»Des Präsidenten!« rief der Oberst, ihn unterbrechend. »Es giebt keinen Präsidenten von Transvaal, und schon die Nennung dieses Namens ist Empörung. Es giebt einen Gouverneur von Transvaal, und das ist Sir Robert Lanyon in Pretoria. Über ihm steht der Generalgouverneur der Kapländer, der in der Kapstadt residiert, als Vertreter Ihrer Majestät der Königin. Aber wer von einem Präsidenten von Transvaal spricht, der ist ein Aufrührer. Ich wiederhole euch: es giebt für euch nur ein einziges Mittel, Verzeihung zu erlangen und euer Leben zu behalten, das ist ein offenes Geständnis. Gebt offen an, welche Pläne die sogenannte Regierung der Republik verfolgt, gesteht ein, ob sie Truppen versammelt hat und wo sich diese befinden, dann soll euch verziehen werden. Sonst lasse ich euch erschießen. Und bedenkt, daß ihr eurem Vaterlande selbst den größten Dienst damit erweist, daß ihr gesteht. Denn wenn diese Empörung im Keime erstickt werden kann, so wird viel Unglück verhütet.«
»Sie können uns erschießen lassen, Herr Oberst, aber dann wird es ein Mord sein,« entgegnete Pieter Maritz. »Die Regierung von Transvaal besteht zu Recht, denn sie ist von den Bürgern des Landes erwählt und einer Verfassung gemäß, die von England selbst vor dreißig Jahren anerkannt wurde. England hat die Verträge gebrochen, die es mit der Republik abgeschlossen hat, und die militärische Besetzung und Annexion des Gebietes der Südafrikanischen Republik ist ein Akt der Gewalt. Wir fürchten nicht, erschossen zu werden, unser Blut wird von unsern Landsleuten gerächt werden.«
Diese kühne Entgegnung verfehlte ihren Eindruck auf die englischen Offiziere nicht, die Furchtlosigkeit, mit welcher beide Buern auftraten, imponierte ihnen. Sie wußten recht wohl, daß sie mit ihrer schwachen Mannschaft für den Augenblick einem allgemeinen Aufstande der Buern gegenüber machtlos und inmitten der Buernbevölkerung von Potschefstroom so gut wie gefangenwaren. Die Drohung des Obersten, seine Gefangenen erschießen zu lassen, war nur darauf berechnet gewesen, sie einzuschüchtern, denn eine solche Handlung hätte leicht das Zeichen zur Erhebung des Volkes geben können.
Der Oberst besprach sich leise mit den übrigen Offizieren und dann erklärte er den Gefangenen, sie sollten zum Generalgouverneur selbst nach der Kapstadt gebracht werden. Hierauf wurden beide abgeführt und in einem der Gebäude, die der Garnison des Forts gehörten, eingeschlossen und bewacht. In der Frühe des folgenden Morgens, ehe noch die Sonne aufgegangen war, wurden sie von neuem in den Wagen gebracht und von den Polizeileuten weggeführt. Der Weg ging längs der Grenze des Oranjefreistaats auf dem Gebiete von Transvaal nach Südwesten.
Acht Tage lang waren sie unterwegs, dann überschritten sie die Grenze und kamen nach Griqualand-West. Sie erreichten die Stadt Kimberley. Die Stadt erschien Pieter Maritz unähnlich allen übrigen Städten, die er bisher gesehen hatte. Sie war sehr viel größer als Potschefstroom und Pretoria und machte einen eigentümlich düsteren Eindruck, da fast sämtliche Häuser aus galvanisiertem Eisenblech erbaut waren. Nur sehr wenig steinerne Häuser standen dazwischen. Nichts als Sand und Eisenblech, wohin das Auge auch sah. Der Wagen rollte durch viele Straßen hin, und einige derselben waren sehr eng und krumm, andere dagegen ungeheuer breit. Die Häuser waren meistens nur ein Stockwerk hoch und sahen alle sehr traurig aus, da sie nicht angestrichen waren, sondern überall das bloße Eisenblech zu sehen war. Doch gab es sehr viele Läden und Magazine, und diese waren aufgestapelt voll von Vorräten, namentlich von Spirituosen. Viel Volk trieb sich umher, weiße Arbeiter und noch viel mehr Kaffern; alle sahen elend, schleichend, widerwärtig aus.
Mit einem Male ward Pieter Maritz durch einen sonderbaren Anblick überrascht. Der Wagen kam auf einen freien Platz, wandte links zur Seite an den Häusern hin, und nun zeigte sich rechts, inmitten der Stadt, ein ungeheurer Abgrund. Pieter Maritz sah einen Schlund, der wohl sechshundert Meter im Umfang hatte und so tief war, daß die Menschen, die er dort unten erblickte, kaum so groß wie die kleinsten Ameisen erschienen. Von den Rändern der Grube führten viele Eisendrähte nach unten, wurden auf halbem Wege von hohen Strebepfeilern gestützt und liefen dann weiter bis auf die Sohle des Abgrunds. Sie sahen einem schräg liegenden Spinngewebeähnlich. Viele eiserne Kasten liefen auf Rädern die Drähte hinab und hinauf und kreischten und rasselten. Sie trugen Erde und Steine von unten empor und fuhren dann leer wieder hinab: dies Loch war eine der Minen von Kimberley, eine Diamantengrube.
»Ich habe hier früher gewohnt,« sagte jetzt der schweigsame Buer, der neben Pieter Maritz saß. »Als aber die Engländer kamen und ihre Polizei einführten, da bin ich getreckt. Sie nahmen uns alles weg, denn wo es etwas zu verdienen giebt, da sind sofort die Engländer da. Es hat sich sehr verändert, seit ich hier wohnte.«
»Wie lange ist das her?« fragte Pieter Maritz.
»Die Engländer annektierten das Land im Jahre 1868,« erzählte der Buer, »und 1869 zog ich weg. Damals wurde hier ein Wort üblich, das viele wegtrieb. Das Wort hieß ‚Eidibi‛, von den Anfangsbuchstaben des ‚Illicit diamond buying‛, das heißt: ‚Unerlaubter Diamantenkauf.‛ Eidibi klang vielen schrecklich in den Ohren, denn die Engländer verurteilten die Leute, bei denen Diamanten gefunden wurden, die nicht in den Regierungsbüchern standen, zu fünf bis zehn Jahren Zwangsarbeit oder Zuchthaus. Was mich betrifft, so hatte ich damit freilich nichts zu thun, denn ich bewirtschaftete meine Farm und treckte nur deshalb, weil ich das Polizeiwesen nicht vertragen konnte und weil das Land doch freies Buernland gewesen war.«
»Wie konnten denn aber alle Diamanten in den Regierungsbüchern stehen?« fragte Pieter Maritz.
»Das ist so: Die Regierung teilte das Land, wo es ‚blauen Grund‛ gab, — und Diamanten giebt es nur im blauen Grunde, — in kleine Claims, das waren Grundstücke von dreißig Fuß im Geviert, und der Besitzer hatte nun mit Schaufel und Picke da hineinzuarbeiten. Es ist eine böse Arbeit. Der blaue Grund muß herausgegraben und dann so oft gewaschen und gesiebt werden, bis nur der tausendste Teil davon noch übrig ist. In diesem kleinen Rest sind die Diamanten, und der Besitzer muß sie alle der Behörde zeigen, wo sie notiert und genau beschrieben werden. So bekommt jeder Diamant seinen Stammbaum. Aber die Kaffern, die in den Claims arbeiten, stehlen wie die Raben. Sie werden zwar, wenn sie aus den Gruben kommen, nackt ausgezogen, und ihre Kleider, ihr Haar, ihre Ohren und ihre Mäuler werden genau untersucht, aber die Spitzbuben schlucken manchen Stein hinunter. Auf diese gestohlenen Steine sind nun viele Leute sehr erpicht,denn sie sind billiger zu haben als die, welche mit einem Stammbaum in den Handel kommen, und mancher denkt, er könnte durchschlüpfen und reich werden. Da war einer, der war schon mit sieben Pfund Diamanten an Bord des Schiffes in der Kapstadt, als ihn die Polizei noch abfaßte. Deshalb war Eidibi ein Schreckenswort in Kimberley. Die Engländer konnten die Diebe selten fassen, und sie bestraften den unerlaubten Diamantenkauf.«
Währenddessen war der Wagen vor einem zweistöckigen Backsteinhause mit vergitterten Fenstern angekommen und die Polizeibeamten ließen halten. Die Gefangenen mußten aussteigen. Sie waren vor einem richtigen Gefängnis angelangt, das nach englischer Art eingerichtet und verwahrt war. Denn Kimberley verlangte mit seiner Menge von geldgierigen, verbrecherischen Leuten, von Dieben und Hehlern und allerhand Gaunern ein ordentliches Gefängnis und eine starke Polizei.
Trüben Sinnes trat Pieter Maritz in das große steinerne Gebäude ein und hörte die schwere eisenbeschlagene Thür hinter sich zuschlagen.
Pieter Maritz wurde mit seinem Schicksalsgenossen zusammen in ein und dasselbe Zimmer gesperrt, sie erhielten zu essen und wurden eingeschlossen. Die Einrichtung dieses Gemaches und Hauses machte einen trüben Eindruck auf den an die Freiheit und die lebendige Natur gewöhnten Buernsohn. Alles trug den Stempel wirklicher Gefangenschaft. Denn vorher schon war er freilich gefangen gewesen, und er hatte schon einmal den Druck englischer Behandlung in Utrecht verspürt, aber bis jetzt war er doch immer in Häusern gewesen, die Ähnlichkeit mit den Farmhäusern seiner Heimat hatten, und die Luft der Wiesen und Berge hatte ihn umweht. Aber hier war alles Stein und Eisen. Der Fußboden bestand aus Tafeln von Eisenblech, die schuppenförmig übereinander genagelt waren, ebenso war die Decke beschaffen, die Wände aber waren von Ziegelsteinen und mit Kalk beworfen. Starke Eisengitter waren vor dem Fenster, und draußen schallte der Schritt einer hin und her gehenden Schildwache. Das Mobiliar bestand aus einem Tische, zwei Bänken, die an der Wand befestigt und zum Niederklappen eingerichtet waren, undzwei Schemeln. Ein Trost lag für die Gefangenen noch darin, daß sie zusammen waren und sich unterhalten konnten; aber auch dieser Trost sollte ihnen genommen werden. Gegen Abend kam ein Gefängniswärter herein, der eine Matratze trug. Er klappte die eine Bank herunter, legte die Matratze darauf, um in dieser Weise ein Nachtlager herzustellen, und befahl dem älteren Buer, ihm zu folgen. Auf dessen Bitte, ihn dort zu lassen, entgegnete der Mann, daß ein Raum frei geworden sei und daß nur ausnahmsweise zwei Gefangene bei einander gelassen würden; übrigens würden sie sich am folgenden Tage wiedersehen, denn dann sollten sie weitergeschafft werden.
Pieter Maritz blieb allein, stützte traurig den Kopf auf die Fensterbank und sah zum Himmel hinauf. Wohin war es mit seinen Hoffnungen und seinem Streben gekommen? Nun sollte er nach der Kapstadt geschleppt werden, und was würde ihm wohl dort begegnen? Er war gut bekannt mit den Plänen der Regierung von Transvaal. Zu dieser Stunde waren gewiß die Buernheere schon losgebrochen. Denn sicherlich hatten die Engländer die Bedingungen Transvaals nicht angenommen. Die stolzen, übermütigen Engländer wollten ganz Südafrika zu einem gemeinsamen riesigen Kolonialgebiet zusammenschmieden, in welchem nur noch englische Gesetze gelten sollten. Sie hatten sich um die Forderungen des Buernstaates sicherlich nicht gekümmert. Hatten sie die Zulumacht gebrochen, weil sie überhaupt niemand in Südafrika eigene Bedeutung zuerkennen wollten, so würden sie auch den Transvaalstaat brechen wollen. Wenn aber die Buern losgeschlagen hatten, so war also der Krieg da, und dann würde es den Sendboten, die zum Aufstande gerufen hatten, übel ergehen. Oberst Winslow hatte nicht gewagt, sie erschießen zu lassen, weil er inmitten von Buern war, aber das Kriegsgericht in der Kapstadt würde sie wohl zum Tode verurteilen. Das war ein schrecklicher Gedanke für Pieter Maritz, dessen sonst so frohe Stimmung durch die lange Gefangenschaft getrübt worden war. Auf dem Schlachtfelde fallen, mitten im Kampfe, umweht von Pulverrauch, für das Vaterland kämpfend niedersinken, das war gewiß schön, aber so — —? Sein Blick wurde trüber und trüber, und fast ganz mutlos sah er zu dem grauen, von Nebel verschleierten Himmel empor, der noch der einzige helle Fleck ringsum war. Er dachte daran, daß heute Weihnachtsabend sei, und am heiligen Abend im Gefängnis zu sein, war ihm sehr traurig.
In diesem Sinnen und schwermütigen Nachdenken ward Pieter Maritz endlich auf ein eigentümliches Geräusch aufmerksam, welches er bereits seit geraumer Zeit gehört, aber noch nicht beachtet hatte. Es klang bald wie ein Kreischen verrosteten Eisens, bald wie ein dumpfes Pochen und ward immer vernehmlicher. Pieter Maritz stand auf, ging vom Fenster weg und lauschte. Das Geräusch kam von oben, von der Decke her. Was konnte das sein?
Das Zimmer, in welchem er war, lag im oberen Stockwerk, und er hatte gesehen, daß das Gefängnis nur zwei Stockwerke hoch war. Allerdings war ein Dach darüber, und dies Dach mochte wohl ausgebaut sein und noch Gefangenenräume bergen. Die leise, behutsame Art des Pochens und Scharrens da oben brachte ihn auf die Vermutung, daß ein Gefangener über ihm wohne, der durchzubrechen versuche. Pieter Maritz selbst hatte, solange er gefangen war, beständig über die Möglichkeit der Flucht nachgedacht und diese häufig insgeheim mit seinem Landsmann besprochen, aber die schnelle Reise von Ort zu Ort und die Wachsamkeit der Polizeibeamten hatten bis jetzt keine günstige Gelegenheit entstehen lassen. Nun nahm das Geräusch seine Gedanken lebhaft in Anspruch, und er hielt sich ganz still, um denjenigen, der dort oben arbeiten mochte, nicht zu stören. Mit einem Male klirrte es, und ein eiserner Nagel rollte auf dem Boden hin. Kein Zweifel, daß jemand dort oben die Eisenbleche, welche die Decke bildeten, wegnahm. Doch Pieter Maritz bewegte sich nicht, um den Arbeiter nicht etwa zu erschrecken und zu verscheuchen.
Inzwischen ward es Nacht, und nur ein schwacher Schein fiel durch das Fenster herein, der von den Sternen und der schmalen Mondsichel her leuchtete. Zuzeiten war es ganz finster, denn der Nebel hatte sich zu Wolken zusammengeballt, die am Himmel hinzogen und Mond und Sterne minutenlang ganz verhüllten. Pieter Maritz lauschte gespannt und nahm wahr, daß das Geräusch verstummte. Eine Zeitlang war es ganz still, dann aber machte sich ein anderer Ton bemerklich, der sehr nahe zu sein schien und dem Schieben eines schweren Körpers auf der Erde ähnlich war. Gleich darauf erschien eine Gestalt im Zimmer, die gleichsam vom Himmel herabschwebte, denn sie baumelte mit den Füßen in der Luft und hielt sich an der Decke fest, sprang dann aber leicht und elastisch auf den Boden. Zu seinem Erstaunen erkannte Pieter Maritz, indem es in diesem Augenblick wieder etwas heller im Zimmer wurde, eine nackte schwarze Figur und das schlaueGesicht des Swazi-Regenmachers. Der Mann trug eine Art von Meißel mit den Zähnen und hatte ein Bündel über einer Schulter baumeln.
Auch der Regenmacher mußte ihn erkannt haben, denn seine zu Anfang betroffene Miene veränderte sich zu einem Lächeln, und er stieß einen leisen Ruf der Verwunderung aus. Dann nahm er den Meißel aus dem Munde und schnürte sein Bündel auf. Es enthielt seine Kleidungsstücke: ein wollenes Hemd und eine Hose und war von einem Strick umwickelt gewesen, der aus zusammengeknoteten leinenen Streifen bestand. Er kleidete sich an und sagte, er habe dort oben lange Zeit gefangen gesessen und wolle durch das Fenster entfliehen.
Die Erinnerung an frühere Zeiten, an den alten Missionar, an den Aufenthalt am Hofe Tschetschwajos stieg lebhaft wieder vor Pieter Maritz auf, und die Erscheinung dieser wohlbekannten Gestalt regte die fast erstorbene Hoffnung wieder zu neuem Leben in ihm an. Wenn der Regenmacher durch die Decke gebrochen war, so sollte dies Gefängnis ihn selbst doch wohl auch irgendwo durchlassen. Er ging sofort mit dem Regenmacher an das Fenster, und sie prüften die Eisenstangen. Sie waren stark, und man hatte sie sehr fest in die steinerne Umfassung eingelassen, aber mit dem Instrument des Regenmachers wären sie doch wohl loszubrechen gewesen. Nur zeigte sich ein schlimmes Hindernis: drunten ging die Schildwache.
Der Regenmacher war sehr niedergeschlagen. Er kauerte sich am Boden nieder und seufzte.
»Wie kommst du hierher? Machst du nicht mehr Regen?« fragte Pieter Maritz ihn in der Zulusprache.
»Wegen Eidibi bin ich gefangen,« antwortete er in gebrochenem Englisch. »Ich habe viele Diamanten, und wenn du mir helfen willst, davonzukommen, so will ich dich reich belohnen.«
»Es wäre mir die beste Belohnung, selbst frei zu werden,« sagte Pieter Maritz, »aber ich weiß nicht, wie wir es machen sollen, um hinauszukommen. Wie hast du denn durch die Decke durchbrechen können?«
Der Regenmacher zeigte sein eisernes Instrument. Dieses war ursprünglich wohl ein Riegel gewesen, aber es war nun an einem Ende spitz und scharf geschliffen. Der Regenmacher sagte, er habe das Ding an der steinernen Fensterbank spitz gemacht. Er habe damit die Tafeln von Eisenblech losgebrochen, den Sanddarunter weggeräumt und endlich auch die Tafeln losgemacht, welche die Decke von Pieter Maritz' Zimmer bildeten. Er habe gehofft, aus diesem Zimmer am Strick hinunter in die Straße gleiten zu können. Den Strick habe er aus dem Überzuge seiner Matratze gemacht, indem er ihn in Streifen geschnitten und die Streifen aneinander gebunden habe.
Pieter Maritz sann nach. »Können wir von deinem Zimmer nicht irgendwohin gelangen?« fragte er. »Wenn wir hier hinausklettern, kommen wir auf die Schildwache, und sie wird auf uns schießen oder doch Lärm machen.«
»Wir können von meinem Zimmer aus nur auf das Dach kommen,« sagte der Regenmacher, »und das Dach ist zu hoch, um hinunterzuklettern. Der Strick ist nicht lang genug.«
»Laß uns sehen, wie es oben ist!« sagte Pieter Maritz.
Er schob den Tisch unter die Öffnung in der Decke, stieg hinauf und konnte nun mit den Händen den Rand des Loches erreichen. Er zog sich hinauf, und der Regenmacher folgte ihm nach. Der obere Raum war viel kleiner als der untere, nur ein Dachkämmerchen, und in dem schrägen Dache war ein vergittertes Fensterchen, das jedoch groß genug war, um hindurchzuschlüpfen. Pieter Maritz ergriff das eiserne Instrument und ließ sich von dem Regenmacher auf die Schultern heben, um oben arbeiten zu können. Mobiliar gab es hier oben gar nicht, nur der Inhalt der zerschnittenen Matratze lag auf dem Boden. Mit starker Hand hob Pieter Maritz das ganze Gitter, welches aus einem zusammenhängenden Drahtgewebe bestand, aus seiner Einfassung heraus. Dann schwang er sich empor und setzte sich auf den Rand des Fensters, mit dem Oberkörper über das Dach hinausragend.
Er blickte um sich. Das Dach war nicht sehr steil, aber glatt, und der Nebel hatte es mit einer glänzenden nassen Schicht überzogen. Es war aus Platten von Eisenblech gebildet, gleich den Fußböden, und hatte verschiedene Fenster, die wohl gleichfalls zu Gefangenenräumen führten. Einige der Fenster lagen in der Dachfläche selbst, andere befanden sich in vorspringenden kleinen Erkern. Pieter Maritz sah überall auf Dächer, welche niedriger lagen, aber kein einziges stieß nahe genug an das Gefängnis heran, um darauf springen zu können, sondern überall umgab ein freier Raum das einzeln stehende große Backsteingebäude. Der Himmel war abwechselnd hell und dunkel, je nachdem die Wolken zogen. Höchst merkwürdig aber sah von hier oben das große Loch aus,welches Pieter Maritz im Vorbeifahren gesehen hatte. Denn unten darin und an den Hängen brannten Hunderte von Lampen oder Fackeln, und der schwarze Schlund sah wunderbar aus, indem die gewaltige Weite und Tiefe des Abgrundes durch diese Lichter recht deutlich wurden und die Bewegung der vielen hellen Punkte ihm etwas Unirdisches gaben. Pieter Maritz mußte unwillkürlich an die Hölle denken und konnte trotz der Gefahr, worin er schwebte, und trotz seines Eifers, einen Fluchtweg zu entdecken, seine Augen mehrere Minuten lang nicht von diesem Einblick in die Eingeweide der Erde abwenden. Dann beugte er sich nieder und flüsterte dem Regenmacher zu, er möge heraufkommen, damit sie sich beide überlegen könnten, was zu thun sei. Zugleich ließ er ein Ende des Strickes hinunter, den er mit hinaufgenommen hatte, der Regenmacher band sich den Strick unter den Armen fest, und dann zog ihn Pieter Maritz empor, bis er selbst den Fensterrand ergreifen und sich heraufschwingen konnte. Nun saßen sie beide auf dem Rande der Öffnung und spähten umher.
»Wir wollen das Dach untersuchen,« sagte Pieter Maritz. Auf Händen und Knieen kroch er vom Fenster aus hinan, bis er den Kamm des Daches erreichte, der Regenmacher folgte ihm nach, und dann setzten sie sich rittlings und blickten nach beiden Seiten hinunter. Aber es zeigte sich keine Möglichkeit, hinabzugelangen. Links und rechts neigte sich das Dach in derselben Weise, und der Rand war viel zu hoch über dem Erdboden, um an dem Stricke hinabkommen zu können, selbst wenn sie eine Stelle gefunden hätten, wo der Strick sicher zu befestigen gewesen wäre.
»Wir müssen suchen, in eines der Fenster hineinzuklettern,« sagte Pieter Maritz, der, seinem unternehmenden Charakter gemäß, die Führung übernommen hatte. »Vielleicht finden wir ein Fenster, welches nicht vergittert ist, und wir kämen dann wohl in einen Raum, der nicht Kerker wäre.«
Der Regenmacher nickte und fing alsbald an, nach rechts hin auf dem Dache umherzukriechen und in die Fenster zu sehen, während Pieter Maritz es ebenso auf der linken Seite machte. In der That fand Pieter Maritz eines der Fenster, welches in einem Erker lag, ohne Gitter. Eine schwarze Öffnung blickte ihm entgegen. Aber er konnte nicht sehen, was darin war, denn es war ganz dunkel hinter dem Fenster. Vorsichtig kroch er wieder hinauf und pfiff leise, um den Regenmacher herbeizurufen. Dieser kam heran, und beide beratschlagten vor der schwarzen Öffnung, was sie thunsollten. Endlich beschlossen sie, der Regenmacher solle am Stricke hinabklettern. Wiederum ward ihm der Strick unter den Armen durchgebunden, und dann stieg er hinein, während Pieter Maritz oben hielt. Er hatte die ganze Last des Mannes zu tragen, denn dieser fand durchaus keine Stütze, sobald er innerhalb des Fensters war, und es zeigte sich, daß hier ein Bodenraum von beträchtlicher Höhe war. Als der Regenmacher glücklich auf den Füßen war, stand er so niedrig, daß Pieter Maritz nicht hätte hinabspringen können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu beschädigen. Der Regenmacher machte sich inzwischen von dem Stricke los und suchte umher. Dann kehrte er zurück und teilte mit, er habe eine Thür gefunden, welche leicht zu erbrechen sei. Aber wie wollte Pieter Maritz hinunterkommen? Er suchte den Strick zu befestigen, um daran hinabzuklettern, aber er bemühte sich vergeblich. Endlich stieß er mit aller Gewalt das spitze Eisen zwischen zwei Eisenbleche, um daran den Strick festzubinden. Aber indem er so kräftig bohrte, glitt plötzlich sein linker Fuß mit der Stiefelsohle auf dem von der Nässe schlüpfrig gemachten glatten Dache aus, und er fühlte sich zu seinem Schrecken abwärts gleiten. Er suchte sich mit Ellbogen und Knieen anzustemmen und gleichsam festzukleben, während er Eisen und Strick mit den Händen festhielt, aber ohne Erfolg. Er rutschte wohl zehn Fuß weit abwärts und fuhr über den Rand des Daches hinaus.
In diesem Augenblick durchfuhr die Gewißheit des nahen Todes die Gedanken des Buernsohnes, und er sah sich im Geiste schon zerschmettert unten liegen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes flog die Vergangenheit seines Lebens an ihm vorüber, und er sah seine weinende Mutter, die er nicht wiedersehen sollte, vor sich stehen. Aber indem er schon zu stürzen wähnte, gab es einen heftigen Ruck, und er fühlte sich mit den Ellbogen in der Dachrinne gestützt. Mit dem Oberkörper war er oberhalb des Dachrandes, mit den Beinen hing er nach unten, und nur die Arme hatten einen Haltepunkt. Instinktmäßig bog er sich vor und preßte sich mit aller Kraft an die Regenrinne an, und wie durch ein Wunder gelang es ihm, die Gewalt des Sturzes aufzuhalten. Meißel und Strick hielt er noch immer in den Händen. Er klammerte sich an und bemühte sich, ein Bein hinaufzubringen. Aber indem er das rechte Knie anzog und auf den Rand hinaufhob, ergriff ein heftig schmerzendes, krampfartiges Gefühl den ganzen Körper, so daß er wie gelähmt in der augenblicklichenStellung hängen blieb. Erst allmählich verschwand dieser Krampf, und nun gelang es Pieter Maritz, während er in dieser Not voll Inbrunst ein Vaterunser betete, das rechte Bein hinaufzubringen und dann mit ganzem Leibe wieder auf das Dach zu kommen. Er schöpfte tief Atem und saß eine Zeitlang still, um neue Kraft zu gewinnen. Dann fiel ihm ein, daß es vielleicht möglich sein werde, an der Wasserröhre hinunterzugleiten. Er rutschte die Dachrinne entlang bis zur Ecke, aber obwohl er hier die Stelle fand, wo die Röhre nach unten ging, so ward er doch enttäuscht, denn das Dach sprang zu weit vor, und die Röhre machte einen zu weiten Knick nach unten, als daß er ihre senkrechte Fortsetzung hätte ergreifen können. Er kroch also wieder zurück und sprach durch das Fenster mit dem Regenmacher, der im Innern stand und ihn schon für verloren gehalten hatte, da er das Hinabgleiten gehört hatte.
Nunmehr machte Pieter Maritz mit großer Vorsicht eine Eisenplatte am Rande des Fensters los, schlug den losgerissenen Nagel wieder fest und knüpfte das Ende des Strickes an diesen Nagel. Dann ließ er sich an dem Stricke in das Innere des Daches hinab und nahm den Meißel mit. Gemeinsam mit dem Regenmacher ging er dann zu der Thür, und es gelang ihnen, sie aufzusprengen, indem sie den Meißel zwischen Schloß und Pfosten stemmten und mit vereinigter Kraft das Schloß herausbrachen. Es that einen Krach, als die Thür aufging, und sie standen einige Minuten regungslos, um zu erwarten, ob etwa eine Wache durch den Lärm aufmerksam geworden wäre. Doch blieb alles ruhig, und nun gingen sie über einen Korridor an mehreren Thüren vorbei, fanden trotz der Dunkelheit, die im Innern des Gebäudes herrschte, die Treppe und stiegen hinab, bis sie den Flur im Erdgeschoß erreichten. Hier hörten sie Stimmen und sahen Licht durch einen schmalen Thürspalt dringen. Neben der Hausthür war das Wachtzimmer, und die darin befindlichen Wächter unterhielten sich. Leise schlichen sie an der Thür des Wachtzimmers vorbei und versuchten die Hausthür zu öffnen. Aber sie war verschlossen, auch steckte kein Schlüssel darin, und es war nicht daran zu denken, die schwere Thür, welche mit Eisen beschlagen war, etwa aufzubrechen. Selbst wenn ihre Kraft dazu ausgereicht hätte, würde der Lärm die Wächter herbeigerufen haben. Sie kehrten von der Hausthür zurück und suchten einen andern Ausweg, aber es war keiner zu finden. Überall waren feste Wände oder starke verschlossene Thüren.
Ratlos standen sie im Flur und wußten nicht mehr, was sie thun sollten. »Wir wollen hier bleiben, bis die Schildwache abgelöst wird,« sagte Pieter Maritz. »Alsdann muß die Hausthür geöffnet werden. Wir benutzen den Augenblick, rennen die Leute, die uns dann etwa im Wege stehen, über den Haufen und suchen zu fliehen.«
Aber der Regenmacher wollte darauf nicht eingehen. Er hatte nicht den Mut, sich in einen Kampf mit den bewaffneten Wächtern einzulassen, und Pieter Maritz gab ihm nach, da er selbst fühlte, daß dieser Plan ein verzweifelter sei. Sie kehrten wieder um, gingen die Treppe hinauf auf den Boden und setzten sich dort fast ganz mutlos nieder, indem sie sich den Kopf zerbrachen, einen Ausweg zu finden. Bald wurde Pieter Maritz aber die Dunkelheit in diesem Raume drückend, er ging zu dem Strick, den er am Fenster hatte baumeln lassen, kletterte hinauf und kauerte sich auf den Fensterrand nieder, um wenigstens freien Himmel und frische Luft um sich her zu haben. Da schien es ihm, indem er unwillkürlich nach der Mine blickte und das geheimnisvolle Wandern der Lichter beobachtete, als ob diese sich an einer bestimmten Stelle am Saume des Abgrunds vereinigten, und einen dicken feurigen Klumpen bildeten. Immer mehr helle Punkte kamen langsam aus dem Innern hervor und sammelten sich zu dem gemeinsamen Feuer. Es war, als ob viele Glühwürmer sich zu einem dichten Schwarme vereinigten.
Pieter Maritz pfiff leise zum Zeichen für den Regenmacher, und alsbald kam die geschmeidige Gestalt des Kaffern an dem Stricke empor und zeigte sich das kluge Gesicht des vielgewandten Mannes über dem Dachrande. Er sah das sonderbare Leben in der Mine, und seine Augen nahmen den Ausdruck der Überraschung an.
»Die Minenarbeiter versammeln sich,« sagte er.
»Was wollen sie thun? Warum versammeln sie sich?« fragte Pieter Maritz.
»Sie sind oft unzufrieden,« sagte der Regenmacher. »Sie bekommen nicht genug Lohn, und sie wollen sich nicht durchsuchen lassen, wenn sie aus der Mine kommen.«
Währenddessen war ein dumpfes Geräusch wie von vielen Stimmen aus der Ferne zu vernehmen, und plötzlich zuckte ein Blitz am Rande der Grube auf, und der Knall eines Schusses zerriß die Luft. Offenbar gab es einen Kampf an der Mine undwaren die Aufseher bemüht, die Arbeiter zur Ordnung zu bringen, während diese sich widersetzten. Mit gespannter Aufmerksamkeit sahen die beiden Gefangenen auf dem Dache der Scene zu. Der Lärm ward immer vernehmlicher, eine große Masse von Menschen wälzte sich beim Scheine vieler Fackeln von der Mine fort durch die Straßen, und schon konnte man deutlich sehen, daß die Bevölkerung wach wurde. Hinter vielen Fenstern erschien Licht, und aus den Häusern kamen Leute hervor, welche sich in das Gewühl der Arbeiter mischten.
Auch das Gefängnis wurde lebendig. Pieter Maritz hörte den Ruf der Schildwache, dann öffnete sich die Hausthür und Stimmen wurden unten in der Straße laut. Gleich darauf marschierte eine kleine Abteilung von sechs Mann vom Gefängnis weg, der Arbeitermasse entgegen. Aber mehr und mehr geriet die Stadt in Bewegung, und immer lauter wurde der Tumult der aufgeregten Minenarbeiter. Flüche und wildes Schreien schollen von drunten her, und alle Straßen wurden lebhaft, während die Dunkelheit der Nacht noch immer anhielt und die Schrecken des Aufstandes vermehrte.
Für Pieter Maritz freilich hatte die Bewegung keine Schrecken. Er hoffte, daß sich in dem allgemeinen Tumult eine Gelegenheit zur Flucht würde finden lassen, und nahm den Gedanken wieder auf, aus der Hausthür zu stürmen, falls diese geöffnet wäre. Noch sah er, daß die Polizeiwache mit den Arbeitern in Streit geriet, indem diese sich nicht zurücktreiben lassen wollten, dann faßte er den Regenmacher am Arm und forderte ihn auf, wieder hinabzusteigen und unten im Flur auf ein Öffnen der Thür zu warten. Der Regenmacher folgte ihm, und beide kletterten wieder durch das Fenster und gingen die Treppe hinab. Auf dem Wege hörten sie schon die Menge näher kommen, mehrere Schüsse ertönten, und das Stimmengewirr, das laute Rufen und Schreien kam näher. Im Gefängnis selbst wurde es lauter, überall waren die Gefangenen erwacht, riefen, pochten an die Thüren und waren offenbar in Unruhe. Pieter Maritz hielt an. »Wir wollen meinen Landsmann herauslassen,« sagte er. Und nun pochte er von außen an mehrere Thüren und rief wiederholt den Namen des Buern, der mit ihm gekommen war. Bald hatte er die rechte Thür gefunden und hörte von innen die rechte Antwort. Nun stemmte er das Eisen zwischen Thür und Pfosten und brach mit voller Kraft. Doch die feste, eisenbeschlagene Thür wollte nicht weichen, obwohl der Buer von innen seine breite Schulter gewaltig anlegte.
Mit einem Male erscholl ein entsetzliches Krachen, welches allen andern Lärm übertönte und für einen Augenblick alles Geräusch im Gefängnis selbst und draußen zum Schweigen brachte. Das feste Haus erbebte und klirrte, und angstvolle Stille lagerte auf dem Schauplatze des Tumults. Doch gleich darauf hob wildes Rufen dicht vor dem Gebäude an, mehrere Schüsse dröhnten von neuem, und Pieter Maritz hörte das Volk in das Gefängnis eindringen. Dann füllten sich in wenigen Minuten die Treppe und die Gänge mit den Gestalten der Arbeiter. Im roten Schein der Fackeln erschienen viele Kaffern und auch einzelne weiße Männer mit Äxten und Hacken bewaffnet und stürmten mit Gejohle durch die Korridore. Sie zerschmetterten die Thüren der Zellen und ließen die Gefangenen heraus. Auch die Thür, welche Pieter Maritz vergeblich zu erbrechen versucht hatte, flog nun unter vielen Axthieben in Trümmer, und der Gefangene kam zum Vorschein. Pieter Maritz schüttelte ihm freudig die Hand, und dann suchten die beiden Buern zugleich mit dem Regenmacher dem wilden Gewühle zu entkommen.
Unten im Flur lagen mehrere Körper verwundet oder tot am Boden, und Pieter Maritz wendete sich mit Grauen von dem Anblick ab. Die Hausthür war nicht mehr vorhanden, und nur Splitter von Holz und verbogene Eisenteile bildeten ihre Überreste. Ein tiefes Loch war dort, wo die Schwelle gewesen war. Die Arbeiter hatten sich mit Dynamit den Eingang erzwungen. Mühsam drängten sich die Flüchtlinge durch den Haufen hindurch, welchen die Wut der Zerstörung erfaßt hatte, und suchten das Weite. Doch war der Regenmacher plötzlich im Gedränge verschwunden und gleichsam in den Boden gesunken. Er suchte seine eigenen Wege und mochte auf die Rettung seiner versteckten Diamanten bedacht sein, wobei ihm Gesellschaft unerwünscht war.
Den befreiten Buern kam es jetzt sehr zu statten, daß der ältere von ihnen mit dem Lande bekannt war. Nach kurzer Zeit hatten sie das freie Feld erreicht, und mit innigem Dankgefühl gegen Gott sah Pieter Maritz auf das ihm verhaßt gewordene Kimberley zurück, während jetzt die Sonne aufging und sein Herz mit frischem Mut wie die Landschaft mit goldigem Glanz übergoß. Sie suchten eine Meile von der Stadt die Farm eines gastfreundlichen Buern auf, erquickten sich dort mit Speise und Trank und setzten alsbald auf einem Wagen, den ihnen der Buer vermietete, ihre Reise fort, um Bloemfontein, die Hauptstadt des Oranjefreistaats,zu erreichen. Im Oranjefreistaat hielten sie sich für sicher vor Verfolgung durch englische Polizei, und von Bloemfontein aus hofften sie am leichtesten nach dem Transvaallande zurückkehren zu können. Glücklicherweise hatte Pieter Maritz noch einige Goldstücke im Versteck bei sich, die den Durchsuchungen der Polizei in Potschefstroom entgangen waren. Er hatte sie in das Beutelchen gesteckt, welches seine Mutter ihm einst als Talisman mitgegeben hatte. So konnte er den Buern für den Wagen bezahlen, denn so gastfrei dieser auch war, hatte er doch keine Lust, einen Wagen mit zwei Pferden und einem Kafferkutscher umsonst für die Reise nach der Hauptstadt herzugeben.
Am Nachmittag des zweiten Tages erreichten sie glücklich Bloemfontein und erblickten die hoch wehende Flagge des Freistaats, orange und weiße Streifen mit der holländischen Trikolore oben in der Ecke. Die Stadt sah ihrem Namen entsprechend reizend aus, wahrhaft »blumenquellend«, und erschien um so schöner, als die Fahrt auf der Landstraße durch öde und dürre Gegenden geführt hatte. Nun lag Bloemfontein mit seinen Gärten und den hohen Eukalyptus- und Weidenbäumen wunderhübsch da. Als sie in die Stadt kamen, fielen Pieter Maritz die geschmackvollen Häuser und die eleganten Anzüge auf der Straße auf. Männer und Frauen machten Nachmittagspromenade, und überall glänzten seidene Kleider und prächtige Hüte.
»Die Leute verdienen hier ungeheures Geld,« sagte ihm sein Gefährte. »Sie verkaufen Fleisch und Gemüse nach den Diamantenfeldern, und das kostet dort fünfmal so viel wie anderswo.«
Vielfach hörte Pieter Maritz auf den Straßen deutsch sprechen, wovon er durch den alten Missionar einige Worte und Wendungen kannte, und auch das Hotel, welches sie aufsuchten, das »Free State Hotel«, ward von Deutschen, den Gebrüdern Stock aus Frankfurt am Main, gehalten, und war so sauber und schön, wie Pieter Maritz in allen Städten Südafrikas, die er kannte, noch keins gefunden hatte. Bloemfontein war in lebhafter Erregung, wie schon auf der Fahrt durch die Straßen wahrzunehmen gewesen war. Die Leute sprachen eifrig miteinander, und wichtige Nachrichten schienen von Mund zu Mund zu gehen. Im »Free State Hotel« erhielten sie volle Auskunft über den Gegenstand, der die Stadt beschäftigte: die Erhebung Transvaals hatte ihren blutigen Anfang genommen. Der Generalgouverneur Sir Hercules Robinson, der nun an Stelle des Sir Bartle Frere die Angelegenheitender Kapländer leitete, hatte die Forderungen der Regierung von Transvaal zurückgewiesen, und der englische Gouverneur von Natal und Transvaal, General Sir George Pomeroy Colley, hatte Befehl gegeben, die Garnisonen im Transvaallande zu verstärken. Darauf hatte die Regierung von Transvaal die Kriegserklärung erlassen, und sofort hatten die Buern losgeschlagen. Sie hatten am 20. Dezember, vor sechs Tagen, einen Teil des 94. Infanterieregiments überfallen, welches unter Kommando des Oberstleutnants Anstruther von Lydenburg nach Pretoria auf dem Marsche gewesen war. Ein genauer Bericht darüber war in der Zeitung zu lesen. Zuerst hatten die Buern, welche rings um die englische Kolonne aufgetaucht waren, den Oberstleutnant aufgefordert, umzukehren. Aber er hatte erwidert, daß er nicht gegen seinen Auftrag handeln könne und wolle; er habe Befehl, nach Pretoria zu marschieren, und das werde er thun. Darauf hätten die Buern ihm gesagt, sie hätten die Kriegserklärung erlassen und würden ihn angreifen, wenn er nicht umkehrte. Er aber habe entgegnet, er werde den Angriff mit den Waffen zurückweisen. Nun habe die Unterhandlung aufgehört, aber der Kampf habe begonnen. Es sei bei Bronkers Spruit, auf dem Wege zwischen Lydenburg und Pretoria gewesen. Die Buern hätten aus der Entfernung von drei Seiten gefeuert und binnen kurzer Zeit hundertundzwanzig englische Soldaten, sowie alle Offiziere zu Boden gestreckt. Den Rest der Kolonne, etwa zweihundertfünfzig Mann, hätten sie gefangen genommen. Dieser Kampf sei das Zeichen zu einem allgemeinen Aufstande geworden, und nun seien die Garnisonen in Pretoria und Potschefstroom in ihre Forts eingeschlossen und würden belagert.
Pieter Maritz las diesen Bericht mit hoch schlagendem Herzen, er sehnte sich, bei den Landsleuten zu sein, seine Gedanken hingen an seinem Pferd und an seiner Büchse.
»Ich gehe zum Präsidenten Brand,« sagte er rasch entschlossen zu seinem Gefährten. »Ich werde ihn bitten, uns mit Pferden und Waffen zu versehen, damit wir uns heimwärts begeben können.«
Der ältere Buer, langsamer von Gedanken und Entschluß, nickte und erklärte sich einverstanden mit diesem Vorschlage. So ging denn Pieter Maritz noch denselben Nachmittag zu dem Hause des Präsidenten. Es war ein hübsches zweistöckiges Gebäude, und Pieter Maritz sah, als er sich näherte, eine Familie in einem der Zimmer des Erdgeschosses versammelt. Die Fenster waren geöffnet,und er sah deutlich einen alten Herrn und mehrere junge Damen am Kaffeetische sitzen, während eine ältere Dame am Flügel saß und sehr schön spielte. Von einem Diener, der vor der Hausthür stand, hörte Pieter Maritz, daß der alte Herr der Präsident sei, und es wurden seinem Eintreten keine Schwierigkeiten bereitet, sondern in einfach bürgerlicher Weise wurde er eingeführt und im Arbeitszimmer empfangen.
Herr Johannes Brand, Präsident des Oranjefreistaats, war ein würdiger Herr mit offenem, wohlwollendem Gesicht, das von einem lang herabwallenden weißen Barte und weißem Haupthaar umrahmt war. Pieter Maritz beobachtete voll Spannung seine Miene, und es kam ihm so vor, als ob aus dem freundlichen Antlitz ein Paar sehr kluger Augen blickten. Sein Vertrauen auf den Erfolg seines Besuches ward durch den Anblick dieser Augen aber nicht erhöht, sondern er hatte das Vorgefühl, mit einem Manne von berechnender Schlauheit und zwar freundlicher Gesinnung, doch geringer Energie zu thun zu haben.
Er trug jedoch bescheiden seine Sache vor, erzählte, welchen Auftrag er vom Präsidenten Krüger erhalten habe, welches Mißgeschick über ihn gekommen sei, indem die Engländer ihn gefangen genommen hätten, wie er aus Kimberley entkommen sei, und bat endlich um ein Pferd und eine Büchse für sich und seinen Kameraden, um wieder schnell nach Transvaal zurückkehren zu können.
»Ei, ei!« sagte der Präsident, indem er den Buernsohn scharf betrachtete und bedächtig den Kopf wiegte, »mein lieber Neffe, ich glaube schon, daß das alles wahr ist, aber haben Sie denn wohl bedacht, daß wir im Frieden sind? Der Oranjefreistaat hat keinen Krieg mit England. Wie können Sie denken, daß ich Leute mit Waffen und Pferden ausrüsten möchte, die hierher gekommen sind, um Buern aus dem Freistaat zum Kriege gegen England aufzureizen?«
Pieter Maritz war sehr betroffen. Er hatte freilich, seitdem er zuerst das Lager der Treckbuern verlassen, um mit dem Missionar ins Weite zu ziehen, viel vom Laufe der Welt kennen gelernt und genug gebietende Männer, Generale und Politiker, gesehen, um zu wissen, daß der Vorteil und nicht das Gefühl in der Lenkung der öffentlichen Angelegenheiten den Ausschlag giebt, aber diese Antwort überraschte ihn doch. Er glühte von Begeisterung für die Sache des Vaterlandes, er fühlte, daß alle Buern zusammenhalten müßten gegen den gemeinsamen Feind, und er ward sehrzornig über einen so kühlen Bescheid. Fast hätte er heftig geantwortet und seine Gedanken frei ausgesprochen; aber er besann sich darauf, daß er einer so hochgestellten Persönlichkeit gegenüber demütig sein müsse.
»Herr Präsident,« sagte er, »ich bin zu jung und unbedeutend, um Eurer Excellenz gegenüber sprechen zu dürfen, aber wir in Transvaal sehen den Krieg ganz anders an, und ich habe immer bei uns sagen hören, daß die Oranjebuern unsere Brüder wären und uns helfen würden. Der Herr Präsident Krüger wird das auch wohl denken, denn sonst hätte er uns nicht ausgeschickt, um unter den Oranjebuern Schriften zu verteilen und sie aufzufordern, zu unserer Armee zu kommen.«
»Ja, mein lieber Neffe, darüber wollen wir beide gar nicht weiterreden,« sagte der Präsident Brand lächelnd. »Ich will das gar nicht gehört haben, was Sie mir da erzählen, und rate Ihnen, sobald als möglich wieder nach Transvaal zu gehen. Höchstens kann ich Ihnen, wenn es Ihnen an Geld fehlen sollte, als Landsmann mit so viel Münze aushelfen, daß Sie mit der Post an die Grenze fahren können.«
Pieter Maritz wurde sehr rot und wollte sich schon mit kurzem Dank entfernen, als draußen ein Lärm zu vernehmen war und er einen vierspännigen Wagen vorfahren sah, in welchem er ein ihm bekanntes Gesicht, das des Schatzsekretärs Swart aus Pretoria, erblickte.
»Ich bitte Eure Excellenz,« sagte er schnell entschlossen, »mich wenigstens so lange hier zu dulden, bis der Herr, der hier vorfährt, mich gesehen haben wird. Denn ich möchte nicht, daß Eure Excellenz dächten, ich wäre hier, um zu betteln.«
Der Präsident, welcher aufmerksam nach dem Wagen sah, der vor seinem Hause hielt, nickte ihm zu und bot ihm einen Sitz an, Pieter Maritz aber erwartete mit neuer Hoffnung das Eintreten des Schatzsekretärs.
Herr Swart wurde sehr zuvorkommend vom Präsidenten begrüßt und sah, nachdem er die ersten Höflichkeiten mit diesem ausgetauscht, verwundert den jungen Buer in diesem Hause. Er vernahm dessen Geschichte und gab alsbald Auskunft über dessen Persönlichkeit. Pieter Maritz wollte sich nun entfernen, aber der Schatzsekretär hielt ihn zurück.
»Dies ist ein sehr vertrauenswürdiger junger Mann,« sagte er zum Präsidenten Brand. »Trotz seiner jungen Jahre ist er einverdienter Krieger, der im Feldzuge gegen Tschetschwajo in den Reihen der Engländer das Viktoriakreuz erworben hat. Er kennt die englische Armee, und es wäre mir lieb, wenn er bei der Unterhaltung, die ich mit Eurer Excellenz zu haben wünsche, zugegen wäre, um uns Auskunft geben zu können, wo sie uns etwa noch nötig erscheinen sollte.«
Präsident Brand erklärte sich einverstanden und ließ den beiden Gästen aus Transvaal zur Begrüßung Kaffee bringen. Alsdann nahm der Schatzsekretär das Wort.
»Ich bin im Auftrage der Regierung von Transvaal hier,« sagte er, »um mit Ihnen, Herr Präsident, über die Stellung zu beraten, welche der Oranjefreistaat bei dem Kriege einnehmen wird. Eure Excellenz haben schon eine Denkschrift erhalten, welche die Ansichten der Regierung darlegt, und ich brauche nicht weiter auf die Klagen einzugehen, welche Transvaal gegen England zu führen hat. Es sind dieselben Klagen, welche auch der Oranjefreistaat führen könnte, nur mit dem großen Unterschiede, daß der Oranjefreistaat doch wenigstens selbständig ist, seine eigene Regierung besitzt und nicht britische Forts und Garnisonen zu ertragen hat. Aber in gleicher Weise wie Transvaal ist auch der Freistaat von England auf das Binnenland beschränkt, vom Meere ausgeschlossen und in seiner freien Entwickelung gehemmt. Alle Arbeit der Buernbevölkerung dient nur zum Vorteil Englands. Der Ertrag unseres Ackerbaues und unserer Viehzucht kommt uns weniger zu gute als England. Denn wir haben keine eigenen Handelswege, sondern sind einer schlauen, habgierigen Kaufmannschaft ausgeliefert, welche den Gewinn aus unsern Produkten zieht. In einer abgelegenen, isolierten, im Innern des Kontinents von Wüsten und Gebirgen begrenzten Lage sind wir Buern der Gnade und Ungnade Englands preisgegeben. Ringsum stößt englisches Gebiet an unsere Grenzen, oder aber wilde Völkerschaften sind unsere Nachbarn. Nach Norden und Westen hin haben wir gar keine Verbindungen mit der übrigen Welt, denn dort wohnen Betschuanen, Namaqua, Hereró und andere Völker, mit denen wir noch jetzt häufig zu kämpfen haben. Überall sonst ist englisches Gebiet, und England legt so ungeheure Steuern und Zölle auf die Waren, welche es durchläßt, daß wir fast gar keinen Handel mit der Außenwelt haben. Deshalb liegt die Industrie bei uns völlig danieder. Ohne Industrie und Handel aber können wir uns nicht entwickeln. Gleichwohl hatten wir bis jetzt durch den Reichtumdes Bodens, der uns gehört, wenigstens ein behagliches Leben und erfreuten uns, wenn auch nicht politischer Bedeutung, so doch der Freiheit. Ein feierlicher Vertrag mit England sicherte uns unsere Unabhängigkeit. Aber das ist für Transvaal anders geworden. Haufen von fremden Abenteurern, wie sie sich in allen englischen Kolonien finden: Landkäufer, Minenspekulanten, betrügerische Kaufleute aller Art, Spekulanten auf jede Art von Besitz haben sich wie Raubvögel an unsern Grenzen und sogar in unsern Städten festgenistet und lauern auf Beute. Sie haben durch alle Arten von Verleumdungen gegen die Buern, gegen die Regierung, gegen die Volksvertreter und alle unsere Einrichtungen England gegen uns aufgehetzt. Sie wollen im Trüben fischen, denn sie wissen wohl, daß jede politische Umwälzung Gelegenheit zu Verdienst giebt. Da giebt es Lieferungskontrakte abzuschließen, neue Stellen zu erhaschen und allerhand Arten unredlichen Verdienstes. Sie haben es dahin gebracht, daß man in England glaubte, wir wären eine Rotte von Sklavenhaltern, und daß der Generalgouverneur Transvaal für englisches Gebiet erklärte. Das ist ja eine bekannte Sache, und ich brauche darüber nicht weiter zu reden. Nur auf die Folgen will ich aufmerksam machen: hat England den feierlichen Vertrag mit Transvaal nicht geachtet, so wird es auch den Vertrag mit dem Oranjefreistaat nicht achten. Sobald es England vorteilhaft erscheint, wird es auch die Oranjebuern für englische Unterthanen erklären. Der Boden, den wir Buern seit Jahrhunderten mühsam erkämpft haben, wird uns einfach von dem übermächtigen Feinde genommen, und wir haben sämtlich nur die Wahl, entweder als unterdrückte Gemeinden von englischen Spekulanten ausgebeutet und von englischen Gouverneuren mißhandelt zu werden oder aber aufzubrechen, wie unsere Väter gethan haben, und nach Norden in die Wildnis zu ziehen, um ein neues Vaterland zu gründen. Aus dieser verzweifelten Lage wollen wir uns befreien. Wir haben zu den Waffen gegriffen, und der Krieg mit England ist im Gange. Nun strecken wir unsere Hand aus, um die Bruderhand des Oranjefreistaats zu ergreifen. Der Oranjefreistaat möge erklären, daß seine Interessen dieselben wie die unserigen sind. Und wenn auch die Oranjebuern nicht zu den Waffen greifen wollen, so mögen sie doch laut erklären, daß ihre Sympathie mit dem Transvaalstaat ist. Eine solche Erklärung würde unsere Sache sehr verstärken und würde dazu beitragen, daß der Krieg rasch beendigt würde, da England nicht Lust habenwird, sich auf den Kampf mit beiden Ländern einzulassen. Dem Oranjefreistaat aber würde sie Respekt verschaffen und nicht mindere Vorteile als uns selbst.«
Präsident Brand hatte mit aufmerksamem Blick und mehrfachem zustimmendem Kopfnicken die Worte des Gesandten aus Transvaal begleitet, und er sagte nun sehr freundlich: »Gewiß, mein lieber Herr Schatzsekretär, sind die Wünsche der Oranjebuern ganz für die Sache des stammverwandten Transvaal. Unsere volle Sympathie ist Ihnen gewiß. Ob wir aber dieser Sympathie öffentlichen Ausdruck geben sollen, das bedarf doch noch der reiflichen Erwägung. Denn eine solche Erklärung könnte leicht von England als eine Allianz mit dem Transvaalstaat und als Kriegserklärung aufgefaßt werden. Und das scheint mir doch sehr bedenklich zu sein. Wir sind mit England im Frieden und haben uns nicht über Vergewaltigung zu beklagen. Noch vor vier Jahren hat uns England für ein Stück von Griqualand-West, welches wir abtraten, 90000 Pfund Sterling bezahlt, und diese Summe ist uns von großem Nutzen gewesen für den Bau von Brücken und Straßen und sonstigen Einrichtungen, die für die innere Entwickelung des Freistaates von hohem Werte sind. Wir sind mehr geneigt und halten es für klüger, unsern Wohlstand zu vermehren, als im Kriege unsere Errungenschaften aufs Spiel zu setzen. Für uns ist ein Krieg mit England auch gefährlicher als für Transvaal. Denn wir sind von drei Seiten durch englische Besitzungen umfaßt, und jeden Augenblick kann ein englisches Heer unser ganzes Land durchziehen, von welcher Seite es will. Auch scheint es mir sehr zweifelhaft zu sein, ob es für die vereinigten Buern sogar möglich ist, den Kampf mit England aufzunehmen. England ist viel zu mächtig für uns. Wenn auch für den Augenblick nur wenig Truppen in Afrika stehen, so können doch binnen sechs Wochen 20000 Mann hier versammelt sein, und wie wollten wir einer solchen Macht widerstehen?«
»Es ist möglich,« sagte der Schatzsekretär, »daß wir England nicht widerstehen könnten, wenn es wirklich seine ganze Macht aufbieten wollte. Aber zunächst rechnen wir anders. Wir können den englischen Truppen solche Schlappen beibringen, daß die Regierung der Königin einsieht, es bedürfe einer sehr großen Machtentfaltung, um uns niederzuwerfen; und dann möchte wohl in London die Erkenntnis entstehen, daß es besser ist, unsere billigen Bedingungen anzunehmen, als so viel Geld und Truppen aufzuwenden,wie notwendig erscheinen, um uns zu besiegen. Wir haben am Kriege mit den Zulus gesehen, daß England ungeheurer Anstrengungen bedarf, um in Afrika Krieg zu führen. England bedauert, so viel Verluste erlitten zu haben, nur um Tschetschwajo zu besiegen. Wir vertrauen darauf, einen noch ganz andern Widerstand leisten zu können als Tschetschwajo, und die Engländer werden nicht Lust haben, noch mehr Opfer zu bringen, als sie schon im Zulukriege gebracht haben. Der neue Premierminister Gladstone ist nicht der Mann für große kriegerische Unternehmungen. Was könnte England auch durch einen teuer erkauften Sieg gewinnen? Der Vorteil wäre nicht groß genug, um als Entschädigung gelten zu können. Aber selbst wenn wir uns in dieser Berechnung täuschen — wir wollen lieber ehrenvoll untergehen als uns sklavisch unter das Joch beugen, das man uns auferlegt hat. Und wir vertrauen darauf, daß der gerechten Sache eine große Macht innewohnt, indem die göttliche Gerechtigkeit selbst die Entscheidung bringt.«
»Es ist wahr, Gladstone wird nicht Lust haben, einen großen Krieg zu führen,« sagte Präsident Brand. »Verstehen Sie mich recht, Herr Schatzsekretär, ich lehne es nicht ab, mit Transvaal zu gehen. Nur wollen wir erst klarer sehen. Wir wollen nichts überstürzen. Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, heißt es schon in unserer heiligen Schrift.«
»Sir Bartle Frere war eine eiserne Hand in einem Handschuh von Sammet,« sagte der Schatzsekretär. »Er wollte ein großes englisches Reich in Südafrika gründen. Tschetschwajo war ein Stein des Anstoßes auf seinem Wege und mußte fallen. So sollten auch die Buernstaaten fallen, denn sie waren für die Pläne des Generalgouverneurs ebenfalls Steine des Anstoßes. Jetzt ist Sir Bartle Frere fort, und die eiserne Hand, die Südafrika gepackt hatte, ist für den Augenblick gelähmt. Benutzen wir die Gelegenheit, denn sie kommt niemals wieder! Wir Buern sind die geborenen Herrscher von Südafrika. Lassen Sie uns zusammengehen, Herr Präsident! Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Wir können ein Reich bilden, das reich und mächtig wird. Wir müssen Verbindung mit dem Meere bekommen, eine Eisenbahn von Bloemfontein über Pretoria und Lydenburg nach der Delagoabai bauen, freien Handel mit der übrigen Welt erringen und Südafrika Gesetze vorschreiben.«
»Wir wollen es bedenken,« sagte Präsident Brand. »Ich werde mich mit den Mitgliedern der Regierung beraten.«