Drittes Kapitel.
Ungefähr eine Woche nach des Grafen Besuch trat der Herzog die beabsichtigte Reise an. Auf den Wunsch des Fürsten beeilte er dieselbe, da er überdies dieruhigere und ergebenere Stimmung der Prinzessin in seinem Interesse benutzen zu müssen glaubte. Nach der letzten Unterredung mit dem Grafen hatte Sidonie sich nämlich bereit erklärt, dem Verlangen ihres Vaters nachzukommen, so wie sie sich seit diesem Augenblick allen Anordnungen in dieser Angelegenheit willenlos unterwarf. Diese so sehr gewünschte Aenderung erfreute den Herzog auf das Höchste, und von der Voraussetzung erfüllt, daß das bewegte Leben an dem fürstlichen Hofe und die neue, so glänzende Stellung, welche Sidonie einnehmen sollte, ihren guten Einfluß auf diese bestimmt ausüben würden, blieb ihm die Ahnung von dem schmerzlichen Verzicht fern, zu welchem sich die Prinzessin entschlossen hatte. Um so mehr beglückte ihn daher der Gedanke, in so erwünschter Weise für sie gesorgt zu haben.
Die glänzendste Aufnahme wurde dem herzoglichen Paar an dem fürstlichen Hofe zu Theil; ebenso war der Eindruck, den Sidonie auf den Fürsten und Prinzen hervorrief, ein durchaus vortheilhafter. Die Prinzessin erschien als ein schüchternes, anspruchsloses Mädchen; denn seit dem Entschluß, die Gemahlin des Prinzen zu werden, war eine wesentliche Umwandlung mit ihr vorgegangen. Die ehemalige Jugendheiterkeit und reizende Unbefangenheit, die Regsamkeit ihres Geistes und ihr lebhaftes Gefühl waren einer ruhigen Ergebung gewichen. Da sie ihr Geschick nicht zu ändern vermochte, waren auch alle das Herz belebenden Wünsche erstorben und sie nur noch einschüchternes, befangenes Mädchen, von dessen geistigen und sittlichen Schätzen man nicht das Geringste ahnte.
Dies war namentlich in Bezug auf den Prinzen und dessen Oheim der Fall, die, wie wir gleichfalls erfahren haben, von Sidoniens eigentlichem Charakter und sittlichen Vorzügen keine richtige Vorstellung gewonnen und sie für das nahmen, als was sie erschien. Man würde sich jedoch in der Voraussetzung täuschen, daß sie dadurch unangenehm berührt worden wären; im Gegentheil erschien ihnen dieser Mangel hervorragender geistiger Befähigung und Sidoniens Anspruchslosigkeit als ganz besondere Vorzüge, die ihren Wünschen und dem Charakter des Prinzen durchaus entsprachen.
So erfolgte denn die Verlobung unter großem Gepränge, und die Freunde des Prinzen, welche den Festlichkeiten beiwohnten, wünschten diesem wegen der schönen und schüchternen Braut, die eine vernünftige, das heißt duldsame, Gemahlin erwarten ließ, von Herzen Glück. Sie vergaßen sich jedoch dabei selbst nicht; denn sie sagten sich, daß von einem so anspruchslosen Mädchen, wie Sidonie, im Hinblick auf ihren späteren möglichen Einfluß auf den Prinzen nichts zu befürchten wäre, und sie demnach mit Sicherheit auf dessen ungeschmälerten Umgang rechnen dürften. So schien man sowol im Besondern als Allgemeinen mit der Wahl der künftigen Fürstin sehr zufrieden gestellt zu sein.
Und die unglückliche Sidonie — Der von dem Herzog mit Bestimmtheit erwartete günstige Eindruck, den desPrinzen Persönlichkeit auf seine Tochter ausüben sollte, blieb aus, wie er bald zu bemerken Gelegenheit fand. Ja, er erkannte, daß, so wenig Interesse Sidonie für das Portrait des Prinzen gezeigt hatte, dies fast noch weniger für das Original selbst geschah. Pflichtete sie ihrem Vater auch bei, daß der Prinz in körperlicher Beziehung sehr bevorzugt sei, so verhehlte sie ihm auch zugleich nicht, daß der sinnliche Ausdruck seines Wesens sie doch von ihm abstieß, indem der Mangel edlerer Empfindungen, der sich darin äußerte, sie unangenehm, ja fast verletzend berührte. Mehr noch als dies Alles verletzte sie jedoch der mehr als freie Ton, in welchem er mit ihr verkehrte und der in des Fürsten Umgebung widerklang.
Der Herzog bemühte sich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen, indem er den ungezwungenen Umgangston des Hofes als allgemein verbreitet bezeichnete, und sie aufmerksam machte, daß daher nicht der Prinz, sondern sie selbst die Ursache ihrer Verstimmung wäre. Er sprach zugleich die Erwartung aus, daß sie sich bald daran gewöhnen und Geschmack finden würde, indem er sie zugleich erinnerte, wie es nun ihre Pflicht sei, sich in das ihr allerdings neue Leben zu finden.
Sidonie nahm diese Vorstellungen schweigend hin; sie sagte sich, wie vergeblich es sein würde, ihren Vater zu überzeugen, wie wenig sie sich geneigt und befähigt dazu fühlte, und daß sie die von ihm bezeichnete Pflicht vielleicht niemals oder doch nur mit großer Ueberwindung würde erfüllen können.Was würden auch ihre Einwendungen den obwaltenden Verhältnissen gegenüber gefruchtet oder ihr irgend welche Vortheile verschafft haben? — Die Verlobung war erfolgt, die Vermählung innerhalb drei Monaten festgesetzt; der Schritt konnte also nicht mehr zurück gethan werden, und so erachtete sie es für das Ersprießlichste, dem Künftigen mit Geduld und schweigend entgegen zu gehen.
Wenngleich sie zu diesem Vorsatz gelangt war, so konnte es doch nicht ausbleiben, daß sie ihre Besorgnisse Aurelien, die sie nach dem fürstlichen Hof begleitet hatte, vertraute und mit ihr das im Lauf ihrer Anwesenheit daselbst Erfahrene besprach.
Fräulein von Ketten, deren feiner Sinn in ähnlicher Weise wie Sidoniens Zartgefühl von dem Leben am Hofe verletzt worden war, sah sich leider genöthigt, der Freundin beizupflichten, bemühte sich jedoch auch zugleich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen und sie aufmerksam zu machen, daß sie als die Gemahlin des künftigen Thronerben ihre Wünsche und Neigungen würde geltend machen können, und daher die Gestaltung ihres künftigen Lebens in ihre Hand gegeben sei.
Dieser Voraussetzung pflichtete Sidonie um so leichter bei, da sie in dem beruhigenden Glauben lebte, daß dies ihr gutes Recht sei, welches sie dereinst auch zu beanspruchen gesonnen war.
Lag in diesem Gedanken eine wohlthuende Beruhigung für Sidonie, so hatte die erfahrenere und schärfer blickendeFreundin doch nur zu bald erkannt, welcher zweifelhaften Zukunft Sidonie entgegen ging. Daß der Prinz weder Hochachtung noch eine zartere Neigung für die Letztere hegte, entging ihrem Blick nicht, und ebenso war sie mit der niederschlagenden Ueberzeugung erfüllt worden, daß ein Charakter wie der des Prinzen mit seinen Neigungen niemals oder kaum zu edleren Empfindungen für die Prinzessin geführt werden würde.
Daher sah sie, abgesehen von Sidoniens Verzicht auf ihre Liebe, mit Bangen in die Zukunft; machtlos, der Freundin Geschick zu ändern, blieb ihr nur das Gebet für das Wohl der Geliebten.
Sie war jedoch vorsichtig genug, Sidonien ihre Besorgniß zu verschweigen, um jede Unruhe von ihr fern zu halten und sie zu befähigen, dem Künftigen mit der erforderlichen Sammlung entgegen gehen zu können.
Sie fand einen besondern Trost in der Gewißheit ihrer Freundin auch in ihrer neuen Lage zur Seite stehen zu dürfen; denn auf den ausdrücklichen Wunsch der Prinzessin war dieser gestattet worden, Aurelie als eine ihrer Hofdamen an des Fürsten Hof mitbringen zu dürfen.
Nach einem fast vierzehntägigen Aufenthalt verließ der Herzog mit Sidonien den Hof und kehrte in seine Residenz zurück, und es begannen nun die zu der Ausstattung der Prinzessin erforderlichen Arbeiten, welche das herzogliche Paar ganz besonders in Anspruch nahmen.
Mit frohem Herzen begrüßte Sidonie die Heimath, die ihr im Hinblick auf ihr baldiges Scheiden doppelttheuer war und die ihr mit verdoppelten Reizen erschien, da sie dieselbe so lange hatte entbehren müssen. Tiefer denn jemals fühlte sie, daß ihr Platz im Leben nicht an einem rauschenden, durch Formenwesen und dem Zwang der Etikette belebten Hof sei, sondern in bescheideneren Verhältnissen, in welchen jedoch die Schönheit der Natur, eine edle Freiheit und die einfache Sprache der Wahrheit und des Herzens galt, über welche die Alles verklärende Liebe ihren glänzenden Schimmer ausbreitete.
Kaum in der Heimath angelangt, eilte sie mit Aurelien in den Garten, um sich der wieder gewonnenen Freiheit und des so beliebten Naturgenusses zu erfreuen. Sie sah sich jedoch in ihren frohen Erwartungen getäuscht; denn was dieser Umgebung früher einen so kostbaren Reiz verliehen hatte, fehlte ja: das Glück der Liebe.
Anders erschien ihr das Bekannte, Beliebte; anders erschien sie sich selbst; verändert däuchte ihr das ganze Leben.
Und so tönte kein freudiges Wort von ihren Lippen, als sie wie einst den Garten durchschritt; traurig und stumm saß sie am Weiher nur kurze Zeit, um, von innerer Unruhe getrieben, weiter zu eilen, in den Wald, auf den Hügel, auf welchem sie einst mitihmder Sonne Scheiden stumm und schmerzvoll an dem feuchten Auge vorüber gleiten sah.
Und sie seufzte still vor sich hin: »Dahin, dahin, auf immer dahin!«
Länger denn eine Woche war nach ihrer Rückkehrverstrichen, ohne daß der Graf erschien, wie sie das erwartet hatte, und mit jedem neuen Tage steigerte sich ihre Sehnsucht, ihn endlich nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen, ohne daß dieselbe jedoch befriedigt wurde. Des Grafen Fernhalten betrübte sie tief, mehr jedoch noch die Ungewißheit, in welcher sie über sein Leben schwebte. Allerlei beängstigende Sorgen quälten sie und raubten ihr die so nothwendige Ruhe, so daß sie darunter körperlich litt. Schon öfter hatte sie Aurelie gebeten, sich um Nachricht über den Grafen zu bemühen, ohne daß diese mehr zu thun vermochte, als bei des Letzteren Bekannten Erkundigungen nach ihm einzuziehen, die Sidonie nicht zu befriedigen vermochten.
Ohne daß die Letztere etwas erfuhr, langte durch einen geheimen Boten in dieser Zeit ein Billet von Römer an Aurelie an, in welchem er ihr mittheilte, daß er zu der schmerzlichen Ueberzeugung gelangt sei, daß es besser sei, Sidonie nicht mehr wieder zu sehen, da er dies für ihre Ruhe als durchaus nothwendig erachtete; Aurelie sollte ihn daher nicht erwarten. Er trug dieser zugleich auf, viele Grüße an Sidonie zu bestellen und als Grund seines Fortbleibens eine weitere Reise zu bezeichnen, die er im Interesse seiner Familie habe antreten müssen. Zu welcher Zeit seine Rückkehr erfolgen würde, sei er nicht im Stande zu bestimmen. Hinsichts des von der Prinzessin gewünschten Portraits sprach er die Meinung aus, daß es vielleicht geeigneter sei, Sidonie dasselbe erst nach ihrer Vermählung einzuhändigen. Zugleich vertraute erder Freundin an, daß, nachdem er zu dem Entschluß gelangt, Sidonie in den ersten Jahren nicht wieder zu sehen, er sich vorläufig nach Paris begeben würde, um von hier aus eine weitere Reise, die ihn voraussichtlich mehrere Jahre von der Heimath fern halten würde, anzutreten. Dies sollte Sidonien jedoch ein Geheimniß bleiben. Er bat Aurelie, ihm zu schreiben, bemerkte aber auch zugleich, daß er es von ihrem Wunsch abhängig mache, ob er ihr später wieder Mittheilungen zugehen lassen sollte. Den Grund dazu bezeichnete er in der Voraussetzung nicht näher, daß Aurelie denselben errathen würde.
Diese wurde durch den Inhalt des Schreibens kaum überrascht; der besondere Charakter des Grafen und sein Fernbleiben hatten sie ein solches Handeln bereits voraussehen lassen.
Sie billigte dasselbe nicht nur mit vollster Ueberzeugung, indem sie dessen Nothwendigkeit erkannte, sondern bewunderte auch die große Selbstverläugnung, die der Graf zu Gunsten der Prinzessin beobachtete.
Jedes Wiedersehen mußte nachtheilig auf die Letztere wirken, indem es zu dem Schmerz auch noch das gesteigerte Verlangen nach des Geliebten Besitz gesellte. Neue, schmerzvolle Kämpfe wären dadurch in Sidonien hervorgerufen worden, deren Folgen nicht zu berechnen waren und ihr den unvermeidlichen Schritt wesentlich erschwert hätten. Die Möglichkeit, ihn noch vor ihrer Vermählung wiederzusehen, mußte sie dagegen beleben, wenndie Gewißheit, daß dies in Jahren nicht stattfinden würde, ihr armes Herz vollständig niedergebeugt hätte.
Auch in Bezug auf die Einhändigung des Portraits, das dem Schreiben beigefügt war, theilte Aurelie des Grafen Ansicht, freilich mit dem nahe liegenden Bedenken, daß Sidoniens Gemüthszustand sehr leicht und wahrscheinlich bald eine Aenderung seiner Bestimmung erfordern würde.
Sie händigte dem Boten eine ausführliche Antwort an den Grafen ein, in welcher sie ihm nicht nur ihre Zustimmung zu seinen Entschlüssen und Maßnahmen, sondern auch ihre dankbare Bewunderung für seine so edle Selbstverläugnung aussprach. Ueber die an dem Hofe des Fürsten gemachten Beobachtungen betreffs des wenig empfehlenden Charakters des Prinzen schwieg sie, um den Grafen nicht noch tiefer zu betrüben und zugleich in der Voraussetzung, daß er in dieser Beziehung wohl besser unterrichtet sein würde, als sie selbst. Denn es darf kaum bemerkt werden, daß man sich wohl hütete, einer Hofdame der Prinzessin Anderes als nur Lobenswerthes über den schönen Prinzen, den Abgott der Frauen, mitzutheilen.
Aurelie täuschte sich in dieser Voraussicht durchaus nicht. Der Graf, obwol seit längerer Zeit den Hof seines Fürsten meidend, dessen Ton ihm nichts weniger als zusagte, stand dennoch durch seine daselbst oder in dessen Nähe lebenden Verwandten mit demselben in einem ziemlich regen Verkehr, und so konnte es nicht fehlen, daß er auchmit des Prinzen leichtsinnigem Leben genügend bekannt gemacht wurde. Die Gewißheit von dem geringen sittlichen Gehalt des Letzteren, der für ihn früher nur höchstens sein politisches Interesse beansprucht hatte, war jetzt ein Grund kummervollster Sorge geworden, welche den Schmerz der Entsagung nur noch erhöhen mußte.
Wäre Sidonie die Gemahlin eines achtungswerthen Fürsten geworden, so würde er leichter auf ihren Besitz verzichtet haben; jetzt jedoch von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Prinz niemals Sidoniens Werth erkennen und daher auch nie auf ihr Glück bedacht sein würde, litt sein Herz tausendfach mehr. Darum war er rasch zu dem Entschluß gelangt, fern von der Stätte, an welcher er sein Liebesglück begraben wußte, die Zeit und das Geschick walten zu lassen und seinen Schmerz in abgeschiedener Fremde auszukämpfen. Wenige Tage nachdem er Aureliens Mittheilung erhalten hatte, begab er sich zu einem entfernten Verwandten und von diesem später nach Paris.
Aurelie entledigte sich ihres Auftrages gegen Sidonie mit großer Vorsicht und treu der ihr von dem Grafen gegebenen Rathschläge.
»So ist mir denn auch die einzige Freude geraubt, die mir noch geblieben und auf welche mein Sehnen und Hoffen gerichtet war!« — entgegnete Sidonie, durch das Vernommene schmerzlich überrascht. »Doch ich darf nicht klagen; denn ich habe ja kein Recht dazu. — Ja, ja,ersprach leider nur die volle Wahrheit. Entbehrenund Entsagen, das ist das allgemeine Loos der Menschen, und ich muß mich bemühen, diese Wahrheit anzuerkennen, indem ich mich ihr geduldig unterwerfe. — Ich fühle es nur zu wohl,« fuhr sie nach kurzem sinnenden Schweigen fort, »welchen Entsagungen ich entgegen gehe, und wie nothwendig es ist, mich schon zeitig daran zu gewöhnen.« — Wieder schwieg sie und schaute gedankenvoll vor sich hin; alsdann bemerkte sie in wehmüthigem Ton: »Eine wunderbare, unergründliche Welt! Alle Geschöpfe in der Natur scheinen sich eines ungetrübten Glücks zu erfreuen und folgen froh den inneren Trieben; nur das höchste, edelste Geschöpf, der Mensch, schafft sich Qualen und Sorgen, Leid und Verzweiflung, indem er seinen Willen über die Gesetze der liebenden Natur stellt. Ich vermag das nicht zu verstehen, und forsche vergeblich nach den Gründen, warum der Mensch das wahre, einzige Glück des Lebens einem eingebildeten und nur mit schmerzvollen Opfern erkauften vorzieht, das ihm am Ende doch keine Befriedigung gewährt.« —
»Wer vermöchte Deine gewiß schon häufig ausgesprochenen Gedanken zu beantworten! Vergebens haben sich die Weisen darum bemüht, und alle Weisheit lief endlich auf den einen Satz aus, daß des Menschen Leben eben so geheimnißvoll sei, wie das Leben überhaupt,« entgegnete Aurelie, von ihrer Freundin Betrachtung nicht wenig überrascht, da sie dergleichen zum ersten Mal aus ihrem Munde vernahm und Sidonie durch das volle Leben, dem sie sich bisher hingegeben hatte, von allenphilosophischen Grübeleien fern gehalten worden war, wozu ihre Natur überhaupt nicht zu neigen schien.
Aber es bewährte sich auch in diesem Falle der Satz, daß Leiden uns zu Philosophen machen, selbst wenn wir nicht die geringste Anlage dazu besitzen. Für unsereFreudenforschen wir nach keinem Grund; derKummerjedoch, das nicht selbst heraufbeschworene Weh, unter welches wir uns beugen müssen, fordert die Frage an das Unbekannte heraus.
Sidonie hatte Aureliens Worte mit Aufmerksamkeit vernommen; als diese schwieg, ließ sie eine gewisse Zeit vorüber gehen, ehe sie antwortete; alsdann sprach sie sinnend:
»Wie wunderbar! Der Mensch empfindet tiefer als die Gottheit, die ihn geschaffen, und erscheint mir höher als diese, da er ein glückliches Dasein für alle Menschen fordert und oft mehr an dem fremden als dem eigenen Unheil zu Grunde geht. Wie kommt’s, daß ich das Gute empfinde und mit Inbrunst für Alle verlange, obgleich ich nicht allliebend und allgütig genannt werden kann und derjenige, dessen Allmacht wir anerkennen, ja anbeten, sich so lieblos und ungütig seinen Geschöpfen gegenüber zeigt? — Däucht Dir in solchem Fall nicht der Mensch erhabener als die Gottheit? Ohne allmächtig zu sein, schafft er dennoch das Liebevolle, und wo er sich zum Schaffen unfähig fühlt, adeln ihn wenigstens seine edeln Triebe und das Mitleiden mit dem Unglück. — — Ich weiß nicht,« bemerkte sie nach kurzem schweigenden Nachdenken, »ich weiß nicht, wie es zugeht, daß sich solche Betrachtungenmir in die Seele drängen, indem meine Gedanken dem Grafen in die Ferne folgen, ihn aufsuchen an fremden Stätten, um im Geist mit ihm zu verkehren, da ich ihn nicht Auge in Auge begrüßen darf. — Kann uns das Leid so sehr umändern und kann diese Umänderung so ganz ohne unsern Willen vor sich gehen? — Ich verstehe es nicht. Niemals ist es mir bisher eingefallen, die Welt nicht für vollkommen zu halten, und jetzt führt mich mein eigenes Leid zur Einsicht der großen Unvollkommenheiten derselben und erfüllt mein Herz mit nie gekannten Zweifeln an den Gott der Liebe.« —
»Diese Zweifel werden schwinden, wenn Dich das Leben wieder herausfordert, meine Sidonie,« bemerkte Aurelie und war eben im Begriff, der Freundin Gedankengang auf einen freundlicheren Weg zu leiten, als diese, ohne darauf zu achten, fragte:
»Nicht wahr, Aurelie,erwird nicht zu lange fortbleiben und sich mit seinen Geschäften beeilen, damit wir uns noch oft sehen, uns noch oft an einander erfreuen können?« —
»Ich denke, er wird es thun,« sprach Aurelie mit gepreßter Stimme und bemüht, unbefangen zu erscheinen.
»O gewiß, gewiß wird er darauf bedacht sein; denn er liebt mich ja so innig, und so wird er sich auch nach meinem Anblick sehnen, wie ich mich nach dem seinigen sehne!« fiel Sidonie eifrig ein und fuhr alsdann, in der Erinnerung an den Geliebten verloren, mit Innigkeit fort: »Ich habe Dir noch niemals von meiner Liebe zu ihmgesprochen; ich hielt dies für überflüssig und es drängte mich nicht dazu. Du sahst ja meine Liebe keimen und sich entfalten, Du sahst das Glück, das sie mir brachte; wozu also der Worte für das, was sich doch nicht aussprechen läßt. — Welch ein süßes, geheimnißvolles Weben und Leben in der Seele! Wie spinnt sich unbewußt Faden und Faden vom Herzen zum Herzen und knüpft alles Leben, Fühlen und Denken immer fester und fester an einander, bis ein unzerreißbares Gewebe aus ihnen entsteht, das sie auf ewig vereint. Ja, ja, auf immer und ewig!« wiederholte sie mit Nachdruck und fügte sinnend hinzu: »Wie der Ton des Geliebten uns so eigenthümlich berührt, die Seele mit süßem Schauer erfüllt und dieser Schauer sich in lautere Seligkeit und Hingabe umwandelt, wenn wir nun an seiner Seite hingehen und in das geliebte Auge schauen! Ich weiß nicht, ob es einem jeden Mädchen so ergeht, wie mir; ich möchte jedoch jene Empfindungen nicht entbehren, die vielleicht erst dann schwinden, wenn das größere Glück des Besitzes uns mit mächtigeren Gefühlen begeistert.« —
Sie seufzte, von dem Gedanken bedrängt, sich eines solchen Glückes niemals erfreuen zu dürfen, suchte Aureliens Hand, die sie in die ihrige schloß, und fragte, wie es schien, von einem plötzlich in ihr auftauchenden Gedanken ergriffen:
»Glaubst Du, daßersich vermählen wird?«
Ueberrascht blickte Aurelie sie an und entgegnete nach kurzem Zögern:»Ich bezweifle es.« — —
Sidonie senkte das Haupt, schaute sinnend zu Boden und fragte ängstlich:
»Wird ihm meine Liebe einen Ersatz für sein vereinsamtes Leben bieten können?«
»Ich glaube Deine Frage bejahen zu dürfen und denke, des Grafen Charakter berechtigt mich zu einer solchen Voraussetzung; doch bin ich überzeugt, meine theure Freundin, daß Du weit entfernt bist, einen solchen Verzicht von ihm zu verlangen.« — —
»O gewiß, gewiß!« fiel Sidonie lebhaft ein. »Wie sollte und könnte es auch anders sein! Glücklich, ganz glücklich will ich ihn wissen, und würde mein eigen Leid leichter ertragen, wüßte ich, er wäre es geworden. Ich würde sein Weib mit meinen Armen umschlingen und freudig an das Herz drücken, da es die hohe Aufgabe erfüllt, dem Geliebten das Leben zu verschönern! Freilich,« fuhr sie mit leiser, wehmüthiger Stimme fort: »jenes Glück, das meine Liebe ihm gebracht hätte, jenes Glück wird sie ihm nicht gewähren können! — O, möchte sein Auge wieder in Freude erglänzen und seine edle Seele sich aufrichten in der Liebe edler, treuer Menschen!« — — schloß sie mit erhöhter Stimme und in einem überaus herzlichem Tone, der deutlich bekundete, daß ihr Wunsch den Tiefen ihrer Seele entquollen war.
Alsdann fragte sie nach kurzem Schweigen: »Hat er des Portraits nicht gedacht?«
»Gewiß, und wünscht Dir dasselbe später zu übergeben,«erwiderte Aurelie, eingedenk des von dem Grafen ausgesprochenen Wunsches.
»Später!« seufzte Sidonie und fügte dann hinzu: »Wie sehr hätte mich der Besitz seines Bildes, da ich ihn selbst nicht sehen darf, beglückt! Doch ich will geduldig sein und harren, bis es ihm gefällt, mir sein Versprechen zu halten, und mich bemühen, das ungestüm nach seinem Anblick verlangende Herz zu beschwichtigen.«
Im Lauf der Folgezeit wiederholten sich diese Unterhaltungen und Fragen von Seiten Sidoniens, angeregt durch des Grafen dauerndes Fortbleiben, das sie in der Annahme nicht zu begreifen vermochte, der Geliebte theile ihre Sehnsucht. Und je mehr sich die Zeit bis zu ihrer Vermählung abkürzte, um so häufiger und ängstlicher forschte sie nach ihm, um so häufiger sprach sie die Besorgniß aus, er könnte wol gar durch seine Geschäfte so lange in Anspruch genommen werden, daß ein Wiedersehen in der Heimath unmöglich würde.
Aurelie erschöpfte die Kräfte ihres mitfühlenden Herzens, um Sidonie zu beruhigen und in der bezweckten Täuschung zu erhalten; trotzdem litt die Prinzessin unter dem sich immer mehr und mehr in ihr geltend machenden Gedanken, den Grafen nicht mehr zu sehen, so sehr, daß Aurelie es für besser erachtete, ihr nichts mehr zu verhehlen und zugleich das Portrait einzuhändigen.
Mit großer Vorsicht bereitete sie die Prinzessin darauf vor, indem sie mit ihr gemeinschaftlich erwog, ob dem Fernhalten des Grafen nicht vielleicht ein bestimmterZweck zu Grunde liegen und dieser Zweck die wohlgemeinte Absicht in sich schließen könnte, sowol Sidonien als dem Grafen selbst den Schmerz der Entsagung zu verringern.
Sie erinnerte die Freundin zugleich, daß eine solche Absicht gewiß eben so edel als durch die Umstände geboten sei, und bat sie, der Rücksichten zu gedenken, die sie dem Grafen zu schenken verpflichtet sei. Sie erinnerte sie alsdann, daß der Letztere nicht minder als sie selbst unter den unheilvollen Verhältnissen leiden müßte, und es daher vielleicht im Interesse Sidoniens und seiner eigenen Ruhe für besser erachtete, ein Wiedersehen vorläufig zu vermeiden.
Aurelie kannte der Freundin Herz zu wohl, um nicht von der guten Wirkung ihrer Vorstellungen überzeugt zu sein, und täuschte sich in dieser Beziehung auch nicht. Sidonie gab trotz ihres Verlangens und Schmerzes die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit zu, welche des Grafen Fernhalten in sich schloß, und die Erinnerung an des Geliebten Leid genügte schon, ihm zu Liebe das Verlangen nach seinem Besuch zu beschwichtigen.
In dem Gedanken seines Kummers vergaß sie fast ihr eigenes Weh und wünschte sogar, er möchte nicht kommen, um sein Leid nicht zu vermehren.
Als Aurelie die guten Wirkungen ihrer Worte auf Sidonie bemerkte, glaubte sie den Zeitpunkt gekommen, ihr des Grafen Portrait einzuhändigen; denn jetzt meinte sie nicht nur keine üble, sondern vielmehr eine wohlthätige Wirkung davon auf die Prinzessin erwarten zu dürfen.Sie täuschte sich auch in dieser Beziehung nicht; es war in der That so.
Sidonie hatte sich in Folge aller der bezeichneten Erwägungen bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, den Grafen vor ihrer Vermählung nicht mehr zu sehen, und es fiel ihr dies um so weniger schwer, da sie einen solchen Verzicht im Interesse des Geliebten für nothwendig erachtete. Der Besitz seines Portraits, statt ihre Sehnsucht nach seinem Wiedersehen zu erhöhen, erfüllte sie vielmehr mit einer süßen Ruhe und kräftigte ihre Seele.
O, mit welchem glücklichen Blick begrüßte sie dasselbe, mit welcher Innigkeit heftete er sich an die geliebten Züge! Mit ihrer Freundin vereint betrachtete sie die letzteren und forschte, in wie weit es dem Künstler gelungen war, die Natur wieder zu geben. Sie fand sich freilich nicht ganz befriedigt, denn sie betrachtete das Bild mit den Augen der Liebe, während der Künstler es doch nur als solcher zu gestalten befähigt war. Aber was dieser nicht hineingelegt hatte, verbesserte ihre Erinnerung, und so fühlte sie sich durch seinen Besitz ganz beglückt.
Bald waren auch die letzten Tage, die sie in der Heimath verleben durfte, verflossen, und sie sagte derselben ein schmerzliches Lebewohl, um in Begleitung ihrer Eltern und ihres Bruders sich auf den Weg nach dem fürstlichen Hofe zu begeben, woselbst die Vermählung gefeiert werden sollte. Beim Beschreiten der Grenze des Fürsten wurde sie von dem Prinzen mit einem glänzendenHofstaat empfangen und nach der Residenz und dem Schloß geleitet, woselbst sie die zu ihrer und der Ihrigen Aufnahme prachtvoll ausgestatteten Gemächer bezog.
Am folgenden Tage fand die Vermählung in der fürstlichen Schloßkapelle statt, der sich eine Menge Festlichkeiten, theils in dem Schloß, theils an anderen Orten anreihten und mit Opern und Ballets abwechselten. Nachdem dieselben ihr Ende erreicht hatten, vertauschten die Neuvermählten das Residenzschloß mit einem Palais in einer, wenige Meilen von der Residenz entfernten, kleinen Stadt, woselbst der Fürst schon seit vielen Jahren lebte. Der Letztere hatte derselben wegen ihrer Naturschönheiten vor der geräuschvollen Residenz den Vorzug gegeben und sie im Lauf der Zeit mit Schlössern und vielen anderen Prachtbauten, Parkanlagen und Wasserkünsten geziert, und lebte hier in einem Kreise geistreicher Männer den Wissenschaften und in einer beschaulichen Ruhe, nach welcher sich gewöhnlich das Alter mit seinen körperlichen Beschwerden zu sehnen pflegt.
Da die Verwandten des fürstlichen Hauses und der Adel theils in der Residenz, theils in der Nähe derselben wohnten, und sich nur die von dem Fürsten bevorzugten Personen sowie einige der Cabinetsbeamten hier dauernd aufhielten, um in jeder Stunde sich ihm zu Diensten stellen zu können, so herrschte sowol an des Fürsten Hof, wie in der Stadt selbst, stets eine an Einförmigkeit grenzende Ruhe, die selten durch ein Hoffest unterbrochen wurde. Der Fürst, über die erfolgte Vermählung seines Neffensehr erfreut, wünschte dessen Nähe und hatte ihm darum ein prachtvoll ausgestattetes Palais daselbst angewiesen.
Es geschah dies zugleich in der Absicht, den Prinzen von seinen lockeren Freunden zu entfernen und für eine ernste Beschäftigung zu gewinnen. Die wichtigsten Staatsgeschäfte wurden gewöhnlich an dem Wohnsitz des Fürsten erledigt, und so war die dauernde Anwesenheit des Prinzen daselbst um so mehr erforderlich, sollte er in die ersteren eingeweiht werden. Dieser schien sich in die Bestimmungen seines Oheims gern zu fügen, ja es schien sogar, als ob er in dem Besitz seiner Gemahlin weniger Werth auf die so lange mit Leidenschaft aufgesuchten Genüsse legte.
Dies war in der That jedoch nur für kurze Zeit der Fall und währte nur so lange, als der Reiz der Neuheit seine Wirkung auf ihn ausübte; sobald dieser jedoch aufhörte, fühlte der an stete Zerstreuungen gewöhnte Prinz eine peinigende Langweile. Das einförmige Leben wurde ihm unerträglich, wozu sich noch der unangenehme Zwang gesellte, den ihm sein eheliches Verhältniß auferlegte.
An Verlockungen von seinen alten Freunden fehlte es natürlich nicht, und so geschah es, daß er sehr bald und häufig wieder in der Residenz gesehen wurde. Die Höflinge bereiteten zu Ehren seiner Rückkehr ein wahres Freudenfest, das, eben so reich als wohl überdacht, nur zu sehr geeignet war, den Prinzen mit neuen Fesseln an sie zu ketten.
Gewohnheit, mehr noch die angeborene Neigung thatendas Uebrige, und wenige Monate nach seiner Vermählung hatte sich der Prinz seinem ehemaligen ausschweifenden Leben wieder mit ganzer Leidenschaft ergeben.
Aus diesen Umständen ist leicht ersichtlich, wie geringen Einfluß Sidonie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit auf ihren Gemahl ausübte. Vielleicht würde dies mehr der Fall gewesen sein, hätte sich des Prinzen Charakter zur Entfaltung ihrer sittlichen Vorzüge geeignet und wäre durch die Uebereinstimmung ihrer Naturen jenes Vertrauen in ihr erwacht, das ihre Schüchternheit und Abgeschlossenheit besiegt hätte.
Wir kennen Sidoniens Abneigung gegen den Prinzen, die um so weniger schwinden konnte, da der nähere Umgang mit ihm durchaus nicht geeignet war, dieselbe wenigstens in ein achtungsvolles Gefühl umzuwandeln.
Ihre Schüchternheit und Duldsamkeit verleitete ihn, ihr gleich einem Kinde zu begegnen und nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken, da sie ja überdies von ihm nichts mehr zu beanspruchen schien und sich in einem zurückgezogenen Leben gefiel. Niemals äußerte sie einen Wunsch, niemals erhob sie irgend einen Anspruch auf etwas, obgleich sie ihre Stellung dazu berechtigte. Ebenso schien ihr des Prinzen Fernhalten eher erwünscht, als ungebilligt zu sein, wie das ihre Umgebung zu bemerken glaubte und was ihre schweigende Duldung obenein noch bestätigte. Wir wissen, daß dies in der That der Fall war, wenngleich Niemand die eigentlichen Gründe ihres Benehmens ahnte und dies ihrem einfachen, anspruchslosenCharakter zuschrieb. Wie natürlich, daß der Prinz, von gleicher Täuschung befangen, seinen Neigungen allmälig mehr und mehr die Zügel schießen ließ.
Sidonie ahnte ihres Gemahls Treiben nicht, denn ein Jeder hütete sich, ihr dasselbe zu verrathen, und sie selbst war weit entfernt, nach demselben zu forschen, obgleich ihr des Prinzen Wesen und Benehmen und seine häufigen und längeren Besuche in der Residenz mit der Zeit immer mehr Veranlassung dazu boten.
In dem vertraulichen Umgange mit ihrer treuen Freundin Aurelie und in einem gewählten Genuß der ihr gebotenen Zerstreuungen, sowie in den eifrigen Bemühungen nach geistiger Ausbildung und ihres musikalischen Talents, fühlte sie sich, so weit dies eben sein konnte, befriedigt, und je weniger sie durch das Hofleben in dieser Abgezogenheit gestört wurde, um so angenehmer war es ihr.
Da des Fürsten Gemahlin, von diesem getrennt, ein stilles, zurückgezogenes Leben und er selbst ein ähnliches führte, so konnte es nicht ausbleiben, daß Sidoniens Wünsche ziemlich befriedigt wurden, und dies um so mehr, da der Prinz selbst keine Veranlassung fühlte, seine schüchterne Gemahlin durch geräuschvolle Feste zu zerstreuen, oder sie für sich zu beanspruchen.
Wie manche Stunde saßen die beiden Freundinnen in vertraulichem Gespräch bei einander, sich der Vergangenheit und des gemeinschaftlichen fernen Freundes erinnernd, der, wie sie wußten, die Alpen durchzogen und jetzt in dem sonnigen Italien lebte, wo er Geist und Seele an denReizen der Natur und reichen Kunstschätzen labte, um sein Leid zu mildern und die zur Thätigkeit nothwendige Ruhe zu finden. Denn der Graf war, seinem Vornehmen getreu, beim Nahen des Herbstes von Paris nach der Schweiz gereist und ging von hier nach Italien, woselbst er sich längere Zeit aufzuhalten gedachte.
Sidonie war durch Aurelie mit alledem bekannt gemacht worden und billigte, wenn auch seufzend, sein Fernhalten, und es beruhigte sie der Gedanke, den Geliebten in Orten zu wissen, die so wohl geeignet sind, der leidenden Seele angenehme Eindrücke zu gewähren. Hatte sie doch früher selbst das Verlangen gehegt, jene Länder zu sehen, und es sich so überaus reizend gedacht, an des Gatten Seite einst dort leben zu können.
Alle die schönen Träume, wie waren sie zerronnen, zerstoben vor einer kalten, lieblosen Wirklichkeit! —
Der Graf hatte nach dem ersten Briefe nur noch zweimal an Aurelie geschrieben und sich von ihr über Sidonie Mittheilungen erbeten, nach deren erfolgter Vermählung er es für besser erachtete, den Briefwechsel vorläufig zu unterbrechen. Bei seiner Ankunft in Rom hatte er zum letzten Mal geschrieben und seitdem nicht wieder.
Etwa fünf Monate waren seit Sidoniens Vermählung dahin gegangen, als neue Interessen ihre Seele erfüllten, Interessen, die jedes weibliche Herz mit ganz besonderen Empfindungen zu erfüllen pflegen. Es war die Hoffnung, Mutter zu werden und dadurch den so heiß gehegten Wunsch des Fürsten zu erfüllen.Diese Hoffnung übte einen tiefen Einfluß auf das stille Leid ihrer Seele aus, indem sie dasselbe durch ihre Bedeutsamkeit verklärte.
Der Fürst empfing die so erfreuliche Nachricht durch den Prinzen, und seine Theilnahme daran war größer als diejenige des Letzteren, dem die Geburt eines Kindes, namentlich wenn es kein Thronerbe war, von keiner Bedeutung erschien. Ihm waren die Gefühle, welche die Hoffnung auf den Besitz eines lieblichen Kindes einzuflößen pflegt, durchaus fremd und wurden auch durch die Aussicht der baldigen Vaterschaft nicht geweckt.
Hatte sein bisheriges Benehmen ihn schon nicht für Sidonie gewinnen können, so war die kaum bemäntelte Gleichgiltigkeit, mit welcher er ihre Mittheilung aufnahm, um so weniger dazu geeignet. Von der Ueberzeugung erfüllt, daß die letzteren ihn mit der höchsten Freude erfüllen würde, sah sie sich in der empfindlichsten Weise getäuscht und erkannte mit Schrecken, daß des Prinzen Gemüthsart noch übler sei, als sie es bisher geglaubt.
Seit diesem Augenblick trennte sich ihre Seele noch mehr von ihm, und es trat eine Kälte zwischen ihnen ein, zu deren Beseitigung der Prinz nichts weniger als bemüht war, indem er, ohne die unter den besonderen Umständen Sidonien schuldende Rücksicht zu beobachten, seinen Neigungen unbeschränkt nachging.
Sidonie, dadurch tief verletzt, forschte zum ersten Mal nach den Ursachen einer solchen Lieblosigkeit und seiner so häufigen und oft Tage währenden Besuche der Residenz,und erfuhr sehr bald, in welchen Genüssen der Prinz Befriedigung fand. Es konnte in Folge dessen nicht ausbleiben, daß sie sich immer mehr von ihm zurückzog und ihr eheliches Leben kaum noch ein solches genannt werden durfte. Sie sah den Prinzen höchstens einmal in der Woche und auch dann nur flüchtig, da er sich selten lange bei ihr aufhielt. In solcher übeln Weise war die Zeit dahin gegangen und Sidoniens Entbindung genaht. Die Prinzessin knüpfte daran so mannichfache Wünsche und Hoffnungen.
Liebte sie auch den Prinzen nicht, so war es ihr doch als seine Gemahlin nicht gleichgiltig, was man über denselben und mit Recht sprach und wie man über ihr eheliches Verhältniß urtheilte. Des Prinzen Ausschweifungen mußten sie verletzen, indem sie dadurch in der Achtung ihrer Umgebung und der Welt herab gesetzt wurde. Sie hatte davon schon mancherlei Beweise erhalten und wünschte daher so viel Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen, um dergleichen übeln Erfahrungen für die Folge vorzubeugen.
Was war natürlicher als die Voraussetzung, dies durch die Geburt eines Kindes zu erreichen, und die Hoffnung, daß das Interesse für dieses den Prinzen zum Aufgeben seines wüsten Lebens veranlassen und zu einer achtungsvolleren Annäherung an sie führen würde. Sie sollte sich jedoch in diesen Erwartungen bitter getäuscht sehen.
Denn als sie glücklich eines Mädchens genas, zeigtesich der Prinz um so weniger geneigt, ihre Freude darüber zu theilen, da seine Wünsche hinsichts eines Thronerben sich nicht erfüllt hatten.
Sidonie war untröstlich darüber, und ihr Schmerz steigerte sich, da sie erkennen mußte, daß auch selbst die natürlichsten Gefühle dem Prinzen mangelten, jene Gefühle, die so sehr geeignet sind, die Herzen aneinander zu ketten.
Vielmehr schien ihm Sidonie seitdem nur noch gleichgiltiger geworden zu sein, was auch in der That der Fall war, da er, von den Reizen buhlerischer Frauen umstrickt, sich diesen mit der Zeit ganz hingegeben hatte und in dem Wechsel des Genusses allein Befriedigung fand.
Gewährte Sidonien auch ihr Mutterglück einen ganz neuen, köstlichen Trost in ihrem Kummer, so überwand sie dennoch die erfahrene Ehrverletzung von Seiten des Prinzen nicht. Gern verzichtete sie auf seine Liebe, doch nicht auf die ihr schuldige Achtung, und erkannte das für eine Pflicht gegen sich selbst, sollte sie nicht endlich nur zu einer bemitleideten und belächelten Person herabsinken, der man nach dem Vorbilde des Prinzen immer weniger Achtung zu bezeigen sich erdreistete. Nach den bereits gemachten Erfahrungen drohte ihr diese Gefahr mit aller Bestimmtheit, und dieser Umstand forderte ihr ganzes, verletztes Selbstgefühl heraus.
Sie hatte Aurelien schon oft ihren Kummer darüber vertraut und mit ihr berathen, was sie noch thun könnte, da die bereits näher bezeichneten Umstände nicht den geringstenEinfluß auf den Prinzen ausgeübt hatten. Sie erachtete es für das Zweckmäßigste, dem Prinzen selbst Vorstellungen zu machen und sich dadurch den gewünschten Erfolg zu sichern. Sie glaubte diese Rücksicht beobachten zu müssen, um ihn durch Vermittlung Anderer, etwa des Fürsten, nicht zu verletzen.
Daß sich Sidonie dazu nur sehr schwer zu entschließen vermochte, werden wir im Hinblick auf ihren besondern Charakter erklärlich finden; wir würden uns jedoch in der Annahme täuschen, ihr hätte der erforderliche Muth dazu gefehlt.
Bekanntlich sind die Verhältnisse, in welchen wir leben, zur Entwicklung unseres Wesens von der höchsten Wichtigkeit, und je bedeutsamer dieselben sind, je mehr sie uns herausfordern, um uns ihren Einflüssen gegenüber zu behaupten, um so rascher entfalten sich unsere Seelen- und Geistesanlagen, und der angeborene Charakter des Menschen tritt schärfer und bestimmter hervor. Und so geschieht es, daß uns bekannte Personen nach längerem Wiedersehen oft sehr verändert erscheinen und ihr Wesen uns ganz neue Seiten zeigt, von denen wir früher nicht die mindeste Ahnung gewonnen. Je nach der Besonderheit der Einflüsse und der Naturanlage werden diese Veränderungen verschieden und eben so übel als angenehm sein.
Diese Erscheinungen treten ganz besonders bei dem weiblichen Geschlecht und unter den bei Sidonien angegebenen Umständen hervor, wozu wir noch das jugendliche Alter zählen müssen, in welchem neben der körperlichenauch die sittliche Entwickelung gewöhnlich stattzufinden pflegt.
Dergleichen Veränderungen waren auch mit der Prinzessin vorgegangen, ohne daß dieselben von dem Prinzen beachtet wurden. Ihr Charakter war durch die herausfordernden Verhältnisse rasch gereift, und ihr tief verletztes Ehrgefühl erfüllte sie mit Muth, sich dem Prinzen gegenüber zu behaupten und, was man ihr nicht freiwillig brachte, sich in ihrem guten Recht zu fordern.
Wir haben früher erfahren, welchen nachtheiligen Einfluß des Prinzen Verhalten gegen Sidonie ausübte, indem dasselbe die Umgebung der Letzteren und selbst den Hof verleitete, ihr mit Geringschätzung zu begegnen. Diese Wirkung wurde noch bedeutend dadurch erhöht, als die Prinzessin, von ihrer feinfühlenden Natur bestimmt, es wagte, sich mißbilligend über das sittenlose Treiben auszusprechen, und diejenigen Personen von ihrer Nähe fern hielt, welche sich keines besonders guten Rufs erfreuten. Das wurde ihr in hohem Grade verdacht, denn sie verletzte dadurch die Eitelkeit, und diese ist bekanntlich unversöhnlich.
Sie gab aber auch ihren Widerwillen gegen die unzüchtigen und karikirten Trachten der Frauen zu erkennen, indem sie sich sittsam und stets einfach kleidete und die Benutzung der damals beliebten tausendfachen Toilettenmittel verschmähte, wodurch sich die Damen und auch die Herren zu verschönen bedacht waren.
Damit verstieß sie noch mehr gegen die herrschendeSitte, die sich in der Frivolität wohl fühlte und darum an Züchtigkeit und Sittlichkeit nicht erinnert sein wollte.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß die Prinzessin sehr bald ziemlich allein dastand und nur wenig Nachahmung fand, sich jedoch auch eben so wenig Freunde erwarb.
Sie ließ sich dadurch jedoch nicht zum Aufgeben ihres Verhaltens bestimmen, und that dies um so weniger, da sie ihre sittliche Natur dazu nöthigte.
Ueberdies hatte sie längst erkannt, daß man an einem Hof nicht auf wahre Freundschaft hoffen durfte, und fühlte sich im Besitz ihrer Freundin Aurelie befriedigt. Huldigungen der Welt waren ihr durchaus bedeutungslos, auch war sie nicht eitel genug, darnach zu streben, und bedauerte daher in der ihr gezeigten Abneigung keinen Verlust.
Ihr Verhalten entsprang jedoch nicht etwa aus der bestimmten Absicht, auf ihre Umgebung in solcher Art eine Wirkung auszuüben, sondern lediglich aus den angeborenen Trieben. Doch würde es sie sehr beglückt haben, hätte man sie verstanden und das Bessere anerkannt.
Wir sehen, daß sie sich dadurch in einen Widerspruch mit der sie umgebenden Welt gesetzt hatte, und werden erfahren, in welcher Weise sich derselbe lösen sollte.
Einige Wochen waren dahin gegangen, ohne daß sie den für nothwendig erkannten Schritt zu thun vermochte, bis endlich der Zufall sie darin unterstützte.
Bei einem Hoffest hatte sich die Oberhofmeisterin der Prinzessin gegenüber eine verletzende Freiheit erlaubt,indem sie ihre Mißbilligung über deren Verhalten in wenig passenden Worten gegen diese aussprach.
Hatte sie sich bereits früher öfter in dieser Beziehung gehen lassen, durch Sidoniens ruhiges Hinnehmen der Belehrung verleitet, so überschritt ihr Benehmen in dem angegebenen Fall die zu beobachtenden Rücksichten in vermehrtem Grade.
Welche Ueberraschung malte sich jedoch in ihrem und dem Antlitz der in der Nähe befindlichen Hofdamen, als Sidonie, statt wie gewöhnlich die Belehrung ruhig hinzunehmen, sich stolz aufrichtete und der Oberhofmeisterin mit festen und ruhigen Worten bedeutete, sich künftighin in den ihr vorgeschriebenen Grenzen der Etikette zu halten, um nicht durch ihr Benehmen dem Hofe ein übles Beispiel zu geben.
Die stolze Dame, in solcher Weise und so durchaus ungeahnt von der schüchternen Prinzessin zurecht gewiesen, blieb starr und bestürzt vor dieser stehen, ohne ein Wort der Entschuldigung zu finden, ja sie vergaß sogar die übliche Verneigung, als sich die Prinzessin nach jenen Worten mit den Hofdamen rasch entfernte und sie einsam zurückließ.
Sie würde den Vorfall für eine Vision gehalten haben, hätte sie sich nicht ganz allein in dem Saal gesehen und hätten die zurechtweisenden Worte der Prinzessin nicht in der mißtönendsten Weise noch immer ihre Ohren durchklungen. Die sich über das Erfahrene in ihr erhebende Entrüstung erweckte sie aus der Bestürzung,und kaum wieder so weit gesammelt, um den unerhörten Fall genügend zu erwägen, war sie auch sofort entschlossen, sich bei dem Prinzen darüber zu beklagen und ihn zu bestimmen, der Prinzessin das Ungehörige ihres Benehmens gegen sie vorzustellen und diese zugleich zu einer ihr zu gebenden Genugthuung zu veranlassen. Sie kannte ihren Einfluß auf den Prinzen und die geringe Achtung, die dieser seiner Gemahlin schenkte, nur zu wohl, um des Erfolgs nicht gewiß zu sein. Sie hatte die Prinzessin niemals leiden mögen, und diese Abneigung theilte sie mit einer nicht eben geringen Anzahl Gleichgesinnter. Der Grund dazu lag darin, daß Sidonie durchaus ihren eigenen Willen haben wollte und ihre klugen Worte stets unberücksichtigt ließ. Ueberdies verschmähte sie auch die gebräuchlichen Mittel, die Toilette zu verschönen. Denn sie bediente sich weder der falschen Haare, noch des Puders, färbte eben so wenig die Augenbrauen, noch verschönte sie ihren Teint durch Schminke und Schönpflästerchen. Sie verachtete alle diese Dinge, obgleich der herrschenden Mode gemäß sich die Damen des Hofes und der Aristokratie in solcher Weise zu verschönen für eine Anstandspflicht erachteten. Dieser Umstand diente ihr und ihren Gesinnungsgenossen für einen Beweis, daß sich die Prinzessin klüger als sie Alle dünkte, den guten Ton vom Hofe zu verbannen bedacht wäre und obenein die Absicht hegte, daselbst ein prüdes, moralisches Leben einzuführen, wozu sie wie ihre Freunde nicht die geringste Lust verspürten.Gründe genug in Verbindung mit dem soeben Erfahrenen, die Prinzessin recht von Herzen zu hassen.
Um so mehr war sie daher bedacht, sich Genugthuung zu verschaffen.
Sie sah sich in ihren Erwartungen auch wirklich nicht getäuscht; denn nachdem sie dem Prinzen die Angelegenheit in ihrem Sinne vorgetragen und dabei der ihr obliegenden Pflichten als Oberhofmeisterin der unerfahrenen, einem kleinen herzoglichen Hofe entsprossenen Prinzessin gegenüber gedacht und somit ihr Verhalten gegen diese als durchaus berechtigt bezeichnet hatte, gab ihr der Prinz nicht nur seine Zustimmung zu ihrer Klage zu erkennen, sondern auch das Versprechen, die Prinzessin zu der gewünschten Abbitte zu veranlassen. Er sprach überdies seine Ueberraschung über das Verhalten seiner Gemahlin aus, das er durchaus nicht erwartet, überhaupt nicht vermuthet hatte.
Sehr befriedigt schied die Oberhofmeisterin, ihres Sieges gewiß.
Sidonie glaubte den Prinzen mit dieser Angelegenheit nicht behelligen zu müssen und schwieg darum, ohne den Schritt der Oberhofmeisterin zu ahnen; sie war daher nicht wenig überrascht, als der Prinz sie aufsuchte und ihr in ziemlich verletzender Weise Vorstellungen über ihr Verhalten gegen die Erstere machte und es zugleich als eine Nothwendigkeit bezeichnete, derselben einige entschuldigende Worte zu sagen.
Sidonie hatte ihn, wenngleich mit gesteigerter Ueberraschung,so doch ruhig angehört; als er schwieg und ihre Zustimmung erwartete, blickte sie ihn fest an und entgegnete eben so fest, daß sie weit entfernt sei, sein Verlangen zu erfüllen, und sich dazu durchaus berechtigt glaube. Zugleich setzte sie ihm den Vorfall genau auseinander.
Der Prinz schaute sie mit Ueberraschung an; in solcher Weise hatte die Prinzessin noch nie zu ihm zu sprechen gewagt und ebenso wenig ein so bestimmtes, festes Wesen gezeigt. War dies auch zurückhaltend und ruhig, so verrieth es dennoch nichts von der früheren Schüchternheit und Befangenheit. Was jedoch den Prinzen für seine Gemahlin hätte gewinnen sollen, reizte vielmehr seine Empfindlichkeit, und so geschah es, daß er, statt ihr Recht anzuerkennen, auf seinem Verlangen beharrte.
Jetzt schien Sidonien der rechte Augenblick gekommen, dem Prinzen alle jene Momente zu bezeichnen, durch welche das ungeziemende Verhalten der Oberhofmeisterin hervorgerufen worden war, und ihr volles, tief verletztes Herz zögerte damit nicht. Ihre Worte waren bestimmt, sie bezeichneten nur die nicht abzuläugnenden Thatsachen und deren unausbleibliche Folgen, und drückten endlich das bestimmte Verlangen aus, der Rücksichten eingedenk zu sein, die der Prinz ihr als seiner Gemahlin schulde.
In großer Erregung und sprachlos vor Erstaunen starrte sie der Prinz an. Ihre Vorstellungen erschienen ihm als Vorwürfe, die sie ihm zu machen wagte, indem sie sich erkühnte, ihre Mißbilligung über sein Treibenund Verhalten gegen ihn auszusprechen und von ihm eine Rückkehr zu einem bessern, sittlichen Leben, sowie eine achtungsvollere Begegnung von seiner Seite verlangte. Fest, stolz und nichts weniger als schüchtern stand sie vor ihm da, blickte ihn eben so fest an, und ihre ganze Haltung zeigte, daß sie es sehr ernst damit meinte.
Die Wirkung der letzteren auf den Prinzen war eine um so tiefere, da sie ihn so durchaus ungeahnt überraschte und zugleich erkennen ließ, wie sehr er sich hinsichts Sidoniens Charakter getäuscht hatte. Dieser Umstand diente jedoch leider nur dazu, seinen ganzen, ihm beiwohnenden Jähzorn zu erregen und der Prinzessin in der verletzendsten Weise zu entgegnen, daß ihre Vorwürfe eine Anmaßung wären, die er ein- für allemal zurückweise, worauf er sie in großer Erregung verließ.
Durch diesen so unglücklichen Erfolg ihrer Bemühungen tief gebeugt, durch des Prinzen Jähzorn und heftige Worte beleidigt, fühlte Sidonie die ganze Bedeutungslosigkeit ihrer Stellung, war aber auch zugleich überzeugt, daß damit alle näheren Beziehungen zu dem Prinzen ihr Ende erreicht hätten. Sie befestigte sich um so mehr in dieser Ueberzeugung, da der Prinz seit dieser Unterredung nicht nur nicht an ein Aufgeben seines wüsten Lebens zu denken schien, sondern dieses vielmehr in noch erhöhterem Grade fortsetzte, gleichsam um ihr den Beweis der geringen für sie gehegten Achtung zu liefern.
Sidonie nahm das ruhig und geduldig hin; sie hatte die Pflicht gegen sich und den Prinzen erfüllt; mehr zuthun vermochte sie nicht. Wie groß ihr Schmerz darüber war, darf kaum bemerkt werden.
In der Liebe und der Pflege ihres Kindes und in dem vertraulichen Umgang mit Aurelien fand sie den so nothwendigen Trost, wenngleich sie erkannte, daß mit jener Begegnung des Prinzen der erste Schritt zu einem dauernden Kampfe mit demselben gethan war, wollte sie sich dem ihr gewissen Schicksal nicht für die Folgezeit unterwerfen. Daß sie das nicht durfte und auch ihrem Charakter nach nicht vermochte, stand in ihr fest; in welcher Weise sich jedoch ihre Lage entscheiden würde, war eine in der Gegenwart schwer zu beantwortende Frage.
Zwar hatte der Fürst, dem das eheliche Zerwürfniß nicht unbekannt geblieben war, sowol dem Prinzen als auch Sidonien Vorstellungen darüber gemacht und sich bemüht, eine Aussöhnung zwischen ihnen herbeizuführen; jedoch ohne jeden Erfolg.
Der Prinz zeigte keine Neigung, auf Sidoniens, wie er es nannte, überspannte und ungehörige Forderungen einzugehen, und sie vermochte ihren Widerwillen gegen ihn nicht zu bezwingen, und so blieb Alles beim Alten.
In trüber Einsamkeit gingen Sidonien seitdem die Tage hin, zehnfach kummervoller im Hinblick auf ihr verlorenes Liebesglück und in dem Gefühl der Machtlosigkeit, ihrem Leiden ein Ende zu machen. Wie oft ruhte in jener Zeit ihr von Thränen gefeuchtetes Auge auf den Zügen des fernen, so edlen Geliebten! Welch einen Gegensatz bot dieser zu dem Gemahl! —In dieser Zeit ihrer Leiden sollte sie noch ein neuer tiefer Schmerz treffen und ihre Seelenkraft herausfordern: ihr Vater erkrankte bedenklich.
Sie eilte an sein Lager, jedoch nur, um ihn bald zur Gruft zu begleiten.
Zwei Monate darauf starb auch ihre Mutter.
Wir übergehen den schmerzvollen Kummer, den dieser so rasch auf einander folgende doppelte Verlust in ihrer Seele hervorrief; derselbe beugte sie in dem Gefühl, in ihrem Leiden nun auch noch des elterlichen Beistandes beraubt und der Willkür ihres Gemahls anheim gegeben zu sein, unendlich tief und raubte ihr allen Lebensmuth.
Diese sie betreffenden Ereignisse waren zugleich die Ursache, daß sie des Prinzen zügellosem Leben keine Aufmerksamkeit schenkte und froh war, wenn sie nicht durch irgend welche Umstände daran erinnert wurde.
Obgleich der Prinz mit ihr dasselbe Palais bewohnte, lebte er dennoch von ihr getrennt in dem einen Flügel des Schlosses, während sie den andern Theil benutzte. Es fanden daher persönliche Berührungen um so seltener statt, da der Prinz, wie schon bemerkt, sich überdies häufig in der Residenz oder an anderen Orten aufhielt und bei seiner Rückkehr vorzugsweise im Kreise seiner näheren Freunde befand und Gemahlin und Tochter unbeachtet ließ. In solcher Weise waren die Jahre bis zu dem Zeitpunkt dahin gegangen, mit welchem unsere Erzählung beginnt.
Sidonie war, nachdem sie sich von den sie betroffenenSchicksalsschlägen wieder erholt hatte, bemüht, ihr Leben nach ihren Neigungen zu gestalten, das, an und für sich ziemlich einfach, doch nicht ganz der angenehmen Zerstreuung entbehrte.
Außer den Besuchen ihres Bruders, der an des Fürsten Hof eine militärische Stellung bekleidete, empfing sie einmal in der Woche ein paar Herren und Damen, deren sittliche und geistige Vorzüge ihren Wünschen entsprachen.
Musikalische und Theater-Aufführungen gehörten sodann zu den von ihr beliebten Genüssen, denen sie ein gewisses Interesse schenkte.
Ohne jede Rücksicht auf ihren Gemahl gestaltete sie so ihr Leben durchaus selbstständig und wurde darin durch die frühere Oberhofmeisterin nicht mehr gestört, da ihre Vorstellungen bei dem Fürsten die Entfernung derselben trotz dem Prinzen erzielt hatten. Freilich war sie durch den Ersatz derselben auch nicht besonders erfreut worden, da die neue Dienerin allerdings feinere Manieren und ein achtungsvolleres Verhalten beobachtete, übrigens jedoch nichts mehr war, als was in jener sittenverderbten Zeit eine Dame in ihrer Stellung zu sein pflegte. Steife Formen, ein hohles Herz und ein nicht minder hohler Geist, gemischt mit der Vorliebe für Intriguen und dem Verlangen, sich überall Einfluß, namentlich auf die Prinzessin, zu verschaffen.
Trotz alledem war es Sidonie durch ihr sicheres Benehmen gelungen, sich in ihrer Umgebung Ehrerbietungund Achtung zu verschaffen, die sich bei einzelnen Personen sogar bis zu wirklichem Mitgefühl mit ihrem traurigen Geschick steigerte.
Die Welt nannte sie nun nicht mehr dieschüchterne, sondern dieunglücklichePrinzessin; denn es konnte nicht fehlen, daß das Gerücht von dem ehelichen Zerwürfniß schon lange über die Hofkreise hinaus gedrungen war.
Mit der aufrichtigsten Theilnahme hing manches Auge an dem bleichen, traurigen Antlitz der Prinzessin, wenn sie sich öffentlich zeigte, und mancher Wunsch zu ihrem Glück und einer befriedigenden Aenderung ihrer Lebensverhältnisse wurde ausgesprochen.
Um wie viel größer würde diese Theilnahme gewesen sein, hätte man eine Ahnung von dem Schmerz gehabt, den Sidonie überdies im Herzen trug.
Doch davon wußte die Welt nichts; denn Sidoniens Liebe war Jedermann unbekannt geblieben, Dank des so vorsichtigen und richtigen Verhaltens des edelsinnigen Grafen. Wie sehr dieser bedacht war, dies Geheimniß zu bewahren, können wir aus der Vorsicht entnehmen, welche er bei dem Wiedersehen der Prinzessin beobachtete.
Sehen wir nun, in wie weit es Aurelien gelang, ihre so wohlgemeinte Absicht auszuführen.