Zweiundzwanzigstes KapitelDie Schlacht bei Gingilowo

Lord Chelmsford marschierte gegen den Feind. Er hatte seine feste Stellung am Tugela bei den Forts Tenedos, Pearson und Williamson verlassen und zog nordwärts. Seine Regimenter und Wagenzüge bedeckten in breiter Flut das Hügelland und wälzten sich langsam bergauf und bergab. Die Engländer waren vorsichtig geworden. Sie verteilten jetzt ihre Truppen und Wagen so, daß sie sich einander unterstützen konnten, daß bei einem unerwarteten Angriff des schnellen schlauen Feindes rasch eine Wagenburg hergestellt werden konnte. Deshalb marschierten sie in vielen Kolonnen nebeneinander und hatten die Wagen an den äußeren Linien, starke Infanterieabteilungen aber neben und zwischen den Fahrzeugen. Auch hatten sie Vorhut und Nachhut, sowie Seitendeckungen gebildet, die das Herankommen des Feindes frühzeitig entdecken konnten, damit der Hauptmasse Zeit blieb, sich zum Kampfe zu ordnen.

Bei diesem Dienst waren die leichten Reiter vom größten Nutzen, und besonders die freiwilligen Buern erwarben sich große Verdienste. Ihre Augen waren weit besser an das Land und seine Besonderheiten gewöhnt, auch schärfer als die der Engländer, und ihre abgehärteten Pferde konnten viel mehr vertragen. Zehn bis fünfzehn deutsche Meilen legten die Buernreiter an einem Tage zurück, immer im langen Schritt oder im Jagdgalopp, und sie umschwärmten wachsamen Blickes die englischen Heerhaufen von allen Seiten. Bei Nacht aber, wenn die englische Armee sich zu einem dichten Klumpen zusammenschloß, ringsum Verschanzungen anlegte und die Wagen dahinter reihenweise aneinander schob, dann zogen draußen die Buernreiter eine lange Kette von Doppelposten, lauschten, die Büchse vor sich auf dem Sattel und das Ohr gespannt, auf jedes Rascheln in dem langen Grase und spähten mit gesenktem Kopfe unter dem Hutrand hervor nach jedem Schatten, der über die Ebene zog oder aus dem Busch hervorkam.

Pieter Maritz erwarb sich in diesem angestrengten Dienst die höchste Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Leutnant Dubois mit hundert Reitern war der Vorhut unter Oberst Law zugeteilt, und er war mit Pieter Maritz immer voran. Zuweilen gesellte sich auch Major Walker auf seinem riesigen Braunen zu ihnen, und dann tauschten die beiden Offiziere Geschichten aus ihrer früheren Dienstzeit miteinander aus, die Pieter Maritz höchlichst ergötzten. Beide waren in China gewesen und hatten an den Plünderungszügen des Grafen von Palikao teilgenommen. Besonders gefiel dem Buernsohn eine Geschichte, die der Major eines Nachts am Wachtfeuer erzählte: die Schilderung seiner Gefangenschaft in China. Die Chinesen hätten ihn einmal bei einer Rekognoszierung mit gewaltiger Übermacht überfallen und vom Pferde gerissen, dann aber in einen Käfig von Bambus gesteckt, von Stadt zu Stadt getragen und in den Tempeln als Sehenswürdigkeit ausgestellt, so daß Mandarinen und Volk zusammengelaufen wären, um den »großen rothaarigen Barbaren« zu sehen und mit toten Ratten, faulen Eiern und Katzenköpfen zu bewerfen. Pieter Maritz mußte laut lachen, als er sich vorstellte, welchen Anblick die mächtige Gestalt in dem engen Käfig geboten haben mußte, und der Major sparte nicht mit anschaulichen Bildern bei seiner Erzählung und rollte dazu die Augen und fluchte.

Am 29. März machte das Heer beim Kral Inyoni Halt und übernachtete im befestigten Lager, am 30. kam es bis zum KralAmatikulo am Amatikuloflusse und schlug dort die Zelte auf. Die Krale waren verlassen und keine Spur von Bewohnern war mehr zu erblicken, doch zeigten sich während des Marsches hier und dort einzelne bewaffnete Zulus, die, im Grase versteckt, das feindliche Lager beobachteten, dann aber, wenn die leichten Reiter sie fangen wollten, mit der Schnelligkeit von Antilopen verschwanden.

Am 1. April ward von Amatikulo aufgebrochen, durch den Fluß marschiert und der Weg nach Osten fortgesetzt. Es war ein heller, heißer Tag, doch zeigten sich gegen Mittag Wolken am fernen Horizont, die für Gewitterwolken gehalten wurden. Aber es waren Wolken anderer Art. Bald kam es nahe heran, erfüllte die Luft mit unheimlichem Schwirren und senkte sich gleich Schneeflocken herab. Es waren Heuschrecken, die von leichtem Nordwinde gen Süden getrieben wurden. Ihre weißen, bläulich durchscheinenden Flügel trugen sie sanft wie Fallschirme herunter auf die Erde, und sie bedeckten bald alles, das Land, das Gras, die Büsche und Bäume, die Wagen und Geschütze, die Tiere und Menschen mit einer dicken Schicht. Die Räder gingen über die zerstampften Massen hinweg, als ob sie in schlüpfrigem Schlamme führen. Dieser Regen dauerte fast eine Stunde lang. Am Nachmittage ward unweit des Krals Gingilowo Halt gemacht und ein festes Lager aufgeschlagen. Lord Chelmsford ritt zur Vorhut, um nach dem Feinde auszuschauen. Die Vorhut war heute von der Seebrigade gebildet worden und bestand aus der Mannschaft der Kriegsschiffe Schah, Tenedos und Boadicea mit zwei Neunpfündern und drei Gatlingmitrailleusen, sowie leichter Kavallerie.

Pieter Maritz begleitete mit fünfundzwanzig Reitern den Oberbefehlshaber und dessen Stab, als diese hohen Offiziere über die Vorhut hinausritten, und außerdem waren mehrere Zulus, unter denen der Buernsohn die düstere Gestalt Humbatis bemerkte, im Gefolge des kommandierenden Generals.

Die Armee war dem Fort Ekowe bis auf fünf deutsche Meilen nahe gekommen, und Lord Chelmsford wollte versuchen, sich durch Lichtsignale mit dem Obersten Pearson in Verbindung zu setzen. Er suchte einen Hügel unweit des Lagers auf, von dem aus Fort Ekowe durch das Fernrohr erblickt werden konnte, und ließ auf der Höhe einen Heliographen aufstellen. Pieter Maritz begab sich in die Nähe des Kreises der Offiziere, welche um den General versammelt waren. Er sah Lord Chelmsford heute zum erstenmale auf nur wenige Schritte Entfernung. Der General hatte einziemlich schmales Gesicht, welches nicht sehr energisch aussah. Die dunklen beschatteten Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Ein Offizier vom Stabe stellte ein dreibeiniges Stativ auf, welches einen beweglichen Spiegel trug, und nun wurden Sonnenblitze aufgefangen und durch Neigungen des Spiegels in der Richtung nach Ekowe entsandt, während ein anderer Offizier durch ein Fernrohr beobachtete.

Pieter Maritz erkannte das Fort Ekowe mit bloßen Augen als ein dunkles Fleckchen am Horizont, und nach einiger Zeit schien es ihm so, als ob auch drüben etwas Blitzendes wahrzunehmen sei. In der That war es gelungen, die Aufmerksamkeit der belagerten Besatzung zu erregen und sich mit ihr zu unterhalten. Einer der Adjutanten des Generals schrieb die Anzahl der beobachteten Blitze von drüben und die Art ihrer Reihenfolge und Dauer auf und übersetzte die Zeichensprache in verständliches Englisch. Pieter Maritz beobachtete den ganzen Vorgang mit hoher Achtung vor den Erfindungen der militärischen Wissenschaft, die Zulus aber standen voll Entsetzen dabei, da sie Zauberei der stärksten Art zu sehen wähnten, und selbst Humbatis Gesicht drückte das Gefühl geheimen Schauders aus.

Als Lord Chelmsford die Botschaft aus Ekowe erfahren hatte, winkte er Humbati und unterhielt sich längere Zeit mit ihm. Der stolze Induna verleugnete auch in seinem Verkehr mit diesem mächtigen Gebieter nicht die angeborene Würde und sprach in einer Weise und mit einer hofmännischen und dabei vornehmen Haltung, die nicht nur Pieter Maritz, sondern auch den englischen Offizieren auffiel.

»Sehen Sie diesen Kaffer an,« sagte einer der Adjutanten zum andern. »Unsere Schauspieler in London sollten hierher kommen und diese nackten Niggers studieren, ehe sie auf der Bühne als Könige auftreten.«

Als Lord Chelmsford seine Unterredung mit Humbati beendigt hatte, wandte er sich zu dem ältesten der Offiziere in seiner Begleitung. Pieter Maritz konnte verstehen, was er sagte. »Oberst Pearson ist der Meinung,« sprach der Lord, »daß mindestens fünfunddreißigtausend Zulus in der Nähe sind, und er rät mir, auf der Hut zu sein. Auch dieser Induna, welcher, wie Sie wissen, in der höchsten Stellung bei Tschetschwajo war, glaubt, daß diese Zahl nicht zu hoch gegriffen sei und daß die schwarze Armee im ganzen trotz ihrer bisherigen Verluste noch mehr als vierzigtausendMann zählen werde.« Der Lord seufzte. »Eine schöne Suppe hat Sir Bartle Frere uns eingebrockt,« fuhr er fort. »Mit dem zehnten Teil der Kosten an Geld, die wir jetzt opfern müssen, hätten wir auf friedlichem Wege, ohne Blut binnen wenigen Jahren weit mehr erreicht. Fünfzehn Millionen Pfund Sterling kostet der Krieg, jeder besiegte Zulu kommt England auf dreihundert Pfund zu stehen, und das Schlimmste ist, daß das unglückliche Land, wenn wir unser Ziel wirklich erreichen, nach unserm Siege schlimmer daran sein wird als vorher.«

Der andere Offizier zuckte die Achseln und antwortete in so leisem Tone, daß Pieter Maritz nicht recht hören konnte, was er sagte. Lord Chelmsford aber rief dann laut: »Zu Pferde, meine Herren! Wir müssen einem Angriffe entgegensehen und uns zum Empfange der Zulus rüsten!«

Indem er einer Ordonnanz winkte, ihm sein Pferd zu bringen, und während der zahlreiche Stab im Begriff war, sich in den Sattel zu schwingen, war ein Reiter zu bemerken, der in vollstem Rosseslauf vom Lager herkam. Alles stockte und sah ihm voll Erwartung entgegen. Er war an dem Scharlachrocke und den Ärmelzeichen als ein Unteroffizier von den Dragonern zu erkennen, und bald ritt er den Hügel heran und näherte sich dem Oberbefehlshaber, der neben seinem Pferde stand. Er überreichte eine Depesche und meldete dabei mündlich, daß sie vom Obersten Wood komme, der nach Fort Tenedos telegraphiert habe.

Der General zerriß den Umschlag.

»Oberst Wood hat heftige Gefechte am 28. und 29. März gehabt, aber er ist Sieger geblieben,« sagte er dann laut. »Doch hat er am ersten Tage zwölf Offiziere und sechsundachtzig Mann allein an Toten verloren, am zweiten noch viel mehr. Ah, diese Zulus!«

Pieter Maritz sah, als der General so sprach, Humbati in der Nähe stehen und bemerkte, daß dessen schlanke Gestalt zu wachsen schien, während ein unsäglicher Stolz aus dem dunklen Antlitz sprach. Er konnte den Blick nicht abwenden von dem Induna, so sehr sprach dessen Miene zu seinem Herzen. Denn es war zugleich mit hohem Stolze eine tiefe Trauer darin zu lesen, und Pieter Maritz glaubte etwas von der Qual zu verstehen, die das Herz des Verräters zerriß, der den Tod seines Bruders an dem Tyrannen rächen wollte, doch das Vaterlandsgefühl nicht in sich ertöten konnte.

Der General kehrte mit dem ganzen Gefolge zum Lager zurück, und es wurde eifrig gearbeitet, um es in guten Verteidigungsstand zu setzen. Das Lager bildete ein ungeheures Viereck, groß genug für die Truppen und die Tausende von Ochsen, welche Wagen und Geschütze hierher gezogen hatten. Die vier Seiten wurden aus Gräben und Wällen gebildet. An manchen Stellen wurden auch Mauern anstatt des Walles errichtet, indem die Soldaten Steine aus der Nähe zusammenschleppten und nach Art der Cyklopenmauern übereinander schichteten. Dazu wurden die Wagen ringsum in langer Linie aufgestellt, um innerhalb der Umwallung eine zweite feste Stellung zu bilden, und Dornengestrüpp wurde herbeigebracht, um alle Lücken damit auszufüllen und die Wälle zu bekleiden und ungangbar zu machen. Nur für die Geschütze wurden Öffnungen gelassen. Nicht allein Kanonen und Raketengeschütze, sondern auch die furchtbaren Mitrailleusen wurden herangefahren und mit den Mündungen durch die Scharten gesteckt. Diese Mitrailleusen, vom Gatlingsystem, hatten je fünfundzwanzig Läufe, welche bündelförmig vereinigt waren.

Außerdem wurde auf der vom Feinde abgekehrten Seite eine Stelle freigehalten, durch welche die Kavallerie vorbrechen konnte. Hier wurden nicht Wall und Graben gezogen, sondern nur schwere Wagen aufgestellt.

In der Mitte des Vierecks war ein großer freier Platz, und hier wurden die Zelte für den General und seinen Stab, für die Kavallerie und den Teil der Infanterie und Artillerie aufgeschlagen, welche nicht die Umwallung zu besetzen hatten. In der Front, nach Norden zu, hielt das 60. Regiment, Scharfschützen, die Verschanzung besetzt; in der rechten Flanke stand die Seebrigade, Matrosen in blauen Jacken, weiten blauen Beinkleidern, Leinwandschuhen und Strohhüten, denen die Namen ihrer Schiffe, Schah und Tenedos, auf die Hutbänder und in die Kragen gestickt waren. Es waren stämmige, wettererprobte, feste Männer. Das 57. Infanterieregiment unter Oberst Clarke schloß sich an die Matrosen an und stand ebenfalls in der rechten Flanke. Die Ecken waren mit Neunpfündern und Gatlings besetzt. In der rückwärtigen Linie standen die Hochländer hinter dem Walle, und die linke Flanke ward vom 3. Regiment, Buffs genannt, und dem 99. Infanterieregiment besetzt gehalten. Auch hier standen Feldgeschütze und Gatlings in den Winkeln der Verschanzung und nahe dem Walle die Raketenbatterie unter Leutnant Cane vom Kriegsschiff Schah. ZweiBataillone Zulus, jedes achthundert Mann stark, unter Humbatis Führung, verstärkten die europäischen Truppen, und im ganzen waren 3400 Weiße und 2300 Schwarze unter Waffen im Lager von Gingilowo. Pieter Maritz traf, indem er quer durch den inneren Raum des großen Vierecks ritt, Lord Fitzherbert inmitten seiner Schwadron. Die Dragoner banden ihre Pferde in gleichmäßigen Reihen mit Kampierleinen an, und ein reges Treiben kriegerischer Art, das Klirren der Säbel und Sporen, das Stampfen und Wiehern der Rosse, erfüllte die Linien des stolzen Regimentes. Die Freunde hatten sich bis jetzt nur einigemal flüchtig auf dem Marsche gesehen, da ein jeder vollauf mit seinem Dienste beschäftigt gewesen war, und sie freuten sich, nun ein Stündchen der Lagerruhe gemeinsam genießen zu können. Pieter Maritz stieg ab und band Jager neben den Dragonerpferden an. Die Sonne ging unter, und in der Dunkelheit der Nacht loderten nun die Wachtfeuer innerhalb der Umwallung empor. Lord Fitzherbert mit mehreren andern Offizieren und Pieter Maritz ließen sich neben einem der Feuer nieder und besprachen sich über die Ereignisse des Feldzugs, während ihre Burschen ein Abendessen bereiteten. Die Dragoner hatten eine Menge von Blechbüchsen mit eingemachtem Fleisch aus England und Flaschen mit Getränken in ihren Schwadronswagen mitgebracht, und bald zischten die Kessel und Töpfe, an eisernen Gabeln und Ketten über der Flamme aufgehangen, und der Geruch von Fleischbrühe, Pasteten und Punsch verbreitete sich, während weißlicher Dampf zum afrikanischen Nachthimmel aufstieg. So lagen die Kriegskameraden auf ihren Mänteln am Feuer, schwatzten, aßen, tranken und rauchten und vergaßen im Genuß der flüchtigen Stunde die Mühen des Marsches und des Krieges.

Als es aber spät wurde und die Mitternacht herankam, stand Pieter Maritz auf. Er hatte Befehl, um Mitternacht mit vierundzwanzig Reitern aufzubrechen und einen bestimmten Platz vor der Front des Lagers, nahe dem Inyezanefluß, einzunehmen, der im weiten Bogen nördlich und östlich das englische Heer umgab und zwei Meilen von hier sich in den Ocean ergoß.

Die Buernreiter lagerten nahe den Dragonern und schliefen gleich diesen bei ihren Pferden am Feuer. Pieter Maritz weckte die bestimmten Leute, und bald war sein Trupp beritten, und die kleine Schar zog durch eine offen gelassene Stelle aus der Befestigung hinaus in die stille Nacht des Hügellandes. Nur Sternenglanz beleuchtete ihren Pfad. Sie begegneten unweit des Lagers demLeutnant Dubois, der mit einer kleinen Patrouille die Kette seiner Vedetten abgeritten hatte und nun zurückkehrte. Er teilte Pieter Maritz mit, daß sich bis jetzt nichts Verdächtiges sehen lasse und daß die Posten am Flusse noch in der früheren Stellung wären. Pieter Maritz zog weiter und erreichte nach einer Viertelstunde das Ufer, löste eine lang ausgedehnte Reihe von Posten ab, schickte die Leute zum Lager zurück und stellte je zwei seiner Reiter an den Plätzen auf, wo jene gestanden hatten. Er selbst blieb bei einem der Posten gerade in der Mitte der Reihe und vor der Front des Lagers, dessen Wachtfeuer in der Ferne mit ihrem roten Schein ihm die Stellung des Heeres bezeichneten.

Es war ganz still, nur der leise Ruf der Posten, die sich einander benachrichtigten, indem sie hin und wider ritten und eine zusammenhängende Kette bildeten, war zu vernehmen. Selbst der Schritt der Pferde erstarb in dem hohen Grase. Fast lautlos spülten die Wellen des Inyezane am Ufer hin; der Fluß war niedrig und schmal. Ein blaugrauer Schimmer lag auf dem Wasser. Aber bald nach Mitternacht verdunkelte sich der Himmel, und der Donner grollte in der Ferne. Mit großer Schnelligkeit zogen gewaltige Wolken herauf und ein Sturmwind peitschte das Land. Blitz auf Blitz fuhr herab und fast ohne Unterbrechung krachten die Donnerschläge. Strömender Regen ergoß sich. Es war unmöglich, in diesem heftigen Gewitter irgend etwas anderes zu beobachten als das helle Licht der elektrischen Flammen, und die Posten hatten genug damit zu thun, ihre Pferde zu beruhigen und sich miteinander in Verbindung zu halten. Man konnte nicht zehn Schritte weit sehen, wenn nicht gerade der Blitz die Landschaft und die Gestalten der Nebenposten beleuchtete, und der heftige Regen machte Sehen und Hören fast unmöglich, während er zugleich Mantel, Rock und Hemd durchdrang und Roß und Reiter wie in einem Bade hielt. Dieses Unwetter hielt, bald schwächer, bald stärker in seinem Wüten, gegen drei Stunden an, dann zogen die schwarzen Wolken vorüber, und die Sterne blickten wieder vom dunkelblauen Himmel herab. Aber die Landschaft hatte sich in ihrem Aussehen verändert. Die Erde war durchnäßt, und das Gras lag danieder, der Inyezane brauste und schäumte und hatte seine Strömung erweitert, so daß er nicht mehr unten im sandigen Bette floß, sondern bis an den mit Schilf bewachsenen obersten Rand hinanspülte und mit trüben Wellen hinüberleckte in die Ebene, wo die Buern auf und nieder ritten.

Der Morgen war nahe, und Pieter Maritz spähte mit Auge und Ohr sorgsam in die Ferne, ob nicht etwa der Feind, der die nächtlichen Angriffe liebte, zu spüren sei. Aber alles war still. Währenddessen trieben neue, leichte Wolken herauf und hüllten den Himmel in Schatten, nur im Osten war jetzt dicht über dem Horizont eine Klarheit zu entdecken, und der helle Streifen unterhalb des Wolkenschleiers warf sein Licht über die Erde hin und beleuchtete den grau schimmernden Fluß. Der Morgenwind blies über das triefende Gras hin und ließ Pieter Maritz in seiner durchnäßten Kleidung frösteln.

Da schien es ihm plötzlich, während er vornüber gebeugt nach dem jenseitigen Ufer blickte, als treibe ein dunkler Gegenstand im Wasser. Doch spülte manches Stück losgerissenen Buschwerks im Flusse, so daß er nicht sicher war, ob dies wirklich ein Zulukopf oder etwa nur irgend ein Strunk, ein faules Holz, ein Klumpen Wurzelwerk sei. Er drückte Jager vor und ließ ihn durch das harte Schilf und Riedgras bis an den Saum der Wellen gehen, so daß das Wasser dem Pferde die Hufen bespülte. Durchdringenden Blickes, mit gesenktem Kopfe, erforschte er die im Zwielicht fast verschwimmenden Gegenstände. Plötzlich zuckte er zusammen, seine Augen erweiterten sich, und er legte die Büchse auf den linken Arm, der die Zügel hielt, während er die Mündung senkte und nach unten zielte. Vor ihm lag, noch halb im Wasser, die Ellbogen auf das flache Ufer gestützt, eine schwarze Gestalt, das krause Haar mit schmalem Stirnband umwunden, einen weißen Busch über dem linken Ohre, eine Kette von weißen Zähnen um den Hals, den Assagai in der Rechten, den Schild in der Linken. Aus dem wilden Gesicht blickten Augen gleich denen eines Raubtiers auf die Reiterfigur, die sich drohend vor ihnen erhob. Der Zulukrieger schien überrascht zu sein, er hatte wohl nicht erwartet, geradezu auf einen wachsamen Feind zu stoßen, und nun lag er bewegungslos da und starrte die auf ihn gerichtete Büchse an, indem er den tödlichen Schuß erwartete. Das Leben des Zulu lag in des Buernsohnes Hand, der Finger war am Drücker, und das Korn auf die schwarze niedrige Stirn gerichtet.

Auf Vorposten am Inyezane.

Auf Vorposten am Inyezane.

Aber in diesem Augenblicke fühlte Pieter Maritz ein inneres Widerstreben, zu schießen. Er hatte noch niemals Menschenblut vergossen, und ihm schauderte bei dem Gedanken, den schwarzen Krieger gleich einem Wild zu töten. Jager bog den Hals und streckte seinen Kopf dem Zulu entgegen, schwellte die Nüstern aufund schnob, indem er den Geruch des Fremden witterte. Noch eine Sekunde zauderte Pieter Maritz, indem verschiedene Empfindungen ihm durchs Herz gingen, dann rief er leise in der Zulusprache: »Geh zurück, Zulu!«

Ein freudiges Licht blitzte in den Augen des Kaffern auf, und perlenweiße Zähne wurden zwischen den dicken Lippen sichtbar. Dann glitt die geschmeidige Gestalt in die Flut zurück und schwamm einem Aale gleich zum jenseitigen Ufer. Pieter Maritz aber wandte sein Pferd und jagte die Reihe der Posten entlang. »Paßt auf,« rief er ihnen zu, »die Zulus kommen!«

Die Reiter horchten auf, ritten nahe an den Fluß heran, und als jetzt die Sonne über dem Horizont auftauchte und mit einem Schlage strahlende Helligkeit über das Land ergoß, wurden die Gestalten vieler schwarzer Männer sichtbar, die am Boden niedergeduckt jenseits des Flusses heranschlichen oder schon im Wasser lagen, mit einer Hand rudernd, mit der andern die Waffen emporhaltend. Jetzt begannen einzelne Schüsse zu krachen, Pulverwölkchen stiegen diesseits und jenseits des Flusses auf, und an mehreren Stellen färbte das Wasser sich rot, während der Todesschrei der getroffenen Schwimmer die Morgenluft durchzitterte.

Pieter Maritz schickte eine der Vedetten nach dem Lager zurück, um zu melden, der Feind rücke an, und ritt selber am Flusse hin, um zu beobachten, an welchen Punkten und in welcher Menge die Armee der Zulus herankommen werde. Es kam ihm so vor, als seien, weiter stromabwärts, dort, wo die englischen Reiter sich an die Buernposten anschlossen, mehr schwarze Gestalten zu sehen als hier, wo er war, und er eilte dorthin. In der That erblickte er jetzt, indem er den Vedetten auf dem rechten Flügel zujagte, in weiter Ferne dunkle Massen, die dem Flusse näher kamen. Das Ufer war hier von felsigen Erhöhungen eingefaßt, und mehrere Thalsenkungen zogen sich von jenseits herüber, auch im Wasser selbst lagen große Felsen, und an einem Punkte ergoß sich der vom Gewitterregen geschwellte Fluß in einem brausenden Wasserfall nach unten. Das Land war nicht recht übersichtlich, Buschwerk und Bäume bekleideten die felsige Einfassung und die Hügel drüben am Inyezane; aber Pieter Maritz täuschte sich nicht: eine starke Heeresmasse wälzte sich heran und richtete ihre Spitze gegen die rechte Seite des Lagervierecks. Noch war sie weit entfernt, aber die Zulus marschierten schnell.

Inzwischen hatte sich das Feuern auf der Postenlinie verstärkt,mehrere einzelne Schützen waren schon diesseits des Flusses und kauerten, aus dem Versteck feuernd, in dem schilfigen Uferrand. Die Buern waren zum größern Teil zurück nach dem Lager geritten, auch die englischen Vedetten hatten sich zurückgezogen, und nur noch wenige Reiter hielten stand und schossen sich mit den an Zahl immerfort zunehmenden Zulus herum. Pieter Maritz harrte aus, der Anblick des Kampfes fesselte ihn, und er hielt hinter einem Gebüsch verborgen unweit des Wasserfalles, um so lange als möglich beobachten zu können.

Er sollte sich gar bald überzeugen, daß ein ernster Angriff beabsichtigt war. Jetzt erschienen drüben in einem engen Thale geschlossene Reihen zwischen den Felsen, kamen in schnellem Schritt heran und stürzten sich ohne Besinnen ins Wasser, kaum fünfhundert Schritte unterhalb des Wasserfalles. Ihre Front war nur zehn Mann breit, aber Reihe folgte auf Reihe, so daß sie sich gleich einem Nebenflusse zwischen den Felsen hervor in den Inyezane ergossen. Sie kamen Schulter an Schulter, Schild an Schild gedrängt, und zwischen den Schilden blitzten die Speerspitzen und Gewehrläufe in der Morgensonne. Pieter Maritz erkannte das Regiment; es waren die Blauschilde, mit denen er einst auf die Jagd gezogen war, und er erkannte auch den Induna, der vor ihnen herzog und sich allen voran in den Fluß warf. Es war ein schöner, schlanker Mann, und sein blauer Federschmuck war von einem goldenen Stirnreif umwunden. Mit eng geschlossenen Gliedern, ein Damm, der sich durch die Strömung schob, schwammen sie hindurch; die schwarzen Fäuste griffen in das weiß schäumende, spritzende Wasser, die wilden Gesichter mit dem blauen Haarschmuck blickten trotzig über die Flut hinweg. Wohl gingen einige Leute verloren, die an der äußeren Ecke der Kolonne von der starken Strömung fortgespült und hinuntergerissen wurden, so daß Pieter Maritz mit Entsetzen das Verschwinden dieser tapferen Leute sah; aber stetig ging die Masse vorwärts, und nun stieg schon der Kommandant mit dem Goldring ans Land.

Pieter Maritz trieb sein Pferd an und ritt seitwärts, halb nach dem Lager zurück, halb zum Flusse gewandt. Er konnte seinen Blick noch nicht völlig von dem kühnen Übergange der Feinde abwenden. Denn er sah nun oberhalb der Stelle, wo die Blauschilde kamen, ein anderes Regiment in breiterer Front heraneilen. Sie trugen Streifen von Leopardenfell um den schwarzenFederschmuck des Kopfes gewunden, und Pieter Maritz erkannte eines der alten Regimenter von Mainze-kanze. Doch nun galt es für ihn kein Säumen mehr, er war der letzte Reiter außerhalb des Lagers, und im Galopp kehrte er zurück und schlüpfte durch die letzte Öffnung hinein, welche noch nicht verbarrikadiert war.

Ernst und still war es im englischen Lager, alle wußten, daß es einen heißen Kampf geben würde. Viele Offiziere, auch Lord Chelmsford selbst, standen auf den höchsten Punkten der Umwallung und blickten durch Fernrohre und Doppelgläser nach dem Feinde aus. Pieter Maritz stieg ab und kletterte die Brüstung hinan, um Meldung über das zu machen, was er gesehen hatte. Lord Chelmsford hörte ihm aufmerksam zu, als er berichtete, daß der Kern der Zuluarmee im Anmarsch sei, und daß zum Teil dieselben Truppen heranrückten, welche bei Isandula unter Dabulamanzi gefochten hatten. Der General vernahm mit lebhaftem Interesse, was der Buernsohn ihm über die Art des Angriffs in jener Schlacht erzählte, und ein Strahl von Kampfeslust erleuchtete seine dunklen melancholischen Augen. Doch nur kurze Zeit dauerte diese Unterhaltung, denn gar bald erschien die Zuluarmee selbst, um durch den Augenschein zu zeigen, welche Kampfart sie hatte. Wie ein großer Bogen spannte sich dort eine schwarze Masse über dem vom Regen erfrischten, herrlich grünen und bunten, wellenförmigen Lande aus und schien das Lager in der Front und von zwei Seiten umspannen zu wollen. Lord Chelmsford zog seine Uhr.

»Vier und ein halb Uhr,« sagte er zu einem seiner Adjutanten. »Die Entfernung beträgt jetzt etwa dreitausend Schritt. Lassen Sie mit Shrapnels beginnen.«

Der Adjutant legte die Hand an den Helm, wandte sich zu dem Kommandanten der Artillerie, welcher erwartungsvoll sein Auge auf den Oberbefehlshaber gerichtet hielt, und winkte mit dem Taschentuch. Fünf Sekunden, nachdem der General gesprochen hatte, erschütterte die brüllende Stimme eines Neunpfünders die Luft, und unmittelbar darauf erschien ein weißes Wölkchen über der Mitte der dunklen Heereslinie in der Ferne. Schlag auf Schlag folgten sich jetzt die Donnerschläge aus der Verschanzung, ein Geschoß nach dem andern sauste den Zulus entgegen, und der blaue Rauch des Pulvers erfüllte das todsprühende Viereck. Es war von der Brüstung aus deutlich zu sehen, daß die englische Artillerie ihrem stolzen Ansehen in der Armee Ehre machte; Shrapnel nach Shrapnel explodierte in und über den Reihen der nacktenKrieger, und eine Lücke nach der andern wurde in die dichten Haufen gerissen.

Aber immer wieder schlossen sich die Lücken, und ohne Aufenthalt, mit erstaunlicher Schnelligkeit und Ordnung kam die Zuluarmee heran. Ihre Massen bedeckten jetzt alle die Hügel diesseits des Flusses, und wie ein schwarzer See wogte es von den Hängen herab. Jetzt war die Entfernung bis auf zweitausend Schritte vermindert, und das knatternde Geräusch der Mitrailleusen mischte sich in den Donner der Kanonen. Inmitten des furchtbaren Feuers und ganz ohne Deckung frei einherlaufend, vollzogen die Zulus jetzt eine Bewegung, welche von ihrer früheren Taktik abwich. Sie mochten das Manöver des Umklammerns bei einem befestigten Lager für unthunlich halten. Denn sie zogen sich nach links hin, so daß ihr rechter Flügel der englischen Front gegenüberstand, und machten einen Angriff allein gegen die Front, während sie den linken Flügel zurückhielten.

Die englischen Soldaten hinter der Umwallung standen still und erwartungsvoll. Es war ihnen anzusehen, daß ihnen das Herz an die Rippen schlug. Sie hatten genug von den Zulus gehört, um zu wissen, daß es sich um Tod und Leben für sie handelte. Lautlos lehnten sie gegen den Wall, den Blick auf den Feind gerichtet, das Gewehr auf die Schanze gestützt und die Fäuste fest am Schaft. Erst wenige Kugeln der Feinde hatten getroffen, die Entfernung war noch weit, und die Schützen, welche den stürmenden Heeresmassen vorausliefen, hatten kein günstiges Ziel. Ihre Geschosse schlugen in den Wall oder in die Dächer der Wagen, und erst drei oder vier der Verteidiger waren verwundet worden. Doch flogen die feindlichen Kugeln mit jedem Augenblick dichter, Lord Chelmsford und sein Stab verließen den freien Stand auf dem Walle und stiegen zu Pferde, um vom inneren Raum des Vierecks aus mit ihren Feldstechern die Bewegung der Zulus zu überwachen. Auch Pieter Maritz stieg wieder zu Pferde und hielt neben dem Leutnant Dubois vor der Schar der Buern, die neben den Pferden am Boden saßen. Er war ganz in der Nähe des Oberbefehlshabers, der in der Mitte des Lagers hielt.

Jetzt kamen die Kugeln der Zulus häufiger und häufiger. Eine Bewegung gab sich in der Front kund; Oberst Northey, der Kommandant des 60. Regiments, welches diese Seite verteidigte, war schwer verwundet niedergesunken. Er hatte über die Brüstung weg nach dem Feinde ausgespäht, da riß ihm die Kugel eines gut zielendenZulu das Doppelglas aus der Hand und traf ihn am Kopfe, daß er zusammensank.

Die geschlossenen Regimenter des Feindes waren jetzt bis auf tausend Schritt Entfernung herangekommen, und die Scharfschützen, deren Kommando an Oberst Northeys Stelle der nächstälteste Offizier übernommen hatte, begannen ein Schnellfeuer aus ihren Remingtons, welches mit unaufhörlichem Knattern die Front entlanglief und nun die Grundmelodie zu den Donnerschlägen der Neunpfünder und dem Rasseln der Gatlings bildete. Ein Rauch entwickelte sich, der gleich dichtem Nebel den Saum des Lagers einhüllte und nichts mehr vom Feinde erkennen ließ, doch bemerkte man nun seine Nähe an einem furchtbaren Schlachtgesang, der mit seinem mächtigen Schall und wildem Klang selbst das starke Feuer der Engländer übertönte. Bei diesem Gesang ging ein Beben der Aufregung durch das große Viereck, und Pieter Maritz sah, wie die dunklen Massen der Zulubataillone hinter den roten Linien der abgesessenen Dragoner gleichsam erzitterten, wie die Köpfe sich drehten und senkten und die Schilde unruhig wurden. Nur Humbati stand gelassen vor seiner Schar, die Arme über der Brust gekreuzt und stetig vor sich hin blickend.

Indem der Gesang näher kam, erhob sich plötzlich ein Wind von Nordwesten her, der den Nebel nach dem Meere zu trieb, und die Reiter erblickten von ihren Pferden aus wieder die Regimenter der Zulus. »Ah, seht doch, seht doch!« rief Lord Chelmsford mit dem Tone der Bewunderung, indem er den Arm nach der Front hinausstreckte. Pieter Maritz sah das Gesicht des Generals erbleichen und seine Augen in kriegerischer Erregung funkeln.

»Seht doch!« rief Lord Chelmsford von neuem, »sie tanzen in die Schlacht. Ah, die tapferen Leute!«

Pieter Maritz folgte mit dem Blick der Richtung, welche die Hand des Generals bezeichnete, und sah den Angriff der Zulus mit derselben staunenden Bewunderung, wie der englische Heerführer, der die russischen Kolonnen bei Sebastopol, den Angriff der fanatischen Inder im Sepoyaufstande und die wilden Scharen des Kaisers Theodor von Abessinien gesehen hatte. Er erblickte eine Angriffsmasse der Zulus, die so breit war, wie die englische Front. In der Mitte war das »Regiment des Königs«, ihm zur Rechten das Regiment der weißen, links das Regiment der roten Schilde. Wie eine Mauer kamen sie fest geschlossen heran, den Schild vor der Brust, den Stoßassagai in der Rechten, die Federndes Kopfputzes und die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und vor den Schienbeinen im Winde wehend, und deutlich waren die gefleckten und farbigen Stirnbänder über den wilden Gesichtern zu erkennen. Das Schießen hatte aufgehört, die vor den Regimentern einherlaufenden Schützen waren verschwunden, und aus den geschlossenen Massen wurde kein Schuß abgefeuert. Sie kamen im Laufschritt heran, ganz frei und ohne Deckung, die vornehmsten Indunas mit den Goldringen voraus, und in der That glich die Art ihres Laufens einem Tanzen, wie Lord Chelmsford es bezeichnet hatte. Denn ihr schneller Schritt war hüpfend und springend, wie wenn sie im stolzen, freudigen Bewußtsein ihrer früheren Siege zu einem Feste eilten. Nichts vermochte sie aufzuhalten. Die Shrapnels fuhren in ihre Reihen hinein, und krachend explodierten inmitten ihrer dicht aufeinander folgenden Glieder die gefährlichen, mit Kugeln gefüllten Hohlgeschosse. Sie sprangen über die Toten und Verwundeten hinweg und schlossen sich wieder zusammen. Die Raketen sausten zischend und flammend in die Massen hinein, aber vermochten nicht, sie zu erschrecken. Die Stellen, auf welche die Gatlings gerichtet waren, wurden wieder und wieder gelichtet und zerrissen unter dem stürmenden Hagel der kleinen bleiernen Bolzen, aber unaufhörlich sprangen die Hintermänner vor, um die gefallenen Vordermänner zu ersetzen. Schuß nach Schuß aus den Remingtons durchbohrte Schild und Brust, Stirnband und Stirn, aber das wütende Jauchzen und der schnelle Takt des Kriegsgesanges hörten nicht auf. Jetzt waren sie nur noch zweihundert Schritte entfernt, jetzt waren die weißen Zähne und die rollenden Augen deutlich zu sehen, und in den nächsten Minuten füllte sich das Terrain dicht vor Graben und Wall mit nackten, schwarzen Gestalten. Aber kein Mann wich in der Front von der bedrohten Umwallung. Mit zusammengebissenen Zähnen standen die Engländer hinter der Brüstung, Büchse reihte sich an Büchse, und das hintere Glied steckte die Mündungen durch die Lücken des vorderen. Was weder Shrapnels noch Raketen noch die Kugeln der Gatlings vermocht hatten, das vollbrachte jetzt das tödliche Feuer der Hinterlader. Kein Schuß ging fehl in dieser Nähe, und das grüne Gras vor dem Graben färbte sich mit Blut und verschwand unter Leichen. Wohl erschienen einige Köpfe mit drohend nickendem Kopfputz über dem Rande des Walles, aber sie sanken wieder zurück, und die Masse kam nicht herauf. Unter so furchtbaren Verlusten wanktenselbst die Zulukolonnen; das gellende Jauchzen, welches nahe dem Lager an Stelle des donnernden Gesanges getreten war, verstummte, rückwärts flutete die schwarze Menge, und erleichtert atmete die Brust der tapferen Verteidiger auf.

»Hurra für Altengland!« hörte Pieter Maritz eine Stimme halblaut sagen. Er blickte nach Lord Chelmsford und sah, wie der General das Glas von den Augen nahm und mit unwillkürlicher Handbewegung den Hals seines Pferdes streichelte. »Hurra für Altengland!« tönte es im Stabe wieder, und »Hurra für Altengland!« rollte es im Triumphschrei durch das Lager.

Da bemerkte Pieter Maritz hinter den zurückfliehenden Trümmern des Königsregiments eine Reiterfigur auftauchen. Dabulamanzi flog heran, den Speer in der Rechten schwingend, und suchte den Lauf der Flüchtigen zu hemmen. Er ritt einen Fuchs, und Pieter Maritz erkannte das Leopardenfell auf dem Rücken des Pferdes. Ohne Sattel und Bügel saß der Bruder des Königs auf dem feurigen Tier und ließ es sich bäumen inmitten des flüchtigen Haufens, während er mit dem Speer in die Menge hieb. Hinter ihm aber wälzten sich neue Haufen heran, die Reserve, welche der kriegskundige Prinz zurückgehalten hatte und nun heranführte, um die weichende Schlachtlinie aufzunehmen und neu zu stärken. Drei frische Regimenter stürmten heran, hemmten die zurückstürmende Flut und schwemmten sie im eigenen Anlauf wieder vorwärts. Kaum war noch der Jubelruf im Lager verhallt, da nahte mit derselben Wucht und Schnelligkeit des ersten Angriffs der zweite.

Ein warnendes Kommando lief durch die Reihen der Engländer hin, aus den Munitionswagen des 60. Regiments wurden neue Patronen in den Gliedern verteilt und mit gesammelter Kraft, in düsterm Schweigen erwarteten die Weißen den erneuerten Sturm ihrer schwarzen Feinde.

Er kam heran wie eine Gewitterwolke, düster, drohend und mit dem alten erschütternden Gesange. Doch flogen jetzt auch zugleich die Kugeln von Feindesseite. Dabulamanzi ließ die zerstreuten Haufen der geschlagenen Regimenter vor und neben seiner zweiten Schlachtlinie herlaufen und mit kluger Berechnung von den Seiten her das Lager mit Schüssen beunruhigen. Dies Feuer blieb nicht ohne Wirkung, manche Kugel fand ihren Weg durch die Geschützscharten hindurch und über den Wall und die Wagen weg in das Innere. Oberst Crealock, vom Stabe des Oberbefehlshabersund neben ihm haltend, ward verwundet, Major Barrow vom 10. Husarenregiment und Leutnant Johnson vom 99. Regiment sanken getroffen zu Boden.

»Major Walker!« rief Lord Chelmsford, »lassen Sie die Buern zur Verstärkung des 60. Regiments vorrücken.«

Der riesige Major drehte seinen Gaul und ritt näher an die Reiter heran, welche neben ihren Pferden standen, und befahl ihnen, die Tiere zurückzulassen und sich zur Front zu begeben. Nur ein kleiner Teil blieb zurück, um nach Buernsitte die Pferde zu halten, die Hauptmasse ging vorwärts und kletterte auf die Verschanzung. Auch Pieter Maritz stieg ab und gesellte sich, die Büchse auf der Schulter, zu seinen Landsleuten. Die Buern mischten sich zwischen die Rotröcke, und neben den weißen Helmen blickten jetzt Hunderte von dunklen Hüten über die Brüstung hinweg, und Hunderte von Repetiergewehren verstärkten die Linie der Remingtons. Kopf stand an Kopf gedrängt, und Mündung neben Mündung starrte den Zulus entgegen, die im vollen Feuer der Geschütze mit der alten Tapferkeit unerschütterlich herankamen.

Nun waren sie so nahe, daß das Infanteriefeuer wirken konnte, und die Buern zugleich mit den Schützen des 60. Regiments eröffneten ein mörderisches Feuer. Mann nach Mann stürzten in den Reihen der Zulus, Assagaien und Schilde entsanken den Händen der Getroffenen, der Todesschrei vieler Krieger mischte sich in den Schlachtgesang, und der Weg, den die stürmenden Massen zurücklegten, ward durch Haufen von schwarzen Gestalten bezeichnet, die sich am Boden wälzten.

Pieter Maritz bemerkte den Unterschied, der sich zwischen dem Feuer der englischen Scharfschützen und dem der Buern zeigte. Während er selber feuerte, streifte sein Blick die Linie der Männer neben ihm, und er sah, daß die Engländer ihre Gewehre nur auf die Masse richteten und unaufhörlich feuerten und luden, daß die Buern aber bedächtig zielten und nach Art geübter Jäger immer einen bestimmten Feind aufs Korn nahmen. Auch ersparte ihnen das Magazin ihrer Büchsen das häufige Laden, und sie vereinigten bei ihrem Schießen die Genauigkeit mit der Schnelligkeit. Sie setzten die Waffe nur selten von der Backe ab, eine Kugel folgte der andern mit tödlicher Sicherheit.

Der Wind trieb noch immer den Rauch nach rechts und ließ die Kolonnen der Zulus, indem er das Schußfeld frei erhielt, deutlich erkennen. Pieter Maritz hatte im gemeinsamen Kampf und inder Notwendigkeit der Gegenwehr die frühere Scheu vor dem Töten verloren, und während die Kampfeswut, die alle Herzen entflammte, auch sein Gemüt immer mehr berauschte, schickte er manche treffsichere Kugel in die schwarzen Reihen. Es galt jetzt zu siegen oder unterzugehen. Wenn nur an einer einzigen Stelle die verzweiflungsvoll anstürmenden nackten Krieger die Verschanzung überstiegen oder durchbrachen, so lebte nach einer halben Stunde kein Mann mehr im weiten Umkreise des Lagers. Keiner von allen Verteidigern erblickte das Licht eines neuen Tages, wenn ihre Linie sich auch nur in einem einzigen Punkte schwach erwies. Das wußten sie alle, die auf dem Walle standen, und regelmäßig wie Maschinen, doch mit flammenden Augen, Gesicht und Hände vom Pulver geschwärzt, glühend von Hitze und ganz in Schweiß, arbeiteten sie an dem Werke des vielfältigen Todes.

Da schien es Pieter Maritz, obwohl die Zulus dicht vor ihm seine Aufmerksamkeit gleich der aller andern Männer in der Front in Anspruch nahmen, als ob sich hinter dem wallenden Rauch, der nach rechts wehte, eine Bewegung vollziehe. Das Terrain war nur schwer übersichtlich, da nicht allein der Pulverdampf aus den Gewehren, sondern namentlich die dichten Wolken der auf den Ecken stehenden Gatlings und Neunpfünder es immer von neuem verhüllten; aber der Buernsohn glaubte doch ein Blitzen von Speeren dahinter bemerkt zu haben, und er erinnerte sich jetzt des eigentümlichen Manövers, welches die Zulus zu Anfang der Schlacht ausgeführt hatten. Während sie sonst den Feind zu umklammern suchten und eine Schlachtlinie ähnlich dem Stierhaupt mit gebogenen Hörnern bildeten, hatten sie ihren linken Flügel heute zurückgehalten. Sollten sie auf den Rauch und Wind gerechnet und einen überraschenden Angriff gegen die rechte Flanke des Lagers geplant haben? Pieter Maritz sah sich um und blickte nach Lord Chelmsford, indem er sich zugleich duckte, um den Kopf nicht preiszugeben. Der General hielt auf seinem Platze in der Mitte und überwachte den Kampf in der Front, aber jetzt nahm Pieter Maritz die Gestalt Humbatis wahr, der mit einem leichten pantherähnlichen Satze von einem Wagen der rechten Lagerflanke heruntersprang und sich dem Oberbefehlshaber näherte. Lord Chelmsford neigte sich zu ihm vom Pferde hinunter, um seine Stimme im Lärm des Kampfes vernehmen zu können, und richtete dann sein Glas auf jenen Punkt in der rechten Flanke, den auch Pieter Maritz bemerkt hatte. Dann schickte er einen der Adjutanten zu den Matrosen und dem57. Regiment. Dieser ritt die Linie entlang und benachrichtigte die Offiziere, die Augen der Verteidiger auf dieser Seite wandten sich einer neuen Gefahr entgegen.

Und nicht lange währte es, da zeigte sie sich in naher Gestalt. Während noch die Front bestürmt wurde und die Zulus trotz ihrer schrecklichen Verluste nicht abließen, immer von neuem heranzulaufen, ertönte der dröhnende Schlachtgesang auch von rechts her, und aus dem dichten Pulverrauch tauchten die frischen Regimenter des linken Flügels auf. Sie kamen, ohne zu feuern, im schnellen Laufe heran und umgaben mit weiter Schwenkung nicht allein die rechte Flanke, sondern auch die rückwärtige Linie, welche von den Schotten besetzt war. Ihr Angriffsschrei belebte den wankenden Mut des rechten Flügels, und nun stürmten dichte schwarze Haufen von drei Seiten auf das Lager ein. Es glich einem Krater, der Feuer speit, und das Getöse so vieler Feuerwaffen und rufender Männer war betäubend. Auf allen vier Ecken waren jetzt die Kanonen und Mitrailleusen in Thätigkeit, die Raketenbatterie feuerte unaufhörlich, und Tausende von Gewehren mischten ihre Stimme in das Krachen der Geschütze. Dazu umtobte wie ein Gesang aus der Hölle das Brüllen und gellende Jauchzen der Zulus die kugelspeienden Wälle, und gleich dem Meere, das an dunkle Felsen brandet, schlugen Menschenwellen gegen den festen Wall an.

Mehreremal schienen die Zulus ihr Ziel zu erreichen. Über die Leiber der Gefallenen hinweg, die den Graben füllten, stiegen sie reihenweise bis zur Brüstung empor und blickten mit ihren Tigeraugen in das Innere des englischen Lagers. Mehrfach krochen sie unter den Geschützen weg und neben den Lafetten zu den Artilleristen heran. Aber keiner kam lebend davon. Die Matrosen hatten die Hirschfänger auf ihre Martini-Henrys gesteckt und stachen Mann für Mann nieder, wie sie über den Wall guckten. Die stämmigen Hochländer schlugen mit den Kolben auf die schwarzen Köpfe; als sich aber die Schädel zu hart und der Haarputz zu zähe erwies für eine gute Wirkung des Schlages, da stachen sie gleich den übrigen. Die Artilleristen schossen mit Karabinern und die Offiziere mit Revolvern die einzelnen Leute nieder, welche durch die Geschützscharten kamen. Es war ein wildes Gemetzel.

Endlich ließ der Ansturm nach, und das gellende Jauchzen verstummte. Das Schnellfeuer der Europäer hinter den Wällen war zu mörderisch für den Feind, die Taktik der Weißen war demschwarzen Manne zu mächtig. Die Zuluregimenter, kläglich zusammengeschmolzen, schwankten und wankten, strömten rückwärts und lösten sich auf.

Da winkte Lord Chelmsford. Die Wagen auf der Ausfallsseite wurden beiseite geschoben, und Humbati mit seinen schwarzen Bataillonen stürzte aus der Lücke hervor. Dann erschollen die Trompeten, und die Dragoner schwangen sich in den Sattel. Major Walker zog sein Schwert und befehligte die Buern zu ihren Pferden. Es galt den weichenden Feind völlig zu verjagen. Nach rechts hin, auf den linken Flügel der Zulus, warfen sich Humbatis wilde Krieger, nach links hin trabten die Dragoner. Ihnen folgten die Buern.

Pieter Maritz ritt neben dem Leutnant Dubois vor den Reihen der Buern, und Major Walkers mächtige Reiterfigur wies ihnen den Weg. Er wandte sein rotes Gesicht, sich im Sattel drehend, den Reitern zu, schwang den Pallasch und rief, indem er nach den Dragonern zeigte, die etwas voraus waren: »Vorwärts, ihr braven holländischen Dickköpfe! In eine Linie mit den Dragonern! Ihr sollt mir eine Frikassee aus den Niggern machen!«

Aber den Buern gefiel der Reiterangriff nicht. Sie trabten zwar eine Strecke weit vor, als sie aber merkten, daß die Zulus sich wieder setzten und dicke Haufen bildeten, als Kugeln ihnen entgegenflogen, da siegte bei ihnen die alte Gewohnheit. Sie hielten an, ohne auf den drohenden Ruf des Majors und des Leutnants Dubois zu achten, stiegen von den Pferden, warfen sich in das Gras und begannen zu feuern. Pieter Maritz allein blieb bei den Offizieren, und indem er Jager vorwärts trieb, sah er sich in wenigen Minuten neben der vordersten Schwadron der Dragoner, an deren Flügel Lord Fitzherbert ritt. Gleich darauf schloß sich Leutnant Dubois an, und dann erschien fluchend und tobend Major Walker auf seinem großen Schlachtroß.

Die Zulus waren auf der Flucht, aber ein Teil von ihnen hatte sich doch in Klumpen zusammengeballt und wandte dem verfolgenden Feinde das Gesicht zu. Ihre Kriegskunst war nur auf den Angriff berechnet und sie verstanden wenig von der Verteidigung. Der Mut mußte bei ihnen die Kunst ersetzen. Doch hatte Dabulamanzi mit dem glücklichen Blick des geschickten Heerführers während des Rückzuges einen Platz ausersehen, der durch Busch und Schilf nahe dem Flusse einen Vorteil für die Gegenwehr bot, und dorthin einige Tausende aus den besten Regimentern geleitet.

Pieter Maritz sah, als er mit den Dragonern gegen die dunkle Masse dieses letzten geschlossenen Restes der Zuluarmee anritt, des Prinzen Gestalt zu Pferde über das Fußvolk hinwegragen und zeigte sie seinem englischen Freunde. Ein wildes, jubelndes Gefühl der Kriegslust erfüllte seine Brust, als er den Feind vor sich sah und das Stampfen der Rosse, das Klirren der Waffen um sich her vernahm. Er warf die Büchse auf den Rücken und riß laut jauchzend die spanische Klinge aus der Scheide. »Adolphus!« rief er dem Lord zu, »dort Dabulamanzis goldener Stirnreif! Um die Wette, wer ihn erobert!«

»Drauf los, es gilt!« antwortete der Engländer.

Er ritt heute den prächtigen Rappen, mit dem er einst den Wettritt mit dem Buernsohn gemacht hatte, und wieder lief Jager mit dem schönen Tiere um den Preis des Sieges.

Die Zulus steckten in Schilf und Gebüsch und zeigten eine drohende Miene. Sie glichen dem Raubtier, das in die Enge getrieben ist und die Zähne zeigt. Sie waren still und ingrimmig, sie schlossen sich um ihre Indunas und des Königs Bruder zusammen, sie bildeten einen Zaun aus ihren Schilden und streckten die Stoßassagaien als Dornhecke vor. Dazu schossen sie aus den Gewehren, und manche Kugel flog in die Dragonerschwadronen, so daß hier und da Mann und Pferd rasselnd zusammenstürzten.

Doch in voller Karriere stürmten die Reiter heran, die Pallasche hoch geschwungen, und jetzt waren sie so nahe am Feinde, daß sie deren düstere Gesichter erkennen konnten. Ein Schauer von Assagaien sauste ihnen entgegen, und er war gut gezielt. Major Walker ward von einer scharfen Spitze in den Hals getroffen, die ihm für immer den Geschmack an schweren Getränken verdarb. Wie ein gefällter Baum stürzte er krachend zu Boden. Viele Pferde bäumten sich auf und sanken in die Kniee. Im nächsten Augenblick aber waren die Reiter im Dickicht und zwischen den nackten Gestalten; ein wildes Handgemenge entbrannte.

Den Zulus war der Kampf mit Kavallerie ungewohnt, und da sie nur ihre vornehmsten Indunas zu Pferde kannten, hatten die Tiere etwas Schreckenerregendes für sie. Doch fanden sie sich in ihrem verzweiflungsvollen Mut sehr bald in die neue Lage. Während die Dragoner in vollem Rosseslauf auf sie einsprengten und mit ihren schweren Pallaschen von oben herab hieben, versuchten die Zulus teils mit vorgehaltenen Speeren die Attacke aufzuhalten, teils an die Zügel zu springen und mit ihren Kirris die Reiterherunterzuschlagen. Als die Dragoner inmitten des hohen Schilfes und der Büsche, inmitten der schwarzen Haufen von Männern waren, kam es auf die Kraft und Geschicklichkeit der einzelnen an, und während die berittenen Soldaten der Königin ihre Pferde ringsum tummelten und hieben und stachen, entspann sich mancher Zweikampf zwischen einem Rotrock und einem nackten Schwarzen. Die Zulus glitten gleich Schlangen zwischen die Reiter, nestelten sich, geschmeidig dem Schwert und den Hufen ausweichend, an Sattelzeug und Zügel an, und stachen mit den Assagaien oder hieben mit dem Kirri. Mancher Ochsenschild ward von den englischen Klingen durchhauen und mancher künstliche Kopfputz von scharfen Hieben durchschnitten.

Pieter Maritz ritt mitten im Getümmel, und links von ihm war Lord Fitzherbert, rechts der Leutnant Dubois, der sich die Ehre des Einhauens in der ersten Linie nicht wollte nehmen lassen, obwohl seine Buernreiter weit dort hinten waren und, klug im Grase vorwärts gehend, Schuß auf Schuß hinter den Fliehenden hersandten. Alle drei strebten um die Wette vorwärts und hatten den Mittelpunkt der starken Zuluschar, den Prinzen Dabulamanzi, ins Auge gefaßt. Wilder Taumel hatte sich der Empfindungen des Buernsohnes bemächtigt, und er dachte mitten im Blutvergießen nur noch an Kampf. Dennoch leitete kühle Besonnenheit seine Handlungen, soweit sie sich auf sein Ziel bezogen, und gleichsam ein neuer Sinn, die Geistesgegenwart im Handgemenge, lenkte ihm Auge und Arm. Wie in einem instinktmäßigen Ahnen, ohne darüber nachzudenken, vermied er die Assagaien und parierte die Schläge der Kirris. Ein riesiger Zulu sprang ihm entgegen und streckte seine Hand nach Jagers Zügel aus. Aber Pieter Maritz warf das Pferd zur Seite und hieb blitzschnell zu, so daß die gute Klinge, Lord Fitzherberts Gastgeschenk, den Streifen von Leopardenfell und die schwarzen Federn auf des Zulu Stirn durchschnitt und der nackte Krieger in die Kniee fiel, während Schild und Speer seiner Faust entsanken. Ein Induna vom »Regiment des Königs« zielte auf ihn mit dem Wurfassagai, aber indem der leichte Speer heranflog, duckte sich der Buernsohn, und die scharfe Spitze streifte nur den Hutrand. Vorwärts trieb er Jager in das dickste Getümmel hinein, denn neben ihm brachen sich auch der Lord und der Franzose mit schweren Hieben eine Bahn, und trotzig hielt noch immer inmitten einer auserwählten Truppe Prinz Dabulamanzi im Hintergrunde.

Das Schilf ward von Rosseshufen und den Füßen vieler Männer niedergetreten und schwarze Gestalten lagen zwischen den harten scharfen Halmen neben den Körpern von Dragonern und Pferden. Rücksichtslos traten die Hufe der nachdringenden Reiter auf die Leiber der Toten und Verwundeten. Allen voran kamen die drei um die Wette kämpfenden Streiter. Jetzt war Leutnant Dubois am weitesten vor. Der zähe, kriegsgewohnte Mann hatte sich einen blutigen Pfad gebahnt. In der Linken hielt er den Revolver, in der Rechten einen langen Stoßdegen, den er schon in manchem Kampfe geführt hatte, und den Zügel hielt er mit den Zähnen. Aber zu seiner Verwunderung erblickte er den Buernsohn ganz in seiner Nähe im Gewühl. Zwanzig Schritte weiter links hieb Lord Fitzherbert, weit ausholend, nach beiden Seiten von seinem großen Rappen herunter.

Nun war die letzte Reihe der Zulus durchbrochen, und die Reiter sahen Dabulamanzi selbst, von wenigen Kriegern umgeben vor sich. Als Pieter Maritz gegen ihn ansprengte, begegnete sein Blick dem kriegerischen Auge des schwarzen Prinzen, und ein Blitz des Wiedererkennens flog zu ihm herüber. In stolzer Haltung hielt Dabulamanzi den Speer empor, und mit vornehmer Anmut saß die schlanke, glänzend schwarze Gestalt auf dem bunt gefleckten Fell, welches den Rücken des Fuchses bedeckte. Trotzig standen die treuen Begleiter um ihn her, und während die Trauer über ihre Niederlage und die Ahnung vom Untergange des Zulureiches sich in ihren düsteren Gesichtern malte, zeigte ihre Stellung an, daß sie zugleich mit dem Siege auch ihr Leben aufgaben.

Ein Assagai, von einem der Fußgänger geschleudert, sauste dem Buernsohne entgegen und fuhr ihm zwischen Brust und linkem Arm hindurch. Pieter Maritz fühlte einen schneidenden Schmerz an der Innenseite des Arms, doch ließ er die Zügel nicht los. Jetzt kamen Lord Fitzherbert und der Franzose zu beiden Seiten an ihn heran und griffen alsbald neben ihm die finstere Gruppe der letzten Verteidiger des Schlachtfeldes an. Pieter Maritz rief Jager eine Ermunterung zu und schwang sein Schwert, ohne auf die Streiter zu Fuß zu achten, allein gegen Dabulamanzi.


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