Während der Missionar noch überlegte, unter welchem Vorwande er sich dem König nähern könnte, um in erfolgreicher Weise für den Regenmacher ein gutes Wort einzulegen, kam ein Adjutant vom König zu ihm und forderte ihn auf, sogleich zu erscheinen. Es war am Tage nach dem abendlichen und geheimen Besuch des geängstigten Zauberers. Der Missionar machte sich auf und folgte dem Adjutanten. Die Hofleute, welche den Platz vor den königlichen Gebäuden und die inneren Räume erfüllten, waren schweigsam und unruhig. Sie flüsterten nur untereinander und grüßten den weißen Mann mit ehrfurchtsvollen Verbeugungen, als er durch ihre Reihen hindurchschritt. Der König war auf der Veranda seines Palastes allein mit dem Prinzen Sirajo. Er saß auf einem Stuhle von Elfenbein im Schatten des Daches, während Sirajo neben ihm stand. Auf einem Tischchen vor dem Könige stand ein flaches Kästchen von Holz, dessen Deckel aufgeschlagen war.
»Mein Vater möge näher treten,« sagte Tschetschwajo, alsder Missionar ihn begrüßte. »Ich bedarf der Wissenschaft meines Vaters. Die Engländer lieben es nicht, durch den Mund der Indunas zu reden, sondern sie senden ein Papier, welches dem Könige ihre Meinung ausdrücken soll.«
Seine Stirn war finster, als er so sprach, und seine Augen funkelten düster. Der Missionar sah, daß die seit sechs Wochen erwartete Antwort der Engländer auf den Vorschlag Tschetschwajos eingetroffen war, daß aber schon die Art der Überbringung den König zum Zorn gereizt hatte.
»Ich stehe dem Könige zu Diensten,« antwortete er. »Hat Humbati diesen Brief gebracht?«
»Humbati!« rief der König. »Wo ist Humbati? Wo ist der Vogel, der über die Ebene hinflog? Humbati ist nicht wiedergekommen, und mit ihm ist die Schar seiner Krieger verschwunden. Er ist ein Verräter, er, der das Ohr des Königs besaß, er, der die Geheimnisse meiner Brust kannte, denn ich trug ihn nahe meinem Herzen als meinen Freund und Bruder — Humbati ist zum Verräter an mir geworden.«
Der Missionar erinnerte sich des Blickes, mit dem Humbati der Verurteilung seines Bruders zugesehen hatte, und er verstand.
»Weiß der König gewiß, daß Humbati ein Verräter ist?« fragte er.
»Wenn er es nicht wäre, so wäre er zurückgekehrt,« entgegnete der König. »Die Engländer haben ihn nicht getötet, wenigstens nicht mit den Waffen, obwohl sie vielleicht sein Herz mit ihrem Golde vergiftet haben. Doch lies mir diesen Brief, den mein Bruder Sirajo mir gebracht hat. Englische Reiter haben ihn im Krale Sirajos abgegeben.«
Er nahm ein großes Schreiben aus dem Kästchen und reichte das Papier dem Missionar. Dieser las laut, indem er das Englische in die Zulusprache übersetzte:
»Im Dienste Ihrer Majestät der Königin. Der Generalgouverneur des Kaplandes und Oberkommissar für die Angelegenheiten der Eingeborenen, Sir Bartle Frere, an den König Tschetschwajo. Die Regierung Ihrer Majestät zeigt dem König Tschetschwajo den Empfang seiner Botschaft an, welche er durch den Leutnant im Dienste Ihrer Majestät, Lord Adolphus Fitzherbert, übersandt hat, und sie dankt dem König für die gute und ehrenvolle Behandlung, welche er dem britischen Offizier hat zu teil werden lassen.«
Die Stirn des Königs heiterte sich bei diesen Worten etwas auf, und er tauschte einen Blick der Befriedigung mit seinem Bruder aus.
»Zugleich dankt Sir Bartle Frere für den Ausdruck der guten und freundschaftlichen Gesinnung des Königs gegenüber den britischen Besitzungen und spricht die Hoffnung aus, daß diese friedliche Gesinnung sich auch in der That bewähren möge, damit immer ein gutes nachbarliches Verhältnis zwischen dem Zululande und Natal bestehen könne. Dieser Beweis durch die That ermangelt bisher noch, denn gerade in der letzten Zeit sind mehrfache Grenzverletzungen von seiten der Unterthanen des Königs vorgekommen.«
»Wie?« rief der König drohend. »Doch lies weiter!«
»Zweimal sind bewaffnete Haufen durch den unteren Tugela und durch den Buffalo geschwommen und haben Vieh, welches diesseits weidete und den unter britischem Schutze stehenden Farmern gehörte, weggetrieben. Außerdem ist aber eine noch schwerere Grenzverletzung vorgekommen. Zwei Frauen aus dem Krale Sirajos .....«
»Ha!« rief der König, den Missionar unterbrechend. »Doch lies weiter!«
»Zwei Frauen aus dem Krale Sirajos hatten sich geflüchtet und auf britischem Boden Schutz gesucht. Darauf ist eine Kriegerschar in der Nacht bis auf zehn Meilen weit in britisches Gebiet hereingebrochen, hat sich der Frauen bemächtigt, sie zurückgeschleppt und vor dem Krale Sirajos mit Steinen totgeworfen, worin sich nicht nur eine Mißachtung der britischen Gesetze, sondern auch eine grausame und wilde Gesinnung gezeigt hat.«
»Halt ein!« rief der König. »Wie ist die Sache mit den Frauen, Sirajo?«
»Es ist so, wie der Engländer schreibt,« entgegnete der Prinz. »Zwei meiner Frauen zeigten sich widerspenstig, und als ich sie züchtigen wollte, flohen sie heimlich. Ich erfuhr jedoch durch meine Spione, wo sie waren, ließ sie wiederholen und tötete sie, wie sich das gehört.«
»Du hast recht,« sagte der König. »Der Engländer ist unverschämt, sich darüber zu beklagen. Aber es wäre klüger gewesen, mein Bruder, du hättest nicht in dieser Zeit der friedlichen Verhandlungen den stolzen und übermütigen Engländern einen Vorwand zu Klagen gegeben. Das war eine Thorheit von dir, und wenn du künftig nicht klüger handelst, so kann ich dir den Oberbefehl an der Grenze nicht lassen.«
Der Prinz blickte betroffen vor sich nieder. »Lies weiter,« sagte der König.
»Ebenso scheint es mir eine bedauernswerte Unkenntnis der englischen Gesetze und der Verfassung in den englischen Besitzungen zu sein,« fuhr der Missionar fort, »wenn der König voraussetzt, daß die Regierung der Kapkolonie ein Bündnis zum Kriege gegen das Transvaalland mit ihm abschließen würde. Die Buern in Transvaal sind gute und getreue Unterthanen der Königin, und ihr Land wird von der britischen Regierung beschützt, aber nicht geschädigt werden. Der König Tschetschwajo hat schon seit längerer Zeit den Distrikt Utrecht für sich beansprucht, aber es kann ihm nicht deutlich genug ausgesprochen werden, daß jenes Land ihm nicht zukommt und daß er sich jeder Ansprüche darauf zu entschlagen hat.«
»Ich bitte dich,« sagte der Missionar, indem er seine Lektüre unterbrach, »bedenke, daß ich nur lese. Laß deinen Zorn nicht auf den unschuldigen Mund fallen, der fremde Worte ausspricht, weil du es ihm befohlen hast.«
Der Missionar hatte wohl Grund zu dieser Bitte, denn der König war so wütend, daß er nur mühsam atmen konnte, und seine rechte Faust packte das elfenbeinerne schwere Scepter, als wollte er den Überbringer der Botschaft zu Boden schlagen.
»Lies!« rief der König.
»Der Generalgouverneur,« so fuhr der Missionar fort, »hat den Wunsch, mit Tschetschwajo in Frieden zu leben, denn im Frieden gedeiht die Wohlfahrt beider Reiche, des britischen Reiches und des Zulureiches. Aber er möchte sichere Bürgschaft dafür haben, daß Tschetschwajo wirklich den Frieden liebt. Warum hat Tschetschwajo ein so großes Heer unter Waffen? Die britische Regierung fühlt sich dadurch beunruhigt, denn eine bewaffnete Macht von mehr als vierzigtausend Mann so nahe ihren Besitzungen ist für sie eine beständige Drohung. Sie macht dem König folgende Vorschläge: Der König möge sein Heer vermindern in einer Weise, welche mit dem Generalgouverneur verabredet werden soll. Der König möge die festen Krale längs des Tugela und des Buffalo aufgeben und seine Garnisonen weiter zurückziehen. Der König möge die Bai von Santa Lucia an die Engländer abtreten. Denn er bezieht Gewehre und Munition von fremden Schiffern durch diese Bai, und die britische Regierung besorgt, daß diese Waffen zum Kriege gegen die britischen Besitzungen dienen sollen. DerKönig möge endlich gestatten, daß ein britischer Resident in Ulundi wohne und an allen wichtigen Beratungen des Königs mit seinen Indunas teilnehme. Will der König auf diese Bedingungen eingehen, so wird die britische Regierung mit Sicherheit auf die friedlichen Absichten des Zulureiches rechnen können, und dann wird Frieden und Freundschaft zwischen beiden herrschen, und es wird von seiten des Generalgouverneurs alles geschehen, um den Wünschen Tschetschwajos entgegenzukommen. Denn es ist der aufrichtige Wunsch der britischen Regierung, Frieden zu halten und allen solchen Unternehmungen Tschetschwajos, welche das Wohl seines Landes und seiner Unterthanen zum Ziele haben, ihre Unterstützung zu leihen. Der König möge nicht fürchten, daß die britische Regierung Krieg gegen ihn vorbereite. Sie sichert sich nur aus Friedensliebe gegen die kriegerischen Gelüste der Zulus. Der Generalgouverneur grüßt den König Tschetschwajo.«
Als der Missionar den Brief fertig gelesen hatte, blickte er den König an und sah, daß er in eine Aufregung geraten war, welche ihm den Atem beengte, so daß er kaum Worte hervorbringen konnte, als er nun seinem Zorne Luft machen wollte. Zuerst brachen nur einzelne Silben aus seinen Lippen hervor, während sein Gesicht von Blut anschwoll, die Adern auf der Stirn dick aufliefen und die Augen eine rote Färbung annahmen.
»Ha!« rief er. »Ha! O! O! Sirajo! Laß meine ganze Armee sich versammeln! Dabulamanzi soll heranmarschieren! O, Humbati! Das ist Humbatis Hand! Der Verräter! Sirajo, hole mir den Verräter aus den Händen der Engländer hervor, daß ich ihm mit meinen Zähnen das Herz aus der Brust reiße!«
Der König konnte nicht weitersprechen, die Erregung erstickte ihn, er griff mit den Händen nach der Brust, griff in die Perlenkette an seinem Halse und zerriß sie, als ob sie es sei, die ihm Beklemmungen verursache, und sank dann schwer keuchend zur Seite. Er würde zu Boden gestürzt sein, wenn nicht der Prinz zugesprungen wäre und ihn gehalten hätte.
Der Missionar rief währenddessen Hilfe herbei, die Adjutanten und Kammerherren kamen gelaufen, legten den bewußtlosen Herrscher auf ein Lager von Tierfellen, welches sie eiligst in der Veranda bereiteten, und liefen nach dem Leibarzt. Der Missionar ließ währenddessen Wasser bringen und dem stöhnenden Manne Umschläge um den Kopf machen.
Der Leibarzt war in der Nähe und kam schnell herbei. Erwar ein sehr angesehener Doktor und zeichnete sich schon durch seinen Anzug als solcher aus. Er trug einen sehr hohen Kopfputz von Pelzwerk, welcher mit einem breiten Stirnband von Golddraht festgehalten wurde und einer Grenadiermütze glich, dazu eine rote Hose, die einzige Hose vielleicht, welche im ganzen Zululande zu finden war und ehedem wohl einem französischen Soldaten gehört haben mochte. Er war reich behängt mit Ketten und Tierzähnen sowie sonderbar geformten Zieraten und trug einen ledernen Beutel in der Hand. Aus diesem Beutel nahm er ein Messer und einen dünnen Riemen, mit welchem er den rechten Arm des Königs oberhalb des Pulses einschnürte. Dann schlitzte er die Pulsader auf und ließ reichlich Blut herauslaufen, schmierte, als nach seiner Meinung genug Blut geflossen war, die Wunde mit frischem Schöpsenfett ein und verband sie mit einem Brei aus Salbei und andern Kräutern. Der König hatte inzwischen die Augen wieder geöffnet und atmete ruhiger.
Der Missionar entfernte sich während der Behandlung, da seine Anwesenheit nicht ferner erforderlich zu sein schien, und dachte, er könnte die Erkrankung des Königs vielleicht zum Vorteil des armen Regenmachers benutzen. Er hatte in seiner Hütte eine Hausapotheke, mit deren Inhalt er früher wohl kranken Leuten zu Hilfe gekommen war. Seit mehreren Jahren hatte er jedoch schon aufgehört, Medikamente zu verteilen, weil die Schwarzen ihn überlaufen und für einen Zauberer gehalten hatten. Nun nahm er einige der Heilmittel aus der Kiste hervor und bereitete aus Rhabarber und Sennesblättern einen Trank. Diesen Trank trug er in einer kleinen Flasche zu dem Regenmacher und erzählte ihm, daß der König aus Aufregung über eine unangenehme Nachricht krank geworden sei.
»Ich habe hier aus europäischer Medizin ein Heilmittel gebraut,« fügte er hinzu, indem er dem Regenmacher die kleine Flasche gab. »Gehe damit zum Könige und kuriere ihn. Dann läßt er dich aus Dankbarkeit unter seinem Schutze in deine Heimat zurückkehren. Du bist ja wohl mit dem Leibarzt befreundet?«
Des Regenmachers Gesicht, welches sehr trübe gewesen war, hellte sich auf, und er dankte dem Missionar.
»Du bist sehr gut,« sagte er, »und ich bin angenehm überrascht, einen weisen Mann zu finden, der seine Tugendlehren selbst befolgt. Aber weißt du gewiß, daß dieser Trank helfen wird? Oft helfen die Medizinen, aber öfters noch schaden sie, weil derArzt nicht weiß, wie es im Innern des Kranken aussieht. Auch sind die Körper verschieden, und in derselben Krankheit schadet dem einen, was dem andern nützt. Wenn der König kränker würde, so wäre ich verloren.«
»Ich rechne bestimmt darauf, daß diese Medizin hilft,« sagte der Missionar. »Der König denkt, am Herzen zu leiden, und ist kurzatmig, aber wenn ich bedenke, wie gewaltig viel er zu essen pflegt, so sage ich mir, daß eine Erleichterung seines Magens ihm jedenfalls wohl thun wird. Du wirst mit deiner Schlauheit schon einen Weg finden, ihm den Trank so beizubringen, daß er deine Kunst bewundern muß. Wenn du ihm täglich dreimal einen kleinen Löffel voll giebst, wird es das Richtige sein.«
Der Missionar hatte richtig gerechnet. Nach einigen Tagen kam ihm zu Ohren, daß der Regenmacher eine große Zauberkur vollbracht habe. Er sei vom Leibarzt des Königs zugezogen worden, weil die Krankheit des Königs für einen Doktor allein zu groß gewesen sei, und er habe mit Hilfe seiner zauberischen Kunst das Leiden überwunden. Bald darauf kam der Regenmacher auch selbst zu dem Missionar und dankte ihm mit Thränen in den Augen. Ja er zwang sogar dem Retter in der Not eine goldene Kette aus seinem eigenen Halsschmuck auf, und der Missionar konnte das Geschenk nicht zurückweisen, ohne den dankbaren Mann zu beleidigen. Tags darauf reiste der Regenmacher unter Bedeckung einer Abteilung der königlichen Garde ab, und die Verwünschungen des Volkes schallten zwar hinter ihm her, aber Steine konnten ihn nicht erreichen. Und als ob es der Himmel darauf abgesehen hätte, menschlicher Kunst zu spotten, — kaum war der Regenmacher aus dem Gesichtskreis Ulundis verschwunden, da kam ein Landregen von Osten herauf und hüllte vierzehn Tage lang die Erde in Nebel, Dampf und nasse Fluten, so daß niemand in den Straßen der Residenz gehen konnte, ohne mit seinen Füßen bei jedem Schritte dicke Ballen aufgeweichter Erde emporzuheben.
Tschetschwajo ließ indessen, sobald er genesen war, mit aller Kraft an der Rüstung und Schulung seiner Armee arbeiten. Er sah, daß der Krieg unvermeidlich oder die Selbständigkeit seiner Herrschaft verloren sei. Pieter Maritz, der ein offenes Auge für die Begebenheiten hatte, sah, daß nach und nach alle Regimenter mit Gewehren bewaffnet und fleißig im Schießen geübt wurden. Auch gewahrte er, daß die unbehilfliche Art der Bewegung der Truppen sich änderte. Die Regimenter von Ulundi übten sich inder Ebene, einen Teil der Leute vorzuschicken, welche einzeln fochten und als Schützen den dichten Haufen des Regimentes umgaben. Wenn diese Leute feuerten, so warfen sie den Schild auf den Rücken, und es waren Riemen am Schilde angebracht worden, woran sie ihn über der Schulter tragen konnten, so daß sie die Hände frei hatten. Nur behielten sie immer noch die Assagaien bei, wodurch sie beim Schießen außerordentlich belästigt wurden. Sie richteten ihren Angriff so ein, daß sie auf weite Entfernung mit ihren Gewehren zu schießen anfingen und dann vorliefen, bis sie auf Wurfweite von den Scheiben waren. Alsdann schleuderten sie auf Kommando zweimal den leichten Wurfspieß, nahmen dann den Stoßassagai in die rechte Faust, Gewehr und Schild in die linke Hand und gingen zum Handgemenge vor. Die geschlossenen Regimenter wurden nicht mehr so tief wie früher aufgestellt, sondern zählten beim Angriff nur noch acht Glieder hintereinander.
Dabulamanzi war der Urheber aller dieser Neuerungen, und er kam häufig von Mainze-kanze herüber, um die Übungen der Armee von Ulundi zu überwachen. Nachdem die Regenzeit vorüber war, ward auch ein großes Manöver nördlich von Ulundi abgehalten, zu welchem die Armee von Mainze-kanze herbeikam. Gegen dreißigtausend Mann blieben in der Ebene am Schwarzen Umvolosi vier Wochen lang zusammen und führten große taktische Bewegungen aus. Vorzüglich übten sie ein bestimmtes Manöver: ein kleines Corps ward aufgestellt, und die übrige Armee griff dieses an. Dann bildete die große Masse eine lange Linie, welche gegen den Feind vormarschierte und allmählich in der Mitte anhielt, während die beiden Flügel herumschwenkten, so daß der Feind in einen Halbkreis eingeschlossen ward.
Der Missionar und Pieter Maritz durften freilich an diesem Manöver nicht teilnehmen, denn ein gewisses Mißtrauen des Königs seit dem Verschwinden Humbatis machte ihn selbst gegen den Missionar, den er doch immer noch in Ehren hielt, argwöhnisch. So konnte Pieter Maritz nicht mit eigenen Augen sehen. Aber die Zulus, mit denen die Weißen in Berührung kamen, prahlten mit den kriegerischen Großthaten ihres Volkes, sagten, daß nun das Mittel gefunden sei, die Weißen zu schlagen, und schilderten dabei die große Kunst Dabulamanzis im Umklammern des Feindes.
Der Missionar war in großer Besorgnis gewesen, daß Tschetschwajo im Zorne über die Forderungen des englischen Generalgouverneurs und über die Abweisung seines Bündnisantragseinen Teil seiner Rache auf ihn selbst und Pieter Maritz fallen lassen würde. Denn durch des Missionars Vermittelung war doch der Lord für die Botschaft gewonnen worden, und für einen Despoten wie Tschetschwajo lag die Vermutung nicht ferne, daß die Weißen in ihrer Verachtung der Schwarzen die Botschaft des Zulukönigs schlecht bestellt oder gar deren Vereitelung unter sich ausgemacht hätten. Als nichts erfolgte, was eine solche Besorgnis als begründet erscheinen ließ, ward der Missionar von hoher Achtung vor dem Charakter des Königs erfüllt, der seinen Grimm nicht an einem Unschuldigen ausließ, den er in seiner Macht hatte. Die Weißen wurden nach wie vor in ihrer Wohnung beschützt und mit Lebensmitteln versorgt, nur ward ihnen die Gelegenheit, mit den Zulus zu verkehren, beschränkt, und so fand sich für den Missionar kein Mittel, seinem Berufe und dem Ziele seines Lebens, nämlich der Lehre des Evangeliums, nachzugehen. So ward auch er mißmutig und ersehnte gleich dem Buernknaben den Augenblick der endlichen Abreise. Aber keine Aussicht zur Abreise zeigte sich, und der Missionar wagte nicht, den König um seine Entlassung zu bitten, um nicht in den Verdacht zu geraten, er wolle die Geheimnisse des Zululandes und der Pläne des Monarchen den Engländern verraten. Lange Monate saßen der alte Mann und der mehr und mehr heranwachsende Knabe in Verlassenheit und trüber Stimmung auf ihrem Gehöft vor den Hütten, verfolgten den Zug der Wolken und den Wandel der Gestirne und versuchten in belehrenden Gesprächen ihrer traurigen Gedanken Herr zu werden.
Solche Gespräche verschafften dem nun zum Jüngling heranreifenden Buernsohn einen kostbaren Schatz: die Erkenntnis vieler wichtiger Dinge, die ihm daheim immer fern geblieben sein würden. Er ward vertraut mit der Beschaffenheit des Himmels und der Erde, mit der Lage fremder Länder und deren Gebirgen, Flüssen, Städten und Einwohnern. Er lernte die Geschichte der europäischen Nationen kennen. Er hatte Unterricht in der Mathematik und manchen andern Wissenschaften. So bildete sich sein Geist, während sein Körper an Größe und Kraft zunahm.
Das Jahr 1878 neigte sich zu Ende, und der Missionar rüstete mit seinem jungen Freunde gemeinsam ein grünes Bäumchen, eine kleine Euphorbiacee, zu, um nach der Gewohnheit der Heimat ein christliches Weihnachtsfest zu feiern, als unerwarteterweise ein Bote vom König kam und den Missionar zu Hofe lud. DerMissionar dachte, es sei vielleicht wieder ein Brief gekommen, den er übersetzen solle, doch zeigte sich diese Annahme als irrig. Der König war allein und saß in nachdenklicher Haltung in einem seiner Gemächer auf der mit Löwenfellen bedeckten hölzernen Ruhebank.
»Du warst mein Vater,« sagte er mit sanfter Stimme zu dem alten Manne, der ihn mit einer Verneigung begrüßte. »Tschetschwajos Herz hat nicht vergessen, was du ihm Gutes gethan. Ich sehe, daß dein Herz traurig ist und sich zurücksehnt nach dem Lande des Königs Wilhelm. Geh, ich lasse dir das Land offen, und wenn du in deine Heimat zurückgekehrt bist, so sage deinem König, daß Tschetschwajo gütig gegen dich war.«
Der Missionar war freudig bewegt bei diesen Worten, die ihm das lang ersehnte Ziel der Rückkehr nahe rückten, und fühlte sich von Dankbarkeit durchdrungen. Dieser unumschränkte Herrscher über ein Volk, welchem jeder seiner Winke Befehl war, dieser Tyrann, der nicht sparsam war mit Menschenblut, hatte sich, durch eine unerklärliche Macht bewogen, gegen ihn, den allein stehenden Fremden, stets gut und milde gezeigt. Er hatte sich von dem fremden weißen Manne mehr verurteilende und vorwurfsvolle Reden gefallen lassen, als er sonst wohl im Laufe seiner ganzen Regierung zu hören bekommen hatte, und der Missionar wünschte, irgend etwas thun zu können, was dem Könige wahren Nutzen thäte.
»Du schickst mich und meinen jungen Freund fort,« erwiderte er, »und ich danke dir für deine Güte. Aber denke nicht, daß ich gern von dir gehe, während ich mir doch sagen muß, daß ich dir keinen Vorteil gebracht und deine Freundlichkeit mit nichts vergolten habe. Glaube mir, König Tschetschwajo, ich würde glücklich sein, ferner an deinem Hofe weilen zu können, wenn ich hoffen dürfte, dir dasjenige geben zu dürfen, was meinen ganzen Reichtum ausmacht.«
»Wovon redet mein Vater?« fragte Tschetschwajo.
»Du weißt, daß das Gold sehr kostbar ist,« sagte der Missionar, »aber Gold habe ich nicht zu geben. Du weißt, daß das Vieh kostbarer ist als Gold, aber Tschetschwajo hat selbst unzählige Herden Vieh. Du weißt, daß das Eisen kostbarer ist als Gold und Vieh, denn mit dem Eisen sind Gold und Vieh zu erringen. Von alledem rede ich nicht, denn ich bin in diesen Dingen arm, du aber bist ein reicher und mächtiger König. Aber ich rede von etwas anderm, was noch kostbarer ist als das Eisen: es ist dieWeisheit. Sie lenkt das Eisen, und sie lenkt alle Dinge. Denn ohne Weisheit schadet aller Reichtum und alle Macht, die Weisheit aber giebt uns alles.«
»Du redest von dem Christentum,« sagte der König. »Du möchtest, daß ich und mein Volk die Waffen ablegten und den unsichtbaren Gott verehrten?«
»Ich habe kaum noch den Mut, vom Christentum zu reden,« entgegnete der Missionar. »Denn ich weiß ja, daß der König keine Zeit dazu hat, an seine Seele zu denken. Aber ich möchte davon reden, daß du Krieg führen willst, und hinsichtlich dieser Angelegenheit möchte ich dir einen Rat geben.«
»Ich wollte Krieg führen?« rief Tschetschwajo. »Du irrst dich. Die Engländer sind es, welche Krieg führen wollen. Sie haben mich mit Waffen umstellt, wie die Jäger den Elefanten umringen. An allen Punkten meiner Grenze haben sie feste Krale erbaut und große Schießgewehre hineingestellt, welche sie auf Rädern fahren. Sie haben nach dem Untergange der Sonne wie nach Mittag hin bewaffnete Krieger versammelt. Sie haben die Buern, die in ihren Besitzungen wohnen, zu Pferde steigen lassen, und viele Hüte zeigen sich zwischen den weißen Helmen. Sie haben unter meinen Nachbarn, den Swazis, Regimenter gebildet. Ja, sie haben mein eigenes Volk in Natal, das Volk, welches unter meinem Scepter stehen müßte — denn es sind Zulus —, das haben sie gegen mich bewaffnet, und zehntausend Krieger von schwarzer Farbe stehen gegen mich unter dem Gewehre. Sage deshalb nicht, daß ich Krieg führen will, sondern sage, daß ich Krieg führen muß. Oder was soll ich thun?«
»Du weißt,« sagte der Missionar, »daß der König groß ist, welcher es ertragen kann, daß seine Freunde ihm sagen, was er nicht gern hört. Denn ein König ist sehr stark, und er kann, wenn er will, die Männer töten, welche ihm etwas Unangenehmes sagen. Hört er sie deshalb ruhig an, so zeigt er, daß seine Weisheit noch größer ist als seine Kraft.«
»Du hast recht,« sagte der König, »aber mein Vater hat schon erfahren, daß Tschetschwajo es ertragen kann, daß die Füße weiser Männer seinen Nacken treten.«
»Nun denn, so will ich frei reden. Deine Armee ist groß und stark und tapfer, o König, aber ich sage dir, du kannst den Kampf mit den Engländern nicht aufnehmen.«
»Oho!« rief der König und sprang von seinem Sitze auf.
»Die Engländer sind zu stark für dich,« fuhr der Missionar unerschrocken fort. »Du kennst ihre Macht nicht. Sie umspannen die ganze Erde und alle Meere mit ihren Kriegern und Schiffen. Bedenke nur, daß sie jetzt, während sie gegen dich den Krieg rüsten, auch noch in einem andern Lande, viele hundert Meilen von hier, Krieg führen. Man nennt jenes Land Afghanistan, und die Menschen sind dort weder weiß noch schwarz, sondern bräunlich. Der englische Induna hat mir davon erzählt. Vielleicht kannst du sie zu Anfang besiegen, denn du bist ein mächtiger König, aber es wird dir das nichts helfen, denn für jeden Engländer, den du tötest, kommen zwei andere über das Meer. Du wirst zuletzt deine Herrschaft verlieren.«
Der König blickte düster vor sich nieder. »Was soll ich thun nach deinem Rat?« fragte er.
»Der Generalgouverneur hat dir geschrieben ....«
»Ha!« rief der König, »rede mir nicht von jenem Briefe! Wenn ich daran denke, wird mein Herz rot wie Blut.«
»Die Engländer haben zu viel verlangt,« fuhr der Missionar fort. »Du könntest ihnen die Hälfte von dem geben, was sie verlangen, und sie wären zufrieden.«
»Was soll ich ihnen geben?«
»Wenn der König einen seiner Brüder zu den Engländern senden wollte und mich in dessen Begleitung, damit ich die Reden mitteilte, so würde sich vielleicht der Friede aufrecht erhalten lassen. Der König möge versprechen, die Garnisonen von der Grenze zurückzuziehen und die Armee zu vermindern, dann würden die Engländer beruhigt sein. Für das Land aber wäre dies von Vorteil, denn das Waffentragen macht arm, der Ackerbau aber reich.«
Der König lächelte bitter.
»Du hast mir einmal gesagt, der Mensch habe eine Seele in sich, welche nach dem Tode weiterlebte,« sagte er. »Wenn ich nun tot bin und meine Seele lebt und sie begegnet der Seele Pandas, meines Vaters, was soll sie antworten, wenn Panda sie fragt, was aus dem Zulureiche geworden ist? Nein, es gilt jetzt zu kämpfen! Ich werde mit meinen Kriegern den Engländern entgegengehen, und dann will ich siegen und mächtig sein oder untergehen wie ein König. Geh, verlasse mich, nimm deinen Freund, deine Diener und deine Ochsen mit dir und ziehe heim, ehe die Waffen klirren. Versuche nicht länger, das Herz des Königs zu schmelzen.«
»So lebe denn wohl, und der allmächtige Gott möge mit dir sein!« rief der Missionar, indem er feierlich seine Hände erhob. Noch einen Blick warf er auf die mächtige Gestalt des schwarzen Königs, den er im Geiste als dem Verderben geweiht erkannte, dann wandte er sich und ging.
Als Pieter Maritz hörte, daß der König die Erlaubnis zur Abreise gegeben hatte, war er vor Freude wie berauscht. Nun endlich sollte er die Heimat und die Seinigen wiedersehen, welche nicht wußten, wo er war und ob er noch lebte. Seit fast einem Jahre war er von ihnen getrennt. Wie mochte es ihnen ergehen? Waren die Brüder und Schwestern wohl und gesund? Waren sie gewachsen? Wie mochten sie aussehen? War die Mutter gesund? Wie mochte es der Gemeinde gehen? Er malte sich im Geiste alles lebhaft so aus, wie er wünschte, daß es sein möchte, und die weite Entfernung, die Mühen der Reise, die Gefahren des Marsches erschienen ihm in dieser Freude ganz unbedeutend.
Er holte das kleine Bäumchen herbei, welches am Abend brennen sollte, besteckte es mit Kerzen, die er selbst aus Talg gemacht hatte, und zündete diese an, obwohl es Vormittag war. Denn es galt keinen Verzug, heute noch sollte aufgebrochen werden. Der Missionar hielt ein Dankgebet, und dann gingen beide daran, den Wagen zu bepacken und die Ochsen anschirren zu lassen.
Währenddessen erschien ein Adjutant Tschetschwajos und überbrachte den Befehl des Königs, in nordwestlicher Richtung nach dem Transvaallande zu reisen. Eine bewaffnete Abteilung sollte den Zug bis zur Grenze begleiten. Der Missionar ließ durch den Adjutanten den König bitten, auch die Missionsbrüder auf dem Lande und den bei jenen weilenden Titus Afrikaner nebst dessen Gefolge mitnehmen zu dürfen, damit auch diese Leute vor den Schrecken des drohenden Krieges bewahrt blieben. Der König erlaubte es, und der Missionar beschloß, einen Umweg zu machen, um die Missionsstation zu berühren.
Bald nachher traf eine Abteilung von zwölf Kriegern vor dem Gehöft des Missionars ein, dieser entließ die Beamten und Diener vom Hofe, nachdem er sie beschenkt hatte, und bald nach Mittag klatschte Kobus mit der langen Peitsche, und der Wagen rollte ächzend und knarrend durch die Straßen Ulundis, hinaus ins freie Feld. Jubelnd ritt Pieter Maritz auf Jagers Rücken voraus.
Die Missionsstation, zu welcher Titus Afrikaner auf Tschetschwajos Befehl geschickt worden war, lag vier deutsche Meilen westlichvon Ulundi und ward am ersten Weihnachtsfesttage von der Reisegesellschaft erreicht. Drei Gebäude von Fachwerk, nach Art der Häuser in Transvaal gebaut, standen im Thale an einem Flüßchen, von etwa fünfzig Hütten umgeben, bestellte Felder und bebaute Gärten lagen rings um die Gebäude. Zwei deutsche Familien bewohnten die in der Abgelegenheit, fern vom Tumult der Militärkrale erbauten Häuser. Die Brüder waren einfache und wenig bedeutende Naturen, obwohl ihrem Berufe in echter Frömmigkeit ergeben, und sie hatten niemals Einfluß auf Tschetschwajo zu erringen gewußt gleich dem durch die Gewalt seiner Persönlichkeit hervorragenden alten Manne, der jetzt kam, um sie vor dem Kriegssturm zu retten. Sie waren sehr erfreut über dessen Ankunft und Nachrichten. Denn das Gerücht von nahe bevorstehenden Kämpfen war auch zu ihnen gedrungen, obwohl sie nur undeutliche und schwankende Vorstellungen von der Art der Gefahr hatten. Sie sagten, daß sie schon an Flucht gedacht hätten, daß aber die Befürchtung, an der Grenze von den Außenposten der Zulus zurückgewiesen zu werden, sie zurückgehalten hätte.
Auch Titus Afrikaner kam herbei, um seinen Bekehrer zu begrüßen. Er hatte sich in seinem Äußern jetzt ebenso verändert wie in seinem Innern. Sein Haar war mit weißen Streifen durchsetzt, sein Gesicht war faltig, die schwellenden Muskeln seiner Glieder waren eingefallen. Er war sehr gealtert, trotz der kurzen Zeit, denn die Entbehrung kriegerischer Übung, die anhaltende Beschäftigung mit geistlichen Dingen und vielleicht auch der Gram über den Verlust alles dessen, was er besessen, hatten ihm den Stempel des Greisentums vor der Zeit aufgedrückt. Doch war sein Blick ruhig und heiter, und es sprach aus seinem Gesicht das Bewußtsein von etwas, was besser ist als kriegerischer Stolz, Ehre unter den Stammesgenossen und reicher Besitz.
Von seinen zwanzig Anhängern war noch ein einziger bei ihm.
»Wo sind die andern neunzehn deiner Freunde?« fragte der alte Mann.
Titus Afrikaner zuckte die Achseln und lächelte schwermütig.
»Sie sind alle fortgelaufen, einer nach dem andern,« sagte der eine der Missionsbrüder. »Sie konnten, wie sie sagten, das Beten nicht mehr aushalten. Ach, es hält schwer, die Bekehrten im Glauben aufrecht zu erhalten.«
»Danken wir Gott für diese beiden Seelen!« sagte der alte Mann. »Vorzüglich aber für Titus Afrikaner, der ein Gewaltigerunter den Heiden war. Ich wäre sehr traurig, wenn ihr auch ihn verloren hättet.«
»Wir können wahrhaftig nichts dazu, daß die andern fortgelaufen sind,« entgegneten die Brüder. »Wir haben es an Ermahnungen und täglichen Bitten nicht fehlen lassen.«
Mit Frauen und Kindern, mit Kisten und Kasten in einem zweiten Ochsenwagen zogen am folgenden Tage die Missionare davon, der Grenze zu. Titus Afrikaner ging neben seinem ehrwürdigen Freunde, und sein Antlitz strahlte vor Glück, den Mann wieder reden zu hören, der so viel Gewalt über seine Seele gewonnen hatte.
»O mein Lehrer,« sagte er, »wie freue ich mich deiner! Ich entsinne mich der Sänger und Spielleute, die ehedem mein Ohr entzückten, wenn ich auf Kriegsthaten sann, und ich weiß, daß meine Brust schwoll bei ihren Melodien. Aber du bist ein viel mächtigerer Spielmann als jene. Denn ohne Instrumente, nur mit der Gewalt deines Mundes, mit dem Klange deiner Worte, erregst du mir das Herz viel mehr, als jene konnten, und ich lausche begieriger auf deine Stimme, als ich je auf Musik gelauscht habe. Ich sehne mich nach dem Himmel, um die Schönheit Gottes zu sehen, von der du mir erzählst, und ich wünschte, mein irdischer Leib läge schon begraben in der Erde, um die Seele hinauf zu lassen in den Glanz des Paradieses.«
Der Zug gelangte nach acht Tagen, im Thale des Inlanganaflusses hinaufziehend, an die Grenze des Zululandes und näherte sich einem der äußersten Posten der Zulutruppe, welche die Transvaalgrenze überwachten. Hier kehrte die bewaffnete Begleitung um, und die beiden Wagen fuhren ohne Bedeckung weiter. Pieter Maritz ritt voran, die Büchse vor sich auf dem Sattel, um bei einem Angriff eines wilden Tieres oder eines Räubers an der unruhigen Grenze sofort bereit zu sein. Die Missionare wollten an diesem Tage noch Potgieters Farm erreichen, um die Nacht möglichst in Sicherheit zu verbringen.
Aber es wurde Abend, und noch zeigte sich die Farm nicht. Ringsum war das Land unwirtlich und lud nicht zum Rasten ein; der Zug ging weiter, da man hoffte, doch noch beim Sternenschein den ersehnten Punkt zu erreichen. Jetzt ging es durch ein Thal mit sanft geneigten Hängen und einzelnen Baumgruppen, deren Schatten bei der bleichen Beleuchtung des Nachthimmels wie ungeheure schwarze Klumpen am Wege lagen. Die Wagen rolltenziemlich bequem, da hier eine Straße durch das Land führte, die durch viele Räder und Hufe fest geworden war.
Mit einem Male hielt Pieter Maritz, der dem Zuge etwa hundert Schritte voranritt, sein Pferd an und spähte in die Nacht hinein. Er glaubte, etwas wie Stimmen vernommen zu haben. Gespannt lauschte er, und in der That hatte er sich nicht getäuscht: Stimmen und ein leises Klirren klangen aus der Ferne von seitwärts herüber. Er wandte sein Pferd und ritt zu den Wagen zurück, um sie halten zu lassen, aber schon während er unterwegs war, erschien eine Anzahl von dunklen Gestalten seitwärts des Weges, und Schüsse knallten. Gleich darauf liefen wohl ein Dutzend schwarzer Krieger zu den Wagen, hielten die Ochsen an und fragten die Reisenden, wer sie wären und wohin sie wollten. Die jüngeren Missionare waren in großer Bestürzung, zumal da sie Frauen und Kinder bei sich hatten, und nur der alte Mann, der schon so vielen Gefahren ins Auge gesehen hatte, behielt seine Ruhe. Doch konnte auch er sich nicht auf Auseinandersetzungen mit den Schwarzen einlassen, weil er ganz durch die Sorge um Titus Afrikaner in Anspruch genommen war. Von den Kugeln, die aufs Geratewohl abgefeuert und zum größten Teil über den Wagenzug hingepfiffen waren, hatte eine getroffen: Titus Afrikaner, welcher an der Seite des alten Missionars dahinschritt, war in die Brust geschossen worden und lag in seinem Blute.
Die Schwarzen benutzten die Verwirrung, welche ihr unerwarteter Angriff hervorgerufen hatte, und machten sich trotz des kläglichen Geschreis der erschrockenen Kinder und des Hilferufens der Frauen und Missionare daran, die Wagen zu plündern, obwohl Pieter Maritz sich bemühte, sie zurückzuhalten, als plötzlich neue Gestalten auftauchten und eine Stimme zu hören war, welche auf englisch in der gotteslästerlichsten Weise fluchte. Trotz dieser Flüche, welche von einem Manne ausgestoßen wurden, der große Übung in dem Gebrauche rollender und roher Ausdrücke zu haben schien, kam die englische Sprache den Reisenden in ihrer Not wie eine Erlösung vor, und sie bemerkten zu ihrer großen Freude einen Scharlachrock unter den schwarzen Gestalten, die den Zug umringten. Es war ein englischer Unteroffizier, der in der Negerschar auftauchte.
»Zehntausend Schock Millionen Granaten sollen euch in Grund und Boden schlagen, ihr gottverdammten Spitzbuben von Niggers ehe ihr nur die leiseste Ahnung vom Dienste eines Piketts bekommt!«rief der Unteroffizier, indem er mit dem Kolben seiner Büchse völlig unbekümmert um die Knochen seiner Untergebenen, zwischen die Menge der Schwarzen stieß, um sich einen Weg zu bahnen. »Habe ich euch Halunken gesagt, daß ihr schießen sollt? Steht ihr auf Vorposten, um zu stehlen?«
Dann wandte er sich an die Missionare und sagte: »Die Herren mögen entschuldigen, aber diese Niggers sind wie das liebe Vieh. Eher wollte ich ja eine Herde Rindvieh abrichten,God save the Queenzu singen, als diese verfluchten Swazi zu anständigen und honetten Soldaten machen. Die Kerls schössen wahrhaftig auf die Kutsche Ihrer Majestät der Königin — Gott erhalte sie! wenn es der gnädigsten Monarchin einfallen sollte, hier spazieren zu fahren. Aber was ist das? Da liegt ja einer am Boden! Na, Gottlob, 's ist nur ein Nigger.«
»Ja, es ist nur ein Schwarzer,« sagte der alte Missionar mit bewegtem Tone. »Aber ich sage Euch, in diesem Manne stirbt ein besserer Christ, als viele Tausende mit weißer Haut Christen sind. Titus Afrikaner, mein Freund, mein Bruder, sieh mich an! Wie geht es dir?«
Titus Afrikaners Tod.
Titus Afrikaners Tod.
Die eindrucksvolle Stimme des Missionars und der Anblick des tödlich Verwundeten hatten Ruhe hervorgerufen, und ein weiter Kreis von schwarzen und weißen Menschen bildete sich um den am Boden liegenden Häuptling und den über ihn geneigten alten Mann.
Titus Afrikaner schlug die Augen auf und sah dem Missionar mit einem glücklichen Lächeln ins Gesicht. »Du hast mich einen Christen genannt, mein Vater,« sagte er. »Nun werde ich den Mann auf dem Berge sehen, der mir seine Hand entgegenstreckte. Ich gehe der Erscheinung Jesu Christi entgegen.«
»Ja, du wirst ihn sehen, den Heiland,« sagte der Missionar, »seine erlösende Hand wird dich aus der Angst der Sünde befreien und wird dir die Krone reichen, die dem bestimmt ist, der sich selbst besiegte. Aber sprich, mein Freund, können wir nichts thun, dein Leben zu retten? Wir wollen deine Wunde verbinden, und du wirst genesen.«
Titus Afrikaner schüttelte langsam den Kopf. »Hier sitzt der Tod,« sagte er, auf seine Brust zeigend. »Laßt mich ruhig liegen. Ich sterbe gern in deinem Arm, mein Vater. Du rettetest meine Seele vom Verderben. Ehe ich dich kannte, war ich nur ein wildes Tier, du hast mich zu einem Christen gemacht.«
Der Missionar sah, daß der Häuptling die Wahrheit sprach, als er seinen Tod als nahe bezeichnete, denn die Wunde saß nahe der Herzgrube, und das Blut quoll nur in einzelnen Tropfen hervor. Das Gesicht des Verwundeten verlor nach und nach die Farbe des Lebens, und die Augen bekamen einen überirdischen Ausdruck.
»Gott ist sehr gütig, daß er mich sterben läßt,« sagte der sterbende Häuptling mit leiser Stimme. »Nun wird mich keiner der Krieger mehr verspotten, und ich werde in ein Land kommen, wo nur Christen sind.«
Dann blickte er sich suchend um, und als er den einzigen seiner Anhänger, der ihm treu geblieben war, im Kreise der Umgebenden stehen sah, winkte er ihm mit den Augen, näher zu kommen. Der treue Basuto ging auf ihn zu und benetzte seine Hand mit Thränen.
»Ich danke dir, mein Bruder, daß du bei mir geblieben bist,« sagte Titus Afrikaner. »Lebe wohl und bleibe Christo so treu, wie du deinem Häuptling geblieben bist. Dann werden wir uns im himmlischen Jerusalem wiedersehen.«
Damit faltete er die Hände, die ehemals so tapfer und geschickt die Büchse zu handhaben verstanden hatten, über der Brust und betete in Gemeinschaft mit dem Missionar, bis sein Atem zu schwach wurde, um noch Worte hervorzubringen. Nur die Lippen bewegten sich noch ein wenig, und endlich ruhten auch diese, die Augen brachen, ein Zucken durchschauerte den Körper, und mit einem Seufzer endete er sein Leben.
Der Missionar richtete sich auf, und seine Augen liefen von Thränen über. »Seht hier das Ende eines Christen,« sagte er laut und eindringlich, »und betet mit mir zu Gott für das Heil seiner Seele.«
Die Missionare mit ihren Frauen falteten die Hände, Pieter Maritz stieg vom Pferde und zog den Hut, auch der englische Unteroffizier nahm den Helm ab, und die Swazikrieger standen verdutzt, aber ehrfurchtsvoll schweigend umher. Der Missionar betete das Vaterunser in deutscher Sprache, und feierlich klangen die Worte in der stillen Nacht im einsamen Thale an der kriegbedrohten Grenze.
»Und nun macht den Weg frei und laßt uns in Frieden weiterziehen,« sagte der alte Missionar, nachdem er das Gebet beendigt hatte.
»Ich bedaure, das ist nicht möglich,« entgegnete der Unteroffizier. »Es ist Befehl, alle Reisenden aus dem Zululande zum Kommandierenden zu führen. Ihr müßt mir alle folgen.«
»Wohin?« fragte der Missionar.
»Zum Kommandanten La Trobe Lonsdale, in dessen Quartier zu Potgieters Farm.«
Als die Reisenden vernahmen, daß sie nach eben dem Orte gebracht werden sollten, wohin sie schon selbst zu reisen beabsichtigten, wurde ihr Gemüt ruhig, und sie bereiteten sich, dankbar für diese Wendung, welche der Überfall nahm, zum Weitergehen. Die von den Swazis aus den Wagen gerissenen Gepäckstücke wurden wieder aufgepackt, Frauen und Kinder kletterten nach, und die Männer bestiegen ihre Pferde. Der Leichnam des erschossenen Häuptlings wurde auf des alten Missionars Verlangen von zwei Schwarzen aufgehoben und mitgenommen, denn es sollte dem christlich Gestorbenen ein christliches, feierliches Begräbnis zu teil werden. Noch eine halbe Stunde lang ging es beim Sternenlicht weiter, dann glänzte der rote Schein von Lagerfeuern, und die Reisenden sahen sich an einer großen Lagerstätte von schwarzen Kriegern angelangt. Mehr als tausend Swazis schliefen in ihren Mänteln von Tierfell am Boden, und nach europäischer Weise waren Posten ausgestellt, welche den Zug durchließen, nachdem der englische Unteroffizier dasFeldgeschrei gegeben hatte. Durch die Posten und Schlafplätze hindurch rollten die Wagen vor das Gehöft, wo der englische Kommandant sein Quartier aufgeschlagen hatte.
La Trobe Lonsdale lag schon im Schlafe, doch wurde er geweckt, um die Ankömmlinge sprechen zu können, und die Missionare sowie Pieter Maritz wurden in ein Zimmer geführt, wo der Offizier sie beim Scheine einer Lampe empfing und nach dem Ziel ihrer Reise und dem Orte ihrer Herkunft befragte. Er schien verwundert zu sein, als er hörte, daß der alte Mann und Pieter Maritz aus der Hauptstadt Tschetschwajos kamen, da er wohl nicht erwartet hatte, daß der Zulukönig unter den jetzigen Zeitverhältnissen das Blut von Weißen verschonen würde, die in seiner Macht waren. Doch war er erfreut, nun Leute vor sich zu sehen, die ihm über die Zustände im Zululande Auskunft geben könnten. Aber sowohl der alte Mann wie Pieter Maritz verweigerten jede Auskunft, und die beiden jüngeren Missionare erklärten mit gutem Gewissen, daß sie nichts von den Zuständen beim Heere Tschetschwajos wüßten.
»Wir haben seit fast einem Jahre Tschetschwajos Brot gegessen, und er ist großmütig gegen uns gewesen,« sagte der alte Mann. »Deshalb wäre es Verräterei, wenn wir etwas über sein Heer und seine Pläne sagen wollten.«
Der englische Offizier war unzufrieden mit dieser Antwort, denn er hätte sehr gewünscht, über den Feind Nachricht zu erhalten; doch konnte er sich nicht der Einsicht verschließen, daß eine ehrenwerte Gesinnung die Weigerung der ehemaligen Gäste Tschetschwajos hervorrief. Er sann einen Augenblick nach und sagte dann, er wolle in Rücksicht auf das Alter und den Beruf des Missionars der ferneren Reise der drei Missionare mit den Familien kein Hindernis in den Weg legen. Der junge Mensch dagegen, welcher ein Buer zu sein scheine, müsse in das Hauptquartier nach Utrecht gebracht werden, um vor dem Obersten Wood zu erscheinen. »Ich lasse Euch Pferd und Waffen,« sagte der Kommandant zu Pieter Maritz, »weil ich darauf vertraue, daß Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet. Ihr werdet Euch darauf besinnen, was der Patriotismus jedem englischen Unterthan vorschreibt.«
Damit entließ er die Reisenden, ordnete an, daß Pieter Maritz bewacht und am folgenden Morgen unter Bedeckung nach Utrecht gebracht würde, und kehrte in seinen Schlafraum zurück.
Die Reisenden schlugen ihr Nachtquartier in einem Gehöft von Potgieters Farm auf, und der alte Missionar und Pieter Maritzunterhielten sich über die neuen Ereignisse, welche sie betroffen hatten. Die Erlebnisse, welche sie gemeinsam gehabt, ließen ihnen beiden das Jahr, welches sie zusammen gewesen waren, als eine fast unabsehbar lange Zeit erscheinen. Besonders für Pieter Maritz, dem die Zeit noch langsam verstrich, weil er jung war, schien der Rückblick auf die Vergangenheit, auf die Reise vom Buernlager im Norden Transvaals bis zu den Garnisonen der Zulus im Südosten von Afrika fast wie eine Ewigkeit, und er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, den alten Mann verlassen zu müssen. Dieser erklärte, daß er es für seine Pflicht halte, bei den jüngeren Missionaren zu bleiben und mit ihnen zusammen eine Station zu gründen, entweder in Transvaal oder im Zululande, sobald der Krieg beendigt sei. »Was dich anbetrifft, Pieter Maritz,« sagte er, »so hoffe ich, daß du bald zu den Deinigen zurückgekehrt sein wirst. Der englische Kommandant in Utrecht wird dich hoffentlich bald entlassen, und dann kannst du dich nach deiner Gemeinde erkundigen und sie aufsuchen. Deine Furcht, wegen der Entweichung der beiden Zulus bestraft zu werden, wird ja nun wohl verschwunden sein. Du bist ein großer Mensch geworden, und ich werde Gott bitten, daß du immer ein guter, ein christlicher Mensch bleibst. In allen Fährlichkeiten, der Seele wie des Leibes, muß ja Gott unsere Stütze sein, denn unsere eigene Kraft ist gar schwach gegenüber den Anfechtungen der Welt.«
Pieter Maritz war in einer eigentümlichen Gemütsbewegung und vermochte lange Stunden nicht einzuschlafen. Trauer und Freude mischten sich seltsam. Er war betrübt, den alten Mann verlassen zu müssen, der sein Freund und Berater war und an den er durch die engsten Bande, durch gemeinsam überstandene Gefahr und durch Unterricht in den höchsten Gegenständen des Wissens, gekettet war. Doch beherrschte ihn die Trauer nicht völlig, da er vor seinem inneren Auge das Bild seiner Lieben daheim erblickte und da ihn das freudige Gefühl belebte, auf der Reise vom Zululande weg nach Hause zu sein. Schon das Bewußtsein, in Bewegung zu sein, den treuen Jager zur Hand zu haben und von Ort zu Ort zu kommen, hatte etwas Ermunterndes, Erfrischendes. Um sein Erscheinen vor dem Kommandanten von Utrecht grämte er sich wenig. Er war entschlossen, nichts über die Zulus zu verraten, und er glaubte, daß er dann die Erlaubnis erhalten würde, sich nach Hause zu begeben.
In der Frühe des andern Morgens erklangen die Hörner,und die Swazis erhoben sich vom Schlafe. Nach dem Vorbilde der Zuluregimenter waren aus dem Stamme der Swazis, die den Zulus immer feindlich gegenüberstanden, Regimenter gebildet worden, die unter dem Befehl La Trobe Lonsdales und einiger jüngeren englischen Offiziere sowie mehrerer englischen Unteroffiziere standen. Dieses schwarze Heer unter englischer Führung streifte von der Grenze Natals bis nach Neuschottland hin dem Zululande zunächst und bildete die äußersten Posten an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Weiter zurück, in Utrecht und an andern Plätzen, formierten sich englische Angriffskolonnen unter Befehl des Obersten Wood.
Pieter Maritz frühstückte mit seinem alten Freunde, während die Familien der andern Missionare noch unter dem Zeltdache der Wagen schliefen. Doch es schmeckte beiden nicht. Sie waren zu sehr betrübt über die bevorstehende Trennung. Nun kam der englische Unteroffizier, der sie in der vergangenen Nacht gefangen genommen hatte, und befahl Pieter Maritz, sich fertig zu machen. Es mußte Abschied genommen werden. Mit nassen Augen sattelte Pieter Maritz sein Pferd, band einen Mantelsack auf, den ihm der Missionar geschenkt hatte und worin er Lebensmittel und einige Bücher verwahrte, dann umarmte er den alten Mann und schwang sich in den Sattel. Zwei mit Gewehren bewaffnete Swazis gingen mit ihm, und so zog er weiter.
Der Marsch ging schnell vor sich, denn die schlanken nackten Swazis hatten wenig Mühe, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten. Sie schwatzten fröhlich, nahmen dankbar den Tabak an, den Pieter Maritz ihnen gab, rauchten aus ihren kleinen Pfeifen und ließen sie sogar dann nicht ausgehen, wenn es im Trabe ging. Meile nach Meile legten sie ohne Ermüdung neben dem Pferde zurück. Pieter Maritz dachte einigemal daran, sich seiner Begleiter zu entledigen. Er war überzeugt, daß sie ihn laufen lassen würden, wenn er ihnen ein Geschenk machte. Aber er hielt es nicht für recht, die Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, und der Gedanke, Gewalt zu gebrauchen und sich auf sein Pferd und sein Gewehr zu verlassen, um die Freiheit zu erlangen, lag ihm ferne. Er wollte dem Vertrauen des englischen Kommandanten, der ihm Pferd und Waffen gelassen hatte, keine Schande machen.
Der Marsch ging weit schneller, als er in Begleitung der Wagen bis jetzt gegangen war. Es kam Pieter Maritz so vor, alsseien ihm Flügel gewachsen. Munteren Schrittes bewegte sich Jager, der erfreut zu sein schien, nicht mehr an den schweren Gang der Ochsen gebunden zu sein, und leicht wie Antilopen liefen die beiden Schwarzen nebenher. Das Land zeigte die Unruhe eines Grenzgebietes bei hereinbrechendem Kriege. Pieter Maritz überholte mehrere Wagenzüge, die landeinwärts gingen, und in denen sich Buernfamilien mit ihren Viehherden vor dem gefürchteten Anmarsch der Zulus retteten. Wie freute er sich, Landsleute wiederzusehen und die holländische Sprache zu vernehmen! Er aß bei einer dieser Familien zu Mittag und erkundigte sich, ob sie etwas von seiner Gemeinde wüßten. Aber die Leute wußten nichts davon, ein zu weiter Raum trennte die Bewohner des Utrechter Distrikts von denen der Ebenen im Norden.
Gegen Abend zeigten sich die dunklen Ketten des Belebasberges, und als die Sonne sank, kam Pieter Maritz durch ein Thal, vor dessen Ausgange die Stadt Utrecht lag. Jager war ermüdet, er ging langsam und senkte den Kopf; auch die Swazis schritten jetzt langsam dahin, und ihr Geschwätz war verstummt. Sie hatten zehn deutsche Meilen zurückgelegt.
Jetzt zeigten sich viele rote Feuerscheine, und dann blinkten Lichter auf, welche weit verbreitet lagen und die einzeln liegenden Häuser von Utrecht anzeigten. Dann tönten Hornsignale, und der Lärm eines Lagers ließ sich vernehmen. Die Nacht war klar und rein. Vom tiefblauen Himmel glänzten die Sterne herab, und ein warmer Wind zog aus der Ebene nach dem Gebirge hin und blies Pieter Maritz entgegen. Ein Trupp von bewaffneten Reitern erschien seitwärts des Weges und rief die Ankömmlinge an. Pieter Maritz hielt, und die Reiter kamen näher. Es waren Buern, die Büchsen über dem Rücken, den Patronengurt über der Brust, das Gesicht vom Hutrand beschattet. Sie umringten den Landsmann und die beiden Schwarzen, und einer von ihnen führte alle drei nach Utrecht hinein. In den ausgedehnten Straßen, welche zwischen Feldern und Gärten sowie vereinzelt stehenden Häusern sich hinzogen, trieb sich ein sehr verschiedenartiges Volk herum. Englische Infanteristen in ihren roten Röcken, dazwischen Buern aus Natal, die als Freiwillige im englischen Heere dienten, auch schwarze Krieger waren zu sehen, und viele Weiber, hauptsächlich Kaffernfrauen, liefen umher und trugen Körbe mit Lebensmitteln oder Krüge auf dem Kopfe, um die Truppen zu versorgen. Seitwärts der Straßen, außerhalb der Stadt, schimmertenlange Reihen der spitzen weißen Zelte, in welchen die englischen Truppen lagerten.
Vor dem ansehnlichsten Hause von Utrecht, einem zweistöckigen Gebäude, hielt der kleine Zug. Pieter Maritz sah das Haus voll Bewunderung an. Er hatte in seinem Leben noch kein so schönes Haus gesehen. Es war glänzend weiß, hatte sechs Fenster Front, alle Fenster waren von innen hell erleuchtet und hatten Glasscheiben. Pieter Maritz war noch nie in einer Stadt gewesen, welche aus Häusern europäischer Bauart bestanden hatte, und glaubte sich in ein Zauberland versetzt. Vor der Hausthür ging ein Soldat in rotem Rocke und mit weißem Helm auf und ab, und mehrere Offiziere und Unteroffiziere standen auf dem Platze davor.
Der berittene Buer teilte einem dieser Offiziere mit, daß zwei Mann von der Truppe des Kommandanten Lonsdale einen Gefangenen brächten, und nun ließ der Offizier Pieter Maritz absteigen und führte ihn in das Haus. Zugleich nahm er ein Schreiben mit, welches ihm einer der Swazis überreichte, und worin Kommandant Lonsdale wohl dem Obersten Wood Meldung über den Stand der Dinge an der Grenze abstatten mochte.
Als Pieter Maritz sich der offenstehenden Hausthür näherte, sah er den Flur mit Männern angefüllt. Rote Röcke und die Blusen der Buern mischten sich, und verwundert sah Pieter Maritz mehrere Zulus an der einen Seite dicht an der Wand hocken. Er konnte sich über die besondere Art des Kopfputzes und der Waffen dieser Leute nicht täuschen, es waren wirklich Zulus. Sie hockten am Boden, das Kinn auf den Knieen, die Hände vor den Schienbeinen verschlungen. Er mußte eine Zeitlang auf dem Flur warten und ward sich hier, wo es hell war und wo die Blicke der Engländer und Buern sich auf ihn richteten, eines Umstandes bewußt, der ihm bis jetzt nicht zur Erinnerung gekommen war: es fiel ihm ein, wie sonderbar und schlecht er gekleidet sei. Nun er die hübschen, glänzenden Anzüge der Engländer und die sauberen ordentlichen Röcke, Beinkleider und Stiefel seiner Landsleute sah, erschien ihm seine eigene Tracht, an welche er lange gar nicht gedacht hatte, in einem neuen Lichte, und er fühlte sich so beschämt, daß er nicht recht wußte, wohin er sich stellen sollte, um möglichst verborgen zu sein. Im Zululande gab es keine Schneider, die ihn mit Kleidungsstücken europäischer Mode hätten versorgen können, und Schuster gab es dort gar nicht. Die Zulus gingen barfuß, und ihre Gewänderwaren zwar kunstvoll gearbeitet, aber nicht modern für die Stadt Utrecht. Da Pieter Maritz sich nicht an die Mode von Ulundi, ein schön gegerbtes Fell und einen perlenbesetzten Lendengurt, hatte gewöhnen wollen, hatte er sich damit begnügen müssen, seinen alten Anzug mit neuen Lappen zu flicken. Seine Stiefel hatten so viele neue Stücke bekommen, daß von dem ursprünglichen Leder fast nichts mehr vorhanden war. Sie waren nicht unbequem. Die Schäfte, mit Antilopenleder geflickt, schlossen sich gut an und gingen bis über die Kniee. Es waren vorzügliche Reitstiefel; aber sie waren ziemlich bunt. Ähnlich ging es mit den übrigen Stücken seines Anzugs. Der Missionar, welcher für lange Aufenthalte in wilden Gegenden vorbereitet war und in seinem Wagen allerhand Nützliches mit sich führte, hatte ihm ausgeholfen, aber buntscheckig genug waren Rock und Beinkleid und Hut.
Jetzt kam der Offizier, welcher den Brief des Kommandanten Lonsdale fortgetragen hatte, wieder zum Vorschein und winkte Pieter Maritz, ihm zu folgen. Es ging in ein großes Zimmer neben dem Flur, welches von mehreren Lampen erleuchtet war, und hier bot sich ein Anblick, der die Überraschung Pieter Maritz' vollständig machte. Sein Blick fiel zunächst auf zwei bekannte Gestalten: der Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi saßen auf Stühlen in der Mitte des Zimmers, in ihre vornehmste Tracht gekleidet: goldene Ringe auf dem Kopfe, Hals und Brust mit Ketten geziert, Mäntel von Tigerfell auf dem Rücken, in der Hand lange Elfenbeinstäbe mit zierlich geschnitzten Knäufen.
Vor ihnen saß an einem langen Tische, der mit Karten und Schriften bedeckt war, ein hoher Offizier, die Brust mit mehreren Orden geziert, und neben ihm saßen fünf andere, jüngere Offiziere. Ein Zulu, dessen schwarzes Gesicht sonderbar aus einem weißen Hemdskragen hervorsah und der die Bluse und das Beinkleid des Buern trug, stand zwischen dem Tische und den vornehmen Gesandten Tschetschwajos.
»Treten Sie näher!« rief der hohe Offizier Pieter Maritz zu. »Kommandant Lonsdale schreibt mir, daß Sie aus Ulundi kommen. Verstehen Sie genug von der Zulusprache und genug Englisch, um als Dolmetscher nützlich zu sein?«
»O ja, ich glaube wohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe fast ein Jahr in Ulundi gelebt und habe die Zulusprache ziemlich gut gelernt.«
»Wenn Sie sie ebenso gut verstehen, wie die englische Sprache,so sind Sie ein Meister,« sagte Oberst Wood. »Wer zum Henker ist Ihr englischer Sprachlehrer gewesen?«
»Lord Adolphus Fitzherbert,« entgegnete Pieter Maritz.
»Sind Sie toll?« fragte der Oberst. »Aber freilich — ich hörte davon, daß der Lord gefangen bei den Zulus gewesen ist.«
Pieter Maritz erzählte von seinem langen Beisammensein mit dem Lord, und daß er dadurch seine Kenntnis des Englischen verbessert habe.
»Es ist gut,« sagte der Oberst. »So werden Sie imstande sein, zwischen mir und den Gesandten zu vermitteln, denn ich verstehe nicht genau, was sie sagen, und glaube, daß unser schwarzer Dolmetscher nicht ganz zuverlässig ist. Lassen Sie sich genau sagen, was diese Leute wollen, und teilen Sie es mir mit. Wenn ich recht verstanden habe, ist einer von ihnen ein Bruder Tschetschwajos.«
Pieter Maritz wandte sich zu den Zulus und begrüßte den Prinzen Sirajo mit einer Verbeugung, welche dieser würdevoll mit Kopfnicken erwiderte. Molihabantschi hatte schon den Auftrag des Obersten Wood vernommen, und nachdem er sich mit dem Prinzen besprochen hatte, teilte er Pieter Maritz in seinem gebrochenen Englisch und mit dazwischen gestreuten Zuluworten die Botschaft Tschetschwajos mit.
Dann wandte sich Pieter Maritz an den englischen Obersten. »Diese Männer sind der Prinz Sirajo, Bruder des Königs, und einer seiner vornehmsten Räte, Namens Molihabantschi,« sagte er. »Ich kenne sie beide, da ich sie oft gesehen habe. Sie sagen, daß König Tschetschwajo sehr bedauert, in Streit mit der englischen Regierung gekommen zu sein. Er wünscht den Frieden. Er ist unzufrieden damit, daß seine Unterthanen die Grenze verletzt haben, und will diejenigen streng bestrafen, welche Vieh aus Natal gestohlen und Flüchtlinge zurückgeholt haben. Auch verspricht er, daß derartiges Unrecht nicht wieder geschehen solle. Zugleich aber spricht er seine Verwunderung darüber aus, daß die englischen Truppen sich an seiner Grenze in so großen Massen versammeln, und er bittet um Auskunft, welchen Zweck diese Truppen haben. Besonders ist er beunruhigt, daß die Festung Lüneburg errichtet worden ist, und erblickt darin eine Bedrohung seines Landes und seiner Verbindungen mit dem Norden. Er bittet um eine genügende Erklärung der kriegerischen Vorbereitungen Englands, da er sich sonst genötigt sehen würde, auch seinerseits auf Krieg bedacht zu sein.«
Oberst Wood zuckte ein wenig die Achseln und unterdrückte ein Lächeln, welches um seinen Mund zuckte.
»So fragen Sie die Gesandten,« antwortete er, »ob Tschetschwajo nicht die Forderungen des Generalgouverneurs kennt: Verminderung seiner Armee, Zurückziehung der Garnisonen an der Grenze, Aufnahme eines britischen Residenten in Ulundi und Abtretung der Bai von Santa Lucia?«
Pieter Maritz teilte die Gegenfrage des Obersten in der Zulusprache dem Prinzen Sirajo mit. Dessen Augen blitzten zornig.
»Der König hat auf diese Forderungen nicht geantwortet,« sagte er, »weil sie seiner königlichen Würde nicht angemessen sind.«
»Nun denn,« versetzte Oberst Wood, als Pieter Maritz dies übersetzt hatte, »die Bedingungen des Generalgouverneurs sind klar und deutlich. Wenn Tschetschwajo darauf nicht eingehen will, so werden die englischen Truppen den Krieg eröffnen. Das mögen die Gesandten zu Hause bestellen.«
Pieter Maritz übersetzte diese Worte, und die Zulus standen mit stolzer Gebärde von ihren Sitzen auf.
»So sei es denn Krieg!« rief Sirajo mit drohender Miene. Er wandte sich um und schritt mit Molihabantschi hinaus. Die englischen Offiziere aber sprachen miteinander und schienen durch das Auftreten und die Drohung der Zulus mehr belustigt als erschreckt zu sein. Pieter Maritz hörte ihrem Gespräch mit dem Gedanken zu, daß sie sich von der Kriegsmacht Tschetschwajos keine deutliche Vorstellung machten. Da sich niemand um ihn bekümmerte und auch der Zuludolmetscher in europäischer Tracht, offenbar ein Einwohner von Natal, sich entfernt hatte, wollte auch er fortgehen, als ihn Oberst Wood anrief.
»Nun, mein junger Freund,« sagte er, »setzen Sie sich einmal hierher an den Tisch und erzählen Sie uns genau, was Sie von den Zulus wissen. Wieviel Truppen hat denn Tschetschwajo? Wo stehen seine Banden? Wie sind sie bewaffnet? Welche Fechtweise haben sie? Erzählen Sie uns das alles recht deutlich und ausführlich.«
»Entschuldigen Sie mich, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz. »Ich darf Ihnen das nicht erzählen. Ich weiß es zwar ganz genau, aber ich habe es als Gast des Königs erfahren, und es wäre Verräterei, wenn ich es sagen wollte.«
»Was?« rief der Oberst. »Was ist das für eine Antwort? Hier werden keine Scherze getrieben. Wir sind im Kriege.«
»Eben deshalb,« sagte Pieter Maritz. »Ich will nicht zum Danke für die großmütige Behandlung Tschetschwajos seinen Feinden verraten, wie sie ihn angreifen können.«
»Was fällt dem jungen Menschen ein?« rief der Oberst, indem er die andern Offiziere ansah, als wollte er sie zu Zeugen einer unerhörten Handlung anrufen. »Der Aufenthalt bei den Niggers hat ihm den Kopf verdreht. Aber wir wollen ihn wieder zurechtsetzen. Besinnen Sie sich, vor wem Sie stehen, Sie hartköpfiger Buer. Sie sind ein Unterthan der Königin von England und stehen vor einem ihrer Vertreter.«
»Ich bin nicht der Unterthan der Königin,« entgegnete Pieter Maritz trotzig, »und Sie haben mir nichts zu befehlen. Ich bin kein Einwohner von Natal, sondern aus dem Gebiete der Südafrikanischen Republik gebürtig.«
»Ein toller Bursche!« rief der Oberst. »O über diese Buern! Sie sind so dickköpfig wie ihre Ochsen. Nun, wir wollen euch schon kriegen. Sie sind mir sehr verdächtig, mein Freund. — Mein lieber Thomson,« sagte er dann, zu dem jüngsten der Offiziere gewandt, »seien Sie so gut, diesen Burschen einstecken zu lassen. Er soll hinter Schloß und Riegel sitzen, bis er weiß, wer sein Souverän ist.«
Pieter Maritz stand wie versteinert. So schlecht hatten ihn ja die Zulus und die Räuber in den Drakensbergen nicht behandelt. Er sollte eingesteckt werden? Einen langen vorwurfsvollen Blick heftete er auf den Obersten, der sein Urteil gesprochen hatte, und lähmende Müdigkeit legte sich auf ihn. Jetzt erst fühlte er, wie steif seine Beine und wie zerschlagen sein ganzer Körper von dem langen Ritte waren. Aber der Oberst bekümmerte sich ferner nicht um ihn, sondern sah auf die vor ihm liegende Karte und besprach sich mit den andern Offizieren. Es schien ihm gar nichts auszumachen, daß er einen freien Buernsohn zum Gefängnis verurteilt hatte.
Währenddessen war der Offizier hinausgegangen, und gleich darauf trat er wieder mit einem Unteroffizier herein. »Hier, dieser junge Mensch ist es,« sagte er, auf Pieter Maritz deutend.
Der Unteroffizier faßte Pieter Maritz hart am Arm und griff nach der Büchse, welche dieser auf dem Rücken trug. Diese Berührung erweckte Pieter Maritz aus seinem starren Dastehen. Er wollte sich losmachen und rief laut: »Laßt mich frei! das Gewehr ist mein!«
Der Oberst runzelte die Brauen. »Machen Sie, daß Sie den Burschen hinausbringen,« sagte er zu dem Unteroffizier.
Dieser griff fester zu, und indem er den Knaben mit sich zog, verschob sich der Lederriemen, an welchem der Ring Tschetschwajos hing, und das glänzende Schmuckstück kam aus der Bluse hervor, unter welcher es gesteckt hatte.
»Was ist denn das für ein sonderbares Ding?« fragte Leutnant Thomson, der in der Nähe stand, indem er nach dem Ringe griff. Auch die andern Offiziere wurden aufmerksam, und der Unteroffizier nahm dem Knaben den Riemen ab und zeigte den Ring umher.
»Was bedeutet dieser seltsame Ring?« fragte Oberst Wood.
»Es ist ein Ring König Tschetschwajos,« sagte Pieter Maritz. »Er hat ihn mir als Preis im Wettschießen gegeben. Er war freundlicher gegen mich, als Ihr es seid.«
Die Offiziere ließen den Ring von Hand zu Hand gehen, während sie über des Knaben Antwort lachten.
»Ein merkwürdiges Stück,« sagte Oberst Wood. »Hier, gebt ihn dem jungen Menschen wieder. Übrigens ist dies ein Beweis für sein freundschaftliches Verhältnis zu den Niggers, und ich wundere mich nicht mehr, daß er keine Auskunft geben will. Gehen Sie mit, Leutnant Thomson, und schärfen Sie dem Gefängniswärter Wachsamkeit ein. Hinter dem Burschen steckt vielleicht mehr, als wir denken.«
»Und was soll aus meinem Pferde werden, wenn ich eingesperrt werde?« rief Pieter Maritz.
»Genug der Widerworte!« rief der Oberst ungeduldig. »Fort mit dem Burschen!«
Der Unteroffizier zog Pieter Maritz hinaus, und Leutnant Thomson folgte. Der Leutnant schien Mitleid mit dem Knaben zu empfinden, denn er sagte ihm draußen, er möge sich nicht ängstigen, weder seine Waffen noch sein Pferd würden ihm genommen werden, und er selber würde wahrscheinlich die Freiheit wiedererlangen, sobald er den Obersten um Entschuldigung bäte und ordentliche Auskunft über seinen Aufenthalt im Zululande gäbe.
Pieter Maritz antwortete auf diese Worte nicht, denn er war so empört und zugleich so niedergeschlagen, weil er ins Gefängnis sollte, daß er alle seine Gedanken in die Brust verschloß. Er ging stumm neben dem Unteroffizier her, der sich seiner Büchse bemächtigt hatte, und bemerkte fast teilnahmslos, daß auf den Befehldes Leutnants ein Soldat Jagers Zügel ergriffen hatte und das Pferd hinter ihm her führte.
Es ging eine Strecke weit durch die belebten Straßen hin, in welchen der kleine Zug nur geringes Aufsehen erregte, und dann kamen sie vor ein ziemlich großes Haus, vor dem eine rotröckige Schildwache auf und nieder ging. Es war ein gewöhnliches Buernhaus, doch zweistöckig und mit Gittern vor den Fenstern. Als der Leutnant an der Schelle zog, ward die Hausthür geöffnet, und ein alter Buer kam heraus, der ein Schlüsselbund in der Hand trug.
»Hier, Koopman,« sagte der Leutnant, »bringe ich einen neuen Gefangenen. Haben Sie wohl acht auf ihn, denn er ist ein Staatsgefangener, ein gefährlicher junger Mensch, obwohl er Ihr Landsmann ist. Behandeln Sie ihn gut, aber lassen Sie ihn nicht entwischen. Sein Pferd stellen Sie in Ihren Stall, und seine Waffen heben Sie auf.«
»Schon gut, schon gut,« sagte der alte Buer, indem er Pieter Maritz prüfend betrachtete. Dann rief er einen Knecht herbei, welcher Jager nach einem der Hintergebäude führte, nahm die Büchse in Empfang und ließ Pieter Maritz in das Haus gehen.
»Ich werde morgen nachfragen, ob Ihr bessere Antwort geben wollt als heute,« rief der Leutnant zum Abschiede, und dann schlug die Thür hinter dem Gefangenen zu, und Pieter Maritz war mit dem alten Buer allein.
»Komm mal mit, mein Neffe,« sagte dieser zu ihm, indem er eine Laterne ergriff und mit seinem Schlüsselbunde klappernd voran- und die Treppe hinaufschritt. Pieter Maritz folgte gehorsam. Er war wie im Traume und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Gefangenwärter schloß eine Thür im oberen Stock auf, ließ ihn eintreten, stellte dann seine Laterne auf den Tisch, der das hauptsächlichste Möbel in dem kahlen Raume war, setzte sich selbst auf einen Schemel, stützte die Arme in die Seiten und fragte: »Nun sag mal, mein Neffe, wieso und woher kommst du denn?«
Pieter Maritz taute bei dem gutmütigen Klange dieser in seiner Muttersprache gesprochenen Frage etwas auf und erzählte in der Kürze seine Abenteuer der letzten Zeit, und daß der Kommandant ihn habe einsperren lassen, weil er von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe.
Der alte Buer schüttelte den Kopf. »Ja, mein Junge,« sagte er, »da hast du freilich dem Ochsen ins Auge geschlagen, und das war eine große Dummheit.«
»Aber sagt doch, Oheim,« rief Pieter Maritz, »habe ich denn nicht recht? Sind wir denn nicht freie Bürger der Südafrikanischen Republik?«
»Pst, pst!« sagte der alte Buer, »halt das Maul, mein Junge; es könnte es jemand hören. Freilich hast du recht, aber es ist nicht immer klug, die Wahrheit zu sagen.«
»Aber nun sagt mir doch, wie kommt Ihr denn dazu, Gefangenwärter bei den Engländern zu sein?« fragte Pieter Maritz. »Seid Ihr denn nicht auch ein freier Buer?«
Der Alte kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, siehst du, mein Junge,« sagte er, »bar Geld lacht. Meine Alte und ich, wir wohnen hier allein in dem großen Hause, und die Jungens sind alle draußen und haben ihre eigenen Farmen. Da habe ich mit den Engländern einen Kontrakt abgeschlossen, daß ich ihnen mein Haus als Gefängnis leihe und die Gefangenen verköstige und bewache. Sie zahlen mir ein schönes Stück Geld dafür, und in jetzigen schweren Zeiten schlägt ein vorsichtiger Mann das nicht aus. Aber gewiß bist du hungrig, mein Junge. Wart ein bißchen, ich hole dir zu essen.«