Achtzehntes KapitelDie Schlacht von Isandula

Der Alte erhob sich und ging mit seiner Laterne hinaus, schloß auch die Thür von außen zu. Pieter Maritz ging ans Fenster und blickte durch die Vierecke zwischen den eisernen Stäben hinaus auf die Straße. Noch immer zog dort, obwohl es schon spät am Abend war, eine große Menge Menschen umher, die sich der kühleren Luft und des Geplauders beim Sternenschein erfreuten. Pieter Maritz sah halb bewußtlos auf die bunt gemischte Menge hinab; er war so sehr bedrückt durch das Bewußtsein seiner Gefangenschaft, daß er an allen äußeren Dingen nur geringen Anteil nahm. Er dachte nach Hause zurück. Wie schön hatte er sich das baldige Wiedersehen ausgemalt! Nun sollte alles, alles anders werden, alles war ins Ungewisse gerückt.

Jetzt rasselten die Schlüssel wieder, die Thür öffnete sich, und der alte Buer kam mit einem Korbe. Er stellte Brot und Butter, gebratenes Ochsenfleisch und einen Krug Bier auf den Tisch. Pieter Maritz besann sich darauf, daß er seit Mittag nichts genossen hatte, und fing an zu essen. Zu Anfang schmeckte es ihm in seinem Kummer nicht, aber nach und nach bekam er Appetit und aß und trank, während der alte Buer ihm gegenüber saß und in seiner langsamen Sprache über Politik redete und einen langen Vortrag hielt. Er mochte froh sein, einen Gefangenen zu haben, mit demer vertraulich reden konnte, aber der Ton seiner Stimme wirkte einschläfernd auf den Zuhörer. Pieter Maritz bemühte sich, die Augen offen zu erhalten, aber es war endlich nicht mehr möglich. Als er aufgehört hatte zu essen und dann noch einen tüchtigen Schluck Bier genommen hatte, sank plötzlich sein Kopf auf die eine Schulter, und er fing, noch auf dem Schemel sitzend, zu schnarchen an.

Da stützte ihn der alte Gefangenwärter, schob ihn nach der Ecke des Zimmers, wo eine Matratze am Boden lag, ließ ihn sich niederlegen und deckte ihn mit einer wollenen Decke zu. Dann ging er hinaus, wackelte mit dem Kopfe und murmelte etwas von jungen Leuten und langen Ritten in den Bart.

Als Pieter Maritz am andern Morgen erwachte, war es schon heller Tag. Er hörte an die Thür pochen, dann den Schlüssel drehen, und dann sah er einen Knecht des Buern eintreten, der ihm Maisbrei und Kaffee zum Frühstück brachte. Er sprang von seinem Lager auf und verlangte Wasser zum Waschen. Der Knecht führte ihn in den Hof und zeigte ihm einen laufenden Brunnen, wo er sich waschen konnte. Der Hof war von einem hohen Zaun eingefaßt und draußen war der Schritt der Schildwache zu vernehmen. Nach der Wäsche ward Pieter Maritz wieder eingeschlossen, und nun nahm er sein Frühstück ein. Er hatte sich ein wenig an den Gedanken gewöhnt, Gefangener zu sein, war aber nicht darüber getröstet. Wenn es ihm auch nicht mehr unerhört und neu erschien, hinter Schloß und Riegel zu sitzen, so war es ihm doch heute noch schmerzlicher als gestern. Denn er dachte heute klarer darüber nach und sah alles Unangenehme und Schmerzliche seiner Lage in hellerer Beleuchtung als am Abend vorher, wo die Überraschung ihn betäubt hatte. Die Erinnerung an seinen Vater, der ihm sterbend gesagt hatte, die Engländer seien die einzigen und wahren Feinde der Buern, stand lebhafter als je wieder vor ihm.

Nach einigen Stunden hörte er den alten Buern an den Schlössern rappeln und wurde hinausgelassen, um im Hofe frische Luft zu schöpfen. Es war die Stunde, wo auch die andern Gefangenen hinausgelassen wurden. Zehn Gefangene, darunter sechs englische Soldaten und drei Männer in Buerntracht, kamen auf den Hof, doch durften sie nicht miteinander sprechen, sondern mußten schweigend nebeneinander hergehen. Die Schildwache, welche außerhalb stand, wurde zur Überwachung in den Hof selbst gestellt, solange die Gefangenen dort waren. Pieter Maritz betrachtete dieGesichter seiner Genossen. Keines war sehr einladend zu näherem Verkehr, sondern es waren rohe Züge, die sich ihm zeigten. Er ging mit trüben Gedanken unter den Leuten umher und freute sich fast, als die Zeit der Erholung vorüber war und er wieder eingeschlossen wurde. Um Mittag erschien der Leutnant Thomson, der die Zimmer inspizierte und ihn fragte, ob er nun wisse, wer sein Souverän sei, und ob er nun Auskunft über die Zuluarmee geben wolle.

Aber Pieter Maritz kreuzte die Arme über der Brust und antwortete nur mit einem Blick der Verachtung. Der Offizier ging, und Pieter Maritz war wieder allein hinter den vergitterten Fenstern.

So ging es auch am folgenden Tage und fernerhin. Ein Tag reihte sich an den andern, und Pieter Maritz saß noch immer im Gefängnis. Die übrigen Gefangenen wechselten. Einige wurden entlassen, und andere kamen wieder hinzu, die Gesellschaft auf dem Hofe bei der Promenade wechselte, und nur Pieter Maritz blieb. Es kam ihm so vor, als ob hauptsächlich Trunkenbolde unter den englischen Soldaten eingesperrt würden, denn oft wurde gerade des Abends ein Mann mit vielem Gepolter und Geschrei von Patrouillen gebracht, und Pieter Maritz wunderte sich, wie stark der Geruch von Rum im Gefängnis war. Er war in einer stillen, grimmigen Laune über die lange Dauer seiner Gefangenschaft, aber fest entschlossen, nicht nachzugeben, wenn er auch für immer dort sitzen sollte. Sein Trost war, daß es Jager gut ging. Der alte Buer, welcher Mitleid mit ihm hatte und auch gern schwatzte, besuchte ihn fast jeden Abend und erzählte ihm, was in der Welt vorging. Er sagte dem Knaben, daß einer seiner Knechte das Pferd täglich an die Luft brächte, und er hatte es so eingerichtet, daß dieser Knecht an des Knaben Fenstern vorüberritt. Pieter Maritz nickte Jager von oben zu und fühlte sich beruhigt, wenn er sah, daß das Tier munter dahinschritt.

Der alte Buer erzählte ihm, daß er täglich für jeden Gefangenen fünf Schillinge Kostgeld bekäme, wenn aber einer entspränge, müsse er fünf Pfund Strafe kontraktmäßig bezahlen, deshalb passe er sorgfältig auf, daß keiner entwische, und noch habe er keine Strafe zu bezahlen gehabt. Er erzählte auch von den kriegerischen Vorgängen. Von drei Seiten, so sagte er, wollten die englischen Truppen in das Zululand einrücken. Der Oberst Wood von Transvaal aus, der Oberst Glyn von Helpmakaar inNatal aus und der Oberst Pearson von Greytown in Natal aus. Alle drei Kolonnen wollten geradeswegs auf Ulundi marschieren. Am Ufer des Tugelaflusses habe Sir Bartle Frere in Gegenwart britischer Behörden und vielen Volkes ein Ultimatum verlesen lassen, eine Forderung an Tschetschwajo, die gestellten Bedingungen anzunehmen oder aber britische Truppen als Feinde in seinem Lande zu sehen. Dies Ultimatum sei dem Könige übersandt worden, und da er es nicht angenommen habe, würde der Krieg beginnen.

Am 14. Januar erschien der alte Buer sehr eilfertg bei Pieter Maritz und erzählte ihm, es habe ein Kampf stattgefunden. Britische Truppen wären auf Flößen und Booten über den Buffalofluß gegangen und hätten vor zwei Tagen Sirajos Kral erstürmt.

Zu dieser Zeit kam große Bewegung in die bei Utrecht lagernden Truppen, wie Pieter Maritz von seinen Fenstern aus bemerken konnte. Viele Wagen fuhren durch die Straße, Truppenabteilungen marschierten, und alles machte den Eindruck, als ob etwas Wichtiges bevorstände. Die Soldaten, welche noch im Gefängnis waren, wurden herausgeholt. Am 20. Januar, als Pieter Maritz bereits über zwei Wochen gefangen gesessen hatte, ward er in der Frühe des Morgens durch kriegerische Musik geweckt. Er eilte ans Fenster und sah, daß die Truppen sich in Marsch gesetzt hatten. Der Zug ging nach Osten hin und bewegte sich durch die Straße, in welcher das Gefängnis lag.

Zuerst erschienen die Schwadronen der englischenLight Horse, Reiter mit langen, an der Spitze etwas gebogenen Schwertern und Karabinern bewaffnet, dann stampften im Gleichschritt die Züge der englischen Infanterie heran, in roten Röcken mit weißen Korkhelmen, die Beinkleider in langschäftige Stiefel gesteckt, Tornister mit weißen Lederstreifen auf dem Rücken, das Gewehr auf der Schulter, Patrontaschen vor dem Leibe, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, das Bajonett am weißen Ledergurt an der linken Hüfte. Sie trugen die Nummer 80 auf den Achselklappen. Die Unteroffiziere hatten weiße Querstreifen auf dem linken Oberarm, die Offiziere, deren ein großer Teil zu Pferde war, trugen nur Säbel und Revolver. Auf das 80. Infanterieregiment folgte ein Zug, wie Pieter Maritz ihn noch nie gesehen hatte, so daß bei dessen Anblick ihm das Herz höher schlug. Schon von weitem war ein tiefes Klirren und erschütterndes Rollen und Dröhnen zu vernehmen. Die Artillerie kam heran. Je sechs Pferde zogen einen zweirädrigen Karren, die Protze, auf welcher Artilleristen saßen,und an diese Protze war das Geschütz gehängt. Der Anblick der dunklen glänzenden Kanonenrohre erregte in des Knaben Gemüt einen großen Sturm, denn er hatte noch keine Kanone erblickt. »O ihr armen Zulus,« dachte er, »wie wird es euch ergehen?« Geschütz auf Geschütz rollte mit unheimlicher Schwere dahin, und hinter den Geschützen gingen und ritten viele englische Krieger. Die Offiziere hatten schwarze Sammetaufschläge und Sammetkragen auf den Scharlachröcken, und diese Aufschläge und Kragen waren prachtvoll mit goldener Stickerei eingefaßt und besetzt. Sie trugen breite schwarze Bandeliere mit Patrontaschen, Säbel und Revolver, ihre weißen Helme hatten vergoldete Spitzen und Beschlag und wurden mit vergoldeten Schuppenketten unter dem Kinn befestigt. Sie ritten wunderschöne Pferde mit reichem Geschirr.

Hinter den Geschützen zog eine Reihe schwarzer Wagen her, die mit Munition beladen waren. Dann folgte wieder ein Zug Infanterie, zwei Kompanien vom 80. Regiment. Hierauf kamen mehrere hundert Mounted Volunteers, berittene Buern aus Natal, sowie englische Unterthanen aus Natal, welche freiwillig am Kampfe teilnahmen. Sie trugen den weißen Korkhelm und kreuzweise gehängtes weißes Lederzeug mit Büchse und Patrontasche. Dann kam wieder ein langer Zug Infanterie, das 90. Regiment, und hieran schloß sich wieder englische Kavallerie. Endlich kam eine unendliche Reihe von Wagen, die von Buern und Kaffern gelenkt und von reitenden Buern und englischer Infanterie begleitet wurden. Mehr als zweihundert Wagen zählte der Zug, und es währte mehrere Stunden, bis er vorüber war. Ein jeder Wagen war mit zehn oder zwölf Ochsen bespannt und mit Kisten und Kasten, Paketen und Tonnen beladen. An die Zeltdächer waren die Nummern der Truppenabteilungen mit schwarzer Farbe geschrieben. Hier stand:Frontier Light Horse, dort13th Regiment, dortRoyal Artillery, und so war überall bezeichnet, welcher Truppe die mitgeschleppten Vorräte an Munition, Lebensmitteln, Uniformstücken und sonstigem Gepäck gehörten.

Pieter Maritz sah im Geiste noch den Marsch der Zulutruppen vor sich, und so erschien ihm das kleine englische Heer, welches kaum dreitausend Mann stark war, ganz fremdartig. Wie schwer, breitschulterig, wuchtig und stampfend waren diese Soldaten der Königin von England im Vergleich mit den langen schmalen leichten Zulus, die gleichsam über den Boden hinschwebten. Und welch ein Gepäck! Welche Masse von Fleisch, welche Tonnen voll Branntwein! WelcheMenge von Uniformstücken, von Mänteln und Stiefeln! Die Zulus aßen im Manöver nur einmal in vierundzwanzig Stunden oder auch wohl gar nicht und schnürten dafür ihren Gürtel etwas fester. Für jeden Wagen der Engländer ein behender nackter Träger mit einem Korbe auf dem Kopfe, und zehntausend Zulus waren für mehrere Tage mit Kafferkorn versehen. Ihr Getränk aber lieferten die Bäche und Flüsse.

Pieter Maritz hatte dem langen Zuge fast atemlos in höchster Spannung zugeschaut, denn das kriegerische Schauspiel nahm seine Sinne ganz gefangen. Als aber der letzte Wagen im gewaltigen Staube der Straße verschwand, da seufzte er tief.

Sollte er nun allein zurückbleiben und für immer im Gefängnis sitzen? Er besann sich darauf, daß er ja nichts mit dem Kriege der Engländer zu schaffen habe, gleichwohl hatte er ein Gefühl, als sei sein halbes Herz mit fortgenommen. Er hätte es natürlich gefunden, mitzureiten. Der Anblick der vielen Buern bei der Kolonne des Obersten Wood bewegte ihm das Gemüt. Zwar waren unter den Kämpfern keine von den Transvaalbuern, sondern nur unter den Wagenführern, wie ihm der alte Gefangenwärter erzählt hatte, aber die Buern aus Natal waren doch auch Landsleute, wenigstens von verwandtem Blute, wenn auch nicht freie Bürger. Tief betrübt und mit seltsam geteilter Empfindung saß Pieter Maritz auf seiner Matratze.

Doch jetzt rasselte das Schlüsselbund. Der alte Gefangenwärter trat herein.

»Du kommst los, Neffe,« sagte er. »Oberst Wood hat befohlen, daß du zum Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, gebracht werden sollst. Eine Patrouille geht zum General nach Helpmakaar, um ihm zu melden, daß der Oberst nach Lüneburg abmarschiert ist; und diese Patrouille soll dich mitnehmen. Mach rasch, dein Pferd wird gesattelt, deine Büchse kannst du auch mitnehmen. Hier hast du noch ein gut Stuck Brot und Fleisch für den Weg.«

Pieter Maritz sprang voll Entzücken auf. War er auch seines Schicksals nicht gewiß, so kam er doch wenigstens aus dem engen Gefängnis heraus. Kräftig schüttelte er dem Alten die Hand.

»Ich danke auch, Oheim,« sagte er, »und ich wünsche Euch gute Gesundheit.«

Mit großer Wonne sah Pieter Maritz sein Pferd gesattelt vor der Thür stehen und ergriff er die Büchse. Ein Unteroffizier von der englischen leichten Kavallerie mit vier Mann erschien, und diese Leute nahmen ihn in ihre Mitte. Einer von den Reitern trug eine Ledertasche umgehängt, in welcher sich wohl Briefe und Meldungen aus dem Hauptquartier des Obersten Wood für den Oberbefehlshaber und das Lager von Helpmakaar befinden mochten.

»Das Gewehr wollen wir Ihnen doch lieber abnehmen, es möchte Ihnen bei dem warmen Wetter auf der Schulter drücken,« sagte der Unteroffizier zu Pieter Maritz, als er ihn in Empfang nahm. Er schien eine Neigung für Scherz zu haben, und sein rotes Gesicht hatte viele Runzeln um die Augen, welche aussahen, als kämen sie vom Lachen.

Pieter Maritz gab die Büchse ab, und einer der Kavalleristen hing sie über die Schulter. Dann ging es fort nach Süden, auf der guten Straße, die von Utrecht in das britische Gebiet von Natal führte. Es war für Pieter Maritz ein vergnügter Ritt, denn obwohl er Arrestant war und sich einige Sorgen machte, sobald er sich überlegte, daß der Oberbefehlshaber ihn wohl auch wieder ausfragen und einstecken würde, so war es doch ein seliges Gefühl, aus dem Gefängnis entlassen zu sein und unter dem blauen Himmel dahinzureiten. Pieter Maritz dachte, daß es in der ganzen weiten Welt nichts Schöneres geben könnte, als das Gefühl, einen Sattel zwischen den Knieen zu haben. Einigemal überlegte er, daß er den englischen Kavalleristen schon einmal einen Streich gespielt habe, und daß es vielleicht nicht unmöglich sei, auch diesen Leuten, welche ihn jetzt bewachten, zu entwischen. Er guckte nach rechts und nach links und berechnete die Breite der Straßengräben und die Länge des Weges über die Grasflächen hin. Unter den englischen Pferden neben Jager war keines, das sich mit ihm messen konnte. Aber er gab den Gedanken an Flucht wieder auf, denn heute lagen die Verhältnisse anders als damals, wo er den Lord hinter sich her lockte. Zunächst hatte er seine Büchse nicht, und ohne Waffe wollte er nicht fort. Dann war rechts ein breiter schneller Fluß mit steilen Ufern, der Buffalo, und er würde schwerlich haben hinüberkommen können. Der Buffalo floß in starken Krümmungen, bald war er wohl eine Stunde weit entfernt, bald kam er der Straße näher, jedenfalls wäre er ein Hindernis auf der rechten Seite geworden, wo die Verfolger ihn vermutlich eingeholt hätten. Auf der linken Seite aber wäre er hinter der Kolonne des Obersten Wood hergeritten. Dort lagen Lüneburg und Potgieters Farm, und das Land ward von Reitern und schwarzen Irregulären durchstreift. Aber selbst wenn er durchschlüpfte, so sagte sich Pieter Maritz, würden die Engländer nach ihm suchen lassen, und er würde sich nirgends, auch nicht in seiner Gemeinde, blicken lassen dürfen. Er beschloß, ruhig seines Weges zu reiten und abzuwarten, was die Zukunft ihm bringen würde.

Inzwischen knüpfte der Unteroffizier, dem die Zeit lang werden mochte, ein Gespräch mit ihm an und fragte ihn, warum er Arrest habe. Pieter Maritz erzählte, daß der Oberst Wood böse auf ihn geworden sei, weil er nichts über die Zulus habe erzählen wollen und von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe. Der Unteroffizier lachte laut und bot ihm seine Rumflasche an, die PieterMaritz jedoch zurückwies. Der Unteroffizier trank darauf selber und sagte: »Nun, junger Herr Buer, da sind Sie ja ganz im Rechte. Ganz Afrika müßte der Südafrikanischen Republik gehören, und die Königin müßte Herrn Krüger, den Buernpräsidenten, heiraten. Dann könnte Tschetschwajo auf der Hochzeit tanzen.«

Über diesen Witz lachte der Unteroffizier selber, aber er lachte auch allein, denn Pieter Maritz war nicht geneigt, über die Südafrikanische Republik zu scherzen und machte sein ernstestes Gesicht.

»Den Buern geht es zu gut, deshalb mucken sie auf,« sagte der Unteroffizier nun, da es ihn verdroß, daß Pieter Maritz nichts antwortete. »Da sollte ich einmal Gouverneur sein, nur vier Wochen lang — dann sollte das Ding anders aussehen. Aber wartet nur, laßt uns erst den Niggerkönig eingefangen haben, dann geht's an die Buern. Tschetschwajo werden wir in einen eisernen Käfig sperren und nach England bringen, wo er zum Besten des Pensionsfonds der Armee für Sixpence Eintrittsgeld gezeigt wird. Nachher spielen wir der republikanischen Regierung in Pretoria ein Tänzchen auf.«

Pieter Maritz ritt schweigend seines Weges und achtete nicht auf solche Reden, die ihn ärgern sollten. Er unterhielt sich mit Betrachtung des Weges, der sehr belebt war. Viele Wagen und Reiter und Fußgänger begegneten der Patrouille, einige wurden auch von ihr überholt. Fast alle Leute zogen nordwärts. Denn dieser Weg war der Grenze des Zululandes sehr nahe und führte durch das Gebiet, welches Tschetschwajo schon mehrmals als ihm gehörig beansprucht hatte. Die Einwohner fürchteten einen Einfall der raschen schwarzen Banden und suchten sich, soweit sie sich von ihren Besitzungen zu trennen vermochten, in dem rückwärts liegenden Gebiet in Sicherheit zu bringen.

Am Abend wurde ein Übergang über den Buffalo erreicht, und hier lag eine Fähre, aber es war schon zu spät, um überzusetzen; etwa vier deutsche Meilen waren zurückgelegt worden, und so bestimmte der Unteroffizier, es sollte Halt gemacht werden. Die Patrouille übernachtete in einem der Häuser, welche nahe der Fährstelle lagen, und brach am andern Morgen wieder auf. Die Reiter führten ihre Pferde am Zügel auf das flache Schiff, welches außerdem noch eine Anzahl Schlachtochsen aufnehmen mußte, die für die Garnison von Helpmakaar bestimmt waren, und dann ging es hinüber auf das rechte Ufer. Immer nach Süden ging es darauf in flottem Gange weiter, mittags ward Fort Agnew erreicht undunter englischen Soldaten, der Besatzung des kleinen Forts, gegessen, und dann traf die Patrouille abends um sechs Uhr in Helpmakaar ein.

Aber der Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, war nicht dort. Nur eine kleine Besatzung war im Orte geblieben, die Kolonne des Obersten Glyn aber, welche dort gelagert hatte, war nach Nordwesten aufgebrochen, und Lord Chelmsford hatte sie begleitet. Dem Berichte der Garnison nach war die Kolonne bei Rorkes Drift über den Buffalo gegangen und mußte jetzt im Zululande sein. Der Kommandant von Helpmakaar befahl dem Unteroffizier, die Nacht im Orte zu verbringen und am andern Morgen früh mit der Patrouille und dem Arrestanten dem Oberbefehlshaber gemäß dem Befehl des Obersten Wood zu folgen.

Pieter Maritz schlief neben seinem Pferde im Biwak bei dem Orte, inmitten von schwarzen Truppen und berittenen Freiwilligen aus der Buernschaft von Natal.

Der folgende Tag, der 22. Januar, war hell und warm, und als die Patrouille früh um fünf Uhr fortritt, war die Sonne schon drückend. Der Unteroffizier ließ Pieter Maritz seine Büchse wiedernehmen, da sie dem Kavalleristen, der sie bis jetzt getragen hatte, lästig war und da Pieter Maritz immerfort so gutwillig mitgeritten war, daß der Patrouillenführer nicht befürchtete, er würde einen Fluchtversuch machen.

Nach zweistündigem Ritt erreichten sie den Buffalofluß und gingen durch die Furt, welche Rorkes Drift genannt wird. Am andern Ufer, auf der Zuluseite, sahen sie, zehn Minuten zu gehen vom Flusse, zwei große, niedrige Häuser, vor welchen mehrere Ochsenwagen standen. Ein englischer Arzt war im Gespräche mit einem Manne in schwarzer Kleidung neben den Wagen, und schwarze Leute luden unter Aufsicht von englischen Lazarettgehilfen die Wagen ab. Auch englische Soldaten, welche die Wache an der Furt haben mochten, waren zu sehen. Die Patrouille näherte sich den Häusern, und der Unteroffizier erkundigte sich nach der Kolonne des Obersten Glyn und nach dem Lord Chelmsford. Es hieß, die Kolonne sei nicht weit, sie habe etwa drei englische Meilen weiter nach Nordwesten ein Lager aufgeschlagen. Der Unteroffizier ließ absteigen, und es wurde ein Frühstück eingenommen, wozu sich hier gute Gelegenheit bot. Hier war ein Kommissariat und ein Lazarett, so daß sie viele Vorräte aller Art fanden. Pieter Maritz hörte, daß der Herr in schwarzer Kleidung der ReverendWitt sei, Vorstand der Missionsstation Oscarsburg. Die Hütten seiner Gemeinde lagen auf der andern Seite des Flusses, auf der Natalseite, hier lagen seine Kirche und sein Wohnhaus; beide Gebäude waren von den Militärbehörden zu kriegerischen Zwecken hergerichtet.

Während Pieter nun ruhig neben seinem Pferde stand, ein Stück Pastete aß und sich über die vorsichtige Verpflegungsart der Engländer freute, welche eingemachte Pasteten in Blechbüchsen mit in den Krieg nahmen, blieb ihm mit einem Male der Bissen im Halse stecken vor Überraschung. Er sah in der Ferne zwischen zwei Kaktusbüschen einen schwarzen Kopf mit einem Haarbusch auftauchen, der ihm bekannt vorkam. Das Ufer war gebirgig, zerklüftet, voller Felsen und Felsschluchten. Leicht konnten findige Späher sich hier verstecken und unbemerkt heranschleichen. Der schwarze Kopf mit dem Haarbusch war gleich darauf wieder verschwunden, aber Pieter Maritz hätte darauf schwören wollen, daß es ein Haarbusch von einem der Regimenter des Prinzen Dabulamanzi gewesen sei. Der Busch war hoch und schwarz, mit einem weißen Stirnbande umwunden, er mußte dem Regiment der schwarzen Schilde angehören.

Pieter Maritz aß sein Frühstück schnell auf und sah nach den Gurten seines Pferdes. Er sattelte nach, prüfte Jagers Hufe und untersuchte seine Büchse.

»Es wird gut sein, sich ordentlich umzuschauen,« sagte er zu dem Unteroffizier. »Die Zulus sind flink auf den Beinen, und wir sind jetzt auf ihrem Boden.«

»Haha!« lachte der Unteroffizier. »Na,« sagte er dann, »ich bin noch da. Nur nicht ängstlich!«

Die Patrouille saß wieder auf, und die sechs Reiter setzten ihren Weg in der ihnen auf der Station bezeichneten Richtung fort. Sie ritten gemütlich in einem Haufen, und die Engländer unterhielten sich, während sie Cigarren rauchten, welche ihnen der Militärarzt gegeben hatte.

Nur Pieter Maritz hatte die Augen offen. Sorgfältig durchspähte er jeden Schlupfwinkel, den das unebene, hügelige Land bot, und das Herz klopfte ihm an die Rippen. Er war voll Spannung, denn er sagte sich, es sei sehr möglich, daß Zulutruppen in der Nähe seien.

Etwa eine Viertelstunde waren sie in langsamem Schritt geritten, da zog Pieter Maritz unwillkürlich die Zügel an. Er hatte drei Gestalten in der Ferne auftauchen sehen. Sie waren einenGang hinabgelaufen und schnell verschwunden, aber deutlich hatte Pieter Maritz rote Federn auf den Köpfen und rote Schilde gesehen: es waren Krieger aus einem zweiten Regimente Dabulamanzis.

»Was haben Sie?« fragte der Unteroffizier, als Pieter Maritz sein Pferd anhielt.

»Mynheer, ich sehe Zulus in unserer linken Flanke,« entgegnete er.

»Zulus?« fragte der Unteroffizier. »Sie sehen wohl Gespenster. Ich sehe nichts. Die Zulus werden sich hüten, hier herumzulaufen. Aber Sie fangen wohl an, das Kanonenfieber zu bekommen.«

Pieter Maritz antwortete nicht, obwohl er sich ärgerte, und ritt weiter.

Wieder war eine Viertelstunde verflossen, da entdeckten seine durch die Jagd geübten und des afrikanischen Landes kundigen Augen eine neue Spur der nahen Gefahr. Aus dem Grase, welches ein kleines Thal zur linken Hand mit grünem Teppich überkleidete, sahen mehrere dunkle Punkte empor, und Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Punkte. Es waren die Mützen, welche vom Regiment des Königs getragen wurden. Dies war nun schon das dritte Regiment, welches zur Armee Dabulamanzis gehörte, und Pieter Maritz war von jetzt an überzeugt, daß eine große Zulumacht in der Nähe sei. Doch sagte er nichts mehr, um nicht von neuem verhöhnt zu werden.

»Gefunden!« rief jetzt der Unteroffizier. Er zeigte nach rechts hin, wo sich in einiger Entfernung eine Menge von hellen Flecken sehen ließen. Die weißen, spitzen Leinwandzelte der englischen Truppen hoben sich von der grünen Fläche eines Thales ab und zeigten den Lagerplatz an. Ein sehr hoher, einzelner, felsenartiger Berg stieg dunkel unweit des englischen Lagers empor. Sein Hang war auf der einen Seite jählings abfallend, und seine schroffe Gestalt mußte ihn auf viele Meilen in der Runde kenntlich machen. Es sah von dem Punkte aus, wo die Patrouille war, ganz so aus, als befinde sich das englische Lager am Fuße dieses Berges, als sie aber nun die bisherige Richtung verließ und nach rechts, nach Osten hin ritt, trennte sich nach und nach der Lagerplatz mit den Zelten von dem Berge ab, und es ward ersichtlich, daß der Berg wohl eine halbe deutsche Meile weit nördlich vom Lager seine hohe Spitze emporstreckte.

Das Land war hügelig, und die Engländer hatten an dertiefsten Stelle ihre Zelte aufgeschlagen, doch nicht etwa in einem engen Thalkessel, sondern inmitten einer Menge von sanften Höhen, welche wohl zu übersehen waren. Das Land glich einer Ebene, in welcher sich viele Bergwellen erhoben. Beim Näherkommen erkannte Pieter Maritz neben den Zeltreihen auch Wagenreihen. Es mochten mehr als hundert Wagen sein, welche in langen Linien aufgestellt waren, während die Zugochsen dicht daneben angebunden waren. Viele kleine Feuer brannten, und die Truppen schienen zu kochen. Der Unteroffizier sah nach seiner Uhr, als die Patrouille das Lager erreichte, und sagte: »Es ist um acht. Wer schon gefrühstückt hat, kann nun annehmen, er käme zum Mittagessen.«

Dann ritt er auf eine Gruppe von Offizieren zu, welche inmitten des Lagers zusammenstanden, und machte seine Meldung.

Pieter Maritz sah sich indessen um. Er bemerkte englische Truppen, Buerntruppen und außerdem viele Schwarze. Diese waren zum Teil Zulus, wie er an der dunklen Hautfarbe und der Haartracht sah. Sie mußten wohl zu den Zulus von Natal gehören, welche unter englischer Herrschaft standen. Sie waren nackt, aber mit Gewehren und Patronengürteln ausgestattet. Die andern Afrikaner waren Basutos, kaffeebraun, und trugen lange Reitstiefel und Blusen mit kreuzweise gehängtem Lederzeug, dazu Hüte wie die Buern. Im ganzen waren nicht viel Truppen zur Stelle, Pieter Maritz schätzte sie auf etwa sechzehnhundert Mann, von denen die Hälfte Afrikaner waren. Mehrere hundert davon waren Reiter, und deren Pferde waren an Kampierleinen seitwärts von den Zelten angebunden. Auch zwei Geschütze sah Pieter Maritz und daneben zwei sonderbare Gestelle, welche ihm fremd waren. Er fragte einen der Leute von der Patrouille, was das für Dinger seien, und erfuhr, es seien Raketengeschütze, aus denen brennende Cylinder abgefeuert würden; in den Cylindern von Eisenblech sei Pulver und eine Kugel.

Jetzt kam der Unteroffizier zurück und befahl Pieter Maritz, zum Kommandanten des Lagers, Oberstleutnant Pulleine, zu kommen. Pieter Maritz stieg vom Pferde, gab Jager einem der Kavalleristen zu halten und ging auf den Kreis der Offiziere zu. Neben zwei älteren Offizieren standen mehrere jüngere, in verschiedenen Uniformen, von der Kavallerie, Infanterie, der Artillerie und den Ingenieuren.

»Sie sollten zum General geführt werden,« sagte Oberstleutnant Pulleine zu Pieter Maritz, als dieser vor ihn trat undseinen Hut abnahm, »aber der General ist nicht hier. Sie sind wegen aufrührerischen Benehmens verhaftet worden, wie mir der Patrouillenführer meldet.«

»Ich weiß nicht genau, was aufrührerisches Benehmen ist,« entgegnete Pieter Maritz, »aber ich glaube nicht, etwas gethan zu haben, was Strafe verdient.«

Die Offiziere sahen des Knaben offenes, freundliches Gesicht mit Wohlwollen an und mochten wohl denken, daß die Meldung schlimmer laute, als der Gegenstand der Meldung es verdiene. Sie konnten sich, nach ihrer lächelnden Miene zu urteilen, nicht recht denken, daß dieser junge Mensch mit den unschuldigen frommen Augen ein Aufrührer sein sollte.

»Über Ihre Schuld oder Unschuld wird der General entscheiden,« sagte Oberstleutnant Pulleine, »aber der Unteroffizier meldete mir auch, daß Sie lange in Ulundi bei Tschetschwajo gelebt hätten. Sagen Sie uns doch, was Sie von der Zuluarmee wissen. Haben die Zulus sämtlich Gewehre? Sind es gute Gewehre? Hinterlader? Gewehre, die in gutem, brauchbarem Zustande sind?«

»Über die Zulus kann ich Ihnen nur das sagen, Herr Oberstleutnant,« erwiderte Pieter Maritz, »daß sie sehr schnell marschieren und daß sie hier ganz in der Nähe sind.«

Unter den Offizieren machte sich eine Bewegung bemerklich.

»Woher wissen Sie das, daß sie in der Nähe sind?« fragte der Kommandant mit strengem Tone.

»Ich habe dort im Westen, als wir hierher ritten, dreimal Späher von der Zuluarmee gesehen, und zwar von drei verschiedenen Regimentern der Armee Dabulamanzis.«

»Wer ist Dabulamanzi?«

»Es ist der Bruder des Königs, und er befehligt die besten Truppen, sämtlich mit Hinterladern bewaffnet.«

»Pah!« sagte der Kommandant. »Unsere Vedetten haben nichts gemeldet und müßten doch die Zulus gesehen haben, wenn diese in der Nähe wären.«

Damit wandte er sich zu dem andern älteren Offizier, zeigte nach einigen rotröckigen Reitern, die in der Ferne hielten, und besprach sich mit ihm.

»Haben Sie wirklich Zulus gesehen?« fragte er den Knaben.

»Ganz gewiß.«

»Nun, lieber Durnford,« sagte Oberstleutnant Pulleine zu demKameraden neben ihm, den seine Uniform ebenfalls als einen Offizier vom Range eines Oberstleutnants kenntlich machte, »Sie könnten ja der Sicherheit wegen einmal nach der Seite hin vorgehen, wo der junge Buer die Niggers gesehen haben will. Und wenn wirklich dort welche umherlaufen, bringen Sie ein paar von ihnen mit, daß wir sie ausfragen können. Ich kann mir freilich kaum denken, daß Zulus dort sein sollten. Ist doch Lord Chelmsford selbst mit Oberst Glyn voraus und hat er doch das ganze Land absuchen lassen! Ist doch Lonsdale mit seinen Swaziniggern, der das Land hier wie seine Tasche kennen muß, vorausgezogen. Es wäre ein schlechter Spaß, wenn uns die Zulus hier überfielen, während der größere Teil unserer Macht Stunden weit weg ist. Aber ich denke nicht, daß mehr als ein paar vereinzelte Kerls sich dort umhertreiben. Nun, damit wir nichts versäumen, reiten Sie einmal aus!«

Oberstleutnant Durnford ließ den Trompeter blasen, und die Basutos gingen an ihre Pferde. Der Oberstleutnant selber stieg zu Pferde und zog dann mit seiner schwarzen Schar, zweihundertfünfzig Reitern, nach Westen.

»Also die Zulus marschieren sehr schnell?« fragte Oberstleutnant Pulleine dann wieder.

»Sehr schnell,« sagte Pieter Maritz, und dann setzte er zögernd hinzu: »Sie werden mich vielleicht unbescheiden nennen, Herr Oberstleutnant, aber ich muß sagen, daß ich mich über Ihr Lager wundere.«

»Wie so?« fragte der Kommandant.

»Wenn wir Buern im Kriege mit den Kaffern sind, lagern wir anders,« sagte Pieter Maritz.

»Wie denn?« fragte der Kommandant, während die andern Offiziere, belustigt durch die Dreistigkeit des Knaben, näher traten.

»Wir bilden einen Kreis von den Wagen,« sagte Pieter Maritz, »und schieben die Deichsel des einen Wagens zwischen die Räder des andern, so daß sie dicht hintereinander stehen. Dann stopfen wir alle Lücken mit Dornengestrüpp zu und bringen die Zugochsen in die Mitte des Lagers. Kommen die Kaffern, so stehen wir wie in einer Festung und schießen von den Wagen aus. Die Frauen und Knaben aber haben Äxte in der Hand und schlagen die einzelnen Kaffern tot, welche etwa unter den Wagen durchkriechen. Euch aber können die Wagen nichts nützen, denn sie stehen seitwärts.«

Die Offiziere lachten.

»Die Buernmanier ist nicht schlecht,« sagte Oberstleutnant Pulleine, »aber englische Soldaten haben es nicht nötig, sich hinter Wagen zu verkriechen. Wir gehen dem Feinde entgegen.«

»Herr Oberstleutnant,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »wenn Sie noch Zeit dazu haben, so lassen Sie doch ja Ihre Wagen so zusammenfahren, wie ich Ihnen beschrieben habe. Die Gegend ist nicht sicher, und Dabulamanzi greift heftig an.«

Die Offiziere lachten wieder, und Pieter Maritz ward rot vor Scham. Er ging zur Seite, näherte sich seinem Pferde und blickte dorthin, wo er die Zulus gesehen hatte. Es war dort alles ruhig, kein Kopfputz war zu entdecken, nur die Truppe des Oberstleutnants Durnford breitete sich aus, und die Reiter bildeten eine lange Kette kleiner Figuren in der Ferne.

Aber jetzt mit einem Male tönte ein schwacher Knall, und gleich darauf waren noch mehrere Schüsse von weitem zu hören. Die Basutos mußten auf den Feind gestoßen sein. Nun kam ein Reiter von drüben in vollem Galopp zurück nach dem Lager. Es war ein englischer Unteroffizier, wie bald zu erkennen war. Er jagte eiligst heran, ritt auf den Kommandanten zu und meldete, Oberstleutnant Durnford habe feindliche Truppen bemerkt und bäte, daß zwei Kompanien des 24. Regiments nachrückten, mit denen er die Zulus vertreiben wolle.

Oberstleutnant Pulleine erwiderte dem Unteroffizier, er möge zurückmelden, die zwei erbetenen Kompanien könnten nicht kommen. Er, der Kommandant, habe Befehl, das Lager zu halten, und dürfe die Infanterie nicht daraus entfernen.

Der Unteroffizier ritt davon, aber während er noch unterwegs war, um zu Durnfords Reitern zurückzukehren, war deutlich zu erkennen, daß die Basutos wichen. Sie feuerten ihre Gewehre vom Pferde herunter ab und gingen Schritt vor Schritt zurück. Doch war noch nichts vom Feinde zu sehen.

Die Soldaten im Lager saßen währenddessen noch ruhig um ihre Feuer herum und verzehrten ihr Essen. Sie hatten blecherne Feldkessel mit Fleischbrühe, aßen dazu ihr Brot und tranken aus ihren Feldflaschen Rum. Manche machten sich auch in und bei den Zelten zu thun, putzten ihre Gewehre und ihr Lederzeug, gaben den Pferden zu trinken und waren in guter Ruhe. Nur Oberstleutnant Pulleine hatte sich jetzt, von seinem Adjutanten, seinem Hornisten und einigen jüngeren Offizieren begleitet, vor den Lagerplatzbegeben, und blickte durch ein Fernrohr nach der Stelle, wo die Schüsse knallten.

Währenddessen ließ Pieter Maritz seine hellen Augen ringsum schweifen und es war ihm plötzlich so, als erblicke er schwarze Punkte auf einer andern Stelle, im Norden des Lagers. Er konnte sich nicht getäuscht haben: es tauchten Zulus dort hinter den Hügeln auf. Gleich nachdem der Knabe sie gesehen hatte, mußten auch die Vedetten auf jener Seite sie gesehen haben, denn ein Schuß fiel dort, und ein Reiter jagte zum Lager zurück. Nun aber erschienen auch im Westen, den Basutos gegenüber, Zulukrieger. Eine lange dünne Schützenkette ließ sich sehen und trieb die braunen Reiter zurück.

Oberstleutnant Pulleine wandte sich um und ließ Alarm blasen. Die Soldaten setzten ihre Kessel nieder, steckten ihr Brot in die Tasche, sprangen auf und liefen an die Gewehre, die Reiter gingen zu ihren Pferden, die Artilleristen zu ihren Geschützen.

Pieter Maritz schwang sich in den Sattel und hielt sich bereit, zu thun, was der Verlauf der Ereignisse ihm vorschreiben würde. Mit der höchsten Spannung verfolgte er die Erscheinung der Zulus und das Verfahren der Engländer. Vom 24. Infanterieregiment waren das 1. Bataillon und zwei Kompanien vom 2. Bataillon im Lager. Diese formierte Oberstleutnant Pulleine zu einer Kolonne nordwestlich vom Lagerplatz und sandte einen Zug Schützen vor, um die Zulus zurückzutreiben.

Aber der Zulus gegenüber wurden immer mehr, und sie kamen immer näher. Es war, als wüchsen sie aus dem Boden hervor. Jetzt kamen sie auch aus Osten, und nun umgab eine ganze Wolke von schwarzen Schützen das Lager im Halbkreise. Die Vedetten waren zurückgetrieben, jetzt kehrte Oberstleutnant Durnford in Eile zurück. Schon pfiffen einzelne Kugeln über das Lager hin, obwohl die Zulus noch fern waren.

Niemand achtete mehr auf Pieter Maritz, aller Augen waren nach dem Feinde gerichtet, und eine eigentümliche Spannung beherrschte das Lager. Pieter Maritz hatte die Büchse vor sich auf dem Sattel, und es zog ihn vorwärts. Sein Instinkt zum Kampfe trieb ihn, vorzureiten und mit den englischen Schützen zusammen auf die Zulus zu schießen. Aber ein anderes Gefühl hielt ihn zurück. Hatten die Zulus das um ihn verdient, daß er sich ihren Feinden anschloß? Wohl war er ein Weißer, und gegenüber waren Schwarze, aber sollte er, den die Engländer als Gefangenen behandelten,auf die Truppen König Tschetschwajos schießen, der ihn bewirtet und beschenkt und mit seinem eigenen Fingerringe ausgezeichnet hatte? Er warf die Büchse wieder auf den Rücken.

Unser Feind ist England, hatte ihm sein sterbender Vater gesagt. Er wollte sich nicht in den Kampf mischen, sondern der Schnelligkeit seines Pferdes vertrauen, um der Gefangenschaft und dem Tode zu entrinnen. Aber obwohl er jetzt die Gelegenheit hätte benutzen können, um davonzureiten, bannte ihn doch die Begierde zu sehen an die Stelle. Er war ganz Auge, er konnte sich von dem Schauspiel, das sich jetzt bot, nicht losreißen, so gefährlich es auch war, noch länger in dem von drei Seiten bedrohten Lager zu bleiben, und so klar er auch einsah, was die andern alle nicht wußten, daß ein großes Heer unter Dabulamanzi zum Angriff heranrücke.

Aber bald wurde dies auch den Engländern klar, und lautlose erwartungsvolle Stille lastete auf dem ganzen Lager. Denn nun erschienen hinter den zerstreut kämpfenden Schützenschwärmen der Zulus lange schwarze Reihen auf den gegenüberliegenden Höhen. Es war ein drohender Anblick. Soweit sich der Halbkreis der Schützen erstreckt hatte, so weit stand es jetzt gleich einer dunkeln Mauer von geschlossenen Abteilungen. Nur war die Mauer in Bewegung. Regiment neben Regiment stieg die Höhen herab nach dem Lager zu, und schon konnten die verschiedenen Farben erkannt werden.

Pieter Maritz sah in der Mitte der Angriffslinie das Regiment des Königs und unterschied die roten, die weißen und die schwarzen Schilde in der langen Schlachtlinie. Jetzt erkannte er auch den Prinzen Dabulamanzi selbst, der zu Pferde durch die Reihen jagte. Ein Sonnenstrahl ließ den Goldreif auf seinem Kopfe leuchten.

Als nun die englischen Truppen sahen, wer ihnen gegenüberstand, und als es keinem in der kleinen Schaar mehr verborgen bleiben konnte, welche Übermacht herankam und in welcher kriegerischen Ordnung die Zulus vorrückten, da ging es wie Todesahnung durch die Reihen. Viele Gesichter wurden bleich, die Freunde und Kameraden sahen einander an, aber nur noch enger schlossen sich die Kämpfer aneinander, und grimmige Entschlossenheit sprach aus der Haltung wie aus den Mienen der Europäer. Aber auch die schwarzen Truppen zeigten sich wacker. Wenn auch einige der Zulus im Lager voll Schrecken den Rücken wandtenund davonliefen, so ließ sich doch die Hauptmasse von den englischen Offizieren in Reihe und Glied stellen, und die berittenen Basutos schwärmten umher und schossen auf die vordringenden Schützen der feindlichen Armee.

Die Zuluregimenter waren jetzt so nahe gekommen, daß die Geschütze wirksam auf sie schießen konnten, und nun feuerten die englischen Artilleristen, so rasch sie konnten, Shrapnels und Raketen. Der Donner der Kanonen war für Pieter Maritz etwas Neues, und er sah gespannt auf die Wirkung dieser Schüsse. Der erste Shrapnel zersprang über dem Regiment des Königs, wie ein leichtes weißes Wölkchen über der dichten schwarzen Masse anzeigte. Der zweite schlug in das vorderste Glied desselben Regiments ein und riß eine Lücke durch die ganze Tiefe hindurch. Aber der Vormarsch der Zulus stockte keinen Augenblick, die Lücke schloß sich wieder. Shrapnels wie Raketen, die nun Schlag auf Schlag in die völlig frei herankommenden Massen fuhren, waren nicht imstande, deren Ordnung zu stören, und wenn auch zahlreiche schwarze Flecke hinter den vordringenden Linien erschienen, die Leiber der Toten und Verwundeten, so trat doch keine Stockung im Angriff ein.

Mit Bewunderung sah Pieter Maritz die Ausführung dieses Angriffs an. Er hatte unwillkürlich sein Pferd vorgehen lassen und hielt dicht hinter dem Oberstleutnant Pulleine, der nebst mehreren andern Offizieren zu Pferde neben der Artillerie hielt. Auch die Engländer waren voll Verwunderung über die Ordnung beim Feinde und sprachen sich, obwohl sie ihren nahen Tod vor Augen sahen, wie Kenner bei einem gleichgültigen Anblick aus.

Hinter den langen Linien der geschlossenen Regimenter, welche sich anfänglich gezeigt hatten und nun im Feuer der Artillerie und der Infanterie herankamen, zeigte sich jetzt eine andere dunkle Masse, welche der vorderen Linie als Unterstützung zu dienen schien. Sie hielt sich einen Büchsenschuß weit hinter der vorderen Linie in sehr tiefer massenhafter Aufstellung und mochte eine Abteilung von fünftausend Mann sein, während wohl fünfzehntausend Mann vorn in lang entfalteter Linie waren. Diese führten nun in größter Ordnung das Manöver aus, von welchem Pieter Maritz hatte berichten hören. Das Regiment des Königs, welches in der Mitte war, marschierte im Schritt gerade auf die englische Artillerie los, die beiden Flügel aber waren im Lauf, und so krümmte sich der Bogen der schwarzen Armee immer mehr, um das englische Lager zu umfassen.

Da die Zuluregimenter ganz ohne Deckung von den Höhen herab in das Thal liefen und dicht geschlossen, acht Reihen hintereinander, formiert waren, hatten sie sehr starke Verluste. Nicht allein traf jeder Shrapnel und riß die Leute haufenweise nieder, sondern auch die englische Infanterie richtete große Verheerungen unter dem Feinde an. Sie stand in Linie, so daß jedes Gewehr feuern konnte, und die Leute schossen in kaltem Ingrimm ausgezeichnet, so daß die Reihen der Angreifer immer wieder sich erneuern und zusammenschließen mußten. Die vorgehaltenen Schilde nützten nichts, die Kugeln der Gewehre schlugen hindurch, und unzählige Zulus stürzten nieder.

Doch auch das kleine Heer der Engländer hatte Verluste. Nachdem schon mehrere Leute von den Kugeln der feindlichen Schützen getroffen worden waren, fingen auch die Salven der geschlossenen Regimenter zu wirken an. Denn die Zulus feuerten stark und heftig während ihres Vormarsches. Die Indunas ließen die Regimenter halten, die vorderen Glieder feuern und dann die ganze Masse weiterstürmen. Die Kugeln flogen dicht, und mehr als eine war schon nahe an Pieter Maritz' Ohren vorbeigepfiffen. Doch war das Feuer der Zulus an Wirksamkeit nicht mit dem der Engländer zu vergleichen, und das Blut der Weißen zeigte seine Überlegenheit im Gefecht sehr deutlich. Pieter Maritz glaubte es dem Feinde anzusehen, daß er sich sehnte, mit Schießen aufhören und zur Nationalwaffe, zum Assagai, greifen zu können. Mehr als einmal zuckten seine Hände nach der Büchse, aber das Gefühl, daß er weder die Pflicht noch das Recht habe, am Kampfe teilzunehmen, hielt ihn zurück.

Der nahe Feind, dessen donnernder Schlachtgesang nun beinahe das Knattern des Gewehrfeuers und selbst den Donner der Geschütze übertönte, übte indessen jetzt durch seinen Anblick einen starken Druck auf die schwarzen Truppen unter dem englischen Heere aus. Die Basutos hatten sich zerstreut und waren nicht mehr zu erblicken, die Zulus konnten kaum durch Säbelhiebe und Revolverschüsse der englischen Offiziere und Unteroffiziere zusammengehalten werden, und ein Teil von ihnen war in voller Flucht nach der einzigen Seite hin, welche noch offen war. Pieter Maritz sagte sich, daß auch für ihn die Zeit gekommen sei, wo er an seine Rettung denken müsse. Bald mußten die Zulus das Lager völlig umklammert haben, und dann war er mit den anderen verloren. Der Augenblick war nicht mehr ferne, wo die Zulus anfangenwürden, ihre Assagaien zu werfen, und wenn sie erst so nahe heran wären, sagte er sich, dann würde es zu spät sein, noch zu fliehen. Indem Pieter Maritz so überlegte und doch halb und halb Lust hatte, mit den Europäern zu kämpfen und zu fallen, weil der Pulverdampf und das Getöse des Kampfes seine Sinne mit der Trunkenheit der Kampflust zu umnebeln anfingen, sah er neben sich eine Scene, die ihn entschied. Ein englischer Offizier, dessen Gesicht und Uniform ihm bekannt waren und den er sich erinnerte, bei La Trobe Lonsdales Truppe gesehen zu haben, hatte auf einem der Wagen gelegen, weil er verwundet war. Sein linker Arm war verbunden. Beim Beginn des Kampfes war er vom Wagen gestiegen, hatte das Gewehr eines erschossenen Infanteristen ergriffen, sein Pferd am Zügel genommen, und, das Pferd an seiner Seite, auf den Feind geschossen. Jetzt aber legte er das Gewehr nieder, bestieg sein Pferd und ritt eiligst davon. Als Pieter Maritz dies sah und zugleich erkannte, daß der einzige Rückzugsweg, welcher noch offen war, mit jedem Augenblick schmaler wurde, wandte er Jager, drückte die Kniee an den Sattel und flog im schnellsten Galopp davon. Schrecklich dröhnte hinter ihm das Feuer vieler tausend Gewehre, das Krachen der Kanonen und das wilde Rufen der angreifenden Zulus.

Pieter Maritz ritt einige Minuten und blickte sich dann um. Er befand sich auf einer Höhe, von wo aus er das Schlachtfeld übersehen konnte, und war dem Kampfe so nahe, daß er deutlich die einzelnen Personen unterschied. Unwiderstehlich zog der schreckliche Anblick ihn an, so daß er halten blieb und unverwandten starren Auges zusah, obwohl die Gefahr in so bedrohlicher Nähe war. Die Zulus waren jetzt auf hundert Schritte von der unbeweglichen Linie der englischen Infanterie angekommen und warfen zweimal ihre Assagaien. Dann ergriffen sie ihre Lieblingswaffe, den Stoßassagai und rannten mit dämonisch wildem Rufe, mit jenen entsetzlich gellenden Tönen, die Pieter Maritz von den Manövern her kannte, zum Handgemenge mit den Weißen vor. Die Engländer wichen keinen Schritt. Sicher, daß sie sterben mußten, wollten sie ihr Leben teuer verkaufen. Bis zur letzten Sekunde setzten sie ihr schnelles, sicheres Feuern fort, so daß die Zulus reihenweise stürzten, und dann hielten sie dem wilden schwarzen Feinde das Bajonett vor. Aber die Zulus waren durch nichts aufzuhalten. Wie die Teufel sprangen sie heran, ihre Federbüsche flatterten im Pulverrauch, die grellen Farben ihrer Haut und ihrerWaffenstücke schienen durch den Dampf hindurch, und ihre rauhen Kehlen stießen die unheimlichsten Töne aus. Sie waren in solcher Kampfeswut, daß sie die Gefallenen vom Boden in die Höhe rissen und als Schilde vor sich hertrugen, ja daß sie die Körper der eigenen getöteten und verwundeten Brüder aufhoben und in die Bajonette schleuderten, um sich einen Weg zu bahnen.

Nun bildeten die schwarzen Leiber und die roten Röcke nur noch ein wirres Durcheinander, und furchtbar arbeitete der Stoßassagai. Mann für Mann fielen die Engländer auf der Stelle, wo sie standen, durchstochen nieder. Jetzt schlug der Offizier, der die Artillerie kommandierte, lange Nägel in die Zündlöcher der Kanonen, um sie unbrauchbar zu machen, und in der Sekunde, wo er das zweite Geschütz vernagelte, stieß ihm ein Induna, kenntlich am kostbaren Putz, den Speer durch die Brust. Jetzt fiel der Unteroffizier, der so viel gelacht hatte, durchbohrt zu Boden, jetzt sank Oberstleutnant Pulleine, samt seinem Pferde von vielen scharfen Spitzen getroffen, nun stürzte Oberstleutnant Durnford, wütend mit seinem Säbel um sich hauend, unter den Assagaien nieder. Jeder Mann fiel wie ein Held. Die Offiziere schossen mit ihren Revolvern, bis sie keinen Raum mehr zum Schießen hatten. Sie schwangen den Säbel in der Rechten, während sie mit der Linken feuerten, und ein jeder verkaufte sein Leben um den Preis mehrerer Feinde. Aber die Zulus sprangen mit weiten Sätzen gleich Panthern daher und scheuten keine Gefahr, keinen Schuß, keinen Hieb. Ihre nackten schwarzen Gestalten stürzten sich, den Tod verachtend, im Siegestaumel auf die weißen Männer, und ihre Speere verbreiteten überall den Tod. Die Pferde, selbst die Ochsen wurden erstochen, und nur den äußersten Anstrengungen der Indunas gelang es, einen Teil der Tiere als erwünschte Beute vor den tötenden Assagaien zu retten. Dabulamanzis finstere Erscheinung auf dem schwarzen Pferde mit der Tigerdecke war jetzt inmitten der Scharen, und seine ausgestreckte Hand lenkte die mordtrunkenen Haufen und scheuchte sie von der Beute zurück.

Schaudernd sah Pieter Maritz die Verwüstung. Es war ein Greuel zu sehen. Gleich der Flut des empörten Flusses, den Gewitterregen geschwellt, ergossen sich die schwarzen Scharen mit ihrem Mark und Bein durchdringenden Siegesgeheul über die Stätte dahin, wo das kleine englische Heer gestanden hatte. Nun war kein roter Rock mehr zwischen den Schildern und schwarzen Leibern zu entdecken, das Ächzen, Stöhnen und Schreien der Verwundetenwar verstummt, alle lagen danieder. Die Scharlachröcke und weißen Helme lagen am Boden, in einer Flut von Blut, und die nackten Füße der wilden schwarzen Krieger stampften über die Leichen dahin und traten alles, was lag, tote Körper von Menschen und Tieren, Waffen, Helme, Vorräte an Munition, Kochgeschirr, Speisen, den ganzen Inhalt des Lagers in eine wüste wirre Masse zusammen. Ja der furchtbare Andrang der stürmenden Regimenter stürzte viele Wagen um, und zerrissene Leinwanddächer, zertrümmerte Räder, umgeworfene und zerschlagene Kisten, Fässer und Ballen bedeckten im Verein mit zerfetzten Leichen die vordem grüne Erde.

Pieter Maritz blickte immer noch mit weit geöffneten entsetzten Augen auf die schreckliche Scene, da bemerkte er, daß die Zulus, als sie nichts Lebendes mehr vor ihren Speeren fanden, sich zur Verfolgung der Flüchtigen wandten. Hunderte von schnellen Läufern kamen auf die Stelle zu, wo er hielt.

Da wandte er das Pferd. »Heda, alter Freund,« rief er Jager zu, »jetzt zeige, was du kannst!« Er ließ dem Gaul die Zügel, neigte sich vor, und rasch wie ein Pfeil vom Bogen flog Jager davon.

Pieter Maritz gedachte, nach Rorkes Drift zurückzureiten, und er hatte mit seinem Instinkt des jagdgewohnten Buern unter allen Schrecken der letzten halben Stunde immer die Lage der umliegenden Höhen in der Erinnerung behalten, um den Rückweg nicht zu verfehlen. Aber nun sah er, daß starke Abteilungen vom rechten Flügel des Zuluheeres abgebogen waren, in vollem Laufe in der Richtung auf Rorkes Drift waren und ihm schon den Weg dorthin abgeschnitten hatten. Er mußte es aufgeben, dorthin zu reiten, und geraden Wegs nach dem Buffalofluß eilen und auf gutes Glück vertrauen, um hindurchzukommen. Vor sich sah er Reiter und Fußgänger eben die Richtung verfolgen, welche er selbst zu nehmen gezwungen war.

Er wußte nicht, wie lange sein Ritt dauerte, die Minuten dehnten sich zu Stunden, während er die gellenden Rufe der schnellen Verfolger hinter sich hörte. Doch überholte er viele Flüchtlinge, und wenn er über die Schulter zurückblickte, sah er die geschwungenen Assagaien, wie sie in die Brust der überholten und von Furcht gelähmten Fliehenden drangen. Der Todesschrei der Getroffenen folgte den Hufschlägen seines Pferdes. Jetzt zog das Gefilde sich bergan, das Land ward felsig und durchklüftet: erhatte das Ufer des Buffalo erreicht. Nun war er auf der Höhe in einem schmalen Paß und sah tief unter sich den Spiegel des Flusses. Er erschien dunkel, und nur einzelne weiße Streifen zogen sich hindurch, denn die hohen Felsen beschatteten das Wasser, und nur wo die Wellen an Klippen schäumten, zeigten sich helle Stellen. Der Weg führte steil hinab, und es war kein gebahnter Weg, sondern nur eine Senkung inmitten unzugänglicher Abhänge. Vor sich sah Pieter Maritz wohl an fünfzig schwarze Männer und einige wenige Reiter. Diese kletterten mühsam den steilen Weg hinab, da die Pferde nur mit Schwierigkeit gingen; die Fußgänger, in eine lange Reihe hintereinander verstreut, kamen besser fort. Einige schwammen schon unten im Wasser, ihre schwarzen Köpfe ragten aus der Flut. Auch den englischen Kavallerieoffizier sah Pieter Maritz. Er war mitten im Flusse, den Helm auf dem Kopfe, den Revolver am Kolbenringe mit den Zähnen haltend. Sein Pferd streckte den reich gezäumten Kopf aus den Fluten empor und arbeitete mühsam gegen den Strom.

Pieter Maritz ritt langsam hinab und hielt Jagers Kopf hoch, um das Tier vor dem Straucheln zu bewahren. Schon sah er hinter sich, als er halbwegs hinunter war, die roten Schilde der Verfolger leuchten. Es ging nur Schritt für Schritt weiter und Pieter Maritz biß die Zähne zusammen. Jetzt kam ein Assagai von hinten geflogen, sauste dicht an Jagers Kopfe vorbei und schlug zerspringend an die Felswand an. Pieter Maritz sah sich um und nahm die Büchse zur Hand. Er erblickte mehrere Zulus vom roten Regiment in guter Schußweite. Doch er drohte ihnen nur mit der Büchse und rief ihnen in der Zulusprache zu: »Hütet euch!«

Vielleicht erkannten sie ihn, denn sie hörten auf den Ruf und folgten nur langsam. Glücklich erreichte Pieter Maritz das Ufer. Es fiel jäh ab, so daß wohl zehn Fuß Höhe zu springen waren, aber hier galt kein Besinnen. War der englische Offizier durchgekommen, so konnte auch der Buernsohn hindurch. Er drückte Jager vor, gehorsam sprang das Tier, und einen Augenblick schlug das Wasser Roß und Reiter über dem Kopfe zusammen. Dann aber tauchten sie auf, und kraftvoll ruderte Jager durch die reißende breite Flut. Um ihn her, vor ihm und hinter ihm schwammen Flüchtlinge, und auch einzelne Verfolger warfen sich ins Wasser.


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