sonst nie gedurft hat. Die Stille im Haus, das halbdunkle Zimmer, — all das verlockte zu rückhaltloser Aussprache.) Sie sagte:

„Seit vier Jahren kennt man sich gar nicht mehr aus. Alle Menschen sind ganz anders.“

„Meinen Sie, Ihre Mutter ist anders geworden oder Sie selbst?“

„Alle Menschen,“ wiederholte Lutz.

„Worin?“

„Man kann es nicht ausdrücken. Man hat nur das Gefühl, daß überall die Beziehungen zwischen einander nahestehenden Menschen, auch innerhalb der Familien, irgendwie anders geworden sind. Man kann auf nichts mehr bauen, jeden Morgen muß man sich jetzt fragen: ‚was wird es abends geben, werde ich den auch nur wiedererkennen?‘ Man ist wie auf einer Planke im Wasser; die will fortwährend umkippen.“

„Was ist denn geschehen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Lutz, „ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich weiß nur, seit dem Krieg ist es so. Es liegt etwas in der Luft. Alle Welt ist ganz aus dem Häuschen. Wo man sich in den Familien umschaut, sieht man Menschen ihre eigenen Wege gehen, die früher unzertrennlich waren. Alle sind wie berauscht; wie Jagdhunde wittern sie irgend etwas und laufen der Fährte nach.“

„Wohin denn?“

„Ich weiß nicht. Aber die Leute selber, mein’ ich, auch nicht. Wohin der Zufall und ihre Begierde sie treiben. Frauen legen sich Liebhaber zu. Männer vergessen ihre Frauen. Und das kommt bei den bravsten Leuten vor, die bis dahin so ruhig und ordentlich schienen. Überall hört man von zerrütteten Ehen. Aber zwischen Kindern und Eltern ist es gerade so. Meine Mutter . . .“

Sie hielt inne, dann fuhr sie fort:

„Meine Mutter lebt jetzt ihr eigenes Leben.“

Sie stockte wieder und sagte dann:

„Das ist ja ganz natürlich. Sie ist noch jung, meine arme Mama, viel Glück hat sie auch nicht erfahren: sie hat noch soviel unverbrauchtes Gefühl. Sie hat wohl das Recht, sich ein neues Leben aufzubauen.“

Peter fragte:

„Sie will wieder heiraten?“

Lutz schüttelte den Kopf. Man wußte nicht recht . . . Peter wagte keine weitere Frage.

„Sie hat mich gewiß immer noch gern. Aber nicht mehr wie früher. Sie könnte jetzt auch ohne mich leben . . . Die arme Mama wäre ja so zerknirscht, wenn sie sich darüber klar werden müßte, daß ihre Liebe zu mir in ihrem Herzen nicht mehr an erster Stelle steht! Nie würde sie es eingestehen . . . Das Leben ist doch eine kuriose Sache!“

Ihr leises Lächeln war traurig und zugleich etwas schalkhaft. Peter legte zärtlich seine Hand über ihre Hände, die auf die Tischplatte gestützt waren, sonst rührte er sich nicht.

„Wir sind alles arme Geschöpfe,“ sagte er.

Eine Weile später sagte Lutz:

„Wir zwei, wir sind so ruhig! . . . Dieandern sind wie im Fieber. Krieg. Fabriken. Alles hastet, hastet. Arbeiten, leben, genießen . . .“

„Ja,“ sagte Peter, „kurz ist die Stunde.“ „Um so weniger soll man laufen, statt zu gehen! Man ist ja doch zu bald am Ziele. Wir wollen ganz kurze Schrittchen machen.“

„Aber die Stunde selber rennt fort,“ sagte Peter. „Halten wir sie recht fest!“

„Ich halte sie, ich halte sie,“ sagte Lutz, indem sie seine Hand ergriff.

So plauderten sie bald zärtlich, bald ernsthaft, wie gute alte Freunde. Aber dabei achteten sie wohl darauf, daß immer der Tisch zwischen ihnen blieb. Aber jetzt merkten sie erst, daß es im Zimmer tiefe Nacht geworden war. Peter stand hastig auf. Lutz hielt ihn nicht zurück.

Die kurze Stunde war um.

Sie hatten Angst vor der Stunde, diejetzt kommen konnte. Beim Abschied waren sie so befangen, ihre Stimmen klangen so gepreßt wie bei Peters Eintritt. Auf der Schwelle wagten ihre Hände kaum sich zu berühren.

Aber wie er die Tür geschlossen hatte und beim Durchschreiten des Gärtchens den Kopf gegen das Fenster im Erdgeschoß wandte, sah er im letzten kupfrigen Widerschein auf den Scheiben Lutzens Kopf im Umriß, wie sie im ungewissen Halblicht ihm mit dem Ausdruck tiefer Leidenschaft nachsah. Da lief er zum Fenster zurück und legte den Mund an die Scheibe. Durch die gläserne Wand hindurch küßten sich ihre Lippen. Dann wich Lutz ins Dunkel des Zimmers zurück und der Fenstervorhang fiel nieder.

Seit etwa vierzehn Tagen wußten sie nicht mehr, was in der Welt vorging. Mochte man doch in Paris durch dick und dünn Leute einkerkern und verurteilen, mochte doch Deutschland eben unterzeichnete Verträge durchführen oder wieder umstoßen, mochten doch die Regierungen weiter lügen, die Presse weiter schmähen und die Heere weiter sich töten. Die beiden lasen keine Zeitungen. Sie wußten wohl, irgendwo oder überall ringsumher gab es Krieg, wie etwa auch Typhus und Influenza herrscht; aber das machte ihnen weiter keinen Eindruck; sie wollten nicht daran denken.

Aber gerade diese Nacht rief sich der Krieg ihnen selber ins Gedächtnis zurück. Sie waren beide schon zur Ruhe gegangen (die Tage vergingen ihnen in einer solchen Anspannung des Gefühls, daß sie abends todmüde waren).Jedes hörte in seinem Stadtviertel das Alarmsignal, beide wollten aber nicht aufstehen. Jedes vergrub den Kopf in die Polster, unter die Decke, wie Kinder während des Gewitters — aber gar nicht aus Furcht (sie waren überzeugt, es könne ihnen nichts zustoßen), — sondern um zu träumen. Lutz vernahm, wie es in der schwarzen Nachtluft dröhnte und dachte: „Wie wäre es gut, das Unwetter in seinen Armen vorüberbrausen zu hören!“

Peter hielt sich die Ohren zu. Nichts sollte ihn in seinen Gedanken stören! Hartnäckig versuchte er auf der Klaviatur der Erinnerung Ton für Ton das Lied dieses Tages zu wiederholen, die melodische Folge der einzelnen Stunden von der Minute an, da er Lutzens Haus betreten hatte, die feinsten Biegungen ihrer Stimme, jede kleine Bewegung, die ununterbrochene Reihevon Eindrücken, die sein hastiger Blick geschlürft hatte, — einen Wimperschatten auf der Wange oder deren Beben im Anhauch eines Gefühls, das dem Windgekräusel am Wasser glich, der Lichtstrahl eines Lächelns, der über ihre Lippen glitt, oder die weiche Nacktheit der zwei ausgestreckten Hände, zwischen denen sein Handballen gelegen hatte, — all diese köstlichen Splitter suchte er mit magischer Liebesglut zu einem Bilde zu verschmelzen. Er duldete nicht, daß äußerer Lärm in sein Heiligtum drang. Dies Draußen war wie ein lästiger Besucher . . . Krieg? Weiß schon, weiß schon. Der Krieg pocht an die Tür? Soll warten! . . . und der Krieg wartete wirklich geduldig vor der Schwelle. Er wußte, seine Stunde würde auch noch kommen. Das wußte Peter auch und darum schämte er sich seiner egoistischen Abkehr durchausnicht. Die Welle des Todes würde ihn schon auch ergreifen. Zu Vorschüssen war er nicht verpflichtet. Am Verfallstage mochte der Tod seine Rechnung präsentieren! Bis dahin aber sollte er ihn in Ruhe lassen, sich hübsch still verhalten! Ach, bis dahin wollte er wenigstens von dieser wundervollen Zeit nichts verlieren; jede Sekunde war ein Goldkorn und er glich dem Geizigen, der seine Schätze betastet und streichelt: Das ist mein, ist ganz mein eigen! Rührt nicht an meinen Frieden, an meine Liebe! Die sind mein bis zur Stunde, wo . . . Aber wann wird diese Stunde kommen? — Am Ende kommt sie nie! Ein Wunder? . . . Warum nicht? . . .

Inzwischen floß der Strom der Stunden und Tage weiter dahin. Bei jeder Biegung kam das Grollen der Katarakte näher. Peter und Lutz lagen im Kahnehingestreckt und hörten es wohl. Aber sie hatten keine Angst mehr. Selbst diese gewaltige Stimme wiegte sie wie begleitender Orgelton noch tiefer in ihren Liebestraum. Wenn man endlich beim Abgrund war, würde man nur die Augen schließen, sich fester aneinander drängen und alles würde mit einem Male zu Ende sein. Der Abgrund ersparte ihnen die Pein, an das spätere Leben zu denken, an das Leben, das sonst noch hätte kommen können, an die aussichtslose Zukunft. Lutz hatte ein Vorgefühl von den Widerständen, auf die Peter, wenn er sie heiraten wollte, hätte stoßen müssen; Peter selbst empfand dies minder klar (er war der Klarheit minder zugetan), bebte aber auch davor zurück. Was brauchte man jetzt so weit vorauszusehn? Das Leben hinter dem Abgrunde erschien wie das „Leben im Jenseits“, von dem die Kircheerzählt. Es heißt, daß man sich dort wiederfinden wird; aber ganz sicher weiß man es nicht. Sicher ist nur eines: die Gegenwart, unsere Gegenwart. Da hinein laßt uns, ohne ängstliches Zögern und Zählen, unser ganzes Teil Ewigkeit ergießen!

Lutz kümmerte sich um die Tagesereignisse noch weniger als Peter. Der Krieg interessierte sie gar nicht. Er kam einfach als eine Plage mehr zu den vielen anderen hinzu, aus denen nun einmal das äußere Leben gewoben war. Nur wer vor der nackten Wirklichkeit des Lebens geborgen ist, macht viel Aufhebens vom Kriege. Aber das kleine Mädchen mit ihrer frühreifen Lebenserfahrung — wie gut kannte sie den Kampf ums tägliche Brot — panem quotidianum . . . (Gott gab es nicht umsonst!) — zeigte ihrem Freunde, dem verwöhnten Bürgersöhnchen, wie derFriedenszustand für die Armen, besonders für deren Frauen, nur ein Trugbild ist, der gleißende Deckmantel für einen mörderischen, tückischen, unablässigen Krieg. Sie verschonte ihn mit Einzelheiten, um ihn nicht zu betrüben: sie fühlte sich ihm mütterlich überlegen, als sie sah, wie sehr ihn ihre Berichte erschütterten. Wie die meisten Frauen empfand sie gegenüber gewissen häßlichen Seiten des Lebens keineswegs den körperlichen und seelischen Abscheu, von dem sich da der junge Bursch gepackt fühlte. Gewaltsame Weltverbesserung lag ihr ganz fern. Wenn es ihr einmal noch schlechter gegangen wäre, wäre sie imstande gewesen, ohne Ekel ekelhafte Beschäftigung zu übernehmen und deren Spur so leicht und anmutig von sich abzutun, daß sie dann wieder blitzblank, in aller Seelenruhe, hätte ihrer Wege gehen können. Jetztfreilich vermochte sie es nicht mehr; seit sie Peter kannte, hatte ihre Liebe ihr alle Neigungen und Abneigungen ihres Freundes mitgeteilt; aber dergleichen kam nicht aus dem Grunde ihres Wesens. Sie gehörte einem ausgeglichenen, heiteren Menschenschlage an, dem aller Pessimismus fern lag. Melancholie und großartige Weltverneinung war nicht ihre Sache. Das Leben ist, wie es ist. Man nimmt es, wie es ist. Hätte schlimmer ausfallen können! Soweit Lutz nur zurückdenken konnte, war ihr äußeres Dasein immer recht schwierig gewesen; immer war man da auf der Suche nach rettenden Auswegen, besonders seitdem Krieg war; die Wechselfälle eines solchen Daseins hatten Lutz gelehrt, sich nicht um den nächsten Tag zu sorgen. Dazu kam noch, daß dieser innerlich freien kleinen Französin jeder Gedanke ans Jenseitsfremd war. Dieses Leben genügte ihr. Lutz fand es hübsch genug, aber es hängt doch nur an einem Härchen, es gehört so wenig dazu, damit dies Härchen reißt, daß es wirklich nicht lohnte, sich um Dinge zu quälen, die morgen geschehen könnten. Trinkt, ihr Augen, im Vorübereilen vom Licht, in dem ihr badet! Und was das Nachher anlangt, so laß dich, Herz, vertrauend in der Strömung treiben! . . . Und jetzt hat man sich gar noch so lieb — ist das nicht köstlich? Lutz wußte wohl, es würde nicht lange währen. Aber ihr Leben würde ja auch nicht lange währen . . .

Ihrem Wesen nach war sie ganz anders als der kleine Junge, der sie liebte und den sie liebte; der war gefühlvoll, leidenschaftlich, nervös, erregbar, glücklich und unglücklich zugleich, überschwänglich in Lust und Leid, gleichstürmisch in Hingabe oder Trotz; gerade wegen dieses Gegensatzes zu ihrer Art war er ihr so lieb. Aber ganz einig waren beide im unausgesprochenen Vorsatz, keinen Blick in die Zukunft zu werfen: sie war ein sorglos hinplätscherndes Bächlein, das in sein Los ergeben ist — er aber stürzte sich in überspannter Verneinung der Umwelt in den Abgrund der Gegenwart und nichts sollte ihn daraus vertreiben.

Der große Bruder war wieder daheim. Er hatte ein paar Tage Urlaub. Gleich am ersten Abend merkte er, daß sich die Atmosphäre des Vaterhauses irgendwie verändert hatte. Worin denn? Das wußte er selber nicht zu sagen: aber etwas ging ihm gegen den Strich. Die Seele hat Fühlfäden, die fernhin Dinge aufspüren, die das Bewußtsein noch gar nicht abgetastet hat. Die feinsten Fühlfäden aber streckt verletztes Selbstgefühl aus. Bei Philipp schwangen also diese Fäden aufgeregt hin und her, suchten verwundert ein Etwas, das ihnen fehlte . . . Dabei hatte er doch den Kreis seiner Lieben, der ihm den gewohnten Weihrauch zollte — das aufmerksame Publikum, dem er kärglich Frontschilderungen zuzumessen geruhte — die Eltern hingen in gewohnter Bewunderung an seinen Lippen, — der kleine Bruder. . . Oha! Halt! Ja, der,gerade der war nicht da, wenn man ihn brauchte! Anwesend war er wohl, aber er drängte sich gar nicht mehr an den großen Bruder heran, er bettelte nicht, wie sonst, um vertrauliche Eröffnungen, deren Verweigerung dem Großen so viel Spaß gemacht hatte. Zu welchen Armseligkeiten verleitet gekränkte Eitelkeit! Sonst setzte Philipp zu all den glühenden Zweifelfragen des jüngeren Bruders eine müde, spöttische Gönnermiene auf — jetzt fühlte er sich verletzt, weil Peter keine solchen Fragen mehr stellte. Und so suchte er selbst diese Dinge aufs Tapet zu bringen. Er wurde viel mitteilsamer und sah beim Sprechen immer Peter an, um ihn merken zu lassen, daß seine Reden ihm galten. Zu andern Zeiten wäre Peter außer sich gewesen vor Freude darüber und hätte sich nicht lange bitten lassen, auf die Absicht des Bruders einzugehen. Aber jetzt rührteer sich nicht und sah in aller Seelenruhe zu, wie Philipp die ausgestreckten Fühler wieder hübsch einziehen mußte. Der war jetzt beleidigt und machte ironische Bemerkungen. Peter aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen und antwortete schlagfertig in gleichem Tone. Philipp wollte nun eine gründliche Aussprache herbeiführen, hielt in übertriebener Lebhaftigkeit förmliche Reden — aber nach ein paar Minuten merkte er, daß er für sich allein redete. Peter sah ihm zu und schien zu denken:

„Nur zu, lieber Freund, wenn’s dir Spaß macht! Nur weiter, ich höre schon zu . . .“

Welch unverschämtes leichtes Lächeln! . . . Die Rollen waren vertauscht. Beschämt wurde Philipp still und beobachtete nun etwas aufmerksamer den jungen Bruder, der sich jetzt nicht weiter mit ihm abgab. Wie der sich veränderthatte! Die Eltern hatten nichts bemerkt, weil sie ihn jeden Tag sahen; aber der durchdringende und jetzt noch von Eifersucht geschärfte Blick Philipps fand nach einer Abwesenheit von ein paar Monaten Peters gewohnten Gesichtsausdruck nicht wieder. Peter schien in glückseliger Dumpfheit sorglos dahinzuleben; gleichgültig gegen die Menschen, ohne einen Blick für die Umwelt, webte und schwebte er offenbar wie ein junges Mädchen in weicher, warmer Traumluft. Philipp sah ein, daß er selbst dem Bruder gar nichts mehr bedeutete.

Da er nicht nur andere gut zu beobachten verstand, sondern auch das eigene Erleben immer tapfer unter die Lupe nahm, wurde ihm die Ursache seiner Verstimmung bald klar und heilsame Selbstverspottung befreite ihn davon. Wie nur erst einmal die dumme Empfindeleiabgetan war, beschäftigte er sich um der Sache selbst willen mit Peter und suchte den geheimen Grund seiner Verwandlung zu entdecken. Gerne hätte er ihn zu vertraulichen Eröffnungen gebracht. Aber darin fehlte es ihm an Übung und außerdem schien der kleine Bruder keinerlei Bedürfnis nach Herzensergießung zu verspüren; mit spöttisch lässigem Gleichmut betrachtete er sehr von oben herab Philipps linkische Bemühungen, eine Brücke zu ihm zu schlagen. Lächelnd, die Hände in den Taschen, pfiff er ein Liedchen vor sich hin und gab beiläufige Antworten, ohne recht auf die Fragen zu horchen — und auf einmal hatte er sich schon wieder in sein Märchenschloß zurückgezogen. Schön guten Abend! Weg war er. Nur sein Spiegelbild lag noch am fließenden Wasser und rann einem durch die Finger. — Wie ein verschmähterLiebhaber fühlte Philipp erst jetzt den ganzen Wert des Herzens, das er verloren hatte, und die eigentümliche Anziehungskraft, die von dem Geheimnis ausging, das sich darin barg. Der Zufall spielte ihm des Rätsels Lösung in die Hände. Als er eines Abends über den Boulevard Montparnaß heimging, begegnete er im Dämmerlicht Peter und Lutz. Er fürchtete, sie könnten ihn gesehn haben. Aber sie kümmerten sich gar nicht um die Außenwelt. Sie waren eng aneinandergeschmiegt; Peter stützte seinen Arm auf Lutzens Arm, hielt ihre Hand, und seine Finger schlangen sich zwischen ihre Finger; so gingen sie mit kurzen Schritten dahin, in heißer, unersättlicher Zärtlichkeit wie Eros und Psyche in der Farnesina. Ihre Blicke waren tief ineinander versenkt. Philipp lehnte sich an einen Baum und sah zu, wie sie vorübergingen,stehen blieben, weiter gingen und im Dunkel verschwanden. Philipps Herz war voll Mitleid mit den zwei Kindern; er dachte:

„Mein Leben ist hingeopfert. Meinetwegen! Aber daß die zwei auch daran glauben sollen, ist das ärgste Unrecht. Wenn ich wenigstens ihr Glück erkaufen könnte!“

Trotz seines höflich-zerstreuten Wesens merkte Peter doch am nächsten Tage, wie herzlich die Stimme des Bruders klang, wenn er mit ihm sprach; allerdings empfand er auch das nicht sofort, sondern es fiel ihm erst nachher auf, wenn er daran zurückdachte. Da erwachte er doch so halbwegs aus seinem Traumzustand und sah wieder einmal den guten Blick des Älteren, den er an ihm gar nicht mehr kannte. Philipp schaute ihn mit so klaren Augen an, daß Peter den Eindruck hatte, dieserBlick wolle in sein Geheimnis eindringen; hastig barg er es hinter herabgelassenen Vorhängen. Aber Philipp lächelte nur, stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und schlug einen Spaziergang vor. Peter ging darauf ein; er hatte ja wieder Vertrauen; sie gingen mitsammen in den nahen Luxemburgpark. Der große Bruder ließ seine Hand immer noch auf der Schulter des Jüngeren ruhn und der war stolz darauf, daß es wieder gut stand zwischen ihnen. Jetzt war ihm die Zunge gelöst. Sie sprachen lebhaft von geistigen Dingen, von Büchern und Beobachtungen an Menschen, von neuen Erfahrungen — nur gerade von der einen Sache nicht, an die sie beide immerfort denken mußten. Es tat ihnen wohl, so vertraulich miteinander zu reden, ohne doch an das Geheimnis zu rühren, das zwischen ihnen stand.

Mitten unter dem Plaudern fragte sich Peter:

„Weiß er’s? . . . Aber woher sollte er es denn erfahren haben? . . .“

Philipp beobachtete ihn lächelnd, wie er schwatzte. Peter hielt endlich mitten im Satze inne . . .

„Was hast du denn? . . .“

„Nichts. Ich schaue dich nur an. Ich bin so froh.“

Sie tauschten einen Händedruck. Auf dem Rückwege fragte Philipp:

„Du bist glücklich?“

Peter nickte wortlos.

„Da hast du recht, Kleiner, das Glück ist was Schönes. Nimm mein Teil mit dazu . . .“

Um Peter nicht zu betrüben, vermied es Philipp während dieses Aufenthaltes, über die nahe bevorstehende Einziehung von des Bruders Jahrgang zu sprechen. Aber am Tage seiner Abreisekonnte er doch die sorgenvolle Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Bruder nun so bald der Prüfung ausgesetzt sein würde, die er aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte. Aber kaum ein Schatten glitt über die Stirn des kleinen Verliebten. Er zog ein wenig die Brauen zusammen, blinzelte, wie wenn er ein unangenehmes Bild verscheuchen wollte, und sagte:

„Ach was! . . . noch Zeit! . . . Chi lo sa?“

„Man weiß es nur zu genau,“ sagte Philipp.

„So viel weiß ich sicher“, sagte Peter, den Philipps Hartnäckigkeit verdroß, „wenn ich mal dort drin stecke, — ich schieße auf niemand.“

Philipp widersprach nicht, aber lächelte wehmütig vor sich hin; wußte er doch so gut, wie die schwache Einzelseele und ihr Wollen hinschwanden vor der unerbittlichen Wucht der Herde.


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