Die Aufregung, die durch den Tod Müller Friedens in all' die umliegenden Ortschaften kam, war entsetzlich. – Das Gerücht ging, der Horneck'sche Jäger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen hätte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon getragen, that ebenfalls sein Möglichstes, die Wuth gegen den ihm ohnedies verhaßten Jäger noch zu schüren und zu erhöhen, und die Gerichte, von allen Seiten bestürmt, mußten wohl auf den flüchtigen, seit jenem Abend aber verschwundenen Mörder fahnden, wollten sie nicht besorgliche Auftritte heraufbeschwören, die doch am Ende die Ruhe der hochweisen Polizei vielleicht gestört hätten.
Und der Postdirector von Gaulitz?
Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett – und phantasierte, als er endlich wieder zu sichkam, von entsetzlichen Sachen, die den Umstehenden das Haar zu Berge sträubten. Die Frau von Gaulitz ließ auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem überhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingeräumt worden war, damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgänglich nothwendig in der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des Postdirectors schwebte lange in höchster Gefahr.
Im Anfang hieß es dabei sogar, der Jägerbursche, dessen drohende Stimme Poller unten in seiner Stube gehört haben wollte, hätte den alten Mann, der dem Mörder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert, Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrücklichste als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestürzt sei, ohne daß ihm der Jäger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wäre. Das rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine spätere, allerdings zu späte Untersuchung, darthat, die Hüften ausgerenkt und zwei Rippen gebrochen hatte.
Der Jäger war indessen glücklich in seinen Versteckentkommen, durfte aber gar nicht daran denken, selbst in späterer Zeit nach Horneck zurückzukehren, und mußte sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen, wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath gründen könne. Ohne Abschied von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich er von hier zur Schulwohnung hinüber, das bekannte Zeichen rief sein darüber zum Tod erschrockenes Mädchen, der das entsetzliche Gerücht schon zu Ohren gekommen, vor die Thür hinaus, und dort gelobten sich die beiden armen Kinder noch einmal – unter dem freien hellbestirnten Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre Bahnen werfen, ihr Leben gestalten möge. Fritz war dabei schon fest entschlossen, was seinen künftigen Plan betraf – er wollte nach Amerika, dort sich mit Fleiß und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine kleine Farm kaufen zu können, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes Lieschen, nachholen. Dazu schüttelte aber diese gar traurig den Kopf, den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein zurück lassen – nein, das ging unmöglich an. – Aber der Vater bekam bald Zulage – eine Unterstützung vom Ministerium – und der Pastor hatte ihm ja ebenfalls Hülfe zugesagt –Das waren AllesfremdeMenschen, wie das arme Mädchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zügen sagte, dieversprachenAlle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie angewiesen, und hätte sie den Greis in dem Zustande verlassen können, Fritz selbst würde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung, nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.
Dagegen half keine Einsprache – Fritz nahm Abschied von ihr, mit dem ausdrücklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verließ, jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen künftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune stand und mit ängstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte, eilte dieser, so schnell ihn seine Füße trugen, dem ihm von Wahlert bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends spät der Bachstettener Schullehrer – der Wahlert zu Liebe noch an dem nämlichen Abende in sein Dorf zurückkehrte – abholte und mit sich zu Hause nahm.
Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegenFritz Holke, Jägerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urplötzlich nicht mehr ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten – Niemand wußte wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer, ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Häuser einmal um eine Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte über das »Gesindel«, bis ihm Wahlert den rückständigen Zins in die Hand drückte und den Zürnenden dadurch zum Schweigen brachte.
Was konnte er jetzt thun, um die Unglücklichen wieder aufzufinden? – Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle umliegenden Dörfer aus und versprach Gensdarmen und Forstläufern ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten brächten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wüßten, doch Alles ohne Erfolg.
So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewählt hatten, so viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jägerburschen kaltes Dachstübchen, in dem er jetzt, bei plötzlich eintretendem Frost, besonders in der ersten Nacht fast erfroren wäre. Dort konnte er nicht länger bleiben, als ihn aber der gutmüthige Kraft die nächste Nacht herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden, und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die übelsten Folgen nach sich ziehen, mußte so schnell als möglich gedacht werden.
Fritz verließ am nächsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh – natürlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt davon in Kenntniß gesetzte Hennig zwei Tage, mit größter Gefahr für sich selbst, zu verbergen wußte. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan entworfen, den sie künftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit in den Kriegsrath gezogen und der Beschluß gefaßt, daß Fritz jetzt ohne Weiteres voraus nach Amerika überfahren und dort das Land einige Monate durchziehen solle. Zum Frühjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung ausgewählt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.
Und Lieschen? – Ach dem armen Kinde standen die großen hellen Thränen in den Augen, daß es nicht mitziehen konnte in das freie herrliche Land, wo es keine Noth mehr gab und – keine Nahrungssorgen, wo der Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und Elend verderben mußte. Aber – es ging nicht – Vater und Geschwister durfte, konnte sie hier nicht allein zurücklassen und wehmüthig nickte sie nur mit dem Köpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernähren und sie dann alle mit einander nachholen zu können.
Noch in derselben Nacht verließ er, von Wahlert hinlänglich mit Geld unterstützt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck, setzte nach der Rauschenmühle über, nahm dort von seinem Vater, den er auch in späterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen – auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Paß, und von dort aus erreichte er schnell die französische Grenze und Havre de Grace.
Lieschen schwebte indessen in Todesangst – jedes fremde Gesicht, das ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und er wird jetzt in Kettenwieder zurück transportirt. – Keine derartige Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mußte sie jetzt, da der Steckbrief nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein konnte – hoffen, daß er glücklich entkommen sei – dennoch war ihr die Ungewißheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und traurig dahin.
Der neunte December brach trübe und düster an; im Nordwesten hatten sich dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdämmerung sah es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen müsse. Auch waren schon mehrere Züge wilder Gänse schnatternd und schwirrend dicht über Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wärmeren Süden zugestrichen – ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters – um neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr nach Süden herum, und ein kalter, dünner Regen, der im Anfang wie Staub auf den Kleidern lag, um später desto sicherer einzudringen, fiel geräuschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.
Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich amPfarrhügel liegenden Teich zu naß geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem schwerfälligen Marsch – eine hinter der anderen genaue Linie haltend – unter die Pflaumenbäume, wo sie erst eine ganze Weile die Köpfe schüttelten, als ob sie selbst nicht wüßten, was sie über den dießjährigen Herbst denken sollten, dann sich die Flügel und das bewegliche Schwänzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedächtig still saßen, die Köpfe hinten in den Nacken drückten, und mit halb geschlossenen Augen träumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die Höhe schauten.
Der Gänsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die bloßen Füße in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles Bauermädchen im bloßen Kopf, das ein Gefäß in der Hand trug, und von seiner Mutter wahrscheinlich in den nächsten Kaufmannsladen geschickt war, um Essig, oder sonst eine Flüssigkeit zu holen, schien Gefallen an dem Fußbad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgültig nach ihr sich umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfältig die eine Spitze des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie die Fluth in trüben Perlen auf dem schwarzen Fett hängen blieb – dabei wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fuß, unddann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum Ergötzen des schadenfrohen Gänsejungen zu tief trat, so daß das Wasser ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann führte.
Hier und da schaute ein mißmuthiges Gesicht aus den Fenstern der benachbarten Bauernhäuser heraus, und der Knecht, der sonst immer pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her, während selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schüttelnd, und nicht rechts noch links schauend, wie verdrießlich in den Deichselketten hingen, daß der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken käme.
Aus den Scheunen tönte das monotone Dreschen herüber, immer trüber und trüber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer in seinem Regenmantel.
Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig,froh endlich einmal der dunstigen Schulatmosphäre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinüber, wo er den Kindern Musik, und Sophien – o wie er sich die ganze lange Woche hindurch auf dieeineselige Stunde freute – Zeichenstunde gab. Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum großen Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag – der einzige Erholungstag der ganzen Woche, auf solche Art ganz schändlich und heimtückisch gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren – Wahlert war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der Zeichenstunde zurück, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten können, so daß er eine volle halbe Stunde – sehr zum Entsetzen der »jungen Pastors,« die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinüber in die Pfarre ging.
Dort war aber erst gestern Abend der frühere Diaconus Brauer, jetzt Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde wenigstens – und wie lachten die »jungePastors« – die Clavierstunde ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stören, wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie Manches mit einander zu besprechen hätten.
»Manches zu besprechen? Lieber Gott,« dachte Hennig – »die alte Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herabläßt, mit dem Schulmeister etwas zu besprechen, so bedeutet das gewöhnlich weiter gar nichts, als er will ihm wieder einmal den Text lesen – und das nennt er nachherbesprechen.« Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab zu gehen – ein sicheres Zeichen, daß irgend ein Sturm im Anzug sei – dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Räuspern zum Tisch trat, und ein Zeitungsblatt – die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes, »die Leuchte« in die Hand nahm.
Hennig lächelte, denn er wußte jetzt Wort für Wort, was kommen würde, wunderte sich aber doch darüber, den Pastor einer solchen Sache wegen so ernst zu finden.
»Lieber Hennig,« nahm Pastor Scheidler nach einigem Zögern und einem, scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort – »Sind Sie wirklich der Redacteurdieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmäßig erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?«
»Allerdings, Herr Pastor,« erwiederte ihm Hennig, »und mit Gott hoff' ich, zum Nutzen und zur Aufklärung der Menschen recht viel Gutes damit zu wirken.«
»Ich dächte, Sie hätten sich immer beklagt, daß Ihnen so wenig Zeit zu Ihren Studien bliebe?« frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche – »hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit hätten, als ein Lehrer, der eine schon übergesetzliche Zahl von Kindern zu unterrichten hat, haben sollte.«
»Lieber Herr Pastor,« antwortete ihm Hennig mit wehmüthigem Lächeln – »das Gesetz verstattet aber auch in seiner grenzenlosen Milde dem Lehrer neun bis zehn volle Stunden Schlaf und Ruhe, und von denen, die doch mein Eigenthum sind, benutze ich drei an jedem Abend zu solchen Arbeiten, die meinem Geist eine angemessene Beschäftigung gewähren, meinen Gefühlen und Gesinnungen entsprechen, und mir zu gleicher Zeit eine, ich kann wohl sagennöthigeUnterstützung geben sollen, ohne die ich am Ende nicht einmal auskommen könnte.«
»Nicht auskommen könnte, lieber Hennig?« frug der Diaconus erstaunt; »wenn ich nicht irre, haben Sie fastden doppelten Gehalt jetzt, den Sie damals, als ich in Horneck noch Diaconus war, hatten? – davon sollten Sie doch leben können.«
»Ja, – wenn ich den armen alten Kleinholz dabeiverhungernlassen will,« sagte Hennig ruhig.
»Verhungern?« rief aber jetzt Pastor Scheidler auffahrend – »Herr Hennig, inmeinemDorfe ist noch nie ein Menschverhungert– am wenigsten der Schullehrer, und es klingt – Sie nehmen mir das nicht übel, wenn ich aufrichtig zu Ihnen spreche – fast ein wenig – wie soll ich denn gleich sagen – ein wenig – anmaßend von Ihnen, zu thun, als obSieallein der Erhalter des alten Kleinholz wären. Bekommt er nicht etwa regelmäßig seinen Gehalt als emeritirter Lehrer? – Wir müssenAllesehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen, es thut aber auch einJeder, was in seinen Kräften steht, mein guter Hennig, einJeder.«
»Herr Pastor,« erwiederte Hennig ruhig – »dürfte ich Sie wohl fragen, wie viel Ihr jährliches Einkommen beträgt? – bitte, beantworten Sie mir das.«
»Das ist eine sehr merkwürdige und hier gar nicht her gehörende Frage,« sagte Pastor Scheidler, durch den Absprung aber doch etwas außer Fassung gebracht.
Pastor Brauer schüttelte mit dem Kopfe, erwiederte aber gar nichts.
»Sie könnten mir aber doch, wenn ich Sie darum bitte, die Frage beantworten,« beharrte Hennig.
»Es kommt ja hier gar nicht auf hohen oder geringen Gehalt an, lieber Hennig,« eilte hier der frühere Diaconus dem bedrängten Collegen zu Hülfe – »lassen wir das – dieß neue Blatt war es ja wohl, weshalb Herr Pastor Scheidler mit Ihnen zu sprechen wünschte.«
»Bitte, lassen Sie mich, Herr Pastor,« sagte ruhig der Lehrer – »es ist besser, wir machen erst die eine Frage ab, sie hilft mir zugleich zur Erledigung der zweiten – Sie, Herr Pastor Scheidler, haben circa zwölf bis vierzehnhundert Thaler Gehalt, und sagen dabei, wir müssenAllesehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen – und der alte Kleinholz – großer allmächtiger Gott, mitfunfzigThalern, dieSie, Herr Pastor, alle vierzehn Tage beziehen, soll der arme unglückselige Greisdas ganze Jahrmit seinen sieben Kindern auskommen. Ist dasmöglich.«
»Sie vergessen, daß ich selbst um Zulage für ihn eingekommen bin,« entgegnete ihm, die indirecte Anklage parirend, der Pastor – »ich habe meinen ganzen Einfluß angewandt, es durchzusetzen.« (Er hatte eine ganz gewöhnlicheEingabe gemacht, da er nur kurz vorher ein dringendes Gesuch an das Ministerium, einem Neffen zu Liebe gestellt, und doch nicht gleich zweimal hinter einander mit dringenden Bitten kommen wollte.)
»Gebe Gott, daß jenes Gesuch erfolgreich sei,« sagte Hennig seufzend – »sonst kommt es zu spät.«
»Ist Kleinholz so krank?« frug Brauer besorgt – »ich will doch nachher einmal hinüber gehen.«
»Sie werden ihm viele Freude damit machen,« sagte Hennig – »er spricht viel und gern von Ihnen – Sie waren sonst immer so freundlich gegen ihn.«
»Also nur um ihr Einkommen zu vergrößern, haben Sie die Redaction dieses Blattes übernommen?« frug, auf den ersten Punkt jetzt wieder zurückkommend, der Pastor Scheidler – »ist dem so?«
»Nein,« erwiederte ihm Hennig kopfschüttelnd, »dem ist nicht so, Herr Pastor – nicht allein desGeldeswegen, wenn auch, Gott sei es geklagt, ein armer Dorfschulmeister der Letzte sein sollte, der von Geld verächtlich spräche – bin ich dazu gekommen, mir die Zeit am Schlaf abzusparen, und als Schriftsteller mit meinen geringen Kräften in die Welt zu treten – das Bedürfniß war es, über das, was mir so heiß und heilig am Herzen lag, über die Schulreform, über das Verhältnißder Schullehrer zu einander, über das, was den Kindern nützt oder schadet, und in dieser verschiedenen Wirkung Einfluß auf ihr ganzes künftiges Leben ausübt, mich einmal so recht tüchtig und gründlich aussprechen zu können. Die sächsische Schulzeitung verfolgt denselben Zweck, ist aber in unserem Ländchen viel zu wenig gelesen, und mein kleines Blatt dringt da vielleicht als helle, trostbringende Leuchte in manches arme düstere Lehrerherz, und ruft es mit auf zum heiligen Kampf für Wahrheit, Licht und – Gerechtigkeit. Selbst die gutgesinnten Geistlichen werden uns darin nicht entgegen sein, denn ihnen ist sicherlich mehr daran gelegen, gute, freudig wirkende und eifrige Schullehrer zur Seite zu haben, die mit ihnen Hand in Hand an dem schönen Werke der Volkserziehung arbeiten, als Menschen zubeaufsichtigen, denen man nurmittelbardas Stundenhalten anvertraute, die aber, wie das Gesetz angenommen zu haben scheint, fortwährend unter strenger Controle gehalten sein wollen, um nur nicht lässig und faul in ihremDienstzu werden.«
»Dann rechnen Siemichalso nicht mit zu den gutgesinnten Geistlichen,« sagte Herr Pastor Scheidler, und zog die Brauen, den Lehrer scharf dabei ansehend, hoch herauf.
»Herr Pastor!« rief dieser –
»Nein, nein, nein, nein, Herr Hennig, nein und nochmals nein,« sagte der geistliche Herr, sich mehr und mehr ereifernd, »ich muß Ihnen, da wir endlich einmal auf das Kapitel gekommen sind, auch meine Meinung, wie sich das gehört, frisch und frei heraussagen. Im Anfang, und im Beginn der politischen Bewegung – oder nennen wir es lieber mit dem richtigen Namen – desAufruhrsin Deutschland, mochte ich diesem Emancipationsstreben nicht so schroff entgegentreten, die Gemüther waren überdieß aufgeregt, und ich hielt es nicht für gut, solche Stimmung noch mehr zu reizen, jetzt aber hat dasWühlen, denn das allein ist der richtige Ausdruck dafür, lange genug gewährt, und ich bin nicht gesonnen, es länger selbst unter meinen Augen zu dulden!«
»Herr Pastor?« sagte Hennig erstaunt.
»Nein, nicht zudulden, Herr!« fuhr aber der Geistliche, der jetzt das lang gesuchte Bett für die Stromflut seines Zornes gefunden – eifrig fort – »Was müssen die anderen Geistlichen, was müssen meine Collegen denken, wenn hier, ich möchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen geschmiedet würden, mit denen man sie – und warum denn überhaupt auch nursie, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst – fortwährend angreift und bekämpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig – treiben Sie mich nicht zum Aeußersten – ich kann Ihnen allerdings, unseren jetzigen liebenswürdigen Gesetzen nach – die Herausgabe einessolchenBlattes nicht officiellverbieten– und werde das auch nicht – geben Sie es aberdochheraus, achten Sie das, was ich darüber denke, so gering, und wollen Sie derganzenGeistlichkeit, und also auchmirfeindlich gegenüberstehen, so messen Sie sich auch die Folgen bei, die das für Sie haben würde.Noch sindwir die Herren –nochgelten unsere Berichte, und die Schlußfolge können Sie sich selber daraus ziehen. – – Ich hoffe aber,« fuhr er nach ziemlich langer Pause, in der keiner der übrigen Männer ein Wort erwiederte, etwas ruhiger fort – »daß Sie über das oben Gesagte – über Ihre Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich dächte sogar, ich hätte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab' ich Sie z. B. je in der Schule belästigt, ist die nicht allein Ihrem Wirken und Fleiße überlassen? – Was Anderen geschieht, gehtSieaber Nichts an, um das mögen sich auch Andere kümmern. Und das alte Verhältniß ändern? – Lieber Hennig,glauben Sie nur, ich habe darin mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte hinein, als Sie glauben möchten – die Umsturzparteihättedas vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Händen; jetzt aber ist es zu spät – mit dem Bade schütteten sie das Kind heraus, die ganze Welt traten sie auf den Fuß, und wollten sich dann nicht einmal entschuldigen; nun – stehenwiraber wieder fester, als wir, möcht' ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also überlegen Sie sich das, lieber Hennig – denken Sie an das Gleichniß mit der Mauer – ein Kopf ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernünftiger Mann darf nichtsUnmöglichesversuchen wollen.«
Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verließ das Zimmer – als ihm Hennig wie träumend nachschaute, bemerkte er erst, daß Sophie Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell – er glaubte scheu – zu Boden nieder.
Hennig stützte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor sich nieder.
»Hennig« sagte da Pastor Brauer und ergriff desFreundes Hand – »Sie wissen, daß ich in früherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung getheilt habe.«
»InfrühererZeit?« frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf – »habenSiesich da verändert, oder ich mich, daß das nicht mehr der Fall sein sollte?«
»Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben« lächelte da Brauer, »aber die –Zeitenhaben sich geändert – in der Welt selber ist vieles Anders – manches schlechter geworden, als es früher war, und dem Menschen ward deshalb der überlegene Geist gegeben, daß er nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern überlege, prüfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden,handele, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen gewesen.«
»Und sind es auch hoffentlichnochnicht« rief Hennig in erschrecktem, fast bittenden Ton – »es wäre hart gerade jetzt im schwersten Kampf einen solchen Freund zu verlieren.«
»Ich bin esnochnicht« bestätigte Pastor Brauer, »aber doch auch nicht in so ausgedehntem Maaße, wie Sie vielleicht zu vermuthen scheinen. Der Lehrer muß in seinem Einkommen, in allem, was seine pecuniärenVerhältnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner befreit werden von den lästigen Küster- und Glöcknerdiensten, deren Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat ausgezahlt wird, zu vermissen braucht – was aber dieInspectiondes Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da weiß ich doch nicht, ob es nicht – in den meisten Fällen natürlich nur, denn eine Ausnahme davon sind Sie zum Beispiel – nicht doch besser wäre, wenn es –«
»Eben beim Alten bliebe –« ergänzte Hennig monoton, und schaute voll und klar zu dem Geistlichen auf.
»Nun Gott ja, wenn Sie's so, –« sagte etwas verlegen lächelnd, Brauer, während er mit dem Frühstücksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, »wenn auch das Wort, ›beim Alten lassen‹ im letzten Jahre etwas verpönt geworden ist. – Ich will übrigens gar nicht, daß es ganz beim Alten gelassen werden soll, der Herr Pastor Scheidler hat Ihnen früher schon selber einen trefflichen Vorschlag, gründliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem Schulvorstand zur Majorität die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin ich doch fest überzeugt, daß Sie sich nicht darüber beklagen dürfen und thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«
»Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr Pastor Brauer, als Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen fort, »daß sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem Sinne ausgesprochen haben – Sie wissen ja sogar was die Hornecker darüber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, daß siewohlgesinntereInspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu hoffen haben. Die Schulmänner sind nicht selten – ich spreche hier von den alten starren Fachleuten – anmaßend und pedantisch, und würde Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem beaufsichtigt, überwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht, der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl einer, vielleicht sehr geringen Majorität zu ihrem Vorgesetzten gemacht wurde? – Der Geistliche kann auch am kräftigsten dahin wirken, bei seiner Gemeinde die Theilnahme für die Schule zu wecken und zu erhöhen. Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in die Hand arbeiten, den Lehrer schützen und stützen können gegen Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hüter werden.«
»EinHüter– das war das richtige Wort« sagte Hennig rasch, aber mit einem recht wehmüthigen Ausdruck in den Zügen – »›auch Du mein Sohn Brutus‹ – sehen SieHerr Pastor, das thut mir recht in der Seele weh, daß wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen können wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht geändert – dieZeitenändern sich nie – die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre Ansichten, und es ist traurig, daß die stets durch ihre Verhältnisse bestimmt werden. Wäre das freilich nicht, so würden wir vollkommen sein. So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, derPastorscheint sich aber in das gefügt zu haben, was denDiaconusals unerträglich drückte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche – nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. – Sagen Sie mir lieber, was Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat – ich bin bereit, es zu hören.«
»Aufgetragen?« frug Pastor Brauer leicht erröthend, »aufgetragen in der That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die Zeitung, wenigstensnicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kündet erscheinen zu lassen. – Sie machen sich viele Feinde und richtendadurchwahrlich Nichts, weder für sich noch ihre Standesgenossen aus. Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn, dann werden Sie den wachsenden Baum schöne und herrliche Früchte tragen sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstören Sie gerade das, was Sie zu wecken wünschen.«
Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen, Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:
»Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schönen Ziele entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten, und Gott wolle verhüten, daßdieZeit, die schöne Zeit vorüber sei. Hier aber handelt es sich um das Höchste was der Mensch in seinem Innern erkennen sollte – um seine Ueberzeugung – hier handelt es sich um das, wonach ich mit allen meinen schwachen Kräften getrachtet und gestrebt – hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder verzweifelndjedeHoffnung aufgeben zu müssen – von einem Rücktritt kann da keine Rede sein.Ich sehe in der Selbstständigkeit des Lehrers die einzige Möglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in dieser wieder nur die Aussicht auf eine mögliche Selbstständigkeit desselben –sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie heranzubilden? Und ist der Lehrer etwanichtgeknechtet, liegt nicht jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht die schmählichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen Geist niederbeugen müssen? Nein, wohl weiß ich, daß sich viele Lehrerconferenzengegendie Trennung der Kirche von der Schule ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht, daß sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen – sie begreifen nicht, wie alle die Uebelstände, die sie jetzt aus einer Ueberwachung der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das Aufhören des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstürzen müßten. Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr für mich, und ein Schritt weiter zurück, kündet uns auch hier die Ursache. Wie werden die Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt – wie erbärmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen Willen des ›Hausmanns‹ angewiesen sind– wie gedrückt ihre Behandlung –das Allesmuß anders werden, der Lehrerposten muß einEhrenposten werden im Staat, unddaßer das werde, dahin geht mein Streben. Ueberzeugen Sie mich, daß ich den falschen Weg gehe und ich will umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, überzeugt michnicht.«
»Aber der Herr Pastor Scheidler.«
»Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn muß, ich handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten – das Vehmgericht des Schulvorstandes – werden hoffentlich auch bald ihr Ende erreichen.«
»Ich sehe, wir überzeugen einander doch nicht,« sagte Brauer lächelnd – »Sie sind einmal unverbesserlich – doch, Sie haben wohl auch gar hier Stunde zu geben, da will ich nicht stören.«
»Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen,« sagte Sophie, die bis dahin, dem Gespräch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nähtisch gesessen hatte.
»Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn?« frug Pastor Brauer den Schulmeister.
»Er wird sich herzlich freuen« – erwiederte dieser – »wir haben ihn heute, wo die Schulstube doch nicht gebrauchtwird, herunter in diese geschafft, damit oben nur einmal gelüftet werden kann. Er ist übrigens um vieles besser, und ich denke, wir werden ihn wohl durchbringen.«
Pastor Brauer nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen Fräulein Scheidler, nickte Hennig freundlich zu und verließ das Zimmer. –
Als Pastor Brauer die Thür hinter sich zugezogen hatte, räumte das Mädchen die noch vom Frühstück dastehenden Teller und Gläser hinaus, und Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu beginnen.
Hennigs Wangen glühten von der gehabten Unterredung in fieberhafter Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewöhnlichen Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die gewöhnlichen Stunden auf gewöhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen war's ihm leicht und hell geworden – das klare Bewußtsein, der feste Wille, sein schönes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderniß, keine Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine größere Elasticität, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefühlt und empfunden.
Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf – der ganze schöne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell an seiner Seele vorüber und wie von Seraphsklängen durchschauert, hörte er den süßen zitternden Laut, der in heiligen, ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.
»Herr Hennig!« sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien entging, obgleich sie, während sie sprach, die Augen auf das Papier geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.
»Fräulein Scheidler –«
»Ist Ihnen nicht wohl?« frug Sophie, der die plötzliche Blässe des jungen Mannes auffiel – »Sie sehen so bleich aus.«
»Nein – ich danke tausendmal – es ist wahrlich Nichts – nur die Aufregung vorher, vielleicht – ich war in der Vertheidigung meiner Lieblingsidee warm geworden, ich fühle mich jetzt schon wieder ruhiger.«
»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie – »sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an Sie thue.«
»Mein Fräulein. –«
»Nun gut – sehn Sie – Sie – Sie meinen es mit der Schule und Ihrem Stande gewiß recht gut, und – sollte ich so recht frei vom Herzen weg reden – und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube, ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres ›Gute Nacht‹ von ihm – als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas nachsehn – überhaupt – und nicht wahr, Herr Hennig,mirwerden Sie über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer –«
»Fräulein Scheidler –«
»Also will ich's wagen – ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der Seite an – »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise erwartenmuß, daß er einguterMensch sei, die Oberaufsicht über die Schule führe? – und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie – nur ein ganz klein wenig von Ihren Ansichten – abweichen – wenigstens die häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat wirklich – aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort davon sagen – die besten Absichten mit Ihnen. – Es steht Ihnen eine ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor – nur ein klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte, sondern nur still und wehmüthigvorsich niedersah, fort – »es ist wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«
»Auch Sie, Fräulein Scheidler?« sagte Hennig leise und ohne die Augen vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthümlichen Ausdruck im Ton, daß Sophie im Anfang nicht gleich recht wußte, ob diese Frageauf ihre letzte Aeußerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte.
»Auch ich,« erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht erröthend – »warum ich weniger?«
»Und zu meinem künftigen Glücke, sagen Sie, wäre es?« frug Hennig, jetzt voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck im Antlitz des Mädchens bemerkend, fort – »mein Glück soll damit gesichert sein, wenn ich, abhängig wie bisher, kaum so gestellt, um allein in der Welt dastehn und leben zu können – viel weniger denn daran denken zu dürfen, auch anmeinenHeerd ein trautes Weib einst heimzuführen, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild Tag und Nacht vor Augen haben will – mein Glück soll gesichert sein, wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken nehme und dafür Alles – Alles – doch nein,« brach er plötzlich ab, »Sie können nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-, mutter- und freundelosem Herzen aussieht – wie sich dessen ganzes Streben dann, einmal erwärmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele hindrängt und dem Ziel mit allen – allen – mit den letzten Kräften entgegenwirkt.Daringetäuscht, und es müßte rettungslos untergehn, denn für ein zweitesblieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer einzigen Sehne mehr.«
»Aber ich verstehe Sie nicht,« sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie wußte selbst nicht warum, beängstigt.
»Halten Sie es nicht für möglich, Fräulein Scheidler,« sagte da Hennig, durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mädchens wunderbar befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen, unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt – entscheidend, denn er sollte den Urtheilsspruch über sein ganzes künftiges Leben sprechen – hingezogen, »halten Sie es nicht für möglich, daß ein armer, bis jetzt schon durch seine Verhältnisse unterdrückter Schullehrer auch in seinem Inneren sich ein höheres – das höchste Ziel gesteckt haben könnte? Würden Sie dem armen Mann da zürnen, wenn er Stolz und Selbstgefühl genug in sich trüge, sich selbst des Höchsten für werth zu halten?«
»Ich verstehe Sie wahrlich nicht,« flüsterte Sophie, aber eine unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flüstern.
»Ich habe neulich,« sagte da Hennig plötzlich, den Kopf dabei in die Hand stützend und stier vor sich niederauf den Tisch schauend – »ein kleines Märchen gelesen – darf ich es Ihnen erzählen?«
»Ja,« flüsterte Sophie – »aber – aber unsere Zeichnen–« Stirn und Wangen glühten ihr, während Hennigs Gesicht von Todtenblässe überzogen war. Dieser begann – die letzten Worte überhörend – mit ruhiger Stimme:
»Weit entfernt von hier, in einem schönen herrlichen Lande, wo der ewig blaue Himmel reizende palmbeschattete Thäler überspannt, da wohnte ein fleißiges, arbeitsames, aber sonst unterdrücktes und geknechtetes Volk. Ein ungeheurer mächtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrücken, durch dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land führte, und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, daß sie gediehen und glücklich wurden. Selbst der König war nicht im Stande, das zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn – er schämte sich aber auch seines Volkes, daß kein einziger Held genug darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das Land – die kommenden Generationen – von dieser Geißel zu befrein.«
»DerKönig, Fräulein Scheidler,« fuhr Hennig mit etwas leiserer, bewegterer Stimme fort – »hatte eineinziges holdes Töchterlein, und hoch erhaben stand sie über den armen niedergedrückten Unterthanen des Reichs – Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen genagt, daß sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen – und wenn es selbst ein Riese gewesen wäre – sollte knechten lassen, und er gürtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen – immer aber fehlte ihm das Höchste dazu, um glücklichen Erfolg und Sieg sich zu versprechen. – Nicht der Muth etwa – er war voll hohen Muthes und kannte keine Furcht – nicht die Ausdauer – sein in der Schule des Leidens und Entsagens gestähltes Herz verließ ihn nicht in Sturm und Noth – aber noch fehlte ihm die Begeisterung – die Begeisterung für das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken läßt.«
»Da sah er des Königs Töchterlein – es war nureinBlick in das treue seelenvolle Auge, aber er zündete wie ein Strahl aus himmlischen Höhen. Undsiedes Königs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer, der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es wagen, die Augen zu ihr zu erheben? – Und weshalb nicht? – was adelte in alten Zeiten den kühnen Mann, als eben die kühne Mannesthat?– was schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth – der treue unerschütterte Muth in Kampf und Gefahr? – Mit Gott – war sein Wahlspruch – mit Gott dem Feinde die frei Stirn geboten – mit Gott den ungleichen Kampf gegen Uebermacht und Gewalt begonnen, und blüht Dir dann der Sieg Du armer treuer Knappe – prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann – dann – ach wer darf es dem armen Manne verdenken, daß er, berauscht von solchem Traum, keine Möglichkeit des Mißlingens dachte.«
»Wenn das ein Gleichniß sein soll, das den Kampf der Schule mit der Kirche darstellt,« sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all ihrer Noth gar nicht wußte, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung abwenden – eine weitere Erklärung wenigstens verzögern solle – mit erzwungenem Lächeln, »so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft für meinen Vater – der wäre ja denn auch wohl mit unter dem ›Riesen‹, dem ›Ungeheuer‹ verstanden – aber Sie – Sie haben das wohl nicht so bös gemeint.«
»Sophie,« sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen Bewegung Meister zu bleiben – »Sophie,« flüsterte er, mit kaum hörbarer Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht entzogen wurde – »bleibtdem Armen die Begeisterung? – lacht ihm in jenes königlichen Kindes Augen der herrliche Lohn für Tapferkeit und Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrückter Bewohner des Thals, nein als freier, selbstständiger – alsbefreiterMann sein Knie vorderJungfrau beugt – wird ihm der Lorbeer- und der Myrtenkranz?«
Sophie entzog ihm ihre Hand – barg einen Augenblick ihr Antlitz darin und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:
»Ich würde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstände ich den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, daß mich ihr Inhalt tief ergriffen hat – ich hatte keine Ahnung von solchen Gefühlen – konnte sie nicht haben – und es bleibt mir nureineErwiederung. – Wenn nun – wenn nun der kühne Kämpfer auf des Königs Schloß käme – und fände – und fände, daß indessen ein Fremder – ein Gast ihres Vaters – die Liebe – die Hand des Mädchens erhalten?«
Hennig erhob sich still von seinem Platze – er schaute lange und fest auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinüber, dann ergriff er langsam ihre Hand – zog sie an seine Lippen – drückte einen leisen, leisen Kuß darauf – und verließ das Zimmer.
Hui, wie der eisige Nord über die düstere eherne Erde pfiff und brauste; wie er die Gräser und Blüthen knickte, die der milde Herbst noch geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Blätter von den Bäumen riß, und sie im tollen Spiel über die Haide trieb, und die spröden staubigen Schneeflocken dann in dünnen durchsichtigen Nebelschleiern an Hängen und Halden vorüberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und die Bäche und Quellen faßte, und in stählerne Banden schlug.
Winter; die Oefen glühten, und dicht verschlossene Thüren hielten den kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle draußen –Winter– in Mäntel und Pelze gehüllt, schritt der Wanderer die öden hartgefrorenenPfade entlang –Winter– die dünnen Lumpen fest um sich hergezogen, lag der Arme fröstelnd und zusammengekrümmt auf seinem harten, kalten Lager, und träumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern – träumte – bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in Leben und Bewußtsein rief.
Der Winter war in aller Kraft und Stärke, und zwar ganz auf einmal und urplötzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz im Haar – sondern toll, wild, wie ein roher, wüster Kriegsgesell, der mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der Menschen einbricht, und was er nicht plündern kann, zerstört und in Stücke schlägt, – nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille, reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern, und des kommenden Frühjahrs harren, die dem Wald jene großartige stille Ruhe verleiht, und den Dörfern ein so sauberes, ja selbst hübsches Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von außen halb umschließen, daß der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er sonst muthwillig in die Stube dringt – wo die festen Decken auf den Strohdächern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davonherunterhängen, und hohe schloßenweiße Haufen, welche die vor den Thüren gekehrte »Bahn« umdämmen – wo die rothbackigen Kinder auf kleinen schmalen Schlitten mit ängstlich fröhlichen Gesichtern den steilen Kirchberg herunter schießen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue niederfahren zu können – wo die Hecken und Obstbäume darein schauen, als ob sie, in schützende wollene Decken gehüllt, mit ruhigem Vertrauen jetzt einer etwa schärfer hereinbrechenden Kälte entgegensehen würden.
Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Straße bannte er in ihre Form, die Sturzäcker blieben unerbittlich hart und schroff – dem grünen Raps auf den Feldern draußen, wo der Hase Nachts sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord fand, brach er das Herz, daß er gelb und abgestorben dahin welkte – den Pflug, den noch der nachlässige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit unerschütterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt – die Gräser starben, die Bäche standen, und knarrende, ächzende Wagen führten in geschäftiger Eile die so nöthige Feuerung aus dem starr und trübseligdem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.
Es war Weihnachten – und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein dreifacher Feiertag – Sophie, des Pastors Töchterlein wurde heute, am 24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter, der freundlich zusammenflüsternden Gemeinde als ehrsame Braut des Franz Hermann Wahlert,Dr. phil.und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. – verkündet, und das holde Kind selber saß, tief das Köpfchen gesenkt, daß Niemand das rosig übergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken entweihen und zu noch höherer Röthe treiben könne, auf ihrem stillen versteckten Plätzchen, schräg der Kanzel gegenüber.
An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler hatte, um das schöne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat aber so lange, andemTaggarkeine Gäste sehen und ihn ganz allein und still in der Familie verbringen zu dürfen, bis der Pastor endlich nachgab, und nur kopfschüttelnd meinte, das sei wieder einmal eine der wunderlichen Launen seines lieben Töchterleins, der sich Vaterund Mutter, sie möchten nun wollen oder nicht, fügen müßten. Es geschah aber doch so, und nur das ließ sich der Pastor nicht nehmen, daß den beiden Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und einetüchtigePortion Kuchen hinübergesandt würde, und Sophie mußte das selber besorgen.
Der Tag verfloß so in der Pfarre in stiller häuslicher Glückseligkeit, und der Plan für den Tag war folgendermaßen bestimmt. Nach der Predigt wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter angezündet standen, und die Herzen der Kinder in ängstlicher freudiger Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor Scheidler am Altar drüben seines ältesten Töchterleins Hand in die des Mannes, der ihr für ihr ganzes künftiges Leben Schutz und Hort sein sollte, und zum Christbaum hinüber führte der glückliche Bräutigam die erwählte liebe, trauteGattin.
So glücklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trübe und traurig stand es in der Schule drüben, Kleinholz war heute einmal recht schwach und elend geworden, klagte fortwährend über Kälte, trotzdem daßsie ihn unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht, und wollte Luft – Luft – Luft haben. Das aber war nicht gut möglich, denn hätten sie Fenster oder Thüren geöffnet, so wäre der kaum erwärmte Raum augenblicklich wieder durchkältet worden, und jener eigenthümliche feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drückender auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei aufathmen zu können.
Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt und wirklich ängstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mußte sie in demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen und anziehen, in der Röhre das spärliche Mahl kochen, und das Geschirr am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen. Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht – heute Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht – die erste Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit abgesorgt und gequält – heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief, eine ausführliche und genaue Beschreibung seinerFlucht brachte. Und selbst auf dem Schiff, das ihn hinüber in das Land der Freiheit führen sollte, war er geschrieben, schon in der See draußen erst vollendet und zugesiegelt worden, und der »Lootse« (Lieschen wußte freilich nicht,wasdas für ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch dafür von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurück an's Land, wo er versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mußte der sein Wort gehalten haben – aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere, fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar wunderlich aussähen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden für das arme so übervolle Herz. Und was versprach er nicht alles für die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleißig sein, und viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, daß er sich ankaufen, und die Lieben dann alle, alle hinüberholen könne – und wie herrlich wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.
Lieschen las den Brief wohl fünf sechsmal durch, und trug ihn dann auch noch in der Tasche herum, daß sie dann und wann darnach fühlen, und sich immerüberzeugen könne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glücklich, jeder Gefahr entronnen – nur dem bösen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst und Grausen dachte – dem schönen, herrlichen Amerika – jetzt dem gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Träume, entgegen.
Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert – ei, wie die Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren durften, liebäugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjähriger blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, daß ihn der Vater, vom Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme unterstützen mußte.
Schweinebraten – Du lieber Gott – wann war auf Schulmeister Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen – und zwei Flaschen Wein – nein, da hörte alles auf. – Eine Flasche wurde übrigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte es Hennig angeordnet – und aus der anderenschenkte er jetzt in die wenigen Gläser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschälchen, das hellblinkende flüssige Gold ein.
»Und Sie selbst wollen nicht mittrinken?« frug Lieschen erstaunt und bittend – »o guter Herr Hennig, das dürfen Sie uns nicht zu leide thun.«
Hennig hatte Kopfschmerzen – der Wein bekam ihm überhaupt nicht, und heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte, wollte er es jedenfalls unterlassen – vielleicht morgen. Weiteres Zureden half nichts, und das Mahl – und wie fettig sahen die Kinder danach aus – ging still und ruhig vorüber.
Die Betstunde war gehalten – die rothglühende Sonne, die den ganzen Tag hell, aber nicht erwärmend geschienen, sank hinter die dunkelgrünen Fichtenwände, und der Abend brach mehr und mehr herein.
Weihnachten dämmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschäftigen Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grünen zackigen Baum, mit den goldfunkelnden Aepfeln und Nüssen, dem köstlichen Zuckerwerk, und all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. – Mit Deinem geheimnißvollenverschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in heiliger Scheu und Ehrfurcht erfüllst. – Und jetzt – jetzt – endlich tönt das, o wie lang, wie heiß ersehnte Klingeln – die Thür wird aufgerissen – der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige, und jetzt doch so scheu und schüchtern zögernde Schaar der Kleinen. Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt – überwunden – das Jüngste wird auf dem Arm seinem Plätzchen mit dem kleinen winzigen Baum für sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drängen, dadurch Muth gewinnend, die älteren Knaben und Mädchen, und jetzt –
O Leser, wie unglücklich müßtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne das Heraufbeschwören des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst empfändest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum geführt zu sein –hastDu das aber – glühte Dir nun einmal der helle funkelnde Kerzenglanz in's Thränen gefüllte Auge, dann giebt es keine Macht auf dieser Erde – den Wahnsinn vielleicht ausgenommen – die Dir so lange Du lebst und athmest, die Erinnerung – die selige Erinnerung an jene Zeit, rauben könnte. Ja, je ärger Noth und Sorge auf Dich einstürmt, je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Ländern einsam, freundlosirrst, mit desto lebendigeren, desto glühenderen Farben tritt das Andenken an jene selige glückliche Zeit in den trüben Rahmen Deiner Gegenwart, und nur dann zerfließen die Gebilde in ihr ödes trauriges Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu erreichen.
Weihnachten brach an, Pastors Kinder saßen, in die Hinterstube gebannt, ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu kürzen – doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere auf und stürmte der Thüre zu, dort das Auge an das Schlüsselloch zu pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem längst erwarteten Rufe käme.
In der Kirche stand indessen der Altar festlich geschmückt und erleuchtet und trotzdem, daß auch bei ihnen daheim die Kinder alle warten und ausdauern mußten, saß fast die ganze Gemeinde im Gotteshaus versammelt – Pastors Sophiechen war aber auch mit ihrer Engels Güte und Sanftmuth der Liebling des ganzen Dorfes und deren Ehrentag hätten sie um's Leben nicht versäumen dürfen.
Oben auf der Orgel befand sich die ältere Schuljugend,der Theil der ersten Classe, den der Lehrer zu den geistlichen Liedern tüchtig eingeübt, daß er die vor und nach der Predigt gesungenen Lieder, wie die manchmal abirrenden Gemeindemitglieder ordentlich in Takt halten könne, und der Schulmeister selbst saß vor seiner Orgel, und schaute in einen, über den Tasten gewöhnlich schräg angebrachten kleinen Spiegel nach dem von hellem Lichterglanz umflossenen Altar hinüber, vor dem, den Rücken dem hoch über ihn hinragenden Krucifix zugekehrt, der Pastor stand und dem jungen Brautpaar mit von eigener Rührung oft unterbrochener Stimme, gar nicht wie er es sonst gewohnt war, in schwülstigen Phrasen und Redensarten, sondern schlicht und einfach vom Herzen weg, und deshalb auch wieder mit solch unwiderstehlicher Gewalt zum Herzen sprechend die Trauungsrede hielt.
Sophie deckte ihre Augen mit dem Tuch und konnte der Thränen nicht wehren, und selbst Wahlert – der sonst über den christlichen Cultus seine ganz besonderen Ansichten mit sich herum trug – stand gerührt und schämte sich fast über die unmännliche Thräne, die ihm, er mochte an sich halten so viel er konnte, die Wimpern füllenwollte.
Nicht weit von dem Paar, aber mehr zur Seite,und von ein paar hölzernen Pfeilern vollkommen gedeckt, lehnte, in ein weites dunkles Tuch geschlagen, eine schlanke, weibliche Gestalt, und lauschte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten des Predigers. Ihr Antlitz ließ sich aber nicht erkennen, die schwarze Nebelkappe, die sie trug, deckte die Züge, hätte sie den Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte abgewendet, vollkommen.
Die Rede war beendet, die gewöhnliche Trauungsformel wurde gesprochen, und das Ja der beiden jungen Eheleute, so leise und schüchtern es Sophie mit ängstlich pochendem Herzen aussprechen mochte, klang klar und deutlich, während die Versammlung in Todtenstille selbst nicht zu athmen wagte, bis in die entferntesten Theile des gewölbten Raumes. Die Frau hinter dem Pfeiler zuckte zusammen und stützte die Schultern fest und sicher gegen das breite Holz, kaum aber waren die Worte gesprochen, als oben auf der Orgel der Schulmeister Hennig mit den klangvoll schwellenden Tönen das einfache herrliche Lied, in das die Gemeinde jauchzend mit einfiel, anstimmte: