Neuntes Kapitel.Die Schulvisitation.

»Aber Wahlert,« sagte Marie endlich gesammelt, und mit fester, jedoch noch immer leiser, fast furchtsamer Stimme, als ob sie sich scheue, selbst den Namen des, ach so heiß geliebten Mannes auszusprechen – »Doctor Wahlert war ja von seinem Vater, dem Generalsuperintendenten, verstossen – der Vater hatte sich losgesagt von dem Sohne, und wollte ihn nicht wiedersehen, bis er seine politische Meinung geändert habe, undhater das gethan?«

»Ei bewahre, mein liebes Kind,« erwiederte ihr freundlich Sophie, »das thut er nie, doch müde ist er geworden des nutzlosen Ankämpfens gegen Menschen, die, wie er uns gestern sagte, aus ihren Schreibstuben heraus oder hinter der Hobelbank vorgesprungen sind, und nun blind in's Geschirr hinein politisiren, und allebefehlen, aber keiner gehorchen wolle – müde ist er's, für ein Volk zu kämpfen, das nicht einmal selbst den eignen Arm zu seinem Schutze erheben will und in einem kleinen Theil ihn unterstützt, in einem anderen ihn anfeindet. Ja seine eignen Freunde sind gegen ihn aufgetreten, weil er nicht die Republik mit Bürgerblut beginnen wollte, sondern sie auf den Volkswillen zu gründen strebte. Er wird ganz traurig, wenn er nur von unseren Verhältnissen reden hört, und will jetzt nach Amerika auswandern.«

»Nach Amerika,« flüsterte leise Marie.

»Sein Vater hat ihm selber den Vorschlag gemacht, den er mit Freuden ergriff – denken Sie sich nur, Marie – ich gehe mit nach Amerika – hättenSiedazu den Muth?«

Marie konnte sich nicht mehr helfen, sie barg das Antlitz in den Händen und lehnte sich, um nicht zu stürzen, an das Fensterbret.

»Nunsofürchterlich ist es auch nicht auf der See,« lachte aber Sophie, die in ihrer Fröhlichkeit die Bewegung des armen Mädchens, das sie unbewußt mit furchtbaren Martern quälte, gar nicht verstand – »aber ich stehe hier und plaudere, wo ich schon lange wieder oben sein sollte, sein Sie nicht böse, Marie – aber lieberHimmel, Sie sind wirklich krank – sehn Sie nur, wie blaß – nein ich schicke Ihnen das Kleid herunter, und dann schneiden wir es hier zusammen zu. Adieu Marie – auf ein frohes Wiedersehn.«

Sie sprang, noch einen Gruß zurückwinkend, die steile dunkle Treppe flüchtig hinab, und Marie blieb in dem kalten leeren Gemach still und allein zurück.

Die erste Morgen- und Religionsstunde des Freitag Vormittags war eben vorüber, die Kinder bekamen eine kurze Rastzeit verstattet, um sich erst ein wenig zu sammeln, und die untere Klasse mußte dann in dem einen Theil der Stube still und ruhig auf ihren Plätzen sitzen und zuhören, während der Lehrer mit der ersten seinen zweiten Unterricht, Verstandesübungen, vornahm. Hennig brachte diese Stunde stets nach dem Religionsunterricht, da er diesem, den Schulgesetzen zu Folge, eine volle Stunde zu widmen verpflichtet war, Kinder aber, die noch das eigentliche Wesen Gottes – das wenn wir ihn, den Allliebenden, erst einmal im eigenen Herzen erkennen lernen, uns mit einem so heiligen, süßen aber auch stolzen Gefühl durchschauert – nicht selbst begreifen und empfinden können, sondern nur dadurch in einer gewissen Scheu und Ehrfurcht gehalten werden, daßman ihnen sagt, Gott habe sie erschaffen und sähe Alles was sie Gutes und Uebles thäten, fühlen darin allerdings, sobald ihnen die Gottheit vorgeführt wird, und die Aufforderung zum Gebet zu ihm den Allmächtigen an sie ergeht, einen gewissen Reiz, ja ich will sogar zugeben, ein ahnungsvolles Leben – eine volle Stunde ist aber der Lehrer wohl selten im Stande, sie aufmerksam und gespannt auf das zu erhalten, was sie immer nurglauben, niebegreifenkönnen, und der zu sehr erregte Geist erschlafft.

Zweckmäßig dennoch dünkte ihm eine freiere Unterrichtsstunde, auf die sich die Kinder jedesmal freuten, und der sie sich mit aller Liebe und Aufmerksamkeit hingaben. Hennig sprach hierin nämlich von allerlei, was entweder aus Geschichte und Geographie zufällig zur Sprache kam, oder sonst in das wirkliche Leben eingriff, und that dann Kreuz- und Querfragen an die Kinder, die sie ihm nach besten Kräften beantworten mußten. Allerdings kam da oft wunderliches Zeug genug zur Sprache, denn viele der Knaben waren mit einer so hartnäckigen und fabelhaften Dummheit gesegnet, daß, wenn nur irgend Wahrheit in Sprichwörtern liegt, ihnen ihr künftiges Glück in der Welt gar nicht hätte entgehen können; oft lag aber auch ein tiefer, ichmöchte sagen instinktartiger Sinn in anscheinend verkehrten Antworten, und anstatt dann, wenn sie nicht auf die Fragen paßten, darüber hinzugehn, wie das leider fast stets von den Schullehrern geschieht, ging er vielmehr selbst auf die Sache ein, forschte nach der Ursache, die den Knaben zu solcher Antwort geführt und berichtigte oder ermunterte, wie es nun gerade der Fall verlangte.

Eine Störung trat übrigens, gerade vor dem Beginn der Stunde ein, ein Bauer trat in die Schulstube, und schleppte seinen Jungen, einen dicken, runden, schmutzigen, vierschrötigen, blondhaarigen und blauäugigen, etwa fünf Jahr alten Bengel, der sich verschämt und ängstlich an seine Rockschöße klammerte, und mit Händen und Füßen gegen jede Bildung und Cultur auf das Entschiedenste anstrampelte, hinter sich her zum Schulmeister hin, faßte seinen Jungen ohne weitere Umstände beim Kragen, stellte ihn mit dem verdrossenen und verweinten Gesicht ruhig vor den Schulmeister hin und sagte:

»Hiar, Schulmeester – hiar bring ich main Aelsten, der Bängel hat sich schonst lange gäwinscht in die Schule zu kummen – macht mer was Gescheit's aus'em– ufgenummen hat'en der Herr Paster schunst – er is nur noch en Bischen verschreckt.«

»Schon gut, Schönel« sagte Hennig, »ich will mein Bestes versuchen – komm Kind, fürchte Dich nicht, es geschieht Dir Nichts – sei brav und setze Dich da drüben auf die Bank – komm – sieh mir einmal in's Gesicht.«

»Ich will aber niche!« heulte der Junge.

Die anderen lachten. –

»S'is en Wetterbängel« grinste der Vater, und freute sich augenscheinlich über die Charakterfestigkeit seines Sohnes – »kumm, Gottlob – stiah uff sunst krichste 'ne Schälle, daß de Dich rimm und rimm driahst.«

Gottlob schien sich jedoch auf seine Unverletzlichkeit zu verlassen, er zog, da er doch mit einem Beine, seines Schwerpunktes wegen, auf der Erde bleiben mußte, das andere bis ans Knie herauf, drückte sich selber, so weit die breite Faust seines Vaters das zuließ, hinunter, und deckte sich das Gesicht mit dem linken Arm und Ellenbogen.

»Kriate!« sagte sein Vater und hielt die angedrohte Schelle, der sein Sohn auch nicht die mindeste Blöße gab, zurück, schüttelte denselben aber mit solcher Kraft, daß ihm alle Glieder am Leibe zitterten, und in diesemAugenblick wirklich nur noch die engen drallen Kleider, die lederne Hose und blaue Jacke, die kleinen Gelenke zusammen zu halten schienen. Gottlob mußte übrigens an derlei Behandlung schon gewöhnt sein, denn er verblieb, wie aus Blei gegossen in seiner Stellung, und biß nur die Zähne recht fest auf einander, als ob er fürchtete, daß ihm die aus dem Munde fliegen könnten. Hennig legte sich endlich ins Mittel, nahm den Jungen seinem väterlichen Freund und Schützer ab, und trug ihn mehr als er ihn führte auf eine Bank. Dort setzte er ihn hin, redete ihm zu, ein guter Junge und hübsch artig zu sein, und versicherte ihn, daß er in dem Fall auch nicht das Mindeste von ihm zu fürchten habe.

»So is's rächt, Schulmeester,« sagte der Bauer, und schaute wohlgefällig auf seinen heulend dasitzenden Jungen hin – »er werd sich's schonst märken, dennMärkshot er,« und er machte dabei die Bewegung einer Maulschelle, ging dann auf seinen Zögling zu, drückte ihm ein riesiges Butterbrod, das er eingewickelt in der Rocktasche getragen, in die Hand, klopfte ihm freundlich auf den Kopf, versprach ihm auf den Mittag Klöse, wobei die übrigen Jungen einen neidischen Blick auf den Glücklichen warfen, und verließ das Zimmer.

Gottlob blieb von da an still und regungslos, aberauch ohne den Kopf aus dem Arm zu nehmen, auf seinem Platz sitzen, und Hennig ließ das gern geschehen, da er sich doch erst, wie er meinte, an dieSchulluftgewöhnen müsse.

Die bis dahin durch diese Unterbrechung gestörte Stunde begann jetzt damit, daß der Lehrer einige Fragen aus der biblischen Geschichte an die Ersten der Klasse that, und sie darauf hinzuleiten suchte, wie Manches, was uns jetzt sonderbar oder vielleicht lächerlich in den alten Gebräuchen und Handlungen vorkomme, durch damalige Verhältnisse bedingt, und dem dortigen Land und Klima anpassend gewesen wäre. Die Antworten, die er freilich manchmal auf seine Fragen erhielt, lauteten oft komisch genug, die Kinder gewöhnten sich aber doch daran, ihnen fern liegende Sachen zu bedenken, und fingen dabei auch nach und nach an einzusehen, daß die Leute in der biblischen Geschichte, die sie sich eigentlich wie lauter Heilige und höchst merkwürdige Wesen gedacht, doch auch nur Menschen mit Tugenden und Fehlern, wie es jetzt deren auch gab, gewesen wären.

Als er so die erste Klasse eine Zeitlang geübt, wandte er sich auch an die Kleineren, und überraschte diese plötzlich mit der, etwas aus der Luft gegriffenen Frage:

»Hört einmal, Ihr da drüben, – Noah hatte dreiSöhne, Sem, Ham und Japhet, das wißt Ihr doch?«

»Ja,« lautete die einstimmige, schnell bereite Antwort.

»Nun gut – also wer war nun der Vater von Noahs drei Söhnen – eben von den Sem, Ham und Japhet?«

Die Jungen sahen sich verlegen unter einander an – schwiegen aber.

»Was? – Ihr habt Euch nicht einmal so viel aus der biblischen Geschichte gemerkt, die wir Euch jetzt eine volle halbe Stunde vorgepredigt haben,« sagte Hennig lächelnd – »nun, wartet einmal, ich will Euch die Sache mit einem Beispiele klarmachen. Unseren Nachbar, den Bauer Schultze, kennt Ihr doch Alle mit einander, wie heißt der? –«

»Gottlieb Schultze.«

»Nun gut, der hat, wie Ihr wißt, drei große erwachsene Söhne, den Friedrich, den Jürgen und den Caspar; wer ist also der Vater von Friedrich, Jörge und Caspar Schultze?«

»Gottlieb Schultze,« schrie die ganze kleine Klasse wild und stürmisch durch einander –

»Seht Ihr wohl? Das war recht geantwortet; nun wollen wir uns also wieder zur ersten Frage wenden – Noah hatte drei Söhne, und zwar Sem, Ham undJaphet – wer war also nun der Vater vonNoah'sdrei Söhnen?«

»Gottlieb Schultze!« jubelte der ganze Chor wieder in wilder und lauter Freude, den Nagel jetzt voll und prächtig auf den Kopf getroffen zu haben.

Ein allgemeines Gelächter der ersten Klasse folgte dieser Antwort, die Kleinen saßen verdutzt, und Gottlieb Schönel, der natürlich glaubte, die ganze Klasse hätte weiter Nichts zu thun, als sich um ihn zu bekümmern, und das Lachen gelte auch nur einzig und allein seiner kleinen Person, rückte verdrossen auf seinem Sitz herum, und fing von Neuem an zu heulen.

Die biblische Geschichte hatte durch diese Antwort übrigens einen entschiedenen Stoß bekommen, denn Noahs oder seiner ganzen Familie Name durfte z. B. gar nicht mehr erwähnt werden, ohne daß die halbe Klasse anfing zu kichern, und die andere Hälfte gerade so aussah, als ob sie sämmtlich den bedeutendsten Theil ihres Frühstücks darum gegeben hätte, wenn sie nur einmal so recht von Herzen herausplatzen könnte.

Der Lehrer sprang deshalb auf etwas ganz anderes, und zwar den jetzigen Zustand über, in welchem sich in Deutschland die arbeitende Klasse befände, entwickelte darin, wie Arbeit überhaupt nothwendig sei, die menschlicheGesellschaft unter sich zusammen zu halten, und bewies den Kindern, daß Jeder im Staat, vom König herab bis zum unbedeutendsten Gänsejungen – Gottlob bezog das wieder auf sich, und zog ein nettes Register – einen gewissen Theil und eine bestimmte Arbeit, die auch wieder ihrerseits den Andern zu gute käme, verrichten müßte. Er ließ nun abwechselnd die Knaben auch ihrerseits die Gründe angeben, weshalb sie glaubten, daß es nöthig und nützlich für sie sei, zu arbeiten, und weshalb es besonders schon das Billigkeitsgefühl verlange, ebenfalls etwas für andere zu thun, da Andere doch unausgesetzt für uns selber beschäftigt wären.

Die Knaben schienen das im Anfang nicht recht begreifen zu wollen, es war ihnen unklar, wie sie, besonders aus Billigkeitsgefühl für Andere, zum Beispiel Holz hacken sollten. Hennig aber fuhr fort:

»Arbeitet denn Euer Vater nicht, um einen Euch allgemein bekannten Fall zu setzen, fortwährend für Euch, daß Ihr Speise, Trank und Kleidung habt? – Ist es deshalb nicht recht und billig, daß Ihr auch für ihn mit Hand anlegt, und Alles thut, was in Euren Kräften steht, ihm wieder dafür zu helfen? Arbeitet nicht auch z. B. der Schneider für Dich, Christian?«

»Ja,« sagte der Junge, und schlenkerte dabei vergnügt mit den Beinen.

»Gut, also versteht es sich von selbst, daß Du für ihn, oder andere Menschen, die es bedürfen, ein Gleiches thust; es ist dies das Band, wodurch die menschliche Gesellschaft mit einander verbunden wird, und im Stande ist, als ein geselliges Ganzes zu existiren.«

»So arbeitet also auch der Schuhmacher für Dich, Leberecht?«

»Ne!« grinste Leberecht, und verzog das Maul von einem Ohre bis zum anderen. – Die Anderen lachten laut auf.

»Nein? – und weshalb nicht?« frag Hennig, selber lächelnd –

»Vater hot' en de letzten Stiebeln noch nich bezahlt.«

Hennig mußte sich Mühe geben ernsthaft zu bleiben, bewies aber auch dem Knaben dadurch gleich um so verständlicher, daß nun sein Vater ebenfalls für den Schuhmacher arbeiten müsse, bis er mit dem, was er leiste, einen gleichen Werth dessen erreicht habe, was für ihn oder seinen Sohn geleistet worden.

Gottlob hatte indessen mehrere Male, zur nicht geringen Belustigung der übrigen Schuljugend, versucht heimlich zu desertiren, fand aber, auf einen Wink desLehrers, die beiden schmalen Pässe, die zur Stubenthür führten, stets so stark vertheidigt, daß an einen gewaltsamen Durchbruch gar nicht zu denken war. Auf seine Bank zuletzt ganz ernsthaft hingewiesen und jetzt sogar, wenn er gar nicht gehorchen wolle, mit einer Züchtigung bedroht, saß er eine Weile still und verdrossen da, ließ die Unterlippe bis weit auf's Kinn herunter hängen, wischte sich den thränenfeuchten Schmutz auf eine immer bedenklichere Weise im Gesicht herum und presste das »Butterbrod,« dessen papierne Hülle schon lange heruntergefallen, so fest zusammen, daß es weit auseinanderklaffte, und vor Schmerz das inwendig aufgestrichene Pflaumenmuß (der NameButterbrodwar nämlich, obgleich all' die Mußbrödte so genannt wurden, nur eine Schmeichelei) preiszugeben schien. Endlich mußte er aber zu einem Entschluß gekommen sein; er stand auf, sah sich ein paar Mal mit wildem schüchternen Blick im Kreise um, ging dann in einer Art verzweifelten Trotzes auf den, lächelnd zu ihm niederschauenden Lehrer zu, blieb vor ihm stehen, hielt ihm sein Brod entgegen, und sagte weinerlich aber ziemlich laut:

»Hier, Herr Hennig – hier hast De meine Bemme, aber laß mich giahn.«

Armer Gottlob, auch selbst dieser Versuch der Bestechunggelang Dir nicht, Du wurdest fürchterlich ausgelacht und mußtest auf einem kleinen Bänkchen links am Fenster den übrigen Theil der Morgenstunde ruhig und schweigsam mit ausharren.

Wieder mit seinen Fragen wechselnd, kam Hennig jetzt auch auf die Bewegung der Erde um ihre eigene Axe und um die Sonne herum zu sprechen, und darüber waren denn freilich die Begriffe der Knaben noch sehr verworren. Er wollte ihnen das allerdings damit beweisen, daß er anführte, wie ein in einen Reif gestelltes Glas Wasser ebenfalls um den Kopf geschwenkt werden könne, ohne einen einzigen Tropfen Wasser zu verlieren, ein paar der Knaben hatten das aber schon versucht und meinten, sie hätten das Glas mit dem Wasser durch die Fensterscheibe »geschlengert«. Er mußte es ihnen – und hierfür fing sich auch Gottlob an zu interessiren – endlich vormachen, und wie er das bewiesen, frug er den ihm nächst Sitzenden, woher seiner Meinung nach das Drehen der Erde herrühre.

Müller saß mäuschenstill, antwortete keine Sylbe und starrte nur in eifrigem Nachdenken stier vor sich nieder. –

»Nun, Müller, was glaubst Du, ist die Ursache, daß sich die Erde dreht?« frug der Lehrer noch einmal.

»Hahaha,« sagte der endlich – »ich wißt's wohl.«

»Nun heraus mit der Sprache; wenn Du's weißt, brauchst Du Dich doch nicht zu scheuen, es zu sagen? Also was dreht die Erde?«

»Das Wasser« – erwiederte verschämt der Knabe.

»Hm,« erwiederte ihm Hennig lächelnd, während die anderen Schüler hochaufhorchten, als ob ihnen jetzt auf einmal ein großes Geheimniß klar geworden wäre – »das klingt gar nicht so übel, und Du hast dasfürDich, daß Dir hier im Dorfe wohl kaum einer den Gegenbeweis würde liefern können. Was aber hat Dich auf den Gedanken gebracht, und wie willst Du mir für diese Vermuthung einen Grund angeben?«

»Ih nu siahn Se, Herr Hennig –« sagte der Junge und sah verschämt vor sich nieder, »unsere Rausche, die fließt gerade su, wie mein Vater sin Mühlwehr, un das treibt ooch en Rad, wo's driber hinleeft. – Nu leeft doch die Rausche über de Erde hin un Sie han uns neilich verzehlt, daß es noch veele greßere Flisse gebe, un daß das Meer ooch so flesse wie de Rausche, nur daß man's draußen nich so siahn kennte, un da – da han ich mir gedacht, das triebe de Iharde.« (Erde.)

»Die Erklärung ist allerdings gar nicht so übel,« erwiederteihm Hennig, »dennoch aber nicht richtig, denn –«

Die Thüre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und einer der Schüler, der vor wenigen Minuten darum gebeten hatte, einmal herausgehen zu dürfen, stürzte wieder herein und schrie mit verdutztem und erschrecktem Gesicht:

»Der Härr Suprindent un der Härr Paster!«

Die Jungen fuhren sämmtlich wie durch einen elektrischen Schlag getroffen, von ihren Sitzen in die Höhe, des Lehrers donnerndes »Ruhe!« bannte sie aber bald wieder auf ihre Plätze nieder, und der, der mit solcher Nichtachtung jeder Sitte und jeden Respects hereingebrochen war, mußte zu seinem Entsetzen und gerade in solchem entscheidenden Augenblicke auf dem Strafplatze neben dem Ofen stehen bleiben.

Im gleichen Angenblicke ging aber die Thüre auf und der Superintendent, welchem die gewöhnliche Schulinspection oblag, trat mit dem, sonst so ernsten und stolzen, jetzt aber auf einmal ungemein freundlichen und geschmeidigen Pastor in's Schulzimmer. Er grüßte den Schullehrer höchst herablassend, aber nur mit etwas vornehmem Kopfnicken, winkte den Kindern, die sich erst niedergesetzt, und die, wie aus der Pistole geschossen,von ihren Sitzen wieder emporfuhren und in den gewöhnlichen monotonen Lauten ihr »Guten Morgen Härr Suprindent!« – und dann nach kaum athemlanger Pause in demselben Tone »guten Morgen Härr Paster!« riefen, freundlich sich niederzulassen, und sagte dann, die Hand gegen den von seinem niederen Katheder herunter tretenden Schullehrer schwenkend, ziemlich ernst:

»Fahren Sie fort, Herr Hennig – lassen Sie sich nicht stören rrrrrr.« – Der Herr Superintendent schnarrten ein wenig hinter jedem Satze und die Jungen hätten gern gelacht, nur der Respect und die übergroße Angst verboten das.

»Die Stunde ist beendet, Herr Superintendent,« erwiederte aber Hennig, »ich glaube sogar, daß ich schon einige Minuten darüber gehalten habe.«

»Ah – und was ist Ihre nächste Lection? – dürft' ich um Ihren Unterrichtsplan bitten – rrrrr?«

»Mit Vergnügen,« sagte Hennig, schob den schrägen Deckel seines Schreibpultes empor, nahm ein zusammengelegtes Papier heraus und übergab es dem frommen Herrn.

»Hm – gut – nicht übel – hm – ja – Verstandesübungen – Verstandesübungen rrrrrrr – Verstandesübungen– die haben Sie jaalleTage, und Religionsstunden nur eins, zwei, drei, vier Mal – etwas ungleich vertheilt, Herr Hennig, etwas ungleich vertheilt – Sie ändern das vielleicht – rrrrrre!«

Hennig biß sich auf die Lippen, erwiederte aber Nichts. –

»Sie haben also jetzt Schreibestunde?«

Der Lehrer verneigte sich.

»Bitte, dürft' ich Sie einmal um die Schreibebücher ersuchen – ah, da kommen sie schon; sehr schön, mein Knabe – leg' sie nur daher – wie heißt Du – rrrrrrr?«

»Iche?« – lautete die Gegenfrage als Antwort.

»Ja, Du.«

»Berner's Christoff.«

»Hm – gut – das ist die erste Klasse, nicht wahr – rrrrrr? – hm, hm, hm, das sieht nicht zum Besten, hm, hm – sehr flüchtig geschrieben – hm – sehr flüchtig, und gar nicht sauber – rrrrrrrr! – hm – wem gehört denn das Buch hier – rrrrr? – Hans Müller? – Hans Müller, komm einmal her zu mir! – wer hat denn hier den Kleks auf die Zeile gemacht, he – rrrrrr? – und wer denn da, rrrrrrrr? – und wer denn da, rrrrrrrrrrrr? – Hans Müller, stell' Dich einmal dahinteran den Ofen zu dem anderen bösen Knaben, und bleib da stehen, bis ich wieder fort bin, rrrrrr – und wie ist das geschrieben – rrrrrrr? – sieht das nicht aus, als ob die Hühner und Gänse darauf herumgekrappelt hätten, he – rrrrrrrr?«

Hans Müller stand wie aus den Wolken gefallen – Herr Hennig hatte ihn bis jetzt vor allen Uebrigen, gerade seines Schreibens wegen, immer gelobt und ausgezeichnet, und jetzt –

»Nun wird es – he?« – fuhr ihn da der gestrenge Herr Superintendent an – »Herr Hennig, ich muß gestehen, daß ich mehr Gehorsam in ihrer Schule erwartet hätte, rrrrrrr – wir haben noch keine Emancipation Herrrrrrrr, daß wir jetzt schon oben hinausthäten, als ob wir alleiniger Meister in der Schule wären, rrrrrr – noch keine Emancipation Herr Hennig, noch keine Emancipation, und werden sie auch, mit Gottes Hülfe, im Leben nicht kriegen – rrrrrr. – Hm – das sieht etwas besser aus, aber auch eine unbestimmte flüchtige Hand – keine Methode – keine Methode – muß besser werden, viel besser werden, hm, hm, hm rrrrrrrrr.«

Die Schreibbücher wurden einer höchst scharfen Kritik unterworfen, beinahe in jedem sah Sr. Ehrwürden etwas zu tadeln und zu rügen, und nur Einer – einEinziger fand Gnade vor seinen Augen, und dieser – Hennig konnte ein Lächeln, das sich auf seine Lippen stahl, kaum zurückhalten, als der Herr Superintendent dem dümmsten Jungen seiner Klasse so freundlich die runde apfelrothe Backe streichelte. Es war der älteste in der Klasse, ein Bengel, der, trotz Ermahnungen und Schlagen, in seinem dreizehnten Jahre kaum eine erkennbare, aus Nichts als Grundstrichen bestehende Schrift schrieb, das aber gefiel dem frommen Herrn; er sah darin eine feste männliche Hand, klopfte dem Jungen – sein Vater war zufällig der reichste Bauer in Horneck und stand mit dem Herrn Superintendenten in ziemlich naher Geschäftsverbindung – freundlich auf die Schulter, und ermahnte ihn, in Fleiß und Eifer so fortzufahren wie bisher, rrrrrrrrrrrrr.

Als dies beseitigt war, flüsterte der Pastor dem frommen Herrn etwas in's Ohr, dieser nickte beifällig mit dem Kopfe, wandte sich dann an den Schullehrer und sagte:

»Dürfte ich Sie bitten, Herr Hennig – Ihr Buch – ich wünschte eine kleine Religionsstunde zu halten – hm.«

»Wir haben heute Morgen schon Religionsunterricht –«

»Ich weiß es, ich weiß es – bitte – so schön – hm.« –

Und der Herr Superintendent ließ sich, die Klemmbrille fest auf die Nase gedrückt, hinter dem Katheder nieder, faltete die Hände über den aufgeschlagenen Katechismus, warf einen andächtigen Blick zur getünchten Decke empor – hustete und räusperte sich und sprach dann mit weicher, andächtiger Stimme:

»Betet, lieben Kinder – Vater unser, der Du bist im Himmel –«

»Geheiliget werde Dein Name!« fiel das Chor, den gewonnenen Anlauf rasch benutzend, ein, und das Gebet des Herrn sagten sie mit so richtigem Ausdruck und so guter ruhiger Ordnung her, daß sich der Herr Superintendent nicht erwehren konnte, einige Male beifällig mit dem Kopfe zu nicken.

Nachdem dies beendet, ging er auf den Katechismus über, und that hier die wunderlichsten Kreuz- und Querfragen, so daß die Schüler, in dem Fach überdies nicht ganz fest, da Hennig es nicht für nöthig hielt, mit dem Auswendiglernen einer Masse von Sprüchen zu quälen und zu ermüden, anfingen, ängstlich zu ihrem Lehrer aufzuschauen und eins um's andere mit Glanz feststaken. Die Stirn des Herrn Superintendenten umfinsterte sichdabei mehr und mehr, auch der Herr Pastor schüttelte ein paar Mal sehr bedenklich mit dem Kopfe und einem losbrechenden Unwetter wurde wohl nur durch ein paar gute Antworten der ersten Mädchenklasse vorgebeugt, von denen besonders die eine, des Wirths Tochter aus Horneck, eine so fatale Rückfrage that, daß sich der Herr Pastor und der Superintendent verlegen dabei ansahen, und rasch auf ein anderes Kapitel übersprangen.

»Gott ist ewig!« sagte der Herr Superintendent und wandte sich damit an einige Kleineren in der Klasse – »wißt Ihr was das heißt – Du da – hm.«

»Er hat keenen Anfang gehabt,« sagte der, auf dem sein Blick ruhte, indem er mit Zittern von seinem Sitze aufstand – »so kann er auch kein Ende haben, und was keinen Anfang und kein Ende nich hat, das ist ewig.«

»Gut – hm,« nickte der fromme Herr und wandte sich gleich darauf mit freundlichem Blick zu demselben, dessen Schreiben er vorher gelobt. –

»Nun sage mir einmal, Peter Schwelbe, wenn also Gott keinen Anfang gehabt haben soll, wann ist er denn da eigentlich geboren?«

Der Junge sah stier und verdutzt vor sich hin, kratzte sich erst mit der Rechten, dann mit der Linken in dem struppigen Kopf, wischte sich die Nase mit dem Aermel,sah erst den Superintendenten und dann den Ofen an und sagte endlich:

»Davon haben wir keene Kenntniß niche.«

»Sieh, lieber Schwelbe,« entgegnete darauf der Superintendent, ohne, wie er das bei anderen Fragen gleich gethan, zu dem Nachbar überzugehn, »wenn Gott gar keinen Anfang gehabt hat, was kann er denn auch also nicht sein? –«

»Das wissen wir noch nicht!« erwiederte Peter abermals unerbittlich, während sich die kleineren Jungen unter einander zuflüsterten:

»Geboren – geboren – geboren.«

»Geboren, Peter, geboren kann er nicht sein,« sagte der Herr Superintendent und nickte dem Bengel wohlwollend zu, als oberdie Frage beantwortet habe. »Ah Du da – hm – der Nächste – Du zeigst mir wohl einmal Dein – hm – Dein Thema von der letzten Predigt – komm, schnell« – und er streckte den Arm gegen den verdutzt dasitzenden Jungen aus und winkte dazu mit den Fingern. »Nun? – hm – wird's bald – hm, rrrrrr?« wiederholten Sr. Ehrwürden, »ich habe doch deutlich genug gesprochen – Dein Thema rrrrr – wo hast Du's?«

»Sie entschuldigen,« nahm sich hier Herr Hennigdes Jungen an, »ich lasse die Knaben das Thema in der Kirche nicht aufschreiben, weil –«

»Sie lassen dasThemanicht aufschreiben, Herr Hennig, rrrrrrrr?« sagte, sich in unbegrenztem Erstaunen nach ihm umwendend, der fromme Herr – »Sie lassen das Thema nicht aufschreiben? rrrrr.«

»Ich habe gefunden, daß –«

»Ich bitte, daß SiegarNichts finden – hm – Herr Hennig, rrrrrr« – unterbrach ihn aber mit scharf verweisender Stimme der Superintendent – »gar Nichts finden, hm – rrrrrrrr – sondern den von mir – hm – von mir verordneten Regeln – ja Regeln rrrrr – folgen, wie sie Ihnen vorgeschrieben sind rrrrr. – Ich hoffe, daß ich das nächste Mal ein Thema finde, Herr Hennig – rrrrrr – hm – hm – daß ich das nächste Mal ein Thema finde rrrrrrrr.«

Der Superintendent schwieg einen Augenblick und sah mit etwas erhitztem Angesicht die ängstlich dasitzenden Knaben an, endlich wandte er sich wieder an den, von dem er das Thema zuerst gefordert und sagte:

»Also weißt Du auch gar nicht, was gestern gepredigt worden ist? rrrrr und«

»O ja,« fiel der Junge, der sich hier auf festem Grunde wußte ein – »das weeß ich!«

»So? – hm – und was? hm – wenn man fragen darf rrrr?«

»Wie viel es nütze,« sagte der Knabe, einer der besten Köpfe in der Klasse – »wenn wir den Ausspruch des Gamaliels, Apostelgeschichte 5, 34-42. ›Menschenwerk vergeht, Gotteswerk besteht‹ zu unseren Grundsätzen nehmen.

a.dann werden wir vielen Zweifeln entgehn.

b.wir werden uns vor so manchen verkehrten Urtheilen bewahren.

c.wir werden unsere Tugend vor vielen Gefahren schützen.«

»Hm – gut – hm – gut geantwortet,« sagte der Herr Superintendent, vielleicht nicht einmal ganz zufrieden, bei dieser Gelegenheit keinen weiteren Anlaß zum Tadel gefunden zu haben. Die übrigen Knaben, die er frug, waren übrigens fast eben so taktfest und er begann jetzt, biblische Sprüche zu examiniren, von denen ihm die Kinder immer gleich aus dem Kopfe die Quellen angeben mußten. Hierin fand er sie ebenfalls wieder nicht besonders geübt, denn Hennig hielt es für nützlicher, seinen Zöglingen den Sinn der Sprüche als den Ort, wo sie in der Bibel standen, einzuprägen, der Herr Superintendent waren aber anderer Meinung, fuhren jetzt dieKreuz und Quer im alten und neuen Testament herum und citirte und tadelte so lange, bis zufällig ein kleiner Bursche aus einer Ecke heraus einen der von dem gestrengen Examinator angegebenen Sprüche nachschlug und augenblicklich triumphirend – natürlich aber in aller Unschuld, verkündete, daß der bezeichnete Spruch nicht da – sondern da und da zu finden wäre.

Die Knaben flüsterten unter einander, der Herr Superintendent aber, der sich nicht wenig ärgerte, hier eine so fatale Blöße gegeben zu haben, und den Eindruck doch gern verwischen wollte, ging rasch auf die biblische Geschichte über, in der er sehr bewandert war, und sogar ohne Buch die Fragen scharfsinnig genug stellen konnte, um selbst den Pastor und Schulmeister, worauf es jetzt besonders angelegt war, in Erstaunen zu setzen. Zu seiner Ueberraschung fand er die Kinder jedoch darin viel fester als er erwartet, und bekam ganz gute Antworten. Das böse Geschick trieb ihn jedoch, mit unerbittlicher Strenge gerade aufeinenPunkt hin, an dem er scheiternmußte– ein unglücklicher Zufall brachte ihm die Familie Noah auf die Lippen und kaum war die Frage heraus, wer Japhets Vater gewesen, als die ganze Classe in ein unwiderstehlich schallendes Gelächter ausbrach.

Der Herr Superintendent stand erstaunt und schoß dabei einen so strengen, Unheil kündenden Seitenblick auf den LehrerdieserSchule, daß Hennig, wäre er von anderem Stoff als er gerade war, gewesen, jedenfalls hätte in die Erde sinken müssen, so aber biß er selbst, das Komische des ganzen Auftritts mehr, als irgend einen bedeutungsvollen Ernst fühlend, die Lippen zusammen und sah still vor sich nieder.

Der Pastor glich einer Statue stummen Entsetzens, und stand da, wie wenn der Himmel sich jetzt wirklich unmittelbar genöthigt sehen würde, auf sie alle herunterzukommen, und mit Mann und Maus in der Schulstube zusammen zu quetschen und zu begraben.

»Herr Hennig,« brach sich da endlich der bis jetzt nur allem Anschein nach, durch seine Ueberraschung zurückgehaltene Zorn und Unwille des frommen Herrn die Bahn, und damit auch eine Pause, in der selbst die ausgelassensten der Schuljugend das fürchterliche Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht, zu begreifen anfingen, und still und verlegen, bald den Herrn Pastor, bald ihren Lehrer anschauten. »Herr Hennig – dürft ichSievielleicht um eine Erklärung dieses Auftritts, rrrrrrr – an dem Sie sich selbst, wie mir fast vorkommen will, zu ergötzen scheinen,ersuchenrrrrrrrrrr?« – und ersprach das letzte Wort mit einem so beißenden Nachdruck, daß Hennig bald merken mußte, in wie hohem Grade sein mächtiger Vorgesetzter über ihn erbittert sei.

»Herr Superintendent,« nahm er deshalb um nicht selber noch muthwillig den Groll zu erhöhen, das Wort, »die Kinder sind ungezogen gewesen, während des Religionsunterrichtes zu lachen, gerade heute und bei dieser Frage würden Sie es aber auch entschuldigen, wenn Sie den »Verstandesübungen« mit beigewohnt hätten, wo Einer von den Kleineren eine, ebenfalls sich auf Noah beziehende Frage so komisch beantwortete, daß wir Alle lachen mußten. – Die neue Nennung des Namens ruft dies jetzt in das Gedächtniß der Kinder zurück, und es ist wohl natürlich, daß sie dabei nicht ernsthaft bleiben konnten; kam mir doch selbst das Lachen an, und mußte ich mir Mühe geben, es zu unterdrücken.«

»Das ist recht hübsch von Ihnen, Herr Hennig, sehr hübsch, Herr Hennig – rrrrrr – und Sie mögen das, wie ich gar nicht bezweifeln will – wenn Sie allein mit den Kindern sind, Herr Hennig rrrrrrrr, auch so halten – obgleich es mir – der guten Sache wegen, versteht sich, eigentlich lieber wäre, wenn esnichtgeschähe – rrrrrr – in meiner Gegenwart aber, und in den wenigen Minuten, die ich hier in Ihrer Schulstubegegenwärtig bin, rrrr, möcht' ich mir das in Zukunft höflichst verbeten haben, Herr Hennig – rrrrrrrrrr.«

»Herr Superintendent, ich versichere Sie –«

»Und noch außerdem möchte ich Ihnen bemerken, Herr Hennig, daß ich in Ihrer Classe überhaupt, und mit großem Misfallen eine Unaufmerksamkeit finden muß, die nie, am allerwenigsten aber in einem Religionsunterricht statt finden sollte – rrrrrrr.« –

»Herr Superintendent –«

»Wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr« – unterbrach ihn der fromme Herr, der fest entschlossen schien, den Schullehrer gar nicht zu Worte kommen zu lassen, »auf's Neue wir haben noch keine Emancipation, sage ich Ihnen, und es thut mir ungemein leid, rrrrrr – Nichts günstigeres über Sie und die Ihnen anvertraute Schule an ein hohes Consistorium berichten zu können – wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig rrrrrrrrrrr.«

»Wollte Gott wir hätten sie, Herr Superintendent,« fiel ihm aber jetzt Hennig, dem das Blut auch überzuwallen begann, vor all den Kindern so unwürdig behandelt zu werden, in's Wort – »dann hätte dieser Auftritt, der nur bestimmt zu sein scheint, den Lehrer umdie Achtung der Kinder zu bringen, nie und nimmer statt finden können. –«

»Herr Hennig!« riefen der Herr Superintendent und der Herr Pastor in einem Chor, voll starren staunenden Entsetzens. –

»Wollte Gott wir hätten sie« wiederholte aber, jetzt von seinen Gefühlen ganz hingerissen und bewältigt, und unbekümmert um irgend einen der Vorgesetzten, der junge Mann, »daß der Geist des Lehrers frei und stark die von ihm erfaßte Bahn festhalten und verfolgen könnte, und segensreich auf das Schicksal seiner ihm anvertrauten Zöglinge, auf das Schicksal künftiger Geschlechter einwirkendürfte– kein Heil ist für Deutschland zu erwarten, so lange der Lehrer unter die Oberaufsicht von Leutenerniedrigtwird, die vom Schulwesen Nichts verstehn, und sich doch ein Urtheil über ihn anmaßen, und in deren Händen es noch überdieß liegt durch heimliche Conduitenlisten den so schon genug Unterdrückten noch gänzlich zu verderben, indem sie Beschuldigungen auf ihn häufen, oder ihn durch Anklagen verdächtigen, gegen die er sich nicht vertheidigen kann, weil er sie nicht einmal erfährt, und erst in ihrer verderblichen Wirkung kennen lernt.« –

»Herr Hennig rrrrrrr« – riefen aber jetzt der HerrSuperintendent, der in seinem Grimm und Staunen bald roth und bald blaß geworden war, und demalsoAufgeregten, der nicht einmal seinen Stand mehr achtete, und es, mit einer Kühnheit, dieihmbeispiellos dastand, wagte, vor der ganzen Schule in solcher Art gegen ihn aufzutreten, auch am Ende gar noch etwas Schlimmeres – vielleicht gar Thätlichkeiten zutraute – »Herr Hennig, rrrrrrr – wir werden uns rrrrrrrr – wir werden uns wieder sprechen, rrrrrrrrr – 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig – rrrrrrrrr – 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig – rrrrrrrrrrrrr.«

Durch den Schwarm der ängstlich und schnell Raum gebenden Knaben brach er sich Bahn, und verließ, von dem Pastor gefolgt, rasch die Schule. – Etwa hundert Schritt von deren Thür entfernt, hielt sein Wagen, denn er war mit Willen nicht ganz vorgefahren, um den Lehrer besser überraschen zu können. Nach einigen, mit Pastor Scheidler nur noch flüchtig gewechselten Worten, stieg er ein, rief dem Kutscher den Namen des Orts zu, den er besuchen wollte, und rollte gleich darauf, von den neugierigen Blicken der Dorfbewohner verfolgt, den Weg entlang, der auf das nur etwa anderthalb Stunden entfernte Bachstetten zuführte.

Hennig war indessen, die sich schüchtern zusammendrängendenKinder nicht weiter betrachtend, in dem engen Raum, der ihm vor den Bänken frei blieb, mit raschen Schritten und verschränkten Armen auf und abgegangen, als sich die Thür wieder öffnete, und Pastor Scheidler noch einmal herein trat. Er blieb jedoch auf der Schwelle stehn und als Hennig zu ihm auf, und die Kinder nach ihm umschauten – sagte er zu diesen mit freundlicherer Stimme als sie es vielleicht erwartet:

»Ihr könnt zu Hause gehn – es wird gleich zwölf schlagen – haltet hübsch Ordnung.«

Still und geräuschlos glitten Knaben und Mädchen, denen es anfing unheimlich in dem Raum zu werden, an ihm vorüber, ins Freie hinaus und der Pastor wandte sich, als auch der Letzte das Zimmer verlassen, mit wohl ernsten, aber nichtsdestoweniger herzlichen Worten an den gereizten jungen Mann, der im Anfang schon eine zweite Strafpredigt erwartet hatte, und – jedes eigene Interesse hintenansetzend, fest entschlossen schien, sich keiner gewaltigen Hand mehr zu beugen, jetzt aber, durch die freundliche Stimme erst überrascht, bewegt wurde – einen Augenblick schwieg und dann, ihre sonstige Stellung ganz vergessend, des Pastors Hand ergriff und mit leiser, fast bittender Stimme sagte:

»Sein Sie mir nicht böse, Herr Pastor, daß ichmich eben von meiner Heftigkeit so hinreißen ließ, gegen den Herrn Superintendenten so harte Worte auszustoßen. Ich will allerdings nicht leugnen, daß sie ernstlich gemeint waren, ich müßte sonst, wollte ich das, mein eignes Selbst mit abschwören, aber sie sollten den alten Herrn nicht beleidigen, und ich fürchte fast, daß das geschehen ist – darf ich auf Ihre Güte rechnen, darin ein freundliches Wort für mich einzulegen?«

»Lieber Hennig,« erwiederte ihm hierauf der Pastor – »Sie haben ein Versehen gemacht, das Ihnen, fürchte ich, nicht so leicht vergeben werden wird, als Sie jetzt zu denken scheinen – der Herr Superintendent fuhr in äußerster Entrüstung fort, und – es thut mir leid, es sagen zu müssen – er hatte in der That recht.«

»Herr Pastor.«

»Ja ja, lieber Hennig, ich habe sonst, wie Sie recht gut wissen, nur sehr wenig gegen die Art einzuwenden, wie Sie Ihre Schule halten –garnichts dabei gegen Ihren eignen Fleiß und Eifer, die Unaufmerksamkeit Ihrer Classe war aber heute wirklich auffallend, und ich kann es dem Herrn Superintendenten gar nicht verdenken, daß er ein paar tadelnde Worte darüber sprach, ja ich glaube, es ist sogar, was er gethan, nur seine Pflicht und Schuldigkeit gewesen.«

»Herr Pastor,« nahm da Hennig ernst und ruhig das Wort, »ich glaube, daß Sie es gut mit der Schule – und auch mitmirmeinen; ich will es wenigstens hoffen, denn ich habe gerade Ihnen noch nie Gelegenheit zum Gegentheil gegeben. Das Herz in der Brust thut Einem aber weh, wenn man sich nun das ganze Jahr in der Schule müht und quält, seine besten Kräfte, seine besten Lebensjahre daran wendet, etwas Tüchtiges und Ordentliches aus den Kindern zu ziehen – wenn man den richtigen Saamen in ihre Seele gelegt, und dafür auch deren leiseste fernste Seelenkräftekennen gelernt hat, und nun einen Mann hereinkommen sieht, den Gott – Sie verzeihen mir den Ausdruck – zufällig zum Superintendenten gemacht, der von der Schule nur wenig, von der Behandlung der Kinder gar Nichts versteht, seine eigenen selbstsüchtigen Ansichten mit herein bringt, überall anstößt, von den Kindern heimlich ausgelacht wird, da sie, bei den Blößen, die er giebt, bald durchschauen müssen, was eigentlich hinter ihm steckt, und der denn doch Macht und Gewalt genug hat, gerade den, den die Schüler am höchsten achten sollten, ihren Lehrer, in den Staub nieder zu treten und zu vernichten. Gerade derUebermuth, Herr Pastor, ist es, der endlich selbst einem armen Dorfschulmeister hat denNacken heben, und das unerträgliche Joch fühlen lassen, unddas mußabgeschüttelt werden, Herr Pastor, oder nicht alleinwir, das wäre das wenigste, und Deutschland brauchte nicht zu trauern, nein, die ganze künftige Generation geht zu Grunde, und muß zu Grunde gehen. Der Fluch komme dann auf die Häupter derer, die es verschuldet.«

»Daß die Kinder unaufmerksam wurden,« fuhr er nach einer Pause von wenigen Secunden fort, »ist kein Wunder – sie waren abgespannt – der Religionsunterricht vorher, dann die Verstandesübungen, dann wieder Religionsunterricht, wo soll da die Aufmerksamkeit herkommen? Danach aber fragt der Superintendent nicht – wie sein Wort die Dienste des Lehrers fesseln kann, glaubt er auch den Geist der Kinder in der Hand zu haben; der aber ist leicht und fröhlich, und wenn ihn die Krause auch schrecken kann, fassen und unterdrücken wird sie ihn nur langsam und nur – nach einem systematischen Mordplan – dem er endlich unterliegen muß.«

»Sie gebrauchen etwas starke Ausdrücke, lieber Hennig, aber ich will das Ihrer jetzigen Aufregung zu Gute halten, und Ihnen einen Vorschlag machen, der vielleicht nicht allein die ganze eben vorgefallene Geschichte mit dem Herrn Superintendenten, und zwar selbst bei diesemin Vergessenheit bringt, sondern Ihnen auch von wesentlichem Nutzen sein kann. Ich wenigstens weiß nichts auf der Welt, was ich Ihnen abschlagen könnte, wenn Sie nur dieß eine Mal diesem, meinem Rathe folgen wollten.«

»Und der wäre?« sagte Hennig aufmerksam werdend und gespannt – »ich habe doch sonst in allen Stücken, Herr Pastor, gerade Ihrem Rathe so gern und willig Folge geleistet.«

»Ja – allerdings – infastallen Stücken – nur in dem einen nicht, und doch könnte gerade dieses eben jetzt die Folge recht böser und unangenehmer Folgen für Sie sein – Sie verstehen was ich meine?«

Der Lehrer nickte traurig und schweigend mit dem Kopfe, und sagte endlich, nachdem er lange und sinnend vor sich niedergestarrt:

»Aus dem Herzen soll ich all' meine Hoffnung, mein festes heiliges Vertrauen auf eine Zukunft reißen, elend und arm soll ich, mich selbst verachtend, dastehen in der Welt, und – dafür wollen Sie ein hastig gesprochenes Wort vergessen, und mir wieder gnädige –Herrensein.«

»Herr Hennig!«

»Zürnen Sie mir nicht, Herr Pastor, daß ich nichtanders handle, als ich es eben thue – wäre ichhierschwankend, wer bürgte Ihnen dann dafür, daß ich in meinem Eifer, in meiner Liebe zu den mir anvertrauten Kindern nicht auch schwankend würde? Lassen Sie mich auf meiner Bahn fortschreiten, und Alles über mich ergehen, was da ergehen soll – ich fürchte überdieß, daß ich den Leidenskelch noch nichtgeleert. – Mag der Herr Superintendent sein Aeußerstes thun, was jedenfalls geschehen wird, wenn ich ihm nicht morgen spätestens zu Füßen falle und um Verzeihung bitte – mag er die Blitze des Consistoriums auf mich herab beschwören, ich bleibe meinen Ansichten treu, und geradeSie, Herr Pastor, zu dessenbestenEigenschaften seltne Charakterfestigkeit gehört, werden mir darüber am wenigsten zürnen dürfen.«

»Ich weiß nicht recht,« sagte der geistliche Herr, keinesfalls mit dem Resultat zufrieden, und halb verlegen lächelnd, »ob die ›beste Eigenschaft‹ eine Schmeichelei oder eine – Grobheit für mich sein soll, will sie jedoch im besten Sinne nehmen. Damit kommen Sie übrigens nicht durch, Hennig – damit kommen Sie nicht durch. – Wenn ein vernünftiger Mensch mit dem Kopfe absolut durch eine Wand fahren will, so prüft er wenigstens vorher, ob sie aus Stein oder Lehm besteht,und ist das erstere der Fall, so giebt er es auf – oder er ist eben kein vernünftiger Mann mehr. Sie, lieber Hennig, wollen mit dem Kopfe durch eine solide Steinwand brechen, erlauben Sie mir aber die Bemerkung, daß der Stein doch noch etwas härter ist, als Ihr Kopf, und das Resultat kann da, nach allen Gesetzen der gesunden Vernunft, auch nicht im Mindesten mehr zweifelhaft sein. Ich meine es gut mit Ihnen, und würde Ihre Beförderung zu einer besseren Stelle mit Freuden gesehen haben, stoßen Sie aber jede Hand, die Ihnen Hülfe bietet, gewaltsam von sich, so wundern Sie sich auch nicht, wenn sich Ihr Schicksal, wenigstens nicht in nächster Zeit so günstig gestalten sollte, als Sie es vielleicht wünschen. Ich will Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein lassen – überlegen Sie sich noch einmal, was ich Ihnen gesagt – auch nicht einmal ein Zugeständniß verlange ich dann von Ihnen, nur Ihr Betragen, nur Ihre ganze Handlungsweise mag mir in nächster Zeit beweisen, ob Sie zur Vernunft gekommen sind, ob Sie den Versuch mit der Mauer noch wirklich machen wollen.«

Er verließ die Schule, und Hennig stand in dem öden, leeren Raum allein.

Der Abend brach an, die Sonne sank hinter den glühenden Gipfeln der Bäume in ihr rosenbestreutes Bett und hier und da funkelte einer der klaren blitzenden Sterne nach dem andern von dem mattblauen Himmelsgewölbe nieder.

Auf dem Hofe des Rittergutes zu Horneck sah es ziemlich still und leer aus, die Knechte waren noch in der Schenke oben, oder saßen in der Gesindestube – die Mägde melkten die Kühe, um recht bald fertig zu sein, und den Tanz nachher nicht zu versäumen, und die Brennerei und andere Gebäude standen fest verschlossen. Nur im Zimmer der Herrschaft brannte helles Licht und eine laute Stimme schallte manchmal von dort herüber über den stillen Hof, daß Eines oder das andere vom vorübergehenden Gesinde wohl einen Augenblick stehenblieb, zuhorchte, dann mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging.

Die breite steinerne Treppe, die, von zwei Seiten und in der Mitte zusammenlaufend, zur Eingangsthüre der herrschaftlichen Wohnung hinaufführte, stieg jetzt ein Mann hinauf, der wohl schon eine Viertelstunde unten im Schatten der Kastanien gestanden und der Stimme gelauscht hatte. Er blieb auch auf den Stufen noch einige Male stehen, und schien überhaupt gar nicht so recht entschlossen, ob er weiter gehen oder vielleicht gar lieber wieder umkehren solle. Endlich entschied er sich aber doch wohl für das erstere, sprang schnell die noch wenigen Stufen hinauf, öffnete rasch die Thüre und sah gerade wie von dem Schlüsselloch links – nach derselben Stube hinein, aus der das laute Sprechen tönte, eine dunkle Gestalt blitzesschnell zurück und der in die Gesindestuben niederlaufenden Treppe zufuhr.

»Poller!« rief aber der eben Gekommene, und der junge Bursche, der hier so unversehens beim Horchen ertappt worden, wandte sich rasch um und blieb stehen.

»Poller – pst!« wiederholte aber der Erstere, »auf ein Wort!«

»Hallo, Krautsch,« sagte mit überraschter, aber unterdrückter Stimme der Horcher, und kam mit geräuschlosenSchritten auf diesen zu – »was zum Teufel führt Dich denn eigentlich hierher – laß Dich nur um Gottes Willen nicht – und besondersheutenicht von dem gnädigen Herrn blicken, der ist schon wüthend genug auf Dich wegen Deines Wilddiebstahls, eine Sünde, die Du einmal nicht lassen kannst, und heute kämst Du ihm außerdem gerade recht.«

»Nu, was giehts denn grade hinte an en Sonndag?« frug Krautsch – »hot he sich mit Jemand gezankt?«

»MitJemand? – nein, die, welche Ursache hätte gegen ihn zu zanken, thut den Mund nicht mehr auf, so gut sie auch sonst die Zunge zu brauchen wußte!«

»Was? – habt' Ihr ene Leiche im Haus?« rief Krautsch erstaunt.

»Nein, fürchte Dich nicht,« lachte Poller – »'s ist nur die neue Frau von Gaulitz, die jetzt Schläge kriegt nach Noten.«

»De Frau von Gaulitz Schläge? – Papperlapapp,« sagte ungläubig der Mann – »ja, wenn unse Eeener verheirath' is, und seiner Olen eimal ene im Vertrauen sticht – aber die gnädige Frau von Gaulitz –«

»– Wird von dem alten Schuft mißhandelt, daß es eine Art hat,« ergänzte Karl Poller in nicht gerade ehrerbietiger Weise des Freundes Rede – »Die Geschichtespielt übrigens schon ein paar Monate – ja seiner ersten Frau, einer wirklichen Dame, hat er's nicht besser gemacht, und da braucht sich die jetzige, seine frühere Haushälterin, denn auch nicht zu wundern, daß es ihr nicht besser geht – na,verdienthat sie's – wenn auch nicht gerade um ihn.«

»Verdient? – wie so?« frug Krautsch neugierig.

»Hm,« meinte Poller wichtig – »das sind Familiengeheimnisse, die besser ›unter uns‹ bleiben – man hat auch seine Rücksichten zu nehmen. – Aber was führt Dich eigentlich auf's Schloß her, willst Du wirklich den gnädigen Herrn selbst sprechen.«

»Ne, ich danke,« brummte der Wilddieb, »där mechte mer schiane uf de Hucke steigen – ich wulle Dich sprächen – he Karl, wie stiahts denn egentlich mit meiner Geschichte – han ich was zu ferchten, un is es verleicht besser, ich bin emal Morgens ganz wegg?«

»Besserjedenfalls,« erwiederte ihm vorsichtig Poller – »außerdem liegt der Wilddiebstahl nicht allein gegen Dich vor, sondern ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß, der Teufel mag errathen woher, noch eine andere Klage gegen Dich aufgetaucht ist, die – doch Du wirst schon wissen, was ich meine.«

»Dunnerwetter!« rief, aber mit ganz leiser, erschreckterStimme der Bursche – »das wiare en schiane Geschichte, aber Mosje Poller, in där stiaken mer nich alleene drin – zudärsein noch angere Personen nethig, die nachens eben so dusemang fortmachen kennten wie unser Ener.«

»Sprich nicht so laut,« flüsterte Poller – »ich weiß wohl, es ist eine verfluchte Bescheerung und ich werde Dich darin nicht im Stiche lassen; ich kann's aber am besten noch abwarten, dennhiersitz ich an der Quelle, und bin jeden Augenblick im Stande, zu erfahren, wie die Sachen stehen. Ist's nachher Zeit, nun zum Henker noch einmal, dann müßt's ja keine Eisenbahnen geben, und so viel, daß man nicht gerade gleichverhungert, nun dazu wird wohl noch Rath werden.«

»Here, bei demVerhungern,« flüsterte Krautsch, »fällt mer en verflucht guder Gedanke in – wie wärsch denn nu, wenn mer –«

»Pst!« sagte Poller, und horchte aufmerksam nach der Thür herüber, hinter der der Lärmen gerade von Neuem auszubrechen schien – »jetzt geht's wieder los, na der klopft seine eine Hälfte in der Nacht noch windelweich – so einen Mann wünscht' ich mir auch, wenn ich eine Frau wäre – alt, geizig wie ein Harpar, häßlich wie die Nacht, ein Tyrann wie ein Tiger und einfrommer Betbruder dabei, der so voller Bibelverse steckt, wie ein alter Käse voller Maden.«

»Jetzt sagtsiewuhl was?« flüsterte Krautsch, hinüberhorchend.

Poller erwiederte Nichts, sondern schlich nur, während im Innern die klagende Stimme der Frau laut wurde, vorsichtig wieder auf seinen alten Platz zur Thüre, und legte erst das Auge und dann das Ohr so dicht als möglich an das Schlüsselloch an.

»Ich bitte Dich um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gaulitz, schlage mich nicht mehr,« flehte die Frau, »was habe ich Dir denn zu Leide gethan, daß Du Alles das, was Du mir früher geschworen, so ganz vergessen hast, und mich jetzt wie eine Verbrecherin behandelst – wohlbinich schuldig und heute – heute seh' ich ein, was ich anihrbegangen, aber Du wahrlich solltest doch der letzte Mann auf der weiten Gotteswelt sein, der mich darum mißhandelte.«

»Hinaus mit Dir – hinaus und in die Gesindestube hinunter, wohin Du gehörst,« rief aber jetzt, durch diesen Vorwurf wohl um so mehr gereizt, da er so sicher gezielt war, daß er das schlummernde Gewissen des Mannes im innersten Herzen traf, der Oberpostdirector – »in die Gesindestube mit Dir und –«

»Hülfe!« schrie die Frau, und ehe Poller, der in diesem Augenblicke gerade versucht hatte, einen Blick in das Innere zu gewinnen, im Stande war, zurückzufahren, flog die Thür auf und traf den Horchenden mit solcher Gewalt an die Stirn, daß er rücklings zur Erde geschleudert wurde. Krautsch behielt eben noch so viel Zeit, sich in die Fensterbrüstung zu drücken. Poller aber fühlte sich, ehe er im Stande war, wieder in die Höhe zu springen und zu entfliehen, in der kräftigen Faust des Oberpostdirectors, der den Stock, den er eben in der Hand hielt, derb auf Kopf und Schultern niederfallen ließ und den armen Teufel so lange bearbeitete, als er nur noch einen Arm möglicher Weise rühren konnte.

»So – Canaille!« rief er endlich, als er erschöpft inne halten mußte, »da –« und er stieß ihn verächtlich mit dem Fuße von sich – »das hast Du für's Horchen und ich will Dich lehren, Deine Ohren wieder an Zimmerthüren zu legen, hinter denen ich spreche – thust Du's, dann sei versichert, daß ich Dich Jesum Christum noch besser erkennen lehre.«

Damit trat er zurück, warf die Thüre hinter sich mit aller Gewalt in's Schloß und ließ den Mißhandeltenfast bewußtlos vor Schmerz und Wuth auf der Erde liegen.

Dieser raffte sich endlich mit leisem Stöhnen und einem bitteren, zwischen den Zähnen hervorgemurmelten Fluch auf und wandte sich, als ob er die hintere Treppe hinunter gehen wollte, Krautsch aber glitt in diesem Augenblicke aus der Fenstervertiefung vor, faßte den Freund am Arm und zog den nicht Widerstrebenden, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, zur vordern Thür hinaus, die steinerne Treppe, dem Thore zu, hinunter, und vor das Gut, in den dicht daran stoßenden in dieser Abendzeit sonst von keinem Menschen betretenen Obstgarten hinaus.

»Nun, was hast Du? – was soll?« knurrte Poller endlich, mürrisch und erzürnt genug, als sein Freund hier, und an der höchstgelegensten Stelle, von wo aus sie nach allen Richtungen hin das Nahen eines Dritten leicht erblicken konnten, stehen blieb und lauschte, ob sie auch wirklich allein und von Niemandem behorcht seien – »was soll die Allfanzerei, Gott verdamm mich, ich fange an, es satt zu kriegen, vor dem ›gestrengen Herrn‹ da drinn Versteckens zu spielen. Hol' ihn der Teufel, ich will mich nicht weiß brennen, aber geniren würd' ich mich, die Sonne auf mich niederscheinen zu lassen, wennich ein so niederträchtiger und hundsföttischer Schurke wäre wie der Herr Oberpostdirector.«

»Willst Du Dich rächen,« flüsterte ihm Krautsch leise und vorsichtig in's Ohr. Poller fuhr rasch nach ihm herum, und schaute ihm fest und fragend in das schlau blinzende tückische Angesicht.

»Obich's will,« sagte er nach einigen Secunden, »aber wie? – weißt Du ein Mittel? –verrathendarf ich ihn nicht – ich stecke selbst zu verdammt tief mit in alle den Geschichten, sonst gäb' es Nichts leichteres auf der weiten Gotteswelt, alsdenBurschen Hals über Kopf in's Zuchthaus zu schicken.«

»Zuchthaus?« meinte Krautsch verächtlich – »da sägst Du dernach aus, so 'ne hohe Perschon in's Zuchthaus zu kriegen, als ob die nich Winkelzige genug kennten, drim herim zu gehn – ene Krahe hackt der angeren de Oogen noch lange nich aus, un wo mer sich hier nich selber hilft, da husten Enen die Angeren erscht recht was – ne Poller, aber ich weeß Der en Mittel – machst De mit?«

»Nun heraus mit der Sprache – erst muß ich's jedenfalls wissen, ehe ich 'was Bestimmtes dazu sagen kann – he?«

»Ich habe schonst oben im Hause davon angefangen,als der Spektakel losgung – Du meentest doch 'was von Verhungern –«

»Hm – und weiter.«

»Nun siehst De,« fuhr Krautsch eben so leise fort – »wir zwee Beede haben das Heifige gerade nich – wenn mer aber so en Platz wißten, wo mer mit eenem Ruck – verstehst De mich – so was zesammen derwischen kennten. –«

»Nun? –«

»Nu? – ih nu, denn meen ich, mer ließen uns de Zeit nicht lange währen, en griffen zu. – Merkst Denochnix?«

»Hm – nun sprich aus,« sagte Poller sinnend, und seinen Freund dabei etwas mißtrauisch von der Seite anschauend.

»Da is weiter nischt mehr groß auszesprechen,« brummte aber der Bursche – »wenn De mich alleweile noch nich verstiahst, so hast'n Brät vorm Kopp – Willst es aber absolut deitsch haben, so kannst' es ooch kreihn – wie viele Geld hat der Postdirecter neilich mit heeme gebracht?«

»Wie viel? – hm – wenn wirBeidees hätten, könnten wir für unser künftiges Leben zufrieden sein.«

»Na also, unworumkennen wir Beede dasnichetwa kreihn? Das mecht ich wissen. –«

»Das geht nicht,« sagte Poller nach kurzem finsteren Brüten – »am Tage ist das Zimmer, wo das Geld liegt, fest und sicher verwahrt, und liegt so von den übrigen Wohnungen umgeben, daß an ein Einbrechen gar nicht zu denken wäre, und in der Nacht schläft jetzt, seit es auf dem Gute ist, der Oberpostdirector selbst darin, und hat immer zwei geladene Pistolen neben sich über dem Bette hängen. Das Einzige wäre –«

»Nu – 'raus mit das Eenzige.«

»Das Einzige wäre, wenn er einmal wieder in dieser Zeit sein gewöhnliches Reißen bekäme und das Bett den Tag über hüten müßte;dannging es allenfalls, dann sind wir, ich und mein Alter, die einzigen Personen, die zu ihm hinein dürfen, und nachher – Gift und Tod, das müßte eine Wonne sein, dem alten schurkischen Geizhals den so heilig gehaltenen Mammon von der Seele reißen zu können, unddaswäre allerdings eine Rache. Ich glaube, er ließ, wenn ihm die Wahl gegeben würde, zehntausendmal lieber sein Leben als sein Geld, und verdammt will ich sein, wenn er es da nicht auch ganz richtig taxirt. – Wart Bursche, den Karl Poller hast Du nicht umsonst wie einen Hund geschlagenund getreten, und gedenken thut Dir's der, so lange er ein Glied rühren und einen Plan ausbrüten kann.«

»Also wenn er im Bette liggt, nachens kennten mer ankommen?« frug Krautsch.

»Die Leute wären nur immer noch zu sehr im Weg,« brummte Poller leise vor sich hin – »wenn man nachher etwas auffinden könnte, sie alle hinten nach den Scheunen hinzulocken.«

»Hm, das wäre nu grade keene Kunst niche,« lachte der Mann – »en kleen Bischen Feier in's Untertenne mißte ungeheier schiahn aussähn – nachens sterzten se sicher Alle hinger.«

»Brandstifter?« sagte Poller erschreckt – »alle Wetter nein – das geht doch nicht – da steht Kettenstrafe drauf und zehn oder funfzehn Jahre mit einer Kette am Bein Straßen zu kehren – nein, damit wäre der Spaß doch ein Bischen zu theuer erkauft.«

»Papperlapapp!« sagte mit heiserem Lachen Krautsch, »wenn mer sich derwischen läßt, so hat mer's nich wegen Brandstiften, sondern wegen's d'Erwischen lassen verdient – mer werd aber nich so dumm sin –mirkommen weck, davor sin mer sicher.«

»Ich weiß doch nicht – die Sache ist mir zugefährlich, das will ich gerade nicht sagen, klingt aber zu bös und – könnte Einen in verdammte Verlegenheiten bringen – ich will mir's lieber noch eine Weile überlegen – wir können morgen wieder einmal darauf zurückkommen.«

»Zurückkommen?« brummte Krautsch ärgerlich – »wenn se michvor- und die angere Geschichte rauskreihn, nachens, dächt' ich, sprächen mer Beede nich sehre mehr von Zerickkommen, un da mer nu noch da sin, wär's meiner Six de rechte Zeit. Nu, Poller, machst De mit?«

»Du willst das Feuer anlegen, und mich nachher – laß einmal sehen – ja – an der Blutbuche neben der kleinen Waldwiese treffen und wenn wir dann im nächsten Dorf leicht einen Wagen kriegen könnten, der uns auf den Bahnhof bis Tagesanbruch führte –?«

»Na ob – ich bin en merkwirdiger Feierwerker – aber wie wärsch denn, wenn mer die Sache gleich morgen machten? da han se ja Treibjagd uff'n Feldern.«

»Nein morgen geht es noch unter keiner Bedingung – den Tag würd' ich schon bestimmen – alsoDubesorgtest das, und nachher?«

»Dann theelen mer.«

»Gleiche Hälften?«

»Nu verstäht sich – worum denn niche?«

»Hm – ja, versteht sich – – – ich will mir die Sache doch lieber noch einmal erst überlegen.«

Poller wollte sich abwenden, um zum Schloß zurückzugehen, Krautsch frug ihn lachend, ob er sich vielleicht noch eine zweite Tracht Prügel und einige Fußtritte holen wolle – der Oberpostdirector scheine gerade dazu in der rechten Laune gewesen zu sein. – Poller ging mit untergeschlagenen Armen bis ans Thor des Obstgartens, blieb da stehen, kehrte wieder zurück und flüsterte dann mit dem ihn lächelnd Erwartenden wohl noch eine halbe Stunde auf das Angelegentlichste zusammen, dann glitt er leise und vorsichtig wieder in das Thor des Schloßhofs hinein, dessen kleine Pforte noch aufstand und erreichte auch, ohne vermißt zu sein, die Stube, die er mit seinem Vater theilte, während Krautsch durch den Obstgarten hinging und am anderen Ende desselben über die niedere Lehmmauer stieg, die ihn von der in's Dorf hineinführenden Straße trennte.


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