The Project Gutenberg eBook ofPeter und LutzThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Peter und LutzAuthor: Romain RollandIllustrator: Frans MasereelTranslator: Paul AmannRelease date: December 20, 2014 [eBook #47713]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER UND LUTZ ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Peter und LutzAuthor: Romain RollandIllustrator: Frans MasereelTranslator: Paul AmannRelease date: December 20, 2014 [eBook #47713]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski
Title: Peter und Lutz
Author: Romain RollandIllustrator: Frans MasereelTranslator: Paul Amann
Author: Romain Rolland
Illustrator: Frans Masereel
Translator: Paul Amann
Release date: December 20, 2014 [eBook #47713]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER UND LUTZ ***
ROMAIN ROLLANDPETER UND LUTZEINE ERZÄHLUNGMIT SECHZEHN HOLZSCHNITTENVON FRANS MASEREELMÜNCHENKURT WOLFF VERLAG
ROMAIN ROLLAND
EINE ERZÄHLUNGMIT SECHZEHN HOLZSCHNITTENVON FRANS MASEREEL
MÜNCHENKURT WOLFF VERLAG
Einzig berechtigte Übertragung vonPaul AmannCopyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., MünchenPrinted in Germany
Einzig berechtigte Übertragung vonPaul Amann
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., MünchenPrinted in Germany
Thaliae Amicae
Thaliae Amicae
Die Erzählungumfaßt den Zeitraum vom 30. Januar 1918(Mittwochabend) bis zum Karfreitagdesselben Jahres (29. März)
Die Erzählungumfaßt den Zeitraum vom 30. Januar 1918(Mittwochabend) bis zum Karfreitagdesselben Jahres (29. März)
Peter versank in die Tiefe der Untergrundbahn. Rohe, fiebrig erregte Menge. In einen Block von Menschenleibern eingekeilt, atmete er die schwere Luft, die durch aller Lungen ging; er stand dicht bei der Waggontüre; blicklos waren seine Augen zur schwarzen, dröhnenden Tunnelwölbung gekehrt, unter der die grellblanken Pupillen des Zuges hinglitten. In Peters Innern prallte auch so eine harte, zuckende Helligkeit an schwere Finsternis. Er meinte unter seinem hochgeschlagenen Winterrockkragen zu ersticken; die Arme drückte er dicht an den Leib und hielt die Lippen krampfhaft geschlossen; seine schweißfeuchte Stirn trafen eisige Schauer, wenn bei aufgerissener Türe ein Hauch von draußen eindrang; in dieser Lage wollte er am liebsten nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr leben. Das Gemüt des Achtzehnjährigen— fast schien er noch ein Kind — war voll dumpfer Verzweiflung. Da oben über ihm, über dieser finsteren Wölbung, über diesem Rattengang, durch den das metallene Ungetüm voll gespenstigen Menschengekribbels dahinschoß — da oben war Paris, war der Schnee, die kalte Januarnacht, der Alpdruck des Lebens und des Sterbens — war der Krieg.
Der Krieg. Seit vier Jahren war er da, hatte sich ins Leben eingefressen. Mit seiner ganzen Schwere hatte er auf Peters Jugend gelastet. Er hatte den Jüngling gerade in der entscheidenden Epoche überfallen, da er durch die Unrast erwachender Sinne erschüttert, tierhafter, blinder, zermalmender Kräfte gewahr wird, der Kräfte des Lebens; des Lebens, das er doch gar nicht verlangt hat. Ist nun so ein Junge, wie es Peter war, von Haus aus zart, ist sein Gemütso weich und sein Leib so schmächtig, dann packt ihn — ohne daß er sich traut, es wem einzugestehen — ein Ekel, ein Grauen vor dem Schmutz, vor der Gemeinheit, vor dem Blödsinn dieser ewig zeugenden, ewig verschlingenden Natur — vor dieser werfenden Sau, die ihre Jungen frißt . . . In jedem jungen Menschen zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahre regt sich etwas von Hamlets Seele. Wie kann man von ihm Verständnis für den Krieg verlangen! (Eure Sache, Ihr gesetzten Männer!) Er hat schon daran gerade genug, das Leben zu verstehen — und ihm zu verzeihen. Gewöhnlich verkriecht er sich in ein Traumland und ins Reich der Kunst, bis er sich mit der Tatsache seiner Fleischwerdung abgefunden hat, der gefährliche Übergangszustand der Verpuppung glücklich überstanden ist und der Falter ausschlüpfenkann. In jenen wirren Vorfrühlingstagen des Lebens bedarf er so sehr des Friedens und der Sammlung! Aber gerade da holt man ihn aus seinem Schlupfwinkel, entreißt ihn mit roher Gewalt schützendem Dunkel, mit seiner noch so verletzlichen neuen Hülle stößt man ihn an die rauhe Luft, mitten ins harthäutige Menschengeschlecht; dessen Haß und Tollheit soll er sich sofort zu eigen machen, ohne sie zu begreifen; ohne sie zu begreifen, soll er dafür büßen.
Als Achtzehnjähriger war Peter schon assentiert. In einem halben Jahre wird das teure Vaterland sein junges Fleisch brauchen. Der Krieg lechzte darnach. Sechs Monate war noch Schonzeit. Sechs Monate! Wenn man wenigstens bis dahin nicht nachzudenken brauchte! In dieser Unterwelt bleiben! Den grellen Tag nicht mehr sehen müssen! . . .Mit dem hinfliegenden Zuge tauchte er ins Dunkel und schloß die Augen . . . Als er die Augen wieder auftat — stand ein paar Schritte weiter, durch die Körper von zwei fremden Menschen von ihm geschieden, ein junges Mädchen, das eben eingestiegen war. Zuerst erkannte er im Schlagschatten des Hutes nur ihr zartes Profil, dann das Blond einer Locke auf der schmalen Wange, ein Glanzlichtchen auf der lieblichen Biegung dieser Wange, die feine Linie der Nase und der geschürzten Oberlippe, die noch vom raschen Laufe zitterte. Durch die Pforte seiner Augen ging sie ein in sein Herz, trat hinein ganz und gar, und die Pforte schloß sich hinter ihr. Das Lärmen der Außenwelt schwieg. Stille. Friede. Sie war da.
Sie sah nicht nach ihm hin. Sie wußte noch gar nicht, daß er auf der Welt war. Und doch war sie in ihm. Er hielt ihrstummes Bild zärtlich in den Armen und wagte nicht zu atmen, damit sie nicht einmal sein Atem berühre . . .
Bei der nächsten Station kam wilde Bewegung ins Gedränge. Schreiende Leute stürzten in den schon überfüllten Wagen. Peter verspürte den Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. Über dem Tunnel, oben über der großen Stadt, ein dumpfes Krachen. Der Zug fuhr weiter. In diesem Augenblicke rannte in wahnsinniger Angst ein Mensch die Treppe hinunter, indem er die Hände vors Gesicht hielt und — jetzt kollerte er ganz hinunter. Man sah gerade noch, wie ihm Blut zwischen den Fingern floß . . . Dann kam wieder der finstre Tunnel. Im Waggon Schreckensrufe: die Flieger sind da! . . . In der gemeinsamen Gefahr, darin diese gepferchten Leiber zu einem Körper verschmolzen, hatte Peters Hand die Handergriffen, die er dicht neben der seinen fühlte. Und wie er die Augen hob, da war es Sie.
Sie machte sich nicht los. Dem Drucke seiner Finger antworteten ihre Finger, erst etwas krampfig und aufgeregt, dann sanft hingegeben, brennend heiß und regungslos. So verharrten ihre Hände im schützenden Dunkel wie zwei Vögelchen, die im selben Neste kauern; und ihr warmes Herzblut floß in einem Strome durch ihre verknüpften Hände. Sie sprachen kein Wort und regten sich nicht. Die Lippen des Burschen streiften beinahe die Locke auf ihrer Wange und ihr Ohrläppchen. Sie blickte ihn nicht an. Zwei Stationen weiter löste sie ihre Hand aus der seinen, die ihr gleich nachgab, schlüpfte leicht durchs Gedränge und war weg, ohne ihn überhaupt angesehn zu haben. Erst als sie verschwunden war, fiel’s ihm ein, ihr zu folgen . . .Zu spät. Der Zug war im Fahren. Bei der nächsten Haltestelle stieg Peter an die Oberwelt. Da war wieder Nachtluft, ein Kitzeln unsichtbaren Schneeflaums und die geängstigte Riesenstadt, die ihre Furcht schon wieder als Abenteuer genoß, während hoch über ihr noch Kriegsvögel schwirrten. Peter aber sah nichts als jene, die in ihm war; er ging heim, Hand in Hand mit der Unbekannten.
Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nächst dem Cluny Platz. Sein Vater war ein höherer Gerichtsbeamter, der sechs Jahre ältere Bruder war bei Kriegsausbruch als Freiwilliger hinausgezogen. Es war eine gute, echt französische Bürgerfamilie, warm fühlende, brave Leute von menschenfreundlichster Gesinnung, die aber nie gewagt hatten, einen selbständigen Gedanken zu fassen. Der Gerichtspräsident Aubier war durch und durch Ehrenmann und hegte eine hohe Auffassung von seinen Standespflichten. Als ärgsten Schimpf hätte er die leiseste Andeutung zurückgewiesen, seine richterlichen Entscheidungen könnten jemals nicht bloß von Recht und Gewissen eingegeben sein. Aber dieses Gewissen hatte noch nie ein Wort gegen die Regierung gesprochen (besser gesagt: geflüstert). Es war von Geburt an amtlich-korrekt. Sein Denkenwar eine Funktion des Staates, veränderlich, aber immer unanfechtbar. Die bestehenden Gewalten erschienen ihm in gottgewollter Unfehlbarkeit. Dabei bewunderte er aufrichtig die ehernen Charaktere der hohen Richtergestalten vergangener Tage, die so frei und unbeugsam ihre Bahn geschritten waren; vielleicht hielt er sich sogar insgeheim gewissermaßen für deren Geistesverwandten. So war er etwa eine Miniaturausgabe des Michel de l’Hospital, nur daß eben ein Jahrhundert republikanischer Knechtung über ihn weggegangen war. — Frau Aubier war eine musterhafte Christin, wie ihr Gemahl ein musterhafter Republikaner. So wie der sich im besten Glauben, mit dem ehrlichsten Gefühl erfüllter Pflicht, zum Werkzeug gegen jede staatlich nicht patentierte Freiheitsregung gebrauchen ließ, so erhob sie in aller Reinheit ihresHerzens ihre Stimme fromm im Chor der menschenschlächterischen Kriegsgebete, wie sie damals in jedem Lande Europas katholische Priester, protestantische Pastoren, Rabbiner und Popen gen Himmel schickten, in schönem Einklange mit den gutgesinnten Zeitungen und Leuten dieser Epoche. Beide, Vater und Mutter, liebten ihre Kinder abgöttisch, hatten als echte Franzosen eigentlich nur für sie ein ganz tiefes, inniges Gefühl und würden ihnen jedes Opfer gebracht haben, brachten jetzt aber ohne Bedenken eben diese Kinder zum Opfer dar, weil die andern Leute auch so taten. Wem galt dies Opfer? Dem unbekannten Gott. Immer wieder hat Abraham seinen Isaak zum Brandaltar geführt. Und seine berühmt gewordene Narretei gilt der bedauernswerten Menschheit immer noch als Vorbild.
Wie das so oft vorkommt, war in diesemFamilienleben zwar die Liebe groß, aber es gab gar keinen vertraulichen Verkehr zwischen Eltern und Kindern. Wie sollte man sich einem andern ganz eröffnen, wenn eine gewisse Scheu einen abhält, sich selber ganz klare Rechenschaft zu geben von dem, was man empfindet? Was immer in einem vorgehen mochte, man wurde das Gefühl nicht los, gewisse Dogmen müßten unangetastet bleiben: war das schon reichlich unbequem, wo die Dogmen brav in säuberlich begrenztem Gebiete verblieben (so stand es im ganzen mit allem, was das Jenseits betraf), was sollte man erst anfangen, wenn dergleichen gar ins Leben eingreifen, es in jeder Hinsicht bestimmen wollte, wie der neumodisch-unkirchliche Dogmenzwang tut? Wie dem Dogma Vaterland entrinnen? Die neue Religion brachte alttestamentarische Zustände wieder. Sie begnügte sich nicht mit bloßemLippendienst und harmlosen, der Gesundheit zuträglichen oder komischen Übungen, wie Beichte, Fasten am Freitag oder Sonntagsruhe, an denen sich der Witz der „Philosophen“ hatte üben dürfen, nämlich in der guten alten Zeit, da das Volk noch frei war — unter den Königen. Die neue Religion wollte einfach alles für sich, mit weniger gab sie sich nicht zufrieden: den ganzen Menschen, seinen Leib, sein Blut, sein Leben und sein Denken. Vor allem aber sein Blut. Seit den Tagen der mexikanischen Azteken hatte sich keine Gottheit so sattgetrunken an Blut. Dabei täte man diesen Gläubigen bitter Unrecht mit der Annahme, sie litten nicht unter ihren Opfern. Sie litten und glaubten. Ihr meine armen Menschenbrüder, denen Leid ein Beweis göttlicher Nähe ist! . . . Das Ehepaar Aubier litt wie die andern und warf sich in den Staub wiedie andern. Aber von einem Halbwüchsigen konnte man wirklich nicht verlangen, daß er den Schrei seines Menschenherzens übertäube, die Stimme seiner Menschensinne und seiner Menschenvernunft. Peter hätte so gern wenigstens genau begriffen, was da so bedrückend auf ihm lag. Wie viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, ohne daß er sie aussprechen durfte! Denn als Erstes drängte sich ja der Herzensschrei hervor: „Aber ich glaube ja gar nicht daran!“ Schon das wäre Gotteslästerung gewesen. — Nein, er konnte nicht reden. Wie sie ihn ansehen würden! In starrem Entsetzen, entrüstet, mit Kummer und Scham! Und da er im Alter stand, wo die Seele noch bildsam ist, wo ihre überzarte Membran sich vor jedem Windhauch kräuselt und in Falten legt und, unter so flüchtigen Fingern erschauernd, festere Gestalt annimmt,so war er, ohne gestanden zu haben, doch schon voll Trauer und Scham. Ach, wie felsenfest sie alle daran glaubten! (Aber ob nur alle wirklich daran glaubten?) Wie machte man das? — Er traute sich nicht zu fragen. Als einzig Ungläubiger inmitten einer gläubigen Menge ist man wie einer, dem ein Organ fehlt — ein vielleicht überflüssiges Organ — aber eins, das alle übrigen besitzen; so birgt man denn errötend seine Blöße vor ihren Blicken.
Der einzige, der in diesen Seelennöten der Vertraute des Jungen hätte sein können, war der ältere Bruder. Philipp war für Peter ein Gegenstand jener schwärmerischen Verehrung, mit der Halbwüchsige (ohne sich’s irgend merken zu lassen) zu älteren Brüdern, Schwestern oder fremden Weggenossen aufsehen, ja auch zu Menschen, die ganz flüchtig aufgetaucht und wieder verschwunden sind— weil sie ihnen als reine Verkörperung des Ideals erscheinen, dem sie in Lebens- und Liebesahnung zustreben: in diesem bewundernden Aufblick liegt keusche Glut und dumpferer Drang, der Zukunft will. Der große Bruder hatte diese kindliche Huldigung wohl gemerkt und fühlte sich geschmeichelt. Bis in die letzte Zeit war er stets bemüht gewesen, im Herzen des Jungen zu lesen und das Gelesene schonungsvoll zu deuten: denn trotz seiner kräftigeren Natur war er, wie der Jüngere, aus jenem feinen Stoffe geformt, der die besten Männer noch etwas frauenhaft erscheinen läßt, ohne daß sie sich dessen schämen. Aber da kam der Krieg und riß ihn aus Leben und Arbeit, aus seinen naturwissenschaftlichen Studien, aus seinen Jünglingsträumen und dem innigen Verkehr mit dem jüngeren Bruder. Im hochgespannten Rausch der ersten Kriegstagehatte er alles stehen und liegen lassen und war hinausgestürmt; wie sich ein großer Vogel toll in den Raum wirft, so wollte der reine, heldische Tor mit Schnabel und Fängen der Ära der Kriege ein Ende machen, das Reich des ewigen Friedens aufrichten auf Erden. Seitdem war der große Vogel zwei, drei Mal ins Nest zurückgekehrt; doch waren ihm leider jedesmal wieder ein paar Schwungfedern ausgerupft. So mancher holde Wahn war dahin, aber er konnte sich nicht überwinden, es einzugestehen. Daß er daran geglaubt hatte, war ihm jetzt Scham und Demütigung. Er war dumm genug gewesen, das Leben nicht so zu sehen, wie es ist. Jetzt war er unerbittlich im Bestreben, es allen falschen Zaubers zu entkleiden und doch mit stoischer Kraft zu bejahen, wie immer es sein mochte. Aber er kehrte seine Stacheln nicht nurgegen sich selbst; in seiner Verbitterung verfolgte er seine Illusionen bis ins Herz des Bruders, wo er sie wie alte Bekannte wiederfand. Als er zum ersten Male nach Hause kam, flog ihm Peter mit der ganzen Glut seiner eingemauerten Seele zu, fühlte sich aber sogleich durch die Art und Weise des Heimkehrers schmerzlich abgekühlt; das Wiedersehen war ja gewiß noch sehr herzlich, aber in der Stimme des Bruders lag ein so scharf ironischer Klang! Die Fragen, die sich auf seine Lippen drängten, wurden jäh zurückgescheucht. Philipp sah diese Fragen auftauchen, aber mit einem Blick fegte er sie weg. Nach zwei, drei fruchtlosen Annäherungsversuchen zog Peter die Fühler seines Herzens ein und verkroch sich in sich selbst. Er kannte den Bruder gar nicht wieder. Der andere erkannte den Zustand des Jüngeren nur zu gut. Sah er doch in ihmwieder, was er noch unlängst selber gewesen war und nun nicht mehr zu sein vermochte. Das ließ er ihn büßen. Nachher tat es ihm leid, aber das ließ er sich nicht merken und fing immer wieder an. Beide litten darunter; und da begann das allzu häufige Mißverstehen zu wirken, daß ihr gemeinsames Leid, statt sie einander nahezubringen, sie sich noch ganz entfremdete. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Ältere wußte, wie nah verwandt ihre Qualen waren, während Peter damit ganz allein zu stehen meinte, ohne eine Seele, der er sein Herz erschließen durfte.
Warum wandte er sich denn nicht an seine Altersgenossen, an die Schulkameraden? Hätten denn nicht vor allem diese jungen Leute sich enger zusammenschließen und aneinander eine Stütze finden sollen? Aber das tratdurchaus nicht ein. Ein trauriges Verhängnis hielt sie vielmehr völlig zersplittert, in kleine Gruppen verzettelt, und noch innerhalb der letzten Grüppchen verhielt man sich kühl und mißtrauisch. Die gewöhnlichsten Naturen hatten sich mit geschlossenen Augen kopfüber in den Strom der Kriegsbegeisterung gestürzt. Die meisten hielten sich fern davon, fühlten sich mit den vorangegangenen Generationen keineswegs verknüpft, teilten durchaus nicht deren Leidenschaften, weder in Hoffnung noch Haß; sie sahen dem rasenden Geschehen zu, wie Nüchterne dem Treiben Betrunkener. Aber wie sich dagegen wehren? Viele gründeten Zeitschriftchen, deren schwaches Leben nach den ersten Nummern aus Luftmangel erlosch; die Zensur machte nicht viel Federlesens. Frankreichs Geistesleben wurde wie unter derGlocke einer Luftpumpe erstickt. Die Hochstehenden unter diesen Jünglingen fühlten sich zu schwach zur Auflehnung, zu stolz zur Klage und lebten einfach im Gefühle dahin, dem Kriege ans Messer geliefert zu sein. Wie in einem Schlachthause warteten sie, bis sie an der Reihe waren: bis dahin machten sie in all er Stille ihre Beobachtungen und bildeten sich ein Urteil; in ihrem Blick lag etwas Verachtung und viel Ironie. Sie sahen auf die umnachtete Herde herab und stürzten sich, des Widerspruches wegen, in eine übertriebene geistige und künstlerische Verfeinerung ihres Ich, in einen ideal gefärbten Sinnenkult, mit dem die gefährdete Individualität ihr Recht gegen die Übergriffe der menschlichen Gemeinschaft behaupten wollte. Welch Spottgebild einer Gemeinschaft, die sich diesen Jünglingen nur als gemeinschaftlichverübtes oder erduldetes Morden darstellte! Frühreife Erfahrung hatte ihre schönen Träume welk gemacht: sie hatten gesehn, wie solche Träume bei ihren älteren Brüdern greifbare Gestalt annahmen, und sie, die doch nicht daran glaubten, sollten mit ihrem Leben dafür bezahlen! Sie hatten auch zu den Menschen ihres Alters kein rechtes Vertrauen mehr; auch ihr Glaube an die Menschheit im allgemeinen war erschüttert. Zudem konnte einem um diese Zeit Vertrauensseligkeit teuer zu stehen kommen! Jeden Tag hörte man, daß irgend jemandes Gedanken und Privatgespräche von patriotischen Spitzeln verraten wurden, deren Eifer die Regierung ehrte und anfeuerte. Entmutigung, Menschenverachtung, Klugheit und stoisches Gefühl seelischer Einsamkeit bewirkten, daß die jungen Leute sich kaum je aussprachen.
Peter konnte in diesem Kreise nicht den Horatio finden, den solche achtzehnjährige Hamlets immer suchen. Es graute ihm davor, sein Denken der öffentlichen Meinung hinzugeben (diesem öffentlichen Weibe), aber es war ihm umso tieferes Bedürfnis, innige Vereinigung mit frei gewählten Seelen zu suchen. Er war zu warm und weich, um ganz für sich bleiben zu können. Er litt am Leiden der Gesamtheit. Dieser Berg von Qual erdrückte ihn, zumal er seine Masse überschätzte: denn die Menschheit erträgt eben all dies, weil ihr Fell etwas härter gegerbt ist als die neue Haut eines zarten Jünglings. — Aber eines übertrieb und überschätzte er sicher nicht und es drückte ihn schwerer als die Qual der Welt: dies war ihr idiotischer Stumpfsinn.
Leiden und selbst der Tod sind nichts, wenn man weiß wofür. Jedes Opfer istgut, dessen Warum man begreift. Aber was ist dies Warum? Was ist in Jünglingsaugen der Sinn der Welt und ihrer zerstörenden Umwälzungen? Kann ein gegen sich selber ehrlicher, gesunder Bursche wirklichen Anteil nehmen an der rohen Balgerei der Nationen, die wie blödsinnige Widder mit den Hörnern gegeneinander rennen, hart am Rande des Abgrunds, in den sie alle stürzen werden? Und doch wäre die Straße breit genug für alle. Warum also solch rasende Selbstvernichtung? Warum diese hochmütigen Vaterländer, die Raubstaaten und die Völker, die man morden lehrt wie eine heilige Pflicht? Warum dies allgemeine Gemetzel unter allen Wesen? Diese Welt, die sich selber auffrißt? Warum dies unheimliche Schreckbild einer endlosen Kette des Lebendigen, darin jeder Ring die Zähne in den Nacken des nächsten Ringes einhaut,sich von seinem Fleische nährt, von seinem Tode lebt? Warum der Kampf und warum der Schmerz? Warum der Tod? Warum das Leben? Warum? Warum? . . .
Dies Warum schwieg, als der Junge an jenem Abende heimkam.
Und es war doch nichts anders geworden. Er stand wieder in seinem Zimmer in einem Wirrwarr von Büchern und Papieren. Rings die altbekannten Geräusche. Auf der Straße unten verkündigten Hornsignale das Ende des Fliegeralarms. Von der Treppe her vernahm man das befriedigte Schwatzen der Hausparteien, die aus dem Keller heraufstiegen. Aus dem oberen Stockwerke hörte man das endlose Auf- und Abrennen des rappligen Nachbars, der seit Monaten auf die Rückkehr seines verschollenen Sohnes wartete. — Doch seine gewohnten Sorgen und Ängste — die lauerten nicht mehr im Zimmer. Wird einmal ein unvollkommener Akkord angeschlagen, so klingt er rauh und wirft Unruhe in unsere Seele, bis der eine Ton hinzukommt, der die feindseligen oder kühl fremden Einheiten erst zu einem Ganzenverschmilzt wie gegenseitig unbekannte Gäste, die gewartet haben, bis man sie einander vorstellt. Sofort ist dann das Eis gebrochen, und schöner Einklang strömt von Mensch zu Mensch. Bei Peter hatte die heimliche Berührung einer warmen Hand diese wunderbare Verwandlung bewirkt. Er wußte nicht, woher der neue Zustand kam; jedes Zergliedern lag ihm jetzt ganz fern. Er spürte nur, wie die gewohnte Tücke der Dinge plötzlich besänftigt war. So haben sich etwa stechende Schmerzen in unserem Kopfe auf Stunden häuslich eingerichtet: auf einmal merkt man, der Schmerz ist weg; wo ist er nur hingekommen? Ein Summen in der Schläfe als Nachklang . . . das ist alles. — Auch Peter traute dem ungewohnten Frieden nicht recht. Er wurde den Argwohn nicht los, seine Qual sammle in solcher Atempause nur frische Kräfte, um ihndann mit verdoppelter Wut anzufallen. So kannte er schon die Ruhepunkte, wie sie die Kunst gewährt. Wenn in unsere Augen göttliches Ebenmaß an Linien und Formen dringt oder im Ohre, in der wollüstigen Tiefe seiner Muschel, mit spielend vielgestaltiger Schönheit die Akkorde gleich Perlenschnüren rollen und sich im Gesetz magischer Zahlen edel verknüpfen, dann kehrt der Friede in uns ein, und wir tauchen tief in die Flut der Freude. Aber dies Strahlende kommt von außen, wie von ferner Sonne, deren Glühen über unendlichen Raum hinweg uns mit Zauberkraft dem Leben hoch entrückt hält. Doch das währt nur eine Weile, und dann sinkt man wieder zurück. In der Kunst kann man die Wirklichkeit nur vorübergehend vergessen. Der verschüchterte Peter war auf eine ähnliche Ernüchterung gefaßt. — Diesmaljedoch kam die Ausstrahlung von innen her. Das Leben blieb ihm dabei völlig gegenwärtig. Aber alles stand in schönem Einklang. Erinnerungen und neue Eindrücke. Sogar tote Dinge, die Papiere und Bücher, die im Zimmer verstreut lagen, bekamen Leben, bekamen eine Wichtigkeit, die sie ganz verloren hatten.
Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein Bäumchen, das in voller Blütenpracht vom Hauche der „drei Eismänner“ welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen Prüfungserleichterungen zugunsten der jüngsten wehrpflichtigen Jahrgänge so tüchtig ausnützten, daß sie, solange die Prüfer mehr als ein Auge zudrücken mußten, Zeugnis über Zeugnis unter Dach brachten. Das war Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auchnicht den verzweifelten Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprüfung ihr Leben zu kurz sein wird. Das ständige Gefühl eines grausen Weges ins Leere, ins Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt verborgen war — das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er stürzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken — dann hielt er mutlos inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum häufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem nichts zu eigen gehört? Tätigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn, wenn das Leben einen Sinn besaß. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit höchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst gerungen. —Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war das nur? — Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen heiß begehrten.
In normalen Zeiten wäre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur überhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.
Die Hast dieses Jungenherzens war umso größer, je mehr es im Rückstande war. Die Großstadt erscheint freilich von weitem als dampfender Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberührte Seelen und kindlich reine Körper. Wieviel Jünglinge und Mädchen wollen die Liebe nicht entwürdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitiggereizt wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflächliches Wissen um erotische Dinge. Sie haben von allem etwas läuten gehört und gar nichts selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergärtchen, quellenhafte Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortführer der Stadt. Und dabei weiß ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten hindert, ihre Reinheit zu bekennen. — Peter kannte die Liebe noch nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer Rausch wurde dadurch aufs höchste gesteigert, daß seine Liebe unter den Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute,als sie die Drohung der Bomben über den Köpfen spürten und ihr Herz sich im Anblick des Verstümmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger zueinander gezogen, und mitten im Schauer körperlich empfundener Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flüchtigen Händedruck! Die Männerhand sagte: lehne dich an mich! — Die andere aber überwand mütterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich weder ausgesprochen noch gehört. Aber solch innerliches Flüstern füllt die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre Denken unserm Blick entziehen. Peter ließ sich einwiegen von diesen murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im Halbschatten der Seele. Jetztflossen ihm die Tage wieder traumschwer dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwärme.
In diesen ersten Februartagen überblickte Paris erst die Verwüstungen des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im Hundehaus an der Kette und kläffte Rache und Vergeltung. Nach dem Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange den „Mann in Ketten“ gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten schlagen konnte) führte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es begann die Blütezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick eines Elenden, der mit einem blutdürstigen Staatsanwalt um sein armes Leben rang, war ein Hochgenuß für die Pariser Gesellschaft; ihre Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjährigen Krieg und das Schauspielder zehn Millionen Toten übersättigt zu sein, die in den Kulissen der Weltbühne zusammengebrochen waren.
Aber der Jüngling wußte nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrücke, die Liebe werden! In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprägt und doch ohne festen Umriß. Peter hätte weder die Form ihrer Züge, noch die Farbe ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben können. Nur das Gefühl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang ihm auch nicht, sie in den Straßen von Paris wiederzutreffen. Jeden Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lächeln, dort das Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm das Herz.Aber es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen diesen vorüberhuschenden Eindrücken und dem wahren Bilde, das er suchte und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben — das war Sie! Ein genauer Umriß hätte als Schranke gewirkt. — Und doch will man Umriß und Schranke, um Liebe fassen und halten zu können. Sollte er sie auch nie mehr wiedersehen — er wußte, sie war auf der Welt, war ein Nest für seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht, stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache über uns in der Stunde unseres Todes! . . .
Er ging längs der Seine an der Akademie vorüber und warf einen zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Händler mit Schmökern und Raritäten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war. Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er ihr entgegen, und während er empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und wurde rot. Überrascht sah sie sein Erröten und errötete auch. Bevor er auch nur Atem geschöpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorüber. Als er seiner wieder mächtig wurde und sich umdrehnkonnte, verschwand ihr Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestraße. Er machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er stützte sich auf das Geländer der Brückenstiege und fand ihren Blick im fließenden Strome wieder. Da hatte nun sein Herz für lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!) . . .
Eine Woche später schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne mit sanftem Gold füllte. Welch strahlend schöner Februar in diesem todestraurigen Jahre! Offenen Auges träumte er vor sich hin und wußte nicht recht, ob er davon träume, was er wirklich um sich sah, oder ob dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnsüchtigem Drange, in dumpfem Liebesglück und -leid, schritt er verloren lächelnd dahin und regte unbewußt die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied.Er sah zu Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer vorüberfliegenden Taube streift: er mußte einem Lächeln begegnet sein. Er drehte sich um und sah, daß sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich lächelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er kam auf sie zu und hätte ihr bald beide Hände entgegengestreckt; in seiner Bewegung lag so viel stürmische Jugend und Unschuld, daß auch sie in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung für die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fühlten keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes Gespräch fortsetzen sollten.
„Sie lachen mich aus,“ sagte er; „da haben Sie recht!“
„Ich lache Sie nicht aus.“ (So schnell und biegsam wie ihr Gang war auch ihr Sprechen.) „Sie haben ja selbst vor sich hingelacht, und darüber mußte ich lachen.“
„Habe ich wirklich gelacht?“
„Sie lachen ja noch immer.“
„Jetzt weiß ich warum.“
Sie fragte nicht nach diesem Warum. Sie gingen nebeneinander her und waren glücklich.
„Das schöne bißchen Sonne,“ sagte sie.
„Das Frühlingskind, das Neugeborene!“
„Dem haben Sie wohl zugelacht, vorhin?“
„Nicht dem allein. Vielleicht Ihnen auch.“
„So ein kleiner Lügenbeutel! Warten Sie nur! Sie kennen mich ja gar nicht.“
„Doch! Und ob! Wir haben uns ja, ich weiß nicht wie oft, gesehen.“
„Drei Mal, heute mitgerechnet.“
„Sehen Sie! Sie erinnern sich daran!Sie geben also zu, daß wir alte Bekannte sind!“
„Was Sie nicht sagen!“
„Ja, was wär’ da noch alles zu sagen, das meine ich auch . . . Kommen Sie, setzen wir uns hier nieder . . . nur einen Augenblick, bitte, bitte! Man sitzt so schön, am Wasser!“
(Sie waren beim Galatheen-Brunnen, den Arbeiter gerade mit einer Verschalung zum Schutze gegen Bombensplitter versahen.)
„Ich kann nicht, ich versäume meine Tramway.“
Sie nannte die Abfahrtszeit. Er bewies ihr, daß sie noch mehr als fünfundzwanzig Minuten Zeit hätte.
Das wohl, aber sie wollte erst da drüben, an der Ecke der Racinestraße, ihr Vesperbrot kaufen; dort gab es so gute Semmeln. Da zog er ein Brötchen aus der Tasche.
„Besser als das da sind die Semmeln gewiß nicht! . . . Bitte, nehmen Sie doch! . . .“
Sie lachte und wollte nicht recht. Da steckte er ihr das Brötchen in die Hand; die Hand behielt er in der seinen.
„Sie machen mir eine solche Freude damit . . . Kommen Sie doch, setzen wir uns! . . .“
Er führte sie zu einer Bank in der Mitte der Allee, die das Bassin umsäumt.
„Ich habe noch etwas . . .“
Er zog ein Täfelchen Schokolade aus der Tasche.
„So eine Naschkatze . . . Aber was wollen Sie noch sagen?“
„Hm . . . ich schäme mich, das Papier ist schon weg von der Schokolade . . .“
„Ach geben Sie nur her, es ist ja Krieg.“ Er sah zu, wie sie knabberte.
„Zum ersten Male merke ich, daß der Krieg auch sein Gutes hat.“
„Nur nicht vom Kriege sprechen, das ist so langweilig.“
„Ja,“ sagte er begeistert, „nie werden wir vom Kriege reden.“
(Da ward ihnen plötzlich ganz leicht zumute.)
„Schaun Sie, wie diese komischen Kerlchen ihr Duschbad nehmen.“
(Sie zeigte auf die Spatzen, die am Brunnenrande große Wäsche hielten.) „Aber dann haben Sie mich neulich am Abend“ (das mußte er wissen) „doch gesehn?“
„Freilich.“
„Aber Sie haben ja nie zu mir hingeschaut. Die ganze Zeit waren Sie nach der andern Seite gewendet . . . Sehen Sie, gerade so wie jetzt . . .“
(Er sah sie im Profil; zierlich aß sie ihre Semmel und blickte schelmisch vor sich hin.)
„Sehn Sie doch ein bißchen her! . . .Was gibt’s denn da drüben zu sehen?“ Aber sie wendete ihm das Gesicht nicht zu. Er faßte ihre rechte Hand, deren Handschuh am Zeigefinger zerrissen war und das Spitzchen bloß ließ.
„Worauf sehen Sie denn?“
„Sie sehe ich an, wie Sie meinen Handschuh begutachten . . . aber Sie zerreißen ihn ja noch mehr!“
(In Gedanken hatte er wirklich versucht, die offene Stelle zu erweitern.)
„Ach verzeihen Sie! . . . aber wieso können Sie mich sehn?“
Sie antwortete nicht; aber im schalkhaften Profil flitzte die lachende Pupille in den Augenwinkel.
„O wie durchtrieben!“
„Machen Sie’s nach! . . . Aber Sie schielen ja dabei!“
„Das bring’ ich nie fertig. Ich muß immer ganz grad und dumm vor mich hinschaun, sonst seh’ ich nichts.“
„Aber nein, nicht gar so arg dumm.“
„Endlich! Ich sehe Ihre Augen!“
Sie sahen einander an und lachten leise.
„Wie ist Ihr Name?“
„Lucia.“
„Wie hübsch! wie dieser Tag!“
„Wie heißen Sie?“
„Peter — recht abgenützter Name.“
„Ein wackerer Name, mit ehrlichen, klaren Augen.“
„Wie die meinen.“
„Ja, klar sind sie wirklich.“
„Sie sehen doch Lucia an.“
„Lucia! . . . man sagt ‚Fräulein‘.“
„Nein.“
„Nicht?“
(Er schüttelte den Kopf.)
„Für mich sind Sie kein ‚Fräulein‘. Sie sind Lutz und ich bin Peter.“
Sie hielten sich bei den Händen gefaßt, ohne sich anzusehen. Wortlos sahen sie in das zarte Himmelsblau zwischenden entblätterten Zweigen; durch ihre Hände strömte ihr Denken und Fühlen ineinander über. Sie sagte:
„Da neulich am Abend haben wir zwei eine gehörige Angst gehabt.“
„Ja,“ sagte er, „das war schön.“
(Erst nachher mußten sie darüber lächeln, daß jeder nur ausgesprochen hatte, was der andere dachte.)
Sie entzog ihm ihre Hand und stand rasch auf, weil sie die Uhr schlagen hörte. „Es ist höchste Zeit . . .“
Er begleitete sie, die in jenen anmutigen Laufschritt der Pariserinnen verfiel, dessen Geschwindigkeit man gar nicht merkt, so leicht scheinen sie dahinzugleiten.
„Kommen Sie hier oft vorbei?“
„Jeden Tag. Aber meistens auf der anderen Terrassenseite.“ (Sie zeigte in die Tiefe des Gartens, auf die schon von Watteau gemalten Baumgruppen.)„Auf dem Rückweg vom Museum.“
Er warf einen Blick auf die Mappe, die sie trug.
„Malerin?“ fragte er.
„Nein,“ sagte sie, „das wäre zuviel Ehre. Ich schmiere ein bißchen.“
„Warum? Zum Vergnügen?“
„Aber nein, für Geld.“
„Für Geld?“
„Abscheulich, nicht? Kunst nur als Gelderwerb!“
„Ich wundere mich nur, daß Sie damit Geld verdienen, wenn Sie also nicht malen können!“
„Gerade darum. Ich werde es Ihnen schon noch erklären, das nächste Mal . . .“
„Das nächste Mal beim Brunnen . . . Wir werden da wieder vespern, nicht wahr?“
„Ich werde schaun. Wenn’s schön ist.“
„Aber Sie kommen früher, nicht wahr? . . . Sagen Sie, Lutz . . .“
(Sie waren bei der Haltestelle angelangt.Sie sprang auf das Trittbrett der Straßenbahn.)
„Antworten Sie mir, sagen Sie doch . . . Lucia . . . Luxchen . . . kleines Lichtlein . . .“
Sie antwortete nicht; aber als die Bahn schon fuhr, zwinkten ihre Wimpern „Ja“, und eine lautlose Bewegung ihrer Lippen sagte:
„Ja, Peter.“
Auf dem Heimwege dachten beide: Merkwürdig froh sehen heute abend die Leute aus!
Sie lächelten, ohne sich einzugestehen, was geschehen war. Sie wußten nur soviel, daß sie Es nun besaßen, in Händen hielten als ihr Eigen . . . was denn? Ein Nichts. So reich waren sie an jenem Abende! . . . Daheim besahen sich beide im Spiegel, mit herzlichen Blicken, wie man einen Freund betrachtet. Sie sagten sich: „Jenes liebe Auge hatauf dir geruht.“ Beide gingen bald zu Bette, sie waren ganz erschöpft . . . Wovon nur? Durch wunderbare Mühsal. Beim Auskleiden dachten sie:
„Das Schönste ist jetzt, daß es ein Morgen gibt.“
Morgen . . . spätere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen können, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch abgründiger Überdruß, als der Krieg sich zum vierten Male jährte . . . So müde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getäuscht worden! Hunderte von „Morgen“ waren einander gefolgt und wurden ein immer gleiches „Heute“ und „Gestern“, alle dem Nichts und dem Warten verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das lange Jahr war wie ein stygisches Gewässer, das schwarz und fettig das Leben einschnürte, indem es mit düstern Schillerflecken nicht mehr zu fließen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei Kinder war das Morgen auferstanden.
Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen folgteauf Morgen. Das schöne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel Umstände vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berühmten Gemälden oder nach Teilen solcher Gemälde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf den ersten Blick gar nicht so übel, aber unglaublich schlampig in der Ausführung. Hie und da ein paar recht gelungene, hübsche Ansätze; aber dicht daneben schülerhaft Mißlungenes, das nicht nur Unkenntnis der Grundbegriffe aller Kunstübung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit, die über fremdes Urteil hoch erhaben schien. — „Ach was!Ist lange gut genug! . . .“ — Lutz nannte die Originalgemälde, deren Kopien ihre Blätter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemälde nur allzu genau. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttäuschung. Lutz fühlte, daß er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm alles — und sogar das da — Krach! — das Allermiserabelste. Dabei stand ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des Ärgers nieder. Peter biß sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen. Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen florentinischen Raffael.
„Aber die Farben stimmen ja nicht!“ sagte er.
„Wär’ das größte Wunder,“ sagte sie.
„Ich bin nicht hingelaufen, mir’s anzuschauen. Ich hab’s nach einer Photographie gemacht.“
„Aber was sagen denn die Leute dazu?“
„Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie’s nicht so genau! Rot oder Grün oder Blau — wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben . . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . .“ (Ein Engel von Murillo.)
„Es gefällt Ihnen so besser?“
„Nein, aber Spaß hat es mir gemacht, und bequemer war’s auch . . . und schließlich ist mir’s egal; die Hauptsache bleibt, daß ich Käufer finde . . .“
Jetzt hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und hielt inne, nahm ihmdas Gekleckse aus den Händen und lachte hellauf.
„Was sagen Sie? Noch greulicher, als Sie sich’s vorgestellt haben?“
Er fragte kummervoll:
„Aber wozu, wozu machen Sie solches Zeug?“
Mit einem guten Lächeln voll mütterlicher Überlegenheit betrachtete sie sein tiefbetrübtes Gesicht: dieses lieben, verwöhnten Bürgersöhnchens Lebensbahn war so eben gewesen, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie man oft gar klein beigeben mußte, um nur . . .
Er fragte noch einmal:
„Wozu? Sagen Sie mir nur: wozu?“
(Er war förmlich schuldbewußt, wie wenn er diese Kunstgreuel verbrochen hätte . . . So ein guter kleiner Junge! Sie hätte ihn küssen mögen . . . in allen Ehren, auf die Stirn.)
Sie sagte leise:
„Ich lebe davon.“
Das erschütterte ihn. Daran hatte er gar nicht gedacht.
„Ja, das Leben ist eine verzwickte Sache,“ fuhr sie in leichtem, spöttischem Tone fort. „Zunächst muß man essen, und zwar alle Tage. Gestern abend hat man freilich sein Essen gehabt, aber heute ist’s schon wieder dieselbe Geschichte. Und kleiden soll man sich auch. Alles kleiden, den Körper, den Kopf, die Hände, die Füße. Was da an Kleidersachen zusammenkommt! Und bei allem heißt es zahlen. Bei allem. Leben heißt zahlen.“
Zum ersten Male bemerkte er Einzelheiten, die seinen verliebten Blicken bisher entgangen waren: das bescheidene, stellenweise recht enthaarte Pelzwerk, die etwas abgetragenen Schuhe, alle Spuren von Dürftigkeit, die nur die natürliche Eleganz einer kleinenPariserin verwischen konnte. Es schnürte ihm das Herz zusammen.
„Ach könnte ich nicht, könnte ich nicht — Ihnen aushelfen?“
Sie rückte etwas ab und wurde rot.
„Nein, nein,“ sagte sie, peinlich berührt; „keine Rede . . . Niemals! . . . Das habe ich nicht nötig . . .“
„Aber mich würde es so glücklich machen!“
„Nein . . . Nicht mehr darüber reden. Oder wir sind Freunde gewesen . . .“
„Dann sind wir also Freunde?“
„Ja. Das heißt, wenn Sie noch mein Freund sein wollen, nachdem Sie diesen scheußlichen Kitsch gesehen haben?“
„Aber natürlich! Das ist doch nicht Ihre Schuld.“
„Aber es tut Ihnen weh?“
„Das schon.“
Sie lachte vor Behagen.
„Da lachen Sie? So boshaft zu sein!“
„Nein, ist nicht boshaft. Das verstehen Sie nicht.“
„Warum lachen Sie also?“
„Das sage ich nicht.“
(Sie dachte: Mein Liebes! Wie schön, daß dir weh tut, was ich Häßliches gemacht habe.)
Sie sagte:
„Sie sind gut. Dank dafür.“
(Er sah sie mit erstaunten Augen an.)
„Geben Sie sich keine Mühe, das zu begreifen,“ sagte sie, indem sie leicht seine Hand berührte . . . „So, reden wir von was anderm . . .“
„Ja . . . nur noch ein Wort . . . Ich möchte aber doch wissen . . . Sagen Sie mir — aber nicht beleidigt sein! — sind Sie vielleicht gerade jetzt etwas in der Klemme?“
„O nein, ich habe das vorhin nur so gesagt, weil’s bei uns ein paar Mal verdammt knapp zugegangen ist. Aberjetzt steht es viel besser. Mutter hat einen gut bezahlten Posten gefunden.“
„Ihre Mutter hat einen Beruf?“
„Sie ist Arbeiterin in einer Munitionsfabrik . . . zwölf Franken täglich. Jetzt sind wir reich.“
„In einer Fabrik! in einer Fabrik für den Krieg!“
„Ja.“
„Aber das ist ja fürchterlich!“
„Mein Gott, man nimmt, was sich bietet.“
„Lutz, wenn sich aber Ihnen so etwas bieten möchte . . .“
„Mir? aber Sie sehen ja, ich kleckse lieber . . . Jetzt geben Sie wohl zu, daß mein Geschmier noch nicht das Ärgste ist!“
„Aber wenn Sie verdienen müßten und es gäbe kein anderes Mittel als Arbeit in einer solchen Granatenfabrik, würden Sie hingehn?“
„Ich müßte verdienen und hätte keinanderes Mittel? Gewiß ginge ich hin! Mit beiden Händen griffe ich zu!“
„Lutz! Denken Sie daran, was man alles in solchen Fabriken erzeugt?“
„Nein, daran denke ich nicht.“
„Alles, was Qual und Tod bereitet, was zerreißt, verbrennt, was Wesen martert, wie Sie, wie ich . . .“
Sie legte sich die Hand auf den Mund, damit er schweige.
„Ich weiß, das weiß ich alles, aber ich will nicht daran denken.“
„Sie wollen nicht daran denken?“
„Nein,“ sagte sie.
Nach einer Pause fügte sie hinzu:
„Man muß doch leben . . . wenn man nachdenkt, lebt man nicht mehr . . . und ich, ich will leben, will leben. Wenn ich, um zu leben, gezwungen werde, dies oder jenes zu tun, soll ich mich um dies und jenes kümmern und quälen? All dies geht mich nichts an. Ich willes ja nicht so. Wenn es etwas Schlimmes ist, meine Schuld ist es nicht. Was ich will, das ist nichts Schlimmes.“
„Was wollen Sie also?“
„Zunächst will ich leben —“
„Sie leben gerne?“
„Freilich. Habe ich nicht recht?“
„O gewiß! Es ist eine so gute Sache, daß Sie leben!“
„Sie leben nicht gerne?“
„Nicht gerne bis zum Augenblicke, wo . . .“
„Bis wann?“
Aber diese Frage bedurfte keiner Antwort. Die wußten beide im voraus. Peter aber ließ nicht locker:
„Sie sagten: ‚Zunächst will ich leben‘ — und was noch? . . . Was wollen Sie weiter?“
„Ich weiß nicht.“
„O Sie wissen schon . . .“
„Sie sind aber schon sehr neugierig.“
„Sehr!“
„Ich schäme mich ein bißchen, wenn ich’s Ihnen sagen soll . . .“
„Sagen Sie mir’s ins Ohr. Dann hört es niemand.“
Sie lächelte.
„Ich möchte . . .“ (Sie stockte.) „Ich möchte ein klein bißchen Glück . . .“
(Sie waren dicht aneinandergerückt.) Sie fuhr fort:
„Verlange ich zu viel? . . . Man hat mir oft gesagt, das ist egoistisch, und ich denke mir manchmal auch: Hat man denn ein Recht darauf? . . . Wenn man um sich herum soviel Elend und Kummer sieht, wagt man nicht sich aufzulehnen. Aber mein Herz lehnt sich doch auf und schreit: Ja, ich habe ein Recht auf ein bißchen, ein klein bißchen Glück . . . Sagen Sie mir aufrichtig, ist das egoistisch? scheint es Ihnen schlecht?“
Peter ergriff ein unendliches Erbarmen. Dieser schwache Schrei aus einem Kinderherzen erschütterte ihn bis zum Grunde seiner Seele. Es kamen ihm die Tränen. Aneinandergelehnt saßen sie auf der Bank und jedes spürte die Körperwärme des andern. Es trieb ihn so sehr, sich zu ihr zu wenden und sie in seine Arme zu schließen. Er wagte sich nicht zu rühren, aus Angst, seiner Bewegung dann nicht mehr Herr zu sein. Reglos sahen die beiden vor sich nieder. Seine Stimme zitterte von verhaltener Leidenschaft, als er jetzt, fast ohne die Lippen zu regen, sehr rasch und ganz leise sagte:
„O mein liebes Körperchen du! Du mein Herzchen! Diese kleinen Füße möchte ich fassen und meine Lippen darauf drücken, ganz aufessen könnte ich Sie . . .“
Ohne aufzusehen, sagte sie auch sehrschnell und leise, in tiefer Verwirrung:
„Narr! kleiner Narr! . . . Stillsein! . . . ich bitte Sie . . .“
Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre Körper sich in Liebe zerlösten . . .
Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande. Der Brunnen warf seine hellen Tröpfchen in die Luft. Befangen zögernd wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre Blicke getroffen, als sie schon wie Vögelchen sich zueinander schwangen; eilig und ängstlich war ihr Kuß, dann flogen sie wieder auseinander. Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte: „Bleiben Sie!“
Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flüsterte:
„Lutz . . . dies klein bißchen Glück . . . nicht wahr? . . . jetzt haben wir’s!“