»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«
»Hinaus! sagte ich.«
Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:
»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«
»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«
»Fort, gleich fort! . . .«
»Aber wohin soll ich?«
»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«
»Gnädiger Herr!! . . .«
»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«
»Aber gnäd . . .«
»Fort, fort! . . .«
Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha brach in Tränen aus; sie erschrak — tödlich: der Herr schien plötzlich nicht ganz . . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.
Ja, Mawruscha . . .
Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut — ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf — so zerschellt es, und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für denNormalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören; und es — zerstört sich.
Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten ertappte.
Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begannes: es kroch heran, zischte; was ist diesesEs? — Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen — das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau — das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen würde?
Was also tun? Was tun?
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war — zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.
»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:
»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«
Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in vollständiger Dunkelheit: ta — ta — ta — tönten seine Schritte; Ssergeij Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:
»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu — macht zusammen siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«
Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte er diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein: sein Gesicht verfinsterte sich:
»Siebentausendzweihundert Sekunden — seit ihrem Entfliehen: zweihunderttausend Sekunden — dann ist alles zu Ende!«
Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehungder Welt in diese Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen; den selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.
Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach — wo! Er nahm bloß, weiß Gott wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden nieder und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.
Denken Sie sich nur!
Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.
Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.
Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren.
Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und — was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all diesem — eine nasse Schlinge.
Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst entsetzlichzu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.
Dann rief er, weiß Gott wozu:
»Wort und Tat!«
Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tür hörte).
Einen Augenblick . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen, von der Straßenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hörte er das Klopfen und Kratzen an der Tür; seine zwei Finger wurden ihm so fest ans Kinn gedrückt, daß er sie nicht mehr herausziehen konnte; plötzlich schien es ihm, als ersticke er; über seinem Kopfe hörte er einen Knall (wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefäße). Plötzlich begann sich oben an der Decke etwas zu lösen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch vollständig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten, nachdem er im Jenseits bloß einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er kam zu sich und begriff, daß er nicht von den Toten auferstanden, sondern daß er, mit Schmerzen im Rückgrat, auf dem Fußboden seines Zimmers lag und zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.
Jetzt wurde es ihm klar, daß er sich, beinahe, erhängt hätte: daß nicht viel, nicht viel gefehlt — und er wäre tot gewesen. Ssergeij Ssergeijewitsch stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen: der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkürlich, wie etwa unwillkürlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grünen Tiefe untertauchen. Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lächeln Sie, bitte, nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschließen, und er hätte dieses Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausführung gebracht, wenn nicht die morsche Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trägt) nachgegeben hätte; den Erleichterungsseufzer stieß also nicht die Persönlichkeit Ssergeij Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher, unpersönlicher Körper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem Fußboden, und horchte auf alles mögliche (auf die tausend verschiedenen Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hülle bewahrte völligen Gleichmut.
Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewußtsein das Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen — das dauerte zu lange . . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser — hu — hu — hu! Nein: das Natürlichste war: hier auf dem Fußboden gestreckt liegenzubleiben und alles andere dem Schicksal zu überlassen; ja, aber bei dieser natürlichen Lösung wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehört) zum Hausmeister laufen — wenn sie nicht schon gelaufen ist —, man wird an die Polizei telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tür aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den Hals, liegen sehen.
Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau gegebenes Wort. Es bleibt nur eines übrig: rasch die Tür aufzumachen und sich mit der Frau zu versöhnen.
Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster Weise zur Tür, hinter der es jetzt ganz still war.
Mit demselben unwillkürlich keuchenden Atem öffnete er und blieb, unschlüssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham überkam ihn, und der Sturm, der in seiner Seele gewütet, legte sich, als hätte sich im Augenblick, als sich der Deckenhaken löste, alles in ihm gelöst: der Zorn gegen die Frau, die Empörung über das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er doch selbst jetzt Unerhörtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende Schandtat: er wollte sich erhängen und — zog statt dessen den Haken aus der Decke heraus.
Einen Augenblick . . .
Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.
»Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?«
Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.
»Warum hörte ich hier ein Rumoren und Laute?«
Ssergeij Ssergeijewitsch drückte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen Händen.
»Warum sind Ihre Hände voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet?«
»Siehst du, Sonjuscha . . .«
Aber sie unterbrach ihn:
»Warum sind Sie heiser?«
»Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenstergeöffnet . . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht . . .«
Er stockte.
»Nein, nicht, nicht!« — rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das elektrische Licht aufdrehen wollte — »nicht hier, komm ins andere Zimmer.«
Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer.
Der Morgen begann bereits zu dämmern, und manchen Augenblick schien es hier, als wären die Gegenstände des Zimmers: Stühle, Bilder, Vasen, Säbel, Wände, die verstreut liegenden Rasierutensilien — nur aus Luft gewobene Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte, verschämt und zärtlich, der ins Fenster fallende morgendämmernde Himmel.
Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche Stimme ihr nach:
»Dort findest du Unordnung . . .«
»Weißt du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .«
»Die Decke hat einen Riß gegeben . . .«
»Man mußte . . .«
Aber Sofja Petrowna hörte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestürzten Stuhl war beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue — auf der liegend Sofja Petrowna noch vor kurzem Henry Besançon gelesen hatte — unter dieser weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna Lichutina zitterte; sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krümmte sich.
Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndesNetz aus Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich mit bebender Unsicherheit; alles erfüllte sich mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr?« Durch Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer und mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab’ ich vergessen?«
Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die Gestalt war doch nicht völlig vergessen — wo habe ich sie nur gesehen: kürzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rücken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet:
»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«
Sie fiel, weiß Gott warum, zu seinen Füßen, umarmte sie und weinte:
»Du Armer, Armer, Geliebter! . . .«
Was sie noch miteinander flüsterten — weiß der Himmel: das blieb unter ihnen; bei der Morgenröte aber sah man ihn seine mageren Arme über sie breiten:
»Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .«
Das rasierte Gesicht lachte glücklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen, angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wölkchen dahinflogen?
Weit dehnten sich und liefen die Gäßchen, Gassen, Straßen und vornehmen Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter Wuchtigkeiten; bald gähnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne Ägypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging und ging, alle Schwierigkeiten überwindend: nun erreichte er einen niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun.
Da ging plötzlich eine niedrige Tür auf, die dann offen stehen blieb; weißer Dampf wälzte sich aus der Türöffnung, scheltende Stimmen, das Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach außen.
So ist also der Bürger? Apollon Apollonowitsch empfand plötzlich Interesse für diesen Bürger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch packte, an die erste beste Tür zu pochen und den Bürger zu suchen; aber da fiel ihm ein, daß eben dieser Bürger ihm einen schmachvollen Tod wünschte: sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die müden Schultern sanken:
— Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stücke zerrissen; nicht ihn selbst, aber seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grünliche Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, während sie beide über der Reichskarte gebeugt dasaßen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heißen Träumen erging(das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Bürger hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten . . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist — rein gar nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held; aber doch — brr — brr . . .
Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin — durch das Netz schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune — durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal, als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch, daßsieihn haßten; doch wer waren diesesie? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Häuflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm winzig klein: Wardasder Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von Völkern, die auf dieser Fläche wohnen:hundert Millionen. Nein, mehr . . .
Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr — brr . . . Müßiges Spiel des Gehirns.
Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun — Anna Petrowna hatte ihn verlassen, ja, verlassen!
Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinenLebenskameraden besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschönerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des dahinfließenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .
Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden — und entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster — daß das alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne zaghaft hervorblickte.
Plötzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa fünfzehn Jahre altes Mädchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die Gestalt schien mit niedrigen Vorschlägen an das Mädchen herangekommen zu sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich für einen Ritter; unerwartet für sich selbst lüftete er den Zylinder.
»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser späten Stunde ist es für jungePersonen von Ihrem Geschlecht nicht ungefährlich, allein durch die Straßen zu gehen.«
Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien näher, als es in der Wirklichkeit war; naß und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon früher aus der Ferne gesehen. Aber jetzt — jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine Häuschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ängstlich gedrückt dieser Backfisch, für den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator war, sondern einfach nur so ein unbekannter gütiger Greis.
Sie kamen bis zum grünen Häuschen mit schiefem Tor und morschen Stufen; hier lüftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom Backfisch; als die Tür sich hinter dem Mädchen schloß, verzog sich traurig der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem Augenblick ertönten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkündete, das nicht existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war.
Ende des vierten Kapitels.
Nikolai Apollonowitsch schwieg während des ganzen Weges.
Der Petersburger Schmutz gluckste in den Straßenrinnen; tastend mit seinen Laternenlichtern sauste dort ein Wagen in den Nebel hinein . . .
Während des ganzen Weges hörte er das zudringliche Aufschlagen der hinter ihm her eilenden Gummischuhe; er fühlte auf seinem Rücken zwei entzündete, kleine Äuglein gerichtet, die zu dem steifen Hut gehörten, der sich ihm angeschlossen hatte — an jener Stelle am Zaun — dort im Gäßchen.
Nikolai Apollonowitsch wandte sich und sah gerade dem Herrchen ins Gesicht; sein Gesicht besagte nichts: steifer Hut, Stock, Mantel, Bärtchen und Nase.
»Mit wem hab’ ich die Ehre?«
»Pawel Jakowlewitsch Morkowin.«
Die Petersburger Feuchtigkeiten krochen ihm unter die Haut; der Petersburger Schmutz gluckste in den Straßenrinnen; frostig kalte Nässe durchtränkte seinen Mantel.
Der Schatten des steifen Hutes dehnte sich bald an der Mauer, bald schrumpfte er wieder zusammen; wieder ertönte eine deutliche Stimme hinter Ableuchows Rücken:
»Ich wette, daß Sie aus purer Koketterie diesen gleichgültigen Ton anzunehmen geruhten . . .«
»Hören Sie,« versuchte Nikolai Apollonowitsch dem steifen Hut zu erwidern, »ich bin, aufrichtig gesagt, höchst verwundert; ich bin, aufrichtig gestanden . . .«
Dort, dort blitzte der erste helle Apfel auf, da der zweite; dort weiter der dritte; diese Linie der elektrischen Äpfel zeigte den Newskij-Prospekt an, wo die steinernen Häusermauern die ganze lange Petersburger Nacht von elektrischem Licht übergossen stehen und wo die kleinen, hellerleuchtetenRestaurants mit dem grellen Rot ihrer Schilder in die Nacht starren, während vor ihnen federngeschmückte Dämchen auf und ab spazieren und das Karminrot ihrer gefärbten Lippen in die Boas vergraben; sie spazieren da neben Zylinderhüten, Schirmmützen, Russenkitteln, vornehmen Wintermänteln, in dem matthellen Lichtchaos — dem weitaufgesperrten, glühenden Rachen, der wie die Hölle von den armseligen finnischen Sümpfen gegen das sich weit, weit breitende Rußland gerichtet ist.
Nikolai Apollonowitsch beobachtete immerzu den Schatten des steifen Hutes an der Mauer, den ewig dunklen Schatten; es war klar: die besonderen Umstände der Begegnung mit dem geheimnisvollen Pawel Jakowlewitsch hatten ihn daran gehindert, gleich dort — am Zaun im Gäßchen — diese Bekanntschaft abzubrechen, ohne dabei die eigene Würde preiszugeben; jetzt hieß es mit der größten Vorsicht auszuforschen, was eigentlich dieser Pawel Jakowlewitsch von ihm wußte, was zwischen diesem und seinem Vater vorgegangen war; deshalb zögerte er, sich zu verabschieden.
Sie gingen über die Brücke.
Vor ihnen schritten zwei Leute: ein fünfundvierzigjähriger, in schwarzes Leder gekleideter Seemann; auf seinem Kopf saß eine Mütze mit Ohrenklappen, er hatte blauschimmernde Wangen und einen grellrotblonden Bart, in dem sich weiße Fäden mischten; sein Begleiter, ein Riese in Schaftstiefeln, mit dunkelgrünem Filzhut, schwarzen Haaren und Brauen und kleinem Schnurrbärtchen, schritt neben ihm her. Beide erinnerten Nikolai Apollonowitsch an etwas; und beide schritten durch die offene Tür in das kleine Restaurant mit dem brillantenen Schild.
Pawel Jakowlewitsch faßte Ableuchow am Mantel:
»Hierher, Nikolai Apollonowitsch, ins Restaurant: da, hierher, das kommt uns sehr gelegen! . . .«
»Aber gestatten Sie . . .«
Es war nichts zu machen: Nikolai Apollonowitsch zuckte kaum merklich mit den Achseln und öffnete mit leichter Ekelgrimasse die Tür . . .
»Eine seltene, höchst seltene Gelegenheit . . .« Herr Morkowin schnalzte mit den Fingern: »Ich sage es Ihnen ganz offen: einen jungen Mann von Ihren Talenten . . . auslassen?! ignorieren?! . . .«
Hier im geschlossenen Raume empfand man die Petersburger Straße als ein scharfes fiebriges Prickeln am Körper, als ein Krabbeln zahlloser rotfüßiger Ameisen.
»Mich kennen ja alle . . . Alexander Iwanowitsch, Ihr Vater, Schischiganow, Peppowitsch . . .«
Um sie herum aber tönte es:
»Wer sind Sie eigentlich?«
»Wer? . . . Iwan! . . .«
»Iwan Iwanowitsch! . . .«
»Was bist du doch, Iwan Iwanowitsch, für ein Schwein!«
An einer Stelle stieg eine dicke Rauchwolke in die Höhe; dort wieder brüllte plötzlich das Orchestrion auf, wie wenn zehn Blashörner ihre ohrenzerreißenden Töne in die durchqualmte Luft hinausstoßen würden. Der Kaufmann Iwan Iwanowitsch Iwanow stellte sich, eine grüne Flasche in der hochgehobenen Hand, mit seiner Dame, deren Bluse ganz zerzaust war, in Tanzpositur vor das Orchestrion.
Nikolai Apollonowitsch sah sich erstaunt um: wie konnte er in eine solche unmögliche Gesellschaft, in einen solchen unmöglichen Ort geraten, er, der doch . . .?
»Ha—ha—ha—ha—ha—ha!« dröhnte es in der Ecke, wo die betrunkene Gesellschaft saß. Verzweifelt, qualvoll,wie das Explodieren unterirdischer Ungeheuerlichkeiten in einem Vulkan, wuchs und breitete sich und weinte in den goldenen Trichtern, bald aufbrausend, bald mit Kastagnetten schlagend, das alte, alte Lied:
»Schwei—ei—get, ihr lodernden Ge—füüh—le,Schlaaaf ein, du hooofnungsloo—oses Heee—erz . . .«
»Schwei—ei—get, ihr lodernden Ge—füüh—le,
Schlaaaf ein, du hooofnungsloo—oses Heee—erz . . .«
»Gestehen Sie . . . He: zwei Gläschen Wodka! — Gestehen Sie . . .,« rief Pawel Jakowlewitsch Morkowin, »ich wette, daß ich für Sie ein Rätsel bin, über das Sie jetzt vergeblich Ihren Gehirnapparat anstrengen . . .«
Dort, dort ein kleiner Tisch: vor diesem Tischchen sitzt über sein Glas gebeugt ein etwa fünfundvierzigjähriger Seemann mit schwarzem Lederanzug, bläulich schimmerndem Gesicht.
Und neben dem Seemann kauerte schwer, wie aus Stein gehauen, der Riese.
Der Riese — mit schwarzen Brauen und schwarzen Haaren — lachte zweideutig und schielte gegen Nikolai Apollonowitsch.
»Also, mein junger Freund?«
»Was meinen Sie?«
»Was sagen Sie zu meinem Benehmen auf der Straße?«
»Was ich zu Ihrem Benehmen auf der Straße sage? Ach was? . . . Ich weiß wirklich nicht . . .«
»Trinken wir noch eins?«
»Ja, wir trinken noch eins . . .«
Vor ihm glänzte das prickelnde Gift; um sich in ruhigere Verfassung zu versetzen, legte er sich auf den Teller etwas von dem welken Gemüse, das ihnen angeboten wurde;nun stand er so mit dem voll gefüllten Glas, während Pawel Jakowlewitsch geschäftig bemüht war, mit der Gabel einen glitschrigen Pilz zu erwischen; nachdem er endlich diesen glitschrigen Pilz erwischt hatte, wandte er sich wieder Nikolai Apollonowitsch zu (auf seinem Schnurrbart blieben Fädchen vom Gemüse hängen). . .
»Nicht wahr, das hat seltsam ausgesehen?«
So stand er einmal (denn das alles — war schon früher einmal gewesen) . . .
Die Gläser stießen laut aneinander; genau so hatten die Gläser aneinander gestoßen . . . Wo? Wann?
Nikolai Apollonowitsch suchte sich zu erinnern. Doch er konnte sich nicht erinnern.
»Dort, neben dem Zaun . . . Nein, Herr Wirt, keine Sardinen: die schwimmen ja in einem gelben Schleim.«
»Wissen Sie, Pawel Jakowlewitsch, ich erwarte von Ihnen eine Aufklärung . . .«
»Meines Verhaltens?«
»Jawohl, Ihres Verhaltens . . .«
»Ich werde es erklären . . .«
Wieder glänzte das prickelnde Gift: Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie er berauscht wurde — alles begann sich um ihn zu drehen; gespensterhafter schimmerte vor ihm die Schankstube, noch blauer schien der Seemann, riesenhafter der Riese; sein Schatten verteilte sich an den Wänden und schien wie mit einer Krone geschmückt.
»Trinken wir also noch ein drittes Gläschen?«
»Jawohl, trinken wir ein drittes . . .«
»Also, was haben Sie zu dem Gespräch am Zaun hinzuzusetzen?«
»Über den Domino?«
»Na ja, natürlich . . .«
Voll Ekel wollte Nikolai Apollonowitsch den wenig appetitlichen Lippen des Herrn Morkowin ausweichen, doch er überwand sich. Und nachdem er das Schmatzen zweier Lippen auf seinen Lippen gefühlt hatte, hob er seine Augen zur Decke, mit der Hand eine Locke von der hohen Stirn wegstreichend, und seine Lippen verzogen sich in ein unnatürliches Lächeln und zuckten und zitterten angestrengt (so zucken unnatürlich die Beinchen der gemarterten Frösche, wenn an sie die Enden der elektrischen Drähte angesetzt werden).
»Gestehen Sie — es ist ein ganz absurder Gedanke: Sie wären der Domino . . . Hi—hi—hi: wie konnte man auf einen solchen Gedanken nur kommen — he? Sagen Sie bloß? Ich sagte mir: He, Pawel, das ist nur so ein kurioser Einfall; und dazu noch neben dem Zaun, beim Verrichten eines sozusagen menschlichen Bedürfnisses . . . Domino! . . . Es war einfach nur ein Anlaß für die Bekanntschaft, mein Lieber.«
Sie verließen den Schanktisch und drängten sich zwischen den Tischen durch. Und wieder brüllte das Orchestrion wie zehn kreischende Blashörner, die ihre ohrenzerreißenden Töne in den Qualm hinausstoßen; an den Ohren sich brechend, erhob sich das Gebimmel eines ganzen Schwarms von Glöckchen.
»Kellner! Eine saubere Tischdecke! . . .«
»Und Wodka . . .«
»Nun sind wir mit dem Domino fertig. Und jetzt, mein Lieber, gehen wir zum anderen, uns miteinander verbindenden Pünktchen über . . .«
Beide stützten die Ellbogen auf das Tischchen. Nikolai Apollonowitsch fühlte seinen Rausch (vor Müdigkeit wahrscheinlich).
»Ja — ja — ja: es ist ein seltsamer, kurioser Punkt . . .Schön: geben Sie mir Nierenbraten mit Madeira; und Ihnen . . . auch Nierenbraten?«
»Was ist das nur für ein Punkt?«
»Kellner, zwei Portionen Nierenbraten . . . Nun also — ich muß Ihnen sagen: die Bande, die uns aneinander knüpfen — diese Bande — es sind heilige Bande . . .«
»?«
»Es sind Bande des Blutes . . .«
In diesem Augenblick wurde der Nierenbraten gebracht.
»Ach, denken Sie ja nicht, daß jene Bande . . . — bitte Salz, Pfeffer, Senf! — etwa mit Blutvergießen in Zusammenhang stehen . . . Aber warum zittern Sie, mein Lieber? Sieh mal einer her: wie er rot wurde, wie er aufflammte: rein wie ein junges Mädel! Wünschen Sie Senf? Da ist Pfeffer.«
»Was sagten Sie?«
»Ich sagte: da ist der Pfeffer . . .«
»Vom Blute . . .«
»Ah? Von den Banden? Unter den Banden des Blutes verstehe ich die Bande der Verwandtschaft.«
»Verzeihen Sie, ich glaube Sie nicht recht verstanden zu haben: Was verstehen Sie unter Verwandtschaft?«
»Ich bin ja, Nikolai Apollonowitsch, ein Bruder von Ihnen.«
»Wie, ein Bruder?«
»Ein morganatischer natürlich, denn ich bin das Resultat einer unglücklichen Liebe zwischen Ihrem Vater und — einer im Hause lebenden Weißnäherin . . .«
Wahnsinn!
Das hatte er früher einmal schon erlebt.
»Und nun wollen wir zu Ehren unserer Begegnung als Verwandte noch ein Gläschen trinken.«
Verzweifelt, qualvoll dröhnte es in dem wildgewordenen Orchestrion, heulend und wie die Tanztrommelschlagend, festigten und breiteten sich die Töne und ergossen sich jammernd aus den vergoldeten Trichtern in den Saal.
»Sie wollten sagen, daß mein Vater . . .«
»A—a—a: die Schulter! Wie die Schulter zuckt!« unterbrach ihn Pawel Jakowlewitsch. »Wissen Sie, warum sie gezuckt hat?«
»Warum?«
»Weil die Verwandtschaft mit einem solchen Subjekt, Sie, Nikolai Apollonowitsch, gewissermaßen verletzt . . . Dann haben Sie aber auch wieder etwas Mut gewonnen.«
»Mut gewonnen? Weswegen sollte ich den Mut verloren haben?«
»Ha—ha—ha« — Pawel Jakowlewitsch hörte ihm nicht zu — »Sie haben Mut gewonnen, weil Ihrer Meinung nach . . . — Noch ein Stück vom Braten?«
»Danke . . .«
. . . »Meine ausfallende Neugierde und unser Gespräch neben dem Zaun sich in einfacher Weise erklärten.«
Nikolai Apollonowitsch kniff die Augen zusammen, während seine Finger auf dem Tisch trommelten.
»Jetzt aber bin ich genötigt, Sie freudig und traurig zugleich zu stimmen . . . Sie entschuldigen mich: bei einer neuen Bekanntschaft mach’ ich es immer so; es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen zu sagen, daß wir wohl Brüder sind, aber von verschiedenen Eltern . . .«
»Inwiefern sind wir dann Brüder?«
»Den Überzeugungen nach . . .«
»Was wissen Sie von meinen Überzeugungen?«
»Sie sind ein fest überzeugter Terrorist, Nikolai Apollonowitsch.«
»Ha—ha—ha!« Nikolai Apollonowitsch warf sich auf seinen schäbigen Stuhl zurück. »Ha—ha—ha—ha . . .«
»Hi—hi—hi!« echote Morkowin.
»Ich werde Ihnen was sagen« — Nikolai Apollonowitsch wurde ganz ernst und tat, als hätte er mit Mühe den Lachanfall überwunden (er hatte nur künstlich gelacht), »Sie irren sich, denn ich verhalte mich dem Terror gegenüber ganz negativ; doch abgesehen von all dem: woher nehmen Sie es an?«
»Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch! Ich bin ja über alles, was Sie betrifft, unterrichtet: über das Paket, über Alexander Iwanowitsch Dudkin, über Sofja Petrowna . . .«
»Ich weiß alles, erstens dank meiner persönlichen Neugierde, dann aber, weil es meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . .«
»Sie stehen im Dienst? . . .«
»Ja, der Polizei . . .«
»Der Polizei?«
»Mein Lieber, warum faßten Sie sich an die Brust, als läge dort ein sehr gefährliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Gläschen!«
Mit ganz neuem, schuldbewußtem Lächeln zog Nikolai Apollonowitsch aus seiner Seitentasche ein Notizbüchlein heraus.
»A—a—a—a—! Wollen Sie mir gefälligst dieses Büchlein . . . zur Durchsicht geben . . .«
Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben schuldbewußten Lächeln dazusitzen.
Pawel Jakowlewitsch beugte sich über das Büchlein; sein über den Tischrand sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Händen befestigt zu sein;einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetüm aus: Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen scheußlichen Kopf mit zwinkernden Äuglein, die Haare — wie Wolle, die man einem Hunde ausgekämmt hatte; mit widerlicher Lachmiene ließ er seine zehn mit gelben Hautfalten überzogenen, hüpfenden Finger über die Blätter laufen: wie ein riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige Spinne, deren Pfoten über knisterndes Papier liefen.
Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow bloß erschrecken; es war nur ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das Büchlein Ableuchow über den Tisch zurück.
»Ich bitte; warum eigentlich diese übergroße Zuvorkommenheit . . . Ich habe ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhör zu nehmen . . . Ängstigen Sie sich doch nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei — in direktem Auftrage der Partei tätig . . . Es war gar nicht nötig, daß Sie sich so aufregten, Nikolai Apollonowitsch, wahrhaftig nicht . . . Wäre ich wirklich ein Polizeibeamter, Sie wären jetzt sicher verhaftet; denn Ihre Geste, die war, wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faßten Sie sich an die Brust mit so erschrecktem Gesichtsausdruck, als befände sich bei Ihnen ein Dokument . . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten, wiederholen Sie nicht diese Geste, diese würde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen haben, aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Büchlein aus der Tasche hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewünscht wurde; Sie nahmen das Büchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas anderem abzulenken . . .«