The Project Gutenberg eBook ofPipin: Ein SommererlebnisThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Pipin: Ein SommererlebnisAuthor: Rosa MayrederRelease date: July 10, 2020 [eBook #62601]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PIPIN: EIN SOMMERERLEBNIS ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Pipin: Ein SommererlebnisAuthor: Rosa MayrederRelease date: July 10, 2020 [eBook #62601]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)
Title: Pipin: Ein Sommererlebnis
Author: Rosa Mayreder
Author: Rosa Mayreder
Release date: July 10, 2020 [eBook #62601]Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: Produced by the Online Distributed Proofreading Team athttps://www.pgdp.net (This book was produced from imagesmade available by the HathiTrust Digital Library.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PIPIN: EIN SOMMERERLEBNIS ***
Rosa Mayreder
Pipin
Von derselben Verfasserin sind bisher erschienen:
Aus meiner Jugend.Novellen. 1896.Übergänge.Novellen. 1897.Idole.Roman. 1899.
Ein Sommererlebnis
von
Rosa Mayreder
Leipzig 1903Hermann Seemann Nachfolger
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Neulich einmal waren wir in einer Gesellschaft mit dem Advokaten beisammen, der den Ehescheidungsprozeß Josef Balthasar Stöger's geführt hatte. Natürlich kam das Gespräch gleich auf diesen Fall. Denn in der Welt wurde gerade von nichts anderem geredet – das heißt, in einem jener vielen bürgerlichen Kreise, von denen jeder annimmt, daß er »die Welt« sei. Die Welt also war sehr beschäftigt mit Josef Balthasar Stöger's ehelichen Angelegenheiten. Er selbst hatte sich der Teilnahme wie der Neugier, allen bedauernden Händedrücken und indiskreten Blicken so bald als möglich entzogen und eine Reise um die Erde angetreten.
Man wußte ja längst, daß er von seiner Frau betrogen wurde; vom ersten Tag seiner Ehe an hatte niemand etwas Anderes erwartet. Es war alles gekommen, wie es kommen mußte, mit unfehlbarer Sicherheit und Notwendigkeit. Etwas von einem Naturgesetz lag darin, beinahe etwas Beruhigendes und Befriedigendes. Josef BalthasarStöger war dazu geboren, betrogen zu werden. Jedermann hatte auch vorausgesetzt, daß er sich mit dieser Thatsache bei Zeiten abgefunden, sich ohne Widerstreben in das Unvermeidliche ergeben habe. Deshalb war an der ganzen Sache nur eines unverständlich: warum er versuchte, sich das Leben zu nehmen, als er an der Untreue seiner Frau nicht mehr zweifeln konnte. Er schoß sich eine Kugel in die Brust, wie um dieses thörichte Herz zu strafen, das ihn so sehr in die Irre geführt hatte. Aber die Kugel war mitleidiger als seine Frau; sie ging an seinem Herzen vorbei, und er mußte weiterleben in all dem Aufsehen, das die Entlarvung und Scheidung mit sich brachte.
Allerdings blieb es nicht unbekannt, daß nicht er es war, der diese Entlarvung herbeigeführt hatte. Seine Mutter und seine verheiratete Schwester, empört nicht minder über seine Langmut wie über das Treiben seiner Frau, waren die Regisseure. Sie hatten es, wie die Welt behauptete, geradezu darauf abgesehen, seine Frau so öffentlich als möglich bloßzustellen, damit er endlich genötigt wäre, Ordnung zu machen, und nicht länger versuchen könnte, die Augen zuzudrücken.
Ja, Josef Balthasar Stöger war ein lässiger Wächter seiner Ehre gewesen – darin lag seine Schuld. Die Untersuchungen der Welt, wie weitauch er für sein eheliches Mißgeschick verantwortlich sei, führten stets zu diesem Ergebnis. Und noch etwas fiel sehr zu seinen Ungunsten in die Wagschale. Er war ein lächerlicher Mensch. Wie konnte ein lächerlicher Mensch die Anmaßung haben, eine so schöne Person zu heiraten und zu glauben, daß er ihr als Mann genügen werde? Ein lächerlicher Mensch sollte niemals heiraten; man kann als Frau allenfalls einen launenhaften, einen treulosen, einen groben, einen tyrannischen Mann ertragen, nur einen lächerlichen nicht.
Als das Gespräch bei dieser These angelangt war, sagte der Advokat zu der Dame, die sie aufstellte:
»Verzeihen Sie, meine Gnädige, was wollen Sie damit sagen, daß er ein »lächerlicher Mensch« war? Worin bestand denn das Lächerliche an ihm, wenn ich fragen darf?«
»Das läßt sich nicht definieren. Alles an ihm war lächerlich; er hatte ein lächerliches Air; wenn er eine Bewegung machte, so sah er lächerlich aus, und wenn er etwas sagte, so bekam es gleich einen lächerlichen Anstrich – mit einem Wort, er war eben ein lächerlicher Mensch.«
»Merkwürdig! Ein Mensch von so grenzenloser Herzensgüte müßte doch eher etwas Sympathisches haben, namentlich für Frauen, sollteman meinen. Aber ich bemerke, daß es gerade die Frauen sind, die ihn lächerlich finden.«
»Herzensgüte! Was nennen Sie denn seine Herzensgüte? Er ist ein schwacher und bornierter Mensch, alles in allem; zuerst hatte ihn seine Frau am Gängelband und jetzt Mutter und Schwester –«
»Aber ganz und gar nicht, meine Gnädigste! Wenn es nach dem Willen seiner Angehörigen gegangen wäre, hätte er gegen seine Frau von aller Schärfe des Gesetzes Gebrauch machen müssen. – Wie die Dinge lagen, wäre er nicht verpflichtet gewesen, ihr auch nur einen Kreuzer auszusetzen. Und Sie wissen ja, daß seine Frau von Hause aus gänzlich unbemittelt war. Er aber hat, gegen den Willen seiner Angehörigen, wohlgemerkt, in der freigebigsten Weise für sie gesorgt, so freigebig, daß er sich selbst, trotz seines Reichtums, manche Einschränkung wird auferlegen müssen.«
»Das war sein Fehler von allem Anfang an«, sagte eine alte Dame stirnrunzelnd. »Er hätte seiner Frau von Anfang an den Herrn zeigen müssen, statt ihr in allen Dingen nachzugeben. Eine Frau, die sich nicht vor ihrem Manne fürchtet, wird sich immer allerhand erlauben, was schließlich auf Abwege führt.«
* * *
Während der letzten Jahre hatte ich Josef Balthasar Stöger allmählich aus den Augen verloren; und der unglückliche Ausgang seiner Ehe schien mir nicht der geeignete Anlaß, neuerdings mit ihm anzuknüpfen. Es wäre für ihn nur eine schmerzliche Mahnung gewesen, daß er seinen Weg nicht mit Glück gegangen war – eine doppelt schmerzliche Mahnung, weil auch ich seinerzeit zu denen gehörte, die ihn davon abzuhalten suchten.
Der Zufall wollte es, daß ich am Tage nach dem voranstehenden Gespräch einen Brief von ihm erhielt.
An Bord des »Cristoforo Colombo«27. März 1900.Verehrte Frau!Seit gestern Morgen bin ich auf dem hohen Meer. Die alte Welt ist hinter mir in den Ozean versunken – nichts mehr als Wasser und Himmel, so weit das Auge reicht. Ich mache keinen Versuch, von der Größe dieses Schauspiels zu reden; ich will nur sagen, daß ich jetzt erst den Mut finde – nein, Mut ist nicht das rechte Wort, denn ich brauche gar keinen Mut dazu, um Ihnen gegenüber, die Sie immer meine nachsichtsvolle Freundin waren, das Vergangene zu erwähnen. Also daß ich jetzt erst das Bedürfnis fühle, michmit Ihnen in Verbindung zu setzen. Sie werden wohl denken: er ist halt auch so ein Undankbarer, der sich um seine alten Freunde nicht kümmert, bevor nicht das Unglück bei ihm eingekehrt ist. Aber sehen Sie, gerade, weil das Unglück hinter mir versunken ist wie die alte Welt, deshalb komme ich wieder zu Ihnen. Nicht das Leiden, nur das Unglück. Und bisher habe ich nicht gewußt, daß das zweierlei ist. Wie soll ich es Ihnen nur sagen? Mein Herz ist wieder voll Dank, voll Dank; und zugleich ist es doch tot, verdorrt wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich ausgerissen worden ist. Dieser Vergleich paßt aber nicht; denn ich lebe ja wieder, ich lebe wieder innerlich, als ob ich ein anderes Erdreich gefunden hätte. Und das ist es, was ich Ihnen erzählen will.Vor vier Tagen habe ich mich in Genua eingeschifft. Meine Mutter hat mich bis dahin begleitet; und ich weiß kaum, wie ich hingekommen bin. Ich ließ mit mir geschehen, was festgesetzt war; mein Schwager hatte das Reiseprogramm ausgearbeitet, Ankunft, Abfahrt, Ankunft, Abfahrt, alles zuverlässig nach dem letzten Eisenbahntarif. Ich sollte an die Riviera, in die belebtesten, elegantesten Orte, wo sich die Hautevolée von ganz Europa trifft und alle Tage ein anderes Fest ist. Zerstreuen sollte ich mich, niemals einen Augenblick mit mir allein sein, immerunter Menschen, immer im Gewühl, umgeben von heiteren sorglosen Gesichtern: Das hatten sie mir verordnet. Es war schrecklich. Der bloße Gedanke an die Unterhaltungen, die mir bevorstanden, raubte mir die Fassung. Da war freilich nicht viel zu rauben. Gefaßt – o Gott, ich war nicht gefaßt, ich war nur stumpf, nur müde, nur innerlich gestorben. Jeden Tag in der Frühe beim Aufwachen dachte ich mit Schaudern: ein ganzer Tag, ein ganzer, endloser Tag fängt wieder an! Wozu, wozu? Wozu geht ein unnützer, lebensuntauglicher, schiffbrüchiger Mensch mit einem falschfreundlichen Gesicht herum und will sich zerstreuen, und will thun, als hätte er noch etwas vom Leben zu erwarten? – Dann war ich nicht imstande, den Entschluß zu fassen, der dazu gehört, sich im Bett aufzusetzen, und blieb liegen wie ein Gelähmter, unfähig, ein Glied zu rühren, bis die Mutter den Kopf bei der Thür hereinsteckte und mit ihrer ängstlichen Stimme sagte: »Fehlt dir was, Pepi, weil du nicht aufstehst? Soll ich um einen Doktor schicken?«So waren wir nach Genua gekommen, und so sollten wir am nächsten Morgen nach San Remo weiterfahren. Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand auf, zog mich an und ging fort. Es war noch nicht Mitternacht. Der Hausknechtwollte eben das Thor zumachen; er grüßte mich mit einem einverstandenen Grinsen und trug sich als Führer an. Ich sagte, ich wüßte schon meinen Weg, und ging so rasch davon, als wüßte ich ihn wirklich. Das Meer ist aber in Genua nicht schwer zu finden; man kann es nicht verfehlen, wenn man nur immer bergab geht. Und als ich unten war, ging ich an der Küste fort, aus der Stadt hinaus. Da war ich endlich allein, nach allen diesen furchtbaren Wochen das erste Mal wieder allein!Der abnehmende Mond stand über dem Meer; unten an den Felsen leuchtete die Brandung. Ihr gleichmäßiges Rauschen hatte etwas Besänftigendes, etwas Verlockendes. Man brauchte nur hinabzusteigen, zehn Schritte, fünfzehn Schritte – vielleicht glitt man in dieser schwachen Helligkeit aus und fiel hinab zwischen die Klippen, wo die Brandung rauschte. Dann wurde man hinausgetragen in das glänzende Meer – – – – – – – – – – – – –Hatte ich denn noch ein Recht zu leben? Ich lebte ja gegen meinen Wunsch und Willen, nur aus einer Ungeschicklichkeit, weil ich auch hier nicht zu treffen verstanden hatte. Immer daneben zu greifen, immer das nicht zu sehen, was jeder andere sieht – unverbesserlich, unabänderlich, unheilbar dumm, das lag auf mir mit einerunerträglichen Gewißheit und erdrückte mich. Wenn irgend ein Mensch gewarnt worden war, wenn irgend ein Mensch die Möglichkeit gehabt hatte, seinem Unglück zu entgehen, so war ich es. Das war ja das unerträglich Demütigende, daß alle, die mich mit Güte oder mit Gewalt seinerzeit von meinem Willen abbringen wollten, recht behalten hatten, und ich mit meiner innerlichen Sicherheit, mit meinem Glauben und Vertrauen Unrecht!Aber hier, in dieser ungeheuren Einsamkeit, hatte dieser Gedanke auf einmal seinen Stachel verloren. Auf einmal erschien er mir ganz gleichgültig. Er fiel von mir ab wie eine Kette, in der ein Glied aufgeht.Und wie ich so saß und hinausstarrte auf den schimmernden Meeresspiegel, fühlte ich, daß eine Wandlung in mir vorging. Dieses ohnmächtige kleine Ich, dessen Nichtigkeit mich so elend machte, schien hinauszufließen in die weite Welt und wurde ein Teil von ihr; es gehörte zu ihr wie der Stein, auf dem ich saß, wie der Nachtwind, der in den Büschen säuselte, wie das Wasser, das da unten rauschte. Und aus dieser Weite kam es zu mir zurück als ein Geschenk der Natur, in das sie etwas von sich selbst hineingelegt hat, das Beste, was sie geben kann. Und jetzt schien es mir nicht mehr elend und gering. Und jetzt sahich alles in einem anderen Licht. Etwas Neues kam über mich, das ich nicht ausdrücken kann, so ein Gefühl, daß alles, was sich ereignet hatte, notwendig und in sich unabänderlich war. Daß es für mich das Leben war, das zu mir gehörte, und daß kein anderes aus mir hervorgehen konnte, und daß ich es deshalb hinnehmen mußte, ohne zu mucksen, weil es eben das meinige war, wie ein Vater sein Kind hinnehmen muß, wenn auch andere Leute schönere, begabtere, glücklichere Kinder haben. Wenn mir jetzt die Macht gegeben worden wäre, diese sieben Jahre aus meinem Leben zu streichen, hätte ich es gethan? Wenn ich wieder dorthin gestellt worden wäre, wo ich vor sieben Jahren stand, hätte ich anders gehandelt? Nein, tausendmal nein!Und da fiel die andere Kette von mir ab. Sobald alles in mir selbst beschlossen lag, dann brauchte ich auch kein Ankläger mehr zu sein, kein Richter und kein Rächer. Ich hatte der Welt die Ehre gegeben, das war ihr Recht – sollte ich für mich nicht die Liebe behalten dürfen? Die war mein Eigentum, innerlich, und alles äußerliche Geschehen hatte damit nichts zu schaffen. Die ganze Zeit her war ich in einer Art Verpflichtung zu Groll und Haß gesteckt wie in einem Panzer, hatte mir mit aller Gewalt weiß machen wollen, daß alles aus sei zwischen ihr und mir.Jetzt aber, ganz allein mit Himmel und Erde, wußte ich, daß sich in meinem Innern nichts geändert hatte, daß sich nie etwas ändern würde. Alles, was geschehen war, war nur an der Oberfläche geschehen, in der Tiefe blieb alles wie früher. Und sollte es bleiben. Vielleicht wird auch ihr das Leben eines Tages schwer und bitter sein, vielleicht wird ein Tag kommen, an dem sie Hilfe braucht – aber auch wenn dieser Tag niemals kommt! Für mich ist sie wieder, was sie früher für mich war, das schöne, herrliche, hohe Weib, das sie sein könnte, wenn es keine äußeren Einflüsse gäbe, denen sie unterliegt. Dieses Bild ihres wahren Wesens lebt in mir, untrennbar mit mir verbunden, dieses Bild bleibt mein eigen, ist mein für alle Zeit. Es war ein Schiff, das fuhr im Sonnenschein übers Meer; dann kam ein großer Sturm, und es ging unter. Niemals mehr wird es über das blaue Meer fahren. Aber unten auf dem Grunde liegt es still und unversehrt. Die stummen Fische betrachten es mit ihren großen runden Augen, und bunte Muscheln, schön wie Schmetterlinge, setzen sich darauf ...Und während der Nachtwind von den blühenden Gärten Frühlingsgerüche an mir vorübertrug, während der Mond seinen Weg über den wolkenlosen Himmel vollendete, während die Brandung leise wurde, und das Meer glatt,schien es mir, als ob diese Meeresstille in mich hereinflösse und mich ausfüllte mit ihrer großen Ruhe und Herrlichkeit. Erinnerungen kamen und gingen; aber sie hatten nichts Peinigendes mehr. Ich dachte an eine andere Mondnacht; da spiegelte sich auch diese glänzende Scheibe in einer stillen Wasserfläche. Lachende glückliche Menschen standen herum und spielten mit glänzenden Gedanken. Erinnern Sie sich noch, gnädige Frau? Damals erzählte Dr. Kranich die Geschichte von der Mondfee und den schwarzen Schwänen, über die ich so lachte, weil ich keine Ahnung hatte, wie ominös sie war. Und Elmenreich machte daraus eine Geschichte vom fliegenden Holländer, die ich auch nicht ganz verstand. O diese nachträgliche Einsicht, daß man nichts von dem verstanden hat, was um einen vorging! Aber still! Das ist ja vorüber und abgethan. Mir ist jener Abend unvergeßlich geblieben, weil ich damals zum erstenmal in einer plötzlichen Eingebung fühlte, daß sich etwas Großes und Neues in mir zugetragen hatte. Es war kühl geworden, während wir da unten am Ufer standen und lachten; ich glaubte bemerkt zu haben, daß sie schauderte. Als ich ihr ihre Jacke brachte, sah sie mich mit einem so seltsamen Blick an; und dann – ich hielt ihr die Jacke zum Anziehen – dann lehnte sie sich einen Augenblick, einen ganz flüchtigenAugenblick lang an meine Schulter. Nein, niemals wird der Glanz, den dieser Augenblick in meine Seele goß, erlöschen! – – – – –– – Die Zeit verging. Ich versank allmählich in einen Halbschlummer, ohne daß ich die Augen von dieser magischen, unendlichen Meeresfläche abwenden konnte. Alte Knabengeschichten, Knabenwünsche tauchten wie im Traume auf, die kühnen Robinsonaden, von denen man voll ist, wenn man die ersten Indianerbücher in die Hand bekommt. Vielleicht lag in meinen Knabenidealen ein richtiger Instinkt: es wäre doch besser für mich gewesen, ich wäre irgendwo am Orinoko oder Maranon Pflanzer geworden ... (Sie sehen, ich bin vor Rückfällen noch immer nicht sicher!)Jedenfalls hat die seltsame Klarheit, mit der diese Gedankenwelt wieder vor mir aufstieg, das Kommende vorbereitet. Als ich nämlich in der ersten Morgendämmerung über den Hafen nach Hause ging, fiel mir ein großer Dampfer in die Augen, auf dem schon in dieser frühen Stunde ein geschäftiges Treiben herrschte. Ich redete einen vorüberkommenden Matrosen an: um acht Uhr ging das Schiff nach Rio de Janeiro ab. Und wie ein Blitz durchfuhr es mich: Da gehst du mit! Ich lief nach Hause; noch ganz außer Atem stürzte ich zur Mutter hinein, undsagte: Mutter, steh auf, packe meine Sachen; ich fahre heute um acht Uhr nach Rio de Janeiro. Die arme Frau glaubte im ersten Schrecken, ich hätte den Verstand verloren. Aber als sie sah, daß ich Ernst machte, und auch, daß ich voll froher Laune und ein verwandelter Mensch war, ergab sie sich leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte, in meinen Entschluß.Sie dürfen mir glauben, gnädige Frau: als die Ankerkette rasselte und die erste unbestimmte Bewegung durch das Schiff ging, da erfüllte mich ein so reines, ganzes Gefühl, wie ich es seit Jahren nicht mehr empfunden habe. Seit Jahren! Aber nichts mehr davon! Ich gehe in die neue Welt – nicht um ein neuer Mensch zu werden, sondern um mich mit dem alten in mir dauernd wieder vertragen zu lernen. Und so werde ich auch von der anderen Seite der Erde eines Tages – kann sein erst in vielen Jahren – wieder zurückkommenals Ihr getreuer, unveränderlicherPipin.
Verehrte Frau!
Seit gestern Morgen bin ich auf dem hohen Meer. Die alte Welt ist hinter mir in den Ozean versunken – nichts mehr als Wasser und Himmel, so weit das Auge reicht. Ich mache keinen Versuch, von der Größe dieses Schauspiels zu reden; ich will nur sagen, daß ich jetzt erst den Mut finde – nein, Mut ist nicht das rechte Wort, denn ich brauche gar keinen Mut dazu, um Ihnen gegenüber, die Sie immer meine nachsichtsvolle Freundin waren, das Vergangene zu erwähnen. Also daß ich jetzt erst das Bedürfnis fühle, michmit Ihnen in Verbindung zu setzen. Sie werden wohl denken: er ist halt auch so ein Undankbarer, der sich um seine alten Freunde nicht kümmert, bevor nicht das Unglück bei ihm eingekehrt ist. Aber sehen Sie, gerade, weil das Unglück hinter mir versunken ist wie die alte Welt, deshalb komme ich wieder zu Ihnen. Nicht das Leiden, nur das Unglück. Und bisher habe ich nicht gewußt, daß das zweierlei ist. Wie soll ich es Ihnen nur sagen? Mein Herz ist wieder voll Dank, voll Dank; und zugleich ist es doch tot, verdorrt wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich ausgerissen worden ist. Dieser Vergleich paßt aber nicht; denn ich lebe ja wieder, ich lebe wieder innerlich, als ob ich ein anderes Erdreich gefunden hätte. Und das ist es, was ich Ihnen erzählen will.
Vor vier Tagen habe ich mich in Genua eingeschifft. Meine Mutter hat mich bis dahin begleitet; und ich weiß kaum, wie ich hingekommen bin. Ich ließ mit mir geschehen, was festgesetzt war; mein Schwager hatte das Reiseprogramm ausgearbeitet, Ankunft, Abfahrt, Ankunft, Abfahrt, alles zuverlässig nach dem letzten Eisenbahntarif. Ich sollte an die Riviera, in die belebtesten, elegantesten Orte, wo sich die Hautevolée von ganz Europa trifft und alle Tage ein anderes Fest ist. Zerstreuen sollte ich mich, niemals einen Augenblick mit mir allein sein, immerunter Menschen, immer im Gewühl, umgeben von heiteren sorglosen Gesichtern: Das hatten sie mir verordnet. Es war schrecklich. Der bloße Gedanke an die Unterhaltungen, die mir bevorstanden, raubte mir die Fassung. Da war freilich nicht viel zu rauben. Gefaßt – o Gott, ich war nicht gefaßt, ich war nur stumpf, nur müde, nur innerlich gestorben. Jeden Tag in der Frühe beim Aufwachen dachte ich mit Schaudern: ein ganzer Tag, ein ganzer, endloser Tag fängt wieder an! Wozu, wozu? Wozu geht ein unnützer, lebensuntauglicher, schiffbrüchiger Mensch mit einem falschfreundlichen Gesicht herum und will sich zerstreuen, und will thun, als hätte er noch etwas vom Leben zu erwarten? – Dann war ich nicht imstande, den Entschluß zu fassen, der dazu gehört, sich im Bett aufzusetzen, und blieb liegen wie ein Gelähmter, unfähig, ein Glied zu rühren, bis die Mutter den Kopf bei der Thür hereinsteckte und mit ihrer ängstlichen Stimme sagte: »Fehlt dir was, Pepi, weil du nicht aufstehst? Soll ich um einen Doktor schicken?«
So waren wir nach Genua gekommen, und so sollten wir am nächsten Morgen nach San Remo weiterfahren. Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand auf, zog mich an und ging fort. Es war noch nicht Mitternacht. Der Hausknechtwollte eben das Thor zumachen; er grüßte mich mit einem einverstandenen Grinsen und trug sich als Führer an. Ich sagte, ich wüßte schon meinen Weg, und ging so rasch davon, als wüßte ich ihn wirklich. Das Meer ist aber in Genua nicht schwer zu finden; man kann es nicht verfehlen, wenn man nur immer bergab geht. Und als ich unten war, ging ich an der Küste fort, aus der Stadt hinaus. Da war ich endlich allein, nach allen diesen furchtbaren Wochen das erste Mal wieder allein!
Der abnehmende Mond stand über dem Meer; unten an den Felsen leuchtete die Brandung. Ihr gleichmäßiges Rauschen hatte etwas Besänftigendes, etwas Verlockendes. Man brauchte nur hinabzusteigen, zehn Schritte, fünfzehn Schritte – vielleicht glitt man in dieser schwachen Helligkeit aus und fiel hinab zwischen die Klippen, wo die Brandung rauschte. Dann wurde man hinausgetragen in das glänzende Meer – – – – – – – – – – – – –
Hatte ich denn noch ein Recht zu leben? Ich lebte ja gegen meinen Wunsch und Willen, nur aus einer Ungeschicklichkeit, weil ich auch hier nicht zu treffen verstanden hatte. Immer daneben zu greifen, immer das nicht zu sehen, was jeder andere sieht – unverbesserlich, unabänderlich, unheilbar dumm, das lag auf mir mit einerunerträglichen Gewißheit und erdrückte mich. Wenn irgend ein Mensch gewarnt worden war, wenn irgend ein Mensch die Möglichkeit gehabt hatte, seinem Unglück zu entgehen, so war ich es. Das war ja das unerträglich Demütigende, daß alle, die mich mit Güte oder mit Gewalt seinerzeit von meinem Willen abbringen wollten, recht behalten hatten, und ich mit meiner innerlichen Sicherheit, mit meinem Glauben und Vertrauen Unrecht!
Aber hier, in dieser ungeheuren Einsamkeit, hatte dieser Gedanke auf einmal seinen Stachel verloren. Auf einmal erschien er mir ganz gleichgültig. Er fiel von mir ab wie eine Kette, in der ein Glied aufgeht.
Und wie ich so saß und hinausstarrte auf den schimmernden Meeresspiegel, fühlte ich, daß eine Wandlung in mir vorging. Dieses ohnmächtige kleine Ich, dessen Nichtigkeit mich so elend machte, schien hinauszufließen in die weite Welt und wurde ein Teil von ihr; es gehörte zu ihr wie der Stein, auf dem ich saß, wie der Nachtwind, der in den Büschen säuselte, wie das Wasser, das da unten rauschte. Und aus dieser Weite kam es zu mir zurück als ein Geschenk der Natur, in das sie etwas von sich selbst hineingelegt hat, das Beste, was sie geben kann. Und jetzt schien es mir nicht mehr elend und gering. Und jetzt sahich alles in einem anderen Licht. Etwas Neues kam über mich, das ich nicht ausdrücken kann, so ein Gefühl, daß alles, was sich ereignet hatte, notwendig und in sich unabänderlich war. Daß es für mich das Leben war, das zu mir gehörte, und daß kein anderes aus mir hervorgehen konnte, und daß ich es deshalb hinnehmen mußte, ohne zu mucksen, weil es eben das meinige war, wie ein Vater sein Kind hinnehmen muß, wenn auch andere Leute schönere, begabtere, glücklichere Kinder haben. Wenn mir jetzt die Macht gegeben worden wäre, diese sieben Jahre aus meinem Leben zu streichen, hätte ich es gethan? Wenn ich wieder dorthin gestellt worden wäre, wo ich vor sieben Jahren stand, hätte ich anders gehandelt? Nein, tausendmal nein!
Und da fiel die andere Kette von mir ab. Sobald alles in mir selbst beschlossen lag, dann brauchte ich auch kein Ankläger mehr zu sein, kein Richter und kein Rächer. Ich hatte der Welt die Ehre gegeben, das war ihr Recht – sollte ich für mich nicht die Liebe behalten dürfen? Die war mein Eigentum, innerlich, und alles äußerliche Geschehen hatte damit nichts zu schaffen. Die ganze Zeit her war ich in einer Art Verpflichtung zu Groll und Haß gesteckt wie in einem Panzer, hatte mir mit aller Gewalt weiß machen wollen, daß alles aus sei zwischen ihr und mir.Jetzt aber, ganz allein mit Himmel und Erde, wußte ich, daß sich in meinem Innern nichts geändert hatte, daß sich nie etwas ändern würde. Alles, was geschehen war, war nur an der Oberfläche geschehen, in der Tiefe blieb alles wie früher. Und sollte es bleiben. Vielleicht wird auch ihr das Leben eines Tages schwer und bitter sein, vielleicht wird ein Tag kommen, an dem sie Hilfe braucht – aber auch wenn dieser Tag niemals kommt! Für mich ist sie wieder, was sie früher für mich war, das schöne, herrliche, hohe Weib, das sie sein könnte, wenn es keine äußeren Einflüsse gäbe, denen sie unterliegt. Dieses Bild ihres wahren Wesens lebt in mir, untrennbar mit mir verbunden, dieses Bild bleibt mein eigen, ist mein für alle Zeit. Es war ein Schiff, das fuhr im Sonnenschein übers Meer; dann kam ein großer Sturm, und es ging unter. Niemals mehr wird es über das blaue Meer fahren. Aber unten auf dem Grunde liegt es still und unversehrt. Die stummen Fische betrachten es mit ihren großen runden Augen, und bunte Muscheln, schön wie Schmetterlinge, setzen sich darauf ...
Und während der Nachtwind von den blühenden Gärten Frühlingsgerüche an mir vorübertrug, während der Mond seinen Weg über den wolkenlosen Himmel vollendete, während die Brandung leise wurde, und das Meer glatt,schien es mir, als ob diese Meeresstille in mich hereinflösse und mich ausfüllte mit ihrer großen Ruhe und Herrlichkeit. Erinnerungen kamen und gingen; aber sie hatten nichts Peinigendes mehr. Ich dachte an eine andere Mondnacht; da spiegelte sich auch diese glänzende Scheibe in einer stillen Wasserfläche. Lachende glückliche Menschen standen herum und spielten mit glänzenden Gedanken. Erinnern Sie sich noch, gnädige Frau? Damals erzählte Dr. Kranich die Geschichte von der Mondfee und den schwarzen Schwänen, über die ich so lachte, weil ich keine Ahnung hatte, wie ominös sie war. Und Elmenreich machte daraus eine Geschichte vom fliegenden Holländer, die ich auch nicht ganz verstand. O diese nachträgliche Einsicht, daß man nichts von dem verstanden hat, was um einen vorging! Aber still! Das ist ja vorüber und abgethan. Mir ist jener Abend unvergeßlich geblieben, weil ich damals zum erstenmal in einer plötzlichen Eingebung fühlte, daß sich etwas Großes und Neues in mir zugetragen hatte. Es war kühl geworden, während wir da unten am Ufer standen und lachten; ich glaubte bemerkt zu haben, daß sie schauderte. Als ich ihr ihre Jacke brachte, sah sie mich mit einem so seltsamen Blick an; und dann – ich hielt ihr die Jacke zum Anziehen – dann lehnte sie sich einen Augenblick, einen ganz flüchtigenAugenblick lang an meine Schulter. Nein, niemals wird der Glanz, den dieser Augenblick in meine Seele goß, erlöschen! – – – – –
– – Die Zeit verging. Ich versank allmählich in einen Halbschlummer, ohne daß ich die Augen von dieser magischen, unendlichen Meeresfläche abwenden konnte. Alte Knabengeschichten, Knabenwünsche tauchten wie im Traume auf, die kühnen Robinsonaden, von denen man voll ist, wenn man die ersten Indianerbücher in die Hand bekommt. Vielleicht lag in meinen Knabenidealen ein richtiger Instinkt: es wäre doch besser für mich gewesen, ich wäre irgendwo am Orinoko oder Maranon Pflanzer geworden ... (Sie sehen, ich bin vor Rückfällen noch immer nicht sicher!)
Jedenfalls hat die seltsame Klarheit, mit der diese Gedankenwelt wieder vor mir aufstieg, das Kommende vorbereitet. Als ich nämlich in der ersten Morgendämmerung über den Hafen nach Hause ging, fiel mir ein großer Dampfer in die Augen, auf dem schon in dieser frühen Stunde ein geschäftiges Treiben herrschte. Ich redete einen vorüberkommenden Matrosen an: um acht Uhr ging das Schiff nach Rio de Janeiro ab. Und wie ein Blitz durchfuhr es mich: Da gehst du mit! Ich lief nach Hause; noch ganz außer Atem stürzte ich zur Mutter hinein, undsagte: Mutter, steh auf, packe meine Sachen; ich fahre heute um acht Uhr nach Rio de Janeiro. Die arme Frau glaubte im ersten Schrecken, ich hätte den Verstand verloren. Aber als sie sah, daß ich Ernst machte, und auch, daß ich voll froher Laune und ein verwandelter Mensch war, ergab sie sich leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte, in meinen Entschluß.
Sie dürfen mir glauben, gnädige Frau: als die Ankerkette rasselte und die erste unbestimmte Bewegung durch das Schiff ging, da erfüllte mich ein so reines, ganzes Gefühl, wie ich es seit Jahren nicht mehr empfunden habe. Seit Jahren! Aber nichts mehr davon! Ich gehe in die neue Welt – nicht um ein neuer Mensch zu werden, sondern um mich mit dem alten in mir dauernd wieder vertragen zu lernen. Und so werde ich auch von der anderen Seite der Erde eines Tages – kann sein erst in vielen Jahren – wieder zurückkommen
* * *
Diese Zeilen riefen mir vergangene Zeiten lebhaft in die Erinnerung zurück. Sie waren der Anlaß, daß ich mich wieder mit Personen und Ereignissenzu beschäftigen begann, die inzwischen aus meinem Gesichtskreis entschwunden waren. Ich suchte alte Papiere hervor, Briefe, die ich in einer mehrmonatlichen Abwesenheit an meinen Mann geschrieben hatte, Tagebücher, in denen ich manches aufgezeichnet hatte, was mir aus besonderen Gründen damals nahe ging. Damals stand allerdings für mich nicht Josef Balthasar Stöger im Vordergrund.
Jetzt widme ich ihm diese Blätter. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen Gestalt gelassen, ohne Ergänzungen hinzuzufügen, obwohl sie nur eine sehr lückenhafte Chronik seines Geschickes bilden.
Denn was erfährt man von dem Geschicke derjenigen, die neben uns leben? Irgend etwas ereignet sich; aber es ist nicht das Gleiche für alle, die dabei sind. Jeder handelt nach seinen verborgenen Gründen, geht nach seinem heimlichen Ziele, und der Zuschauer deutet die äußeren Zeichen. Die innere Seite des Geschehens bleibt unsichtbar und unmitteilbar; sie muß erraten werden, wie man ein Rätsel löst. Darin liegt eine Gefahr des Lebens, aber auch ein Zauber. Wer das erfahren hat, wird es vorziehen, wenn der Zuschauer sich nicht in einen Erzähler verwandelt.
Elmenreich: »Eine herrliche Gegend? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, gnädige Frau? Gebirge ist das Unerträglichste, was es auf der Welt giebt! Und gar ein solches Gebirge wie hier! Diese Berge ohne Größe der Linien, einer vor den anderen getürmt – eine zwecklose Einengung des Horizontes, weiter nichts. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals künftig wo anders Erholung suche als am Meer. Der Anblick des Meeres, das ist es, was man braucht; etwas Ungeheures, an das der Mensch nicht herankann, etwas ganz Großes, ganz Wildes, ganz Ungebändigtes, vor dem man den erbärmlichen Schnickschnack der Kultur vergißt. Nichts sehen als Wasser und Himmel, nichts hören als das Rauschen der Brandung, die das Denken einschläfert, dieses gottverdammte Denken, an dem man vor der Zeit alt und hinfällig wird und unbrauchbar für alle guten und gesunden Dinge des Lebens.
Hingegen das Gebirge – pfui Teufel! In den Thälern herumbummeln, auf diesen braven,wohlgeebneten, kiesbestreuten Promenadewegen, wo man dem Regierungsrat Müller und dem Hofrat Mayer und allen übrigen Mayer und Müller der Welt begegnet, während einem die Berge vor der Nase stehen wie zum Hohn! Dort oben die Freiheit, die Einsamkeit, die Größe! Wer aber kann denn jeden Tag auf einen solchen einsamen Gipfel klettern, von dem man drei Tage lang den Knieschnapper behält, nachdem man wieder unten ist? Und dann einsame Gipfel, schon gut! Nicht einmal die halten sich mehr frei von den lästigen sozialen Wesen, von denen die Thäler bewimmelt sind. Das Bergsteigen ist so recht die Erfindung eines banausischen Zeitalters, das nichts Hohes unangetastet lassen kann, eine Erfindung für Alpenvereinsmitglieder, die in der Natur nur die markierten Wege suchen. Einstmals wohnten auf den Bergesgipfeln die Götter; heute – Gott steh uns bei! Giebt es denn noch eine Höhe ohne Schutzhütte und Touristen? Und gar die Zahnradbahnen! Empörend, diese gemästeten Kommerzienräte, vor denen man auch 2000 Meter über dem Meere nicht mehr sicher ist! Das ganze deutsche Flachland hat man jetzt bei uns in den Bergen auf dem Halse! Unlängst, bei einem Ausflug nach Sankt Wolfgang – dieser ehemals so reizende Ort, man möchte blutige Thränen weinen –«
Der Hotel-Omnibus klapperte und rasselte,während wir durch die schlechtgepflasterten Straßen des Marktes fuhren. Elmenreich mußte schreien, um sich verständlich zu machen. Er bemerkte nicht, daß er mir eine unangenehme Enttäuschung bereitete, indem er gleich bei meiner Ankunft die Gegend heruntermachte, die er mir noch drei Wochen früher so lebhaft angepriesen hatte.
Als wir uns nach einer halbstündigen Fahrt wieder einem Orte näherten, grüßte Elmenreich jeden dritten Menschen. Er schien sämtliche Sommergäste zu kennen. Jemand sprang sogar für einen Augenblick auf den Wagentritt und rief herein: »Heute um 5 Uhr Rendezvous auf der Seewiese; Sie sind doch dabei, Herr Doktor?«
Dann sah ich eine jugendliche Männergestalt, ganz in weißen Flanell gekleidet, die Straße kreuzen. Eine blaubunte Schärpe leuchtete für einen Augenblick unter dem weißen Rock hervor. Und auch der wiegende Gang mit den kurzen Schritten war nicht zu verkennen, obwohl mir die Gestalt gleich wieder aus dem Gesichte verschwand.
»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, möchte ich schwören, daß eben – Graf Hermosa vorübergegangen ist«, sagte ich, ungewiß, ob nicht Elmenreich schon bei dem bloßen Namen außer sich geraten würde.
Ohne sonderliche Gemütsbewegung versetzte er in seinem gewohnten ärgerlichen Tonfall:
»Natürlich ist er vorübergegangen! Er treibt sich ja den ganzen Tag hier auf der Straße herum.«
»Wie? Graf Hermosa ist wirklich hier?«
»Warum sind Sie so verwundert darüber, gnädige Frau?«
»Ja aber – begegnen Sie ihm da nicht zuweilen?«
»Zuweilen? Täglich, stündlich, jeden Augenblick.«
»Und – und weicht er Ihnen dann aus? Oder grüßen Sie einander?«
»Warum sollen wir uns denn nicht grüßen? Wir speisen doch mittags und abends an demselben Tisch!«
Elmenreich ärgerte sich über meine Verwunderung.
»Sie halten dergleichen Menschen für zu wichtig, gnädige Frau«, sagte er geringschätzig. »Der gute Graf ist nicht bedeutend genug, als daß man dauernd mit ihm in Feindschaft leben könnte. Man muß solche Leute als das nehmen, was sie sind – als einen Stoff zur Unterhaltung. Im Grunde habe ich ihn nie für etwas anderes gehalten.«
»Aber Elmenreich! Wenn Sie jetzt behaupten wollen, daß Sie den Grafen nie ernst genommen haben!«
»Also meinetwegen: früher habe ich mich wohlwollend mit ihm unterhalten – und jetzt habe ich das Wohlwollen gestrichen. Aus der Welt schaffen kann ich ihn nicht, so lasse ich ihn eben mitlaufen.«
* * *
(Aus einem Briefe an meinen Mann.)
2. Juli 1893.
... denn in einen Kurort geschickt werden, hat immer etwas von einer Verbannung. Man wird herausgerissen aus der natürlichen Lebensform und in eine künstliche verpflanzt, in welcher der Müßiggang regiert. Man fühlt sich ausgeschaltet, unnütz, überflüssig.
Und daß ich hier ohne dich ausharren muß, macht das Gefühl des Verbanntseins noch lebhafter. Ohne dich nimmt das Leben für mich eine seltsame Kälte und Fremdheit an; es ist, als ob es alle Wärme und alles Licht von dir empfinge. Die Menschen und Dinge gleiten an mir vorbei, aber sie nähern sich mir nicht. Und so werde ich hier allein herumgehen und darüber nachdenken, wie öde die Welt ist ohne diese göttliche Zuflucht einer geliebten Seele. Ich werde allein herumgehen unter lauter Fremden, die da neben mir hinleben mit undurchdringlichen Stirnen wie mit geschlossenen Visieren, gleichgültig, höflich, nur mit sich selbst beschäftigt –.
Aber du hast recht: ich bin undankbar. Ich vergesse, daß Elmenreich da ist.
Ja, Elmenreich ist da. Er erwartete mich auf dem Bahnhof, als ich ankam; er hatte ein Bouquet Alpenrosen mitgebracht, um es mir zu überreichen. Ich glaube, daß er sich sogar über meine Ankunft freute. Und das Gesicht eines Freundes an einem fremden Orte ist auf alle Fälle ein lieber Empfang. Aber – je nun, Elmenreich ist der Mensch des Aber. Ich glaube fast, daß er es gewesen ist, der mich auf den Gedanken an die undurchdringlichen Stirnen und die geschlossenen Visiere brachte. Das scheint ihm gegenüber nicht am Platze zu sein; redet er denn nicht so viel, teilt er nicht alles mit, was ihm durch den Kopf geht –? Aber gerade sein vieles Reden macht ihn unerkennbar, kommt mir vor. Zum mindesten erscheint er mir in dieser fremden Umgebung nicht wie ein Altbekannter, wie ein Freund. Ich weiß nicht, warum: ich hatte auf einmal den Eindruck, als sei er ein anderer. Bei uns zu Hause, auf seinem gewohnten Platz, mit uns allein, ist er mir etwas Vertrautes, zu uns Gehöriges gewesen; hier fühlte ich plötzlich, wie wenig man einen Menschen kennt, den man immer nur ineinerSituation gesehen hat ...
* * *
Elmenreich begleitet mich auf meinem vorgeschriebenen Morgenspaziergang, obwohl er selbst nicht zum Kurgebrauch hier ist. Ich verstehe nicht ganz, warum er sich hier aufhält. Hört man ihn, so gewinnt man den Eindruck, daß ihm hier nichts behagt, am wenigsten die vielen Menschen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt.
»Fremde Menschen – was für eine Plage! Sich selbst wieder in Szene setzen müssen! Sich aufspielen müssen vor diesen gleichgültigen Augen, deren Blick immer an der Oberfläche haften bleibt! Und dazu das Befremden über das wunderliche Wesen, das aus der stillen Intimität des eigenen Innern herausgestiegen kommt! Wie angenehm haben es doch die Leute, die sich immer so wohl fühlen in der eigenen Haut, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, was für ein erstaunliches und rätselhaftes Ding dieses Ich im Grunde doch ist, dieses Ich, das da in unserem Körper agiert wie ein schlechter Schauspieler. Zu denken, daß es Menschen giebt, die noch nicht auseinandergefallen sind in Zuschauer und Schauspieler! Die immer ganz bei sich zu Hause sind, sich ganz identifizieren mit demSpiritus familiaris, der die Maschine in Bewegung setzt. Weiß der Teufel: was mich betrifft, mein Zuschauer zischt seinen Schauspieler gewöhnlich aus. Er ist gewöhnlich nicht erbautüber das Auftreten dieses mittelmäßigen Künstlers. Und doch ergreift er, wenn's darauf ankommt, für ihn Partei gegen das Publikum in der Außenwelt, das ihn aus der Stimmung bringt. Uff! Wenn der Mechanismus des Innenlebens so kompliziert geworden ist, sollte man sich nicht mehr den Berührungen aussetzen, die mit der Geselligkeit verbunden sind. Man erleidet zu viele Störungen. Und man braucht einen unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft, um sich wieder ins Gleichgewicht zu setzen ...«
Wir waren eine Stunde oder länger auf einem einsamen Waldweg gegangen; als wir auf den Promenadeweg einlenkten, kamen gerade die Kurgäste von ihrer Morgentour zurück. Es wimmelte nur so von Menschen. Und Elmenreich kannte jedermann, begrüßte jedermann, blieb mit jedermann fünf Minuten beisammen stehen.
»Diese vielen Begegnungen sind Ihnen gewiß lästig«, sagte ich. »Könnten wir nicht einen anderen Weg einschlagen?«
Man braucht hier bloß hundert Schritt abseits zu gehen, auf einen der Wege, die der Verschönerungsverein nicht in Stand hält, und man ist ganz allein.
Aber Elmenreich überhörte meine Bemerkung. Er schien sich in dieser Gesellschaft ganz wohl zu fühlen.
»Nur eines bitt' ich Sie, Elmenreich: stellen Sie mir nicht alle Ihre hiesigen Bekannten vor, wenn wir ihnen begegnen!«
»Das geht doch nicht anders«, antwortet er erstaunt. »Was würden sonst die Leute denken?«
»Nun, Sie könnten ja Ihren Bekannten nachträglich sagen, daß ich menschenscheu bin oder dergleichen –«
Das versetzte ihn in Heiterkeit:
»Sie und menschenscheu! Niemand paßt besser für den Umgang mit Menschen als Sie! Sie besitzen die Gabe des Zuhörens – und im Grunde verlangt jeder zu allererst von seinen Mitmenschen, daß sie hören, was er zu sagen hat. Jeder will selber reden, keiner will zuhören. Deshalb ist ein aufmerksamer und teilnahmsvoller Zuhörer der geeignetste Gesellschafter. In diesem Punkte werden Sie nur von einer einzigen Person übertroffen, die ich kenne, und das ist Pipin.«
»Pipin? Wer ist Pipin?«
»Pipin – mna, Pipin ist Pipin. Gegenwärtig befindet er sich auf einer Bergtour mit Dr. Kranich. Wenn er zurückkommt, werde ich ihn Ihnen vorstellen – außer Sie bestehen darauf, daß ich Sie mit niemandem mehr bekannt mache –?«
* * *
Sonntag.
Die Messe war aus. Ein Strom von Menschen ergoß sich ins Freie, Einheimische und Sommergäste durcheinander. Unter diesen größtenteils Damen, aber auch eine kleine Anzahl älterer Herren.
Elmenreich lehnte sich an das eiserne Geländer, das die Umgebung der Kirche von der höhergelegenen Fahrstraße trennt, und sah hinunter.
»Da kommen sie alle, die Sonntagsreiter des Glaubens«, sagte er verächtlich, »alle, die sich's mit dem lieben Gott nicht verderben wollen, für den Fall, daß er wider Erwarten doch da sein sollte. So machen sie ihm jeden Sonntag wenigstens eine Anstandsvisite, wenn sie sich schon die übrige Woche nicht um ihn kümmern. Mich wundert nur, daß diese Männer sich nicht schämen, mitten unter den Weibern einherzumarschieren –«
Da sagte hinter uns eine helle, übermütige Stimme in einem spöttisch wohlwollenden Ton: »Warum wundern Sie sich darüber, Elmenreich? In Amerika ist das nichts Ungewöhnliches. Dort gehört das Kirchengehen durchaus nicht bloß zumcantder Frauen.«
Als ich mich umwandte, sah ich zwei Reihen wundervoller weißer Zähne, die aus einem lachenden Mund blendend hervorblitzten. DieseZähne beherrschten das ganze Gesicht; ich hatte fürs erste keinen anderen Eindruck als ein phänomenales Gebiß.
Elmenreich sagte halb über die Achsel: »Haben es denn dort die Leute auch notwendig?«
»Warum haben es die Leute hier notwendig, nach Ihrer Meinung?« versetzte das phänomenale Gebiß.
»Nun, es giebt bei uns gewisse Esel, die eine Löwenhaut tragen, und es daher als ihre Pflicht betrachten, »mit gutem Beispiel voranzugehen«, oder auch Wölfe, die es für ihr weiteres Fortkommen zuträglich halten, wenn sie sich einen Schafpelz umhängen, oder auch Schweine, die sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen wollen, um sich für höherstehende Nasen angenehm zu parfümieren –«
»Gott wie witzig! Strengen Sie sich nicht so an, Elmenreich! Sie leben noch in dem Glauben, daß der höhere Mensch geistreich sein muß. Wissen Sie nicht, daß der Witz längst aus der Mode ist? Daß es nichts Altmodischeres giebt als das Geistreichsein?«
»Wodurch zeichnet sich denn gegenwärtig der höhere Mensch aus – nach Ihrer Meinung?«
»Durch sein Herz!«
Elmenreich wandte sich mit einem Ruck nach dem phänomenalen Gebiß um. »Wie? Durchsein Herz? Was ist das Neues? Seit wann sind Sie auf das Herz verfallen?«
»Ich suche nur mehr Menschen von Herz. Gedanken sind überflüssig und unangenehm; Gefühl ist das Einzige, was das Leben erträglich macht. Ich bin für die schönen Gefühle; alles andere lehne ich gegenwärtig ab.«
Elmenreich lachte höhnisch und sagte zu mir gewendet laut: »Dieser Doktor Kranich hat immer geniale Einfälle! Es ist ja unendlich wohlfeiler, auf Gefühle zu posieren als auf Gedanken. Gedanken muß man mindestens irgendwo gelesen haben, während man Gefühle ohne weiteres aus Eigenem bestreiten kann –«
Obwohl Dr. Kranich hierauf ein jauchzendes Lachen ausstieß und sich vor Vergnügen auf den Zehenspitzen schaukelte, fand ich es nicht ganz behaglich, so als Schallwand für Elmenreichs Glossen zu dienen.
»Das ist Dr. Kranich?« fragte ich, um das Gespräch abzubrechen. »Da muß also auch Pipin wieder hier sein?«
»Oh meine Gnädigste –I beg your pardon, Elmenreich hätte mich wohl vorstellen können –«
»Die gnädige Frau ist menschenscheu, man darf ihr niemanden vorstellen«, brummte Elmenreich.
Daraufhin blieb mir nichts übrig, als inDr. Kranichs Gelächter einzustimmen. Ich bemerkte, daß über seinen herrlichen Zähnen zwei schwarze, stechende Augen funkelten, die durchaus nicht mitlachten.
»Was aber Pipin betrifft, meine Gnädigste, so muß ich bemerken, daß wir beide keineswegsinséparablessind, wie Sie anzunehmen scheinen –«
»Na, lieber Arthur, wenn Sie wirklich die Menschen nach dem Herzen taxieren, dann können Sie sich nur eine Ehre daraus machen, mit Pipin in einem Atem genannt zu werden.«
Dr. Kranich jauchzte wieder laut auf.
»Unbezahlbar, dieser Elmenreich!« sagte er wie überwältigt vor Vergnügen. »Ist er nicht amüsant, gnädige Frau? Was für eine himmlische Grobheit! Darin ist er unübertrefflich, unnachahmlich! Ich kenne auf beiden Hemisphären keinen Menschen, der ihm darin gleich käme. Aber Sie haben recht, Elmenreich: ich sollte in Pipins Gesellschaft mein Herz zu bilden suchen. Und ich will gleich den Anfang damit machen.«
Er lüftete den Hut und schwang sich mit behenden Sätzen die Stufen hinab, die zur Kirche führten. Etwas Mutwilliges, Selbstbewußtes, Ueberlegenes war in seinen Bewegungen, wie er so hinuntersprang. Seine Gestalt war schlank und biegsam; der schwarzblaue Stoff seiner enganliegendenKniehosen zeichnete in knappen Falten langgestreckte, elegante Glieder. Er erinnerte an eine jener königlichen Katzen des Südens, die eben so schön sind als gefährlich, an einen schwarzen Panther, der wohl gezähmt ist, vor dem man aber doch auf der Hut bleiben muß.
Unter der Kirchenthür erschienen eben so ziemlich als die Letzten eine auffallend schöne junge Dame und an ihrer Seite ein unbedeutend aussehender, ganz junger Mann, mit einem blonden Backenbärtchen, das wie der Flaum eines eben ausgekrochenen Küchleins war. Hinter ihnen tauchte noch eine Uniform mit goldenem Kragen und ein bunter Blumenhut von ansehnlichem Umfang auf.
Elmenreich wandte sich ab. »Gehen wir, bevor sich diese ganze Gesellschaft uns an die Fersen hängt«, sagte er finster.
* * *
(Aus einem Briefe.)
6. Juli 1893.
... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten. Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt« gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr oderweniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt. Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden. Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.
Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen, furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen – aber alle diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken, Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift: »errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.
Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügendie Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe, bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der unerbittliche furchtbare Winter anbricht.
Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die nur mir allein bekannt ist – außer den Einheimischen, die nicht zählen. Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine einzige Buche.Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt. Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen Gedanken nachhängen will ...
* * *
Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.
Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen nicht Karten gespielt wird.
Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«
Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.
»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in einem Zug ohne Aufwachen –«
»Bei mir will es noch immer nicht kommen. Alle zwei Stunden bin ich wach, und von vier Uhr ab geht es überhaupt nicht mehr –«
»Und dieser Appetit! Ich kann meinen Kaffee schon beim Aufstehen kaum erwarten.«
»Das könnte ich leider nicht behaupten. Und gar heute! Ich glaube, der Kalbsbraten mitRahmsauce gestern abends hat mir geschadet. Solche Gasthaussaucen sind immer verdächtig.«
»Ja, man hat gleich einen verdorbenen Magen!«
»Und ich besonders. Ich vertrage nun einmal keine Veränderung in meiner gewohnten Kost.«
»Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einen verdorbenen Magen habe?«
»O da habe ich auch ein ausgezeichnetes Mittel –«
Elmenreich stand geräuschvoll auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Jetzt kommen die Hausmittel an die Reihe. Da will ich doch lieber einen Spaziergang im Regen machen. Gehen Sie mit, Arthur?«
Dr. Kranich rauchte friedlich seine Zigarette daneben: »Warum denn? Diese lieben kleinen Philistergespräche sind doch so nett. Man denkt dabei so angenehm an nichts. Sie haben etwas Stimmungsvolles wie die Erinnerungen an die Kindheit; sie bleiben sich immer gleich wie alle guten Dinge auf der Welt.«
»Doktor Kranich, Panegyriker der Idiotik! Aber das ist Geschmackssache. Ganz wie Sie wollen; ich gehe.«
An der Thür begegnete er zwei Ankommenden. Es war das schöne Mädchen und die Uniformmit dem goldenen Kragen. Als diese Beiden herankamen, stieß der Besitzer des verdorbenen Magens einen Ruf der Erleichterung aus.
»Ah, da sind Sie endlich, Herr Oberst! Wir warten schon mit Schmerzen auf Sie. Bei diesem verzweifelten Wetter weiß man ja gar nicht, wie man die Zeit totschlagen soll, wenn man nicht seine Partie Tarock hat.«
Der Oberst grüßte ziemlich unterthänig; er gestand nach gewissenhafter Vergleichung der Taschenuhren eine Verspätung von zehn Minuten zu und entschuldigte sich umständlich. Eugenie habe durchaus mitgehen wollen; aber Frauenzimmer und Pünktlichkeit –! Deshalb sollte ein Soldat von Rechtswegen niemals heiraten; eine Frau und eine erwachsene Tochter, das belade einen Soldaten mit zu vielen weiblichen Ansprüchen –
Er schien unversehens die Tarockpartie mit einer Schlacht zu verwechseln und redete sich in Eifer.
Der Besitzer des verdorbenen Magens wandte sich mit einem galanten Lächeln gegen die Tochter. Einer so schönen Sünderin sei ja doch im Voraus alles verziehen; wer würde da nicht sofort die Waffen strecken –?
Dame Eugenie stand unnahbar; sie antwortete weder auf die Vorwürfe, noch auf das Komplimentmit der geringsten Veränderung ihrer Miene.
Indessen legte sich Dr. Kranich ins Mittel und nahm dem ungestümen Soldaten die weitere Sorge für seine weibliche Bürde ab, indem er ihr, nicht ohne korrekt um meine Erlaubnis gebeten zu haben, einen Platz an unserem Tische anbot. Und dann begann er mit ihr ein Gespräch über Toiletten und Frisuren, in Ausdrücken und Wendungen, als ob er selbst eine Dame oder ein Schneider wäre. Er kritisierte ihren Anzug vom Kopf bis zu den Füßen, lobte und tadelte mit Kennermiene. Durch eine geschickte Handbewegung lüpfte er sogar den Saum ihres Rockes, um die »dessous« zu prüfen.
Sie ließ alles gleichgiltig geschehen. Mit gesenkten Augen gab sie kurze einsilbige Antworten; wenn sie ihre Augenlider einmal aufschlug – langsam und müde, als ob das Gewicht dieser dunklen, langen Wimpern nicht zu heben wäre – so that sie es, um einen Blick in die Richtung der Eingangsthüre zu werfen. Sie schien zerstreut und unruhig; sie hörte nur mit halbem Ohre zu, kam mir vor.
Es konnte noch keine Viertelstunde vergangen sein, als sich die Thür öffnete und Elmenreich wieder eintrat.
»Unerträglich, dieses Wetter«, sagte er undschüttelte die Tropfen von seinem Wettermantel. »Keine Möglichkeit, eine Viertelstunde Luft zu schnappen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.«
Dr. Kranich befühlte angelegentlich den Wettermantel. Na, das sei aber doch nicht der Rede wert! Elmenreich scheine noch keine ernsthaften Strapazen mitgemacht zu haben, wenn er über ein bißchen Feuchtigkeit schon außer Rand und Band komme –
Ja, ja, er wisse schon, am Ohio und Mississipi sei der Regen viel nässer als in Europa –
»Sehen Sie nur, Fräulein Eugenie: Dieser Mensch sagt viel lieber mir eine Bosheit, als Ihnen ein Kompliment. Elmenreich, das ist kein schöner Charakterzug von Ihnen. Gestehen Sie doch ohne schäbige Ausreden, warum Sie so rasch wieder zurückgekommen sind.«
Aber Elmenreich wurde gleich sehr übellaunig. Er verbat sich trocken solche »geschmacklose Bemerkungen«, setzte sich halb abgewendet an den Tisch und versank in Schweigen.
Auch Eugenie war mit Elmenreichs Erscheinen vollkommen stumm geworden.
Dr. Kranich machte einige Versuche, unbefangen sein Gespräch fortzusetzen; zuletzt sagte er mit einem sonderbaren Lächeln:
»Ich sehe, Elmenreich, Sie sind entschlossen,mich wegzuschweigen. Sie haben mit Fräulein Eugenie Dinge zu reden, bei denen ich überflüssig bin. Nun denn, als großmütiger Rivale räume ich freiwillig das Feld. Kann man ethischer handeln?«
Elmenreich erblaßte vor Aerger, Eugenie errötete. Lachend entfernte sich Dr. Kranich und gesellte sich zu einer Gesellschaft am anderen Ende des Saales.
»Ich – ich fürchte mich beinahe vor Dr. Kranich«, flüsterte Eugenie mit einem Blick auf Elmenreich. »Er thut und sagt immer gerade dasjenige, womit er jemandem am meisten Aerger oder Verlegenheit bereiten kann.«
»Das fehlte noch, daß die jungen Damen anfangen, sich vor ihm zu fürchten«, versetzte Elmenreich aufgebracht. »Machen Sie ihm um Himmels willen nicht das Vergnügen, sich durch ihn in Verlegenheit setzen zu lassen!«
»Und doch machen Sie ihm das Vergnügen, sich über ihn zu ärgern!«
»Fällt mir nicht ein. Was er sagt, ist mir so gleichgiltig, wie wenn ein Hahn kräht oder ein Hund bellt.«
»Also dann – was ist dann schuld, daß Sie so verstimmt sind, Herr Doktor?«
»Ich bin nicht verstimmt.«
»Und vorgestern – vorgestern haben Sieauch die Flucht ergriffen, als Sie uns aus der Kirche kommen sahen!«
»Ach Gott, ich tauge nicht für Gesellschaft. Sie waren ohnedies umringt genug –«
»Es ist doch nicht alles eins, von wem man umringt ist –!«
Elmenreich machte eine skeptische Miene.
»Ich bin kein passender Umgang für junge Damen. Sie sind an Huldigungen gewöhnt, Fräulein Eugenie, und Sie haben ein Recht, sie zu beanspruchen. Aber dazu tauge ich nicht.«
»Habe ich denn Huldigungen von Ihnen beansprucht?«
»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«
»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«
»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie sind jung und schön, was wissenSie davon! Mit zwanzig Jahren hat man keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen, um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......
... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....
... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswertschien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« – das ist die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der Thatmenschen aufwiegt!«
Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt, etwas Verstecktes und Abweisendes.
Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart –? Es giebt Dinge, die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann – –
Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderenEindruck auf mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten, die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.
Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als –«
»Um meine großen Reisen? Wieso?«
»Nun ja, Sie sagten doch eben, Sie kennen die ganze Welt? Das wäre mein sehnlichster Wunsch! Ich möchte das ganze Jahr auf Reisen sein, im Winter an der Riviera oder in Kairo, im Sommer in der Schweiz oder in Norwegen, und ich würde nicht müde und schwindlig werden. Man braucht doch in der Welt nur Geld zu haben, dann stehen einem alle Herrlichkeiten offen. Wenn ich denke, daß es soviel Sehenswertes giebt, und ich soll es vielleicht nie kennen lernen –! Ach, nur fort, nur fort!«
Dann, als hätte sie schon zuviel gesagt, verstummte sie jählings, und hörte wieder unbeweglich zu, während Elmenreich eine große Rede über das Lästige und Banale der Vergnügungsreisen hielt.
Später kam jemand von einem Nachbartisch herüber.
»Können Sie vielleicht Auskunft geben, HerrDoktor«, sagte er zu Elmenreich mit Gelächter, »wo steckt denn Pipin? Es ist schon ein allgemeines Fragen um ihn. Die jungen Damen möchten gerne Kirschen haben; da könnte doch Pipin geschwind einmal in den Markt laufen.«
Er lachte laut.
Eugenie sah den Lachenden von oben herab an.
»Pipin ist in den Markt gegangen, um etwas aus der Apotheke zu holen«, sagte sie kühl. »Die Mama hat ihn darum gebeten; sie ist heute nicht ganz wohl.«
Der Lachende entschuldigte sich und ging an seinen Tisch zurück. Dort entstand eine große Heiterkeit; der Umstand, daß Pipin im Regen herumlaufen mußte, schien eine unwiderstehliche Komik zu haben.
* * *
Ein grelles, kreischendes Lachen nähert sich. Es ist die Dame mit dem bunten Blumenhut, die so lacht, und ihr Begleiter, der sie so unterhält, ist einer der anwesenden Würdenträger. Daneben geht Eugenie, stumm, unbeweglich, mit einem lässigen, müden Schritt, und einem Gesicht, das so teilnahmslos ist, als höre sie einem Gespräch in einer fremden Sprache zu.
Als sie schon fast vorüber war, erblickte siemich. Sie grüßte, zögerte einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.
»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter mitzugehen.«
Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte sich mit dem amüsanten Würdenträger.
Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.
»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches, das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«
Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen – aber ihn selbst? Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt – aber wieviel kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbees in Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?
Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen, einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt. Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten Schicksalsschlägegebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und – ich wollte sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen. Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?
Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:
»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne – glauben Sie nicht auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend einen Beruf?«
»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus –«
»Warum nicht?«
»Er findet, daß man als Advokat zu sehr indie Erbärmlichkeit der Durchschnittsmenschen hineinverstrickt wird –«
»Er ist also nicht darauf angewiesen, einen Beruf auszuüben?«
»Er ist völlig unabhängig.«
»Der Glückliche! Und doch ist er so unzufrieden? Nein, nein, dafür muß es einen Grund geben! Ein reicher, unabhängiger Mensch kann doch sonst nicht so unzufrieden sein!«
Und davon war sie durchaus nicht abzubringen. Eine düstere Grundstimmung ohne äußere Veranlassung konnte sie als zureichende Erklärung nicht gelten lassen.
Daß ich zu keinerlei weiteren Mitteilungen zu bewegen war, schien sie bloß als Unaufrichtigkeit auszulegen, oder als Unfreundlichkeit. Sie fiel mit einem Male in ihre kühle, statuenhafte Haltung zurück, blieb noch einige Minuten schweigend neben mir sitzen und empfahl sich dann mit einer konventionellen Entschuldigung, daß sie gestört habe.
* * *
(Aus einem Briefe.)
10. Juli 1893.
... Man kann unmöglich gleichgiltig ihr gegenüber bleiben. Ihr Blick allein macht betroffen. Er hat etwas Suchendes, Fragendes,Saugendes; er bleibt hängen an demjenigen, auf den er sich heftet, wenn sie vorübergeht. Und goldene Funken glühen in diesen Augen wie vom Reflexe ihrer blonden Haare, die sich kräuseln, ringeln, locken in einem unentwirrbaren Spiele, um sich über ihrem Nacken zu einem glänzenden Knoten zu schlingen. In ihrem höchst regelmäßigen Gesicht herrscht für gewöhnlich jene Miene hoheitsvoller Unnahbarkeit, in die ein Zug resignierter Schwermut gemischt ist, als trauere sie beständig darüber, daß die Welt so häßlich und so gemein ist. Du wirst diese Miene schon bei schönen Frauen gesehen haben. Es liegt viele Kunst und die Kultur von Jahrhunderten darin: sie soll den Eindruck hervorbringen, daß nichts Gewöhnliches, geschweige etwas Niedriges ihrer Trägerin nahe kommen könne. Und jede Bewegung, die ganze Haltung ist auf die gleiche Tonart gestimmt. Die Geberden dieser jungen Dame haben etwas vornehm Ansichgehaltenes, ein wohlabgewogenes Maß, das die Vorstellung erweckt, daß es in keinerlei Umständen durch gemeine Hast oder elementare Heftigkeit zu stören wäre. Und unter diesen fürstlichen Allüren der Schönheit verbirgt sich ihr Wesen undurchdringlich wie unter einem kostbaren Goldbrokat, dessen großlinige Falten nichts von der Gestalt verraten, die ihn trägt.
Ihr Vater hat vor kurzem zum zweitenmalgeheiratet – seine frühere Wirtschafterin, sagt man. Eine sehr hübsche, sehr herausfordernde, sehr energische Frau und in allen Stücken das Gegenteil ihrer Stieftochter. Keine vornehmen Manieren, keine damenhafte Würde, sondern sehr lärmend und sehr ungeniert. Niemand weiß etwas Näheres über dieses Familienleben, aber jedermann errät, daß es zum mindesten für die Tochter kein angenehmes sein kann. Daß sie sich nie beklagt, erhöht die Sympathie, die sie besitzt. »Sie sollte heiraten, das wäre das Beste für sie«, sagen die ganz Wohlwollenden. Aber die Weltkundigen versetzen: »Zum Heiraten gehört wie zum Kriegführen vor allen Dingen – Geld.« Noch andere ziehen die Augenbrauen hinauf und ergänzen: »Und um ruhig an der Seite einer so schönen Frau zu leben, muß man entweder ein Tyrann sein oder – ein Esel.«
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch einige gemeinnützige Betrachtungen über die soziale Mission der Schönheit gehört. »So schöne Frauen dürften von Rechtswegen nicht einem einzigen gehören. Wozu hätte die Natur ihnen sonst die fabelhafte Anziehungskraft verliehen, mit der sie alle männlichen Wesen an sich locken –? In der Oekonomie der Natur ist solchen schönen Frauen eine andere Rolle zugedacht als sich die bürgerliche Moral träumen läßt.«
Es war Dr. Kranich, der diesen Kommentar zur Oekonomie der Natur in Dingen der weiblichen Schönheit gab ...
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(Aus einem Briefe.)
12. Juli 1893.
... Außer diesen gehört noch der Graf zu unserer Tischgesellschaft. Ich bilde mir ein, es liegt immer eine Spannung in der Luft wie vor einem Gewitter. Aber die Luft bleibt trotzdem ruhig und kühl. Elmenreich wird schweigsam, sobald der Graf kommt; unausgesprochene Glossen auf den Lippen und versteckte Bosheiten in den Augenwinkeln sitzt er da, und spielt mit seinem Barte; wenn er etwas zu sagen hat, wendet er sich an Pipin oder an mich. Mit Dr. Kranich ist er kurzangebunden, mit Pipin grob, mit den Kellnern übellaunig, mit dem Grafen aber höflich. Er sieht ihn nie an; geschieht es, daß der Graf eine Bemerkung an ihn richtet, die er nicht überhören kann, so antwortet er auf das Tischtuch hin.
Die Art des Grafen kennst du ja. Er hat hier wieder einen Freundschaftsbund geschlossen. Sein gegenwärtiger Intimus ist der Brunnhofer Seppl, ein handfester junger Bursche, der alsBergführer, Gepäcksträger, Ruderknecht, Bote und dergleichen im Hotel beschäftigt wird. Er gehört unter die sogenannten schönen Männer; und es scheint, er weicht auch im Punkte seiner intellektuellen Fähigkeiten nicht von jener Regel ab, nach welcher die Natur in ihrer haushälterischen Weise die körperlichen Vorzüge an den geistigen abzuziehen pflegt. Der Graf verbringt fast den ganzen Tag in seiner Gesellschaft; häufig sieht man beide in der größten Sonnenhitze auf der staubigen Fahrstraße, den Brunnhofer Seppl mit einem Pack auf dem Rücken, den Grafen mit einem Päckchen auf dem Arm, das er ihm zur Erleichterung abgenommen hat.
Dieses Verhältnis erregt hier kein geringes Aergernis, wie du dir denken kannst. Unter den Hof- und Regierungsräten hat der Graf ohnedies wegen seiner bunten Schärpe heftige Feinde; diese Schärpe wirkt auf sie wie jenes rote Tuch, das bei den spanischen Stierkämpfen eine bekannte Rolle spielt. Und sie ergreifen jeden Anlaß, um ihrer Erbitterung über ihn Luft zu machen. Einer von ihnen sagte zu mir: »Da kann man sehen, wie weit es mit den Aristokraten schon gekommen ist! Sie sind gar nicht mehr fähig für den Umgang mit gebildeten Menschen.«
Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis eigens zu demZwecke begonnen »pour épater les bourgeois.« Und diese verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht, sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen finanziellen Kalamitäten zu ziehen. – Es ist nicht gut, dem schwarzen Panther in die Klauen zu fallen!
Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht, als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr Geheimnis.
Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, denBrotteller, er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.
Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche gelangt. Man horcht auf, man stutzt – doch man kann nicht unterscheiden, ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.
Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen.Die Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es wird beständig ins Blaue geschossen – »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.
Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz, was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.
Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen zu Bett gehen, gehört in das Gebietder Legende. Der einzige überlebende Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät« war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns schließt ...
* * *
Fragmente der Abendgespräche.
Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke, Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit –«
Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird – was auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die»erste Generation« sind, daß mit ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet, was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat –?«