The Project Gutenberg eBook ofPlatons Gastmahl

The Project Gutenberg eBook ofPlatons GastmahlThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Platons GastmahlAuthor: PlatoTranslator: Rudolf KassnerRelease date: March 23, 2008 [eBook #24899]Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PLATONS GASTMAHL ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Platons GastmahlAuthor: PlatoTranslator: Rudolf KassnerRelease date: March 23, 2008 [eBook #24899]Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

Title: Platons Gastmahl

Author: PlatoTranslator: Rudolf Kassner

Author: Plato

Translator: Rudolf Kassner

Release date: March 23, 2008 [eBook #24899]

Language: German

Credits: Produced by Jana Srna, Andrew Sly, Alexander Bauer and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

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Anmerkungen zur Transkription:Der Text wurde originalgetreu übertragen. Lediglich einige offensichtliche Fehler wurden korrigiert. Sämtliche vorgenommenen Korrekturen sind markiert, derOriginaltexterscheint beim Überfahren mit der Maus.

MEDIUM TE MUNDI POSUI, UT CIRCUMSPICERES INDE COMMODIUS QUIDQUID EST IN MUNDO · NEC TE CŒLESTEM NECQUE TERRENUM NECQUE MORTALEM NECQUE IMMORTALEM FECIMUS, UT TUI IPSIUS QUASI ARBITRARIUS HONORARIUSQUE PLASTES ET FICTOR IN QUAM MALUERIS TU TE FORMAM EFFINGAS · POTERIS IN INFERIORA QUAE SUNT BRUTA DEGENERARE, POTERIS IN SUPERIORA QUAE SUNT DIVINA EX TUI ANIMI SENTENTIA REGENERARI · O SUMMAM DEI PATRIS LIBERALITATEM, SUMMAM ET ADMIRANDAM HOMINIS FŒLICITATEM · PICO DI MIRANDOLA „ORATIO“

Verlagslogo

22.–26. TAUSENDVERDEUTSCHT VON RUDOLF KASSNER

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHSJENA 1922

FRAUE. BRUCKMANN-CANTACUZENEGEWIDMET

ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNGIN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN. COPYRIGHT 1922BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

Relief eines nackten Griechen

AApollodoros:„O ja, darüber bin ich ziemlich unterrichtet. Erst neulich, da ich von Phaleron nach der Stadt gehe, sieht mich von rückwärts einer meiner Bekannten und ruft mir nach: „Apollodoros, Apollodoros von Phaleron“ – er scherzt immer mit meinem Namen – „so warte doch!“ Ich bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er mir denn: „Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich möchte nämlich so gerne etwas über das Gastmahl des Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem Sokrates, Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und bei dem sie über Eros gesprochen haben. Was sprachen sie damals alles, weißt du näheres? Mir hat schon jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem Sohne des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, auch du wüßtest näheres darüber. In der Tat, er konnte mir nicht gerade viel sagen, erzähle du mir nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen wie du, die Worte unseres großen Freundes zu künden. Zuerst aber sage noch schnell: warst du selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?“ Darauf erwidere ich ihm gleich: „Dein Freund muß dich wirklich schlecht unterrichtet haben, wenn er meint, das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erstvor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte daran teilgenommen!“ „Nicht? Ich dachte!“ „Aber mein lieber Glaukon,“ fuhr ich fort, „weißt du denn nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die Stadt verlassen hat? Und dann – seitdem ich um Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich sage täglich ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was Sokrates tut, sind noch nicht drei Jahre vergangen. Früher, ach früher! – da lief ich so herum, ohne zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch so jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich wie du jetzt, Glaukon, der du noch immer glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht denken.“

Apollodoros:„O ja, darüber bin ich ziemlich unterrichtet. Erst neulich, da ich von Phaleron nach der Stadt gehe, sieht mich von rückwärts einer meiner Bekannten und ruft mir nach: „Apollodoros, Apollodoros von Phaleron“ – er scherzt immer mit meinem Namen – „so warte doch!“ Ich bleibe nun stehen und warte auf ihn, und da sagt er mir denn: „Ich habe dich schon unlängst gesucht, ich möchte nämlich so gerne etwas über das Gastmahl des Agathon erfahren, ich meine jenes, an dem Sokrates, Alkibiades und noch viele andere teilgenommen und bei dem sie über Eros gesprochen haben. Was sprachen sie damals alles, weißt du näheres? Mir hat schon jemand davon erzählt, der es von Phoinix, dem Sohne des Philippos, gehört hatte, und dieser sagte mir, auch du wüßtest näheres darüber. In der Tat, er konnte mir nicht gerade viel sagen, erzähle du mir nun davon! Denn niemand ist so dafür geschaffen wie du, die Worte unseres großen Freundes zu künden. Zuerst aber sage noch schnell: warst du selbst bei dem Gastmahl zugegen? Ja?“ Darauf erwidere ich ihm gleich: „Dein Freund muß dich wirklich schlecht unterrichtet haben, wenn er meint, das Gastmahl, um das du mich fragst, hätte erstvor kurzem stattgefunden und ich selbst hätte daran teilgenommen!“ „Nicht? Ich dachte!“ „Aber mein lieber Glaukon,“ fuhr ich fort, „weißt du denn nicht, daß Agathon seit vielen Jahren schon die Stadt verlassen hat? Und dann – seitdem ich um Sokrates bin, seitdem ich täglich, ich sage täglich ganz genau weiß, was Sokrates spricht und was Sokrates tut, sind noch nicht drei Jahre vergangen. Früher, ach früher! – da lief ich so herum, ohne zu wissen wohin, und tat geschäftig und war doch so jämmerlich wie nur irgend jemand, so jämmerlich wie du jetzt, Glaukon, der du noch immer glaubst, man dürfe um keinen Preis denken, nur nicht denken.“

„Bitte, mache dich nicht über mich lustig,“ sagt mein Freund, „sage lieber, wann hat das Gastmahl also stattgefunden?“

„Wir waren noch Kinder, Agathon hatte mit seiner ersten Tragödie gesiegt und mit seinen Choreuten den Sieg gefeiert, den Tag darauf nun da hat das Gastmahl stattgefunden!“

„Das ist allerdings schon lange her. Aber von wem weißt du das alles?“ fragte Glaukon weiter. „Von Sokrates selbst?“

„Ach Gott, nein, nein! Von ebendemselben, von dem Phoinix es gehört hat: von Aristodemos aus Kythäron, vom kleinen Aristodemos, der immer wie der Meister ohne Sandalen herumlief. Er war dabei; ich glaube, seine Beziehungen zu Sokrates waren ganz besonders innige. Später habe ich noch Sokrates selbstum einiges gefragt, und Sokrates bestätigte, es sei alles so gewesen, wie Aristodemos es mir geschildert hat.“

„Gut, gut, so erzähle du mir jetzt nun alles!“ drang Glaukon weiter. „Wir gehen beide in die Stadt, und auf dem Wege kann man so gut reden und zuhören!“

Nun, so gingen wir beide zusammen nach der Stadt und sprachen darüber; ich bin also, wie gesagt, vorbereitet. Und wenn es sein muß, so will ich auch euch alles erzählen. Aufrichtig, ich freue mich jedesmal unbändig, wenn ich entweder selbst über Philosophie sprechen oder davon hören darf. Von der Förderung, die ich dadurch erfahre, rede ich erst gar nicht. Über das, was man so den Tag über schwatzt, was ihr Reichen und Krämer zusammenschwatzt, ärgere ich mich doch nur; ja ich bemitleide euch, denn ihr glaubt immer, weiß Gott was zu tun und kommt doch nicht weiter. Vielleicht werdet ihr euerseits wieder mich bemitleiden, vielleicht habt ihr recht, ja, ich bin bemitleidenswert, ja! Aber ihr, meine Lieben, seid es in einem ganz anderen Sinne, und ihr seid es nicht nur vielleicht, ihr seid es bestimmt, das weiß ich.“

Der Freund:„Apollodoros, du bleibst der Alte! Immer schmähst du dich selbst und die Welt und hältst, mit dir angefangen, alle einfach für bemitleidenswert; Sokrates allein ist deine Ausnahme. Ich weiß zwar nicht, woher du den Beinamen „der Tolle“ hast, aber, so oft du sprichst, bist du wirklich wie toll. Du haderst mit dir selbst und den andern, nur Sokrates, Sokrates bleibt von deiner Wut verschont!“

Apollodoros:„Mein lieber Freund, es ist wohl nurzu natürlich, daß ich toll und rasend erscheine, da ich nun einmal so über mich und euch denke!“

Der Freund:„Streiten wir jetzt nicht darüber! Tue das, worum wir dich gebeten haben, und erzähle uns vom Gastmahl!“

Apollodoros:„Am Gastmahl nahmen teil … Doch nein, ich will lieber gleich von Anfang an es so erzählen, wie ich es von Aristodemos gehört habe. Aristodemos erzählte also: er wäre eines Abends Sokrates begegnet, und Sokrates hätte gerade gebadet gehabt und, was selten vorkommt, Sandalen getragen. Auf die Frage, wohin er denn so geputzt ginge, hätte Sokrates geantwortet: „Zu Agathon, zu einem Gastmahl! Gestern bin ich noch der Siegesfeier entgangen – ich mag den Lärm nicht – ich habe aber versprochen, heute zu kommen. Und so habe ich mich denn schön gemacht, damit auch ich „schön vor den Schönen“ trete. Aber du, wie denkst du darüber, ungeladen mitzugehen?“ „Ja, wenn du glaubst …“ hätte er geantwortet. „So komm nur mit! Wir können ja das Sprichwort drehen und sagen: Zum Mahle des Guten kommen ungeladen die Guten! Homer dreht es nicht nur um, sondern hält sich überhaupt nicht daran: Agamemnon ist sein bester Soldat, und Menelaos ist, wie sagt er doch, Menelaos ist ein verwöhnter Speerschütze. Doch da Agamemnon das Opfer feiert, kommt Menelaos ungeladen zum Opfermahle, du siehst, der Schlechtere kommt hier zum Mahle des Besseren.“ „Ich fürchte,“ hätte Aristodemos eingewendet, „ich fürchte, Sokrates, du schmeichelst mir, wenn du das Sprichwortin deinem Sinne drehst; ich bin wohl eher im Sinne Homers der arme Schlucker und gehe ungeladen zum Mahle des Weisen und Edlen! Sieh nur zu, wie du mich dort entschuldigen wirst; ich will durchaus nicht ungeladen kommen, ich betrachte mich von dir geladen!“ „Während wir zusammen gehen, können wir ja überlegen, was wir anführen werden. Gehen wir nur!“ hätte Sokrates geschlossen, und so wären sie denn beide weitergegangen. Sokrates wäre aber, wie ihm ja das öfters geschieht, ganz plötzlich in Gedanken gekommen und auf dem Wege immer wieder zurückgeblieben. Da Aristodemos auf ihn warten wollte, hätte Sokrates ihn nur weitergehen geheißen. Bis zu Agathons Tür wären sie schließlich beide zusammen gegangen. Und jetzt wäre Aristodemos etwas ganz Komisches widerfahren. Agathons Tür hätte offen gestanden, ein Knabe ihn bei der Tür empfangen und zu den Sitzen der andern geführt, die eben im Begriffe waren, an das Essen zu gehen. Da aber Agathon ihn erblickte, hätte er gleich gerufen: „Aristodemos, du kommst gerade zurecht, um noch mit uns zu essen. Laß alles nur, bitte, auf morgen, wenn du etwa in einer andern Angelegenheit herkommst! Ich habe dich gestern schon überall gesucht, um dich für heute einzuladen, und konnte dich nicht finden. Aber warum bringst du Sokrates nicht mit?“ „Ich drehe mich um“, hätte Aristodemos gesagt, „und sehe keinen Sokrates. ‚Ja, ich bin aber doch mit Sokrates gekommen,‘ rief ich, ‚Sokrates hat mich aufgefordert, mit zu euch zu kommen!‘“ „Gut, gut,natürlich, aber wo ist er?“ „Ja, Sokrates ging hinter mir und kam mit herein, ich bin jetzt selbst ganz verwundert, wo er nur geblieben sein mag.“ „Sieh du dich nach Sokrates um,“ hätte Agathon einem Knaben befohlen, „und bring ihn uns! Doch du, Aristodemos, lege dich dorthin neben Eryximachos!“ Ein Knabe hätte Aristodemos nun die Füße gewaschen und Aristodemos sich dann neben Eryximachos gelegt. Der Knabe aber, den Agathon nach Sokrates geschickt hatte, wäre mit dem Berichte zurückgekommen: Sokrates stehe ganz allein im Tore des Nachbarhauses und wolle nicht kommen. „Unsinn, gehe noch einmal und laß nicht locker!“ Agathon hätte noch einmal den Knaben schicken wollen, doch Aristodemos entgegnete: „Nein, nein, laßt Sokrates nur! Er macht das oft so und bleibt plötzlich wo stehn. Er wird ja gleich kommen. Stört ihn nur nicht!“ „Nun, wenn du glaubst;“ gab Agathon nach, „ihr Knaben aber bringt uns das Essen. Setzt es uns vor, ganz wie ihr wollt! Niemand soll heute die Aufsicht führen. Ich liebe das nicht. Bildet euch ein, wir wären von euch zu Tische geladen, und bedient uns so, daß wir euer Haus dann loben!“ Und so hätten sich denn alle ans Essen gemacht. Sokrates wäre aber noch immer nicht gekommen. Agathon hätte ihn zwar immer wieder holen lassen wollen, aber Aristodemos wäre weiter dagegen gewesen. Endlich wäre er doch gekommen, sogar ohne diesmal so lange wie gewöhnlich auf sich warten zu lassen, sie wären alle noch mitten im Essen gewesen. Und gleich hätte Agathon, der ganz an der Ecke alleinsaß, Sokrates zugerufen: „Zu mir, Sokrates, setze dich zu mir, damit auch ich etwas von dem Gedanken, der dir dort vor der Tür in den Wurf kam, bekomme! Du hast dir ihn wohl gefangen und hältst ihn jetzt fest! Natürlich, sonst hättest du wohl kaum den Anstand verlassen!“ Sokrates hätte sich auch gleich neben Agathon gesetzt und ihm erwidert: „Ich mag mit meinem Platze wohl zufrieden sein, wenn also die Weisheit wirkt, daß sie aus dem Vollen ins Leere abfließt, so wir beide uns nebeneinander halten, wie ja das Wasser aus dem vollen Becher in den leeren fließt, wenn man ein Haar zwischen beide legt. Ja, wenn also die Weisheit wirkt, dann ehre ich den Platz neben dir! Ich glaube, neben dir recht voll von deiner reichen und schönen Weisheit zu werden. Denn meine Weisheit ist mager und zweifelhaft, zweifelhaft wie ein Traum. Deine Weisheit hingegen strahlt und hat eine helle Bahn, du bist noch so jung, und sie hat gestern vor mehr als dreißigtausend Griechen geleuchtet!“ „O Sokrates, du bist ein böser Spötter; den Streit über unsere Weisheit aber wollen wir später ausfechten, und Dionysos wird Richter sein. Jetzt iß nur zuerst!“ Nun hätte also auch Sokrates gegessen, und da er und die andern fertig waren, hätten alle zuerst dem Gotte vom Weine gespendet und die Lieder gesungen, und so unter allen den üblichen Gebräuchen wäre es zum eigentlichen Trinkgelage gekommen. Und Pausanias nahm gleich das Wort: „Wohlan denn, Freunde, da jetzt getrunken werden muß, so frage ich zuerst, wiemachen wir uns dies heute so leicht wie möglich? Damit ich es nur gleich gestehe, mein Kopf ist mir noch von gestern schwer, und ich muß mich heute noch davon erholen. Und da ihr alle gestern zugegen waret, so nehme ich dasselbe von euch an.“ „Da hast du recht, Pausanias,“ fiel Aristophanes ein, „da hast du recht, wir müssen uns heute durch irgend etwas vom fortwährenden Trinken ablenken. Auch ich stak gestern tief im Weine!“ „Das heiße ich vernünftig gesprochen,“ rief Eryximachos, der Sohn des Akumenos, „aber nur einen von euch möchte ich noch fragen, dich, Agathon: Hast du viel Lust zum Trinken?“ „Nein, nein, sehr wenig!“ gab Agathon zur Antwort, und Eryximachos: „Nun, wenn so unsre besten Zecher versagen, so ist das für mich und Aristodemos und Phaidros ein großer Trost, denn wir drei vertragen nie viel. Sokrates nehme ich aus, denn er kann immer beides, und darum wird ihm beides recht sein. Da also niemand von den Anwesenden Lust hat, viel zu trinken, so dürfte ich gerade heute niemandem zu nahe treten, wenn ich euch über die Trunksucht einmal die Wahrheit sage. Ich bin Arzt und habe in meiner Praxis erfahren, wie schädlich der Rausch den Menschen sei. Ich selbst möchte also heute weder gerne einfach darauflostrinken, noch andern dazu raten, am wenigsten dem, welchem noch von gestern der Kopf brummt!“ „Eryximachos, ich folge dir, du weißt es, immer und besonders dann, wenn du als Arzt sprichst,“ unterbrach ihn Phaidros, der Myrrhinusier, „heute werden auch die andern auf dichhören, wenn ihnen an ihrem eigenen Wohl gelegen ist.“ Und so waren denn alle darin übereingekommen, heute nicht bis zum Rausch, sondern ganz ohne Zwang zu trinken. Und Eryximachos fuhr fort: „Da es also abgemacht ist, daß heute jeder nur so viel trinke, wie er will, und niemand gezwungen wird, so schlage ich vor, wir lassen die Flötenspielerin, die eben gekommen ist, wieder gehen; sie mag sich selbst oder, wenn sie es vorzieht, unsern Weibern zu Hause etwas vorspielen; wir werden uns allein unterhalten und zwar mit Gesprächen. Und wenn ihr es hören wollt, so werde ich euch sagen, worüber wir reden sollten!“ Alle wollten den Vorschlag des Eryximachos hören, und Eryximachos sagte ihn: „Ich beginne wie des Euripides Melanippe: Nicht ich rede, sondern Phaidros spricht durch mich. Phaidros sagt mir nämlich jedesmal ganz bitter: „Ist es nicht arg, Eryximachos, daß auf alle Götter Lieder und Gesänge von den Dichtern geschrieben werden und daß ihrer niemand noch Eros, diesen alten und starken Gott, im Liede gepriesen hat? Sieh dir die ehrlichsten Sophisten an: Herakles und die andern Götter verherrlichen sie in ganzen Abhandlungen, denke nur an den ausgezeichneten Prodikos! Und wenn man das noch verstehen kann, aber ich hatte unlängst ein Buch in der Hand, und darin konnte man ganz ernst ein Loblied auf den Nutzen des Salzes lesen, und in dieser Art könntest du noch vieles finden. Auf solche Dinge wird viel Fleiß verwendet, aber bis heute hat noch niemand gewagt, Eros zu feiern; ein so großer Gott bleibt alsoohne Ehren!“ Phaidros scheint mir recht zu haben. Ich will also seinen Antrag unterstützen und ihm gefällig sein; ich glaube auch, gerade jetzt wäre unter uns Stimmung, den Gott zu preisen. Wenn ihr nun alle meiner Ansicht seid, so könnten wir uns nicht angenehmer die Zeit vertreiben. Ich denke, wir fangen dann von rechts an und jeder spricht etwas zum Preise des Gottes, so gut er es eben kann; Phaidros beginnt, er sitzt ganz oben und hat uns auch zum Ganzen angeregt.“ „Niemand, Eryximachos, wird gegen dich stimmen,“ rief Sokrates, „am wenigsten ich, der ich immer behaupte, mich überhaupt nur auf die Liebe zu verstehen; Agathon und Pausanias sind selbstverständlich dafür; Aristophanes hat es ja immer nur mit Aphrodite und Eros zu tun, alle, alle hier sind auf deiner Seite. Allerdings sind wir, die ganz unten sitzen, ein wenig im Nachteil, doch wenn die andern oben gut sprechen, so werden wir es zufrieden sein. Viel Glück denn, Phaidros, fange an und preise uns den Gott der Liebe!“ Alle haben sich Sokrates angeschlossen und Phaidros zum Worte gerufen. Was nun jeder sprach, dessen konnte weder Aristodemos sich immer genau entsinnen, noch weiß ich selbst alles so deutlich, wie Aristodemos es mir erzählt hat. Doch was mir in ihren Reden wesentlich und denkwürdig erschien, das alles sollt ihr jetzt hören.

Phaidros hätte also begonnen: „Ein großer Gott ist Eros und wunderbar unter Menschen und Göttern, groß und wunderbar in vielem Sinne und vor allem dann, wenn wir an seine Geburt denken. Denn Erosist der älteste der Götter, und das allein ist ein Vorzug. Eros hat keinen Vater und keine Mutter, Dichter und Laien wissen nichts von seiner Geburt. Hesiod sagt, am Anfang sei das Chaos gewesen und ‚dann die breite Erde, der Wesen ewig sicherer Sitz und endlich Eros‘. Und Parmenides erzählt von der Schöpfung, sie habe von allen Göttern zuerst den Gott der Liebe ersonnen. Wie Hesiod denkt auch Akusilaos, und so gilt denn Eros wirklich vielen als der älteste Gott. Und darum ist er auch der Spender höchster Gaben. Ich wüßte denn auch keine höhere Gabe als einem Jüngling den treuen Freund und diesem den Geliebten. Was allen Menschen, die edel ihr Leben führen wollen, immer notwendig sein soll, das können diesen nicht Geburt, nicht Ehre, nicht Reichtum so reich geben, wie die Liebe es gibt. Denn die Liebe allein gibt die Scham vor dem Laster und den Ehrgeiz alles Edlen, und ohne beide vermag eine ganze Stadt, vermag der Einzelne nicht das Große zu wirken. Ich meine, wenn ein Jüngling irgend etwas ganz Schlechtes getan hat oder seine Feigheit den Gegner nicht wehren wollte, so wird die offene Scham ihn vor seinen Eltern oder Gefährten lange nicht so wie vor dem Geliebten schmerzen. Und wenn der Geliebte bei etwas Schlechtem ertappt wird, so empfindet er vor niemandem so bitter die Schande wie vor dem Freunde! Die Freunde und die Geliebten – ja sollte es möglich sein, aus beiden eine ganze Stadt oder ein ganzes Heer zu bilden, so könnten eine so gemeinsame Abscheu vor dem Laster und einso selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen nicht besser verwalten, und wenn sie gemeinsam in die Schlacht zögen, müßten sie, wenn ihrer auch nur wenige wären, alle anderen, ich sage gleich, die ganze Welt besiegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und die Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen anderen besser als von dem Geliebten empfangen werden und eher sterben, bevor er dies täte. Oder gar den Geliebten verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen: so feige ist niemand – jeden hat die Liebe so mit göttlichem Mute begabt, daß er sich dann mit dem Kühnsten messe. Und wenn der Gott, wie Homer ungeschickt sagt, einigen Helden den Mut einhaucht, so schenkt Eros sich selbst den Liebenden als Mut.

Und nur Liebende wollen füreinander sterben, und das tun nicht nur Männer, sondern sogar die Frauen. Alkestis, des Pelias Tochter, hat es vor allen Griechen bewiesen. Sie, sie allein wollte für Admet in den Tod gehen, und doch lebten diesem noch Vater und Mutter. Ja, Alkestis stand um ihrer Liebe willen so hoch über diesen, daß sie für immer dartat, wie Eltern im Grunde und zuletzt dem Sohne doch fremd wären und ihm nur den Namen gäben. Und der Alkestis Tat war auch vor den Göttern so edel, daß liebend diese der Alkestis Seele aus dem Hades ließen, eine Gnade, welche nur wenigen und nur denen, die Höchstes vollbracht haben, Götter gewähren. So ehren die Götter den Eifer und Mut der Liebe. Orpheus dagegen, den Sohn des Oiagros, ließen sie erfolglos aus dem Hades gehen, die Götter zeigten ihm nurden Schatten des Weibes, um das er kam, Eurydike selbst gaben sie nicht zurück, denn Orpheus war ein Musiker und feige, und statt um der Liebe willen gleich Alkestis zu sterben, wollte er es erzwingen, lebend unter die Schatten zu treten. Darum sandten die Götter ihm die Strafe und ließen ihn von den Mänaden, von Weibern, zerfleischen. Achilleus aber, den Sohn der Thetis, ehrten sie, und ihn sandten sie hin nach den Inseln der Seligen. Aus der Mutter Munde hatte der Held erfahren, daß er wählen müsse: ‚Wenn du Hektor tötest, so mußt du jung in Troja sterben, doch wenn du ihn schonst, so kehrst du nach der Heimat zurück und scheidest als Greis vom Leben.‘ Achilleus war stark und wählte den frühen Tod und rächte Patroklos, der ihn geliebt hatte, er starb nicht für ihn, nein, er starb dem toten Freunde nach. Und weil Achilleus den Freund so hochhielt, darum haben überschwenglich ihn die Götter geliebt und geehrt. Äschylos schwatzt, wenn er behauptet, Patroklos sei der Geliebte und Achilleus der Freund gewesen, denn Achilleus war nicht nur schöner als Patroklos, er war schöner als alle anderen Helden und hatte, wie außerdem Homer sagt, noch keinen Bart und war der jüngere. Es ehren die Götter ja überall den Mut in der Liebe, aber sie staunen mehr und spenden reicher die Gnade, wenn der Geliebte dem Freunde, als wenn der Freund dem Geliebten die Liebe beweist. Denn der Freund ist göttlicher als der Geliebte. Der Freund trägt den Gott in sich. Und darum haben die Götter Achilleus mehr geehrt als Alkestis, und Achilleus undnicht Alkestis haben sie nach den Inseln der Seligen geschickt. Ich schließe und sage, Eros ist von allen Göttern der älteste und ehrwürdigste und der hohe Herr aller, die im Leben und nach dem Tode zur Tugend und zum Heile kommen wollen.“

So also hatte Phaidros gesprochen. Auf ihn sind noch einige andere gefolgt – Aristodemos erinnerte sich ihrer Worte nicht mehr – bis dann Pausanias an die Reihe kam: „Indem du, Phaidros, Eros so einfach den Preis sprachest, hast du dir die Aufgabe, wie mir scheint, nicht richtig gestellt. Ja, wenn es nureinenEros gäbe, würde ich nichts einzuwenden haben. Nun gibt es aber nicht nureinenEros, und darum ist es wohl unerläßlich, vorauszuschicken, welchen wir preisen sollen. Ich will also versuchen, dich zu berichtigen, das heißt: ich werde zuerst sagen, welchen Eros wir preisen sollen, und dann erst werde ich den Würdigen würdig preisen. Wir alle wissen, daß Aphrodite nie ohne Eros ist. Wenn es nun nureineAphrodite gäbe, so hätten wir nureinenEros. Nun gibt es aber zwei Göttinnen der Liebe, und darum haben wir notwendig auch zwei Eroten. Zwei Göttinnen der Liebe also: die ältere mutterlose Tochter des Uranos, sie heißt die himmlische Aphrodite, und dann die jüngere, des Zeus und der Dione Tochter, die irdische Aphrodite. Und darum müssen wir den Eros, der diese begleitet und dieser hilft, den irdischen Eros, und den, der jene begleitet und jener hilft, den himmlischen Eros nennen. Weiter, im allgemeinen können wir ja gar nicht anders als alle Götter preisen,aber hier müssen wir klar zu machen versuchen, welcher Preis jedem der beiden Götter gebühre. Es gilt ja überall: Eine Handlung ist niemals an und für sich gut oder an und für sich schlecht. Was immer wir jetzt hier tun, ob wir nun trinken, singen oder Reden halten, alles das könnte niemals an und für sich, aus sich heraus gut sein, denn die Art und Weise entscheidet. Wenn wir ehrlich und edel handeln, so ist die Handlung gut, wenn wir niedrig handeln, schlecht. Und so ist auch Eros und jede Betätigung der Liebe an und für sich, im allgemeinen weder ein Edles noch würdig gepriesen zu werden, sondern nur derjenige ist es, der edel zu lieben weiß.

Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich irdisch und überall und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der Gemeine liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer nur den Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten Knaben, da er eben nur den Zweck will und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er denn auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen schlecht, und liebt, was ihm begegnet. Seine Göttin ist die jüngere, und an der Zeugung und Geburt der irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, beide Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite, und die himmlische Aphrodite war aus dem Manne frei geschaffen und ist die Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum also streben sehnend alle Jünglinge und Männer, welche diese Liebe begeistert, zum männlichen, zumeigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur und den höheren Sinn. Aber auch hier in der Männerliebe müssen wir von anderen scharf diejenigen scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur von ihr geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn diese selbständig zu denken beginnen, es ist das im allgemeinen um die Zeit, da diesen der Bart keimt. Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt, wird dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und auslachen und davon zu einem andern laufen, etwas, das immer vorkommt, wenn er den Geliebten, da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. Ich meine, es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, Knaben zu lieben, damit nicht so ins Ungewisse hinein viel Leidenschaft verschwendet werde. Man kann nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper entwickeln werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz selbst geben, die anderen sollten wir dazu zwingen, wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt möglich ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn diese Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in Verruf gebracht haben, daß man jetzt überall hört, der Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu Willen sein. Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose und Ungesetzliche verdient ja mit Recht Tadel.

In den anderen Städten sind die Anschauungen von der Liebe leicht zu verstehen: alles ist da einfach und bestimmt; nur hier bei uns und in Lakedaimon scheinensie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien, überall also, wo die Leute nicht sonderlich redegewandt sind, heißt es kurz: dem Freunde zu Willen sein ist gut, und kein Mann und kein Jüngling wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit meiden sie ein für allemal die Gefahr, die Geliebten erst überreden zu müssen, denn reden – das können sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für eine Schande. Unter Barbaren verdammt sie die Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die Philosophie und Körperbildung verurteilt. Denn dem Tyrannen kann es nicht sehr förderlich sein, wenn seinen Kreaturen der Verstand wächst und unter diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade solche bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen haben es am eigenen Leibe erfahren: die Liebe des Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden und hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, immer dort, wo es für eine Schande gilt, dem Freunde zu Willen zu sein, spricht nur die Niedrigkeit der Anschauungen, das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände für selbstverständlich gilt wie in Elis und Böotien, dort ist die Sitte eben noch roh.

Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon gesagt habe, nicht leicht verständlich. Man denke nur, es gilt für edler, offen zu lieben als verstohlen, für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch wenn sie weniger schön wären als andere, zu lieben,man denke weiter, in wunderbarer Weise gibt alles dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie einen, der durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, trägt den Schimpf davon. Und damit der Freund sein Ziel erreiche und den Geliebten gewinne, gibt unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter dem Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie einem anderen Zweck dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate zu Einfluß zu kommen, alles das tun, was der Freund für den Geliebten tut, wollte er da ebensoviel bitten und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen, kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, Freund und Feind würden sich dagegen erheben: seine Feinde würden ihn der Kriecherei und Feigheit zeihen, seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. Den Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst aller, und alles ist ihm nach unserer Sitte erlaubt, ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn. Und was ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen Liebenden und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die Liebe schwört keine Eide, hört man die Leute sagen. So geben Götter und Menschen den Liebenden alle Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere Sitte.

Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es gelte in unser Stadt allgemein für ein ganz außerordentlich Edles, zu lieben und geliebt zu werden.Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihrer Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen und halten ihnen darum Hauslehrer, ja wenn dies vorkommt, so rügen es auch die Altersgenossen und Gespielen, und Ältere erheben dagegen keinen Einspruch und geben den Gespielen recht, wenn diese sie rügen: nun, wer das wiederum sieht, der muß dann im Gegenteil glauben, unsere Liebe sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch löst sich meiner Ansicht nach also: wie ich schon gesagt habe: es gibt eben nicht einfach etwas, was an und für sich gut, und ein anderes, was an und für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und Weise unseres Handelns ab. Es ist niedrig, dem Niedrigen, und edel, dem Edlen zu Willen zu sein. Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne Treue, da er ein so treuloses, wechselndes Ding wie den Leib liebt. Wenn der Leib, den er begehrt hat, verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle Gesinnung liebt, hat sich dem Dauernden verbunden und bleibt treu. Und diesen, den Treuen will unsere Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in diesem Kampf will sie den Geliebten, will sie den Freund erproben. Da gilt es ihr dann für niedrig, sich schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles auf die Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durchGeld oder politischen Einfluß sich gewinnen zu lassen, ob nun der Geliebte unter dieser Roheit leidet, ohne doch sich frei machen zu können, oder ob er sich bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn abgesehen davon, daß unter diesen Voraussetzungen nie eine wahre Freundschaft sich bilden kann, so vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nureinWeg dem Geliebten übrig, seinem Freunde in edlem Sinne zu Willen zu sein, nureinWeg: denn genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt wird, wird dann dem Geliebten nureinDienst frei und ohne Schimpf bleiben: der Geliebte wird um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn auch die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem Freunde der Geliebte in der Absicht, weiser und besser zu werden, dient, so ist diese Dienstbeflissenheit nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß der Geliebte dem Freunde sich hingibt, so müssen unsere Anschauung von der Liebe und jene von der Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit sich decken. Wenn also unsere Freunde und unsere Geliebten sich dort begegnen werden, wo der Freund dem Geliebten durchaus uneigennützig zur Seite steht und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und edel gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter der Freund als der Stärkere wirklich die Gesinnung und jede Tätigkeit des Geliebten fördert, und der Geliebteals der Schwächere die Bildung und Einsicht vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, jeder dem eigenen Gesetze gehorchend, so das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht anders heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem Freunde zu Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, sich zu täuschen und betrogen zu werden. In allen anderen Fällen trägt der Geliebte die Schande davon, ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen sich hingibt und dann betrogen wird, so ist das schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich später als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er sich für Geld auch jedem andern unterordnen würde, und das ist immer gemein. Umgekehrt aber und nach derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um besser zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen wird, da der Freund sich als niedrig erweist, so ist dennoch diese Täuschung ein durchaus Edles. Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing, bewiesen, daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden zu allem bereit sei, und ich kenne nicht, was edler wäre. So ist es also, noch einmal, durchaus edel, um der Tugend willen sich hinzugeben.

Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch er kommt vom Himmel und ist von großem Werte für die Stadt und den einzelnen, denn er gibt dem Freund und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die eigene innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts weiß, der bekennt sich zum irdischen Eros. Unddas ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus dem Stegreif ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.

Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes sprechen sollen. Ob es nun die Folge davon war, daß er gestern zu viel getrunken hatte oder eine andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken und konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn zu Eryximachos – er saß gerade vor dem Arzt Eryximachos –: „Eryximachos, du mußt mir entweder den Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich ihn verloren habe. Du kannst ja beides.“ Eryximachos antwortete: „Ich will dir beides tun. Ich werde jetzt für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden. Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, wird der Schlucken vergehen. Sonst nimm etwas Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig sein, so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum Niesen! Wenn du das ein- oder zweimal tust, so muß er aufhören, und wenn er noch so heftig wäre.“ „Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!“ sagte Aristophanes.

Eryximachos begann also: „Pausanias hat zwar gut begonnen, aber nicht richtig geschlossen, und darum muß ich seine Rede wohl noch vollenden. Daß er zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. Daß aber Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen, sondern in jeder Begierde, in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der Pflanze, in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in der Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben.Groß und wie ein Wunder reicht dort in alles Göttliche und Menschliche dieser Gott. Und um meine Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. Die Natur birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so: das gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. Das eine begehrt nach dem, nach welchem das andere nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden und anders die Liebe im kranken Element. Pausanias hat oben ausgeführt, daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein: nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und schlecht, die kranken zu fördern, und das heißt Heilkunst, und das muß der Arzt verstehen. Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt uns die beiden Neigungen der Natur kennen: die Neigung, Elemente aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen, und wer hier die gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der beste Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen, hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, der ist der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der Natur müssen wir miteinander versöhnen, wir müssen in ihnen Neigung zueinander erwecken. Die feindlichen Elemente – das sind die großen Gegensätze in der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene dem Feuchten entgegengesetzt. Und unter diesen Gegensätzen Neigung, denEros erwecken – das verstand Asklepios, unser Ahnherr, und aus dieser Erkenntnis bildete er, wie die Dichter sagen und wie ich es durchaus glaube, unsere Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht vergesse, die Lehre von der Körperbildung und der Ackerbau. Und wer nur ein wenig nachdenkt, für den gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn er behauptet, daß alles Zwiespältige sich wieder eine, wie in der Form Bogen und Leier sich einen. Es ist zunächst zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit zu sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem bestehe. Aber vielleicht wollte Herakleitos nur sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der Natur also, zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. Denn ganz unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch und Tief. Alle Einheit ist Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht übereinstimmen, und das Widersprechende wieder kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, Schnell und Langsam, zuerst einander widersprechen müssen und dann übereinstimmen. Und diese Übereinstimmung bringt hier die Musik in die Dinge, genau so wie dort die Heilkunde sie in die Dinge gebracht hat: die Musik erregt die Neigung, den Eros unter allem Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, derGegensätze von Hoch und Tief, Schnell und Langsam. In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit und Rhythmus ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier herrscht noch nicht der doppelte Eros.

Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe von Einheit und Rhythmus anwenden und sie auf Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere Erziehung bildet, beziehen sollen, so wird die Sache schwierig und bedarf eines tüchtigen Meisters. Und hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch kommen wollen, zu Willen sein, sie müssen wir hüten und züchten, denn es ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. Die irdische Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht anwenden, damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles Maß nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen, daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße. Und so müssen wir denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen und Menschlichen überall die beiden Arten des Eros beobachten: denn sie stecken in den Dingen selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.

Und weiter – auch im Verhältnis der Jahreszeiten leben sie, der echte Eros und der falsche. Wenn der echte Eros sich zwischen warm und kalt, zwischen trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige sich eint und weise mischt, so bringt das Jahr Segen und Gesundheit für Mensch und Tier und Gewächs.Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; dann entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten bilden sich an den Pflanzen, und der Reif und Hagel und Brand kommen, wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe unter der Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der Natur auf den Lauf der Sterne und den Wechsel der Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.

Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst der Seher – alles also, wodurch die Götter mit den Menschen verkehren – damit diese über der Liebe wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt daher, daß der Mensch in seinem Verhältnis zu seinen Eltern, den verstorbenen oder lebenden, und zu seinen Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und den falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht der Seher, auf Eros acht zu haben und den falschen zu heilen; denn die Kunst der Seher ist da, damit sie Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen nach den Satzungen und zur Frömmigkeit strebe.

So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze Eros, und indem er alle guten Dinge klug und gerecht vollendet, hat er die größte Macht und bringt uns das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und denen, die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu sein. Vielleicht habe ich, da ich den Gott pries, vieles übersehen, aber dann ist es gegen meinen Willen geschehen. Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein,die Lücken zu füllen. Und wenn du überhaupt im Sinne hast, den Gott zu preisen, so tue es gleich, da ja dein Schlucken vergangen ist!“

Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: „Ja, ja, der Schlucken hat jetzt wirklich aufgehört. Ich konnte ihm allerdings erst mit dem Niesen beikommen und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie das Niesen braucht. Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, da ich dieses Mittel anwandte!“ „Aber mein Bester, gib nur acht auf dich“, sprach Eryximachos, „statt zu reden machst du Witze und zwingst mich, deine Rede zu kontrollieren. Denn am Ende wirst du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl du doch ganz ernst bleiben kannst.“ „Du hast recht,“ lachte Aristophanes, „vergiß, was ich gesagt habe! Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn ich fürchte, was ich sagen werde, wird nicht komisch – das wäre ja schließlich noch ein Gewinn und käme auf die Rechnung meiner Kunst –, ich fürchte, es wird nur lächerlich!“ „O du willst mich treffen und mir so entgehen!“ erwiderte Eryximachos. „Doch nimm dich in acht und rede so, daß du Rechenschaft von deiner Rede geben kannst! Vielleicht spreche ich dich dann frei.“

„Und doch,“ begann Aristophanes, „und doch, Eryximachos, habe ich im Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt, die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht wahrgenommen; denn sie würdenihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben und die größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts von allem, was hätte geschehen sollen, getan. Wie kein anderer Gott liebt doch Eros die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt und das hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. Und von seiner Macht will ich zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden!

Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn erlaufen wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern vergreifen.

Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen tun sollten, und waren recht in Verlegenheit, denn sie konnten weder alle Menschen töten und wie einst die Giganten mit dem Blitze das ganze Geschlecht niederschlagen – da wäre es auch mit allem Götterdienst und allen Altären vorbei – noch deren Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein, und er rief: Ich habe das Mittel! Ich habe das Mittel gefunden, die Menschen leben zu lassen und doch ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich werde jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie werden uns dadurch nicht nur zahmer, sondern auch von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird geradenoch einmal so groß. Die Menschen werden von nun an auf zwei Beinen und nur aufrecht gehen. Sollte ihnen aber noch Übermut übrig geblieben sein, und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so schneide ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen dann auf einem Beine gehen und hüpfen. Und wie Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet. Und so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch Apollon das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche zu umdrehen, damit der Mensch von nun an, indem sein Blick auf sie gerichtet ist, züchtiger sei. Auch alles andere, was durch den Schnitt wund ward, ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die Haut nach dem sogenannten Magen hin zusammen und band sie in der Mitte des Magens wie einen Schnürbeutel ab und ließ eine öffnung, und diese öffnung ist unser Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die dadurch entstanden waren, und bildete die Brust, indem er sich dazu eines Werkzeuges bediente, wie es die Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten übrig; auch darüber sollte der Mensch seines alten Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese Weise die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen die große Sehnsucht nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber und wollten wieder zusammenwachsen und starben vor Hungerund wild und wirr, denn keine wollte ohne die andere etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb und die andere am Leben blieb, da suchte diese nach der toten und umarmte den Leichnam, ob sie nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes – ich meine, was wir heute Weib nennen – oder auf die Hälfte eines ganzen Mannes stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch da hatte Zeus Erbarmen mit dem Menschengeschlechte und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts besessen und wie die Cikaden in die Erde gezeugt und aus der Erde geboren. Und indem Zeus die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen ineinander zeugen und aus sich selbst gebären, damit von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe beischläft, das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann den Mann umarmt, ihre Begierde gestillt werde und ihr Sinnen sich beruhige und sie an die Arbeit gehen und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren und da, damit er die Menschen zu ihrer alten Natur zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde und so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund von uns scheidet, so teilen wir mit ihm einen Würfel, und jeder behält die Hälfte, und später erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch, möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und sucht im Leben die andere Hälfte des Würfels. Wie die Butten sind wir entzwei geschnitten, aus einer Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst,welche aus jenem Ganzen geschnitten sind, das früher das Mannweib hieß, lieben heute das Weib – die Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit ihr es wißt – und aus demselben Ganzen sind natürlich auch die Weiber geschnitten, die da den Mann lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die Weiber dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes geschnitten sind, haben wenig Sinn für den Mann und fühlen sich mehr zum eigenen Geschlechte hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus diesem Geschlecht. Und endlich die Männer, die aus dem alten männlichen Geschlechte geschnitten sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben lieben sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen und mit Männern liegen. Gerade die mutigsten finden wir unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie schamlos nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln sie so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden, dem Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jünglinge und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben. So also sind die Freunde und Geliebten entstanden, auch sie lieben eben nur ihr eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen oder jenen anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal begegnet, da werden er und der andere wundersamvon Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt, und beide wollen nicht mehr voneinander lassen. Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben beieinander weilen, sie wissen dennoch niemals und niemand zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe. Die sinnliche Begierde könnte doch kaum den einen an den andern mit so großer Leidenschaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und wenn zu zweien, die beieinander liegen, Hephaistos träte mit seinen Werkzeugen und sie fragte: Was wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden? Sie würden nur verlegen und keine Antwort haben, und wenn der Gott fortführe: Wollt ihreinWesen sein und Tag und Nacht voneinander nicht lassen können? Wenn das euer Wunsch ist, so will ich euch zusammenschweißen, und ihr werdet ineinanderwachsen, aus zwei Dingen eines werden und euer ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach dem Tode in den Hades treten wie zwei, die zusammen gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht ist und dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen und etwas anderes wollen; gleich Kindern würden alle zu hören glauben, was seit je ihr Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen undeinWesen mit ihm bilden. Denn so war einst unsere alte Natur: wir waren einst ganz, und jene Begierde nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einsteinWesen, und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom Gotte gespalten worden, wie die Arkadier heute von denLakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, daß wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht fromm gegen die Götter sind, und daß wir dann herumgehen wie die Reliefs auf den Grabsteinen mit zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal entgehen und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder Mensch den anderen heißen, die Götter ehren, und Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet, der handelt ihm zuwider. Nur als des Gottes Freunde und ihm versöhnt, werden wir, was heute nur wenigen gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos soll sich hier über mich nicht lustig machen und meinen, ich denke jetzt an Pausanias und Agathon. Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus dem alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle Männer und Weiber und behaupte, das Menschengeschlecht könne nur heil sein, wenn wir uns in der Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen Geliebten findet und so zur alten Natur zurückkehrt. Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir nun einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt: unter allendenGeliebten finden, der uns versteht. Und wenn wir den Gott, dem wir das verdanken, preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie kein anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt uns die sicherste Hoffnung, wenn wir den Göttern unseren frommen Sinn bewahren, uns zu unser alten Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen.

Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf Eros; sie war anders als deine. Ich bitte dich noch einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, denn wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur die Reden der beiden anderen, denn Agathon und Sokrates nur sind noch übrig!“ „Diesen Wunsch will ich dir erfüllen,“ sagte Eryximachos, „du hast mir gar sehr zu Gefallen gesprochen. Ja, wenn ich nicht wüßte, wie gut Sokrates und Agathon sich auf alles, was mit der Liebe zusammenhängt, verständen, würde ich fürchten, sie wären jetzt beide in großer Verlegenheit, so viel und so verschieden ist hier über Eros gesprochen worden; doch so kann ich noch Vertrauen auf sie haben.“ Sokrates rief da: „Und du selbst hast noch dazu so tapfer gefochten, Eryximachos! Wenn du jetzt an meiner Stelle wärest, besser gesagt, wenn du dort wärest, wo ich nach Agathons Rede sein werde, würdest du wohl auch Angst haben und meine Sorge kennen.“ „O du willst mich jetzt besprechen, Sokrates,“ fiel Agathon ein, „du willst mich bezaubern, damit ich scheu werde und glaube, das Publikum setze große Hoffnungen auf meine Worte!“ „Da müßte ich aber doch vergessen haben, Agathon, daß ich gestern erst deinen Mut und hohen Sinn sah, als du mit den Schauspielern vor die Rampe tratst und einem so großen Publikum, das, um deine Worte zu hören, gekommen war, ins Auge sahst und gar nicht verlegen warst, ja das müßte ich wirklich vergessen haben, wenn ich jetzt glauben sollte, wir paar Menschen hier würden dich aufregen.“ „Ja, Sokrates, hältst du michdenn für so benommen vom Theater,“ wehrte Agathon ab, „daß ich nicht wüßte, um wieviel gefährlicher als ein ganzes Publikum von Unwissenden die wenigen Klugen wären?“ „Wenn ich dich für so roh hielte, würde ich dir unrecht tun, Agathon; ich weiß sehr gut, daß dir mehr an den wenigen, die du für klug hältst, als an der großen Menge gelegen ist. Wer weiß aber, ob wir hier zu diesen wenigen gehören? Denn gestern im Theater gehörten auch wir zur großen Menge. Wenn du aber sonstwo mit anderen Klugen zusammenkämest, würdest du dich dann vor ihnen schämen, irgend etwas Törichtes zu machen, ja?“ „Natürlich!“ „Vor der Menge also schämst du dich nicht …“ Jetzt fiel aber Phaidros ein: „Ja, Agathon, wenn du Sokrates noch lange immer antwortest, wird er sich wenig um unser Thema kümmern, dann hat er jemand, dem er Fragen stellen kann, und noch dazu einen so schönen Jüngling. Ich höre ja gerne zu, wenn Sokrates sich unterhält, aber hier muß ich darauf sehen, daß die Preisreden auf Eros gesprochen werden und jeder von euch dem anderen das Wort abnehme. Denn jeder soll hier zum Preise des Gottes reden.“ „Du hast recht, Phaidros,“ sagte Agathon, „mich hält auch nichts mehr davon ab; Sokrates wird später noch viel zu sagen haben.“

„Ich will zuerst sagen, wie ich zu sprechen habe, und dann erst reden. Ihr alle vor mir habt eigentlich gar nicht den Gott, sondern nur das Heil der Menschen, die also der Gott begnadet, gepriesen. Vom Gotte selbst, der alle diese Gaben bringt, hat niemandgesprochen. Und doch ist es überall die rechte Art, zuerst zu sagen, wie denn das Ding selbst aussehe, das wir überall als den Grund eines anderen finden. Und darum hättet ihr alle billig zuerst Eros selbst und dann seine Gaben preisen müssen. Ich sage euch nun, wenn je es mit Fug und ohne Schuld von einem Wesen gesagt werden darf: unter jenen heilen Göttern ist Eros der heilvollste, denn er ist der schönste und edelste! Eros ist der schönste Gott, weil er der jüngste, o Phaidros, ist, und dafür brauche ich keinen anderen Zeugen als ihn selbst, denn Eros flieht, flieht das Alter, und das Alter ist schnell und kommt schneller als nötig zu uns. Und Eros haßt es und lebt darum, Eros weicht dem Alter auf dem Wege aus und bleibt mit den Jünglingen und ist selbst ein Jüngling. Das alte Wort hat recht: Zum Gleichen gesellt sich das Gleiche. Ich stimme ja mit Phaidros in vielem überein, doch muß ich ihm widersprechen, wenn er sagt, Eros sei älter als Kronos und Japetos; nein, Phaidros! Eros ist der jüngste der Götter und von ewiger Jugend, denn jene alte Not der Götter, von der Hesiodos und Parmenides erzählen, hat das Schicksal geschaffen und nicht die Liebe – wenn Hesiodos und Parmenides überhaupt die Wahrheit wissen. Die alten Götter würden einander nicht verschnitten und gebunden haben und das Grausame damals würde nicht geschehen sein, wenn Eros unter den Göttern gewesen wäre; Eros hätte Freundschaft und Frieden unter sie gebracht, wie er sie heute bringt, da er der Götter König ist. Jung ist also der Gott, und seine Gestaltvon zarter Bildung; nur ein Dichter wie Homer könnte sie schildern. Homer sagt von Ate, sie sei eine Göttin und zart gewesen; ihre Füße, erzählt er, seien zart gewesen…


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