Das Guckerohr.
Was man ein Sonntagskind nennt, das wißt ihr Kinder ja schon lange und auch, daß ein solches sieht, hört und erlebt, was andere Menschenkinder nicht sehen, hören und erleben.
Heute will ich Euch einmal erzählen, was einem Sonntagskinde an einem schönen Sommermorgen im Walde begegnete.
Flipsius war schon ein älterer Herr, aber noch gesund und munter, seines Zeichens Glasschleifer.
Im Winter saß er fleißig hinter dem Tische in seiner Werkstatt und schliff die herrlichsten Glassachen.
Wenn aber der Frühling ins Land kam, Berge und Täler das schöne grüne Kleid mit den bunten Blümlein darin anzogen, dann duldete es Flipsius nicht mehr zu hause.
Dann zog er aus in Gottes Wunderwelt und lauschte und horchte und äugte, daß ihm ja keine von allen ihren Schönheiten entginge.
Es war im Hochsommer vor Sonnenaufgang, da griff Flipsius zum Wanderstabe und schlich zum Hause hinaus. Er wollte einmal sehen, wie es in aller Herrgottsfrühe draußen in der Natur zugeht. Mit ganz leisen, vorsichtigen Schritten, daß er ja in der Dämmerung kein Würmchen und kein Blümlein zertrete, betrat er den grünen Wald.
Da war es so still wie in der Kirche. Unter grünen Farnblättern schliefen Eidechsen und Frösche. Behutsam verkroch er sich unter die breiten Blätter des Huflattich und wartete geduldig. Endlich erscholl von der höchsten Spitze einer Tanne der leise Pfiff eines Vögleins – und wieder – und noch einmal.
Da reckte Flipsius vorsichtig die Nase aus seinem Versteck hervor, roch die würzige Morgenluftund sah allzugleich, daß Frau Sonne mit ihren ersten, rosigen Strahlen die Kronen der Bäume streichelte.
Wups verkroch er sich wieder hinter die Blätter. Er wollte ja sehen, aber selber nicht gesehen werden.
Jetzt ließen schon mehrere Vöglein ihre Stimme erschallen und als gar ein Nußhäher mit lautem Schrei sein Erwachen ankündigte, da wurde es rings lebendig.
Dicht neben Flipsius regte es sich. Eine Amsel kam geschäftig dahergetrippelt und machte sich mit Klopfen und Pochen an der breiten Spalte in der Rinde einer morschen Eiche zu schaffen bis aus dem Innern des Stammes ein feines Stimmchen antwortete.
Da bog Frau Amsel mit ihrem Schnabel ein Farnkraut beiseite, das den Eingang versperrte und heraus schlüpfte ein Elflein zart und rosig, rieb sich die Augen, gähnte recht herzhaft und schaute umher, ob auch kein Lauscher in der Nähe sei.
Dann hüpfte es vergnügt zu einem großen Fliegenpilz, in dessen Mitte sich eine Menge Tautropfengesammelt hatten, ließ das Hemdlein aus allerfeinstem Nebelbatist herunter bis auf die zarten Füße und wusch Gesicht, Brust und Arme, daß es eine Lust war.
Flipsius lächelte und hielt den Atem an – es sah ja gar zu lieblich aus.
Als nun das ganze Geschöpfchen schön sauber war bis hinter die winzigen Ohren, griff die kleine Elfe zum Handtuch aus Spinnengewebe, das nebenan auf einer Distelstaude hing und trocknete und rieb sich ab; zuletzt kamen die Aeuglein daran. Da stieß sie einen gellenden Schrei aus, so daß Flipsius sich vor Schreck beinahe verraten hätte, hielt beide Hände vor's Gesicht und rief: »Mein Auge! Oh mein Auge! Helft mir doch! Herbei! Herbei!«
Da kamen von allen Seiten viele, viele andere Elflein herbeigeeilt, besahen das kranke Auge, betrachteten das Handtuch, das an dem Schmerz schuld sein sollte und rangen ratlos die Hände.
Endlich erschien Frau Amsel, brachte auf einem Frauenmantelblatt kühlenden Morgentau für das geschwollene Auge und sagte: »Ich holeden Doktor Humpelpumpel. Mit Eurem Heulen und Zetern ist da nicht geholfen!« und flog eilends davon.
Nun konnten die kleinen Elflein sich nicht genug tun mit Bedauern und Streicheln und »ach! und oh!«
Die arme Kranke saß mitten unter ihnen auf einem Baumstumpf und weinte bitterlich. Als dann endlich der Doktor Humpelpumpel kam, wußte Flipsius sogleich, daß er zum Geschlecht der Zwerge gehörte und warum er den Namen Humpelpumpel führte. Er hatte einen kurzen Fuß und humpelte ganz fürchterlich. Dafür aber hatte er eine riesengroße, spitze Nase und sah dadurch sehr gescheit aus. Er besah sich sofort das kranke Auge, runzelte die Stirne, pfiff durch die Zähne und lachte.
»Da haben wir ja schon den Schaden! Einen Augenblick!« Mit spitzen Fingern griff er zu. Elflein schrie herzzerreißend.
»Da, da ist das ganze Malheur – ein Spinnenbein war im Handtuch gehängt und hat sich im Augapfel festgehakt!« sagte er. »Ich habe es natürlich sofort entdeckt!« Stolz warf sich Dr.Humpelpumpel in die Brust. »Morgen früh komme ich wieder nachsehen. Bis dahin kühlen Sie das Auge nur weiter, mein schönes Fräulein!« Hier machte er eine herrliche Verbeugung und verschwand.
»Ein Spinnenbein!« riefen die Elfenfreundinnen. »Wer hätte das gedacht? Ja, ja, man kann nicht vorsichtig genug sein!«
Nun wartete Flipsius bis das ganze kleine Volk sich in den Schatten verkrochen hatte, dann ging er vergnügt heim. Was er erlebt hatte, das sah doch nur ein Sonntagskind. Wie gut ist's, am Sonntag geboren zu sein!
Als er am nächsten Morgen wieder ganz leise in sein Versteck kroch und durch die Blätter äugte, saß Elflein schon auf seinem Baumstumpf mit einem großen Verband über dem Auge und wartete auf seinen Leibarzt. Hin und wieder stöhnte es leise und seufzte ein wenig. Als endlich der Herr Doktor erschien im schönen, neuen, hellgrauen Sommeranzug, da ließ Elflein gar das Köpflein tief auf die Brust sinken und tat als wenn's mit ihm zu Ende ginge. Der Herr Doktor lächelte und streichelte ein ganz klein wenig dasHändchen der Patientin. Dann entfernte er den Umschlag.
»Ja,« rief er, daß es laut im Walde widerhallte, »ja, was wollen Sie denn, teures Fräulein? Das Auge ist durch meine Pflege ja vollständig gesund. Da ist keine Spur von einer Erkrankung mehr zu sehen. Es ist genau so lieblich und schön himmelblau wie das andere Auge auch!«
Da plinkte und blinzelte Elflein ein wenig und sagte: »Wenn ich doch aber lange nicht mehr so gut sehe wie vorher! Das ist doch schrecklich!«
»Nun, eine kleine Sehschwäche bleibt nach solchen Verletzungen ja gerne zurück. Aber, schönes Fräulein, wozu haben Sie denn den berühmten Geheimen Sanitätsrat Professor Doktor Humpelpumpel zum Arzt? Ich weiß auch hier Rat. Sehen Sie einmal her. Sehen Sie einmal auf dieses Blatt am Boden – hier – und nun betrachten Sie das gleiche Blatt hier an der Stelle wo der Wassertropfen liegt. Sehen Sie es da nicht viel deutlicher?«
»Freilich,« meinte Elflein. »Das ist mal nett. Das hatte ich noch nie bemerkt. Aber was sollmir das helfen? Ich kann doch nicht die ganze Welt durch dies Tröpflein betrachten!«
»Doch, doch, das ist's ja eben, meine Gnädige. Die Wissenschaft macht sich dies Tröpflein zu Nutze. Das heißt: Die Wissenschaft bin in diesem Falle ich. Mit Hülfe solches Tröpfleins stelle ich einen Sehapparat her – ein Guckerohr. Passen Sie auf.«
Er nahm vom Boden ein dünnes hohles Aestlein, tat einen Tautropfen hinein, ließ ihn nach vorne an die Spitze der Röhre gleiten, sah hindurch und rief: »Famos, famos! Schauen Sie einmal hindurch!«
Das tat Elflein nun und war begeistert.
»Doktor, Doktor, Sie sind ein Schatz! Wenn ich Sie nicht hätte!« jauchzte sie und gab ihm einen herzhaften Kuß.
Humpelpumpel stand erst wie versteinert. Dann reckte er sich stolz über Lebensgröße. Einen Elfenkuß hatte er doch noch nie bekommen. Als der Doktor gegangen war, lief Elflein mit seinem Guckerohr hin und her. Sah in den blauen Himmel, in die Berge hinein und wollte nun auch einen Blick ins Tal werfen. Dazu erklomm eseinen kleinen runden Hügel, der ganz und gar mit einem grünen Moosteppich überzogen war. Sie erklomm ihn und trippelte munter darauf herum. Hätte sie geahnt, woraus der Hügel bestand, sie hätte es nicht getan. Sie hätte großes Unglück verhütet.
Solange es eben ging, hielt Flipsius sich tapfer. Als aber die kleinen zierlichen Füße der Elfe gar zu lebhafte Sprünge machten, hielt er es nicht länger aus und mußte laut lachen. Er war eben wie die meisten Menschen kitzelig und der kleine, runde Hügel, auf dem Elflein stand, war sein Bauch, der in einer grünen Sammetweste steckte.
Kaum hatte er das schallende Gelächter ausgestoßen, da stürzte Elflein vor Schreck von seinem schönen Aussichtshügel herunter und als es davoneilen wollte, schrie es laut auf. Es konnte ja nicht aufstehen. Es hatte sich bei dem Sturze den Fuß gebrochen. Zum Glück hatte Dr. Humpelpumpel den Schrei noch vernommen und kehrte eilig zurück. Als er aber den großen bärtigen Mann im Grase sitzen sah, erschrak er heftig und wollte davoneilen, aber die Kleine machte soflehende Augen, daß er sich überwand, zu ihr eilte und sie auf seinen Armen in das Dickicht trug.
Da saß nun Flipsius, das Sonntagskind und grämte sich über das Unheil, das er angerichtet hatte.
»Schade! Schade!« murmelte er und ging betrübt nach Hause. Dort überlegte er noch einmal das ganze Erlebnis und als er an das Guckerohr dachte, das Humpelpumpel aus einem Aestchen und einem Tautropfen gemacht hatte, kam ihm ein guter Gedanke. Er konnte ja so viele schöne Dinge aus Glas machen – warum sollte er nicht auch einen schönen, klaren, großen Tropfen schleifen können?
Sogleich ging er an die Arbeit und siehe – in wenigen Wochen war das Kunstwerk gelungen. Den Glastropfen faßte er in eine blanke Metallröhre und Flipsius wurde nun weit und breit als Erfinder des Fernrohres geehrt und bewundert. Von Dr. Humpelpumpel, der doch eigentlich zuerst auf den Gedanken gekommen war, wußte niemand. So ergeht es eben den meisten Erfindern auf dieser Welt.
Wollt Ihr Euch solch ein gläsernes Tröpflein einmal genau betrachten, so seht nur das Theaterglas an, das Mutter im Beutel hat, wenn sie schön geputzt in die Oper geht – oder Vaters Brille, die hat zwei solche geschliffene Glastropfen.