Sechstes Kapitel.Ein Republikaner.

»Das Ministerium gestürzt? Das Dorf in Aufregung?« rief da Wahlert und richtete sich plötzlich rasch und fröhlich empor – »hei mein Volk, da schlägt der Freiheit Stunde, und hast Du so die Ketten der Lethargie abgeschüttelt, dann brauch ich auch nicht wie ein schuldbewußter feiger Missethäter zu entfliehen.«

»Mamsell Sophiechen!« rief in diesem Augenblicke draußen vor der Thür die warnende Stimme des alten Voigt – »Mamsell Sophiechen, was Sie thun wollen, thun Sie schnell – oben im Dorfe ist ein merkwürdiger Spektakel und eben ist die Kutsche in's Gut gebracht. Wenn Sie noch lange machen, können Sie am Ende selbst nicht mehr heraus.«

»Herr Wahlert,« flüsterte Sophie in Todesangst – »bauen Sie nicht – trotzen Sie nicht auf die Menge, auf die Bauern von Horneck. – Für politische Größe haben sie keinen Sinn – wo ihr materieller Nutzen nicht in's Spiel kommt, wo sie nicht einen wirklichen leicht begreiflichen Vortheil zu erringen hoffen, sind es die entsetzlichsten Egoisten – und ein Nutzen, wiedieihn im Stande sind zu verstehen, kann ihnen aus Ihrer Befreiung nicht erwachsen. Als sie sich neulich zusammenrotteten, bedurfte es nur weniger Worte des Gutsherrn, den Sturm zu beschwören – der Doctor Levi, der sich ihrer Gleichgültigkeit mit Gewalt entgegenstemmen wollte, wurde mißhandelt, und die heutigen Zeitungen melden, wie die Bewohner der Residenz sich schon wieder den Verfügungen der Residenz unterzuordnen scheinen, wonach es denn wahrscheinlich wäre, daß sich die Minister am Ende doch noch hielten. O fliehen Sie, fliehen Sie, wenn nicht um sich zu retten, doch um des Volkes willen, dem Ihr Streben gilt – fliehen Sie, ohne einen Augenblick weiteren Zögerns – die Minuten schwinden in rasender Schnelle und bald, o Gott, wie bald könnte es zu spät sein.«

»Zu spät, allerdings ein bedeutungsvolles Wort,« lächelte Wahlert, »aber nicht für mich – ist das alteReich der Residenz aus seinen Fugen gerüttelt, ja, wäre es selbst einmal noch nicht vollkommen gestürzt, dann wird es dieser Oberpostdirector wahrlich nicht wagen, mich irgend einem Gericht zu überliefern; ja, thäte er es, er fände keins, das sich in diesem Augenblicke seinen Anforderungen fügte – nein, kocht und gährt es schon hier in dem stillen Orte, dann ist auch kein Zweifel mehr, daß des Volkes freier Sinn den Mann, der seinethalben hier in Banden liegt, mit kräftig muthiger Hand befreien wird. Ein Gewaltstreich muß aber erst, und zwar vom Volke aus, geschehen sein, ehe die Flamme des Aufruhrs sich erheben und furchtbar vorwärts schießen kann über das weite Land – unser Vaterland ist nun einmal zerstückelt und in jedem kleinen Theile desselben muß leider die Revolution auf's Neue geboren werden –unsereAufgabe aber ist es dann, das junge, seiner kaum bewußte Kind in Blitzesschnelle zum Riesen heranzubilden, und auf seinen Schultern lagern wir nachher in sicherer Ruhe, wenn seine Keule unter und neben uns die Throne zu Boden schmettert und nur unser Geist die gigantische Kraft des Kolosses zu leiten braucht.«

»Sie tödten mich und sich mit diesem starren Trotz,« bat die Jungfrau – »Sie kennen den Gutsherrn nicht, dessen boshaft trotziger Geist das Aeußerste daran setzenwürde, seinen einmal ausgesprochenen Willen durchzuführen – verlassen Sie nur jetzt wenigstens den Hof – ummeinetwillen, Wahlert – wenn nicht um Ihret-, nicht um Ihres alten Vaters willen –«

»Sophie,« flüsterte der junge Mann, und das wilde, unzähmbare Herz, das bei der früheren Nachricht vom Sturz des Ministeriums schon tausend und tausend kühne und luftige Pläne gebaut, zitterte vor dem weichen Tone dieser sanften Stimme und beugte sich der holden Angst des süßen Kindes – denn diese Angst füllte ja die reine heilige Brust für ihn – für ihn lebte die schlanke Gestalt und schmiegte sich zagend, verzweifelnd an sein Herz, als er den Arm mit leisem beschwichtigenden Trost um ihre Achseln legte.

»Sophie,« flüsterte er endlich und drückte einen Kuß auf ihre bleiche Stirn – »Sie schaffen mir den Kerker zu einem Himmel um, und machen mir die Stunde, die, ehe Sie kamen, meine trübste war, zu einem seeligen Augenblick. Ich glaubte, ich wäre stark und mein einmal gefaßter Entschluß nicht mehr zu ändern – ich bin aber nur wie ein schwankendes Rohr, das ein Hauch ihrer Lippen bewegen kann. – Gut, ich will fliehen, süßes Kind, will Ihrem Rathe folgen, so mit Gott denn und seiner kräftigen Hülfe. Er wird ein freies wackeresVolk nicht verlassen, und wenn er seineEngelschickt, kann seine Hand nicht irre leiten. So leben Sie denn wohl – zum zweiten Male wohl, wo Sie mir als rettender Schutzgeist erscheinen und möge Germania's Fylgia die That Dir lohnen, die Du an einem ihrer treuesten Söhne gethan. Schütz Dich Gott, mein süßes Kind.«

Mit fieberhafter Angst hatte Sophie indessen mehr und mehr der Thüre zugedrängt, denn ihr scharfes Ohr vernahm draußen Klänge, die ihr das Blut in den Adern erstarren machten – das Rasseln eines leichten Wagens wurde laut – Rosse stampften, und dicht vor der Thür des Hauses hielt er an.

»Großer allmächtiger Gott, es ist zu spät,« stöhnte die Jungfrau, und nur Wahlert's Arm hielt sie in diesem Augenblicke aufrecht, daß sie nicht vor Angst und Schmerz zusammenbrach.

Ein lautes Klopfen an der Thür bestätigte ihre Worte.

»Hallo da –« rief eine Stimme, die sie bald an den gellenden Tönen als die des jungen Poller erkannte – »hallo, Voigt – seid Ihr schon zu Bett? – Aufgemacht! – Droben im Dorfe ist der blanke Satan wieder los!«

Die kleine Thüre des Gefängnisses öffnete sich zu gleicher Zeit und das bestürzte Gesicht des alten Voigt wurde drinnen sichtbar.

»Sehn Sie, wie ich Sie nicht umsonst gewarnt habe, Mamsell,« rief er mit bitterer Angst im Ton, aber zu leisem Flüstern unterdrückter Stimme – »jetzt nur fort und in meine Stube, sonst Gnade mir und Ihnen der liebe Herr Gott.« Und ohne eine weitere Antwort des armen Kindes abzuwarten, ergriff er ihren Arm und zog sie rasch durch die geöffnete Thür nach seiner Stube hinüber.

»Aber was wird ausihm?« bat mit leisem Flehen die Jungfrau – »wenn er nur durch Euer Fenster –«

»Jetzt, wo die Gerichtsdiener vor dem Hause stehen?« zischte in unbegrenztem Erstaunen der Greis – »na, weiter fehlte mir gar Nichts.«

»Hallo da, Voigt!« schrie die piepige Stimme noch einmal draußen, und ungeduldiger als vorher – »was zum Teufel hast Du da drinn zu flüstern und zu fispern – aufgemacht – der Herr Oberpostdirector kommt eben die Treppe drüben herunter und der – ich dächte, Du wüßtest das, wartet nicht gern lang.«

»Fort – fort – jetzt ist's zu spät!« flüsterte der alte Voigt und schob das zitternde Mädchen ohne Weiteresin seine Stube, deren Schlüssel er abzog, drückte die Gefängnißthüre in's Schloß und öffnete dann rasch den anderen Eingang.

Er stellte sich hier schlaftrunken, als ob er eben erst erwacht und von seinem Lager aufgesprungen wäre, die Männer dort nahmen aber gar keine weitere Notiz von ihm – mit einigen kräftigen Flüchen, daß er sie so lange hatte warten lassen, traten sie in den Gang, ließen sich, auf Befehl des Herrn von Gaulitz selber, der in diesem Augenblicke ebenfalls am äußeren Eingang erschien, die Gefängnißthüre öffnen, und führten gleich darauf den Gefangenen heraus an den Wagenschlag.

Wahlert warf hier den Blick im Kreis herum, und der warnenden Worte des holden Pastorkindes gedenkend, schien er im ersten Moment gar nicht übel Lust zu haben, einen Versuch zu machen, ob er nicht das Freie gewinnen, oder doch wenigstens die Leute aus dem Dorfe dadurch herbeiziehen und vielleicht einen Aufruhr zu seinen Gunsten anfachen könne, die Gerichtsbeamten aber, die ihn umstanden, sahen zu entschlossen und kräftig aus, um ihm auch nur die geringste Hoffnung auf günstigen Erfolg zu geben – das große Thor war dabei ebenfalls noch verschlossen, und der dabei stehende Wächter harrte erst des Zeichens, es zu öffnen und demWagen den Durchgang zu gestatten, während in das kleinere eben mehrere Ackerknechte hereinkamen und ihm auch da die Flucht abschnitten.

Rasch trat er da zum Schlag und hob den einen Fuß, um hineinzusteigen – nur noch einmal wandte er den Kopf und frug den Oberpostdirector, der in diesem Augenblicke dicht neben ihm stand:

»Und wo führen Sie mich hin?«

»Werdet's schon noch zeitig genug erfahren!« lautete aber die barsche Antwort, die beiden Gerichtsdiener schoben ihn in den Wagen und sprangen selbst nach, der Schlag flog zu, der Kutscher, der schon oben auf dem Bocke saß, knallte mit der Peitsche – auf knarrte das Thor, die rüstigen Rosse zogen an und mit Windesschnelle rasselte die leichte Karosse, von den kräftigen Thieren gezogen, über den Plan hinaus, den Berg aufwärts.

Müllers Friede und Krautsch waren, wie schon früher erwähnt, nach der Rauschenmühle gegangen, um dort den Aerger über die verlornen Hasen, wie das fatale Gefühl gar bald vielleicht wegen Wilddiebstahls vor Gericht geladen zu werden, in spirituosen Getränken zu ersäufen. Dort fanden sie Gesellschaft genug, und auch solche, die gern mit ihnen in ein und dasselbe Horn stieß; der wachsende Grimm, der dadurch immer neue Nahrung, nirgends aber einen Widerstand fand, reizte die tollen Burschen, von dem übermäßig genossenen Kartoffelbrandtwein kräftig dabei unterstützt, zu immer größerem Uebermuth. Der Zorn, der Anfangs in allgemeinem Fluchen und Schwören seinen Ausbruch gefunden, lenkte sich in eine bestimmtere Bahn, und zwar gegen die Jäger und den Rittergutsbesitzer. Der alte Holkewar schon manchem von diesen trotzigen Gesellen störend bei ungesetzlichem Forst- oder Wildfrevel in den Weg getreten; kaum Einer befand sich hier, der nicht schon entweder einmal vier oder sechs Wochen gesessen, oder schwere Strafe hatte zahlen müssen, und als endlich Einer im wilden Rausch den Vorschlag machte, noch einmal wie neulich, hinunter auf's Gut zu ziehn und den Herrn von Gaulitz aufzufordern, seine beiden Jäger zu entlassen, stimmte die Masse jubelnd ein, und man vereinigte sich nur noch darin, erst in der Hornecker Schenke die Gleichgesinnten aufzufordern, sich ihnen anzuschließen.

Etwa funfzehn junge Burschen marschirten solcher Art mit ihren Flaschen in der Linken und großentheils tüchtigen Knitteln in der rechten Faust, Horneck zu, und wurden hier mit Jubel von einer nicht geringen Zahl zu jedem Exceß Bereiter empfangen. Diese, die noch immer den Anhang desDr.Levi bildeten, rückten den würdigen kleinen Mann denn auch ohne Zögern vor's Quartier, und forderten ihn auf, noch einmal ihr Führer und Sprecher zu sein. Der kleine Doctor mochte aber doch wohl ein Haar darin gefunden haben, sich an die Spitze der Hornecker Bauern zu stellen – Hornecker Fäuste hatten ihm wenigstens viel zu nachdrücklich zu verstehn gegeben, was sie sich unter derFreiheitdächten.Ueberdieß war auch noch das Gerücht zu ihm gedrungen in Sockwitz liege Militair, und er wollte es deshalb wahrscheinlich nicht darauf ankommen lassen, vielleicht ebenfalls als Rädelsführer aufgegriffen und dahin abgeliefert zu werden. »Die Aristokraten leisteten noch zu vielen Widerstand,Horneck war noch nicht reif für männliche That,« und Levi's Fenster blieb dunkel, seine Thüre verschlossen, als von unten herauf der laute Ruf nach ihm an sein Ohr drang.

Längere Zeit stürmte und lärmte indeß die Menge vor dem kleinen Haus und durch Neugierige vermehrt war die Schaar schon zu einem nicht unbeträchtlichen Haufen angewachsen; diesem fehlte aber ein Führer, Jemand, der die Ordnunglosen hätte leiten und zu einem bestimmten Ziel hinführen können. Viele schrien eben nur, weil sie sich selber gern wollten einmal schreien hören, Andere standen ganz erstaunt und wunderten sich, daß noch immer kein Gerichtsdiener kam, der sie sammt und sonders einsteckte, und befanden sich dabei fortwährend auf dem Sprung, um bei erstem Anzeichen irgend einer Gefahr ungesäumt ihr Heil in der Flucht zu suchen. Auch in den benachbarten Straßen vertheilten sich schon Einzelne und die drohende Fackeldes Aufruhrs schien auch dießmal für Horneck ruhig und unschädlich verlöschen zu sollen.

Als Marie die Pfarre verlassen hatte, kehrte sie in die kleine enge Wohnung zurück, die ihr Vater für sie Beide der Ersparniß wegen in Horneck gemiethet hatte – aber auch hier litt es sie nicht lange – draußen, draußen entschied sich jetzt das Schicksal eines Mannes, an dem ihr Herz mit all seinen geheimsten und innersten Fasern hing, und draußen mußte sie sein, sollte sie nicht hier in den eng umschlossenen Räumen vor Qual und innerer Seelenangst vergehen. Aber auch nicht oben im Dorfe ließ es ihr Ruhe; mit der Dämmerung schlich sie wieder hinunter zum Hof und wußte sich endlich in dem Wagenschuppen, hinter dort aufgeschichteten Reisigbündeln zu verbergen, von wo aus sie das dicht vor ihr liegende Gefängniß wie die Thüre des Herrnhauses zugleich und vollkommen übersehen konnte.

Von dort aus erkannte sie des Pastors Tochter, die im dunkeln Gewande in die Thür des Gefängnisses schlüpfte; von Gefühlen gefoltert, die ihr das Blut in rasender entsetzlicher Schnelle durch die Adern jagten, harrte sie in ihrem Versteck der Rückkunft des Mädchens,der Rettung des Gefangenen – ihr war auch der helle Schein nicht entgangen, der, wenn auch nur für einen Augenblick, den inneren Steinfries des begitterten Fensters erhellte – die Minuten wurden ihr zu langsam hinschwindenden Stunden und immer noch zögerten die Unseligen – zögerten, wo der nächste Moment ihr Verderben besiegeln konnte.

Da – heiliger Gott wie ihr das Herz schlug vor Angst und Schrecken, da rollte die leichte Kutsche des Herrn von Gaulitz, durch des Stellmachers Gesellen geschoben, in den Hof – hinten aus dem Stallgebäude wurden die Pferde vorgeführt, um eingespannt zu werden – Gerichtsdiener erschienen – an dem Herrenhaus blieben sie kurze Zeit plaudernd stehn –nochwar es möglich – wenn er jetzt herauskam und im Schatten des Gebäudes – gerad' an dem Schuppen vorbei, hingeschlichen wäre, hätte er das Thor erreichen können, ehe man ihn vermißte und einmal im Freien brauchte er nicht zu fürchten in der Nacht eingeholt zu werden. – Jetzt gingen die Männer auf die Gefängnißthüre zu – ha – ein dunkler Schatten – Heiland der Welt es war zu spät – jener Schatten gehörte der schleichenden tückischen Gestalt des jungen Poller – dem feilen Werkzeug des zu Allem fähigen Gutsherrn – er pochtean die Thüre, und das Schicksal Wahlerts war entschieden.

»Zu spät,« stöhnte sie, und barg einen Augenblick das Antlitz in den Händen, dann aber, wie von einem jähen Gedanken durchzuckt, fuhr sie empor, glitt aus ihrem Versteck hervor, warf noch einen scheuen Blick nach der Gruppe zurück, die jetzt die Thüre, hinter welcher Wahlert gefangen saß, fast umzingelt hielt, und floh raschen Laufes in das Dorf hinauf und der Stelle zu, von woher noch immer einzelne Laute der durch die Straße lärmenden Schaar zu ihr hernieder tönten.

Die Straße, in der Doctor Levi wohnte, kam eben ein Schwarm jubelnd und »ein freies Leben führen wir« singend herunter – an der Spitze war Krautsch und Müllers Gottfried – Beide angetrunken und Beide wieder im Begriff, zur Schenke zurück zu ziehen, und sich dort bei einem »frischen Glas« zu bereden, was jetzt weiter zu thun sei.

Diesen trat Marie mit den bleichen erregten Zügen in den Weg, und des vor der ungewöhnlichen Erscheinung zurückschreckenden Müllers Arm ergreifend, rief sie ihnen mit strenger befehlender Stimme zu:

»Seid IhrMänner, daß Ihr Einen, der nur gelebt hat, um Euer Wohl zu sichern, aus Eurer Mitte herausden Henkersknechten überliefern laßt? – Unten aus dem Schloßhof wird in diesem Augenblick der Gefangene im verschlossenen Wagen fortgeschafft, um einem Militaircommando in Sockwitz überliefert zu werden – kein Verbrechen hat er begangen, als daß er den Arbeiter und den gedrückten Proletarier vertrat, kein Verbrechen als das, ein Feind der Faulenzer in den Städten und der Fürsten auf ihren schimmernden Thronen sich genannt zu haben, und wenige Knechte der Polizei können ihn heraus holen, selbst aus Eurer Mitte.«

»Es ist schändlich – es ist niederträchtig!« schallte von mehreren Lippen der Marien jetzt Umdrängenden – »das sollte man nicht leiden!«

»Nein,« sagte der Müller mit lallender Zunge – »Hol mich der Deibel, ich wollte ich hätte die Kerle hier.«

»Nachens wullen mer nunger!« fiel da Krautsch mit Autorität in die Rede – »un da soll 'en der Bese das Licht haalen.«

»Nachher ist eszu spät–« bat Marie mit flehender Stimme – »nur wenige Secunden noch, und der Wagen passirt jene Straße dort, der einzige Platz, wo Ihr im Stande wäret ihn aufzuhalten –denAugenblickversäumt, und Ihr selber habt den gemordet, der Euer einziger Retter sein könnte.«

»Eenzige Retter?« knurrte Krautsch, und wollte das Mädchen bei Seite drängen – »wird nich gleich in's Gras beißen – weg da Mamsell – jetzt missen mer erscht in die Schänke, un sähn wie mer Holkens Fritze fangen – där Hund is der erschte, der dran glooben muß – Gott verdamm' mich.«

»Ja – den Jäger müssen mer haben,« bestätigten ein paar Andere – »uffhängen wullen mern – un hernachens sull er die Flinte widder 'raus gäben, die er Krautschen abgenommen hat.«

»Der Jäger Fritz?« rief Marie, und ein glücklicher Gedanke schoß ihr durch's Hirn – »derist im Wagen mit dem Gefangenen – der soll ihn gerade Euren Feinden überliefern – beim ewigen Gott! dort kommt er schon die Straße herauf – rasch, oder er entgeht Euch und Eurer Rache.«

»Der Jäger inderKutsche dringe?« schrien die Bauern, und schauten nach dem ziemlich langsam den gerade hier etwas steilen Weg herauf kommenden Fuhrwerk.

»Den soll a Gäwitter verschlahn!« rief Krautsch, und schwang seinen riesigen Prügel – »hurrah!« undohne eine weitere Antwort abzuwarten, ja ohne nur nachzusehen, ob ihm die Uebrigen seiner Begleiter folgten, warf er sich in trunkenem tollkühnen Muthe dem Wagen entgegen, und fiel mit lautem und gellenden Jubelgeschrei den Pferden in die Zügel. – Die Uebrigen stürmten jetzt auch heran, und die Pferde, scheu gemacht, schreckten zurück; dadurch wurde aber der Wagen seitwärts abgeschoben, die linken Räder kamen auf höheren Boden als die rechten standen, und die Kutsche, die sich einige Secunden auf den ersten balancirte, schlug dermaßen um, daß sie im Anfange förmlich auf die Decke zu stehen kam, und nur erst, als die Federn der einen Seite zusammenbrachen, wieder zurück auf die Flanke fiel.

Die Schaar, durch das plötzliche Gelingen dieser ersten Gewaltthat noch mehr gereizt, und durch den, von wilder Rachlust beseelten Bauer angefeuert, warf sich jetzt mit Blitzesschnelle auf den Kutschenschlag, und riß die darin Befindlichen hervor.

Armer Fritz, wie wäre es Dir ergangen, hätten Dich Deine trunkenen Feinde in diesem Augenblick in ihre Gewalt bekommen – wer weiß, zu welcher rohen Gewaltthat die Rotte reif gewesen, denn der Bauer hat sich bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten, was auch sonst seinCharakter seien mochte, fast stets wilder noch als die reißende Bestie des Waldes gezeigt. Hier aber sollte ihnen keine Gelegenheit geboten werden, ihre Wuth wenigstens an dem ersehenen Opfer auszulassen; Fritz war schon vor Dunkelwerden und gleich nach der Anzeige der ertappten Wilddiebe mit seinem Vater über die Rausche zurückgefahren, und nur zwei bleiche, zum Tod erschreckte, und durch den Sturz halb betäubte Gerichtsdiener zogen sie aus dem aufgerissenen Wagenschlag heraus.

Während aber nun der eine Theil der Aufrührer den befreiten Wahlert umtobte, und ihm zujauchzte und jubelte, suchten die anderen noch in voller Wuth nach dem Jäger, den ihnen der Fremden List versprochen hatte – und die einmal zur Gewaltthat Getriebenen wären auch jetzt fast weiter gegangen, denn ein Opfer, schien es, wollten sie haben, und die Mißhandlung der unglücklichen Diener der Gerechtigkeit, die ihnen gerade in die Hände gefallen, wäre kaum genügend gewesen.

»Auf's Schloß hinunger!« rief da eine Stimme – »da stäckt der Jiager – brännt dem Lump der Härrschaft doch das ganze Näst iberm Schädel ab!«

»Auf's Schloß, auf's Schloß!« tobten die Rasenden, und wilde Drohungen und Schmähreden über dieWortbrüchigkeit des Gutsherrn, über den Druck unter dem sie geschmachtet, über Jäger und Beamte wurden laut – nach Bränden schrie ein Theil, nach Brechstangen und Aexten ein anderer; aus den nächsten Häusern wurden schon die verlangten Werkzeuge herbeigeschleppt, und die wüthende Schaar wälzte sich langsam, aber mit jedem Schritt anwachsend, und mit dem lauten Gebrüll »die Republik soll leben!« den Hügel hinunter und dem Schlosse zu.

Um den Befreiten hatte man sich nach dem ersten Jubelruf kaum noch mehr gekümmert, und dieser fühlte sich jetzt von einer weiblichen Hand ergriffen, die ihn mitten aus dem Gedränge heraus auf die Seite zog.

»Eilen Sie in die Stadt!« sprach dabei eine Stimme, vor der er wie von einem jähen Schlag getroffen zusammenzuckte – »noch steht der alte Staat, aber das Volk ist in Gährung, nur an einem Kopfe fehlt es zu klugen Rathschlägen, nur an einem Arme, das Banner der Freiheit voran in die Reihen der Feinde zu tragen. Heute Nachmittag erst ist wieder ein Bote aus der Stadt zurückgekehrt – auf allen Lippen ist dortIhrName, ein neues Ministerium zu bilden und das Reich zu retten vor Untergang und Verderben – fort, in Ihren Händen liegt jetzt das Wohl des Landes – tretenSie dort frei und unerschrocken auf, und Ihre Feinde, die jetzt noch mächtig sind, sinken in den Staub. – Wirken Sie wie bisher für die Armen, und das Volk wird Sie segnen!«

»Marie« – sagte Wahlert mit tiefer schmerzlicher Rührung im Ton, und wandte leise das bleiche leidende Angesicht des Mädchens gegen den hellen Sternenschein – »Duhierund – also? – Meine arme Marie.«

Des alten Musikanten Tochter zitterte an allen Gliedern, auf einen Augenblick stand sie wie unschlüssig zögernd, dann aber rief sie, rasch sich sammelnd, »fort, fort!« – und wandte das Angesicht wieder ab von dem verrätherischen Schein – »die Rasenden stürmen unten das Schloß, und Ihr Name darf nicht mit der Mitwissenschaft dieses Frevels befleckt sein – vielleicht wäre es sogar noch möglich, sie zurück zu halten – o eilen Sie, eilen Sie um Ihret- – um – Sophiens willen.«

»Sophie? – Ha – wie kommt der Name auf Deine Lippen?« frug Wahlert mehr erstaunt als erschreckt.

»Sie ist unten im Schloß!« sagte eintönig Marie.

»Die Hand der Bauern wird sich nicht gegen ihres Pastors Tochter erheben,« rief Wahlert rasch, »aber wie dem auch sei, Du hast recht, das Entsetzliche darfnicht geschehen, nicht Mord noch Brand die Bahn bezeichnen, die der Freiheit Spuren hinterlassen. – Dank Dir für den Wink, und auf jetzt, einem freien herrlichen Ziel entgegen.«

Mit flüchtigen Sätzen flog er den Hügel hinab der Stelle zu, von wo wüstes Toben und Geschrei zu ihm herüberdrang, und eben im günstigen Augenblick kam er, um die entfesselte Wuth der Rasenden zu zähmen, die sich im wilden Ansturm über den friedlichen Hof ergießen wollte. Das Schloß des Thores war gesprengt, und mit lautem Jubelruf schwang Krautsch, der Führer der Schaar eine gewichtige Brechstange um das bloße, von wirrem struppigen Haar umflatterte Haupt, als Wahlerts Riesenstimme, die mit dem kräftigen Wohlklange ihres Organs den leisesten Schall seiner Worte schon über Tausende von gespannten Zuhörern hingesandt, sein dröhnendes »Halt« zwischen die Massen donnerte.

Wie von einem Zauber gebannt blieben sie stehen, und aller Blicke wandten sich der kühnen edlen Gestalt zu, die sich rasch auf die niedere Mauer des dicht an das Schloß stoßenden Obstgartens schwang.

»Zurück, Ihr Männer von Horneck!« rief der Mann, und sein Arm streckte sich aus über die lautlos zu ihm aufschauende Rotte – »zurück! – wollt Ihr Mord undVerwüstung tragen in ein friedliches Haus, und die Kraft die Euch gegeben ward zum ersten Mal, wo Ihr sie fühlt in Eurem Arm, nicht nützen, sondern gleich mit schmachvoller Thatentweihen? Der Republik bringt Ihr ein freudiges Hoch, und während das Wort über die Lippe klingt, schändet Eure Hand den Namen, den der Lufthauch noch nicht entführt. Heilig sei Euch das Eigenthum – gegen den Arm, der das Schwert wider Euch geführt, nicht wider das Schwert selber braucht Eure Kraft – die Wurzel reißt aus dem Boden, die jene giftigen Schößlinge getrieben, nicht die Schößlinge schneidet ab, denn mit jedem Frühling würden ihr neue entwuchern. Fest zusammen steht wieeinMann, wieeinHerz, aber macht nicht wahr was Eure Feinde von Euch sagen, daß gerade Ihr es wäret, die unter Republik und Freiheit nur Mord und Plünderung verständen, daß gerade Ihr es wäret, die, blind und taub gegen jedes ruhige Wort, nur dem wie wild gewordenen Stiere folgten, der Euch zu roher gesetzloser That den blutigen Feuerbrand voraus trüge. Macht zu Schanden die Lügen und Verläumdungen, die jene heimlich bohrende Reaction gegen Euch ersonnen und ausgestreut, daß Ihr nicht reif wäret, ein freies Volk zu sein, nicht reif zu menschlichen Rechten und Gerechtsamen, nicht reif zuselbstständigem Handeln und Regieren – machet die Lügen zu Schanden, Ihr bedürftet einer strengen starken Hand, die Euch den Zügel fest und eisern im Gebiß erhielte, wenn Ihr nicht, wie das ungebändigte Roß, toll und rücksichtslos über die Felder toben und Saat und Erndte in den Boden hineinstampfen und verwüsten solltet.«

»Zeigt, daß Ihr wirkliche Republikaner seid – stellt jenen schmähenden Lügenzungen den kalten besonnenen Mannes-Ernst und Stolz entgegen, aber weicht auch zurück vor einer That, die Euern Namen mit Schmach bedecken und Euere Feinde triumphiren lassen würde – gönnt ihnen die Freude nicht, Euch schwach gesehen zu haben, gebt ihnen nicht die Waffen gegen Euch selbst, durch solche That in die Hände. Verachtung dem, der Euch bisher in starrem Joch gehalten – Verachtung dem, der bisher sich nicht entblödete, der Henkersknecht eines schurkischen Systems zu sein, das nur, wie ein künstliches Maschinenwerk, die Kraft des Einzelnen nicht aufkommen ließ, und ihn, hob er sich dennoch, unter die tausend geschäftigen, wirbelnden, schwirrenden Räder warf – aber dorthin die Stirn gerichtet, dorthin die Lanzen eingelegt, dorthin den Geist und Arm gestählt zu freiem Wort und freierer That, wo die Hand ruht,die bis jetzt den Mechanismus dieser furchtbaren Räder gelenkt – gegen die Wurzel den Streich geführt, und kommt dann die Zeit, wo Deutschland Eueres Armes bedarf, dann Freunde, dann Brüder heran zum fröhlichen Siegeslied, zum schönen Waffentanz, und gebe dann Gott, daß er mir erlaubt, Euch, Mitbürger unseres schönen herrlichen Vaterlandes, das schwarz-roth-goldene Banner in luftigem Windeswehen und vom scharfen Stahl geschützt, voran zu tragen.«

»Zu Hause jetzt mit Euch, ihr Leute, zu Hause, und bald, bald hoff' ich, grüßen wir uns wieder im freieneinigenReich.«

Ein laut donnernder stürmischer Beifallsruf folgte den Worten des Redners, und zu ihm hin drängte die Menge nach der Mauer hinüber, dem aber wollte er entgehen. Rasch sprang er hier herunter und wollte unbemerkt an den Gartenmauern und Häusern in das Dorf hinein schlüpfen, um von da aus die große, nach der Residenz führende Hauptstraße zu erreichen, als ein kleiner Bursche seinen Arm ergriff und ihm zuwinkte, seitab durch die Obstbäume, die den schmalen Weg begrenzten, zu folgen. Da die Richtung ungefähr die rechte war, säumte er auch nicht, und befand sich bald auf einem Fußweg, der ihn durch eine hier an das Dorfstoßende kleine Lichtung nach wenigen hundert Schritten schon auf die weiß in die Dunkelheit hinein schimmernde Chaussee brachte.

Dort an einem Kirschbaum stand ein ungesatteltes Pferd angebunden, weiter aber war Niemand zu sehen, und der kleine Junge sagte lachend:

»So – nu setzt üch uff, un immer grad naus, un denn kennt är nich fählen.«

»Aber wem ist das Pferd?« frug Wahlert erstaunt.

»S'is vun der Herrschaft,« kicherte der Kleine, »aber das macht nischt; wenn er an's Thor kimmt, läßt er'n Rappen widder loofen un vor Morgen is der lange im Stall.«

Es war augenscheinlich eines der Pferde, die ihn seinem Kerker hatten entgegenführen sollen, und jetzt stand es hier, bestimmt, ihn zu Freiheit und Ehre zu tragen – der Wechsel schien überraschend und Wahlert konnte, besonders nach der letzten Versicherung des Knaben, daß das Pferd seinem Eigenthümer keinesfalls verloren gehen würde, der Versuchung nicht widerstehen. Als ein gewandter Reiter schwang er sich rasch auf des geduldigen Thieres Rücken, dem Knaben ein kleines Geldstück zuwerfend, drückte er seinem Gaul die Schenkel in die Flanken, und fortklapperten in luftiger Schnelle über die harte stubengleiche Chaussee die Hufe des munteren Renners, als er den kühnen nächtlichen Reiter seinem Ziele entgegentrug.

In Horneck verlief sich indessen die Menge nicht sogleich, als es nach dem ersten Eindruck der Rede wohl den Anschein hatte; die Gemüther waren zu erregt, um sobald in das alte Bett ruhigen Gleichmuths zurückzukehren; aber der unbändige Zorn, der ihren Geist noch vor wenigen Minuten zu wilder, gefährlicher That getrieben, war beschworen – der Ruf an ihr Ehrgefühl hatte seine segensreiche Wirkung nicht verfehlt. Aber Luft mußte die Stimmung haben, Luft auf eine oder die andere Art – war's nicht im Bösen, so doch im Guten, und Krautsch selbst, dem der starke Trank jetzt mehr und mehr den Sinn verwirrte, brachte das erste gemüthliche Lebehoch auf Herrn von Gaulitz aus.

Einmal im Zug und die Bahn schien leicht gefunden – an demselben Abend bekamen noch – zu seinem nicht geringen Schrecken – der Pastor, der Schulze, der Wirth und die mißhandelten Flurschützen, die man in ihre Wohnungen geschafft hatte, jeder eine unbestimmte Anzahl von Vivats, ja selbst auf die Jäger hätte sich dieses Wohlwollen ausgedehnt; das Haus derselben lagaber leider am anderen Ufer der Rausche und der Fluß selbst zu weit von der Schenke ab, nach der sich die jetzt vollkommen harmlose Schaar in später Nachtstunde noch zurückzog, dort einen sogenannten »Schlaftrunk« nahm, und dann, höchst zufrieden mit dem genossenen Abend, die eigene Heimath – so gut das eben ging – aufsuchte.

Acht Monate waren seit den, im letzten Kapitel berührten Umständen verflossen; in Deutschland hatte es in loderndem Freiheitsmuth gekocht und gegährt, und an allen Orten und Enden waren die züngelnden Flammen vorgebrochen. An allen Orten und Enden standen aber jetzt auch die Fürsten wieder bereit, die für das ganze so morsche, und doch noch nicht zusammengebrochene Staatsgebäude schon kaum mehr gefährliche Feuersbrunst, wo sie sich nur zeigen würde, mit vollen kältenden Wasserfluthen zu empfangen und zu unterdrücken. –DieGluth, welche, auf einen Punkt concentrirt eine Welt hätte zusammenschmettern müssen, knisterte und knatterte jetzt in nutzlosen Sprühteufeln und Raketen zwischen den Füßen der lächelnd zuschauenden Potentaten herum und die Revolution lag, wie ein verwundeter Leu – furchtbar noch in ihrem Tod und der Erinnerungan die Kraft, die einst diesen jetzt machtlosen Körper belebt, mit ausquellenden Adern sterbend am Boden.

Sterbend? – und tagte nicht noch in Frankfurt am Main das deutsche Parlament? – saßen nicht dort noch die Männer des Volks, die eben aus der Revolution hervorgegangenen Vertreter des deutschen Vaterlandes zusammen, und schmiedeten sie nicht noch rüstig fort an den künftigen deutschen Rechten eines einigen Reiches?

Ja, dieVertreterdes Volkes saßen noch zusammen, und der Sturm und Kanonendonner von Wien, und die tausend und tausend blinkenden Bayonette Berlins waren nicht im Stande gewesen einen direkten Einfluß auf den ruhigen Geist einer Versammlung zu üben, die den besten Saft und Mark von Deutschlands treusten Herzen in sich schloß, wo aber war das Volk selber, das einige deutsche Volk, das seine Gesandten nach der alten Reichsstadt geschickt hatte und aus ihren Händen ihr künftiges Heil erwartete? Von ehrgeizigen tollen Hitzköpfen an allen Orten erregt und aufgewühlt, riß es auf der einen Seite nieder, während auf der anderen gebaut wurde. Gewissenlose Menschen, meist in Verhältnissen lebend, in denen sie, bei einem Umsturz allesBestehenden, nie etwas verlieren und immer nur gewinnen konnten; herumziehende politische Comödianten, die von Stadt zu Stadt reisten und in Volksversammlungen – und Gott weiß es, was Alles unterVolksversammlungen verstanden wird – die Jugend mit ihren tausend und tausendmal wiederholten und wiedergekäuten Phrasen aufreizten, Subjekte, die »im Großen nichts verrichten konnten und es nun im Kleinen anfingen,« machten die so heiß von Deutschland ersehnte und endlich so herrlich realisirte Hoffnung des deutschen Parlamentes zum Kinderspott. Kaum sahen sie ihre aus der Majorität der Wähler hervorgegangenen Gesandten eingesetzt, als sie in machtlosem Ingrimm, nicht selber mit da oben tagen zu können, an dem Gebäude zu rütteln anfingen, das erst eben errichtet worden. Anstatt jetzt wieeinMann zusammenzustehn und den Beschluß der Männer, die das Wohl des Vaterlandes nach besten Kräften berathen sollten, mit ihren eigenen Leibern zu schützen, wenn etwa die Reaction sich gegen die, schon durch diese Wahl bewiesene Souverainetät des Volkes auflehnen sollte, damit die Vertreter der Nation auch Vertrauen faßten zur deutschen Stärke und Einigkeit, wiegelten sie die rohe ungebildete Masse gegen sie auf, verdächtigten ihre Beschlüsse, oft noch ehe sie ausgesprochen worden,reizten zu Mistrauensadressen, die von Leuten mit unterschrieben wurden, denen es bis jetzt noch nicht einmal klar geworden, was eigentlich die Männer in Frankfurt sollten, riefen, das Werk überstürzend, die Gleichgesinnten zu einem neuen Parlamente auf, säten also Haß und Unfrieden und verlangten Heil und Segen davon zu erndten.

War es den in ihren Grundvesten schon erschütterten Thronen da zu verdenken, daß sie, in der Uneinigkeit der Völker die eigene Macht wieder zu befestigen suchten? und wurden ihnen nicht gerade von den blind und wahnsinnig sich überstürzenden Demokraten die schon fast verlorenen Zügel selber, ja ohne nöthigen Versuch einer Reaction, wieder in die Hand gedrückt?

Die wenigen ehrgeizigen gewissenlosen oder auch blinden Menschen, die entweder nicht sehen wollten, daß Deutschland noch nicht reif zur Selbstregierung sei, und daß es an intellektuellen Kräften fehle, das Ruder einer Republik fest und sicher durch den Sturm der bewegten Zeiten zu führen, oder die selbst verblendet genug waren, sich für fähig zu halten, das siegestrunkene, aber unselbstständige Staatsschiff zu leiten, oder die endlich, welche wirklich mit treuem und ehrlichem Herzen für eine große deutsche Republik geschwärmt, und in all ihremDichten und Träumen nur nicht bedacht hatten, daß man zu einer Republik auch Republikaner bedürfe, reizten das Volk, das unter Selbstregierung nur Freiheit von Steuern und Gesetzen verstand, zu wilden und durch Worte nicht mehr zu bändigenden Schritten an. In Versammlungen, wo die gewöhnlichen und alltäglichen Phrasen ihnen nicht schmeichelten, sie nicht freie und zu jeder Regierungsform reife Menschen nannten, wurde jedes parlamentarische Gesetz mit Füßen getreten, die Freiheit der Wahlen selbst durch Terrorismus beschränkt, den Abgeordneten der Ständekammern, die frech genug waren nach eigenem besten Gewissen handeln zu wollen, mit allem gedroht, was nur versprach, eine Wirkung auf etwas zaghafte Gemüther auszuüben. Kurz ein so verworrener Zustand trat ein, daß selbst ein großer Theil der früheren Freiheitsschwärmer, wenigstens alle die, welche nur etwas kälteres Blut besaßen, zurückschraken, wenn sie bedachten, daß sie mit diesen HordeneinenWeg gehen sollten, und die ungeheuere Zahl der ruhigen Bürger, die bis dahin einem Fortschritt keineswegs abgeneigt gewesen, und sicherlich für eine höchst liberale Vertretung ihrer selbst gestimmt hätten, plötzlich in Todesangst gerade zum Extrem übergingen, um jetzt, da sie glaubten, daß es noch eine Wahl für sie gäbe, lieber den alten,wenn auch faulen Zustand zurückzuführen wünschten, ehe sie solche Menschen an der Spitze einer nichtRegierung, sondernZerrüttungDeutschlands sähen.

Berlin war in Belagerungszustand erklärt und die Nationalversammlung aufgelöst worden; vom Stephansthurm zu Wien flatterte die schwarzgelbe Fahne und Fürst Windisch-Grätz durfte es wagen, sogar ein Mitglied der für unverletzlich erklärten Nationalversammlung Frankfurt's hinzurichten – bedarf es eines weiteren Commentars, um den Zustand Deutschlands zu schildern?

»Die Reaction hat für den Augenblick gesiegt und der neue Frühling muß uns auch eine neue, aber blutigere Siegespalme bringen« riefen zähneknirschend die Democraten, oder die, die sich Democraten nannten – dennderName ist leider Gottes in letzter Zeit wahrhaft gemishandelt worden. –

»Der Anarchie sind die Hände gebunden,« schmunzelten auf der anderen Seite die platt gesichtigen schwänzelnden Hofmenschen, die Speichellecker der Fürsten und sogenannten Großen – »ein gesetzlicher Zustand ist zurückgekehrt« – und Adressen reichten sie ein an die Generäle, die das Machtschwert in den Händen hielten, den Belagerungszustand nur noch ja und um Gotteswillen ein wenig zu verlängern, oder wenn es anginge,viel zu verlängern – vielleicht – o süßer Gedanke – ihn ganz fortbestehen zu lassen – o wie wohl sich dieses knechtische Geschmeiß unter dem Schutze der Kanonen fühlte.

Und der jungen Freiheit wurden indessen die Flügel beschnitten, Presse und Vereinsrecht beschränkt und die wenigen Errungenschaften des Frühlings verkümmert und gekürzt; das Volk aber wüthete indessen gegen sich selbst und brach seine Kraft in unnützem schimpflichen Streit und Unfrieden.

So stand es in Deutschland – aber auch in Horneck, der kleinen, in mancher Hinsicht für sich abgeschlossenen Welt, hatte sich Vieles verändert. »Was seine äußere politische Gestaltung nämlich betraf, so war auch Horneck,« wie der Pastor nämlich mit wohlwollendem Lächeln meinte, »in höchst merkwürdiger Weise mit der Zeit fortgeschritten,« und diese »würdige Weise« bestand denn auch allerdings ineiner»Errungenschaft« – die sie aber gern schon wieder los gewesen wären und diversen anderen »Versprochenschaften«, nach einem neueren, durch die Zeit gebornen Ausdruck.

Die Errungenschaft war der Communalgardendienst, denn nach den verschiedenen tumultuarischen Auftritten vor dem Schlosse, ja besonders der gewaltsamen Befreiungdes Gefangenen wegen, hatte Herr von Gaulitz der Gemeinde angezeigt, daß er, »zum Schutz des Eigenthums« Militair requiriren werde. Dagegen war aber Doctor Levi mit aller Kraft seiner lispelnden Beredtsamkeit aufgetreten – der Schrei »Volksbewaffnung« ging damals durch das Land, und »Volksbewaffnung« mußte auch den Bewohnern von Horneck werden – es war das einRecht, was sie zufodern, keine Gunst, die sie zu erbitten hatten, und Militair – verweigerte das Dorf.

Die Rede gefiel den Bauern ungemein, denen an der Einquartierung aus mehr als einem Grunde gar nichts gelegen war, sie foderten Volksbewaffnung und erhielten sie mit der Vorausbedingung, »daß sie dann auch für die Ruhe des Ortes haften müßten«, was, wie die Bauern meinten, sich von selbst verstände.

Doctor Levi meinte aber gerade das Gegentheil, für die Ruhe eines Ortes könne keine Gemeinde haften, denn man wisse gar nicht, was jeder Tag für neue Ereignisse gebären möge, die gerade Unruhe im wahren Sinne des Wortes verlangten, und da sei ein solch' gegebenes Versprechen nachher etwas sehr Unpolitisches. So schön er aber auch diese seine Ansicht motivirte, so blieb er doch damit in einer höchst bedeutenden Minoritätund die Bürgerwehr wurde in Horneck, dem Grundsatze nach, daß alle Bürger im Staate einander gleich, also auch gleich berechtigt seien zum Besten und Schutz ihres Vaterlandes Waffen zu tragen, organisirt. Um übrigens wahrscheinlich den Grundsatz der Gleichheit besser ausführen zu können, theilte sich die kleine Gemeinde, die ohnedies kaumeineordentliche und vollzählige Compagnie stellen konnte, inzwei, weil dieBauernundHäusler(solche, die kein Bauerngut haben, sondern nur, gewöhnlich vom Gut gepachtet, ein Haus bewohnen) doch unmöglich Seite an Seite in Reih und Glied stehen konnten. Es machte sich dabei wie zufällig, daß die Bauern, die »mit vieren fuhren«, den ersten, die hingegen, die nur mit zwei Pferden fahren konnten, den zweiten Zug bildeten, die Offiziersstellen bekamen natürlich solche anvertraut, die, wenn sie das Commando auch noch nicht verstanden, doch angesehene Leute im Dorfe waren, und ihrer Compagnie keine Schande machten. Sie hätten wohl einen unter sich gehabt, der sich zum Hauptmann ganz vortrefflich geeignet hätte, es war das ein alter gedienter Soldat, der die Feldzüge von Dreizehn als Corporal mitgemacht, und das Commando aus dem Grunde verstand, das war aber leider ein ganz armer Schlucker, der keine HufeLandes besaß, und deshalb mußte allerdings von ihm abgesehen werden.

Doctor Levi hatte übrigens später Horneck verlassen, um dem Demokratencongreß in Berlin beizuwohnen, war aber vorher noch nach Wien gegangen, und dort im Belagerungszustand verschollen, wenigstens drang keine Kunde von ihm nach Horneck.

Den Verlust hätten die Hornecker nun allerdings verschmerzen können, ein weit schmerzlicherer stand ihnen aber in der Versetzung ihres Diaconus bevor, dem Pastor Scheidler, aus »Wohlwollen für den Diaconus«, wie er selber sagte, eigentlich aber wohl aus einem anderen Grunde, eine kleine Pfarre in einem ganz abgelegenen Winkel des Rauschenthales verschafft hatte. Der Diaconus war nämlich, um die Sache gleich beim rechten Ende anzufassen, für die Bauern in Horneck ein klein bischen zu gescheut, und – denn das allein wäre kein Fehler gewesen, wenn er es nur gut zu benutzen verstand – als Hauptmißgriff zuoffenmit den Leuten. »Denken Sie sich nur, Herr von Gaulitz,« hatte der durch solche Unvorsichtigkeit auf's Höchste bestürzte Geistliche einst zum Gutsbesitzer gesagt, »der Mensch (er meinte den Diaconus) kommt neulich mit einigen Bauern zusammen, die fragen ihn, nach ihrer albernen Weise›auf's Gewissen‹, was es mit der Trennung der Schule von der Kirche für eine Bewandtniß habe, und ob es wahr sei, daß die Kinder dann gar keinen Religionsunterricht mehr kriegten und »so« aufwüchsen, und der Leichtsinnige redet ihnen das nicht allein gänzlich aus, sondern vertheidigt auch noch die Trennung – ja was sage ich Trennung – das Auseinanderreißen der beiden so innig verbundenen Institute – ja Herr von Gaulitz, versichert den holzköpfigen Bauern gar, daß ihre Kinder dann eine bessere Erziehung bekommen würden, weil der Mann, der sie lehrte, frei seinem eigenen Plane folgen könne, von den Kindern, wenn er sich Achtung und Liebe zu verschaffen wüßte, auch wirklich geachtet und geliebt würde, und nicht der untergeordnete Diener des Geistlichen, wie das jetzt für den ganzen Stand eine wahre Schmach gewesen, mehr sei. – Der Mensch ist wahnsinnig, denn er wüthet gegen das eigene Fleisch und Blut.«

Der Herr von Gaulitz lächelte jedoch damals und erwiederte nur ruhig:

»Mein lieber Pastor,derleiSachen kennen wir besser; der Diaconus ist jetzt noch ein sehr freisinniger, vielleicht ein für seinen Stand etwas zu freisinniger Mann, aber das giebt sich, Herr Pastor, das giebtsich – nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben einen ganz anderen Klang.«

Nach diesem Vorfalle versteht es sich übrigens von selbst, daß der Pastor Scheidler aus allen Kräften dahin wirkte, den Diaconus, der ihm auch die Zeitungen viel zu radical, ja nach seiner Meinung sich selbst zum Republikanismus hinneigend, auslegte, aus Horneck fortzubringen. Die geheimen Conduitenlisten, die er mehr als regelmäßig an das hohe Consistorium einsandte, gaben ihm dazu die beste Gelegenheit. In der aufgeregten Zeit, wo gerade das hohe Consistorium überhaupt, von jeder Seite her den ersten Schlag erwartete, und fortwährend auf dem Sprunge stand, sich in seine ursprünglichen Bestandtheile aufzulösen, gehörte eben auch nur ein Wink, eine Andeutung dazu, um dessen guten Willen und Hülfe im höchsten Grade zu erwerben, und der Diaconus fand sich bald, allerdings als selbstständiger Pfarrer, aber auf einem so ärmlichen, traurigen Winkelchen der Erde, daß es selbst seinen, gewiß bescheidenen Erwartungen nicht entsprach und er einer geraumen Zeit bedurfte, sich nur nothdürftig daran zu gewöhnen.

Eine andere in Horneck vorgefallene Aenderung aber, eine höchst traurige, hatte in der Schule selbst stattgefunden,und zwar nicht für die Schule, sondern für den armen, in ihrem Dienst ergrauten Lehrer derselben, den alten Papa Kleinholz. Der Geist hätte in dem alten Manne vielleicht noch mit den unbedeutenden Beschäftigungen, die ihm oblagen, wie Buchstabiren und Lesen Schritt gehalten, aber der Körper, durch Mangel und Noth geschwächt, von den dürftigen Kleidern nicht einmal warm gehalten, und in der dunstigen Schulstube, die ihm zum steten Aufenthalte dienen mußte, endlich ganz untergraben, hielt nicht mehr aus.

Er wurde bettlägerig und so krank, daß durch die stete Transpiration des Leidenden der Aufenthalt unten in der Schulstube selbst für die Kinder unangenehm, ja sogar schädlich werden mußte, und Hennig sah endlich kein anderes Mittel, als daß er selbst dem alten Manne sein kleines Dachkämmerchen einräumte und hinunter in die dunstige Schulstube zog. Zwar erholte sich Papa Kleinholz, wohl am meisten durch Lieschens aufopfernde und unermüdliche Sorgfalt und Pflege, nach einiger Zeit in etwas, so daß sein Zustand wenigstens nicht mehr als lebensgefährlich gelten konnte, aber an Schulehalten war nicht zu denken – der böse Husten ließ ihn keine zehn Worte hinter einander sprechen; anstrengen oder ärgern durfte er sich nun gar nicht – und Schulmeistersein und sichnichtärgern, zwei unmöglich von einander zu trennende Sachen!

Eine Weile ließ das der Pastor geschehen, und Hennig nahm sich mit so warmem Eifer der Schule an, daß die Eltern nicht über Vernachlässigung ihrer Kinder klagen durften, da die Arbeiten jetzt ganz aufeinesLehrers Schultern ruhten, wo früher, wenn auch nur dem Namen nach, zwei gewaltet und gelehrt hatten; nach einem halben Jahre aber durfte der Geistliche, wie er meinte, dem hohen Consistorium nicht länger verheimlichen, daß Vater Kleinholz unfähig geworden sei, dem schweren Amt eines Schullehrers mit Erfolg vorzustehen, und deshalb – o wie dem alten armen Lehrer das Herz zuckte, als er das so lange gefürchtete Schreckenswort ausgesprochen hörte –emeritirtwerden müßte. – Emeritirt, mit einem Dritttheil seines Gehalts und – sieben Kindern – acht Personen, unter denen sieben kräftig und gesund waren, und Tag für Tag ihre richtigen Portionen Essen verlangten, wenn sie eben nicht geradezu hungern sollten, vonfünfzigThalern jährlich zu ernähren – der Gedanke kam ihm furchtbar vor, und er barg das bleiche Haupt in den spärlichen Kissen, und schluchzte wie ein kleines unglückseliges Kind.

»Das also ist Dein Lohn, Du armer alter Mann –seit sieben und vierzig Jahren hast Du Dich nach besten Kräften und Gewissen für die Kinder abgearbeitet und gemüht – bist Du nicht im Stande gewesen, das zu leisten, was man von einem Manne, der die Jugend zu wackeren selbstbewußten Staatsbürgern heranziehen sollte, vielleicht berechtigt sein durfte zu erwarten, so kann nicht Dir die Schuld dafür beigemessen werden, sondern denen, in deren Interesse es in früherer Zeit gelegen, das Volk in Unwissenheit und Knechtschaft aufwachsen zu lassen,Duthatest Dein Möglichstes, Du hast Dir Nichts, Nichts auf der weiten Gotteswelt vorzuwerfen, Du hast Kummer und Noth die langen langen Jahre hindurch, immer wachsend mit jedem neugeborenen Kind, und zu größter Höhe anschwellend bei der Mutter Tod, ohne Murren, ohne ein einziges hartes beschuldigendes Wort gegen die, welche den Gehalt der Lehrer unter den eines Ackerknechtes stellten, ertragen und nur jetzt, jetzt, da Deinem bleichen vom Kummer durchfurchteten Antlitz auch noch die scharfe Dornenkrone des letzten Entsetzlichen in die Stirn gedrückt wird, da bricht Dir der Schmerz das arme gequälte und zum Zerspringen volle Herz und Du klagst nicht das Schicksal – nicht die Tyrannei der Menschen an, nein Du beklagst nur Dein und der Deinen Loos und bist unsäglich elend.«

Hennig, der in des alten Mannes Stelle eingetreten war, that allerdings was nur in seinen Kräften stand, um dessen Lage zu erleichtern, ja überließ sogar dem alten Manne einen großen Theil dessen, was er selbst mehr bekam, so wenig das auch immer sein mußte; er selbst hatte jetzt aber auch mehr Auslagen, denn seine Kleider, die bis dahin ausgereicht, wurden alt, und er mußte sich neue schaffen, da ihm der Pastor schon mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, der Bauer halte etwas darauf, daß sein Schulmeister einen anständigen Rock trage und seinem Dorf keine Schande mache. Allerdings erwiederte er darauf, »wenn der Bauer das will, weshalb giebt er denn auch nicht dem, der seine Kinder zu ordentlichen rechtlichen Menschen heranbilden soll, so viel, daß es ihm möglich ist, den Magen auch nur einen Tag über dem Rücken zu vergessen?« Er änderte damit aber Nichts, und da ihm selber daran lag, nicht gerade abgerissen in der Pfarre zu erscheinen, mußte er endlich wohl in den saueren Apfel beißen, und sich in die für seine Casse erschöpfende Auslage fügen. Nichts destoweniger ließ er den alten greisen Schullehrer nicht hungern, das Verhältniß zwischen ihnen bestand nach wie vor, und wären die theuren Medicinen nicht gewesen, so hätte Hennig der wirklich Sohnesstelle am kranken Kleinholz vertrat,diesen selbst durch die schwere Winterszeit glücklich durchgeschleppt, so aber reichten selbst die vereinigten Kräfte Beider nicht aus – des alten Mannes karges Stückchen Gnadenbrod war schon auf ein Vierteljahr vorher verzehrt, selbst Hennig einige Thaler in Schulden hineingerathen, und der emeritirte Lehrer sah sich endlich, so ungern er das auch that, dazu gezwungen, um eine Unterstützung, d. h. um eine Erhöhung seiner sogenannten Pension einzukommen, wenn er nicht in Noth und Elend vergehen wollte.

Er baute dabei seine feste unerschütterte Hoffnung auf den »Herrn Pastor Scheidler« – der hatte ihn ja früher oft und oft versichert, er werde wenn er, der Schulmeister, später einmal nicht mehr so recht fort könne, schon Alles thun was in seinen, des Herrn Pastors Scheidler, Kräften läge, ihn zu unterstützen, und die Zeit war jetzt wirklich und in vollem Maaße gekommen. Er konnte nicht allein nicht mehr recht fort, sondern lag sogar ganz und gar, und gab es jemals eine Periode, wo er der Unterstützung von Seiten des Geistlichen bedurfte, so schien das die jetzige.

Er reichte deshalb sein Bittgesuch bei diesem ein, kroch selber, mehr als er ging, auf die Pfarre hinüber, um die Bevorwortung desselben dem Herrn Pastor noch einmalrecht dringend an's Herz zu legen, und sank an dem Abend, zwar erschöpfter als je, aber auch nicht wenig beruhigt von dem gütigen Empfang und Wort seines Vorgesetzten, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit fast freudiger Hoffnung auf sein Lager nieder.

Was Hennig selbst betraf, so hatte er sich, besonders in letzterer Zeit ungemein eifrig mit der neuen Gestaltung der Schule beschäftigt, und Lieschen, die doch recht gut wußte, wie er Pastors Sophiechen so recht aus innerster Seele liebe, konnte sich gar nicht genug darüber wundern, daß der Schulmeister, wie Hennig jetzt, als in diese Würde eingetreten, schlichtweg hieß, nur allem Anschein nach darauf los arbeitete, sich den Vater seiner Liebsten zum ingrimmigsten Feind zu machen. Das war, das allerwenigste gesagt, nicht im mindesten politisch von ihm, und er hätte das seiner Liebsten schon nicht zu Leide thun dürfen.

In der That hatte Lieschen, von ihrem Standpunkt aus, vollkommen recht und Hennig selber fühlte, wie er sich dadurch ein späteres Hinderniß mit eigenen Händen aufbaue, ein anderes, weit gewaltigeres mußte aber erst hinweggeräumt werden, und dann hoffte er auch dieses, als das viel unbedeutendere mit fröhlichem Herzen zu beseitigen. Wie die Verhältnissejetztnämlich standen,blieb es sich, in Bezug auf seine Aussicht, Pastors liebliches Töchterlein je als sein liebes Weib nicht indieseSchulwohnung, aber doch wohl in eine bessere Stellung einzuführen, ganz gleich, ob ihm derVatergewogen war oder nicht, denn an eine Verbindung seiner Tochter mitnureinem Schulmeister dachte dieser so wenig wie das Mädchen wahrscheinlich selbst, das, wenn es den jungen Mann auch wirklich gern sah, doch viel zu genau die ärmlichen, drückenden,abhängigenVerhältnisse kannte, in denen ein deutscher Schullehrer zu leben gezwungen sei, um irgend eine Neigung zu spüren, einesolcheExistenz je mit ihm zu theilen. Ja, Hennig hätte ihr das, wäre sie selbst dazu geneigt gewesen, nicht einmal zumuthen, es nicht einmal dulden mögen, und seinem schönen Ziel, der Schule eine unabhängige Gestalt zu gewinnen und den Lehrerstand zu heben, lag jetzt noch ein neuer, ihn zu voller Aufopferung treibender Beweggrund unter, da er mit diesem auch vielleicht die Hoffnung seines eigenen Herzens erreichen konnte. Stand er erst einmal als unabhängiger Lehrer, mit liberalem und zum Leben genügenden Gehalt nicht mehr unter, sondern neben dem Geistlichen, – war ihm die Jungfrau selber dann nur nicht abgeneigt – (und grüßte sieihnnicht gerade immer so freundlich wiekeinenweiterim ganzen Orte?), so vergaß der Pastor auch bald den Unwillen, den er jetzt nur über dasStrebendes Lehrers fühlte, und sicherlich nicht auf dasErrungeneausgedehnt hätte.

Daß Sophie einen Fremden, ja gar den Flüchtling liebe, aus dessen Händen er sie einst selber befreit, konnte er dabei natürlich nicht ahnen, still und unberührt stand der Stern noch für ihn am Himmel seines Glücks, und jeder Abend, der ihn träumend auf seinem Lager fand, schloß ihm die müden Lider mit dem leisen, hoffenden Gebet – Sophie!

Nöthig möchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glücklichen Flucht aus den Händen des Gerichts gesehen, zu werfen.

Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der Befreiung zugerufen, »nur an einem Kopf zu klugen Rathschlägen, fehle es in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen« – seiner Ankunft, seines donnernden Wortes hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von außen angeregt, und in Gährung gehalten war, brach aus ineinemgewaltigen und deshalb fürchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und Männer des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten Ehrenposten getragen.

Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines Ministerpräsidenten auszufüllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und seine ganze Thätigkeit auf dieß eine kleine Land concentriren würde, anzunehmen. Wohl war er von schönster Hoffnung für ein einiges freies Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute für eben so reif und tüchtig wie Frankreichs heißblütigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen deutschen Parlament die Souverainetät derer zu erklären, die man bis dahin gewagt hatte,Unterthanenzu nennen, und die – das viel schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht verhehlen, daß der bei weitem größte Theil der Anregung noch zu sehr und unausgesetzt bedürfe, während wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl niederwarfen, und an Mähne und Nüstern zurückgehalten werden wollten, um nur nicht in ihrem blinden unverständigen Eifer da zu verderben, wo sie zu nützen, da einzustürzen, wo sie zu bauen suchten.

Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wiedereinen geordneten ruhigen Gang gehn – denn Frieden mußte im Reiche herrschen, bis die Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne stürzen und die acht und dreißig Scepter mit einem Schlage zerbrechen sollte – so zog er auf seinen fröhlichen Pilgerflug durch das Land aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befördern, denn dessen bedurfte es nicht mehr – es fühlten Alle, daß nur in Einigkeit ihre Kraft lag, – sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen Liebe für das Vaterland zu beseligen, die sie freudig für dieses selbst das eigene Leben opfern ließe.

Eine Zeitlang hörte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hieß es nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der äußeren Vorstädte gegen die schwärmenden Kroatenhaufen gekämpft und wäre dann, als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber doch glücklich nach Berlin entkommen – das Gerücht hatte wenigstens in der Pfarre – vielleicht nach einem Brief aus der Residenz – seinen Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum erstenMal ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerüttelt hatte, schien vergessen.

Vergessen? – ja, von der großen Menge vielleicht, vor deren Augen Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorüber gezuckt und dann verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, für die keine Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten hätten, daß Gott sein theures liebes Haupt beschützen möge.

So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefühl, dieser heimlichen, heiligen Liebe für den Fernen sein mochten, so verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und Sophie, des Pfarrers Töchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwähnt, was sie doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschüttet hätte. Und dennoch war Marie fast täglich in ihres Vaters Hause, wo besonders in letzter Zeit viel für die Kinder zu nähen und arbeiten gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles Vertrauen zu dem armen leidenden Mädchen gefaßt zu haben, und behandelte sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeitbei ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das ernste, so wehmüthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewußte Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.

Marie, die sich, ihrem äußeren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden schien als früher, und auch durch Sophiens Hülfe anständiger gekleidet ging, brach das Schweigen über den Abwesenden eben so wenig; kein Wort kam, selbst jenen Abend betreffend, über ihre Lippen und was die Herzen in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefühle keine Worte.

In den letzten Tagen des November 1848 war es, daß die beiden Mädchen auch einmal wieder zusammensaßen und an einem warmen Rock für Sophiens Mutter nähten, denn das Haidekraut blühte gar so schön und roth draußen, und das kündete strenge Kälte, der man doch wenigstens begegnen mußte; als der Pastor plötzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat, und der Tochter ankündigte, daß er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem Sohn des Herrn Generalsuperintendentenerhalten habe – es gehe ihm gut, und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn – er bemerkte gleich darauf die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster und verließ mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien zuzuwenden, das Zimmer.

Marie ließ die Hände in den Schooß sinken, saß mehrere Minuten mit todtenbleichen erregten Zügen da, und starrte still und schweigend vor sich nieder.

»Er kehrt nachHorneckzurück!« flüsterte sie endlich leise mit kaum sich bewegenden Lippen – »nach Horneck wo« – sie brach plötzlich ab, barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Händen und gab sich mit so peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, daß man, wie ihr das Herz auch laut und stürmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, hätte nicht das Zittern ihres ganzen Körpers ihr Leben verrathen, die Gestalt selbst mußte einer todten regungslosen Statue gleichen.

Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche – sie stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.

»Weshalb quäle ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit meiner eigenen unbegründetenFurcht,« flüsterte sie endlich und strich sich die Hand fest und schnell über die bleiche, marmorkalte Stirn – »Furcht! – und darf ich da auch nochfürchten? ist mir denn überhaupt auch nur eineHoffnunggeblieben? – Er erschrak, als er damals meine Stimme hörte – er verachtet die – Dirne.« – Sie schauderte zusammen, und dicht an die Scheibe gepreßt, daß ihr Hauch das Glas deckte, fuhr sie nach kurzer Pause fort – »Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten? – Darf er mich – darf er mich gerade in diesem Hause? – und warum nicht?« sagte sie plötzlich laut, und richtete sich schnell und fast stolz empor – »klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich mit dem alten traulichenDuanredete, und michseinearme Marie nannte? – o heiliger Gott, wie gern wäre ich ihm damals an's Herz gesunken und hätte gerufen Franz, Franz, Du hast mir böses schmerzliches Unrecht gethan – unglücklich ist Deine Marie, aber schuldig nie – nie – die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefühl für mich selbst – ich weiß nicht einmal mehr, was ich sprach – Sophiens Name –«.

Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher Husten zwang sie, sich niederzusetzen.

Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte, als er den Husten hörte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam näher, ließ sich, ohne das Mädchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem Sopha nieder und las die Zeitung.

Von diesem Tage an fühlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als sie Abends ihre ärmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten Fieberanfall und mußte am nächsten Tage das Bett hüten; der Vater, der in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen, deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache Kartoffelsuppe, und ließ sie dann mit sich und ihren Gedanken allein, bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem Glase einfachen Bieres gesessen, zurückkehrte.

Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, daß der Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne. Marie war schon um vieleswohler, ging aber doch noch nicht zu ihrer Arbeit hinauf – der Vater stellte sie mehrmals deshalb zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schützte noch peinlichen Kopfschmerz vor und blieb.

So brach der vierte Morgen an – es war der letzte Tag im November und ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in das ärmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf dem einzigen hölzernen Stuhle, der in der Stube stand, saß Marie, und schaute träumend nach den gegenüberliegenden grauen Strohdächern einer langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinüber, als es plötzlich rasch und lebhaft an die Thüre pochte, und sich diese, selbst vor dem einladenden »Herein«, schnell öffnete.

»Fräulein Scheidler!« rief das Mädchen, überrascht von ihrem Stuhle aufstehend.

»Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie!« sagte Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, »Wie geht es Ihnen? – Sie sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus – warum haben Sie sich so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich krank? – Ach, ich wäre so gern schon früher einmal herüber gekommen, aber – aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun, so vielzu besorgen, daß man wirklich manchmal gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht.«

»Ich hörte eben, daß sie Besuch hätten,« sagte Marie leise, »und fürchtete eben zu stören, auch –«

»O nicht im Mindesten, gutes Kind,« unterbrach sie rasch und erröthend das liebe Mädchen, »wir – wir werden Ihre Hülfe überdies vielleicht recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen – ich habe einige recht nothwendige Arbeiten vor.«

»Ich bin wirklich unwohl gewesen,« fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden suchend, fort – »so unwohl, daß ich fürchte, kurze Zeit wohl noch der Ruhe pflegen zu müssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere Arbeit zu unternehmen.«

»O Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen,« bat Sophie – »ja nicht, liebe gute Marie, ich habe ganz fest auf Sie gerechnet – nicht wahr, Sie machen es möglich? –«

»Könnte ich da nicht vielleicht« – sagte Marie zögernd – »die Arbeit zu mir in's Haus bekommen? – Vielleicht ging es hier.«

»Aber Sie haben da – Sie haben da gar keine Bequemlichkeit«, erwiederte Sophie, und warf einen halbscheuen, halb mitleidigen Blick in dem kleinen, leeren, unbehaglichen Gemach umher. –

»Ich kann mich hier niederlegen, wenn mich das Sitzen angreift,« entgegnete das Mädchen – »ich bin ungestörter – und werde schneller arbeiten.«

»Nun gut, wir wollen uns darüber nicht streiten,« beruhigte sie Sophie – »machen Sie das, wie Sie wollen, liebes Kind – aber – kann ich Ihnen nicht vielleicht mit irgend etwas –«

»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach sie, ihre freundliche Meinung verstehend, Marie, »ich habe, durch Ihre Güte, für jetzt Alles, was wir brauchen – und das ist genug – Ihnen geht es gut jetzt – Sie sehen recht wohl und fröhlich aus.«

»Mir geht esrechtgut, liebe Marie, ich danke Ihnen,« sagte Sophie freudig – »mein Leben scheint sich auch ganz gut und glücklich zu gestalten – das wenigstens, was meinen Himmel bis jetzt getrübt, ist verschwunden.«

»So?« frug mißtrauisch und schnell des Musikanten Tochter – »plötzlich verschwunden? –«

»Seit gestern,« erwiederte fröhlich lächelnd Sophie auf die Frage – »rathen Sie einmal, Marie, was ich jetzt bin?«

»Was Sie jetzt sind?« wiederholte erstaunt und mit stockenden Herzschlägen Marie – »was Sie jetzt sind? ich begreife die Frage nicht?«

»Nun, die ist doch einfach genug,« lachte Sophie – »blos was ich bin, sollen Sie rathen, und rathen deshalb, weil Sie's eben noch nicht wissen.«

»Nun denn, des Herrn Pastor –«

»Ach lari fari,« unterbrach sie scherzend die Jungfrau – »das will ich nicht wissen, mehr – höher hinauf.«

»Höher hinauf – die Wohlthäterin des halben Dorfes.«

Sophiens Hand lag im Nu auf des Mädchens Lippen.

»Das ist gegen die Abrede,« rief sie rasch, »ordentlich gerathen, aber höher hinauf.«

»Ich bin es nicht im Stande,« sagte Marie mit leiser, eintöniger Stimme.

»Glaub' es,« tönte die fröhliche Antwort, »denn es kommt mir selbst überraschend genug, und so will ich es Ihnen denn rund heraus und einfach sagen, aber – vorher die Hand darauf, Sie sprechen zu keinem Menschen mit einer Sterbenssylbe davon?«

Marie reichte ihr schweigend die Hand.

»Nun denn, wissen Sie, was ich bin? – Ich bin Braut – nun Herr Gott, was erschrecken Sie denn so, das ist doch Nichts so Erschreckliches?«

»Nein – in der That nicht,« erwiederte Marie mit erzwungenem Lächeln – »da wünsche ich – wünsche ich Ihnen recht herzliches Glück – recht herzlichen Segen. Aber – mit wem?«

»Mit wem? nun mit Wahlert –«

»O!« rief Marie, und sprang rasch nach dem Fenster, an dessen Gesims sie sich festhielt.

»Was ist da?« frug Sophie und folgte ihr – »was gab es da?«

»Das Kind dort – wäre – wäre beinahe unter den Wagen gekommen – das unvorsichtige,« sagte Marie und deutete, während es sich wie ein schwarzer Flor um ihre Augen zog, nach der Straße hinunter.

»Welches? Der Knabe da?« frug erstaunt Sophie – »nun seh' Einer den kleinen kecken Kerl an, da steht er noch ganz ruhig und schaut hinter dem Wagen her, als ob gar Nichts vorgefallen wäre – aber ich habe Ihr Versprechen, Marie?«

»Ich will schweigen wie das Grab,« erwiederte die Arme.

»Aber nur nicht so ernst – der Brautstand ist einefröhliche Zeit, und da muß man auch fröhliche Gesichter um sich haben. Also mit meinem Brautkleide lassen Sie mich nicht sitzen, morgen komm ich wieder herunter und da wollen wir das Nähere darüber besprechen – oder Sie kommen zu mir herauf. – Ach ja, liebe Marie – nicht wahr Sie kommen? Sie haben den Doctor Wahlert ja auch schon früher gesehen und sich selbst für ihn interessirt, weil er die Rechte des armen Mannes so vertrat.«


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