Die Nesselhexe.
Es war im Lande der blauen Sterne. Wohin man blickte, schauten sie vom Boden auf wie Tausende lieber, blauer Kinderaugen. Als wäre ein Stück des Himmels zur Erde gesunken, so sahen die breiten, breiten Felder des Flachses aus, und die Menschen, die ihn gesät hatten, waren glücklich, denn sie wußten nun, daß sie eine reiche Ernte haben würden. Sie waren arme Weber und bauten sich selber den Flachs, aus dem sie die schöne, glatte Leinewand herstellten. Aber die Freude der armen Leute wurde vernichtet. Kriegüberzog das Land. Wilde, berittene Soldatenhorden rasten über die Felder, über die blauen Sterne hin und scharfe Pferdehufe zertraten die Hoffnung der Webersleute. Da ging ein Jammern und Wehklagen durch die Hütten. Weinend standen Männer und Weiber vor den zertrampelten Feldern und manch wilder Fluch wurde zum Himmel geschickt. Die sonst fromm und gläubig gewesen waren, zürnten dem Herrgott und verlernten das Beten. Nur die Gret, die junge Witwe, die mit ihren beiden Kindern hinten am Waldesrande in einer winzigen Hütte wohnte, fluchte und jammerte nicht. Sie weinte nur heimlich und still vor sich hin, wenn sie an kommende Tage des Elends und der Not dachte. Auch ging sie fleißig zur Kirche wie bisher und betete zu Gott, daß er ihr helfe und sie und ihre Kleinen vor dem Hungertode bewahre. Abends las sie eifrig in dem Gebetbuche, das sie von ihrer seligen Großmutter geerbt hatte. Eines Tages, als sie es wieder zur Hand nahm und es aufschlug, fand sie darin einen vergilbten Zettel, den sie in den langen, langen Jahren noch niemals gesehen hatte. Auf dem stand von unbekannter Hand geschrieben: »Bete und arbeite«.
Lange saß die Gret und dachte nach, woher diese Mahnung wohl kommen mochte, bis es ihr klar wurde, daß Gott sie ihr gesandt haben mußte. Von diesem Tage an war sie noch fleißiger im Gebet und in der Arbeit. Es nahte die Zeit der Beerenlese. Da zog sie früh mit ihren Kindern aus und sammelte mit ihnen am Bergeshang in glühendem Sonnenbrand lachende Erdbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren, die sie in der nächsten Stadt für schönes Geld verkaufte. Dafür erwarb sie dann Brot zum Lebensunterhalt.
Aber die Leute im Dorfe wunderten sich, daß sie so zufrieden blieb und niemals dem Herrgott wegen ihres Unglückes zürnte, und verhöhnten sie darum.
Als der Sommer zu Ende ging und sie nun wohl zum letzten Male Beeren suchte, hörte sie hoch oben in den Felsen ein jammervolles Klagen. Sie suchte und fand ein Ziegenböckchen, das sich verstiegen hatte und mit gebrochenem Fuß im Grase lag. Behutsam trug sie es heim, machte ihm im Schuppen neben der Hütte ein weiches Lager und kühlte liebevoll das schmerzende Glied. Die Nachbarn kamen und schlugen die Hände zusammenund lachten und riefen: »Was willst Du denn mit dem Elendswurm? Das wird doch nie wieder gesund und Milch gibt es doch auch keine, weil's ein Bock ist.«
Aber die Grete kehrte sich nicht an ihre Reden und sorgte weiter liebevoll für das Tierchen.
Am Tage trug sie es zum Wiesenrain und ließ es dort grasen und oft, wenn es in der Nacht vor Schmerzen jammerte, sprang sie aus dem Bett, um ihm das Bein zu kühlen. Eines Nachts, als das Böcklein ganz besonders schmerzlich klagte, eilte sie flink zu ihm in den Schuppen und dachte nicht anders, als daß ihre Augen verzaubert wären. Golden leuchteten die Hörner des Böckchens aus der Tiefe des Stalles ihr entgegen, und leuchtend heller Schein lag hinter dem Tierchen. Als sie zitternd näher trat, öffnete es das rosige Schnäuzchen und sprach: »Gret, brave Gret! Achte auf das, was ich nicht fresse, und denke, es wäre Flachs!« Sogleich wurde es dunkel im Stalle und auch die Hörner des Ziegenbockes leuchteten nicht mehr golden. Um Mittag trug sie wie immer das Zicklein hinaus zum Wiesenrain, ließ es äsen, legte sich selber daneben ins Grasund paßte genau auf. Da bemerkte sie, daß es gierig alle Gräser und Halme und Blättlein fraß, aber eine Pflanze ließ es stehen, die rührte es gar nicht an. Das war die Brennessel. Am nächsten Tage geschah es ebenso und auch am nächstnächsten. Da dachte die Gret: Die Brennessel ist's, von der ich denken soll, sie wäre Flachs. Wo sie nun ging und stand, sammelte sie Brennesselpflanzen und trug sie heim und behandelte sie ganz genau, wie sie es sonst mit dem Flachs gemacht hatte, und als sie dann die Stengel genau betrachtete, da sah sie innen darin genau solche graue Fäden wie im Stengel des Flachses. Da wußte sie, wie reicher Ersatz ihr nun für die verdorbene Leinernte beschert worden war und sie jubelte vor lauter Glück und dachte sogleich an ihre vielen, vielen Leidensgenossen, an die anderen unglücklichen Weber, und zeigte ihnen ihre Entdeckung. Die aber lachten sie laut schallend aus und verhöhnten sie wieder und riefen: »Mach nur zu! Das wird ein feines Zeug werden, Dein Nesselgespinst!«
Die Gret ließ sich jedoch nicht beirren und sammelte fleißig weiter die verachtete Brennessel. Als der Winter ins Land zog, sahen die Leute mitErstaunen die Gret am Fenster sitzen und spinnen. Sie schüttelten die Köpfe und tuschelten untereinander, die Gret wäre wohl verrückt geworden – sie wolle Brennesseln spinnen.
Um Weihnachten hörte man aus dem Häuschen der Gret tagaus, tagein das Klappern des Webstuhles – in allen anderen Hütten stand er still. Um so lauter gingen die Zungen der Weberleute mit Schimpfen und Schelten.
Der Winter nahm seinen Abschied mit Sturmgebraus. Heißer wurden die Strahlen der Sonne und beschienen auf der Wiese vor Grets Häuschen breite Streifen selbstgewebten Zeuges, die die Gret dort zum Bleichen hingelegt hatte. Mit ihrer Gieskanne ging sie hin und her und begoß den Stoff und die Sonne tat ihre Schuldigkeit und bleichte das Gewebe, bis es weithin leuchtete, weil es so wunderbar weiß geworden war wie die allerschönste Leinewand. Als das die Leute im Dorfe sahen, ergriff sie wilder Neid. Wütend drohten sie der Gret mit den Fäusten über den Zaun hinweg und schrien: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Da ist Zauberei dabei!« Und sie nannten sie von nun an »die Nesselhexe«. Aberdie Gret ließ sie reden und war ihnen nicht böse darum. Im Gegenteil! Sie bot ihnen freundlich an, ihnen zu zeigen, wie sie es machen mußten, um aus der verachteten Nessel so schönes Zeug zu gewinnen. Aber sie hörten nicht auf ihr freundliches Angebot und liefen scheltend von dannen.
Die Gret war nun im siebenten Himmel mit ihren beiden Kinderlein. In der Stadt war sie alsbald berühmt für ihre schönen Nesselstoffe und bekam hohe Preise für dieselben bezahlt, denn durch das Kriegsunglück konnte man sonst nirgends welche kaufen. Sie wurde bald eine reiche Frau. Konnte eine Kuh kaufen, die ihr ein Kälbchen brachte, konnte ein Schweinchen mästen und Hühner anschaffen und wäre nun ganz glücklich gewesen, hätte sie bei den anderen Dorfbewohnern nicht so viel Elend und Unglück sehen müssen. Oft versuchte sie es ganz schüchtern, sie zur Verwertung der Brennesselfaser zu bewegen, aber immer vergebens, und nicht selten hörte sie sie hinter sich herrufen: »Nesselhexe! Nesselhexe!«
Was aber alles gute Zureden und alle Liebe der Gret nicht vermochte, das erreichte endlich die liebe Eitelkeit bei den Leuten. Als eines Tages, wie jetzt immer, alle Dorfbewohner in schäbigem,zerfetztem Gewand zur Kirche kamen, erschienen Gret und ihre kleinen Mädchen in herrlichen neuen, seidenglänzenden Kleidern. Da reckten die Leute die Hälse und sperrten vor Neid und Staunen die Mäuler auf und konnten sich nicht sattsehen an den feinen Stoffen. Als der Gottesdienst vorüber war, schlichen sich die Dorfkinder leise an Grets Kinder heran, befühlten ihre feinen Kleider. Und auch die Frauen traten herzu und betrachteten mit großen, glänzenden Augen den Feststaat der Gret. Anderen Tages erschien in Grets Hütte eine eitle Frau, um ihr Geheimnis zu erfragen, am nächsten kamen gar vier und so wurden es immer mehr. Sie sagten, ihre Kinder hätten ihnen keine Ruhe gelassen, sie wollten auch so schön gekleidet gehen. Im Grunde war es aber nur die liebe Eitelkeit, die sie dazu zwang – sie gestanden es nur nicht ein.
So kam es, daß im nächsten Sommer alle Einwohner des Dorfes Brennesseln sammelten, um daraus schöne Stoffe zu machen – daß nun alle Not ein Ende hatte.
Die Gret hieß nun aber nicht mehr »die Nesselhexe«. Sie wurde weit und breit geachtet und geliebt.
Ihr Ziegenböcklein aber, das ihr so viel Glück ins Haus gebracht, hat sie hoch in Ehren gehalten und liebevoll gepflegt bis zu seinem Tode.