Chapter 5

Die Stimme des Suchenden.Eine Vision.Und ich sahe ein Meer, das dehnte sich aus von Aufgang bis Niedergang und hatte keine Grenze, so weit das Auge reicht.Die Wellen gehen und kommen auf dem Meere, und niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen.Und der Himmel hing über dem Meere in tiefen Wolken, und der Sturm trieb die Wolken vor sich her; aber es fiel kein Lichtstrahl durch die Wolken.Dämmerung lag auf der Welt und das Brausen des Sturmes scholl über die Gewässer.Und ich sahe einen Kahn, darinnen stand aufrecht ein Mensch, der streckte aus seine Arme gen Himmel.Nackend und bloß, wie er aus seiner Mutter Leibe gegangen war, stand er; das Steuer hatte er weggelegt und die Segel ließ er flattern mit dem Winde, und streckte seine Arme aus gen Himmel.Und schrie zu Gott in dem Brausen des Sturmes. Aber der Sturm verschlang seine Stimme, daß sie nicht gehört ward unter den Menschen.Herr, Herr wo bist du? Warum hast du dein Angesicht verhüllt vor denen, die dich suchen?Warum lässest du uns in der Irre gehen und führest uns nicht aus dem Dunkel?Dein Tempel ist zerfallen, und die Stätten deiner Verehrung hat die Wüste verschlungen. Der Sand weht über sie hin und begräbt sie.Herr, Herr, wo bist du? Teile die Wolken, du Herr des Sturmes, und laß mich sehen die Himmel, deiner Hände Werk und die Sterne, die du bereitest.Der du stillest das Brausen des Meeres, gebiete den Wassern, daß sie mich tragen an die Schwelle, über die ich schreiten will in dein Heiligtum.Sende mir den Boten, der meine Lippen rühre mit der glühenden Kohle, genommen von deinem Altare!Dann will ich hingehen und Zeugnis geben, und mein Wort soll sein wie eine glühende Kohle, daran die Herzen der Menschen sich entzünden.Aber der Himmel that sich nicht auf und kein Stern leuchtete durch das Dunkel.Und ich sah, wie der einsame Kahn dahintrieb auf dem uferlosen Meere, bis er ferne unterging in den Gewässern der Nacht.

Die Stimme des Suchenden.Eine Vision.

Und ich sahe ein Meer, das dehnte sich aus von Aufgang bis Niedergang und hatte keine Grenze, so weit das Auge reicht.

Die Wellen gehen und kommen auf dem Meere, und niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen.

Und der Himmel hing über dem Meere in tiefen Wolken, und der Sturm trieb die Wolken vor sich her; aber es fiel kein Lichtstrahl durch die Wolken.

Dämmerung lag auf der Welt und das Brausen des Sturmes scholl über die Gewässer.

Und ich sahe einen Kahn, darinnen stand aufrecht ein Mensch, der streckte aus seine Arme gen Himmel.

Nackend und bloß, wie er aus seiner Mutter Leibe gegangen war, stand er; das Steuer hatte er weggelegt und die Segel ließ er flattern mit dem Winde, und streckte seine Arme aus gen Himmel.

Und schrie zu Gott in dem Brausen des Sturmes. Aber der Sturm verschlang seine Stimme, daß sie nicht gehört ward unter den Menschen.

Herr, Herr wo bist du? Warum hast du dein Angesicht verhüllt vor denen, die dich suchen?

Warum lässest du uns in der Irre gehen und führest uns nicht aus dem Dunkel?

Dein Tempel ist zerfallen, und die Stätten deiner Verehrung hat die Wüste verschlungen. Der Sand weht über sie hin und begräbt sie.

Herr, Herr, wo bist du? Teile die Wolken, du Herr des Sturmes, und laß mich sehen die Himmel, deiner Hände Werk und die Sterne, die du bereitest.

Der du stillest das Brausen des Meeres, gebiete den Wassern, daß sie mich tragen an die Schwelle, über die ich schreiten will in dein Heiligtum.

Sende mir den Boten, der meine Lippen rühre mit der glühenden Kohle, genommen von deinem Altare!

Dann will ich hingehen und Zeugnis geben, und mein Wort soll sein wie eine glühende Kohle, daran die Herzen der Menschen sich entzünden.

Aber der Himmel that sich nicht auf und kein Stern leuchtete durch das Dunkel.

Und ich sah, wie der einsame Kahn dahintrieb auf dem uferlosen Meere, bis er ferne unterging in den Gewässern der Nacht.

*

Pipin seufzte tief auf, der Atem schien ihm stille zu stehen.

Pause.

Elmenreich betrachtet Pipin mit teilnehmender Verwunderung und schüttelt den Kopf.

»Sie sind doch ein wunderlicher Patron, Pipin! Machen solche Travestien wirklich einen so großen Eindruck auf Sie?«

»Travestien?« haucht Pipin. »Und das ist alles, was Sie dazu sagen?«

»Ja was denn sonst, Pipin? Was haben Sie denn sonst erwartet?«

»Daß Sie darauf antworten!«

Elmenreich schüttelt wieder den Kopf und nimmt das Päckchen Blätter Pipin aus der Hand. Er blättert noch einmal darin; dann faltet er es zusammen und steckt es in die Tasche.

»Lassen Sie mir diese Dokumente bis morgen«, sagt er mit enigmatischer Miene. »Vielleicht habe ich bis dahin auch eine Vision, die ich der Welt mitteile.«

* * *

Es klopft.

»Herein!«

Pipin tritt ein. Blaß, niedergeschlagen, verstört. Er entschuldigt sich umständlich, daß er sich die Freiheit nehme. Aber die Ereignisse – wenn ein Mensch sich jeder Bemühung widersetzt und gar nichts gelten lassen will! Wenn er es nur darauf abgesehen hat, alles zu negieren, zu verspotten, zu zerstören! Kurz, es ist aus, es istnichts mehr zu hoffen, die Zeitung wird nicht gemacht, der Graf und Elmenreich werden sich nie versöhnen; keine epochemachenden Werke, keine wunderbaren Enthüllungen, keine Wiedergeburt der geistigen Kultur –

Er zog sein Päckchen Schriften aus der Tasche und gab es mir. Es hatte sich um einige stark zerknitterte Blätter vermehrt, auf denen ich Elmenreichs gewaltthätige Schrift erkannte. Das war der versprochene Beitrag Elmenreichs. Pipin hatte ihn heute morgens bekommen – durch den Hotelportier, dem Elmenreich das an Pipin adressierte Couvert gestern beim Fortgehen übergeben hatte.

In seiner Herzensfreude hatte Pipin den versprochenen Beitrag schon dem Grafen angekündigt gehabt; wie hätte er ihn jetzt verheimlichen sollen?

So mußte Pipin – nach seinem eigenen Ausdruck »wie ein begossener Pudel –« den Ueberreicher dieses Schriftstückes machen, das doch eine blutige Kränkung, wenn nicht sogar eine Beleidigung des Grafen enthielt.

Natürlich fiel denn auch der ganze Zorn auf ihn. Der Graf maß ihm alle Schuld bei und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er die Sache schlecht eingefädelt, daß er durch seine Ungeschicklichkeit alles verdorben, daß er mit seiner albernenund lächerlichen Weise Elmenreichs Spott herausgefordert habe. »Madre de Dios!« rief der Graf, »warum habe ich mich dieses Tölpels bedient! Wie konnte ich glauben, daß ein solcher Schafskopf etwas erreichen werde!« Er fluchte und tobte; seine Leidenschaft steigerte sich immer mehr, bis er sich die Haare ausraufte, sich die Kleider vom Leibe riß, sinnlos schreiend im Zimmer herumrannte, die Wasserflasche zertrümmerte und sich geberdete, als hätte er den Verstand verloren.

Als dieser Ausbruch vorüber war, bat er Pipin wieder alles ab, indem er ihn anflehte, auf andere Mittel und Wege zu denken, um Elmenreich zu gewinnen. Wenn Elmenreich eine prinzipielle Abneigung gegen alles Gedruckte habe, wenn er die Zeitung nicht wolle, gut, dann keine Zeitung – Elmenreich möge wünschen, verlangen, befehlen, aber nur in seiner kalten Ablehnung solle er nicht verharren, nicht in seiner haßerfüllten Unzugänglichkeit. »Sagen Sie ihm, wenn er fortfährt, mich von sich auszuschließen, so gehe ich zu Grunde, sagen Sie ihm, er tötet mich, wenn er mich nicht an sich herankommen läßt. Sagen sie ihm, ich will nichts von ihm, als daß er mir seine Nähe erlaube, daß er mich um sich dulde wie einen Hund, den auch Fußtritte nicht verscheuchen. Seinetwegen bin ich hierher gereist,seinetwegen habe ich mich an diesen gemeinen Wirtshaustisch gesetzt, seinetwegen denke ich Tag und Nacht darüber nach, etwas zu veranstalten, womit ich ihn fesseln, womit ich ihm imponieren könnte ...«

Und nachdem auch diese Phase seiner Leidenschaft vorüber war, mußte Pipin versprechen, daß er von alldem Elmenreich gegenüber kein Wort erwähnen werde. Er sollte thun, als wisse er ganz und gar nichts von dem weiteren Schicksal des Beitrages. Denn der Graf habe zum Schlusse den Vorsatz gefaßt, sich selbst mit Elmenreich auseinanderzusetzen.

»So ist es auch in Ordnung«, sagte ich, als Pipin unter großer Gemütsbewegung geendet hatte; »lassen Sie diese beiden ihre Sache allein miteinander ausfechten. Der Vermittler erntet immer nur Undank, wie Sie sehen.«

Aber Pipins Miene heitert sich nicht auf. »Was liegt mir an dem Undank«, sagt er niedergeschlagen. »Was liegt mir selbst an der Freundschaft des Grafen! Etwas ganz anderes steht auf dem Spiel. Hier ist viel mehr zu gewinnen und zu verlieren, als irgend ein Mensch ahnt. O gnädige Frau, wenn Sie alles wüßten! Wenn ich Ihnen alles sagen könnte! Es handelt sich ja nicht bloß darum, diese in die Brüche gegangene Freundschaft wieder herzustellen. Elmenreich –ich weiß nicht ob ich es Ihnen sagen darf –? Aber er hat es mir nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt. Freilich war es in einer Stunde, die zu den heiligsten meines Lebens gehört, und ich kann kaum davon reden, weil immer etwas von dem Schönen und Hohen verloren geht, wenn man eine Sache wiedererzählt. Und nie werde ich ihm vergessen, daß er mir dieses Vertrauen geschenkt hat, daß er mich gewürdigt hat, so tief in seine Seele zu blicken – nie, nie! Auch wenn er zehnmal alles mit Füßen tritt, was mir am Herzen liegt –«

Er faßt meinen Arm und zieht mich ein wenig zu sich. Seine guten blauen Augen sehen mich aus dieser Nähe mit einem so ehrlichen Ausdruck von Bekümmernis und Sorge an!

Und mit einer Stimme, in der eine tiefe Ergriffenheit bebt, erzählt er mir – ja, er erzählt mir, daß Elmenreich mit dem Leben unzufrieden sei, daß er daran denke, sich davon frei zu machen wie von einer Plage und Last. Doch werde er die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch und sich vorher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit ein paar Jahre lang ansehen. Dann wolle er ein Ende machen aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...

Da war in Pipins Kopf der Plan gereift,Elmenreich zu retten. Pipin konnte nicht unthätig zuschauen, wie ein so überlegener Mensch zu Grunde ging, bloß weil er nichts hatte, woran sein Herz erfreuen. Und es sollte in der großen göttlichen Welt nichts geben, was dieser Seele neue Freude einzuflößen vermöchte? Nichts, was Trost, Hoffnung, Mut zu schenken vermöchte? Nichts, wodurch so hohe Gaben des Geistes zu einer Quelle der Lebensfreude und Menschenliebe werden könnten? Wenn er, der arme, kleine, beschränkte Pipin, schon nichts zu bieten hatte, gab es nicht höhere, weisere, reichere Intelligenzen? Pipin wollte kein Mittel unversucht lassen – und was für zuversichtliche Hoffnungen hatte er auf den Meister und den Grafen gesetzt! Was für Wirkungen hatte er sich versprochen, wenn nur erst Elmenreichs Widerstand gebrochen wäre! Aber es war alles vergeblich; Elmenreich verschanzte sich in seine hohnvolle Unzugänglichkeit, Elmenreich spottete nur, wo die anderen ihren tiefsten Ernst und ihre heiligsten Gefühle hergaben – und so war Elmenreich ein Verlorener, so war er vor dem sicheren Untergang nicht zu retten –

Pipin rang die Hände in aufrichtiger Verzweiflung.

Da konnte ich nicht länger an mich halten.

»Nehmen Sie Elmenreichs Aeußerung nichtso tragisch, Pipin«, sagte ich, ärgerlich darüber, daß ich selbst sie einmal tragisch genommen hatte; »sie ist ja nur ein Repertoirestück von ihm –«

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß er sie jedem zum Besten giebt, auf den er Eindruck machen will, oder vielleicht sogar allen, mit denen er einige Zeit beisammen ist. Ich, zum Beispiel, weiß schon seit drei Jahren, daß er das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachtet, um eines Tages aus freiem Entschluß ein Ende zu machen; andere, die ihn länger kennen als ich, wissen es vermutlich länger. Und noch andere, die er in zwanzig oder dreißig Jahren kennen lernen wird, werden eben um so viel später erfahren, daß er sich noch einige Jahre das Leben »daraufhin« ansehen will –«

In Pipins Mienen malte sich ein unbeschreiblicher Schrecken – er starrte mich mit weitoffenen Augen sprachlos an.

»– Deshalb trösten Sie sich, Pipin. Elmenreich will sich nur Luft machen, will nur seine Gedanken los werden. Wenn er sie ausspricht, wird er sie los. Es genügt ihm, sie ausgesprochen zu haben. Und so braucht er bloß einen Zuhörer; wer der Zuhörer ist, thut nichts zur Sache. Die Person des Zuhörers ist ihm gleichgültig –«

Pipin unterbrach mich. »Guter Gott, Siesind ja böse auf Elmenreich, gnädige Frau!« rief er außer sich. »Und ich, der ich davon geträumt hatte, in diesem Kreis auserlesener Geister die große, lebenslängliche Freundschaft zu finden! Die wunderbare Harmonie, die alle Gegensätze in Liebe und Freude verwandelt! Aber nicht wahr, das alles haben Sie nur gesagt, um mich zu trösten, um mich glauben zu machen, daß es mit Elmenreich nicht so gefährlich steht? Sie wollten mir in Ihrer Güte nur beweisen, daß an diesem Mißlingen nicht so viel gelegen ist? O dieser arme Elmenreich! Da geht er seit Jahren herum und sucht und sucht denjenigen, der ihm die rechte Antwort geben könnte. Aber niemand giebt sie ihm! Niemand! Und das sollte etwas Beruhigendes sein, daß er noch zwanzig, dreißig Jahre herumgehen wird mit seiner innerlichen Trostlosigkeit, und immer neuen Menschen sein Leiden klagen wird, und immer vergeblich –?«

*

Pipin ging so betrübt davon, daß er seine Schriften auf dem Tische vergaß. Er ließ sie liegen wie etwas, das seine Bedeutung verloren hat und nicht mehr wert ist, daß man die Hand danach ausstreckt. So sind sie in meinem Besitz verblieben.

* * *

Aus den Visionen des Meisters.Von dem alten Tempel.Und ich sahe und sieh, da war das Land von geschäftigen Händen voll und rings ein Gewimmel wie in einem Erdhaufen, den die Ameisen errichtet haben.Und ich sahe die Mauern des alten Tempels, die umfassen viele Morgen Landes. Aber seine Vorhöfe waren verwüstet und seine Säulen geborsten, daß sie das Dach nicht mehr konnten tragen.Und Schutt lag zu Haufen weit über das Land und bedeckte die fruchtbare Erde, daß die junge Saat nicht konnte aufgehen, und mußte ersticken unter den toten Steinen.Und viele sahe ich, die waren emsig am Werke und arbeiteten mit Spaten und Aexten und Hämmern und wollten einreißen die alten Mauern und abtragen den baufälligen Tempel.Unter den Streichen ihrer Aexte beben die Pfosten und die geborstenen Säulen wanken.Und sie achten nicht des Staubes, der den Himmel verfinstert, noch des Schuttes, der sich mehret und das fruchtbare Erdreich ersticket.Und wenn ein Ziegelstein vom Dache fällt, erhebt sich ein Geschrei der Freude unter denen, die da am Werke sind; und wenn ein Halmgrünen will auf dem Schutt, zu dem sprechen sie: Unkraut, und zertreten ihn mit dem Fuße.Und abermals sahe ich viele, die trugen herbei neue Bausteine und Mörtel, die Sprünge zu verkitten, so die Mauern zerreißen, und schnitten neues Holz, die morschen Balken zu stützen, und gruben in dem Schutt nach den verlorenen Kleinodien des Tempels.Und die zertrümmerten Gefäße suchten sie aus den Scherben zusammen, um sie wieder jegliches an seinen Ort zu stellen, wo sie geglänzt hatten in den Tagen der Väter.Und sie sprechen: Lasset uns den Tempel unserer Väter erhalten, denn in seinem Schatten ist gut sitzen und schlafen; er ist ein Bollwerk wider unsere Feinde und hält seine Zeit aus. Was nach uns kommt, das sorget uns nicht.Aber unter den vielen waren ihrer Etliche, die sammelten die Wasser des Himmels und begossen die Halme, so da sprießen wollten aus dem Schutt, und senkten Schößlinge ein, wo sie gutes Erdreich fanden.Und wollen nicht sitzen im Schatten des alten Tempels, noch stoßen das, was fallen wird zu seiner Zeit.Sondern wollen neue Wohnungen bauen an neuen Stätten und pflanzen lebendige Gärten in den Verwüstungen, und wollen Korn säen, aufdaß das Brot des Lebens nicht ausgehe, und kommende Geschlechter bereitet fänden den Boden und das Land bestellt.Wer achtet ihrer, die da unter den vielen arbeiten im Schweiße ihres Angesichts?Die, so da pflanzen, werden verhöhnet von denen, die müßig gehen, und die, so da weissagen, werden nicht gehöret in dem Getümmel.Aber es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen; da werden alle, die nicht säen wollen, sondern ausraufen, und alle, die da sitzen wollen im Schatten und die Hände in den Schoß legen, wie Stroh sein, und der künftige Tag wird sie anzünden und wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen.* * *Die große Kuh.Eine Vision zu Ehren der neuen Zeitung, erfunden und mitgeteilt von dem Propheten Elmenreich, der leider auch nicht gehört wird in dem Getümmel.Und ich sahe und sieh, ich sahe einen Sumpf, der dehnte sich aus von Aufgang bis Niedergang und hatte keine Grenze, so weit das Auge reichte.Und ein ungeheures Faß stand errichtet, daswar voll von einem schwarzen übelriechenden Saft, und goß unablässig in den Sumpf einen Strom, dessen Name heißt Tinte.Und abermals stand ein ungeheures Faß errichtet, das war voll von einem noch schwärzeren, noch übelriechenderen Saft und goß unablässig in den Sumpf einen Strom, dessen Name heißt Druckerschwärze.Mitten in dem Sumpf aber stand ein Tier, anzusehen gleich einer großen scheckigen Kuh, die hatte zwei Hörner und zwei lange Ohren und auf ihrem Bauche siebenhundert Euter.Und die Kuh stieß mit den Hörnern gegen Abend, gegen Mitternacht und gegen Mittag, und kein Mensch konnte vor ihr bestehen, noch vor ihr errettet werden, sondern sie that, was sie wollte.Und war sehr stark und hatte große, eiserne Zähne, fraß um sich und käuete wieder alles, was sie gefressen hatte, und das Uebrige zertrat sie mit den Füßen.Und um sie her unzählbar standen die goldenen Kälber, die sie zur Welt gebracht hatte; und es war ein großes Tanzen auf dem Sumpfe um alle die goldenen Kälber, die Kinder und Enkel der großen scheckigen Kuh.Schmettert, ihr Trompeten, dröhnet, ihr Pauken! Pauken und Trompeten verkündigen denRuhm der großen scheckigen Kuh, die mit Milch und Butter versorget alle, so ihr dienen.Und so einer verlanget, daß es ihm wohlergehe auf Erden, der tanze mit und preise die große scheckige Kuh. Ihrer ist die Macht und die Herrschaft, und alle Gewalt muß ihr dienen und gehorchen!Also ging der Lobgesang auf dem Sumpfe. Und ich trat näher herbei und siehe, da war das Tanzen kein festlicher Reigen und der Lobgesang kein Psalm.Denn die, so da tanzten um jegliches Kalb, hielten das ihrige für das alleinige und rechte, und befehdeten grimmiglich alle, so da um ein anderes tanzten.Sie hoben den Schlamm auf aus dem Sumpfe und bewarfen die Tänzer nebenan mit dem Schlamme, hinüber, herüber, daß die Luft davon verfinstert ward.Und ein großes Geräusch erscholl, das war wie das Kratzen von zehntausendmal zehntausend Federn, die über zehntausendmal zehntausend Bogen Papier fahren.Und das Geräusch nahm zu und ward gleich dem Heulen des Sturmwindes, und die schwarzen Ströme schwollen an gleich dem Meere, über das der Sturmwind einherfährt.Und aus dem Sumpf wirbelten schmutzigweiße Wolken auf, die ballten sich übereinander gleich Ungewittern und bedeckten den Erdkreis mit Finsternis.Und ein ungeheurer Staub ging daraus hervor, und aller Sand, der von dort kommt, wo es kahl und flach ist auf Erden, ward heruntergestreut in die Augen und Ohren derer, die da Augen haben, zu sehen und Ohren, zu hören.Und ich fürchtete mich sehr und fiel auf mein Angesicht und schrie: Erbarme dich, Herr! Eine neue Sündflut will hereinbrechen und ersticken alles Lebendige in einem Element voll Gräuels und Unsauberkeit, das tückischer ist denn Wasser und gefräßiger denn Feuer.Da hörte ich eine Stimme durch den Himmel schallen, die war wie ein großes Gelächter.Und die Stimme des großen Gelächters rief: Mache die Augen auf, du Menschenkind, und fürchte dich nicht! Denn siehe, es ist alles nur Papier, eitel Papier!

Aus den Visionen des Meisters.Von dem alten Tempel.

Und ich sahe und sieh, da war das Land von geschäftigen Händen voll und rings ein Gewimmel wie in einem Erdhaufen, den die Ameisen errichtet haben.

Und ich sahe die Mauern des alten Tempels, die umfassen viele Morgen Landes. Aber seine Vorhöfe waren verwüstet und seine Säulen geborsten, daß sie das Dach nicht mehr konnten tragen.

Und Schutt lag zu Haufen weit über das Land und bedeckte die fruchtbare Erde, daß die junge Saat nicht konnte aufgehen, und mußte ersticken unter den toten Steinen.

Und viele sahe ich, die waren emsig am Werke und arbeiteten mit Spaten und Aexten und Hämmern und wollten einreißen die alten Mauern und abtragen den baufälligen Tempel.

Unter den Streichen ihrer Aexte beben die Pfosten und die geborstenen Säulen wanken.

Und sie achten nicht des Staubes, der den Himmel verfinstert, noch des Schuttes, der sich mehret und das fruchtbare Erdreich ersticket.

Und wenn ein Ziegelstein vom Dache fällt, erhebt sich ein Geschrei der Freude unter denen, die da am Werke sind; und wenn ein Halmgrünen will auf dem Schutt, zu dem sprechen sie: Unkraut, und zertreten ihn mit dem Fuße.

Und abermals sahe ich viele, die trugen herbei neue Bausteine und Mörtel, die Sprünge zu verkitten, so die Mauern zerreißen, und schnitten neues Holz, die morschen Balken zu stützen, und gruben in dem Schutt nach den verlorenen Kleinodien des Tempels.

Und die zertrümmerten Gefäße suchten sie aus den Scherben zusammen, um sie wieder jegliches an seinen Ort zu stellen, wo sie geglänzt hatten in den Tagen der Väter.

Und sie sprechen: Lasset uns den Tempel unserer Väter erhalten, denn in seinem Schatten ist gut sitzen und schlafen; er ist ein Bollwerk wider unsere Feinde und hält seine Zeit aus. Was nach uns kommt, das sorget uns nicht.

Aber unter den vielen waren ihrer Etliche, die sammelten die Wasser des Himmels und begossen die Halme, so da sprießen wollten aus dem Schutt, und senkten Schößlinge ein, wo sie gutes Erdreich fanden.

Und wollen nicht sitzen im Schatten des alten Tempels, noch stoßen das, was fallen wird zu seiner Zeit.

Sondern wollen neue Wohnungen bauen an neuen Stätten und pflanzen lebendige Gärten in den Verwüstungen, und wollen Korn säen, aufdaß das Brot des Lebens nicht ausgehe, und kommende Geschlechter bereitet fänden den Boden und das Land bestellt.

Wer achtet ihrer, die da unter den vielen arbeiten im Schweiße ihres Angesichts?

Die, so da pflanzen, werden verhöhnet von denen, die müßig gehen, und die, so da weissagen, werden nicht gehöret in dem Getümmel.

Aber es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen; da werden alle, die nicht säen wollen, sondern ausraufen, und alle, die da sitzen wollen im Schatten und die Hände in den Schoß legen, wie Stroh sein, und der künftige Tag wird sie anzünden und wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen.

* * *

Die große Kuh.

Eine Vision zu Ehren der neuen Zeitung, erfunden und mitgeteilt von dem Propheten Elmenreich, der leider auch nicht gehört wird in dem Getümmel.

Und ich sahe und sieh, ich sahe einen Sumpf, der dehnte sich aus von Aufgang bis Niedergang und hatte keine Grenze, so weit das Auge reichte.

Und ein ungeheures Faß stand errichtet, daswar voll von einem schwarzen übelriechenden Saft, und goß unablässig in den Sumpf einen Strom, dessen Name heißt Tinte.

Und abermals stand ein ungeheures Faß errichtet, das war voll von einem noch schwärzeren, noch übelriechenderen Saft und goß unablässig in den Sumpf einen Strom, dessen Name heißt Druckerschwärze.

Mitten in dem Sumpf aber stand ein Tier, anzusehen gleich einer großen scheckigen Kuh, die hatte zwei Hörner und zwei lange Ohren und auf ihrem Bauche siebenhundert Euter.

Und die Kuh stieß mit den Hörnern gegen Abend, gegen Mitternacht und gegen Mittag, und kein Mensch konnte vor ihr bestehen, noch vor ihr errettet werden, sondern sie that, was sie wollte.

Und war sehr stark und hatte große, eiserne Zähne, fraß um sich und käuete wieder alles, was sie gefressen hatte, und das Uebrige zertrat sie mit den Füßen.

Und um sie her unzählbar standen die goldenen Kälber, die sie zur Welt gebracht hatte; und es war ein großes Tanzen auf dem Sumpfe um alle die goldenen Kälber, die Kinder und Enkel der großen scheckigen Kuh.

Schmettert, ihr Trompeten, dröhnet, ihr Pauken! Pauken und Trompeten verkündigen denRuhm der großen scheckigen Kuh, die mit Milch und Butter versorget alle, so ihr dienen.

Und so einer verlanget, daß es ihm wohlergehe auf Erden, der tanze mit und preise die große scheckige Kuh. Ihrer ist die Macht und die Herrschaft, und alle Gewalt muß ihr dienen und gehorchen!

Also ging der Lobgesang auf dem Sumpfe. Und ich trat näher herbei und siehe, da war das Tanzen kein festlicher Reigen und der Lobgesang kein Psalm.

Denn die, so da tanzten um jegliches Kalb, hielten das ihrige für das alleinige und rechte, und befehdeten grimmiglich alle, so da um ein anderes tanzten.

Sie hoben den Schlamm auf aus dem Sumpfe und bewarfen die Tänzer nebenan mit dem Schlamme, hinüber, herüber, daß die Luft davon verfinstert ward.

Und ein großes Geräusch erscholl, das war wie das Kratzen von zehntausendmal zehntausend Federn, die über zehntausendmal zehntausend Bogen Papier fahren.

Und das Geräusch nahm zu und ward gleich dem Heulen des Sturmwindes, und die schwarzen Ströme schwollen an gleich dem Meere, über das der Sturmwind einherfährt.

Und aus dem Sumpf wirbelten schmutzigweiße Wolken auf, die ballten sich übereinander gleich Ungewittern und bedeckten den Erdkreis mit Finsternis.

Und ein ungeheurer Staub ging daraus hervor, und aller Sand, der von dort kommt, wo es kahl und flach ist auf Erden, ward heruntergestreut in die Augen und Ohren derer, die da Augen haben, zu sehen und Ohren, zu hören.

Und ich fürchtete mich sehr und fiel auf mein Angesicht und schrie: Erbarme dich, Herr! Eine neue Sündflut will hereinbrechen und ersticken alles Lebendige in einem Element voll Gräuels und Unsauberkeit, das tückischer ist denn Wasser und gefräßiger denn Feuer.

Da hörte ich eine Stimme durch den Himmel schallen, die war wie ein großes Gelächter.

Und die Stimme des großen Gelächters rief: Mache die Augen auf, du Menschenkind, und fürchte dich nicht! Denn siehe, es ist alles nur Papier, eitel Papier!

Als Elmenreich sich anschickte zu gehen, erhob sich auch der Graf.

Er hat die ganze Zeit bei Tisch noch aufmerksamer als sonst jede Bewegung Elmenreichs belauert.In seinem blassen Gesicht, in dem die feingeschnittenen Nasenflügel so nervös über dem kleinen, eigensinnigen Mund beben, zuckt es von verhaltener Leidenschaft.

Aber Elmenreich übersieht ihn geflissentlich wie immer. Er unterhält sich mit Pipin in der besten Laune von der Welt und voll Wohlwollen, ganz menschlich sogar, fragt ihn, wie lange sein Vater schon tot sei, ob er noch einen Vormund habe, wo seine Mutter und Schwester den Sommer verbrächten – lauter Dinge, um die er sich sonst nicht im Entferntesten kümmert. Es scheint fast, daß er ihm ein ganz persönliches Zeichen seiner Gewogenheit geben will, nachdem er seinen »geistigen Ehrgeiz« schnöde abgeführt hat.

Entschlossen stellte sich der Graf ihm in den Weg. Er machte unverkennbar eine ungeheure Willensanstrengung; die Worte sprangen stoßweise über seine Lippen. »Ich habe eine Antwort zu geben – wird es mir gestattet, eine Strecke zu begleiten –?«

Elmenreich blieb stehen und trat einen Schritt zurück.

Sehr höflich:

»Eine Antwort? Ich bin mir nicht bewußt, eine Frage gestellt zu haben.«

»Ich möchte – ich möchte dennoch – ich habe nur einige Worte –«

»Dann bitte – vielleicht wollen Sie wieder Platz nehmen?«

»Ich möchte – mit Ihnen – ist es mir nicht gestattet, unter vier Augen zu sprechen?«

Elmenreich maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen: »Zu welchem Zweck?«

»Ich möchte – eine Antwort geben.«

»Zu welchem Zweck?«

»Sie gestatten also nicht, daß ich Sie begleite?«

»Ich bedaure, Herr Graf – aber Sie wissen, ich bin der Meinung, daß es das Beste ist, wenn jeder von uns seinen Weg allein geht –«

Er lüftete höflich den Hut und wandte sich zum Gehen.

Aber noch einmal trat ihm der Graf entgegen.

»Ich habe gebeten – ich bitte noch einmal!« Elmenreich knöpfte sich mit einer ungestümen Bewegung seinen Rock zu. Der höfliche Ton schien ihn Ueberwindung zu kosten, als er sagte:

»Und ich habe mir erlaubt, anzudeuten, daß ich jede Unterredung zwischen uns für aussichtslos halte. Es fehlt jedes Mittel der Verständigung zwischen uns. Ich bedaure, aber ich kann daran nichts ändern.«

»Tonuelo, Sie müssen mich anhören, Sie müssen! Ich habe mich ferngehalten nach IhremWunsche, ich habe gewartet mit übermenschlicher Geduld, ich habe nur stumm um Gnade gebettelt, und Sie haben mich nicht verstehen wollen –«

»Genug! Ersparen Sie sich doch die Wiederholung dieser ebenso peinlichen als unnützen Auseinandersetzungen.«

Er ging mit entschlossenen Schritten rasch dem Ausgang zu und verschwand.

Wortlos starrt ihm der Graf nach. Pipin stürzt voll Teilnahme zu ihm hin.

Mit einer heftigen, blinden Geberde schüttelt ihn der Graf ab. Seine Lippen bewegen sich in einem unhörbaren Murmeln, und wie ein Nachtwandler, den Blick starr in die Richtung gewendet, in welcher Elmenreich verschwand, geht er ihm langsam nach.

Pipin giebt sich einer rebellischen Anwandlung gegen Elmenreich hin.

»Nein, das geht zu weit! Das ist nicht recht! Wirklich, ich begreife ihn nicht –«

Dr. Kranich hatte mit beifälligem Interesse dem Auftritt zwischen Elmenreich und dem Grafen zugesehen. Pipins Bemerkung reizt ihn, wie alle Bemerkungen Pipins. Er antwortet mit funkelnden Augen, indes um seine Lippen das gewohnte Lächeln spielt.

»Natürlich begreifen Sie ihn nicht, Pipin!Ich hoffe doch, Sie vermessen sich nicht, Elmenreich begreifen zu wollen? Oder gar seine Handlungen zu kritisieren? Ein Mensch, der so turmhoch über Ihnen steht, daß Sie ein Fernrohr brauchen, nur um seine große Zehe zu betrachten –«

Dr. Kranichs Lächeln verleitet Pipin, gleichfalls zu lächeln.

»Für Sie ist er ein für allemal dasau-delà, in das Sie nicht hineinsehen können, weil Ihnen das Organ dafür fehlt –«

Und indem Dr. Kranich fortfährt, Pipin abzukanzeln, gelangt er dahin, ein glänzendes Bild Elmenreichs zu entwerfen – vielleicht weniger, um Elmenreich zu verherrlichen, als um Pipin zu demütigen. Nach diesem Bilde wird aus Elmenreich ein »Charakter«. Charakter auf niedrigen Stufen der Intelligenz ist, nach Dr. Kranich, weder etwas Seltenes, noch etwas Besonderes; bornierte Menschen sind sogar gewöhnlich charaktervoll, weil sie Scheuleder vor ihrem Intellekt haben, die sie verhindern, rechts oder links zu schauen. Aber Charakter auf hohen Stufen der Intelligenz – das ist das ganz Seltene, das ganz Große. Denn der erleuchtete Mensch muß in jedem Augenblick der Entscheidung den ganzen Reichtum der Motive, die er nach allen ihren Möglichkeiten überblickt, beherrschenund eine Wahl aus überlegener Einsicht treffen. Und als Mensch der überlegenen Einsicht habe sich Elmenreich gezeigt, indem er mit herrlicher Unbeugsamkeit die Annäherung eines Menschen ablehnte, der durch alle seine verkehrten Veranstaltungen bewiesen hat, daß er gänzlich unfähig ist, auf die Bedürfnisse eines anders gearteten Geistes einzugehen.

Pipin macht einen tapferen Versuch, sich zur Verteidigung des Grafen mit Dr. Kranich in eine Auseinandersetzung einzulassen. »Wie? Darf man einen Menschen, der bittet, der sich demütigt, so hart von sich stoßen –?«

Aber Dr. Kranich wirft ihn gleich nieder.

»Ein Mensch, der sich demütigt, ist das Verächtlichste, was es giebt. Er verdient vollkommen den Fußtritt, den er bekommt ... Uebrigens diskutiere ich darüber nicht mit Ihnen. Ich, Pipin – wenn ich einen Adler auf einen Hasen herabstürzen sehe, so werde ich mich über die königliche Pracht des Adlers freuen; Sie aber werden mit dem jämmerlichen Hasen um Hilfe schreien und den Adler niederschießen, wenn Sie können –«

*

Mittlerweile war der Brunnhofer-Seppl hereingekommen und fragte um den Grafen. Vordem Hotel warte der »gspaßige Fremde« auf ihn, der droben bei der Tressenbäuerin einlogiert sei, und habe dringend mit ihm zu sprechen; es sei »drobmat was passiert«.

Dr. Kranich fragte, was denn passiert sei. Da der Brunnhofer Seppl nicht gleich mit der Sprache herauswollte, schenkte ihm Dr. Kranich ein Glas Wein ein und sagte mit seinem malitiösen Lächeln:

»Ich bin mit dem Grafen so vertraut wie du, Seppl; vor mir brauchst du keine Geheimnisse zu bewahren. Sonst, wenn ich einmal schief gewickelt bin –« er drohte ihm mit dem Finger.

Der Brunnhofer Seppl lachte verlegen und machte Dr. Kranich das Kompliment, daß er »allerweil fidel« sei. Aber er sträubte sich hartnäckig, etwas zu verraten.

»I därf nöt, der Herr Graf hat's verboten« –

»Nun gut, Seppl, da du mir nichts erzählen willst, werde ich dir was erzählen. Vor ein paar Tagen bin ich beim Herrn Pfarrer gewesen; der hat mich gefragt, ob ich denn nicht mit dem Grafen von früher her bekannt bin, und was für ein Herr dieser Graf denn wäre. Denn sein Umgang mit dir, Seppl, gefalle ihm gar nicht, sagte der Herr Pfarrer – und wer Jahr aus Jahr ein so viele Sünden gebeichtet bekommt, derkennt sich aus, Seppl –. Ich habe dir und dem Grafen natürlich das beste Leumundszeugnis ausgestellt; aber wenn du dich so wenig nett gegen mich benimmst –! Also, was ist auf dem Tressenstein passiert, Seppl?«

Daraufhin gab der Brunnhofer Seppl schleunig seinen Widerstand auf und vertraute uns an, daß es die Bäuerin sei, um die es sich handle. Der gspaßige Fremde kenne sich nicht mehr aus und wolle den Grafen fragen, was denn mit der Bäuerin jetzt geschehen soll.

»Ja, was ist denn der Bäuerin passiert, Seppl?«

Mit angehaltenem Atem antwortete der Brunnhofer-Seppl:

»A Wunder!«

Dr. Kranich setzte sogleich eine ernste Miene auf. »A la bonne heure!Das läßt sich hören! Das freut mich! Das ist einmal ein Erfolg!«

Und diese ernste Miene behielt er, während er seinem Opfer alles entlockte, was er wissen wollte. Schon gestern, als der Brunnhofer Seppl den Grafen hinauf begleitete, habe er davon reden gehört, daß mit der Bäuerin was Besonderes vorgehe. Sie sei den ganzen Tag nicht klar wach geworden, habe der Fremde dem Grafen erzählt – der Brunnhofer-Seppl dachte einen Augenblick angestrengt nach: »er hat ihmgsagt, sie is immerfort sommerbühl«, sagte er geheimnisvoll; und mit noch leiserer Stimme setzte er hinzu: »sie hat gestern in ganzen Tag mit'n Erzengel Gabriel gredt. Der is ihr erschienen, sie hat'n genau beschrieben, wie er ausschaugt. No und heunt –«

Der Brunnhofer Seppl verstummte wieder, als könne er von diesen Dingen unmöglich vor Uneingeweihten mehr mitteilen. Er suchte sich vor Dr. Kranichs Fragen mit einem scheuen: »mehr woaß i selber nöt«, zu salvieren; Dr. Kranich hatte ihn aber mittelst einer versteckten Drohung ganz in der Gewalt: »Red', Seppl, sonst – red' ich –« und so wand sich der arme Seppl in den Klauen des schwarzen Panthers hilflos wie ein Kalb. Wenn der Graf erfahren möcht', daß er so viel ausplauschen thät –! Und der Herr Dr. Kranich sollt' do an Einsegn haben mit arme Leut'; das Leben is gar hart im Winter, und wer nöt dazuschaugt im Sommer, daß er si a bißl was zrucklegt –

Nach dieser kleinen, auf Dr. Kranichs »Einseg'n« zielenden Abschweifung fuhr er zu erzählen fort. Vormittags habe ihn der Graf, der »die ganze Zeit auf'n Dr. Elmenreich paßt hat«, mit einer Post an den Fremden hinaufgeschickt; und da sei es der Bäuerin eben sehr schlecht gegangen.

Es verhielt sich nämlich so:

Die hohe Gnade, die der Tressenbäuerin widerfahren war, hatte den Neid des Teufels herausgefordert, wie das bei allen außerordentlichen Gnadengeschenken des Himmels der Fall ist. Und kaum war der Erzengel Gabriel von ihr weggegangen, so fiel der Teufel über sie her, verdrehte ihr alle Glieder, riß sie beim Kopf, und warf sie so heftig im Bett herum, daß der Brunnhofer-Seppl dem Meister beistehen mußte, sie zu halten. Aber schließlich mußte der Teufel doch wieder abziehen, weil die göttliche Kraft den Sieg über ihn davon trug. Das alles erklärte die Bäuerin selbst, als der Kampf mit dem Teufel überstanden war. Der Meister wollte sie bewegen, etwas Suppe zu sich zu nehmen, denn sie hatte schon seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen; aber sie weigerte sich und sagte, wer von dem himmlischen Brode zu essen bekomme, der brauche keine irdische Nahrung mehr. Dabei war ihr Gesicht so verklärt wie das einer Heiligen. Dann schickte sie alle aus dem Zimmer; es sei ihr angekündigt, sie werde die allerheiligste Jungfrau Maria von Angesicht zu Angesicht sehen und von ihr mit wunderthätigen Gaben gegen den Teufel und seine bösen Werke in der Welt begnadet werden –

Nachdem der Brunnhofer Seppl die Furcht,daß er zu viel »ausplauschen« könnte, einmal überwunden hatte, legte er sich keine Zurückhaltung mehr auf. Er erzählte mit jener atemlosen Gehobenheit, welche die Ueberbringer einer sensationellen Nachricht zu empfinden pflegen; und als er den Lauf der Begebenheiten erschöpft hatte, begann er ungesäumt von vorne. Er schien den Meister, der vor dem Hotel wartete, völlig vergessen zu haben.

Pipin aber war gleich nach den ersten Andeutungen Seppls zu ihm hinausgeeilt; jetzt brachte er ihn mit sich herein.

Der Meister sah sehr niedergeschlagen aus; er setzte sich gedrückt an den Tisch und blickte mit seinen zerstreuten Augen ratlos im Kreise herum.

Dr. Kranich gratulierte ihm zu seinem »schönen Erfolge«, ganz ernst, ohne die leiseste ironische Nuance. Dennoch nahm der Meister den Glückwunsch nicht an.

»Die Sache ist sehr fatal«, sagte er, zu Pipin gewendet. »Ich begreife nicht, wie das geschehen konnte – ich habe keine Gewalt mehr über die Frau – und dazu diese Ideen, die da plötzlich auftreten, ich weiß nicht, woher –«

Er sah sich nervös nach allen Seiten um. Wo denn der Graf bleibe? Man könne die Sache unmöglich länger anstehen lassen; er möchte um keinen Preis noch einen solchen Tag mitmachen,wie den heutigen. Es müsse etwas geschehen – der Graf müsse eine Entscheidung treffen. Denn der Graf habe von allem Anfang an die Verantwortung übernommen. Er selber sei immer nur ungern mit dieser Frau in Kontakt getreten. Man sollte sich nicht mit Medien abgeben, die auf einer anderen Bildungsstufe stehen; da stoße man auf zu viele unbekannte Mächte, die sich der Leitung widersetzen.

Pipin wagte eine Anfrage, ob man wohl daran denken dürfte, einen Arzt zu konsultieren. Diesen Gedanken griff der Meister bereitwillig auf. Es werde hier wohl einen Kurarzt geben? Den könnte man vielleicht dazu bewegen, daß er mit hinaufkäme? Ob Pipin nicht die Freundlichkeit haben wolle, das gleich zu veranlassen?

Aber Dr. Kranich ereiferte sich. Was? Einen Arzt? Unsinn! In solchen Zuständen kenne sich kein Arzt aus, das wisse man doch. Ein Arzt würde höchstens sagen, daß da in unverantwortlicher Weise mit einem labilen Nervensystem herumexperimentiert worden sei, und wohl gar, um seine eigene Hilflosigkeit zu bemänteln, eine Anzeige erstatten. Nein, nur keinen Arzt! Jetzt müsse man den Dingen schon ihren Lauf lassen; jede fremde Hand würde die Sache verpfuschen. Der ganze Fehler sei, daß der Meistercontre-coeurund unter dem Einfluß einesfremden Willens operiert habe – unter solchen Umständen ließe sich natürlich die Einmischung anderer Mächte nicht verhüten –

Der Meister hörte ihm mit ängstlicher Spannung zu. Namentlich die Möglichkeit einer Anzeige schien ihm großes Unbehagen zu verursachen. Aufgeregt sagte er:

»Also dann – also dann muß der Graf entscheiden, was hier zu geschehen hat. Wo in aller Welt bleibt er denn? Seppl, schaffen Sie doch den Grafen herbei. Oder Sie, Pipin – weiß denn niemand, wo der Graf ist?«

Schließlich ging er mit Pipin und Seppl fort, um auf die Gefahr hin, von Elmenreich insultiert zu werden, den Grafen bei ihm zu suchen.

Dr. Kranich lehnte sich in seinen Sessel zurück und blies aus seiner Cigarette die denkbar vollkommensten Ringe in die stille Luft. Er machte einen Versuch, seinen Ernst zu bewahren; dann übermannte ihn doch sein mutwilliges Lächeln.

»Jetzt sitzen die beiden Revivalists mit ihrem Dilettantismus in der Tinte! Wollen sehen, wie sie sich aus dieser Affaire ziehen werden!«

* * *

(Aus einem Briefe.)

12. September 1893.

... Dr. Kranichs Neugierde ist bald befriedigt worden. Die Revivalists haben es vorgezogen, allen etwaigen Verwickelungen ihrer Angelegenheit durch ärztliche oder geistliche Einmischung aus dem Wege zu gehen, und sind abgereist. Ganz in aller Stille, ohne Abschied, selbst ohne einzupacken. Für den Meister wäre das Einpacken freilich eine überflüssige Ceremonie gewesen; denn er besitzt – wenn Pipin recht unterrichtet ist – außer dem, was er auf dem Leibe trägt, nur ein Hemd und zwei Taschentücher. Diese Habe steckte er zwischen Deckel und Vorsatzpapier seines großen Folianten und schützte sie mit Bindfaden vor dem Herausfallen.

Schwieriger war die Frage des Einpackens für den Grafen. Er hinterließ sie unter zahlreichen anderen Vermächtnissen Pipin. Und Pipin packte einen halben Tag lang im Schweiße seines Angesichtes an allen diesen Anzügen aus weißem Flanell, aus gelber Rohseide, aus silbergrauem Kammgarn, an Schärpen und Krawatten, an weißen und bunten Seidenhemden, an gestickten Unterhosen und karrierten Strümpfen, an silbernen Bürsten und elfenbeinernen Kämmen, an Parfümflacons und Manicüre-Utensilien, an Schachteln, Dosen und Etuis ohne Zahl. Erkonnte sich diese raffinierten Anstalten zur Pflege des irdischen Leichnams nicht ganz mit der Leidenschaft des Grafen für die »Wissenschaft des Uebersinnlichen« zusammenreimen und fand, daß die Tressenbäuerin im Grunde konsequenter sei, die keine Speise mehr anrühren will, seit sie sich mit dem Göttlichen in Verbindung glaubt.

Die Tressenbäuerin ist auch ein Vermächtnis des Grafen an Pipin. Er hat ihm strenge aufgetragen, dafür zu sorgen, daß sie nicht etwa in ihrem Wahn Hungers stirbt und auf diese Weise zu lästigen behördlichen Rekriminationen Anlaß giebt. Genau genommen, sei ja doch Pipin an diesem Zwischenfall schuld, da er es war, der den Meister dort oben bei dieser unzurechnungsfähigen Person einquartierte – eine unpraktische Idee schon deshalb, weil ihm, dem Grafen, dadurch die Unannehmlichkeit aufgebürdet war, eine Stunde bergan zu laufen, so oft er mit dem Meister zusammenkommen wollte.

Pipin geht getreulich jeden Tag hinauf, setzt sich an das Bett der Bäuerin und trachtet, ihr einen Löffel Suppe einzureden. Bisweilen hält sie ihn für eine der himmlischen Personen, mit denen sie verkehrt; dann thut sie gutwillig, was er anordnet. Zu anderen Zeiten liegt sie teilnahmlos, starr und stumm; dann nützt weder Güte noch Gewalt. Einen Arzt zu rufen, hat derGraf ausdrücklich verboten; das Ganze werde in wenigen Tagen ohnedies von selbst vorübergehen, wenn sie sich körperlich wieder ein wenig gekräftigt hätte. Pipin möge nicht etwa glauben, daß er dieses Zwischenfalles wegen so rasch abreise. Er bedaure im Gegenteil, daß er gerade jetzt gezwungen sei, zu scheiden – aber er könne unmöglich Elmenreichs Auftreten gegen ihn länger ertragen. Und er hinterließ eine ganze lange Auseinandersetzung für Elmenreich als drittes Vermächtnis an Pipin. Pipin sollte Elmenreich sagen – nun, Pipin hatte sich alle die leidenschaftlichen Vorwürfe, Klagen, Bitten und Versprechungen nicht gemerkt, nur den Auftrag, ihm zu erklären, daß der Graf im Begriffe sei, ein neues Werk in Angriff zu nehmen. Die Zeitung sei eine Verirrung gewesen, Elmenreich habe vollständig recht gehabt; aber jetzt sollte es etwas viel Wirksameres, viel Umfassenderes, viel Großartigeres werden, etwas Ungeheures und Niedagewesenes. Näheres darüber könne er noch nicht mitteilen; aber der Tag sei nicht ferne, an dem Elmenreichs Sinn sich wenden und er seine Ungerechtigkeit tief bedauern werde.

Dieses letzte Vermächtnis scheint Pipin nicht gerne übernommen zu haben. Im übrigen bleibt er dem Grafen unwandelbar ergeben; er hat ihm den Schafskopf vollkommen verziehen und istnach wie vor bereit, an alle wunderbaren Dinge zu glauben, die dem Neophyten versprochen sind ...

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(Aus einem Briefe.)

19. September 1893.

... Für Pipins Herzensangelegenheit war die Abreise des Grafen von ausschlaggebender Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen dieser Abreise und der endgültigen Entscheidung Eugeniens sollte ihm nicht verborgen bleiben: Die Stiefmutter nahm nunmehr die Verlobungsfrage in die Hand und machte mit der ihr eigenen Resolutheit reinen Tisch.

Pipin ist eben von mir weggegangen, beseligt durch die Gewißheit, daß er der Erkorene ist, und doch zugleich betreten über die Umstände, unter denen er es ward.

Ganz unumwunden hat ihn die Stiefmutter aufgefordert, doch endlich »Ernst zu machen«. Worauf er denn warte? Er sei in ihrem Hause täglich aus- und ein gegangen, man habe ihm Vertrauen geschenkt, ihn für einen Ehrenmann gehalten, die ganze Welt spreche schon davon – er könne Eugenie unmöglich kompromittiert haben, wenn er nicht daran denke, Ernst zu machen –.

Pipin war ja mit Freuden bereit, Ernst zu machen; aber niemals würde er Fräulein Eugenie überreden, würde sie irgendwie zu einem Entschlusse drängen –

Wie? Was? Drängen? Sollte Eugenie noch immer nicht zur Raison gekommen sein? Was sie denn eigentlich denke? Ob sie wohl glaube, daß ihr Vater wieder das Opfer dieses kostspieligen Landaufenthaltes umsonst gebracht habe?

Und hierauf eine unverblümte Darstellung der Verhältnisse:

Dr. Kranich, ein Mensch ohne reelle Absichten, dem man nicht fünf Schritt über den Weg trauen könne, Elmenreich, ein alter Junggeselle mit grundsätzlicher Abneigung gegen das Heiraten, der Graf, ein Sonderling, der aus Angst Reißaus nimmt, wenn ihm eine Dame in die Nähe kommt – was gebe es da noch zu schwanken und zu überlegen? Da sei die Wahl doch einfach genug!

Armer Pipin! Das war die Art, auf welche er den »Rekord über alle anwesenden höheren Menschen« erzielt hat ...

* * *

»Guter Gott« – erzählte Pipin weiter – »Sie werden mich doch nicht mit solchen Argumenten dem Fräulein aufnötigen?«

»Aufnötigen?« antwortete sie ungehalten. »Wer spricht denn von aufnötigen? Die bloße Vernunft genügt da, sollte man denken. Wenn ein Mädchen jung und schön ist, und sonst nichts, muß sie ihre Zeit benützen. Eugenie ist fünfundzwanzig Jahre alt; glaubt sie vielleicht, daß sie ewig jung und schön bleibt? Aber es ist ihr ja keiner gut genug; sie will ja immer oben hinaus, sie hat ja lauter romantische Ideen im Kopf, oder was weiß ich – und eines schönen Tages wird sie verblüht sein und niemand wird mehr etwas von ihr wissen wollen –« Zum Schluß erklärte sie, sie werde ihr jetzt einmal selbst den Kopf zurecht setzen.

»Und nur nach vielem Bitten«, fuhr Pipin bewegt fort, »gelang es mir, sie dahin zu bringen, daß sie das mir überließ – nicht das Kopfzurechtsetzen, sondern eine entscheidende Unterredung mit Eugenie.«

Und dann hatte Pipin die entscheidende Unterredung.

Er fand Eugenie in tiefer Verstimmung, nicht geneigt, ihm ihr Herz zu eröffnen. Auf seine Frage, ob sie ihm nicht anvertrauen könne, was sie so sehr bedrücke, schüttelte sie nur stumm den Kopf. Er beteuerte, daß er bereit zu allem sei, was sie von ihm fordern möge; aber auch das brachte nicht den geringsten Eindruck auf sie hervor;»denn«, sagte Pipin entschuldigend, »das habe ich ihr schon allzuoft wiederholt, ohne doch einen Finger für sie zu rühren. Solche Beteuerungen sind auch etwas Abgeschmacktes. Aber wenn ich nur einen Weg zu ihrer Seele fände! Ein Wort, mit dem ich ihr eine Freude machen könnte! Endlich sagte ich, um mit etwas Positivem anzufangen: »ich habe eben mit Ihrer Frau Mama gesprochen, Fräulein Eugenie.« Das war natürlich nicht das Wort, das ihr Freude machen konnte. Sie antwortete in ihrer Verstimmung: »Nun, dann ist ja alles in Ordnung. Dann haben Sie ohnedies alles erfahren, was Sie wünschen!«

Was er wünsche? Niemals habe er gewünscht, daß ein Zwang auf sie ausgeübt werde, niemals würde er das zugeben! Wenn sie befehle, so verschwinde er für immer aus ihrem Gesichtskreise –

Sie lachte bitter auf. Ja wenn mit diesem Verschwinden etwas gethan wäre! Sie zu vergessen, das wäre für ihn einfach genug; doch sie selbst, wie würde sie weiterleben in diesem Hause, in dem sie von Jahr zu Jahr mehr als das Ueberflüssige, als ein lästiges Anhängsel behandelt werde! Wo sie dahinlebe wie jemand, der kein Recht auf sein Dasein hat, der bloß schandenhalber geduldet wird, weil man ihn nicht losbringt, weilman ihn nicht abschütteln kann, obwohl man ihn knebelt und mißhandelt und mit Füßen tritt –

Da fiel Pipin auf die Kniee und begrub sein Gesicht in den Falten ihres Kleides:

»Eugenie, ich schwöre es Ihnen – fordern Sie, was Sie wollen, ich werde es erfüllen. Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen und Sie sind frei – warum sprechen Sie das Wort nicht aus, das mir die Erlaubnis giebt, Sie zu befreien?«

»Sie sind ein guter Mensch, Pipin, aber Sie können mir nicht helfen, Sie können mir nicht helfen!«

Sie stand auf, irrte im Zimmer herum, rang die Hände. »Gott, Gott, warum hat man nicht mehr Gewalt über sich, warum kann man nicht das, was man möchte!« Sie betrachtete ihn traurig.

»Ich weiß, was Sie mir nicht sagen wollen, Fräulein Eugenie. Wie könnte es mir verborgen geblieben sein? Aber habe ich denn die Anmaßung gehabt, es zu verlangen? Glauben Sie mir doch, ich will nichts als Sie glücklich sehen. Ein Lächeln auf Ihrem Gesicht ist eine solche Freude für mich, eine solche himmlische Belohnung, daß mir um diesen Preis nichts zu schwer und nichts unmöglich erscheint ...«

Er unterbrach sich und sah mit feuchten Augen vor sich hin. »Ja, es war keine leere Beteuerung!Mir ist, als ob sie mein zweites, höheres Selbst wäre, für das dieses niedrige und gewöhnliche Selbst, das mein eigenes ist, sich ganz auslöschen sollte, sich ganz und ohne Rest hingeben sollte. Und ich bin ihr so dankbar, so dankbar, daß ich sie so liebe! Daß sie mir diese selige Empfindung geschenkt hat! Es ist etwas, das über alle Worte geht, etwas Unaussprechliches. Und ich konnte es ihr auch nicht sagen. Ich sagte bloß: »Ich will alles, was Sie wollen. Was Sie thun, ist mir recht. Denn ich bin glücklich, daß ich Sie so lieb haben kann!« Aber sie wurde nur immer trostloser: »Ich bin zum Unglück geboren«, seufzte sie, »ich werde Sie nicht glücklich machen, Pipin. Wenn ich Ihre Schwester wäre, könnten Sie mir vielleicht raten, mich vielleicht beschützen –«

»Dann lassen Sie mich Ihren Bruder sein, Eugenie!«

»Nein, o nein, das ist nicht möglich! Ich will mich mit Ihnen verheiraten, ich will Ihre Frau werden, ja, ich will es! Ich habe den festen Vorsatz, ich will es mit allem, was gut in mir ist – und Sie werden mir Zeit lassen, bis ich es mit – mit meinem ganzen Wesen kann, nicht wahr, Pipin? Ich gebe Ihnen mein Jawort, Pipin! Feierlich geb' ich Ihnen jetzt mein Jawort – erinnern Sie mich in jeder Stunde undin jeder Minute daran, lassen Sie mich an nichts anderes denken, zwingen Sie mich, halten Sie mich fest, Pipin!«

Sie warf sich wie aus einem plötzlichen Entschluß an meinen Hals. Ich fühlte, daß durch ihren Leib ein Zittern lief, ein Schauder fast –. Da wagte ich nicht, sie an mich zu ziehen; ich löste ihre Hände von meinem Halse und sagte: »Ja, Eugenie, ich will Ihnen Zeit lassen, ich verspreche es Ihnen.«

Sie aber wandte sich mit einem Ausdruck von mir ab, den ich nicht begriff, mit einem Ausdruck der Enttäuschung, kam mir vor. Gott, hatte ich sie denn mißverstanden? Erwartete sie, daß ich sie zu einem Kusse zwingen würde? Daß ich ihr etwas abnötigen würde, was sie nicht freiwillig und gerne gab?

Sie verabschiedete mich kühl, indem sie sagte: »Gehen Sie nun, und teilen Sie der Mama mit, daß wir uns verlobt haben.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

21. September 1893.

... Die Kunde von dem »Wunder« beginnt sich zu verbreiten. Sie steigt hinauf zu den einsamen Huben in den einsamen Hochthälern, wo die Menschen stundenweit von einander entferntwohnen, wo sie tagelang allein sind, bei der harten, unbarmherzigen, eintönigen Arbeit auf dem steinigen Acker, auf den abschüssigen Wiesen, im feuchtdunklen Wald. Und die Arbeit macht ihre Gesichter faltig und verschlossen, ihre Lippen dünn und schweigsam. Aber hinter ihrer schweigsamen Verschlossenheit verbirgt sich das, was sie aufrechthält von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jugend zu Alter, das, was sie nicht aussprechen, weil sie keine Worte dafür haben, was nur in seltsamen und unverständlichen Aeußerungen an die Oberfläche dringt. Ist es die Hoffnung auf das Wunderbare, das sich endlich einmal ereignen und die unerbittliche Eintönigkeit des Lebens zerbrechen muß wie eine steinerne Grabplatte, unter der sich der verborgene Mensch als ein Wiedererweckter und Auferstandener erheben wird?

Und so gehen sie in die Kirche, wo das Wunderbare aus festlichen Schnörkeln und Schnitzereien, aus vergoldeten Heiligen und Engeln mit eindringlicher Ueberredung zu ihren Herzen spricht; und so wallfahren sie zu den Gnadenorten, wo sich vor Zeiten das Wunderbare erfolgreich festgesetzt und sich durch die hartnäckige Gewalt des Gebetes noch immer zu ihnen herab bewegen läßt; und so horchen sie mit offenem Munde, wenn über ihre Berge die Kunde gewehtkommt, daß ein neues Zeichen geschehen ist. Du lieber Gott, und wenn es sich nun gar in ihrem Landl ereignet, auf dem Grund und Boden, zu dem sie gehören, der wie ein Stück von ihnen selbst ist! Da verfliegt ihr Mißtrauen, ihr Starrsinn, ihre hartköpfige Bauernlogik wie Reif in der Sonne: man kann wieder staunen und schaudern, der eiserne Ring des täglichen Lebens ist gesprengt, jetzt gilt es, den Augenblick zu benützen!

Täglich wächst die Zahl der Besucher.

Alle Krüppel, alle Siechen und Bresthaften, alle, die von Kummer, von Furcht, von irgend einer dunklen und unaussprechlichen Pein heimgesucht sind, für die es sonst nirgends Erleichterung giebt, ziehen herbei. Mühsam und stöhnend schleppen sie sich auf den Gebirgssteigen und Waldpfaden und weichen mit ängstlichen Augen zurück, wenn sie einmal beim Kreuzen eines Promenadeweges einem Fremden begegnen. Die ganze Gegend hat ihr verheimlichtes Elend ausgespien, das sich, solange die Fremden da sind, in den Winkeln der Viehställe, auf den Heuböden, in den Hinterstuben verstecken muß. Jetzt aber giebt es kein Halten mehr. Man führt sie heraus ans Licht, an die Wunderstätte; sie tragen ihre Kröpfe, ihre Eiterbeulen, ihre verkrümmten, ausgemergelten, schlottrigen Leiber an das Bett der Gebenedeiten, durch deren Mund die himmlischenMächte, die über Segen und Fluch, Heil und Unheil gebieten, ihren Willen kundthun.

Drinnen aber in der niedrigen Stube mit der schwarzen Holzdecke und den weißgetünchten Wänden, in die blaukarrierten Federpölster versunken, weiß und blutlos wie ein Leichnam, liegt die unbewegliche Gestalt. Die Läden sind geschlossen; das Tageslicht dringt nur als Dämmerung zwischen den Spalten herein. Auf einem irdenen Teller neben dem Kopfende des Bettes brennen beständig eine Anzahl kleinerer und größerer Wachskerzen und ersticken die Luft mit ihrem heißen Geruch. Das sind die Opfergaben der Besucher. Schon hat sich ein Ritual herausgebildet, ohne daß jemand wüßte, wie es entstanden ist. Dazu gehört außer der Darbietung der Wachskerze auch ein Trunk und eine Besprengung aus dem Brunnen neben dem Hause, dessen eiskaltes Wasser ununterbrochen in den Holztrog plätschert.

Dort sitzen sie herum und teilen sich im Flüsterton alle wunderbaren Heilungen mit, die sich schon ereignet haben. Keiner von ihnen weiß es aus dem eigenen Munde des Geheilten; aber je ferner er ist, je unauffindbarer, desto sicherer und zuversichtlicher ist ihr Glaube. Und indem sie ihre groben, rauhen Stimmen zu diesem ungewohnten Flüstern dämpfen, verleihensie dem Wunderbaren erst die rechte Stimmungsgewalt, etwas Feierliches und Unwiderstehliches. Einige verzehren dort ihr Mittagessen – zwei Stücke hartes Schwarzbrot mit einem brüchigen, trockenen, graugelben Landkäse dazwischen – langsam und andächtig, wie Menschen essen, die am eigenen Leibe erfahren haben, was für Plage und Schweiß an aller menschlichen Nahrung klebt. Andere verbinden daneben mit schmutzigen Lappen und Fetzen ihre gichtgeschwollenen Gelenke und wehen Füße, die Wunden, die ihnen das unbarmherzige Klima und der geizige Boden schlägt, der Hunger und der Frost.

Für den Fremden ist es nicht ratsam, sich dort einzudrängen. Dort sind sie nicht die ehrerbietigen, scheuen unterwürfigen Geschöpfe der Dienstbarkeit, die für ein Stück Geld ihre Haut verkaufen. Ihr Mißtrauen gegen den Stadtmenschen, der heimliche Haß gegen ihn, den zu verbergen und zu überwinden sie erst der Nutzen gelehrt hat, steigt dort wieder an die Oberfläche herauf. Sie verstummen, wenn man sich nähert; ihre Mienen nehmen einen finsteren und drohenden Ausdruck an – und es könnte leicht sein, daß ein skeptisches Lächeln oder ein geringschätziges Wort dem Frevler, an dem sie es bemerken, verhängnisvoll würde. Eine Art Instinkt scheint ihnen zu sagen, daß dieses Ereignis nicht vonfremden Augen betrachtet werden darf. Und sie sind eifersüchtig darauf; denn es ist eigens für sie vom Himmelvater veranstaltet worden; eine der Ihrigen ist es, die er berufen hat, und so gehört das Wunder ihnen ganz allein.

Neulich begegnete ich auf dem Promenadeweg einem alten Mann. Er humpelte mit unsäglicher Mühe dahin; sein rechtes Kniegelenk war in einem stumpfen Winkel gegen das linke eingebogen; ein Kropf, groß wie ein zweiter Kopf, machte ihm das Atmen fast unmöglich. Als er mich kommen sah, blieb er stehen und stammelte keuchend eine Entschuldigung, daß er sich hier auf dem Promenadeweg antreffen lasse; aber auf dem anderen Weg sei halt das Gehen »gar so viel hart«. Ich fragte ihn, wohin er denn gehe. Da sah er mich prüfend einen Augenblick an; dann deutete er hinauf in die Richtung des Tressensteines; sein verrunzeltes Gesicht, das wie aus Baumrinde geschnitzt war, erhellte sich mit einem Ausdruck unwiderstehlicher Zuversicht, und er sagte freudig: »O mei! Der Himmelvater hat halt do no nöt auf uns arme Leut vergessn!«

Pipin war beim Speisen ausgeblieben.

Später kam er mit Eugenie am Arm, zu seiner Linken den unvermeidlichen Blumenhut, an unseren Tisch.

»Wir stellen uns als Verlobte vor«, sagte Eugenie in einem scherzhaften Ton. »Gratulieren Sie uns, Dr. Elmenreich, gratulieren Sie uns, Dr. Kranich –«

Sie nahm die konventionellen Redensarten mit einem halben Lächeln an, während Pipin mit feierlicher und gerührter Miene dankte.

Dr. Kranich schüttelte ihm über den Tisch hinüber die Hand: –

»Ja, ja, wer das Glück hat, führt die Braut heim! Das hätt' ich mir nicht gedacht, Pipin, daß Sie auch alsladykillerso viel Erfolg haben werden, wie als Adept. Ich sehe, Sie sind einprotégédes Glücks, man muß sich auf guten Fuß mit Ihnen stellen.«

Und mit seinem herrlich lachenden Munde, der immer seine ernstesten Worte Lügen straft, sprach er eine Art Segen über das Brautpaar: »denn ich bin ein frommer Mensch, wie Sie wissen. Ich liebe die schönen, heiligen Ceremonien, wenn sie auch in einem Restaurationslokal deplaciert erscheinen. Ja, Gott segne Sie, Pipin!«

Und dann rief er Eugenie, die er neben sich Platz zu nehmen gezwungen hatte, als Zeuginan, ob er ihr nicht stets Pipin als den geeignetsten Mann zum heiraten bezeichnet habe, als denjenigen, der alle erforderlichen Qualitäten besitze, mit denen ein Gatte und namentlich der Gatte einer schönen Frau, die auf den Händen zu tragen sei, ausgerüstet sein müsse –. Eugenie warf unter halbgesenkten Lidern einen abwehrenden Blick auf ihn. Als er aber so weit ging, zu behaupten, daß es seine Ratschläge seien, denen Pipin sein Glück verdanke, fiel sie ihm ins Wort.

»Sie irren sich, Dr. Kranich«, sagte sie mit einem Versuch, ihn kalt und von oben herab anzusehen. »Ich befolge Ihre Ratschläge nicht; es ist ganz mein eigener Entschluß. Es ist meine eigene Wahl! Pipin ist der liebste, beste Mensch von der Welt! Der einzige Mensch«, – mit einem Seitenblick auf Elmenreich – »der mich wirklich liebt, der an mich glaubt. Ich werde ihm das nie vergessen: ich werde ihm immer dankbar dafür sein! Wenn Sie auch über alles spotten, Dr. Kranich, ich werde meine Vorsätze doch ausführen, ja, das werd' ich!«

»Sapristi!dann bleibt mir allerdings nichts übrig, als meinen Irrtum freudig einzugestehen. Ich bin ein Bewunderer der guten Vorsätze und schönen Entschlüsse; sie sind ja in diesem gemeinen Leben, in dem sich alles nach langweiligen Gesetzen und mit öder Notwendigkeit vollzieht,das einzige Erhebende und Erbauliche. Hier aber sitzt so ein ruchloser Skeptiker, der an dergleichen löbliche Bestrebungen nicht glauben will. Auf, Elmenreich! Warum sind Sie so lässig? Lesen Sie dieser leichtsinnigen Jugend, die da mit guten Vorsätzen in die Ehe treten will, tüchtig die Leviten.«

Elmenreich antwortete nicht. Schweigsam und finster hatte er an seinem Barte gedreht, und er blieb schweigsam, bis die Verlobten sich wieder zum Gehen anschickten. Da sagte er zu Pipin: »Ich möchte mit Ihnen reden, Pipin. Kommen Sie zu mir, so bald Sie Zeit haben.«

* * *

Gegen Abend erhielt ich ein Billet von Elmenreich: »Adieuin aller Eile. Ich packe ein und reise mit dem Nachtschnellzug ab. Unwiderruflich. Sehe ich Sie vielleicht noch vorher?«

Ich fand ihn inmitten einer chaotischen Unordnung; der Inhalt seines Kleider- und Wäscheschrankes war über sämtliche Möbel des Zimmers verstreut.

Er war so irritiert, daß ihm in diesem Augenblick jeder Handgriff als eine unüberwindliche Schwierigkeit erschien.

Nicht ohne mißtrauisches Widerstreben ließ er es zu, daß ich seinen Koffer packte; er warf sich mit abgewendetem Gesicht in einen Fauteuil, und blieb sitzen, ohne sich zu rühren, bis ich fertig war und mich neben ihn setzte. Da zündete er sich eine Cigarre an – ein Zeichen, daß das Schlimmste vorüber war. Melancholisch verfolgte er die blauen Ringe, die in der Dämmerung gegen das Fenster hinzogen, wo das Abendrot sie mit violetten Schatten färbte.

»Und so geht ein Jahr nach dem anderen dahin, und ich werde immer ärmer, immer einsamer, immer kahler! Ich strecke meine Hand aus nach Liebe, nach Freundschaft, nach Teilnahme – aber ich ergreife nur faule Früchte, wohin ich lange. Und wenn ich einmal etwas Wertvolles finde – dann muß ich die Hand dennoch leer zurückziehen, weil eine gewandtere und listigere mir zuvorgekommen ist –!«

»Haben Sie denn die Hand ausgestreckt, Elmenreich? Haben Sie nicht vielmehr ein Herz, das Ihnen entgegengetragen wurde, so weit es ein junges Mädchen nur entgegentragen kann, auf das Entschiedenste abgelehnt?«

Elmenreich hatte aber ein anderes Herz gemeint.

Eugenie – pah, das war nichts, worüber ein Mann in seinem Alter nicht hinweg könne.Da spielen die erotischen Anziehungen nicht mehr jene große Rolle, wie es die Frauen voraussetzen; der Ersatz für Liebe ist zu leicht, und man hat sich zu sehr daran gewöhnt, Ersatz zu finden. Aber ein Freund, das Herz eines Mannes, ein Jünglingsherz – das ist das Unersetzliche, der Verlust, für den nichts in der Welt entschädigt. Ueber die Bitterkeit des Altwerdens kann nur eines hinwegtrösten: sich für die jüngere Generation, und wär' es auch nur für einen einzigen Menschen dieser Generation, als notwendig, als unentbehrlich zu fühlen, ihn zu führen, auf ihn den ganzen, unverbrauchten Schatz zu häufen, den man mit sich trägt, das Pfund, mit dem man selbst im Leben nicht gewuchert hat. – Ein hohes und subtiles Kulturproblem liegt in diesem Bunde zwischen zwei Generationen, zwischen der kommenden und der gehenden – –

Als Elmenreich so redete, ließ ich mich verleiten, ein Wort für den Grafen einzulegen. Wenn er diese Verbindung zweier Generationen so hoch einschätze, warum denjenigen unerbittlich zurückstoßen, der alles daran setze, das zerrissene Band wieder zu knüpfen –?

Diesmal aber war Elmenreich nicht in der Stimmung, den Grafen als einen Gegenstand der Unterhaltung zu behandeln.

»Nennen Sie nur den nicht! Erinnern Siemich nur nicht daran, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, in der ich diese sumpfige Gegend für einen Garten hielt, eine Zeit, in der ich mich durch diese Pose von Freundschaft und Hingebung täuschen ließ. Nein, erinnern Sie mich nicht an den! Ich könnte sonst Dinge sagen, die ich nicht sagen will. Wenn ein solcher Mensch große Worte in den Mund nimmt, dann sollten von rechtswegen alle, die es mit den großen Worten ehrlich meinen, sich zusammenthun und ihn aus dem Tempel hinaustreiben –«

»Aber wäre es nicht doch möglich, daß Sie ihn jetzt zu hart beurteilen, Elmenreich?«

»Das würde ich mir nur zur Ehre anrechnen. Nirgends muß man härter sein, als gegenüber den Mißbrauchenden. Das sind die Menschen, die alles entwerten, alles verderben, alles suspekt machen, was die echten Großen hervorbringen – schädliche Insekten sind sie, die das Fleisch der edelsten Früchte fressen und sie wurmstichig, hohl, ungenießbar zurücklassen. Ich, meinesteils, verkehre lieber mit Pfahlbauern und Spießbürgern als mit solchen Falschmünzern des Geistes ... Der Graf existiert nicht mehr für mich, ich habe ihn einfach ausgestrichen aus meinem Leben –«

»Verzeihen Sie, Elmenreich: Das kann ich Ihnen nicht glauben. Denn ein klein wenig hatSie sein Thuen und Treiben die ganze Zeit her dennoch interessiert – und wenn er Ihnen so ganz gleichgiltig wäre, hätten Sie es nicht der Mühe wert gefunden, ihm den Streich mit der Zeitung zu spielen –«

Er sah mich überrascht an und begann heftig zu werden. »Wie? So wird das mißverstanden? Und obendrein von Ihnen? Ja, haben Sie denn nicht bemerkt, daß es dieser verdammte Pipin war, um den es sich handelte? Der da vor einer großen Dummheit bewahrt werden mußte? Wenn der Graf auf eigene Faust seine Leiweriam hätte herausgeben wollen, dann hätte ich mich einen blauen Teufel darum gekümmert. Oder wie? Hat er am Ende auch Eindruck auf Sie damit gemacht? Aber das sage ich Ihnen im Voraus: wenn Sie« – er sah mich unter finster zusammengezogenen Brauen böse an – »wenn Sie geneigt sein sollten, für ihn Partei zu ergreifen, so wäre das eincasus bellizwischen uns –«

»Sie fordern also, daß man sich Ihrem Urteil unbedingt unterwirft, blindlings, ohne eigene Meinung –?«

»Herr des Himmels!« brauste er auf, »ich fordere gar nichts! Meinetwegen mag jeder seinen Weg gehen wie er will, und sich das Genick brechen, wenn es ihn freut –«

Er sprang auf, stellte sich ans Fenster und sah in die einbrechende Nacht hinaus.

Nach einigen Minuten kam er zurück und entschuldigte sich. Mit diesem Einwand habe ihn früher schon Pipin zur Raserei gebracht, nun käme ich und wiederhole dieselbe Leier. Ob ich es auch darauf anlege, ihn fühlen zu lassen, daß er der Ueberflüssige sei, der Unnütze und Unausstehliche? Gewiß, er verlange, daß man an ihn glaube; wie anders wäre wohl ein Verhältnis von Person zu Person möglich! »Hol mich Gott, es liegt keine Befriedigung darin, den überflüssigen Warner zu spielen! Oder soll ich etwa auf die Genugthuung warten, daß Pipin in drei, vier Jahren gekrochen kommen und sagen wird: »Hätt' ich Ihnen doch gefolgt, Elmenreich!« Pfui Teufel über dieses Rechtbehalten im Nachhinein! Wenn erst Thatsachen eintreten müssen, und mir Recht geben, damit ein Mensch, dem ich zugethan bin, an mich glaubt! Wenn ich, ich, meine Person, meine Einsicht, ihm nichts gelten, keine Macht haben! Wenn ich meine Bestätigung von den Ereignissen erwarten soll! Aber ich danke für diese Bestätigungen! Wer Recht behält, ist immer unangenehm. Man geht ihm aus dem Weg, diesem beschwerlichen Herrn, der alles besser weiß, man hat keine Freude, wenn man ihn trifft, denn er erinnert einen nur daran, daß man eine Dummheitgemacht hat, daß man unterlegen ist. Und wie die Menschen einmal sind, lassen sie das denjenigen entgelten, der die Veranlassung zu dieser Erinnerung giebt. Da steht er dann, der Ganzgescheite, der Einsichtsprotz, und begreift nicht, warum man ihn meidet, warum er einsam ist! Da steht er draußen und kann zusehen, wie die anderen in warmer Gemeinschaft leben, wie sie leben, leben, während er zusieht, immer zusieht! Und eines Tages weiß er, daß er der Ueberflüssige ist, weil das, was er zu geben hat, keine Macht unter anderen Lebensmächten bedeutet, weil es nur als etwas Störendes und deshalb Feindliches empfunden wird« ...

Da entstand auf dem Gange ein Geräusch.

»Ganz bestimmt, er ist noch nicht fort«, sagte eine weibliche Stimme.

»Aber es ist alles finster bei ihm, seine Fenster sind nicht beleuchtet«, rief Pipins Stimme. Die Thür öffnete sich, ein Lichtstreifen fiel herein.

»Gott sei Dank«, sagte Pipin und faßte mit beiden Händen Elmenreich bei den Rockaufschlägen, als müßte er ihn noch in diesem Augenblick festhalten. »Gott sei Dank! Ich habe noch keinen Atem, so bin ich gerannt. Wenn Sie schon fortgewesen wären, ich weiß nicht, was ich gethan hätte!«

»Und eben früher hatten Sie es doch so eilig,von mir fortzukommen«, versetzte Elmenreich in dem gewohnten, trockenen und barschen Ton.

»Ich danke Gott, daß ich lieber davongelaufen bin. Ich danke Gott, daß ich wenigstens so viel Verstand hatte – denn jetzt sehe ich alles in einem anderen Licht« –

Elmenreich machte eine überraschte Bewegung: »Also sind Sie inzwischen zur Vernunft gekommen, Pipin?«

»Ja! mein ganzer Groll gegen Sie ist weg. Sie haben mir das Aergste angethan, Herr Doktor, ich muß es Ihnen sagen, – und als ich von hier fortrannte, dachte ich, daß ich Ihnen nie im Leben würde verzeihen können. Wenn Sie über mich geschimpft hätten, mir gesagt hätten, daß ich ein Esel bin, ein Dummkopf, ein Taugenichts – alles was Sie nur wollen, da hätte ich Ihnen Stand gehalten; aber Sie haben jemanden angegriffen, den ich mehr liebe als mich selbst, ein Wesen, das unendlich höher steht als ich – und wenn irgend wer anderer, als Sie es gewagt hätte, – aber nein, nein, davon wollte ich ja gar nicht reden! O Gott, wo soll ich nur anfangen – ich habe Ihnen so vieles zu sagen!«

Er fiel ganz gebrochen in den Fauteuil, in dem früher Elmenreich gesessen hatte.

Das Mädchen brachte die Lampe. Bei Licht konnte man erst bemerken, wie blaß und verfallenPipin war. In sein junges, faltenloses Gesicht, in dem noch keine Erfahrung und keine Sorge ein Zeichen eingegraben hatte, war ein anderer Zug gekommen; die glatte Fröhlichkeit, die ihm etwas Ausdruckloses, Unbedeutendes verlieh, war mit einem Male daraus weggewischt.

»Hören Sie mich an, Doktor Elmenreich! Ich habe in diesen paar Stunden furchtbar gelitten – mehr als ich imstande bin, Ihnen zu erklären –«

»Erklären Sie mir nichts, Pipin. Sagen Sie mir lieber ohne Umschweife: ja oder nein? Alles andere interessiert mich nicht.«

Pipin machte einen schwachen Versuch zu lächeln. »Grade dieses andere müssen Sie mir von der Seele nehmen. Das ist es, was ich Ihnen sagen muß! Ich könnte nicht mehr ganz glücklich sein, wenn Sie mir nicht wieder gut sein wollen –«

»Sie kennen die Bedingung, Pipin –«

»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, fangen Sie nicht wieder damit an! Wie soll denn ein Mensch von meiner Beschaffenheit sich in einen Streit mit Ihnen einlassen, sobald Sie sich auf Ihre überlegene Einsicht und Ihr überlegenes Urteil berufen? Da bin ich ja im vorhinein geschlagen. Sie waren doch sonst so voll Großmut und Wohlwollen gegen mich! Warum wollen Sie mich jetzt ganz vernichten? Sehen Sie, als ich früher davonging, hatte ich wirklich die Empfindung, daß Sie mich ganz vernichten wollen. Ich war so außer mir, daß ich zu allen bösen Dingen fähig gewesen wäre – nein, fähig war, zu allen bösen Gedanken nämlich. Ich konnte einfach nicht glauben, daß Sie mit Ihrem hohen Verstand und Ihrer Ueberlegenheit im Ernst von mir fordern sollten, ich müßte meine Liebe, mein Alles, den Inhalt meines ganzen künftigen Lebens unter Ihren Schiedsspruch stellen! Was für ein elender Mensch wär ich, wenn mein Herz durch fremde Einflüsterungen irre zu machen wäre in seinem Glauben und Vertrauen –? Nein, nein, das konnten Sie nicht annehmen! Und deshalb fragte ich mich: warum? Warum handelt er so gegen mich? Warum handelt er so gegen sie, die ihm selbst früher nicht gleichgiltig war? Wenn, wenn – o Gott, wie soll ich es Ihnen nur sagen, damit Sie mir wieder verzeihen? – wenn er die ganze Welt nur deshalb für krank und bitter hielte, weil er selbst eine kranke und bittere Seele hat? Wittert er nicht überall unwürdige Hintergedanken, eigennützige Beweggründe? War es nicht genau dasselbe mit dem Grafen und dem Meister? Und – und noch mehr: ist er denn in diesem Fall wirklich unparteiisch? Ist er nicht vielleicht im innersten Grunde seines Herzens, dort wo die Dinge geschehen, von denen wir nichts Genaueswissen, ist er nicht vielleicht doch unbewußt böse auf mich und – auf sie?«

Pipin hielt inne und ließ seinen Kopf auf seine Hände sinken, wie um den Zorn Elmenreichs über sich ergehen zu lassen.

Elmenreich stand unbeweglich. Pipin faßte seine herabhängende Hand. »Ich bin aber schon wieder bei Besinnung. Jetzt weiß ich, daß das Alles undankbare, ungerechte, unsinnige Gedanken waren, wie sie der Schmerz eingiebt! Jetzt bin ich gekommen, um Ihnen alles zu gestehen, um Ihnen alles abzubitten; ich bin gekommen, weil ich es nicht aushielt, auch nur eine Stunde lang ein schlechtes Gefühl gegen Sie auf der Seele zu haben –«

Elmenreich hörte nicht auf ihn. Er drehte Locken in seinen Bart, ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und führte ein Selbstgespräch in unartikulierten Lauten.

Pipin hielt noch immer seine herabhängende Linke umfaßt. Er schüttelte ihn ungeduldig daran: »Sagen Sie doch etwas! Sagen Sie, daß alles zwischen uns wie früher ist! Was soll ich denn thun, daß Sie mir wieder verzeihen?«

Elmenreich befreite seine Hand und kreuzte seine Arme über der Brust.

»Wenn ein Mensch wie Sie, Pipin, mißtrauisch wird, muß wohl ein arger Fehlgriff inder Behandlung geschehen sein«, sagte er kühl. »Ich hatte gedacht, ich könnte durch mein persönliches Urteil, durch meine Autorität Eindruck auf Sie machen. Da war ich aber gewaltig auf dem Holzweg, wie ich sehe. Also gut, gehen wir einen anderen Weg! Sind Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, Pipin, daß das, was ich als bloße Vermutungen hinstellte, als meine subjektive Meinung über diejenige, die ich nicht nennen will – daß alles das einen realen Hintergrund hat? Daß es Thatsachen giebt, Pipin –«

»Thatsachen?« fragte Pipin mit vibrierender Stimme. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Hören Sie mich an, Pipin. Ich wollte Ihnen und mir die Erwähnung dieser Thatsachen ersparen – da Sie aber meiner Unparteilichkeit mißtrauen, muß ich mich rechtfertigen –«

»Nein, um keinen Preis!« rief Pipin heftig, sprang auf und hielt sich die Ohren zu. »Ich will nicht, daß Sie sich rechtfertigen. Lieber Gott, warum wollen Sie mich nicht mehr verstehen? Was würde alles Rechtfertigen nützen, wenn ich keinen Glauben an Sie hätte? Und wozu brauche ich Ihre Rechtfertigung, da ich meinen Glauben an Sie ohnedies wiedergefunden habe –?«

Elmenreich drückte ihn in den Fauteuil zurück.

»Also nicht als meine Rechtfertigung, sondernum Ihnen zu beweisen, daß Ihnen der Glaube eben jenen Possen spielt, den er gewöhnlich aufzuführen pflegt – er ist ein Vogel, der sich gern auf den unrechten Ast setzt. Daher geschieht es, daß Sie dort glauben, wo Sie mißtrauen sollten, und dort mißtrauen, wo Sie glauben sollten –«


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