Die Nacht war ruhig vorüber gegangen und Horneck lag so friedlich in dem Purpurglanz der heiter und rein aufsteigenden Sonne, als ob keine Leidenschaften in ihm getobt hätten, kein lodernder Funke in seine gemüthliche Stille geschleudert wäre der nun heimlich und versteckt fortglimmen mußte, bis ihn die Zeit – und wie bald vielleicht zu prasselnder Flamme emporfachen sollte.
Auf dem Gute herrschte übrigens keineswegs solche Ruhe, sondern eher belebte eine eigenthümliche, ganz ungewöhnliche Regsamkeit die Herrenwohnung und die daran stoßenden Bedientenstuben. Der Oberpostdirector selbst hatte den ganzen Morgen geschrieben und gesiegelt und der junge Poller war noch in der Nacht wieder in die Stadt geschickt, von wo her er mit Tagesanbruch auf weißschäumendem Roß zurückkehrte, und zugleich mit einer Depesche der Regierung die Nachricht brachte, essei das beabsichtigte Militair wirklich nach Sockwitz gelegt und der Nachbarstaat auch für den schlimmsten Fall um weitere Hülfe angesprochen worden.
Der Inhalt der Depesche lautete übrigens wie die Sachen jetzt standen, nichts weniger als erbaulich.
Das Ministerium stand noch und jenes Gerücht vom verflossenen Abend bezog sich nur auf eine Demonstration – respektive Katzenmusik – die man den Ministern als Mistrauensvotum gebracht, und wobei der Ruf laut geworden, daß sie zum Besten des Landes abdanken sollten, die Aufregung in der Stadt schien aber eine solche bedenkliche Höhe erreicht zu haben, daß es blos eines Anlasses es bedurfte, um den Ausbruch unvermeidlich zu machen. In der That fehlte es auch nur an einerPersönlichkeit, um dem allgemeinen Strom der Gährung sein richtiges Bett anzuweisen und ihn dorthin zu lenken, wo er dem alten Systeme verderblich werdenmußte– die fehlte aber bis jetzt in der Residenz; es war keiner unter den Männern, die sich bis dahin zu Volksrednern aufgeschwungen hatten, denen das Volk auch mit jenem blinden zuversichtlichen Vertrauen geglaubt hätte, das unumgänglich nöthig dazu ist, eine Masse zu begeistern und im wilden Todesverachtenden Sturm mit fortzureißen. Die Kraft lag noch in der weiten Menge zersplittertund wenig Gefahr drohte von den zerstreuten Pöbelhaufen.
Ein solcher Führer aber, wie er diesen Massen gerade fehlte, um sie zu dem gefährlichen Feind zu machen, der dem Absolutismus die trotzige Stirn geboten, wäre eben dieser Wahlert gewesen, den jetzt ein tückischer Zufall der Horneckschen Gerichtsbarkeit in die Hände gespielt; es mußte deshalb aber auch dem Ministerium, das ein rauher Wind hätte umstoßen können, besonders daran liegen, geradediesenMenschen unschädlich zu machen und deshalb lautete auch der Befehl, den der Oberpostdirector in der durch Erpressen gesandten Depesche erhielt, so bestimmt und unumgehbar, den Gefangenen ohne weiteres Zögern und unter sicherer Bedeckung an das nächst gelegene, in Sockwitz bezeichnete, Militairpiket, spätestens bis zum nächsten Abend abzuliefern. Um Aufregung zu vermeiden, wollte man nicht gern Soldaten nach Horneck hineinschicken, und der Transport des Gefangenen sollte deshalb am liebsten in einer Kutsche bewerkstelligt werden.
Das wie und weshalb war Alles klar genug angegeben, aber wie stand es nachher in Horneck selbst? Würden sich die Bewohner des kleinen Ortes, denen der Gutsherr gestern Abend erst das feste Versprechen gegebenhatte, den Gefangenennichtauszuliefern, bis seine Schuld als grobes Verbrechen auch wirklich erwiesen wäre, damit begnügen, und ließ sich nicht im Gegentheil erwarten, daß die Befolgung der erhaltenen Instruktionen gerade für den Gutsherrn von sehr fatalen Folgen sein konnte?
Der Herr von Gaulitz saß hier in einer recht unbequemen Klemme und sah auch in der That keinen Ausweg, der ihn hätte beide ihm drohende Schwierigkeiten gleich glücklich vermeiden lassen. Lieferte er den Verhafteten aus, so zog er sich den Haß eines großen Theils des Dorfes zu und in der jetzigen Zeit, wo die Leute doch einmal aufgeregt waren, und überall in der Nachbarschaft das böse Beispiel vor sich hatten, ließ es sich gar nicht bestimmen, wie weit das später führen würde und könnte. Lieferte er ihn abernichtaus, oder ließ er ihn gar entkommen, so war auch Nichts wahrscheinlicher, als daß er für die Folgen zu haften hätte, die daraus entstünden – und welch fürchterlicher Art konnten diese Folgen sein – der fromme Oberpostdirector schauderte, wenn er daran dachte – Anarchie im ganzen Lande – den Rittergutsbesitzer »fortgejagt« wie der »gemeine Mann« in seiner politischen Unschuld meinte, die Königreiche zu Stücken geschlagen, und ineingroßesdeutsches Reich geschmolzen, kurz alles Bestehende umgedreht und durchgeschüttelt, wodurch alles Nicht-Bestehende natürlich oben hin kommen mußte, und eine Convulsion, in welcher die Gesetzlichkeit vernichtet und die Masse der »gutgesinnten« Staatsbürger, was gar nicht ausbleiben konnte, zum Besten der schlechteren, d. h. ärmeren, ruinirt wurde.
Es blieb, wie die Sachen einmal standen, wirklich keine Wahl, denn hiergegen erschien der Zorn der Hornecker, und vielleicht noch dazu eines nur kleinen Theils, gering – vielleicht ließen sich aber auch selbst diese noch beschwichtigen, und davon überzeugen, daß die Gefangenhaltung des gefährlichen Menschen selbst zu ihrem eigenen Nutzen mit geschehen sei und sich in ihren segensreichen Folgen offenbaren werde. Jedenfalls blieb der Versuch statthaft, und imallerschlimmsten Fall – ei da lag ja in Sockwitz Militair und zum »Schutz des Eigenthums« konnte das leicht und rasch heran beordert werden.
Herr von Gaulitz hatte seinen Entschluß gefaßt; noch heute – und sobald die einbrechende Nacht des Gefangenen Transport begünstigen konnte, sollte er fort – aber selbst der Geistliche durfte Nichts davon erfahren, denn wer weiß, welche Schritte dieser gethan hätte, umseines General-Superintendenten Sohn zu befreien, oder doch wenigstens jeden Schein der Mitwirkung von seinen Schultern abzuwälzen – der jetzt – und Herr von Gaulitz schien auch deshalb gar nicht böse zu sein, – noch jedenfalls darauf lastete. – Die nöthigen Vorkehrungen zu treffen war also das einzige was ihm vor der Hand übrig blieb, und diese auszuführen rief er den alten Poller zu sich in seine Studierstube und gab ihm dort die nöthigen Aufträge und Befehle.
Hatte sich aber auch am letzten Abend das Dorf mit der vom Rittergutsbesitzer erhaltene Auskunft hinsichtlich des Gefangenen begnügt, und war selbst Levi, der sonst stereotype »Vorkämpfer der Freiheit« wie er sich selber nannte, durch die erlittene Mishandlung außer Stand gesetzt augenblicklich für die gute Sache zu wirken, ja vielleicht auch – und wer hätte ihm das verdenken können, beleidigt ob solchen Undanks des souverainen Volkes, so lebte doch noch ein Wesen in Horneck, das mit thätigem Eifer nach dem Schicksal des jetzt wirklich Bedrohten forschte, und zu seiner Rettung selbst entschlossen schien das Aeußerste zu wagen.
Es war dieß aber Niemand Anderes, als die Tochterdes armen alten Musikanten Meier, die bekannter mit den Leuten auf dem Gut, besonders mit dem Charakter des Gutsbesitzers selbst war, als es sich von der armen Tochter eines herumziehenden Spielmanns hätte erwarten lassen sollen. Sie wußte aber auch deshalb, in wie gefährlichen Händen der Unglückliche wäre und daß sie keine Zeit mehr zu versäumen habe, seinem Schicksal nachzuforschen.
Ein Vorwand, auf das Gut hinunter zu gehn, wäre allerdings leicht gefunden gewesen; sie sah sich mit ihrer Existenz überhaupt einzig und allein auf weibliche Arbeiten angewiesen, und hätte leicht eine Entschuldigung gehabt, zu diesem Zweck die Damen des Rittergutes aufzusuchen. Dennoch zögerte sie in eigentlicher Scheu, den Schritt zu thun, ja mied sogar, als sie am nächsten Morgen dort unten vorüber ging, die Nähe des Gutes; als sie Pferdegetrappel hinter sich hörte. Sie trat zur Seite und warf fast unwillkürlich den Blick zurück – es war der Oberpostdirector, der rasch, und ohne auf sie niederzusehn, an ihr vorüber und zwar in das Dorf hineinsprengte, und wie von einem plötzlichen Entschluß bestimmt blieb sie stehn, zögerte sinnend einen Augenblick, schien noch zu schwanken, und kehrte dann, raschen Schrittes, den Weg zurück, den sie eben gekommen, boglinks, die erst gemiedene Straße in das Schloß selbst hinein und betrat, immer noch wie furchtsam, aber doch nicht unschlüssig mehr, die herrschaftliche Wohnung. Welche Mühe sie sich aber auch gab, die ersehnten Erkundigungen einzuziehen, es gelang ihr nicht. – Herr von Gaulitz hatte entweder seine Pläne sehr geheim gehalten, oder die arme Fremde fand, selbst bei der Dienerschaft, die sich sonst freundlich genug gegen sie betrug, kein Zutrauen. Auch die gnädige Frau, die sie endlich um Arbeit ansprach, schien ihre versteckten Fragen nicht zu verstehn, und hielt sie dabei mit rasch herbeigeholter Arbeit und verschiedenen Aufträgen weit länger zurück, als sie überhaupt beabsichtigt haben mochte, im Schloß zu weilen.
Da wurden unten, auf dem Pflaster, die klappernden Hufe des rückkehrenden Oberpostdirectors laut – Marie wollte sich rasch entfernen – ehe sie aber einen schicklichen Vorwand fand, hörte sie im nächsten Zimmer eine Thür aufgehn und eine heftige Stimme rief:
»Ich sage Dir, Poller, die Kutschemußbis heut Abend neun Uhr fertig sein und angespannt im Hofe stehn – Du haftest mir dafür; und jetzt fort – keinen Widerspruch weiter – ich will den Burschen noch in dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmensie am Ende das Nest und stecken es mir über dem Kopfe an. Nimm die alten Glieder ein wenig zusammen, und rühre Dich.«
In dem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen, Herr von Gaulitz trat hastig herein und wollte durch das Zimmer seiner Frau gehn, als er nur eben noch sah, wie sich die Gestalt der Fremden rasch aus der gegenüberliegenden Thür entfernte.
»Was für ein Frauenzimmer war das?« frug der gestrenge Herr, indem er, den finsteren Blick auf seine Frau geheftet stehen blieb – »was wollte sie hier, und was hat sie da zu horchen?«
»Es ist das arme unglückliche Geschöpf, von dem uns Herr Doctor Strohwisch gestern Abend erzählte,« erwiederte schüchtern seine Frau – »das arme Kind kam heut Morgen zu mir, mich um Arbeit zu bitten, und da ich gerade viel auszubessern und nachzusehen habe, versprach ich ihr Arbeit. Sie hatte die Thür schon in der Hand als Du hereintratst.«
»Ja – aber sie ging nicht – sie horchte wahrscheinlich nach dem, was ich in der Nebenstube sprach,« brummte in augenscheinlich höchst übler Laune der Herr Oberpostdirector. »Sonderbare Leute suchst Du Dir übrigens zu Deiner Beschäftigung aus – ich sollte dochwenigstens erwarten können, daß Du Dir anständig gekleidete und reinliche Menschen in's Haus nähmst – aber Gott bewahre.«
»Du hättest nur sehen sollen, wie sauber sie ging,« unterbrach ihn Frau von Gaulitz, »wie sorgfältig war ihr Haar gekämmt und geflochten – wie schneeweiß der kleine zerrissene Kragen, den sie um den Hals trug, und ihre Hände sahen ebenfalls fein und zierlich aus – das arme Kind muß jedenfalls früher einmal bessere Verhältnisse gesehen haben.«
»Ach was – Unsinn!« polterte der Oberpostdirector, dem es an einer Gelegenheit fehlte, seinem Unmuth Raum zu geben, so daß er sie endlich vom Zaune brach, – »Gesindel ist's, das sich hier schon seit ein paar Tagen im Dorfe herumtreibt, und das ich durch den Gerichtsdiener wahrscheinlich schon morgen werde wieder hinausschaffen lassen – Lumpenpack ist's, das in die Häuser schleicht, um sich eine Gelegenheit zum Stehlen auszusuchen. Und auf mich hörst Du dabei gar nicht – wie oft hab' ich Dir schon gesagt, Dich nicht mit solchem Pack einzulassen, aber Du scheinst ein ordentliches Wohlgefallen daran zu finden, nicht nur meine Wünsche zu vernachlässigen, sondern Dir auch nach wie vor die möglichst schlechteste Gesellschaft auszuwählen. Dadurchwirst Du Dein eigenes Benehmen wahrhaftig nicht bessern, und nur ein klein wenig mehr Manieren annehmen, und mit solchen Vorbildern mag ich es dann nur ganz aufgeben, eine Frau heranzubilden, die den Kreisen, in die ich sie hineinzog, wenigstens keineSchandemacht, und das ist doch beim Himmel das Bescheidenste, was ich in aller Welt verlangen kann.«
»Aber bester Gaulitz!«
»Ach was – das Bitten und Weinen hilft mir Nichts! Wie hast Du Dich gestern Abend wieder betragen, es war ja doch ein Schimpf und eine Schande, und ich habe mich selbst vor dem Pastor bis in meine innerste Seele hinein geschämt.«
»Aber was hab' ich denn in aller Welt gethan?« bat zitternd und hocherröthend die Frau.
»Was Du gethan hast?« wiederholte der Zürnende, der sich jetzt einmal in das rechte Gleis hineingearbeitet hatte, »gar Nichts hast Du gethan, und das ist es gerade was mich so ärgert – wie ein Stock hast Du da gesessen und kein Wort gesprochen, und nur manchmal laut aufgelacht, wenn der – Strohwisch seine faden unanständigen Reime vorlas; wenn Du Dich in gebildeten Kreisen bewegen willst, so mußt Du Dir auch Mühe geben zu lernen, wie man sich in solchen bewegt.Hier auf dem Lande möcht' es noch gehen, denn gewöhnlich wird hier nicht jeder Schritt und Tritt so beobachtet, wie in der Residenz, aber gerade gestern war es mir um so fataler, da diese alten Schachteln, diese Geheimenraths-Fräuleins Seiffenberger Deine Beschreibung haarklein in ihre wässrigen Theegesellschaften hineinbringen – ich sah recht gut, wie sie Dich immer von der Seite betrachteten, dann zusammen flüsterten und mit einander lachten.«
»Lieber Gaulitz,« bat die Frau.
»Sei ruhig und ärgere mich nicht jetzt auch noch mit Deinem Wimmern und Winseln!« rief ihr Gatte, »daß mich doch der« – – Er brach plötzlich ab – riß die Thür auf, verließ das Zimmer und warf sie hinter sich mit wilder Gewalt in's Schloß zurück.
Seine Frau schlich auf's Sopha, sank in die eine Ecke desselben, und barg ihr Gesicht schluchzend in den Händen.
Marie verließ langsam und sinnend den Hof. Die wenigen Worte, die sie von des Gutsherrn Lippen gehört, gingen ihr im Kopfe herum, und es war kaum möglich, daß sie noch eine andere Bedeutung haben konnten, als die eine – »die Kutsche muß bis heuteAbend neun Uhr fertig sein und angespannt im Hofe stehen – ich will den Burschen noch in dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende das Nest, und stecken es mir über dem Kopfe an!«
Wie mit feurigen Buchstaben waren ihr die Sätze in das Hirn eingebrannt. Wahlert gefangen – noch in dieser Nacht den Gerichten überliefert. – Was, um Gott, konnte der Unglückselige nur so Entsetzliches verbrochen haben? – Aber das durfte nicht geschehen – nimmer, so lange sie noch Kraft zum Denken – Kraft zum Handeln behielt.
Langsam war sie den Weg hinangeschritten, der zur Pfarrerwohnung führte, – dabei mußte sie an des Stellmachers Werkstätte vorüber, und dort – ein eigenes wunderliches Gefühl von Schreck und Freude durchzuckte ihren Körper – dort stand die Kutsche, und der Meister war mit Gesellen und Lehrburschen emsig beschäftigt, neue Speichen in eins der arg mitgenommenen Hinterräder zu setzen, und die sonst schadhaften Stellen wieder auszubessern. – Also hatte sie recht gehört, – in diesem Fuhrwerk sollte der Gefangene seinen Henkern ausgeliefert werden, und doch – doch war es den Männern von Horneck gestern versprochen worden, den Eingebrachten, wenn er nicht ein schweres und bösartigesVerbrechen begangen hätte – ohne Weiteres in Freiheit zu setzen.
Großer allmächtiger Gott – wie ihr das Herz schlug vor Angst und Zagen – wenn nun – wenn sie nun den Wagen so hätte wieder beschädigen können, daß es unmöglich gewesen wäre, ihn zu gebrauchen? – Oder wenn sie jetzt hinauf ins Dorf ging, und den Bauern die Nachricht brachte, daß der Gutsherr sein ihnen verpfändetes Wort im Begriff stehe zu brechen – oder wenn sie gar den Herrn von Gaulitz um Erbarmen – Hilf Himmel, wie ihr die tollen wirren Gedanken im Kopfe herum sausten und schwirrten, und es ihr unmöglich machten, zu einem festen geregelten Entschluß zu kommen – fast ihrer unbewußt und mechanisch verfolgte sie den Weg, den sie früher zu gehen beabsichtigt, und stieg zur Pfarre hinauf, von deren Fenstern ihr die funkelnden Strahlen der Sonne warm und glühend entgegenspiegelten.
Herr Pastor Scheidler saß daheim in seiner Wohnstube, und in dem breitlehnigen, weich gepolsterten Armstuhle, der zwischen dem Ofen und Fenster in warmer, und doch dem Lichte nicht abgeschlossener Nische stand. Nicht weit von ihm entfernt, an dem Fenster, das nach dem gegenüber liegenden kleinen Friedhof hinausschaute, hatte Sophie, des Pastors ältestes Töchterlein, ihren Nähtisch stehen, säumte neues, selbst gesponnenes Tischzeug, oder besserte die Wäsche aus, die unsere alte Bekannte Rieke – oder auchGrethe, wie sie der Pastor noch ziemlich hartnäckig nannte, da ihr letztes Mädchen Grethe geheißen – eben in dem weißgescheuerten Korbe hereingeschafft hatte.
»Aber Vater, was hast Du nur«, brach endlich Sophie das lange, lange Schweigen, denn Vater wie Tochter schienen sich an diesem Morgen beide ihren Gedankenvollständig überlassen zu haben, da keines mit dem anderen, wohl seit einer guten halben Stunde, auch nur ein einziges Wort gesprochen – »Du starrst so still und finster vor Dich hin, ist Dir etwas Unangenehmes widerfahren?«
Der Vater antwortete eine Zeit lang nicht, und es war, als wenn er eben bei sich überlege, ob er der Tochter auch das, was ihn eigentlich drücke, mittheilen solle und könne – endlich schien er aber doch zu einem Entschlusse gekommen, rückte sich das schwarze Käppchen zurecht, wechselte seine Stellung vom linken auf den rechten Ellbogen, und sagte, zur Tochter gewandt, die über ihre Arbeit hinüber seinem Blicke begegnete.
»Du magst's auch wissen, was mir im Kopfe herum geht – hast vielleicht einen guten Rath für mich, wenn's Dich auch selber nicht groß interessiren kann.«
»Nun Väterchen?« sagte die Tochter gespannt.
»Du weißt, daß sie gestern einen Gefangenen eingebracht haben.«
Sophie ließ ihre Arbeit in den Schooß sinken und hätte sie ihr Vater in diesem Augenblicke angesehen, so mußte er bemerken, was für eine Veränderung bei der bloßen Erwähnung jenes Mannes in ihren Zügen vorging – so aber haftete sein Blick schon wieder brütendan dem Sonnenstrahle, der in die Stube zwischen dem am Fenster hinaufschlängelnden Epheu hereinfiel und in den fliegenden feinen Staubkörnern allerlei wolkenartige Gestalten bildete –
»Ja,« flüsterte die Tochter.
»Der Gefangene,« fuhr der alte Pastor fort, »ein junger hitz- und tollköpfiger Bursche, voll überspannter Pläne und Leidenschaften ist der einzige Sohn unseres General-Superintendenten.«
»Ist es möglich?« rief Sophie erstaunt und überrascht.
»Ja – es ist allerdings eine wunderliche Geschichte,« bestätigte der Vater, »aber nichtsdestoweniger wahr und mir um so fataler, da der General-Superintendent weiß, auf welch' vertrautem Fuße ich mit dem hiesigen Gutsherrn und Gerichtshalter stehe, und – welchen Einfluß ich bis jetzt auf ihn ausgeübt. Ich habe den Oberpostdirector aber in meinem ganzen Leben noch nicht so starrköpfig und eigensinnig gefunden, wie gerade in diesem Falle; allen meinen vernünftigen Vorstellungen leiht er ein taubes Ohr und ich komme in der That in die äußerste Verlegenheit, wenn er den jungen Menschen wirklich den Gerichten überliefert und einer Strafe preisgiebt, die er sicherlich verdient hat, deren selbst nur theilweiseUrsache ich aber doch unter keiner Bedingung sein möchte – ich wollte lieber den König als den General-Superintendenten zum Feinde haben.«
»Aber er wird ihn nicht ausliefern,« sagte Sophie, und der Ton ihrer Stimme, der Blick, den sie dabei auf ihren Vater heftete, das Alles verrieth, wie sie dennoch das Gegentheil von dem fürchtete, was ihre Lippen sprachen – »er hat es ja erst gestern Abend noch den Leuten aus dem Dorfe, die bei ihm waren, versprochen – er wird nicht wortbrüchig werden, ei denke doch Vater, wie er immer die Bibelsprüche im Munde führt, und oft schon, daß ich es mit eigenen Ohren gehört, zu Leuten, die sich wegen irgend etwas verschworen, sagte: ›Eure Rede sei ja ja und nein nein, und was darüber ist, das ist von Uebel‹ – er dürfte ja nicht einmal seiner eigenen Rede so entgegenhandeln.«
Der Pastor schüttelte, als wenn er an solche Gründe nicht so recht glauben wolle, den Kopf, stand aber endlich auf und sagte:
»Ich werde den heutigen Tag noch abwarten, bis dahin muß sich auch der Zustand in der Residenz entschieden haben und dann – was will die Dirne da draußen – die Grethe läßt mir doch auch Jeden herein, das ist ein Wettermädel.«
»Ach, lieber Vater, das muß die Sängerin – die Tochter des alten Musikanten sein!« rief Sophie, rasch von ihrem Sitze aufstehend – »Herr Hennig hat uns heute Morgen bei der Zeichnenstunde von ihr erzählt – Du lieber Gott, wie elend und ärmlich sie aussieht – das arme Mädchen – und die Kleider, wie abgetragen – was sie nur wollen mag.«
»Ein Almosen,« sagte der Vater mürrisch – »derlei Volk will Nichts als Almosen, darauf kannst Du Dich verlassen – ich gehe jetzt in mein Zimmer hinauf, um noch ein paar Briefe zu schreiben – halt' Dich mit der Dirne nicht lange auf, und schicke sie nur zur Mutter in die Küche – die wird sie schon abfertigen.«
Der Pastor stieg langsam die Stufen hinauf und Sophie öffnete indessen der Fremden, die nur einmal schüchtern angeklopft hatte und dann geduldig harrend vor der Pforte stehen blieb, die Thür.
Die Tochter des armen Musikanten war aber keineswegs, wie der Geistliche so lieblos geurtheilt, hierhergekommen, ein Almosen zu erbitten, nur Arbeit wollte sie, Arbeit im Hause des Wohlstandes, um das karge Leben nothdürftig zu fristen und dem Vater, dem es Mühe kostete, allein durch die Welt zu kommen, nicht auch noch zur Last zu fallen. Ihre Sprache war dabeiedel und bescheiden und das ganze Wesen und Benehmen der Unglücklichen machte einen so tiefen und wehmüthigen Eindruck auf das weiche Herz der Jungfrau, daß sie sich lang und freundlich mit ihr unterhielt, ihr endlich Arbeit versprach und in der Stube Brod und eine Tasse Warmbier anbot, »weil es gerade dastand«, wie sie sagte, im Grunde aber, weil die Augen des armen Kindes so glanzlos und tief in ihren Höhlen lagen, daß sie sich des Gedankens nicht erwehren konnte, das Mädchen habe heute noch keine Nahrung zu sich genommen, und hungere, sei aber zu stolz, selbst das zu erbitten, was der erschöpfte Körper, sollte er nicht erliegen, bedurfte.
Marie hatte sich im Anfange der freundlichen Sorge fast theilnahmlos hingegeben, wie aber die süße Blume, die dem starren und stürmischen Nordwest still doch hartnäckig getrotzt und die Blüthe fest und krampfhaft jeder äußeren Gewalt verschlossen hielt, ihren duftenden Kelch rasch und sehnend dem milden wärmenden Sonnenstrahle öffnet, und über den linden Kuß des Zephyrs die thauige Freudenthräne weint, so schmolz endlich die zarte Schonung, die in jedem der an sie gerichteten Worte lag und sich selbst in den Gaben zeigte, die Sophien's Hand ihr bot, jene Rinde um das inLeiden gestählte, erstarrte Herz. Wohl kämpfte sie noch eine Zeit lang gegen jede Schwäche an, die ihren kalten resignirenden Ernst zu bewältigen drohte, und als sie fühlte, wie ihr die verrätherischen Thränen in die Augen traten, wandte sie sich ab und suchte die perlenden Zeugen des Schmerzes vor dem forschenden Blicke Sophiens zu verheimlichen.
Reines und heiliges Mitleid sieht aber scharf, wo es helfen und heilen kann, und Sophie glaubte gar bald den Kummer errathen zu haben, der in der Brust der Fremden so fest verschlossen, aber deshalb wohl noch mächtiger und erschütternder geruht hatte, weil ihr keine Seele lebte, der sie ihr Leiden anvertrauen konnte.
»Marie,« sagte sie nach einer ziemlich langen Pause, und ergriff des Mädchens Hand – »Marie – fehlt Ihnen etwas, das in meinen Kräften stünde, Ihnen zu verschaffen?«
Die Leidende blieb eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, dann schüttelte sie leise den Kopf.
»Marie –« fuhr des Pastors Tochter schüchtern fort – »ich meine es gut mit Ihnen – ich meine es wahrlich gut mit Ihnen – wenn ich nur wüßte was – was Ihnen fehlte. – Sie sind – Sie sind nicht glücklich.«
Ein zweites leises Schütteln sollte wieder die einzige Antwort sein, und noch weiter ab drehte sie das bleiche Angesicht, aber nicht länger ließ sich der also heraufbeschworene Schmerz bewältigen – stärker und immer stärker drängte er herauf aus dem vollen, o so übervollen Herzen und endlich – endlich brach er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in wildem, aber nicht linderndem Thränenstrom die stürmische Bahn, denn nicht freiwillige Thränen waren es, die den heißen Augenhöhlen entquollen und sie konnten deshalb das Herz auch nicht erleichtern und das Uebermaß der aufgehäuften Fluth drängte sie in's Freie, daß die Gefäße, die sie bis jetzt gehalten nicht vor der gährenden Kraft zerbersten und zertrümmern sollten.
Aber die starre Hülle, die ihr Inneres umschlossen, schien ebenfalls mit den vordringenden Thränen gefallen zu sein; ihre Gestalt zitterte, die Hand, die Sophie in diesem Augenblick ergriff, bebte wie im Fieberfrost, und rasch und plötzlich – dem aufblitzenden Gedanken gehorchend, wandte sie sich, barg ihr Antlitz auf der Hand der erschreckten Jungfrau – und schluchzte laut.
»Marie« flüsterte diese, »mein armes armes Kind, was kann ich für Sie thun – womit Ihnen helfen – sind Sie in so großer Noth? – ach ich will gern –«sie schwieg; denn plötzlich fiel ihr ein, daß sie ja erst am vorgestrigen Abend ihre ganze kleine Baarschaft weggeschenkt hatte und nicht einmal im Stande war auch nur ein Almosen zu geben – »ja – mein Vater wird – ermußhelfen,« fuhr sie, rasch sich sammelnd, fort »mein Vater ist auch gut und mildthätig, nur zu viel hat er aber in letzterer Zeit geben müssen und dadurch erscheint er manchmal härter – weinen Sie nicht mehr, liebe Marie, wenn Sie hier in Horneck bleiben, können Sie sich darauf verlassen, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften steht, Ihnen zu helfen und beizustehn.«
»Ich bin es überzeugt« flüsterte die Fremde mit einem innigen Händedruck – »Sie sind gut und freundlich – aber – verzeihen Sie den Ausbruch eines Schmerzes, den Sie, eben durch Ihre Güte selbst hervorgerufen – es war das ersteherzlicheWort, was ich seit langer langer Zeit gehört, und wenn es auch wohl, o so unendlich wohl that, und so süß und tröstend in meine Seele klang, so beschwor es doch wieder Bilder herauf, die besser, o weit besser in tiefster Seele begraben geblieben wären.«
»Sehn Sie« suchte Sophie jetzt die Leidende zu trösten und zu zerstreuen; »wenn Sie hier wohnen bleiben und mit der Nadel gut umzugehen wissen, so kann sichIhr Leben vielleicht noch ganz glücklich gestalten. Besonders im Sommer hat es uns bis jetzt immer an Näherinnen gefehlt, denn die Stadtleute, die hier herausziehn, brauchen viel neue Kleider und zerreißen sich die alten fortwährend an aufgestellten Eggen, Dornhecken, Disteln und andern ländlichen ›Unbequemlichkeiten,‹ wie sie's nennen. Ich will Sie Schüttens empfehlen – die kommen überall herum und Sie können sich darauf verlassen, daß Siedannin kurzer Zeit bekannt und was noch viel besser sein wird, auch beschäftigt sind.«
»Wie freundlich Sie sind« sagte, mit herzlichem Dank im Blick, die Fremde – »Sie sollen auch sehn, ich werde sicherlich Alles thun, was in meinen Kräften steht, Ihr gütiges Fürwort zu verdienen; jetzt aber haben Sie mir auch Muth gemacht Ihnen ganz zu vertrauen und – eine Bitte ist es – eine Frage vielmehr, die ich mit aller Kraft meiner schwachen Beredsamkeit an Ihr Herz legen möchte, daß Sie dieselbe bei Ihren Herrn Vater befürworten möchten.«
»Und die lautet?«
»Sie betrifft nicht mich selbst« sagte Marie und schaute dabei mit dem jetzt von einem eigenen Feuer belebten, aber sonst festen und ruhigen Blick in das Augeder Jungfrau – »sondern einen Unglücklichen, der durch eine eigene Verkettung von Umständen gerade in diesem Augenblick so nothwendig der Hülfe fremder Menschen bedarf, denn seine Freunde – waren zu schwach ihm zu helfen.«
»Und wer ist es?« frug Sophie, Mariens Hand ergreifend – »wenn ich nur zu helfen vermag, es soll gewiß mit inniger Freude geschehen – gewiß Ihr Vater?«
»Nein – nicht der – nicht jetzt wenigstens, sondern ein Fremder – jener Unglückliche, der gestern Abend gefangen auf das Schloß – aber um Gott – was ist Ihnen? – Sie werden todtenbleich – Sie – – Siekennenihn?«
»Ich? – ja – Sie haben doch wohl von unserem Begegnen im Walde gehört,« sagte des Pastors Tochter rasch gefasst und sich mit Gewalt sammelnd – »er sollte uns räuberisch angefallen haben, hieß es im Dorfe, und der dazu kommende Jäger verwundete noch außerdem den armen Menschen. – Mir hat es recht von Herzen leid gethan, daß das um meinetwegen geschehen war und – es geht mir jedesmal wie ein Stich durch die Seele, wenn ich an jenen Tag denke. – Doch, wie kann ich ihm helfen – was kann mein Vater für ihn thun –wie – ja – wer ist er eigentlich, und – welchen Antheil nehmenSiean seinem Schicksal?«
Der Fremden forschender Blick hatte fest und unverwandt auf der Sprechenden geruht – erst jetzt senkte sie ihn, und antwortete seufzend:
»Welchen Theil ich an seinem Schicksal nehme? – Er ist unglücklich – unglücklich, weil er denArmenzu nützen suchte, und mit freier und kühner Rede gegen Macht und Reichthum auftrat. Er selbst stammt von achtbaren Eltern – sein Vater ist Generalsuperintendent und ein reicher angesehener Mann; deshalb aber hassen die Großen des Reichs diesen Vorkämpfer der Freiheit so aus Herzensgrund, weil sie ihm nicht den Vorwurf machen können, Mangel und Noth oder ein verfehltes Leben habe ihn zu seiner politischen Meinung getrieben; deshalb sind sie wahrscheinlich so eifrig bemüht, ihn gefangen zu halten, weil sein Beispiel nicht ein zündender Strahl werden soll, der das Verderben bis in die Mitte der Gewaltigen schleudert, und den Thron stürzen könnte, der dem Heile des Volkes den Weg zur Freiheit sperrte. Für das Proletariat wirkte er mit allen Kräften, deren er fähig war, diesem eine menschliche Stellung unter den Menschen einzuräumen, die Aufgabe hatte er sich gestellt. Sollen die Armen da nicht an ihm hängen, die,denen er sein ganzes Leben, seine ganze Existenz geopfert? – Solltensieihn in der Noth verlassen, da er nur um sie in Noth gekommen?«
Sophie lauschte schweigend, mit halb weggewandtem Kopfe, aber mit freudigem Lächeln auf den lieben Zügen den Worten, die ihr so hold und süß klangen, weil sie das Lob des – sie wagte den Gedanken noch nicht auszudenken, aber ein Gefühl war es, das sie ergriff, als ob sie in sonniger Morgenstunde den feierlich erhebenden Tönen der Orgel lausche und die Seele ihr von des Chorals Accorden getragen, höher und höher hinauf zu dem lichten Dom des Allliebenden emporschwebe.
Marie verwandte keinen Blick von ihr, und ein eigenthümlicher Ausdruck von Spannung, Erstaunen und Zweifel lag dabei in den Zügen der Fremden. Endlich brach Sophie wieder das Schweigen und sagte leise:
»Und droht dem Manne Gefahr?«
»Ja,« war die rasche Antwort des Mädchens, deren ganzes Streben sich bei der Frage wieder blitzesschnell auf das eine fest und treu gehaltene Ziel geheftet – »ja – noch in dieser Nacht.«
»In dieser Nacht?« rief Sophie erschreckt, und ihre Wangen färbte ein höheres Roth, als sie sich so scharfund forschend beobachtet sah – »aber wie wäre das möglich – der Oberpostdirector –«
»Ist ein Schurke,« erwiederte eintönig die Fremde – »und Niemand kennt das vielleicht besser als ich – doch wie dem auch sei, er wäre zu Allem fähig, wo es den eigenen Nutzen oder Vortheil gilt, und ich weiß, daß sein Plan dahin geht, den Gefangenen heute Abend um neun Uhr an das nächste Militairpiket wahrscheinlich abzuliefern. Das zu vereiteln ist vielleicht nur ihr Herr Vater im Stande – er ist Geistlicher des Ortes – seine Pflicht als solcher geböte ihm schon, ein Menschenleben zu retten, wenn es in seiner Macht steht – sein Herz wird aber diese Pflicht zu einer doppelten machen, – wenn nicht gar – Mitleid für den Sohn seines Vorgesetzten – er kann dem Gefühl den Namen geben, und kein Mensch wird ihn tadeln dürfen, wenn er seine Stimme auch zu Gunsten eines Mannes erhob, den das Gericht verfehmt hatte und dessen Spuren die Häscher, wie der Jäger dem wilden Thiere, folgten.«
»Und noch in dieser Nacht? – Aber der Gutsherr hat ja versprochen ihn in Freiheit zu setzen, sobald er nicht ein schweres Verbrechen begangen – erst muß er hören, was der Unglückliche gefehlt, – eher darf er nichtrichten; und ihn jetzt, in dieser Zeit ausliefern, wäre so gut wie ein Richterspruch.«
»Der Herr von Gaulitz hat schon Vieles versprochen aber Lüge ist sein Lächeln, und teuflische Hinterlist sein Wort – aus der Bibel citirt er die Sprüche Jesu, aber schwarz ist das Herz, das unter der gleißnerischen Zunge schlägt.«
»Doch vielleicht – vielleicht ist es ja nicht einmal so gefährlich,« sagte Sophie plötzlich, und ein Hoffnungsstrahl durchglühte dabei ihre Seele – »wer weiß denn ob sie ihn, wie die Sachen jetzt stehen, nicht augenblicklich wieder freilassen, so wie er die Residenz betritt, – möglicher Weise ist es viel besser, er wird dorthin abgeliefert.«
»Sie haben recht,« antwortete das Mädchen, und ihr Blick suchte mit ängstlicher Gier den Ausdruck der ihr halb abgewandten Züge zu erforschen – »vielleichtlassen sie ihn frei, und so mag denn der Gutsherr seinen Willen haben – man kann das wenigstens glauben, und – fällt es anders aus – wird er vielleicht gar – doch nein, das wäre ja nur eine Möglichkeit, und die – haben wir nicht voraussehen können.«
Sophie hatte in peinliches Sinnen versenkt dagestanden – die Worte des Mädchens schnitten ihr wieMesser in die Seele, und immer klarer wurde sie sich bewußt, daß auf Hülfe, wenn einmal in den Händen des wirklichen Gerichts, nicht mehr zu hoffen sei, und eine Rettung des Unglücklichen von hier jedenfalls ausgehen müsse. Aber wie – der Kopf schwindelte ihr von all' dem Sinnen und Denken – überall unübersteigliche Schwierigkeiten, überall gehemmt und beschränkt, und die Zeit mit jeder Secunde dem entscheidenden Momente rasch, furchtbar rasch entgegenstrebend.
»Nein – nein« sagte sie endlich, mit halblauter Stimme – sie schien in diesem Augenblick die Gegenwart der Fremden ganz vergessen zu haben – »es darf nicht sein – darf nicht geschehn? – aber wie es verhüten? – mein Vater muß da helfen. Ja, Marie – Sie haben recht« fuhr sie da plötzlich laut, und sich der Gegenwart der Fremden erinnernd fort. »Mein Vater ist gut – er wird nicht zugeben, daß ein armer Verfolgter ungerecht leiden soll – selbst wenn er nicht der Sohn eines ihm befreundeten Mannes wäre, – ich will mit ihm sprechen – verlaß Dich auf mich, was in meinen – was in seinen Kräften steht, wird er thun und meine Schuld soll es sein, wenn ich die Sache nicht mit Bitten unterstütze – sind Sie nun zufrieden gestellt, Marie?«
Sophie hatte ihre ganze Fassung wiedererlangt, und streckte mit milder Freundlichkeit dem erfreuten Schützling die Hand entgegen, Marie begegnete ihrem Blick, schaute ihr lange lange in das blaue seelenvolle Auge, ergriff dann die gebotene Rechte, preßte einen heißen innigen Kuß darauf und verließ plötzlich und ohne eine Sylbe noch zu erwiedern, Zimmer und Haus.
Sophie war allerdings über dieses schnelle Abschiednehmen etwas erstaunt, andere Gedanken drängten ihr aber in das zum Zerspringen volle Herz, und ohne weiteres Zögern suchte sie vor allen Dingen ihren Vater auf, von dem sie ja wußte, daß er die Befreiung des Sohnes des Generalsuperintendenten selbst wünsche und setzte diesen von dem eben Gehörten in Kenntniß.
Hierin hatte sie sich auch nicht getäuscht; ihr Vater schien durch die Botschaft, an deren wirkliche Genauigkeit er nur noch immer nicht glauben wollte, sehr beunruhigt, verlangte dann, allein gelassen zu werden, schritt lange in seinem Studierzimmer auf und ab, und ging endlich, mit der Bemerkung, man möge nicht auf ihn mit dem Essen warten, wenn er etwa zur rechten Zeit nicht zurück sein sollte, auf das Gut hinunter.
Aber schon lange vor Essenszeit kehrte er, und zwar in anscheinend höchst übler Laune, heim – allen FragenSophiens wich er dabei aus; versicherte erst, den Gutsherrn gar nicht getroffen zu haben, sagte dann, er sei ihm unterwegs begegnet und nicht im Stande gewesen, ausführlich mit ihm zu sprechen, weshalb er auch gegen Abend noch einmal hinuntergehen wolle, und schloß sich dann gleich nach Tische in sein Zimmer ein, das er auch nicht eher wieder verließ, als bis die Sonne schon hinter den goldglühenden Schwarzholzsaum versunken war und die Abendglocke ihre letzten zitternden Klänge als Gruß dem scheidenden Tagesgestirn nachgesendet hatte.
Ehe wir aber dem Pastor Scheidler auf seinem Abendgange weiter folgen, müssen wir uns noch einmal, um die Nachmittagszeit des nämlichen Tages auf das Hornecker Feld und zwar auf den östlich vom Dorfe liegenden Landstrich begeben, den dort, wie wir schon gesehen haben, einige ziemlich tief in den Hügelhang eingeschnittene Schluchten durchzogen, während hinter diesen wieder die Gegend flacher und der Boden niedriger, aber auch fruchtbarer wurde, und einzelne breite Rapsflächen theils mit frisch umgehackten Sturzen, theils mit noch unberührt daliegenden Weizenstoppeln abwechselten.
An der Ostseite der letzten schmalen Schlucht, dicht unter den Büschen, die hier schon ziemlich hoch den Rain überragten und die Gesichter der Niederung zugewandt, deren breite Fläche vom Fuße der flachen Hügel auslief,saßen drei in die gewöhnliche Bauerntracht gekleidete Bursche, und schienen eben ihr Frühstück oder Mittagsessen beendet zu haben, denn der Eine, der Müllerbursche aus der Rauschenmühle, wickelte ein übrig gebliebenes Stück Brod und Käse in das blaubaumwollene Tuch ein, das zwischen ihnen auf der Erde ausgebreitet gewesen, steckte es in die Tasche und griff nach einer neben ihm liegenden einläufigen alten rostigen Muskete mit Feuerschloß, deren Pfanne er sorgfältig prüfte, frisches Pulver aufschüttete, das Gewehr dann auf seine Knie legte und mit selbstzufriedenem Lächeln sagte:
»So, nun kann's wieder losgehen – ich hab' nichts dawider – wenn wir nur noch einen kriegten, daß Jeder seinen Hasen mit zu Hause nehmen könnte. – Hol's der Henker, 's ist doch beinahe zu viel Arbeit um so einen Bissen Fleisch; seit Tagesanbruch liegen wir nun draußen, und erst zwei lumpige Stück; denn von den vieren, die ich angeflickt habe, werden wir wohl nichts weiter zu sehen kriegen – der zweite ärgert mich, das war ein ausgezeichneter Schuß.«
»He he he,« lachte der eine Bauerbursche, »der schlengerte das eene Hingerbeen nich schlecht hin un widder. Aber wie kunnte die Krete noch auskratzen – das sach emal kurjos aus, wie Krautsch hinger em herden Rain nungersterzte. Aber – weiter derfen mer wohl nich an's Dorf nan, denn sunst kennten se uns knallen hiaren.«
»Dunnerwatter!« fiel ihm hier Krautsch, ein anderer Bursche aus demselben Dorfe in's Wort – »un was wärsch, wenn se's hiarten? – Laß Fritze Holken nur raus kommen, dem wullten mer heeme leichten, der sille an uns denken – das Aas das. – Härrje, was ich vor ne Bosheet uf den Grienrock hawe; wenn mer nur erscht de Volksbewaffnung kreihn, wie's uns der Docter versprochen hat – aber hernagens!«
»Habt Ihr denn die beiden Hasen gut versteckt?« frug jetzt der Müllerbursche, der die einzige Flinte trug, seine Begleiter, und stand, die Flur rings überschauend, von seinem Lagerplatze auf – »vor Dunkelwerden können wir mit dem Wild doch nicht gut in's Dorf hinein.«
»Die stäcken dort in den Bischern, wo das hohe Gras schteiht – die sin so gut verschteckt, die fingen mer selwer kaum widder. Aber wo wollen mer denn nu jagen? noch emal durch'n Raps? – do sitzt noch eener drinn.«
»Nein, ich dächte, wir trieben eimal die kleine Schlucht hier selber ab,« sagte der Müllerbursche Gottfried Wensche oder »Friede«, wie ihn die anderen Beiden kurzweg nannten,»in dem dichten Grase und unter den Brombeeren liegen sie unmenschlich gerne, und wenn ich mich oben an die Spitze stelle und Ihr blos durchgeht und klappert, so fährt gewiß noch so ein Braunpelz heraus, und dem will ich's besser auf die Ohren brennen, als dem letzten.«
»Gut, dann wull'n mer hier nunger giahn,« sagte Krautsch, drückte sich den alten Hut in die Stirn und hob seinen Treiberstock auf – »hernagens klappern mer von ungen heruff.«
Die beiden Bauerburschen schlenderten, während Müllers Friede oben an der Schluchtspitze seinen Platz nahm, von wo er rechts und links am Buschrand hin schießen konnte, draußen auf dem Sturze an der Ostseite der Schlucht hinunter.
An der Westseite hin glitten aber zu gleicher Zeit die Gestalten des alten und jungen Holke, die Flinten auf dem Rücken, den Hund an der Leine, und als sie eine Stelle erreicht, wo ein kleiner Graben, eine Art Wasserfurche, von den Feldern aus in die Schlucht hineinführte, folgten sie dieser und sahen sich bald von dichten Büschen und steilen Seitenwänden der »Delle« vollkommen gedeckt.
»Wär's nicht besser, Vater, wir warteten, bis siewieder schössen,« flüsterte der Fritz, und zog den Hund an sich, der rechts in die Büsche hineinwindete, »wenn wir wenigstens gerade aus bis an den Rand gehen, können wir die ganzen Felder übersehen.«
»So viel sich von oben aus erkennen ließ,« erwiederte ihm der Vater mit eben so unterdrückter Stimme, »haben sie hier im Busche Halt gemacht, und der Henker weiß jetzt, ob sie noch drin stecken oder hinaus in's Freie gegangen sind; fast glaub' ich aber, wir haben sie noch hier unten, denn Hektor will absolut da hinein und der thut Nichts umsonst.«
»Horch,« sagte Fritz leise und faßte des Vaters Arm – »klang das nicht, als ob ein Treiber mit seinem Stocke an einen Busch geschlagen hätte?«
Die Beiden horchten einen Augenblick in gespannter Erwartung – gleich darauf wiederholte sich das Geräusch und dem scharfen geübten Ohr der Jäger mußten die wohlbekannten Laute bald entdecken, was die »Wilddiebe« eigentlich beabsichtigten.
»Bei Gott, wir sind mitten im Treiben drin,« schmunzelte der Alte mit einem Blicke wilder Zufriedenheit – »hoho, meine Burschen, Ihr kommt mir heute gerade recht – Fritz, das ist ein kapitaler Spaß – in so einer Lage hab' ich mich auch noch nicht befunden– ein paar alte Füchse im Kessel – ob wir durchbrennen?«
»Vorgehen werden wir auf keinen Fall dürfen,« sagte Fritz – »wer weiß, was für Aasjäger sich vorgestellt hat, und wenn der die Büsche sich regen sieht, haut er am Ende hin.«
»Die dreie haben nur eine Flinte,« meinte hierauf der Alte – »der Schmied hat's ganz genau gesehen, er konnte nur nicht recht genau erkennen, wer es war, oder wollt's auch vielleicht nicht gern sagen. Jedenfalls liegt der mit der Flinte, da sie von unten auf trieben, oben in der Spitze, wo er beide Seiten bestreichen kann und bis dahin, wo die Haselbüsche aufhören, können wir also recht gut vor; dort ist ja wieder so ein Graben ausgestochen und über den Erdaufwurf hin kann er uns nicht bemerken – ich kenne den Platz genau, denn ich habe mich erst vor vierzehn Tagen etwa gerade da hindurch an den Fuchs angeschlichen, der draußen stand – Hektor ruhig – Strick Du, kannst Du nicht Frieden halten, wenn's auf Hochwild geht?«
»Aber schießen werden wir doch nicht, Vater?« sagte der Sohn, »ich möchte nur ungern, und dann auch nur in Selbstvertheidigung, Menschenblut vergießen.«
»Es wird wohl ohne das abgehen,« brummte der alte Waidmann, »wenn sich Einem auch das Herz dabei umdreht, wie die Canaillenbrut wieder heute Morgen auf dem Revier herumgeknallt hat; der Herr Schütze soll nur eine einfache Muskete führen, und vielleicht können wir ihn gerade anspringen, wenn er die einmal abgeschossen hat – Zündpatronen wird er wohl nicht laden, und ehe er seinen alten Schießprügel wieder vollstopft, behalten wir Zeit genug, ihm das weitere Jagdplaisir abzuschneiden – hol mich der Böse, die klappern das Holz ganz regelrecht durch, das sind alte Hallunken.«
Das Treiben kam in der That immer näher und Holke winkte seinem Sohne jetzt mit der Hand, ihm so leise als möglich zu folgen; gebückt schlichen sie dabei in dem Bett des kleinen, nur wenige Zoll tiefen und mitten durch die Schlucht rieselnden Baches hin, bis sie sich bis beinahe an den Graben, der hier von beiden Seiten der Mitte zu lief, hingepürscht hatten. Die Treiber konnten kaum hundert Schritte hinter ihnen sein. Hier mußten sie über einen schmalen gelben Rasenfleck, den jedoch dichte und undurchsichtige Büsche rings umschlossen, und als sie eben die Zweige vorsichtig auseinander bogen, um hindurch zu schlüpfen, fuhr ausdem warmen buschigen Grase ein Hase, sprang über den niederen Erddamm und floh gerade die Spitze hinaus und der Stelle zu, wo sich Müllers Friede so vortheilhaft aufgestellt hatte.
»Der kam apropos,« lachte mit vorsichtig gedämpfter Stimme der Alte, »jetzt paß einmal auf, ob sie nicht drauf pulvern.«
Noch während er sprach, krachte der laut donnernde Schuß der alten Muskete durch die Büsche, und das laute Klagen des Hasen verrieth gleich darauf, daß die arme Creatur waidwund oder in die Hinterläufe geschossen sei.
»Jetzt spring hinauf, Fritz,« rief da der Vater schnell – »mach rasch, mein Junge, und nimm dem Schufte die Flinte ab, ich will hier hinaus, daß ich die anderen Canaillen abfange, oder doch wenigstens zu sehen kriege, wenn sie etwa durchbrennen sollten. – Allo faß, Hektor?«
Der Alte brach, die Büsche links und rechts zurückwerfend, durch das Dickicht der Stelle zu, wo er das freie Feld am schnellsten erreichen konnte, um dadurch denflüchtigenWilddieben den Weg abzuschneiden; Fritz aber glitt rasch und behende der Stelle zu, wo er den Schuß gehört hatte; Hektor verrieth indeß eher,als er es im Anfang gewollt, seine Nähe. Kaum hörte der Hund, der sonst folgsam und klug genug war, die klagenden Töne des angeschossenen Hasen, als er blitzeschnell seitab durch die Sträucher brach und jetzt plötzlich dicht vor dem entsetzten Müllerfrieden, der eben emsig bemüht war, den im Kreise herumschnellenden zu erfassen, aus dem Strauch fuhr, Lampen im Genick packte, todtbiß und dann stolz und freudig aushob, ihn seinem Herrn zu aportiren. »Alle Teufel!« rief der Müller überrascht, und fuhr mit der ungeladenen Flinte im Anschlag – denn das laute Rascheln der Büsche verrieth ihm jetzt den unwillkommen Zeugen seines Jagdfrevels – in die Höhe; »zurück da oder ich schieße – zurück sag ich!«
Fritz war aber nicht der Mann, der sich von so lächerlicher Drohung hätte zurückhalten lassen.
»Haha,« rief er – »hast wohl zwei Patronen eingeladen und erst eine ausgeschossen – na drück ab, aber dann her mit der Flinte« und ohne weiter einen Augenblick zu zögern sprang er gegen den entdeckten Wilddieb an. – Dieser, der wohl einsah, daß er dem Jäger nicht mehr mit der Schußwaffe drohen könne, faßte seine Muskete rasch am Lauf und hob den Kolben, den Angreifer damit zu Boden zu schlagen, dieser aber, gewandterals er selber, unterlief ihn, ehe er den Streich führen konnte, ließ dicht vor ihm sein eigenes Gewehr in das Gras niederfallen und traf den Müller zu gleicher Zeit mit der festgeballten Faust so kräftig in den Magen, daß der große starke Mann zusammenbrach als ob ihn ein Blitzstrahl getroffen hätte und die Muskete machtlos seiner Hand entsank.
Dieser Sieg hätte aber für den Jäger beinah von sehr bedenklichen Folgen sein können, denn die beiden Bauerburschen stoben keineswegs, wie der alte Holke vermuthete, rechts und links in das Feld hinaus, sobald sie fanden, daß sie entdeckt wären, sondern Krautsch besonders rannte in wilder Wuth dorthin, wo er seinen Kameraden zurückgelassen, und mit diesem jetzt den ihm verhaßten Jägerburschen anscheinend ringen sah. So dicht kam er dabei heran, daß er in demselben Augenblick den Kampfplatz erreichte, wo Fritz sein geladenes Doppelrohr hingeworfen hatte und sprang nun mit wildem Jubelruf, während der Jäger seinen Genossen zu Boden schlug, darauf zu.
Fritz wandte rasch den Kopf und sah kaum die eigene Waffe schon fast in des Gegners Gewalt, als er auch, jetzt wohl wissend, daß es das Aeußerste gelte, die Muskete aufgriff, vorsprang und mit dem schweren Kolbenden schützend vorgestreckten Arm des Wilddiebes so kräftig traf, daß er gelähmt an seine Seite sank. Nichts destoweniger wäre der Sieg dennoch zweifelhaft gewesen, denn der dritte, sonst keineswegs feige Bauerbursche flog in diesem Augenblick heran – noch im Zuspringen hörte er aber einen Anruf an seiner Seite, wandte den Kopf und sah hier plötzlich zu seinem Entsetzen auch noch den alten Jäger mit auf ihn selber gerichteter Flinte dastehn.
Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke an den Flüchtling auf den derselbe Jäger ja erst vor wenigen Tagen ebenfalls geschossen, und ehe er noch wirklich im Stande war einen eigenen Entschluß zu fassen, trieb ihn das Gefühl der Selbsterhaltung zauberhaft rasch aus dem Bereich der dunkeldrohenden Rohre. Wie er in die Schlucht kam, wußte er eigentlich selbst nicht, nur dessen erinnerte er sich später, daß er fortwährend durch die dicksten Büsche gesetzt und sporenstreichs und athemlos, ohne auch nur ein einziges Mal umzuschauen, ob die Verfolger wirklich hinter ihm wären, zu Hause gerannt sei.
Mit dem jetzt allein stehenden Krautsch, dem noch dazu, für den Augenblick wenigstens, der rechte Arm vollkommen gelähmt war, wurde Fritz indessen baldund noch ehe sein Vater ihm weiter zu Hülfe kam, fertig. Er hatte seine Flinte wiedergewonnen, und stand jetzt dem mit fest zusammengebissenen Zähnen wüthend zu ihm aufblickenden Bauer, wie dem sich gerade von dem gewaltigen Faustschlag erhebenden Müllerburschen fest und trotzig entgegen.
»So, Ihr Lumpenpack« fuhr die Beiden aber jetzt der alte Förster an, der nun auch herbei kam, dem noch immer ruhig aportirenden Hektor den Hasen abnahm und diesen neben die alte Muskete in's Gras warf – »so – also Ihr seid's, die Ihr hier draußen auf fremden Revieren und nicht einmal auf Euren eigenen Feldern, herumknallt und Gottes Creaturen, die jetzt hochtragend gehn und nicht einmal genießbar sind, die Glieder verschießt. Nicht arme Tagelöhner seid Ihr, die es vielleicht aus Armuth und Hunger thun könnten, sondern reiches Lumpenpack, das zu faul zur Arbeit ist, und am lieben Wochentage stiehlt und raubt. – Pfui über solche Bande – ich wollte mich doch in Euere Seele hinein schämen.«
»Wartet iär grienreckigen Holzlaifer iär!« knirschte aber der seiner Wuth kaum mächtige Bauer durch die fest zusammengebissenen Zähne sie an – »wartet nuar – eire Zeit kummt ooch noch, un dann soll mer derDeibel das Licht halten, wenn ich nich meine Rechnung so gut im Kopp behalte, wie der Wirth in der Schenke dringe – gebt dem Müller sain Gewähr widder ruas.«
»Hier liegt der Hase, den er geschossen und das Gewehr ist mein,« sagte der alte Holke ruhig, ohne sich um des Burschen ohnmächtigen Zorn weiter zu kümmern. »Ihr aber könnt Euch drauf gefaßt machen, daß die Sache damit noch nicht abgethan ist; heutigen Tages noch werdet Ihr angezeigt und daß der Herr von Gaulitz kein Federlesens mit Euch machen wird, darauf dürft Ihr Euch verlassen. Hier Hektor – was hat der Hund?«
»Er steht« – sagte Fritz und ging mit gehobener Flinte der Stelle zu.
Hektor stand gerade da, wo die Haselbüsche anfingen, vor einem kleinen niederen aber dichten Gewirr von Gras, Dornen und Sträuchern fest und regungslos, den Kopf versteckt, den rechten Vorderlauf emporgehoben, die Augen unverwandt auf den dunkeln Busch gerichtet, und allem Anschein nach mit größter Spannung die Luft einschnopernd, die von dort herüberwehte und jedenfalls von höchstem Interesse für ihn sein mußte. Nur als sich sein junger Herr ihm näherte, beurkundeteer seine Freude durch ein leises, aber auch nur ganz leises Schwanzwedeln.
Müllers Friede hatte sich noch immer nicht ganz von dem erhaltenen Schlage erholt, und auch Krautsches Arm schmerzte diesen sehr, dennoch machten die Beiden, als sie sahen, wie der Hund vor dem Strauche blieb und Fritz ihm nach ging, einen Schritt gegen den Ort zu, wo die Muskete lag. Aber auch nur einen Schritt, denn des alten Holke Flinte fuhr rasch genug herauf, und er rief ihnen mit seiner derben herausfordernden Stimme trotzig zu:
»Zurück, Ihr Schufte, oder ich will verdammt sein, wenn ich Euch die Beine nicht mit dem klaren Schrot so voll spicke, daß Ihr das Laufen auf vier Wochen wenigstens an den Nagel hängen könnt; fort mit Euch, denn es juckt mich schon im Zeigefinger, und ich dächte, Ihr wüßtet, daß ich nicht gerade viel Spaß verstehe.«
»Allo faß!« rief Fritz indessen, der sich mit einem rasch nach rückwärts geworfenen Blick bald überzeugte, wie sein Vater die beiden Burschen leicht allein im Respect erhalten konnte – »en avant, Hektor!en avant, mein Hund.«
Hektor hatte anfänglich, wie sich gar nicht verkennen ließ, keineswegs die Absicht gehabt, so ohne Weitereseinzuspringen, da er den Jäger aber jetzt dicht bei sich sah, und die fortwährend aufmunternden Worte hörte, that er ein Uebriges – wedelte erst einmal aus Leibeskräften mit dem braun und weißen Stumpfschwanz, als ob er gerne gesagt hätte, »na, wenn's nicht anders ist,« und sprang dann plötzlich zu. – Aber weder Schnepfe noch Huhn fuhr heraus – kein Hase sprang aus der schützenden Decke hervor, Hektor jedoch hatte sich keineswegs geirrt, sondern das, auf was er mit so unverrückbarer Aufmerksamkeit gezeigt, mit den scharfen Zähnen erfaßt, und einen armen schwer mißhandelten, und über und über mit Schweiß bedeckten Lampe, dem alle vier Läufe zerschossen und der Kopf breit geschlagen war, zog er bald darauf aus Dornen und Gras hervor.
Als ihn Fritz an den Löffeln empor hob, brachte Hektor einen zweiten kaum besser bedachten hervor, und des alten Holke Ingrimm machte sich in schweren gewichtigen Flüchen und Drohungen Luft; die Bauern aber, die sich auf die Art auch das gehoffte und schon, wie sie meinten, in Sicherheit gebrachte Wildpret entzogen sahen, schimpften und wetterten nicht minder, und es wäre vielleicht schon hier zu neuen Thätlichkeiten gekommen, hätte der dritte Mann sie nicht so feige allein und im Stich gelassen, so aber war doch die Uebermachtund noch außerdem das gute Recht auf der Jäger Seite zu stark gegen sie, und ein Angriff mußte deshalb sicherlich nur höchst unglücklich für sie enden.
Die Jäger schienen auch etwas derartiges gar nicht zu fürchten, Fritz steckte zwei, sein Vater einen Hasen in die Tasche, der erste schulterte dabei noch die alte Muskete, und raschen Schrittes wanderten sie dem Dorfe zu, um die Anzeige der ertappten Wilddiebe zu machen, und endlich einmal ein paar von den Schuften zur Strafe zu bringen, die des alten Holke Ingrimm, besonders in der letzten Zeit schon so oft rege gemacht, und ihm die Galle aufgerüttelt hatten.
Die Bauern blieben noch eine lange Weile in der Schluchtspitze zurück, und sprachen dabei fleißig, um ihren Aerger zu ertränken, der grünen Flasche zu, die der Müller neben dem Pulverhorn in seiner Rocktasche trug; viele Pläne wurden geschmiedet, Rache zu üben für die erlittene schmähliche Behandlung – Pläne, wie sie nur das schwärzeste Herz gebären und ersinnen konnte. Als die Flasche dann geleert war, gingen sie auf dem schmalen Fußpfad hin, der nicht weit von der Schlucht vorbei nach der Rauschenmühle herniederführte, bis zu dieser hinab, um dort ihr begonnenes Gelage fortzusetzen, und der Beschluß sollte dann noch Abends spät,als die Nacht schon hereingebrochen war, und andere ordentliche Menschen ihre Heimath aufsuchten, in der Hornecker Schenke gemacht werden, wo heute die Bauern wieder zum Lesekränzchen zusammenkamen und sie die schändliche Ungerechtigkeit zu schildern gedachten, die ihnen von den »grünröckigen großen Herrn Dienern« angethan worden.
Das Gefängniß von Horneck war ein niedriges kleines aber sehr festes Gebäude, das dicht an eine Reihe von Ställen und darauf befindlichen Getreide- und Heuböden stieß, auch dieselbe Gestalt wie diese hatte, und sich im Aeußeren durch nichts als die starken Eisengitter an den kleinen hohen Stallfenstern von ihnen unterschied.
Nur zwei Stuben oder Kammern, wie man es nun nennen wollte, befanden sich übrigens in diesen zur Aufbewahrung von Verbrechern bestimmten Mauern, und wurden durch einen schmalen Gang, der zu der hinteren Bodentreppe führte, geschieden; die eine von diesen bewohnte der »Voigt« vom Gut, der auch zugleich bei solchen Gelegenheiten die Schließerstelle versehen mußte, und die andere wurde für gelegentlich Eingebrachte offen gehalten, oder sollte doch wenigstens offen gehalten werden. Da es übrigens nur äußerst selten vorkam,daß in Horneck irgend ein wirklicher Verbrecher eingesperrt wurde, so benutzte der Voigt die Gefangenstube auch gewöhnlich zum Aufbewahren der aus der Mühle zurückkommenden Kleie, und selbst jetzt lag ein mächtiger Haufen von dieser, der in der Eile nicht hatte hinausgeschafft werden können, in der einen Ecke zusammengeschaufelt und angekehrt, und in der anderen befand sich ein kleiner Tisch und Stuhl; auf dem ersteren stand ein Wasserkrug und eine Schüssel mit eingebrockter Kürbissuppe, wie sie das Gesinde bekam, und ein Stück trockenes schwarzes Brod, aber kein Messer, sondern nur in der Schüssel ein hölzerner Löffel. In der einen Ecke lag noch eine zusammengeklappte Matratze mit wollener Decke.
In dem kleinen Raume schritt der Gefangene mit untergeschlagenen Armen hastig auf und ab, blieb manchmal an dem Fenster stehen, neben das er seinen Stuhl gerückt hatte, um nur hinausschauen zu können, lauschte auf das von draußen zu ihm hereintönende Geräusch, und setzte dann finster und brütend seine einförmige Wanderung fort.
»Das also ist Dein Dank, Du blinde Menge, zu deren Heil ich meine ganze Existenz in die Wagschale warf, das der Lohn für alle Aufopferung von meinerSeite, für die reine uneigennützige Treue, mit der ich mich Deinem Dienste weihte. Aber nicht zurechnungsfähig bist Du, armes verblendetes, irre geleitetes Volk – Jahrhunderte lang in Schmach und Knechtschaft gehalten, weht Dich der neue Freiheitstraum so plötzlich, so unerwartet an, daß Du Dein Glück noch gar nicht zu fassen vermagst, daß Du nicht begreifen kannst, welche Gewalt Dir plötzlich in die Hand gelegt, und wie es in Deiner Macht jetzt stehe, die, die Dich bis dahin gedrückt und in Schande und Schmach zu Boden gehalten, mit einem kräftigen Schlage zu vernichten. Erwache, mein deutsches Volk, erwache! – Der Morgen der Freiheit hat wirklich getagt; im schönen Frankenlande krähte der gallische Hahn seinen weit durch diedeutschenGauen schallenden Gruß, und im Norden, Süden und Westen greifen die Völker schon zu den Waffen, und die erstehende Sonne sieht ihr flammendes Bild tausend und tausendfältig von blitzenden Sensen und Schwertern zurückgeworfen.«
»Nicht reif seist Du, mein herrliches Volk, die schwerste Pflicht, die Pflicht der Selbstbeherrschung auszuüben, rufen Deine Feinde, die Männer mit Orden und Bändern, die Schranzen und Knechte sclavischer Disciplin – wie das Feuer seist Du, winseln sie inheuchlerischem Mitleid, dessen Kraft gezähmt und in Schranken gehalten werden müsse, um nicht unendliches Elend über unser schönes Vaterland zu bringen. Auf, auf, meine deutsche lodernde Flammensäule, zum Himmel empor sende Deinen rothen Feuergruß, und durch die Schaaren derer, die Deinem freien göttlichen Lichte hemmend entgegentreten, durch die Schatten der alten giftigen Nacht, deren Schleier der Bundestag so fest und furchtbar in seinen Krallen hielt, öffne Dir die freie herrliche Bahn. – Kein Brand wirst Du sein, der sengend Städte und Dörfer in Asche legt und die Wohnung des friedlichen Landmannes dem Boden gleich macht, sondern wie die segensreiche Gluth sollst Du über die Felder und Fluren ziehen, die auf den dürren Steppen das trockene holzige Gras im raschen Flug verzehrt, und den frischen grünenden Graskeimen Raum giebt zum fröhlichen Wachsthum und Gedeihen.«
»Glück auf, mein Volk! Wenn auch der Einzelne darüber untergeht, tausend Andere werden erstehen, und Dich mit weitausdröhnendem Jubelruf den Reihen Deiner Feinde entgegenführen. Nur zusammen haltet dann, wie der Schranzen Schwarm bis jetzt zusammenhielt. – Die Linke fasse in des Nachbars Gürtel, die Rechte schwinge hoch das breite Schwert, und GottesUngewittern gleich werft Euch vernichtend und verderbend den Massen des schon moralisch erdrückten Gegners in die Fronte.«
»Und Du, Sonne, die Du da drüben so bleich und trübe, von dämmernden Nebeln umdrängt, zur Ruhe gehst, steige rothglühend im Osten über einfreiesVolk wieder herauf – und wenn Du dann auch mein Grab beschienest, ich wollte nicht klagen, dürfte mein Herz dann nur mit seinem letzten Blute den Boden eines freieneinigenDeutschlands düngen!«
Er war bei diesen Worten wieder auf den Stuhl getreten, hatte den einen Arm, um sich oben zu halten, durch das Fenstergitter gezogen, und lehnte, nach der scheidenden Sonnenscheibe hinüber schauend, die heiße fieberische Stirn an die kalten starren Eisenstäbe seines Kerkers.
So stand er lange und träumend, – das Abendgeläute war schon lange mit dem frischen Hauch der von den Bergen wehte, in weiter Ferne verklungen; düstere Dämmerung lagerte sich auf der Erde, die Sterne blitzten matt und trübe durch eine dünne Nebeldecke nieder, die sich über das ganze Firmament gezogen; drüben aus dem Dorfe herüber funkelten die Lichter der stillen friedlichen Wohnungen, das Feuer der Schmiede sah erdeutlich durch die Obstbäume, die zwischen dieser und dem Schloß die steile Aufdachung des Hügels deckten, niederscheinen, sah die Funken sprühen, und hörte die regelmäßigen Schläge der schweren Hämmer. Der heimkehrende Knecht, der nach Frauen Art seitwärts auf dem müden geduldigen Ackergaul kauernd vorüber zog, sang sich mit leiser Stimme ein kleines Lied – ein Gruß an den Schatz, den er »bei sich zu Hause« gelassen, und aus der Rauschenmühle kehrte der mit den gewichtigen Mehlsäcken beladene Rüstwagen zurück und hielt nicht weit von der Thüre des Gefangenen an, so daß dieser, in einer Art Halbtraum, in dem sein Ohr die äußeren Eindrücke nur dumpf und unbestimmt vernahm, hören konnte, wie die einzelnen Säcke langsam und in regelmäßigen Zwischenräumen die steile Treppe, welche zu den Getreideböden und Vorrathskammern führte, hinauf getragen wurden. Dann spannte der Knecht die Pferde aus, die allein zu ihrem Stall hinüber trabten, der Wagen wurde unter den Schuppen zurück geschoben – das Gesinde ging zum Essen in die Gesindestube, und lautlose Stille lag auf dem weiten Gebäu des Gutes.
Wahlert wußte selber nicht, wie lange er so und in dieser Stellung mit seinem Arm an dem Gitter verweilt, den Blick auf die bleich funkelnden Sterne gerichtet,als leise und vorsichtig der Schlüssel in das Schloß seiner Thüre geschoben und eben so geräuschlos aufgeschlossen wurde. Erstaunt wandte er den Kopf, denn sein Wärter war sonst stets rasch und rücksichtslos zu ihm herangetreten, und eine eigene frohe Ahnung durchschauerte ihn – vielleicht nahte ein Rettungsbote und die wieder aufsteigende Sonne sah auch ihn frei und fröhlich wie die aufwirbelnde Lerche über die dampfenden, vom Nebel umschleierten Berge ziehen. –
Eine dunkle Gestalt glitt in's Zimmer und blieb wie schüchtern an der Thüre stehen, die sich wieder hinter ihr schloß.
»Wer ist da – seid Ihr es, Voigt?« frug Wahlert, und trat von dem Stuhle herunter in die Stube.
»Herr Wahlert,« lautete die ängstlich zitternde Antwort – »ich komme, Sie zu retten!«
»Heiliger Gott, diese Stimme!« rief der Gefangene und preßte sich, kaum seinen Ohren trauend, die ihm den Klang der süßen Laute verriethen, die heiße brennende Stirn – »Sophie –«
»Um Gottes Willen, sprechen Sie leise,« flüsterte das arme, an allen Gliedern bebende Mädchen – »und nur wenige Secunden sind mir vergönnt, deshalb bleibt mir auch keine Zeit, mein Hiersein zu entschuldigen.Nur Mitleid für Sie trieb mich her. Heute Abend um neun Uhr sollen Sie von hier fortgeschafft und den Militairgerichten überliefert werden – was Sie verbrochen haben, weiß ich nicht – will es nicht wissen – nur die eine Frage beantworten Sie mir – wahr und redlich, als ob Sie vor Gottes Throne ständen, aber auch ohne Bedenken und ohne Rücksicht auf mich und die Ursache, die mich vielleicht bestimmte, dieselbe an Sie zu richten. Ist Ihr Leben bedroht, wenn man Sie der Militairgewalt überliefert?«
»Jedes Geheimniß falle, das zwischen mir und Ihnen stehen könnte,« rief da Wahlert, und ergriff die bittend gegen ihn ausgestreckte, sich seinem Drucke nicht entziehende Hand – »kennen Sie mein Vergehen, so sind Sie auch selber im Stande, zu verstehen, was mich bedroht. – Man hat eine Correspondenz aufgefangen, die ich mit Frankreich unterhalten, von dort her unsere deutschen Brüder zu Hülfe zu rufen und die fröhliche rothe Fahne der Republik auf Deutschlands Berge zu pflanzen. In diesem Augenblicke haben die Freunde vielleicht schon einen Einfall in Baden gewagt, oder stehen wenigstens in Waffen an der Grenze, ich aber, der jetzt hier wirken und schaffen sollte, daß auch wir, die wir unter dem Drucke der Tyrannei geschmachtet, denen die treue Bruderhandreichen, die Heerd und Arbeit verlassen haben, uns zu Hülfe zu eilen, ich bin hier von Kerkermauern umschlossen und kann, darf nicht hinaus in's Freie.«
»Und glauben Sie, daß nach diesem Vergehen Gefahr – vielleicht Ihr Leben bedroht?«
»Mein Leben? – ich fürchte kaum – allerdings sind die Beweise gegen mich klar genug und dem alten Regime wäre das Aeußerste zuzutrauen, wo es ja auch vielleicht die eigene Erhaltung gilt –«
»Dann fliehen Sie – fliehen Sie, so rasch Sie können, und verlassen Sie Deutschland so lange noch der Frieden nicht wieder hergestellt ist, und die Gemüther sich beruhigt haben – ich wußte den Schließer zu gewinnen – er dankt mir Alles, was er auf dieser Welt besitzt, und will selbst seine Stelle daran setzen, mir zu dienen – fort – fliehen Sie so lange Ihnen noch Zeit dazu vergönnt ist, hält erst der Morgen vor der Thür, wo Ihnen jedenfalls Bedeckung mitgegeben wird, dann ist es zu spät und Sie sind verloren.«
»Und soll ich, ein flüchtiger, mit Steckbriefen verfolgter Verbrecher diesen Ort verlassen? Soll ich das einzige Land meiden, wo ich bis jetzt gekannt bin, wo ich wirken und das gute Werk fördern kann? – Soll ich meinen Feinden die Freude machen, daß sie mich wieeinen entsprungenen Sträfling für vogelfrei erklären und auf mich fahnden lassen dürfen. Lebte noch Recht und Gerechtigkeit, so müßte das Volk mit eisernem Arm meinen Kerker brechen, und auf seinen Schultern den in's Freie tragen, der mit Herz und Kopf sich ihm allein geweiht, so aber schlafen sie selbst noch in der Residenz, das Ministerium, dem Millionen fluchen, steht fest und unerschüttert, und seine Macht ist noch wie vorher unge–«
Er schwieg plötzlich, denn ein kleines Paket fiel schwer aber weich durch die Gitterstäbe des offenen Fensters auf die Kleien in's Zimmer.
Wahlert wie Sophie standen mehrere Secunden still und regungslos, und deutlich konnten sie dabei hören, wie sich draußen Jemand leise aber rasch entfernte.
»Was war das?« flüsterte der Gefangene endlich und hob das Päckchen vom Boden auf – »kommt das von Freundeshand?«
Rasch löste er den Faden, der es umschlossen hielt – es enthielt zwei starke Feilen, einen Geldbeutel, einen kleinen Brief, ein dünnes Wachsstöckchen und eine schmale Schachtel Zündhölzchen. Leise nannte er die Artikel, als er sie einzeln betastete und in seine Tascheschob – nur den Brief und das Feuerzeug behielt er noch in der Hand.
»Dürft' ich es wagen, Licht zu machen,« flüsterte er, »so könnte ich wenigstens lesen, was mir mein unbekannter freundlicher Helfer schreibt – doch halt – geh' ich hier dicht an die Wand unter das Fenster, so kann man den Schein von außen unmöglich erkennen, oder wird doch wenigstens glauben, daß mein Gefängnißwärter einmal bei mir sei.«
Rasch trat er an den bezeichneten Platz, bog sich so weit als möglich über, öffnete den kleinen zusammengefalteten Zettel, zündete dann eines der Streichhölzchen an, und las bei dem mattflackernden Schein desselben:
»Fliehen Sie so rasch und schnell Sie können – um neun Uhr ist es zu spät – sind Sie in Freiheit, so verbrennen Sie diese Zeilen. Scheidler – Pastor.«
»Mein Vater!« rief Sophie erstaunt.
»Hm,« murmelte Wahlert, als er das verlöschte Schwefelholz auf die Erde warf und Feuerzeug wie Brief in die Tasche schob – »der Geistliche des Orts interessirt sich für mich, den Republikaner? – Verdanke ich das meiner Gesinnung oder meiner – Geburt.«
»Das Ministerium sollte gestürzt werden,« rief da Sophie, der es ein schmerzliches Gefühl war, daß derMann, der sich selbst so uneigennützig für Andere geopfert, gerade diese Ursache, und ach, mit viel Grund, in ihres Vaters Handlungsweise suchen sollte – »er wird seinem Freunde, dem Gutsherrn und Gerichtshalter, die unangenehme Nothwendigkeit ersparen wollen, seine Pflicht zu thun – überhaupt scheint auch wieder, aus einer mir unbekannten Ursache, das Dorf in Aufregung zu sein; als ich hierher eilte, standen eine Menge Menschen vor der Schenke, und der Diaconus war kaum im Stande, den wilden tobenden Lärm in Schranken zu halten.«