Erstes Kapitel.Christin schickt sich zur Pilgerreise an.

Kopfstück, Kapitel II, 1Erstes Kapitel.Christin schickt sich zur Pilgerreise an.Liebe Mitpilger!

Kopfstück, Kapitel II, 1

Liebe Mitpilger!

V

Vor einiger Zeit hatte ich die Freude, euch zu eurem Nutz und Frommen zu erzählen, was mir vonChrist, dem Pilger, und seiner gefahrvollen Reise nach dem himmlischen Land träumte. Ich habe euch damals auch berichtet, wie seine Frau und Kinder sich weigerten, ihn auf seiner Pilgerfahrt zu begleiten. Da er sich der drohenden Gefahr des Gerichts, das über der StadtVerderbenschwebte, nicht länger aussetzen durfte, war er genötigt, seine Familie zu verlassen und allein die Reise zu unternehmen.

Nun bin ich bisher durch meine vielseitigen Geschäfte stets abgehalten und gehindert worden, meine gewohnten Reisen in jene Gegend zu machen, so daß sich mir bis vor kurzem keine Gelegenheit bot, nach seinen Hinterlassenen weiter zu fragen, um euch dann über ihr Ergehen Auskunft geben zu können. Da ich aber unlängst in jener Gegend zu tun gehabt, so ging ich wieder dort hinab. Nachdem ich nun in einem Wald, ungefähr eine Meile von dem Ort entfernt, mir ein Nachtlager bereitet hatte, schlief ich ein und träumte abermals:

Ich sah in meinem Traum, daß ein alter Herr auf mich zukam, und weil er ein Stück desselben Weges gehen wollte, den ich wandern sollte, so dünkte es mich, als ob ich mich aufmachte und mit ihm ging. Und wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn man auf einer Reise mit jemand zusammentrifft, so kamen auch wir bald in ein Gespräch, das sich zufällig aufChristund seine Reisen bezog. Ich redete den alten Mann also an:

„Mein Herr, was ist das hier unten für eine Stadt, die dort linker Hand von unserm Wege liegt?“

Hierauf antwortete HerrScharfsinn— denn das war sein Name —: „Das ist die StadtVerderben, ein volkreicher Ort, aber bewohnt von einem bösartigen und trägen Schlag Menschen.“

„Dachte ich’s doch,“ erwiderte ich, „daß es jene Stadt wäre. Ich bin selbst einmal da durchgekommen, und daher weiß ich, daß dieser Bericht wahr ist.“

Scharfsinn.Nur zu wahr! Was wollte ich lieber, als daß ich in Wahrheit besser von diesen Leuten reden könnte!

„Ich sehe schon, lieber Herr,“ sagte ich weiter, „daß du ein gutgesinnter Mann bist, und du wirst es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn wir miteinander ein nützliches Gespräch führen. Sage mir doch, hast du nie etwas vernommen, was vor einiger Zeit mit einem Mann aus dieser Stadt, namensChrist, sich zugetragen, der sich auf eine Pilgerreise nach den obern Gegenden begeben hat?“

Scharfsinn.Ei freilich habe ich von ihm vernommen, spricht man doch in unserm ganzen Land von den Drangsalen, Beschwerden, Kämpfen, Banden, Seufzern, Klagen, Ängsten und Schrecken, die er auf seiner Reise ausgestanden hat. Unter all denen, die von ihm und seinen Taten gehört haben, werden ihrer nur wenige sein, die nicht mit großer Teilnahme den Berichten über seine Pilgerfahrt gefolgt sind. Ja, ich glaube sagen zu dürfen, daß er die Herzen vieler dadurch gewonnen hat. Denn obwohl er, solange er hier war, in jedermanns Augen als Narr galt, so wird er doch jetzt, nachdem er weg ist, allgemein hoch gepriesen. Man sagt nämlich, er lebe herrlich dort, wo er jetzt ist; ja vielen von denen, die sich niemals diesen Gefahren aussetzen würden, wässert gleichwohl der Mund nach seinem Glück.

„Daß er es dort gut hat,“ versetzte ich, „daran ist nicht zu zweifeln; wohnt er doch an der Lebensquelle und genießt, was er hat, ohne Mühe und Sorge, den dort mischt sich kein Schmerz hinein. Aber ich bitte dich, fahre fort zu erzählen! Was sagen die Leute noch mehr von ihm?“

Scharfsinn.Seltsame Dinge werden über ihn berichtet! Einige sagen, er wandle jetzt in weißen Kleidern[146], er trageeine goldene Kette um den Hals, er habe eine mit Perlen besetzte Krone auf dem Haupt. Andre sagen, daß jene Lichtsgestalten, die ihm zuweilen auf seiner Wanderung erschienen, nun beständig um ihn seien und er dort solch vertrauten Umgang mit ihnen pflege wie bei uns ein Nachbar mit dem andern. Außerdem wird zuverlässig bezeugt, daß der König jenes Ortes ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und angenehme Wohnung bei Hofe angewiesen habe[147], daß er täglich mit Ihm esse und trinke[148], vor Ihm stehe und mit Ihm rede, und daß er der Liebe und Gunst dessen genieße, der der Richter über alle ist. Endlich erwarten einige, daß der Fürst jenes Landes binnen kurzem in diese Gegend kommen werde, um alle seine Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie ihn, als er Pilger werden wollte, geringgeachtet und verspottet haben. Denn sie sagen, er sei nun also hoch bei seinem Fürsten in Gnaden, und es nehme dieser die dem Christ wegen seiner Pilgerschaft zugefügten Verunglimpfungen dermaßen zu Herzen, daß Er alles ansehen wolle, als wäre es Ihm selber geschehen[149]. Und das sei auch kein Wunder, denn aus Liebe zu seinem Fürsten habe er all dieses gewagt.

„Über dieser Nachricht bin ich wirklich erfreut,“ erwiderte ich, „und ich gönne es dem armen Mann von Herzen, daß er nun ruht von seiner Arbeit[150]und die Frucht seiner Tränen mit Freuden erntet[151]; ja, daß er nun auch nicht mehr die Zielscheibe der Bosheit seiner Feinde ist, sondern für immer entrückt aus dem Bereich seiner Hasser. Auch das ist ein Grund zur Freude, daß diese Geschichten im ganzen Lande bekannt geworden sind; denn wer weiß, ob nicht bei dem einen oder andern der Zurückgebliebenen dadurch eine heilsame Frucht gewirkt werden kann. Aber — da es mir eben einfällt — bitte, sag mir doch, lieber Herr, ist dir denn gar nichts von seiner Frau und seinen Kindern zu Ohren gekommen? Die armen Seelen! Ich bin gespannt, etwas über ihr Ergehen zu erfahren.“

Scharfsinn.Über Christin und ihre Söhne? Denen wird es gewiß ebenso gut gehen wie Christ selber. Denn wiewohl sie anfangs ihm kein Gehör schenkten und weder Tränen noch Bitten sie zum Mitziehen bestimmen konnten, so hat doch weiteres Nachdenken bei ihnen Wunder gewirkt. Sie haben zuletzt ihre Sachen gepackt und sind ihm nachgezogen.

„Das läßt sich hören!“ rief ich. „Wirklich? Frau und Kinder, alle miteinander?“

Scharfsinn.So ist es. Ich kann dir darüber ausführlichen Bericht geben; denn ich war selbst gerade dort und konnte den Verlauf der Dinge genau verfolgen.

„So darf man also,“ fragte ich, „es verbreiten als eine wirkliche Tatsache?“

Scharfsinn.Das darfst du unbesorgt tun; denn wie gesagt, sie haben alle die Pilgerschaft angetreten, die gute Frau und auch ihre vier Knaben. Und da wir ja noch ein ziemliches Stück Weges miteinander zu gehen haben, so will ich dir einen ausführlichen Bericht darüber geben.

DieseChristin(so hieß sie seit ihrem Aufbruch zur Pilgerreise) fing an, in ihren Gedanken sehr beunruhigt zu werden, nachdem ihr Mann über den Fluß hinübergekommen war und sie nun nichts mehr von ihm hören konnte. Zuerst geschah’s, weil sie ihren Mann verloren hatte und weil nach solcher Nachricht die Hoffnung, wieder mit ihm vereinigt zu werden, zerstört war. Daß bei der Erinnerung an den Verlust geliebter Angehörigen manche heiße Träne fließt, ist ja ganz natürlich. So auch beiChristin. Bei ihr kam aber noch etwas andres hinzu. Immer mehr drängte sich ihr nämlich die Befürchtung auf, ob nicht ihr ungeziemendes Verhalten gegen ihren Gatten eine Ursache sei, warum sie ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr genommen wäre. Und dabei fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sie erkannte all ihr unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren teuren Freund; all dieses fing an, ihr Gewissen zu beschweren und sie mit dem Gefühl der Schuld zu drücken. Mehr noch wurde sie zerknirscht, wenn sie der vielen Seufzer, der bittern Tränen und des Wehklagens ihres Gatten gedachte und wie sie ihr Herz gegen alle seine Bitten und sein liebevolles Zureden, ihn doch samt den Kindern zu begleiten, verhärtet hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten traten alle seine Worte und was er getan,wie ein heller Blitzstrahl ihr wieder vor die Seele und zerschnitt ihr das Herz. Besonders tönte sein schmerzlicher Ausruf: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30) in ihren Ohren erschütternd nach[152].

„Meine Söhne, wir sind alle verloren!“ (S. 198.)⇒GRÖSSERES BILD

„Meine Söhne, wir sind alle verloren!“ (S. 198.)⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Darauf sprach sie zu ihren Kindern: „Meine Söhne, wir sind alle verloren! Ich habe wider euren Vater gesündigt, und er ist fortgegangen. Er hätte uns gern mit sich genommen; aber ich wollte nicht mit ihm gehen und habe auch euch vom Lebensweg zurückgehalten.“ Da brachen die Knaben alle in Tränen aus und verlangten danach, ihrem Vater nachzuziehen. „O,“ sagteChristin, „welch ein Glück wäre es für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! Wie leicht wäre uns das Reisen geworden, viel leichter, als wir es jetzt erwarten können. Wiewohl ich früher in meiner Torheit die Bekümmernisse eures Vaters närrischer Einbildung und trübsinniger Laune zuschrieb, so will es mir nun doch scheinen, daß sie aus einer andern Ursache hervorgegangen sind, nämlich weil ihm das Licht des Lebens aufgegangen war[153], durch dessen Hilfe er, wie ich nun merke, den Stricken des Todes entgangen ist[154].“ Hierauf weinten sie alle aufs neue und riefen aus: „O weh des Tags!“

In der folgenden Nacht hatteChristineinen Traum und siehe, es war ihr, als sähe sie vor sich eine große offene Pergamentrolle, auf welcher die Summe all ihres Tuns verzeichnet stand. Und wie es ihr vorkam, sahen ihre Missetaten sehr schwarz aus. Da rief sie im Schlaf laut aus: „Gott, sei mir Sünderin gnädig!“ (Luk. 18, 13), und es hörten sie die Kinder.

Hiernach dünkte es sie, als ständen zwei sehr übelgesinnte Wesen an ihrem Bett, welche sprachen: „Was fangen wir nur mit diesem Weib an? denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben. Darum müssen wir auf die eine oder die andre Weise ihre Gedanken von dem, was hernach sein wird, abzuziehen suchen, oder nichts in der ganzen Welt wird sie hindern, auch eine Pilgerin zu werden.“

Zitternd und ganz in Schweiß gebadet erwachte sie; aber nach einer Weile schlief sie wieder ein und träumte und sah im Traum ihren Gatten, denChrist, mit glänzendem Angesicht an einem Ort der Seligkeit unter vielen Unsterblichen mit einer Harfe in der Hand stehen und darauf spielen vor einem, der auf einem Thron saß und um dessen Haupt ein Regenbogen war. Sie sah auch, daß er sich zu den Füßen seines Fürsten niederwarf und anbetend ausrief: „Ich danke Dir von ganzem Herzen, mein Herr und König, daß Du mich an diesen Ort gebracht hast!“ Darüber jauchzte die Menge derer, die rund umherstanden, und schlugen an ihre Harfen; aber keine menschliche Zunge konnte aussagen, was sie sprachen; Christ und seinen Mitgenossen war diese himmlische Sprache bekannt.

AlsChristinam nächsten Morgen aufgestanden war, zu Gott gebetet und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte jemand stark an die Tür. Sie rief mit lauter Stimme: „Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein!“ — „Amen,“ sagte der Fremde, öffnete die Tür und grüßte: „Friede sei mit diesem Haus!“ und alsbald fuhr er fort: „Christin, weißt du, weshalb ich gekommen bin?“ Da errötete sie und zitterte; ihr Herz klopfte in der Erwartung, zu erfahren, woher er komme und was für eine Botschaft er an sie auszurichten habe. „Mein Name istVerborgen,“ sprach er weiter, „ich wohne bei denen in der Höhe. Dein Verlangen, nach der himmlischen Stadt zu ziehen, ist dort bekanntgeworden[155]; auch weiß man von deiner tiefen Reue über all das Unrecht, das du früher deinem Mann zugefügt hast, indem du dein Herz gegen sein inständiges Bitten verhärtet und auch diese deine Knaben vom Pfad des Friedens zurückgehalten hast. So hat denn,Christin, der Barmherzige mich gesandt, dir zu sagen, daß Er ein Gott ist, der gern verzeiht und nicht müde wird, Missetaten zu vergeben. Er ladet dich auch hiermit ein, vor Sein Angesicht zu kommen; an Seiner Tafel will Er dich speisen mit den reichen Gütern Seines Hauses und mit dem Erbe Jakobs, deines Vaters. Daselbst wohntChrist, dein ehemaliger Gatte, in seligem Verein mit vielen andern, deren Zahl mehr denn Legion ist; sie schauen das Angesicht Gottes, von dem ihnen Leben undSeligkeit zufließt immerdar. Diese alle werden sich freuen und fröhlich sein, wenn sie hören das Rauschen deiner Füße.“

Über diesen Worten wardChristintief beschämt und neigte ihr Angesicht zur Erde. Der Abgesandte aber fuhr fort und sprach: „Hier ist auch ein Brief an dich,Christin, von dem König deines Mannes[156].“ Sie nahm denselben und öffnete ihn. Er duftete aber wie köstliche Salbe, und die Schrift war mit goldenen Buchstaben geschrieben. Der Inhalt des Briefes war: Der König begehre, daß auch sie sich auf die Pilgerreise begebe, wieChrist, ihr Mann, es getan; denn das sei der Weg, zu Seiner Stadt zu gelangen und in Seiner Gegenwart mit Freuden zu wohnen ewiglich. „Herr,“ rief die gute Frau ganz überwältigt, „willst du mich und meine Kinder mit dir nehmen, daß wir hinziehen und diesen König auch anbeten[157]?“

„Christin,“ erwiderte der Abgesandte, „vor dem Süßen kommt das Bittere; auch du mußt durch viel Trübsale in die himmlische Stadt eingehen. So rate ich dir, gehe, wieChrist, dein Mann, es tat, zu der engen Pforte, die dort jenseits der Ebene liegt; denn sie steht am Eingang des Weges, den du gehen mußt, und ich wünsche dir eine glückliche Reise. Den Brief, den du erhalten, verwahre sorgfältig in deinem Kleid, da du ihn an der himmlischen Pforte abgeben mußt. Lies mit deinen Kindern fleißig darin, bis ihr ihn auswendig wißt, denn er enthält eins von den Liedern, das du singen mußt, solange du noch in dem Hause deiner Wallfahrt bist[158].“

Nun sah ich in meinem Traum, daß jener alte Herr, während er mir diese Geschichte erzählte, selber sehr davon ergriffen zu sein schien. Indessen fuhr er fort und erzählte weiter:Christinrief alsbald ihre Söhne zusammen und redete sie also an: „Meine lieben Söhne, ihr habt wohl bemerkt, daß der Tod eures Vaters mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat — nicht als ob ich an seiner Glückseligkeit zweifelte, denn daß er wohl aufgehoben ist, davon bin ich hinlänglich überzeugt. Aber auch, wenn ich unser bisheriges Leben überdachte, das doch eigentlich ein elendes genannt werden muß,war ich sehr bekümmert; und vollends ist es mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst, was sich wie eine schwere Last auf mein Gewissen wälzt; denn ich habe nicht nur mein, sondern auch eure Herzen gegen ihn verhärtet und mich geweigert, mit ihm die Pilgerfahrt anzutreten. — Der Gedanke an all dieses würde mir wohl das Herz brechen, wenn ich nicht in der verflossenen Nacht einen Traum gehabt und dieser Fremde mir heute morgen Mut zugesprochen hätte. Kommt, meine Kinder, laßt uns aufbrechen und zu der Pforte eilen, welche nach dem himmlischen Land führt, daß wir euren Vater wiedersehen und bei ihm und all den Seligen nach den Gesetzen jenes Landes in Frieden wohnen!“

Da brachen die Kinder in Tränen aus vor Freude, daß ihrer Mutter Herz so umgewandelt war. Alsbald nahm der Abgesandte Abschied von ihnen, und sie fingen an, sich auf die Reise zu rüsten.

Während sie damit beschäftigt waren, kamen zwei vonChristinsNachbarinnen vor das Haus und klopften an die Tür. „Kommt ihr in Gottes Namen, so tretet ein!“ rief sie auch ihnen zu. Das machte die Frauen stutzig, denn eine solche Rede hatten sie weder vonChristinsLippen noch sonst überhaupt jemals gehört. Gleichwohl traten sie ein; aber siehe, sie fanden die gute Frau im Begriff, ihr Haus zu verlassen.

„Aber Nachbarin, sag, was hast du denn vor?“ fragten sie wie aus einem Munde.

„Ich rüste mich auf eine Reise,“ antworteteChristin, sich an FrauFurchtsam, die ältere von ihnen, wendend.

(DieseFurchtsamwar eine Tochter dessen, demChristauf dem Berg derBeschwerdebegegnete und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte.)

Furchtsam.Aber ich bitte dich, zu welcher Reise denn?

Christin.Meinem teuren Mann nachzugehen. — Und dabei fing sie an zu weinen.

Furchtsam.Nachbarin, das will ich nicht hoffen. Ich bitte dich um deiner armen Kinder willen, du werdest doch nicht dein Mutterherz verleugnen und sie gar verlassen wollen!

Christin.Nein, meine Kinder sollen auch mit mir gehen, nicht eins von ihnen will zurückbleiben.

Furchtsam.Ich traue meinen Augen und Ohren nicht; wer in aller Welt hat dich nur auf diesen Gedanken gebracht?

Christin.O Nachbarin, wüßtest du, was ich weiß, du würdest ohne Zweifel mit mir ziehen.

Furchtsam.Ei, was für neue Kunde hast du denn bekommen, die so dein Herz von deiner Freundschaft abzieht und dich verleitet, wer weiß wohin zu gehen?

Christinerwiderte: „Ich bin seit der Abreise meines Mannes immer schmerzlich betrübt gewesen und besonders, seit er über den Fluß gegangen ist. Was mich am meisten bekümmert, das ist mein hartes Betragen gegen ihn, als er so niedergeschlagen war. Zudem ist es mir jetzt ebenso zumute, wie ihm damals war; so kann mir nichts helfen, als daß auch ich die Pilgerschaft antrete. Mir träumte vorige Nacht, als sähe ich ihn. O wäre doch meine Seele bei ihm! Er wohnt bei dem König jenes Landes, sieht allezeit Sein Angesicht; er sitzt mit Ihm an Seiner Tafel; er ist ein Mitgenosse der Unsterblichen, und es ist ihm ein Haus geworden, in dem er wohnt, demgegenüber die herrlichsten Paläste auf Erden mir wie elende Hütten vorkommen. Es hat auch der Fürst dieses Landes nach mir gesandt mit der Verheißung, daß Er mich aufnehmen wolle, wenn ich zu Ihm kommen würde. Sein Abgesandter war jetzt eben bei mir und hat mir ein Einladungsschreiben überreicht, daß ich kommen solle.“ Und hiermit zog sie den Brief hervor und las ihn und sprach zu ihnen: „Was wollt ihr nun hierzu sagen?“

Furchtsam.O diese Tollheit, die dich und deinen Mann ergriffen hat, in solche Schwierigkeiten hineinzurennen! Es ist dir doch gewiß nicht unbekannt, was deinem Mann schon am Anfang des Weges begegnet ist, was unser NachbarStörrignoch bezeugen kann, ebensoWillig, die ja eine Strecke weit mit ihm gegangen, bis sie als verständige Männer sich scheuten, weiterzugehen. Wir haben auch ein langes und breites davon gehört, wie er mit den Löwen, demApollyonund mit Schatten des Todes zu tun gehabt und vielen andern Schrecknissen der Art. Denke doch an die Gefahren, die ihm auf demEitelkeitsmarktdrohten! Denn wenn es ihm, der doch ein Mann war, so übel erging, was kannst du tun, die du nur eine schwache Frau bist? Bedenke doch auch, daß diese vier süßen Kleinen deine Kinder sind, dein Fleisch und Bein! Wenn du also auch verwegen genug sein solltest, dich selber ins Unglück zu stürzen, so bleibe doch wenigstens um deiner Kinder willen zu Hause.

Christinaber antwortete ihr: „Versuche mich nicht, Nachbarin, jetzt ist es in meine Hand gelegt, einen großen Gewinn zu erlangen, und ich müßte die größte Närrin sein, wenn ich nicht das Herz hätte, diese Gelegenheit zu ergreifen[159]. Was all die Beschwerden betrifft, die mir, wie du sagst, auf dem Weg gleichfalls begegnen werden, so lasse ich mich dadurch nicht im geringsten entmutigen; ich sehe vielmehr daraus, daß ich auf der rechten Bahn bin. Das Bittere muß vor dem Süßen kommen, und es wird auch das Süße desto süßer machen. Deshalb, da du nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen, wie ich sagte, so bitte ich dich, nur wieder zu gehen und mich nicht weiter zu beunruhigen.“

Da fingFurchtsaman, sie zu schmähen[160], und zu ihrer Gefährtin sprach sie: „Komm, NachbarinBarmherzig, wir müssen sie ihrem eigenen Willen überlassen, da sie unsern Rat und unsre Gesellschaft verachtet.“ AlleinBarmherzigward unschlüssig und konnte nicht sofort ihrer Nachbarin beipflichten, und zwar aus zwei Gründen: Erstlich entbrannte ihr Herz fürChristin. Sie sprach bei sich selbst also: „Wenn meine Nachbarin durchaus fort will, so will ich eine Strecke Wegs mit ihr gehen und ihr behilflich sein.“ Zum andern war sie über ihre eigene Seele bekümmert, dennChristinsWorte waren wie Nägel in ihr Herz gedrungen, und sie dachte: „Ich muß über diese Sache noch weiter mitChristinreden, und finde ich Wahrheit und Leben in dem, was sie sagen wird, so will ich auch von Herzen gern mit ihr gehen.“ Und so antworteteBarmherzigihrer NachbarinFurchtsam:

„Nachbarin, ich bin allerdings mit dir gekommen, umChristinheute morgen zu besuchen. Weil sie aber, wie du siehst, vorhat, ihrem Vaterland für immer Lebewohl zu sagen, so gedenke ich, an diesem sonnigen Morgen sie noch ein Stück Wegs zu begleiten und ihr ein wenig Handreichung zu tun.“ Sie sagte ihr aber nichts von ihrem zweiten Grund, sondern behielt diesen für sich.

Furchtsam.Nun, ich sehe schon, du hast auch Lust zum Närrischwerden. Allein sei beizeiten auf deiner Hut und nimm Vernunft an! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Also kehrte FrauFurchtsamden beiden den Rücken und ging. Zu Hause angekommen, lud sie alsbald einige ihrer Nachbarinnen zu sich ein, nämlich FrauFledermausauge, FrauUnbedachtsam, FrauLeichtsinnund FrauUnwissend, um ihnen die neue Geschichte vonChristinund ihrer beabsichtigten Reise mitzuteilen. Sie begann also ihre Erzählung:

„Nachbarinnen, da ich heute morgen nicht viel zu tun hatte, ging ich aus, umChristineinmal zu besuchen. Als ich an ihre Tür klopfte, wie es doch bei uns Sitte ist, antwortete sie: Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein! Im guten Glauben, es stände alles wohl, ging ich hinein, und da finde ich sie, wie sie sich rüstet, um die Stadt zu verlassen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten hätte, gestand sie mir offen, daß sie sich entschlossen, auf die Pilgerschaft zu gehen, wie ihr Mann getan. Sie erzählte mir auch einen Traum, den sie gehabt, und wie der König des Landes, wo ihr Mann sich aufhalte, ihr ein Einladungsschreiben geschickt hätte, daß sie dahin kommen solle.“

„Wie? was?“ rief FrauUnwissend, „und glaubst du wirklich, daß sie gehen wird?“

Furchtsam.Freilich wird sie gehen, was auch immer daraus entstehen mag. Das kann ich daraus entnehmen, weil gerade das, wodurch ich sie von ihrem abenteuerlichen Unternehmen abzuschrecken gedachte — nämlich all die Gefahren und Beschwerden, die ihr auf dem Weg gewiß begegnen werden — für sie ein Ansporn zur Abreise ist. Das Bittere komme vor dem Süßen, hat sie gesagt, und werde das Süße noch versüßen.

„O die blinde und törichte Frau!“ sprach FrauFledermausauge, „will sie sich denn durch die Trübsale ihres Mannes nicht warnen lassen? Ich meinesteils sehe klar, wenn er wieder hier wäre, würde er seiner heilen Haut froh sein und sich wohl nie wieder für nichts und wieder nichts in so viel Gefahren stürzen.“

FrauUnbedachtsamhob nun auch an und sagte: „Fort mit solchen phantastischen Narren aus der Stadt! Ich für meinen Teil bin froh, daß wir sie loswerden. Denn bliebe sie hier wohnen und behielte diesen Sinn bei, wer könnte dann noch friedlich mit ihr leben? Denn entweder würde sie trübsinnig sein oder mit niemand nachbarlichenUmgang pflegen oder fortwährend von solchen Dingen reden, die kein vernünftiger Mensch hören mag. Ich für meine Person werde mich also um ihre Abreise gar nicht grämen. Laßt sie laufen und laßt Bessere an ihre Stelle kommen! Es ist schon lang nicht mehr unsre gute Welt, seitdem diese wunderlichen Narren in ihr wohnen.“

Und FrauLeichtsinnsetzte hinzu: „Genug, tut diese Art von Unterhaltung beiseite! Gestern war ich bei MadameWollust. Da waren wir so lustig wie junge Mädchen. Was denkt ihr wohl, wer alles da war? Ich nämlich und FrauFleischesliebeund noch drei oder vier andre wie HerrLiederlich, FrauUnflatund solcher Art mehr. Da hatten wir denn Musik und Tanz und was sonst noch dazu gehört, das Vergnügen vollzumachen. Und das muß ich sagen: Die Frau des Hauses ist eine bewunderungswürdige, feingebildete Dame, und HerrLiederlichist auch ein höchst angenehmer Gesellschafter.“

Fußnoten:[146]Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).[147]Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach. 3, 7).[148]Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).[149]Wer euch verachtet, der verachtet Mich (Luk. 10, 16).[150]Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach (Offenb. 14, 13).[151]Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben (Ps. 126, 5. 6).[152]Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod (2. Kor. 7, 10).[153]Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh. 8, 12).[154]Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, daß man meide die Stricke des Todes (Spr. 14, 27).[155]Das Verlangen der Elenden hörst Du (Ps. 10, 17).[156]Der Geist wird Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16). Durch Christus seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir Sein Eigentum würden zu Lob Seiner Herrlichkeit (Eph. 1, 13. 14).[157]Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42, 3.)[158]Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt (Ps. 119, 54).[159]So laßt uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe (Hebr. 4, 11).[160]Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern (1. Petr. 4, 4).

Fußnoten:

[146]Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).

[146]Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden (Offenb. 3, 5).

[147]Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach. 3, 7).

[147]Wirst du in Meinen Wegen wandeln und Meines Dienstes warten, so sollst du regieren Mein Haus und Meine Höfe bewahren; und Ich will dir geben von diesen, die hier stehen, daß sie dich geleiten sollen (Sach. 3, 7).

[148]Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).

[148]Jesus spricht: Ich will euch das Reich bescheiden, wie Mir’s Mein Vater beschieden hat, daß ihr essen und trinken sollt an Meinem Tisch in Meinem Reich (Luk. 22, 29. 30).

[149]Wer euch verachtet, der verachtet Mich (Luk. 10, 16).

[149]Wer euch verachtet, der verachtet Mich (Luk. 10, 16).

[150]Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach (Offenb. 14, 13).

[150]Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach (Offenb. 14, 13).

[151]Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben (Ps. 126, 5. 6).

[151]Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben (Ps. 126, 5. 6).

[152]Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod (2. Kor. 7, 10).

[152]Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod (2. Kor. 7, 10).

[153]Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh. 8, 12).

[153]Ich bin das Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh. 8, 12).

[154]Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, daß man meide die Stricke des Todes (Spr. 14, 27).

[154]Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, daß man meide die Stricke des Todes (Spr. 14, 27).

[155]Das Verlangen der Elenden hörst Du (Ps. 10, 17).

[155]Das Verlangen der Elenden hörst Du (Ps. 10, 17).

[156]Der Geist wird Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16). Durch Christus seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir Sein Eigentum würden zu Lob Seiner Herrlichkeit (Eph. 1, 13. 14).

[156]Der Geist wird Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind (Röm. 8, 16). Durch Christus seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir Sein Eigentum würden zu Lob Seiner Herrlichkeit (Eph. 1, 13. 14).

[157]Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42, 3.)

[157]Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42, 3.)

[158]Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt (Ps. 119, 54).

[158]Deine Rechte sind mein Lied in dem Hause meiner Wallfahrt (Ps. 119, 54).

[159]So laßt uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe (Hebr. 4, 11).

[159]So laßt uns nun Fleiß tun, einzukommen zu dieser Ruhe (Hebr. 4, 11).

[160]Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern (1. Petr. 4, 4).

[160]Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern (1. Petr. 4, 4).

Schlussvignette, Kapitel II, 1


Back to IndexNext