Neuntes Kapitel.Der Brandstifter.

Indessen müssen wir aber doch wohl einmal wieder zu dem Genossen des Diebes zurückkehren, der den kaum minder gefährlichen Auftrag des Brandstiftens auszuführen hatte, und zu diesem Zweck auch schon um acht Uhr, im Wagenschuppen über dem noch eine Partie Reisigbündel lagen, sein Versteck gewählt hatte. Hier nun hätte er seine Absicht mit größter Leichtigkeit und fast ohne Gefahr ausführen können, hier war aber das Hinderniß, daß der Wagenschuppen eigentlich mit keinem größeren Gebäude in Verbindung, ferner doch wieder zu sehr in der Nähe der herrschaftlichen Wohnung, und überhaupt so stand, um schwerlich große Besorgniß zu erregen, wenn er wirklich brennen sollte. Auf die Verwirrung im Gut war aber großentheils sein Plan gebaut, und gelang es ihm nicht, die hervorzubringen, sowar Poller vielleicht nicht einmal im Stande, das Geld zu bekommen, und die ganze Mühe und Angst umsonst gewesen.

Es blieb keine andere Wahl, als die etwas gefährliche Expedition gegen die Scheunen zu unternehmen, und so wie sich der Hof ein wenig beruhigte, d. h. so wie die Knechte ihre Pferde, die Mägde ihre Kühe besorgt, und sonst ihre ganze Tagesarbeit beendet hatten, und nun in die Gesindestube gingen, die ersteren, um sich faul auf die Bänke auszustrecken, die letzteren noch bis um zehn Uhr für die Herrschaft zu spinnen, da schlich er langsam und vorsichtig aus seinem Versteck heraus, drückte sich, immer dabei im dunkeln Schatten der Mauern bleibend, über den Hof hinüber und an den Ställen vorüber, und erreichte eben das Obertenne, als er Schritte dicht hinter sich hörte. Es blieb ihm weiter Nichts übrig, als sich rasch hinter ein paar Schiebkarren zu werfen, die umgekehrt neben der Düngergrube standen, und dort zu warten, bis sich die unwillkommenen Störer entfernt hätten.

Es war der Verwalter mit dem Brenner, die neben einander auf dem schmalen, zwischen den Schweineställen und der Düngergrube liegenden steinernen Damm hingingen,und der letztere sagte, gerade als sie bei Krautsch vorübergingen, zum Verwalter:

»Sie können sich darauf verlassen, ich habe Jemand dort drüben an der Mauer hin und hierher zu schleichen sehen; es war jedenfalls ein Mann, der es um jeden Preis zu vermeiden schien, von Jemand gesehen zu werden. Jeder Andere, der ruhig seinen Weg hier hinter zu ging, wäre mir ja sicherlich gar nicht aufgefallen.«

»Ja, aber was soll denn Einer hier hinten zu suchen haben?« sagte der Verwalter, und blieb vielleicht zehn Schritte von Krautsch stehn – »Die Scheunen sind verschlossen – Schweine kann er nicht stehlen, denn er bringt sie unbemerkt gar nicht aus dem Hof, und Getreide? da müßte er erst durch die Ställe zu den Thüren, und das wäre doch sehr viel gewagt. Uebrigens sah ich auch Niemand, wir sind jetzt fast durch den ganzen Hof gegangen, und hier kann sich doch wahrhaftig Keiner groß verstecken – er müßte denn unter dem Schiebkarren dort liegen.«

Krautsches Herz schlug ihm wie ein Hammerwerk in der Brust – wurde er hier versteckt gefunden, so war er jedenfalls verloren, denn dann kam auch mehr zur Sprache, als gerade der jetzige Verdacht. Und noch dazu das verdammte Feuerzeug, das er bei sich trug, hättedas nicht auf das vollständigste gegen ihn ausgesagt? – Er fuhr schnell mit der Hand in die Tasche, griff den verrätherischen Brennstoff auf und wollte sich hinunter auf den Dünger fallen lassen, als der Brenner zum Verwalter sagte:

»Wenn wir nun einmal in den Ställen nachsähen? – hier draußen wird er sich schon nicht verhalten – ist er irgendwo hier, so kann er kaum bis in den Pferdestall gekommen sein.«

Krautsch athmete wieder hoch auf – gingen sie in den Pferdestall, so konnte er sich zu einem sicheren Ort zurückziehn, und bessere Zeit abwarten – im schlimmsten Fall wenigstens entkommen. – »Gott sei Dank,« murmelte er leise – sie gingen wirklich auf die Stallthüre zu – traten hinein – jetzt war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren – er richtete sich auf, um, so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder zu erreichen, knirrschte aber auch gleich darauf einen wilden Fluch zwischen den zusammengebissenen Zähnen, als er in demselben Moment, gerade von daher, wohin er wollte, Schritte und Stimmen hörte. Er hielt sich schon für entdeckt, und machte sich nur bereit, die erste Ueberraschung der Kommenden zu benutzen, neben ihnen hin Bahn, und dadurch Vorsprung zu gewinnen, undwenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen, da stieß er auf den schmalen Damm und, hinter einen kleinen Vorbau der niederen Ställe tretend, an eine nur angelehnte Thür – der Koben war jedenfalls leer, und ohne sich auch nur einen Moment zu besinnen, ja nicht einmal der Gefahr gedenkend, der er ausgesetzt wäre, wenn Jemand zufälliger Weise von außen den Riegel vorschob, schlüpfte er hinein, und zog die Klappe hinter sich zu.

Gleich darauf kamen der Verwalter und Brenner wieder aus den Pferdeställen zurück, gingen einzeln rings um den Hof herum, sprachen einige Minuten mit den letzten, deren Stimmen Krautsch gehört, und gingen dann wieder nach vorn; es war jetzt ebenfalls für sie Essenszeit und ihr Suchen doch erfolglos geblieben.

Krautsch getraute sich noch eine lange Zeit danach nicht aus seinem, so glücklich gefundenen Schlupfwinkel heraus, die Zeit verrann aber auch mehr und mehr, auf der Gutsglocke hatte es schon lange ein Viertel geschlagen, und ein Entschluß mußte endlich gefaßt werden. Vorsichtig recognoscirte er jedoch erst, ob die Luft rein sei, ehe er seinen duftenden Bau verließ. – Es war kein Mensch mehr zu hören noch zu sehen – der Hof lag in Todtenstille, nur dann und wann scholl das dumpfeBrüllen einer Kuh, das Blöken eines Kalbes, oder das Scharren und Schlagen eines noch unruhigen Pferdes durch die schweigsame Nacht. Auch der Himmel schien dem Vorhaben günstig, der Wind fing an ziemlich scharf zu wehen und es wurde recht bitter kalt, Krautsch war wenigstens, trotz seiner sehr warmen Kleidung, halb erstarrt, und konnte seine Finger kaum regen.

Schon deshalb durfte er aber auch keine Zeit verlieren – rasch trat er also aus dem Koben heraus, sprang auf den hart gefrorenen Dünger hinunter, auf dem er unbemerkter nach den Scheunen hingelangen konnte, und erreichte bald eine günstige Stelle, an der er hoffen durfte, sein bübisches Vorhaben rasch und unentdeckt ausführen zu können.

Es war dieß der Ort, an dem die Düngergrube gerade da in eine ziemlich scharfe Spitze auslief, wo das Ober- und Untertenne durch ein niederes kleines Haus, in denen Strohschneidemaschinen etc. standen, getrennt wurde; dort lagen gerade heute Abend etwa ein Dutzend Schütten Stroh, welche die Knechte liegen gelassen hatten, um erst zum Abendbrod zu gehen und nachher die Schlüssel zu der Kammer gleich mitzubringen. An diese drückte er sich hinan, sah sich vorher noch einmal schüchtern um – es war kein Mensch zu sehen – entzündeterasch einige Schwefelhölzer, und an diesen ein kleines Packet, das er aus Schwefelfaden, Schwamm, und anderen leicht brennbaren Sachen zusammengewickelt bei sich trug, und schob diesemitseinem Feuerzeug, damit man selbst im ungünstigsten Falle, daß er doch noch erwischt würde, keine Beweise des Brandstiftens bei ihm finde – in eins der Löcher hinein, die unten in den Scheunen stets angebracht sind, damit das innen aufbewahrte Getreide auch hinlänglich Luft habe, und nicht modere und verderbe.

Das Knistern und Knattern drinn verrieth ihm bald, daß sein Verbrechen gelungen sei – er stopfte also schnell etwas leichtes Stroh von außen hinein, daß man die Gluth vom Hof her nicht so leicht erkennen und zu schnell dagegen einschreiten könne, und sprang dann ohne einen weiteren Augenblick zu verlieren, in die Grube zurück, jetzt das Uebrige dem Geschick überlassend, und nur einzig und allein darauf bedacht, seine Flucht glücklich zu bewerkstelligen.

Unbemerkt hatte er auch schon, wie er meinte, das Ende des hinteren Hofes und die Stelle erreicht, wo neben dem Herrenhaus die Gesindestuben, die Verwalterei, Brennerei und noch einige andere Gebäudelagen, und eben wollte er über den freien Platz hinlaufen, um das noch offene Thor zu gewinnen, als plötzlich, aus der dunklen Thür der Brennerei eine ziemlich breite kräftige Gestalt, ohne ein Wort zu sagen, vorsprang, und ihm den Weg abschnitt. Krautsch stutzte einen Moment, und war noch ungewiß, ob er suchen sollte vorbei zu kommen und einen möglichen Angriff zurück zu schlagen? – Wie aber, wenn sich die beiden Fäuste da in seine Kleider hingen, oder ihn umklammerten, und trotz alles Widerstandes doch festhielten? Die Gedanken zuckten ihm mit Blitzesschnelle durch den Kopf, und fast unwillkührlich wandte er sich zu gleicher Zeit wieder seitwärts ab, seinem früheren Versteck, dem Holzschuppen zu. Kaum aber sah jener zu so ungelegener Zeit erstandene Verfolger, daß der, auf den er bis dahin nur den dunklen Verdacht böser Absichten gehabt, zu entfliehen suchte, als er den auch völlig bestätigt fand und nun laut nach Hülfe rief, um den Flüchtigen einzufangen.

Krautsch war's, als er den lauten Ruf hinter sich hörte, und nun ganz genau wußte, was ihm, wenn er eingefangen würde, bevorstand, gerade so zu Muthe, als ob ihm Jemand ganz plötzlich und unerwartet einen Kübel eiskaltes Wasser über den Leib gegossen hätte; er floh nun in raschen Sätzen der Stelle zu, wo diePflüge und Eggen theils aufgeschichtet, theils in Reih und Glied umgedreht und geordnet standen, und hoffte, wenn er über die wegsetze, seinen Verfolger entweder abzuhalten, oder doch zwischen dem Ackergeräth zum Fall zu bringen. Dieser aber – der Brenner, der, wie wir schon früher gesehn, zuerst dem Verwalter seinen Verdacht mitgetheilt, und dann aufgepaßt hatte, ob er den Eingeschlichenen vielleicht doch noch ertappen könne – war zu genau mit dem Terrain bekannt, um in eine solche Falle gleich zu gehen. – Er wußte recht gut noch, nach welcher Richtung hin der Unbekannte einzig und allein nur fliehen könne; er brauchte deshalb also gar Nichts weiter zu thun, als ihm den Weg nur so lange abzuschneiden, bis er Hülfe bekam, und nachher durfte Jener gar nicht mehr hoffen zu entkommen.

Aus der Gesindestube traten in diesem Augenblicke schon einige, durch den lauten Ruf herausgelockte Knechte, die Krautsch kaum sah, als er die Richtung einschlug, als ob er gerade wieder nach den hinteren Tennen zurückflüchten wolle, dann aber plötzlich rechts ab einen Haken schlug, und dadurch den Brenner irre zu leiten suchte. Der aber war nicht so leicht anzuführen, denn er wußte gut genug, es könne dem so heimlich eingeschlichenen Gesellen nur daran gelegen sein,wieder aus dem Thor zu entkommen, unddenAusweg hielt er deshalb fest und unerschütterlich besetzt.

»Feuer!« tönte da plötzlich der Schreckensruf aus dem hinteren Theile des Hofes vor – »Feuer – Feuer in den Scheunen Feuer! –«

Das Wort flog von Mund zu Mund und Alles wandte sich, den bisher Verfolgten ganz vergessend, nach der Gegend zu, von wo aus der Ruf herüber drang. Krautsch wußte aber, daß jetzt für ihn, und zwar vielleicht nur auf Momente, die Zeit gekommen sei, der immer gefährlicher werdenden Lage zu entgehen, rasch also seinen Entschluß fassend, sprang er über die ihm nächsten Pflüge, gerade auf das Thor zustrebend hin, stieß den einen Knecht, der sich hier aufgestellt, mit verzweifelter Kraftanstrengung zur Seite, und hatte fast schon die Stelle erreicht, wo ihm selbst der etwas plumpere, aber auch stärkere Brenner nicht mehr hätte erreichen können, als dieser sich von seinem ersten Schrecken erholte, schnell zufahrend den gerade an ihm Vorbeisetzenden erwischte, und mit dem lauten Ausrufe:

»Haltet ihn – haltet denMordbrenner!« festhielt.

»Mordbrenner!« das Wort zündete – »haltet den Mordbrenner!« schrie Alles, und selbst das Feuer warin dem Augenblicke, über dem einen Gefühle der Rache vergessen; so schwach aber auch Krautsch sonst wohl im Arme des sehnigen Brenners gewesen wäre, eine so rasende Kraft gab ihm in diesem Augenblicke die Verzweiflung und Todesgefahr. – Er packte den Brenner mit wüthender Gewalt und beiden Fäusten an der Kehle, preßte ihm diese so ein, daß der Mann seine Arme wohl auf einen Moment nachlassenmußte, schleuderte ihn dann rasch von sich ab, traf den nächsten auf ihn einspringenden Knecht so richtig mitten in's Gesicht, daß er ihn wie einen Ochsen zu Boden fällte, stieß den alten Thorwärter, der ihn in den Weg rennen wollte, bei Seite und verschwand im nächsten Augenblicke aus der schmalen Pforte hinaus in die dunkle Nacht.

»Das war der nichtsnutzige Mensch, der Krautsch,« rief der alte Thorwart, als er sich vom Boden wieder aufraffte – »na wahre Dich, mein Bursche, das gedenk' ich Dir auch noch.«

»Krautsch?« sagte da der Brenner, der in diesem Augenblicke ebenfalls herbeisprang – »ei, daß die mordbrennerische Bestie der böse Feind hole – mich hat sie bald erwürgt.«

Einzelne der nachgesprungenen Knechte kehrten, dieVerfolgung in solcher Dunkelheit gar bald als unnütz aufgebend, schon wieder zurück, während die meisten in dessen dem Orte zugesprungen waren, von dem der Feuerlärm hertönte.

In diesem Augenblicke kam, in seinen Mantel gehüllt, und unter diesem etwas im Arme tragend, der junge Poller aus dem herrschaftlichen Hause und ging rasch am Thorwärter vorbei.

»Nun, wohin jetzt noch?« frug dieser.

»Apotheke,« lautete die bündige Antwort, und der Gefragte verließ den Hof und verschwand nach derselben Richtung hin in der dunklen Nacht draußen, die der flüchtige Krautsch vor wenigen Minuten eingeschlagen hatte.

Nicht Alle hatten jedoch des Brandstifters Verfolgung so leicht aufgegeben, als die bald zurückkehrenden Dienstleute; einer der Brennerknechte, ein flüchtiger, gewandter Bursche, der gleich im Anfange seinem Herrn zu Hülfe gesprungen und nur wenige Secunden zu spät gekommen war, ließ sich selbst durch die Dunkelheit nicht abschrecken, und blieb dem Flüchtigen so dicht er konnte, ohne jedoch auch nur ein Wort zu sagen, oder einen einzigenSchrei auszustoßen, auf den Hacken, ja folgt ihm, er mochte nun links oder rechts, durch Garten oder Hofraum abspringen, manchmal unter dunklen Hecken hinlaufen, manchmal freie Grasplätze überfliegen, still und unverdrossen wie sein Schatten.

Krautsch, der im Anfang schon geglaubt hatte, allen Feinden glücklich entgangen zu sein, blieb einen Augenblick stehen, um auszuruhen und zurückzuhorchen, als er dicht hinter sich die rasch nahenden Schritte hörte. Im Nu nahm er die Flucht wieder auf, dem stillen Verfolger aber entging er nicht; so oft er auch – jetzt in immer wachsender Angst – einen Vorsprung zu gewinnen glaubte, so hielt jener mit ihm stets gleiche Entfernung, ja es kam ihm sogar so vor, als ob er ihm bei ebenem, geraden Wege gar näher und näher rücke. Er verließ deshalb die Richtung, die ihm dem verabredeten Rendezvous entgegenführte, sprang über eine niedere Mauer, floh durch einen Obstgarten und erreichte einen schmalen Streifen Feld, der zwischen dem Dorfe und einer dort errichteten Windmühle lag – der Brennknecht that dasselbe – er wechselte in das Dorf zurück – sein Verfolger ebenfalls, und Krautsch fing schon an, in abergläubischer Furcht den unerbittlichen Verfolger für irgend ein überirdisches Wesen zu halten, das ihm in der Art seinganzes Leben lang auf den Fersen bleiben, und rastlos von Ort zu Ort weiter jagen solle und werde. Er fühlte endlich, wie ihn, durch Angst und Anstrengung erschöpft, die Kräfte verließen und daß er, wenn er nicht auf eine List sinne, und sein Feind wirklich ein Mensch von Fleisch und Blut sei, rettungslos in dessen Hände fallen müsse. Durch öfteres Abdrehen war es ihm jetzt wenigstens für einen Moment gelungen, dem Verfolger aus den Augen zu kommen, wenn er auch auf dem gefrorenen Grunde die Schritte noch deutlich genug hören konnte, zu gleicher Zeit sah er, wie hier und da aus dem Dorfe Einzelne dem Hofe zuliefen, da die Nachricht, es sei Feuer im Gute unten, sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet hatte. Das letzte Mittel also wagend, sprang er, gerade als ein junger Bursche den Weg vor ihm hinabgelaufen war, rasch über die Hecke, die ihn von der breiten Straße jetzt trennte, kroch hier einige Schritte rechts ab hinter einige Haufen Steine, und blieb hier mit klopfendem Herzen, aber regungslos liegen.

Kaum zehn Secunden später folgte ihm mit gewandtem Satz und noch immer unermüdeten Gliedern der Brennknecht, blieb an der Hecke einen Augenblick stehen und schlug sich dann, den eben vorbeigelaufenen Bauerburschen, da er Niemand weiter sah, für den Verfolgtenhaltend, links ab, diesem nach. Allerdings entdeckte er seinen Irrthum sehr bald, Krautsch hatte aber auch die wenigen ihm vergönnten Minuten so vortrefflich benutzt, daß er seinen Feind jedenfalls von der Fährte brachte. Dieser suchte wohl eine Viertelstunde mit unermüdlichem Eifer zwischen den benachbarten Hecken und Gräben herum, doch vergebens, der Brandstifter blieb verschwunden und der Brennknecht kehrte erschöpft, trotz der bitteren Kälte durch und durch in Schweiß gebadet, nach dem Gute zurück, wo man indeß des Feuers ziemlich Herr geworden zu sein schien.

Sobald sich Krautsch, wenigstens von dieser Seite aus, sicher wußte – und eine wahre Felsenlast war ihm dadurch vom Herzen genommen – schlug er wieder die früher beabsichtigte Richtung, dem Orte zu, ein, wo er seinen Verbündeten treffen sollte. Durch diese hartnäckige Verfolgung war er aber entsetzlich aufgehalten worden, und wenn er sich jetzt auch mit allen Kräften abmühte, recht rasch vorwärts zu kommen, fühlte er sich doch so erschöpft und abgemattet, daß er die Glieder kaum regen und die Beine heben konnte. Nichtsdestoweniger zögerte er keinen Augenblick mehr, das Versäumte nachzuholen, und wunderte sich nur fortwährend, die Lohe noch nichtaus den Scheunen herausschlagen zu sehen, da er den Feuerlärm unten doch mit eigenen Ohren vernommen.

Endlich erreichte er das Holz und, hier mit Weg und Steg genau bekannt, auch den schmalen Fußpfad, der ihn gerade bis dicht zur verabredeten Stelle führen mußte. – Er blieb ein paar Mal stehen, hielt sich, um nur nicht umzusinken vor Mattigkeit an die nächsten Bäume an und sah jetzt die kleine, etwa hundert Schritt im Durchschnitt haltende Waldwiese, in der, gleich am Rande, die Blutbuche stand, und wo ihn Poller, falls er eher eintreffen sollte als er, erwarten sollte.

An dem nämlichen Abende war der alte Holke, wie man ja auch dem Boten in der Försterwohnung gesagt, mit einem von seinen Zeichenschlägern in den Wald gegangen, um einem Wilddiebe, dessen Schlichen er erst in letzter Zeit auf die Spur gekommen, nachzuspüren. Der mußte aber wohl von irgend einem guten Freunde Nachricht erhalten haben, oder es war ihm die Nacht zu kalt und dunkel gewesen, kurz, trotz der sehr bestimmten Anzeige, daß er jedenfalls in der und der Zeit an einer gewissen Stelle im Walde zu finden sein würde, ließ er sich gar nicht sehen, und Holke kehrte eben ziemlich mißmuthigund durchfroren mit seinem Begleiter nach Horneck zurück, als sie plötzlich Beide gar nicht weit entfernt und zweimal hintereinander einen Pfiff – jedenfalls als Signal, hörten.

Die beiden Männer standen wie in den Boden gewurzelt und lauschten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem bedeutungsvollen Ton. – Einige Secunden Ruhe und der Pfiff wurde wiederholt.

»Das ist er ganz bestimmt,« flüsterte Holke und faßte des Holzschlägers Arm – »ruhig jetzt, Schmidt – ich will den Schuft abwarten, vielleicht geht er in die Falle.« Er antwortete vorsichtig und horchte dann wieder mit angehaltenem Athem.

Noch einmal tönte das Zeichen und dann kamen ziemlich schwere Schritte langsam und, allem Anschein nach, jedes Geräusch vermeidend, näher.

»Jetzt aufgepaßt,« zischte der Jäger, nahm die Flinte in die linke Hand, um sie im schlimmsten Falle bereit zu haben, und machte sich mit dem Holzschläger zum Ansprung fertig.

Krautsch blieb, als er den helleren Fleck der Wiese zu seiner Linken sah und an dem Fußpfad genau dieBlutbuche erkannte, einen Augenblick stehen – es war ihm, als ob er Schritte im Laube höre. Das mußte jedenfalls sein Verbündeter sein, denn der konnte, nach all dem Aufenthalt, den er selbst gehabt, den Platz schon recht gut vor einer Viertelstunde erreicht haben; es fing ihn aber jetzt, durch das langsamere Gehen und nach der früheren Erhitzung, doch an zu frieren, und er gab deshalb rasch, immer aber noch vorsichtig im dunklen Schatten der Bäume bleibend, das verabredete Zeichen. – Er pfiff zweimal leise und wartete dann auf Antwort.

Alles todtenstill. – Poller mußte wahrhaftig doch schon da sein. Er wiederholte den Pfiff und diesmal etwas lauter, und gar nicht weit wurde er, jedoch nicht dicht neben der Buche, sondern wohl zwanzig Schritte davon entfernt, beantwortet. Krautsch ging rasch auf die Richtung zu, pfiff, um sich als den Rechten zu legitimiren, noch einmal und sagte dann, als er den Platz glaubte erreicht zu haben, mit leiser, vorsichtiger Stimme:

»Poller– Poller – bist De do?«

»Ja,« lautete nach einigem Zögern die eben so leise Antwort – »wer ist's?«

»Krautsch – hast De's?«

»Ja – komm!«

»Herr Je,« lachte der Bauer mit unterdrücktem Jauchzen, »nu aber dusemang nach Amerika,« und er trat mit den Worten auf den kleinen dunklen Busch zu, stürzte aber auch in demselben Moment mit dem Schreckensrufe »alle guten Geister!« auf die Knie nieder, denn zwei wilde Gestalten fuhren mit Blitzesschnelle auf ihn zu, faßten ihn und warfen den Überwundenen zu Boden nieder.

»Schuft!« rief zu gleicher Zeit der alte Holke – der Eine von diesen Beiden – und knüpfte dabei seine Hundeleine von der Jagdtasche los, den Ertappten, im Falle es nöthig sein sollte, damit zu binden – »was hast Du wieder hier im Schilde geführt, Du Lump Du, willst Du gleich gestehen, oder Dich soll ein Himmelsackerment in den Erdboden hineinschlagen!«

Krautsch, der im ersten Schreck wirklich geglaubt hatte, sein früherer unheimlicher Verfolger sei unbemerkt sogar bis hierher gekommen und halte ihn nun in den Klauen, fühlte, wie ihm das Herzblut sogar in den Adern stockte, und glaubte sich rettungslos verloren. Als er aber gleich darauf Stimme und Angesicht des alten Jägers erkannte, der ihn wahrscheinlich Wilddiebstahls wegen in Verdacht hatte, und nun, da er ja doch keineFlinte bei sich führe, leicht zu befriedigen sein würde, auch von dem Brande im Schlosse noch gar nichts wissen konnte, kehrte ihm der Muth etwas wieder.

Er protestirte vor allen Dingen gegen eine solche Behandlung, frug, weshalb er räuberischer Weise im Walde angefallen würde, und verlangte freigelassen zu werden, da er nicht gewilddiebt, ja nicht einmal ein Gewehr bei sich habe. Der alte Holke hatte aber zu viel Ursache, diesen Burschen zu hassen, um nicht hier, wo wirklich Grund zum Verdacht vorlag, die Gelegenheit zu benutzen, seine Rache an ihm in etwas zu kühlen. Ueberdies waren die Worte, die er beim ersten Begegnen gesprochen, jedenfalls bedeutungsvoll. – Weshalb erwartete er, hier draußen mitten im Wald und zu so später Stunde Einen der beiden Poller hier zu finden – und »jetzt nach Amerika?« – das verlangte eine nähere Erklärung, Krautsch blieb aber hartnäckig dabei, er wisse von Nichts – er habe keinen Menschen hier treffen wollen, sondern nur seinen Heimweg verfehlt; von Amerika etwas gesagt zu haben, könne er sich nicht erinnern und verlange allen Ernstes freigelassen zu werden.

Das Leugnen machte ihn natürlich noch verdächtiger, und Holke wollte eben daran gehen, ihm die Hände zu binden, als Krautsch noch einmal Gewalt der Gewaltentgegenzusetzen suchte – matt und erschöpft aber, wie er war, konnte er gegen die beiden Männer, und der eine von diesen war ein junger rüstiger Holzschläger mit wahrhaft riesigen Fäusten, nichts ausrichten – er wurde übermannt, gebunden und jetzt aufgefordert, sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben, und dem Jäger mit in das Gut hinein zu folgen.

Als Krautsch nun sah, daß er weder mit Leugnen, noch mit Widerstand etwas ausrichten könne, und der Jäger wirklich im Begriff sei, seine Drohung wahr zu machen, da verließ ihn endlich der starre, freche Muth, welcher bis jetzt alle seine Handlungen und sein ganzes Wesen bezeichnet hatte, er sank in die Knie nieder und bat den »Herrn Förster« um Gottes und des Heilands Willen, ihn nur heute Abend nicht mit aufs Schloß zu nehmen, sondern heim zu seinen Kindern, zu seiner Frau gehn zu lassen – sie wären krank zu Hause – eines liege im Sterben – ach nur dies eine und einzige Mal Gnade, und er wolle nie in seinem ganzen Leben wieder eine Flinte anrühren, oder ein böses Wort gegen einen Jäger sagen.

Alles vergebens, hier beidenMännern hatte er kein Erbarmen zu hoffen, und Bitten wie Thränen, denn der rohe Geselle heulte endlich in wilder Angst und Verzweiflung,blieben gleich erfolglos. Hätte er nichts verbrochen, so brauche er sich auch nicht zu scheuen, die halbe Stunde Wegs mitzugehn, undhätteer etwas verübt, denn die Flinte könnte er immer irgendwo versteckt haben, ei dann möge er sich jetzt auch auf die Folgen gefaßt machen, denn heraus bekämen sie's, es möge gewesen sein, was es wolle.

Krautsch, der hier auf für ihn so unselige Weise dem Jäger, seinem Todtfeind, in die Hände gefallen war, mußte den beiden Männern nach dem Gute hinunter folgen, und der Verbrecher wußte was ihn erwarte, wenn ihm Gerechtigkeit würde.

Ich habe übrigens einen unserer alten Bekannten fast zu lange unbeachtet gelassen, und es wird Zeit, daß ich ihn dem Leser noch einmal vorführe. Allerdings trägt Feodor Strohwisch dabei selbst großentheils die Schuld, denn als all' die Bewohner der Residenz mit ihren langweiligen Kaffeeklatschen und Theevisiten vor den rauhen Nordstürmen zurück in die wärmeren Mauern der Städte gezogen waren, blieb Feodor – wie ein flügellahmer Kranich am fernen Gestade – einsam in Horneck zurück und »büffelte«, wie er es selbst poetisch nannte, an einem Bande humoristischer Gedichte, die er bei seiner Rückkehr nach der Stadt »unterzubringen« dachte. So wenig er aber auch im Sommer gearbeitet, so fleißig schien er jetzt zu sein, wo ihn auch die holden Töne von oben nicht mehr störten (denn Anna Schütte war schon wieder der Schrecken aller der Bewohner der Residenz geworden,die einmal gehofft hatten, einen Nachmittag ungestört allein sein zu können) und das kalte Wetter ihn überdies in sein Zimmer bannte. Die poetischen Funken flossen ihm ordentlich elektrisch aus der Feder, und seine Gedichte mußten in der That humoristisch sein, wenn sein eigenes Urtheil nämlich auch nur im mindesten dabei angeschlagen werden konnte.

Feodor Strohwisch hatte nämlich die Eigenheit, sich jedesmal, wenn er einen Vers gemacht, denselben fünf oder sechs Mal hinter einander vorzulesen, und hatte darüber mehrere Male so gelacht, daß die Wirthsleute erschrocken in das Zimmer gestürzt waren, um zu sehen, ob ihrem Miethsmann vielleicht gar ein Unglück zugestoßen sei.

An diesem nämlichen Tage nun beendete Feodor wirklich das zu einem vollständigen Bande nöthige Gedicht, schrieb es sauber ab, legte es in seine Mappe und that, mit dem darüber auf's Aeußerste erstaunten Puppenkopf im Arme, drei von donnernden Hurrah's begleitete Freudensprünge. An dem nämlichen Abende lud er den Apotheker, den Schulmeister – der sich jedoch entschuldigte – den Gemeindevorstand und ein paar der reichsten Bauern in die Schenke ein – nicht etwa, um dort mit prosaischen Victualien ihre Magen zu überladen,nein, um ihnen bei einem Glas Bier – das sich die Bauern nicht nehmen ließen, abwechselnd für ihn zu bezahlen, was er aber in seiner Zerstreuung gar nicht bemerkte – seine unsterblichen Gedichte vorzulesen und sie theils zu stürmischem Beifall hinzureißen, theils ihre Lachmuskeln (ich glaube, dieselben Muskeln benutzt die wirthschaftlich waltende Natur auch zum Gähnen) bis zum Zerspringen anzustrengen.

Die kleine Gruppe, zu der sich noch ein paar zufällig dort durchpassirende Grünberger Weinreisende gesellt hatten, saß oben im »grünen Zimmer« bei einer ziemlich unbestimmten Anzahl von »Krügeln Bier« um einen großen runden Tisch herum, und Strohwisch, vor dem ein ganzer Haufen Papiere lag, führte das Präsidium mit Autorität.

»Meine Herren!« rief er nach einer kleinen Pause, in der er ebenfalls einen Toast in Versen auf den »Nährstand« ausgebracht – »meine Herren – aber nur nicht zu sehr dem Ernst sich hingegeben, nur die Humoristik nicht aus den Augen gelassen – es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Schicksal näher ist als sonst, und eine Frage frei hat an die Götter – sie antworten Einem aber nicht – hahahahahaha.«

Der Schneider lächelte ebenfalls etwas dünn, dieanderen saßen aber ziemlich verlegen um den Tisch her, lächelten nur, und hätten vielleicht sonst was darum gegeben, zu wissen, um was es sich hier eigentlich handele, bis endlich der Gemeindevorstand, der sich nun endlich doch überzeugt hatte, daß das jedenfalls ein Witz gewesen sein mußte, ganz urplötzlich, und zwar mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, laut herausplatzte.

»Einige famose Gedichte habe ich hier, meine Herren,« sagte Strohwisch jetzt, der den allgemeinen Tumult benutzt hatte, seines Nachbars Bier auszutrinken, worüber nachher ebenfalls wieder gelacht wurde – »meine Herren – ich bitte Sie um Gotteswillen, keinen solchen Spektakel zu machen – bedenken Sie – meine Herren – daß wir mit solchen Ausbrüchen jugendlicher Begeisterung Tageslicht verbrennen. – Also Sie erlauben mir vielleicht, meine Herren, daß ich Ihnen einen kurzen Bischofsextract aus diesem ›Wust der Wüste‹, aus diesem Chaos literarischen Geistes herauswüste – hier ist ein famoses, epigrammatisch gehaltenes Sinngedicht, was einsehrguter Freund von mir einmal in einer heiteren Stunde gemacht hat – hören Sie mir aufmerksam zu. – Diese einzelnen kleinen Sachen sind übrigens, wie ich Ihnen hier vorher bemerken möchte, ebenfalls so – so unbedeutend sie Ihnen auch auf denersten Anblick scheinen mögen – von einem sehr berühmten Componisten, Herrn Schultze, in Musik gesetzt, ich – nein ich habe es wohl nicht bei mir – das schadet Nichts, ich werde Ihnen nachher einmal die Melodie nur ganz kurz vorsingen. Also – mein Freund schreibt:[1]

Der Gutsherr starb und der AmtmannSchrieb in das Dorf: Legt Trauer an!Da schrie der ganze Bauernchor:Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Der Gutsherr starb und der AmtmannSchrieb in das Dorf: Legt Trauer an!Da schrie der ganze Bauernchor:Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Der Gutsherr starb und der AmtmannSchrieb in das Dorf: Legt Trauer an!Da schrie der ganze Bauernchor:Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Der Gutsherr starb und der Amtmann

Schrieb in das Dorf: Legt Trauer an!

Da schrie der ganze Bauernchor:

Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Hahahaha.«

Die Umsitzenden stimmten in das Gelächter ein und Feodor wandte sich erläuternd an sie.

»Ich muß nämlich, meine Herren, hier mit Ihrer Erlaubniß eine kurze Bemerkung einflechten – diese Gedichte sind, wohlverstanden, alle unter dem belebenden Einfluß der frischen herrlichen Landluft, der freien Berge niedergeschrieben – mein Freund hält sich den Sommer hindurch gewöhnlich auf dem Lande auf – hahaha – also weiter:

Brennt doch die Gaslaternen an,Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann,Daß man – zum Betteln sehen kann!«

Brennt doch die Gaslaternen an,Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann,Daß man – zum Betteln sehen kann!«

Brennt doch die Gaslaternen an,Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann,Daß man – zum Betteln sehen kann!«

Brennt doch die Gaslaternen an,

Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann,

Daß man – zum Betteln sehen kann!«

»Hahahahaha« – lachte der dankbare Chor.

»Weil Siegellack so spröde ist,So nimmt man jetzt OblatenZu Liebesbriefen, daß sie gleich:Du bist geleimt! verrathen.Wär Michels Kopf so spitz,Wie seiner Mutter Zunge,Dann wäre er fürwahrEin grundgescheiter Junge.Wie kommt's, daß Veit so trocken ist,Dies könnt Ihr nicht errathen?Er brauchte nicht, so wie wir Beid',Zu schwimmen und zu waten.Wie? Clara, diesen kargen FantZum Mann? – Mein Herz ist ganz beklommen;Sie wollt' längst einen Knicker habenUnd – hat ihn endlich doch bekommen.«

»Weil Siegellack so spröde ist,So nimmt man jetzt OblatenZu Liebesbriefen, daß sie gleich:Du bist geleimt! verrathen.Wär Michels Kopf so spitz,Wie seiner Mutter Zunge,Dann wäre er fürwahrEin grundgescheiter Junge.Wie kommt's, daß Veit so trocken ist,Dies könnt Ihr nicht errathen?Er brauchte nicht, so wie wir Beid',Zu schwimmen und zu waten.Wie? Clara, diesen kargen FantZum Mann? – Mein Herz ist ganz beklommen;Sie wollt' längst einen Knicker habenUnd – hat ihn endlich doch bekommen.«

»Weil Siegellack so spröde ist,So nimmt man jetzt OblatenZu Liebesbriefen, daß sie gleich:Du bist geleimt! verrathen.

»Weil Siegellack so spröde ist,

So nimmt man jetzt Oblaten

Zu Liebesbriefen, daß sie gleich:

Du bist geleimt! verrathen.

Wär Michels Kopf so spitz,Wie seiner Mutter Zunge,Dann wäre er fürwahrEin grundgescheiter Junge.

Wär Michels Kopf so spitz,

Wie seiner Mutter Zunge,

Dann wäre er fürwahr

Ein grundgescheiter Junge.

Wie kommt's, daß Veit so trocken ist,Dies könnt Ihr nicht errathen?Er brauchte nicht, so wie wir Beid',Zu schwimmen und zu waten.

Wie kommt's, daß Veit so trocken ist,

Dies könnt Ihr nicht errathen?

Er brauchte nicht, so wie wir Beid',

Zu schwimmen und zu waten.

Wie? Clara, diesen kargen FantZum Mann? – Mein Herz ist ganz beklommen;Sie wollt' längst einen Knicker habenUnd – hat ihn endlich doch bekommen.«

Wie? Clara, diesen kargen Fant

Zum Mann? – Mein Herz ist ganz beklommen;

Sie wollt' längst einen Knicker haben

Und – hat ihn endlich doch bekommen.«

Die Meisten lachten über die Verse, der Schuster aber, der wenig Sinn für Poesie hatte, sagte:

»Ei, so laßt das langweilige Gereime endlich einmal sein – Donnerwetter – erzählt uns ein paar von Eueren komischen Geschichten – die sind viel mehr werth. –«

»Schuster, Schuster,« warnte ihn Feodor – »gefährlich ist's den Leu zu wecken, gar grimmig ist des TigersZahn, doch ach, das schrecklichste der Schrecken, das ist ein Schuster in seinem Wahn.«

»Hahahahaha –« lachten die Uebrigen, Feodor aber seinen Sieg mit raschem Feldherrnblick überschauend und verfolgend, fuhr fort:

Die Schuster sollte Gott MerkurMit Ehr und Ruhm bedecken,Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,DenAbsatzzu bezwecken.

Die Schuster sollte Gott MerkurMit Ehr und Ruhm bedecken,Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,DenAbsatzzu bezwecken.

Die Schuster sollte Gott MerkurMit Ehr und Ruhm bedecken,Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,DenAbsatzzu bezwecken.

Die Schuster sollte Gott Merkur

Mit Ehr und Ruhm bedecken,

Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,

DenAbsatzzu bezwecken.

Strohwisch feierte einen glänzenden Triumph, der Schuster war, unter einem wahren Sturm von Applaus, vollständig vernichtet, und mußte, wollte er nicht ganz zu Grunde gehn, selbst mitlachen.

»Aber nu auch 'was erzählen,« sagte er endlich, als ob damit sein früherer Angriff vollkommen gesühnt sein müßte, »keene Versche mehr.«

»Ja, was erzählen, was erzählen!« riefen die Umsitzenden, und Einer des Gemeindevorstandes setzte hinzu:

»Was von's Deater, das kennt' er so schiane.«

»Ja, was von's Deater, was von's Deater,« stimmte der Chor ein.

»Hm, hm,« räusperte sich Feodor, und klappte vor allen Dingen einmal den Deckel seines leeren Kruges,wie ganz in Gedanken, an das Glas an – seine Zuhörer aufmerksam zu machen, daß es »am Besten« mangele. Der Wink blieb dann auch nicht unbeachtet – Einer der Bauern winkte mit einem – »holla Annegrethe« – das flinke Schenkmädchen herbei und sagte dann, über die Anderen hinüberrufend und auf Strohwisch zeigend:

»Geiht den Minschen do emol ä Glas Bier uf meene Kreide – verschtanden?«

Das Mädchen nickte lächelnd mit dem Kopfe und führte den Befehl rasch aus, Feodor aber, das eben erhaltene Glas erst einmal wohlgefällig gegen das Licht hebend, that einen langen, kräftigen Zug, wischte sich den Mund, worüber die ihm aufmerksam zuschauenden Bauern ebenfalls wieder lachten, und begann:

»Ihr wißt, daß ich früher sehr befreundet mit dem berühmten Devrient war« (allerdings hätte sich wohl Keiner der Anwesenden darüber können eidlich vernehmen lassen, um aber die erwarteten Anekdoten nicht aufzuhalten, nickten die Meisten schweigend mit dem Kopfe, als ob das eine allbekannte, sich von selbst verstehende Sache sei) – »also,« fuhr Feodor fort – »Devrient war ein verfluchter Kerl, Champagner immer die Hülle und Fülle – und auch immer Geld dazu, zu was Anderem abergar Nichts – nicht die Probe – die Ellbogen sahen ihm manchmal zum Fenster heraus, aber den letzten Thaler wandte er an ächten Sillery oder Burgunder.«

»Sellerie?« frugen die Zuhörer erstaunt.

»Sillery,« berichtigte Feodor – »der Name eines famosen Champagners – hätten wir ein Glas davon – also, wo war ich stehen geblieben – ja. – Ich und Devrient saßen also auch einmal Abends in der Kneipe zusammen, denn er konnte gar nicht ohne mich sein, und sagte immer, es fehle ihm sogar etwas, wenn er Morgens aufwache und mich nicht da sehe – und Devrient, der das eine Bein unter dem Tische vorstreckt und den Fuß in die Höhe hebt, zeigt mir das höchst zweideutige Oberleder und die abgelaufenen Sohlen und versichert mich im Vertrauen, kein Schuster wolle ihm mehr auf Credit arbeiten, und er werde, wenn ihn nicht ein glücklicher Einfall oder ein ›Pump‹ zu ein paar neuen Stiefeln verhelfe, nächstens barfuß gehen müssen. Geld hatt' ich nie – von einem ›Pump‹ konnte also bei mir auch gar nicht die Rede sein – aber einen ›glücklichen Einfall‹ – das schlug in mein Fach – dafür war ich humoristischer Schriftsteller, einen Augenblick saß ich nur, stützte den Kopf auf den Tisch und dachte nach – dann streckte ich auf einmal die Hand gegen ihn aus und rief:»Topp!« Er sah mich ganz erstaunt an, und wußte gar nicht, was es zu bedeuten habe – ich riß ihn aber bald aus seinen Zweifeln. – ›Devrient,‹ sagt ich – ›Du sollst ein paar Stiefeln haben – straf mich Dieser und Jener – Du sollst sie haben!‹ ›aber wie?‹ ›gleichviel, Du kriegst sie‹ rief ich, nahm ihn unter den Arm führte ihn auf die Straße und theilte ihm hier mit wenigen Worten meinen Plan mit – er war entzückt davon – ›Strohwisch!‹ rief er, ›das werd ich Dir nie vergessen, das ist famos und wird ein capitaler Spaß.‹«

»Aber wie war's denn?« frug der Schuster neugierig, zu erfahren, wie es die beiden »liederlichen Stricke«, wie er sie nannte, gemacht hätten, um einen seiner armen Collegen hinters Licht zu führen.

»Werdet's gleich erfahren,« fuhr der Humoristiker fort – »Devrient beendete nämlich an demselben Tage sein Gastspiel in Wien, und verließ die Stadt am nächsten Morgen – darauf war mein Plan gebaut. Abends spät schickte er zu einem der berühmtesten Schuhmacher der Residenz und läßt diesen auffordern, mit einigen paar Stiefeln zu ihm zu kommen – der Meister erscheint augenblicklich und bringt einen Gesellen und sechs paar prachtvolle Stiefeln mit. Devrient lacht das Herz imLeibe, er läßt sich aber Nichts merken und probirt die Stiefeln an. Ein Paar paßt vorzüglich – nur der linke drückt etwas auf dem Ballen – ließe sich das wohl ändern? – Oh versteht sich – nichts leichter als das – nur die Nacht auf den Leisten stehn – gut – der Preis? – doch gleichviel, wir werden schon einig darüber werden. Der Meister ist entzückt – läßt den einen Stiefel da und rennt spornstreichs zu Hause, den anderen auf den Leisten zu schlagen. Was thut Devrient indessen, – der schickt nach einem anderen Stiefelleur und –«

»Ah –« schrie der Schuster und zeigte lachend mit dem Finger auf den verblüfft ihn ansehenden Strohwisch – »das ist eine alte Geschichte, die stand vor drei Jahren im Pirna'schen Kalender – die hab' ich selber zu Hause.«

»Im Pirna'schen Kalender?« frug Strohwisch entrüstet.

»Ja ja ja,« lachte der Schuster – »beim Monat März, aber der Schauspieler hieß nich Defrieng und es war auch gar kein Schauspieler, sondern ein Sänger.«

»Dieser verwünschte Redacteur des Pirna'schen Kalenders,« sagte Strohwisch, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch – »man sollte doch wahrhaftig seinembesten Freund – seinem eigenen Bruder bald nicht mehr trauen.«

»Aber was ist denn?« frugen ihn die Weinreisenden und übrigen Gäste erstaunt – »was war denn?«

»Bin ich vor ein paar Jahren in Pirna,« erzählte Strohwisch, und seine Stirn hatte so viele Falten, wie der Rock einer Altenburger Bäuerin – »und komm da mit diesem Redacteur, dem Herausgeber des Kalenders, zusammen. Wir sind auch Abends heiter mit einander, und plaudern und erzählen Geschichten, und ich gutmüthiger Thor erzähle dem Menschen auch die Anekdote von meinem Freunde Devrient, und jetzt setzt sie mir der schändliche Kerl in seinen Kalender – nein das ist niederträchtig.«

Das Glas war wieder leer geworden und um den niederklappenden Deckel zu beschwichtigen, beschwor Einer vom Gemeindevorstand ein »neies Deppchen« herauf.

»Nun, erzählen Sie doch die Geschichte aus!« rief da Einer, der den Pirna'schen Kalender noch nicht gelesen hatte.

»Ah was,« sagte aber Strohwisch ärgerlich – »wenn einem der Stoff so förmlich weggestohlenwird.«

»Nu, denn was anderes,« ermunterte ihn einer der Grünberger – »irgend etwas anderes, Herr Doctor, Sie stecken ja voll davon.«

»Nun, meinetwegen,« tröstete sich Strohwisch, und sprach dem neugekommenen Biere, um vieles getröstet, wieder zu – »also hier kommts.«

»Sie haben doch von dem berühmten Schauspieler Rott gehört – es ist das einer meiner intimsten Bekannten und ich bin viele fröhliche Abende mit ihm zusammen gewesen. Rott trank so gern Malvoisier – doch das gehört nicht hierher – also Rott gastirte einmal in Wien, wo ich damals Dramaturg am Burgtheater war, und hatte sich zu seiner Haupt- und Glanzrolle ein Ritterschauspiel, ›die blutige Rache‹ hieß es, ausersehn, in dem er besonders auf eine Scene und einen Kraftmonolog seine ganze Hoffnung baute. Es war dies die folgende:

»Er, als Heldenvater, hatte eine Tochter, die mit dem Sohn seines ärgsten Todtfeindes einen Herzensbund geschlossen. Dieser entführt die Jungfrau bei Nacht und Nebel durch einen unterirdischen Gang. Kaum sind sie aber hindurch, so kommt er, der Ritter, wüthend und außer sich in das Gewölbe gestürzt, und trifft hier einen seiner Pagen, der ihm in Angst entgegenruft:

›Sie flohen durch den unterird'schen Gang.‹«

Der Schuster, dem das ungemein komisch vorkommen mochte, lachte laut auf – Strohwisch sah ihn von der Seite und zwar durch das Glas, das er eben zum Munde führte, an, und fuhr fort:

»Ihnen nach!« donnert da mit seiner Riesenstimme der Ritter.

»Sie haben Pferde, Herr!« flehte der Knappe.

»Was, Pferde!« ruft aber jener – »wenn sie nicht Flügel haben –

Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,So findet sie dies wackre Schwert – und dann,Ha Dagobert, dann wehe Dir – die SchreckenDer ganzen Hölle, die ein finstrer GeistIn mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,Nicht fähig wäre, nur zu überdenken,Die will ich Dir in furchtbar grimmer LustSo Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen,Daß dieser Qualen Last – u. s. w.«

Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,So findet sie dies wackre Schwert – und dann,Ha Dagobert, dann wehe Dir – die SchreckenDer ganzen Hölle, die ein finstrer GeistIn mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,Nicht fähig wäre, nur zu überdenken,Die will ich Dir in furchtbar grimmer LustSo Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen,Daß dieser Qualen Last – u. s. w.«

Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,So findet sie dies wackre Schwert – und dann,Ha Dagobert, dann wehe Dir – die SchreckenDer ganzen Hölle, die ein finstrer GeistIn mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,Nicht fähig wäre, nur zu überdenken,Die will ich Dir in furchtbar grimmer LustSo Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen,Daß dieser Qualen Last – u. s. w.«

Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,

So findet sie dies wackre Schwert – und dann,

Ha Dagobert, dann wehe Dir – die Schrecken

Der ganzen Hölle, die ein finstrer Geist

In mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,

Nicht fähig wäre, nur zu überdenken,

Die will ich Dir in furchtbar grimmer Lust

So Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen,

Daß dieser Qualen Last – u. s. w.«

»So etwa lautete der Monolog und hier concentrirte sich der Glanzpunkt des ganzen Stückes, denn diese Kraftrede mußte von fabelhafter Wirkung sein. In der Probe wurde deshalb auch besonderer Fleiß auf die Einstudirung der so bedeutenden Scene verwandt. NureineSchwierigkeit fand man in der Rolle des Pagen oder Dieners, den ein blutjunger, und durch das vieleauf ihn Einreden eher noch verdutzter gemachter Anfänger gab. Er zeigte sich wenigstens die ersten Male sehr ängstlich, und konnte nur durch ziemlich fleißiges Einüben dahin gebracht werden, seine paar Worte: ›sie flohen durch den unterird'schen Gang;‹ und ›sie haben Pferde, Herr!‹ richtig zu sagen. Rott war denn auch unermüdlich, die Rede wieder und immer wieder zu probiren, und besonders konnte er die Stelle: ›sie haben Pferde, Herr‹ – Was Pferde, ha – wenn sie nicht Flügel haben – u. s. w. – nicht oft genug wiederholen – endlich ging es.«

»Der Abend kam – das Stück hatte sich bis zu dieser Scene vortrefflich gespielt – die Decoration des unterirdischen Gewölbes war ausgezeichnet, der Monolog, oder vielmehr der ›furchtbare Ausbruch des grimmen ritterlichen Gemüthes‹, mußte jetzt dem Ganzen die Krone aufsetzen, und der Burggraf stürzte mit blitzendem Schwert, während den oberen Galerien vor Angst und peinlicher Erwartung der Athem verging, auf die Scene. Er warganzsicher, denn im Zwischenakt hatte er mit dem PagendieScenenocheinmal durchprobirt. Also der Graf stürzte mit gezücktem Schwert auf die Bühne:


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