Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Ungefähr drei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin gegangen. Der Prinz hatte seinem Treiben trotz der erhaltenen Ermahnungen seines Oheims keine Schranken angelegt und eben so wenig das Geringste gethan, um sich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, und so war das wohlgemeinte Wort des Fürsten vergeblich gesprochen worden.Alles, wozu sich der Prinz bequemte, bestand darin, sein Treiben dem Fürsten mehr denn früher zu verheimlichen, was ihm jedoch nur zum Theil gelang, da er seinen Neigungen nur zu leicht und zu oft die Zügel schießen ließ und alsdann jede Vorsicht und Rücksicht vergaß. Die Folge davon war nicht nur die Unzufriedenheit des fürstlichen Oheims mit seinem Neffen, sondern auch jene Uebersättigung des Letzteren, die unter solchen Umständen niemals auszubleiben pflegt. Der Prinz befand sich seitdem in einem stets gereizten und unmuthigen Zustand, der ihn im höchsten Grade peinigte und von welchem seine Umgebung und selbst Mühlfels nicht eben wenig zu leiden hatten.

Zwar bemühte sich der Letztere, die Stimmung des Prinzen zu verbessern; indessen vergebens, da demselben alle früher beliebten Arrangements jetzt langweilig und ungenießbar erschienen.

Um seinen Unmuth noch in hohem Grade zu steigern, sprach auch der Fürst immer bestimmter das Verlangen aus, daß der Prinz den Staatsgeschäften ein größeres Interesse zuwenden und sich darum nicht so häufig und auf lange Zeit aus seiner Nähe entfernen sollte. Zu ernsten Dingen fühlte der Prinz jedoch jetzt gerade am wenigsten Neigung und fügte sich daher nur mit Widerstreben in den Befehl seines Oheims. Mühlfels sah sich in Folge dessen veranlaßt, auf Mittel zu denken, durch welche er die Abspannung und üble Laune des Prinzen beseitigen und zugleich ein gutes Einvernehmen zwischen diesem unddem Fürsten herstellen könnte. Und so sehen wir ihn denn in dem Boudoir seiner Mutter, der Oberhofmeisterin der Prinzessin, mit welcher er die bezeichnete Angelegenheit in eingehender Weise erwog. Denn es muß bemerkt werden, daß der Baron in dem eigenen Interesse sowol als demjenigen des Prinzen seine Mutter häufig zu Rathe zog und sie einen nicht unwesentlichen Einfluß auf seine Anordnungen in dieser Hinsicht ausübte.

Die Baronin besaß eine ausgedehnte Damenbekanntschaft und wurde nicht eben selten mit der Bitte angegangen, den Prinzen durch ihren Sohn auf eine oder die andere Schönheit aufmerksam machen zu lassen, oder auch wol die Gelegenheit zu bieten, daß der Prinz diese persönlich kennen lernte. Der Letztere besuchte nämlich mit Mühlfels dann und wann die Baronin, nachdem diese bedacht gewesen, des Prinzen Auge durch angenehme weibliche Erscheinungen in ihrem Hause zu überraschen.

Wir sehen, daß die Oberhofmeisterin neben ihrer Stellung als solche auch noch eine andere, mindestens zweideutig zu nennende, einnahm, so wenig diese sich auch mit ihrem eigentlichen Beruf vereinigte. Sidonie war damit nicht bekannt, noch hegte sie so viel Interesse für die Baronin, um nach deren sittlichen Eigenschaften zu forschen. Des Prinzen Empfehlung hatte ihr dieselbe zugeführt, und es war ihr überhaupt ziemlich gleichgiltig, von welcher Dame diese Stellung eingenommen wurde, wenn dieselbe nur überhaupt ein von ihr gewünschtes Verhalten beobachtete. Und dies war bei der Baronindurchaus der Fall. Mit dem Charakter der Prinzessin bald genügend vertraut, war sie bedacht, sich im Wesen und Benehmen ganz deren Wünschen anzubequemen, und diese Klugheit sicherte ihr eine gute Aufnahme bei Sidonien. Da sie sich überdies auch gegen des Prinzen Verhalten erklärte und darin durch ihren Sohn in der bereits angegebenen Weise wesentlich unterstützt wurde, so zweifelte Sidonie nicht an der aufrichtigen Theilnahme der Baronin und dankte ihr dafür durch ein gütiges Entgegenkommen. Fern lag ihr die Vermuthung, wie sehr sie sich täuschte und daß Mutter und Sohn lediglich ein und dasselbe Ziel verfolgten, und so geschah es, daß sie auch der Baronin gleich deren Sohn den Zutritt in ihre Abendcirkel gestattete. —

Wir kehren nach diesen Erläuterungen zu den Berathungen der Letzteren zurück.

»Der Prinz hat also seine Tänzerinnen satt?« fragte die Baronin.

»Durchaus, wie das vorauszusehen war. Sie kennen ja seinen Charakter und wissen, daß er nur in dem fortwährenden Wechsel der Genüsse Befriedigung findet.«

»Es fehlt also an einem Ersatz?«

»So ist es, und dieser Ersatz wird um so schwerer zu erhalten sein, da der Prinz durch die letzten Debauchen allen Geschmack an Aehnlichem verloren hat.«

»Um so besser, so wird eine Dame aus guter Familie, mit Schönheit und dem erforderlichen Benehmen ausgestattet, leicht seinen Beifall gewinnen.«»Möglich. Kennen Sie eine solche Dame?«

»Allerdings. Es ist Fräulein von Lieben. Sie machte mir neulich in Begleitung ihrer Mutter einen Besuch, und diese deutete in vertraulicher Weise die große Verehrung an, welche ihre schöne Tochter für den schönen Prinzen hege, und dies reicht hin, Weiteres in Deinem Sinn zu veranlassen. Die Liebens sind, wie Du weißt, ziemlich ohne Mittel, ihr Vermögen ist derangirt; eine Liaison mit dem Prinzen würde ihr daher sehr gelegen kommen, auf welche sie es vielleicht auch abgesehen hat.«

»Die Lieben ist also hübsch und in die Künste der Koketterie eingeweiht?«

»Vollkommen. Sie hat den vorigen Winter in Paris zugebracht und scheint diese Zeit dazu vortrefflich benutzt zu haben.«

»Dann könnte es ihr vielleicht gelingen, den Prinzen zu fesseln und ihn von seiner Apathie zu befreien. Das käme mir sehr gelegen, denn ich fürchte fast, der Prinz könnte, verharrte er darin, sich dadurch und durch des Fürsten Ermahnungen am Ende veranlaßt sehen, sich mit der Prinzessin auszusöhnen, und Sie wissen, das würde meine Pläne zerstören.«

»Das fürchte ich nicht. Der Prinz hat eine viel zu bestimmte Abneigung gegen die Prinzessin, als daß jemals eine Aussöhnung stattfinden dürfte, ganz abgesehen, daß die Letztere sich niemals dazu bequemen wird. Ich habe mich bemüht, Sidoniens Charakter zu erforschen, und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie sich immerdartreu bleiben und darum auch niemals eine Annäherung zwischen dem Paar stattfinden wird.«

»Das ist mir allerdings angenehm zu hören; indessen genügt es mir nicht. Sie wissen, ich wünsche Sidoniens Gunst zu erlangen; meine oder vielmehr unsere Bemühungen sind bisher jedoch nur von geringem Erfolg gekrönt worden, und das ist mir unerträglich.«

»Ist es nicht allein Deine Schuld? Du bist zu viel abwesend und vermagst daher Deine Absicht nicht in der entsprechenden Weise zu verfolgen. In solchen Dingen kommt es jedoch darauf an, stets in der Nähe zu sein, um den rechten Augenblick wahrzunehmen. Doch ich darf Dich daran nicht erinnern; Du weißt das eben so gut. Ich sage Dir nur so viel, daß nach meinen Beobachtungen die Prinzessin zärtlichen Gefühlen zugänglich ist. Sie besitzt ein zu gefühlvolles Herz, um nicht der Liebe zu bedürfen, und ich glaube, ich würde bereits Beweise dafür erhalten haben, wäre Graf Römer länger hier gewesen.«

»Was sagst Du?!« rief der Baron überrascht. »Graf Römer?! Sollte dieser ernste, kalte Mann einen tieferen Eindruck auf sie erzeugen können, oder etwa schon erzeugt haben?«

»Nun, nun, beruhige Dich! So weit, glaube ich, ist es wol nicht gekommen, obgleich ich überzeugt bin, daß das nicht gerade unmöglich wäre. Erscheint es Dir nicht ganz natürlich, daß die Prinzessin bei ihrem abgeschlossenen Leben alle jene Personen gern sieht, die ihr in so interessanterWeise die Stunden zu verkürzen vermögen? Das Wohlgefallen an dem Wort geht bei den Frauen nur zu leicht auf die Person über, die es ausspricht, und Du erkennst darin, daß ich mit meiner Vorstellung, Dich nicht häufig genug der Prinzessin zu nähern, durchaus Recht habe. Wenn man sich alle acht oder vierzehn Tage nur einmal und auch nur in Anwesenheit Anderer sieht, kann von einer zärtlichen Annäherung nicht die Rede sein. Die Gelegenheit dazu ließe sich unter den obwaltenden Verhältnissen leicht herbeiführen, da ich dazu die Hand bieten kann. Bedenke das Alles!«

»Ich gebe Ihnen durchaus Recht, meine Mutter, und bitte Sie, mit mir gemeinschaftlich die Mittel zu erwägen, welche geeignet sind, des Prinzen Wünsche zu befriedigen und ihn zugleich mehr an seinen Wohnsitz zu fesseln, damit ich nach Ihrem Rath handeln kann.«

»Das könnte durch die Lieben geschehen; gefällt sie dem Prinzen, so werde ich ihr die Nothwendigkeit vorstellen, ihren Aufenthalt nicht nach der Residenz oder irgendwo anders zu verlegen, um den Prinzen hier zu fesseln und so des Fürsten Wunsch zu erfüllen; da sie sich dadurch des Letzteren Dank sichert, so erfordert es schon die Klugheit, sich um ein solches Arrangement zu bemühen.«

»Ein vortrefflicher Plan! Und glauben Sie, daß es der Lieben gelingen dürfte?«

»Ich zweifle nicht daran. Das Mädchen ist eben so klug als schön, und ihre Mutter hat früher hinreichendeErfahrungen in diesem Punkt gemacht, um ihr dabei nicht würdig zur Seite stehen zu können.«

»So hätte ich ja die besten Aussichten für die Zukunft, besonders da auch der Mann, der, wie Sie meinen, einen gewissen Eindruck auf die Prinzessin gemacht hat, abgereist ist.«

»Ich zweifle nicht daran. Ich werde dem Prinzen in den nächsten Tagen die Gelegenheit verschaffen, die Lieben bei mir zu sehen. Lausche ihm die rechte Stimmung dazu ab und sorge dafür, daß ich seinen Wunsch zur rechten Zeit erfahre, um das Weitere zu veranlassen. Vielleicht nimmt der Prinz das Souper bei mir ein, dabei läßt sich eine nähere Bekanntschaft zwischen den Beiden leicht und bequem einleiten.«

»Ich werde nach Ihrem Rath verfahren und freue mich, daß wir endlich ein Mittel besitzen, das uns die erwünschten Erfolge in Aussicht stellt,« entgegnete der Baron und erhob sich.

In diesem Augenblick trat ein Diener mit der Meldung ein, daß der Castellan Robert des fürstlichen Lustschlosses Waldburg mit seiner Tochter angelangt sei und die Baronin zu sprechen wünsche.

»So, ist der Robert da und seine Tochter auch?« fragte die Baronin und fügte hinzu: »Das ist mir lieb. Lass’ sie hereinkommen!« und bemerkte alsdann gegen ihren Sohn: »Robert war vor einigen Wochen bei mir und bat mich, seiner Tochter, die ein hübsches Mädchen von siebenzehn Jahren ist, eine Stelle als Kammerzofezu verschaffen. Ich sagte ihm das zu, da ich Robert wegen seiner früheren Dienste bei uns eine gewisse Rücksicht schulde. Wenn mir das Mädchen gefällt, nehme ich sie vielleicht zu mir. Ich habe Robert mit seiner Tochter zu mir bestellt, um mir diese anzusehen. Willst Du vielleicht dabei sein, so begleite mich zu ihnen. Robert wird sich freuen, den ehemaligen Junker nun als Mann wieder zu sehen.«

Der Baron war damit einverstanden, nahm den Arm seiner Mutter und führte sie nach dem Zimmer, in welchem sie von den bezeichneten Personen erwartet wurden.

»Nun, Robert, sind Sie da?«

Also begrüßte die Baronin den ehemaligen Diener und reichte ihm die Hand, die Robert respectvoll küßte. Nach ihm nahte sich ihr das Mädchen, knixte mehrmals und bezeigte ihr ihre Ehrfurcht gleich ihrem Vater durch einen Handkuß.

»Sieh, sieh, das Mädchen hat sich sehr gut ausgewachsen! Die Waldluft und Einsamkeit scheinen dazu sehr geeignet zu sein,« bemerkte die Baronin, Mariane, so hieß das Mädchen, mit Ueberraschung und Wohlgefallen betrachtend, und schaute alsdann ihren Sohn an, der gleich ihr das in der That reizende Mädchen mit ähnlichen Gefühlen anblickte.

Die ganze Jugendfrische ihres Alters lachte aus dem rosigen, lieblich geformten, feinen Antlitz, den dunkeln, blitzenden Augen und der nicht minder schön geformten Gestalt, der ein Anflug von Unbefangenheit und Keckheiteinen ganz besondern Reiz verlieh. Mutter und Sohn tauschten einen verständigenden Blick aus, der ihre Uebereinstimmung des Urtheils über das Mädchen verrieth.

»Also Mariane will sich hier versuchen?« fragte die Baronin.

»Sie brennt vor Verlangen darnach, gnädigste Frau Baronin. Das Kind ist so lebhaften Geistes und möchte gleich einem Vogel aus dem Walde fliegen, der ihr schon lange zu enge und einsam ist,« entgegnete Robert mit einem Seitenblick auf seine Tochter, deren lebhafte Mienen des Vaters Worte durchaus bestätigten.

»Ist ihr auch nicht zu verdenken. Denn die Jugend verlangt nach dem Treiben der Welt, und mir scheint, daß Mariane sich auch besser dazu als zu einem eintönigen Leben im Walde eignet,« fiel die Baronin ein und wandte sich alsdann an diese mit der Frage:

»Du möchtest also gern aus Deinem Nest fliegen und Dich an dem glänzenden Leben hier ergötzen?«

»Ach, von Herzen gern!« sprach Mariane rasch und unbefangen und schaute die Baronin mit vor Verlangen funkelnden Blicken an.

»Nun, es könnte sich wol eine Stelle hier für Dich finden,« meinte die Baronin, das Mädchen mit prüfenden Blicken betrachtend.

»Tausend, tausend Dank, gnädigste Frau Baronin!« fiel Mariane ein, nahte sich ihr rasch und küßte ihr unter Knixen wiederholt die Hand.

»Du scheinst ein lebhaftes Gemüth zu haben, Kind,und trotz der Einsamkeit ziemlich unbefangen zu sein. Das gefällt mir, so wirst Du auch klug und verständig genug zu Deinem Dienst sein. Denn mir däucht, Du paßt ganz gut zu einer Kammerzofe und wirst Dich leicht und mit Geschick in die neuen Verhältnisse zu fügen wissen.«

»Glauben die gnädige Frau Baronin?« fragte der Castellan mit sichtlicher Freude.

»Sie kennen ja den Dienst, lieber Robert, und wissen, was man von einer Zofe verlangt, und ich denke, Mariane wird unsere Erwartungen nicht täuschen. Ich werde sie zu mir nehmen.«

»O, die Frau Baronin sind gar so gnädig!« fiel der Castellan ein, sich tief verbeugend. Mariane aber verrieth eine innere lebhafte Bewegung, mit welcher sie auf’s Neue der Baronin Hand küßte; doch sprach sie nichts.

»Ich denke, es soll Dir bei mir gefallen, Kind, und wenn Du Dich bewährst, wer weiß, was aus Dir noch werden kann,« bemerkte die Baronin mit einem eigenthümlichen Blick, indem sie Mariane auf die Wange klopfte.

Nachdem sie alsdann noch Mehres über Marianens künftige Stellung bei ihr besprochen, kündete sie dem Castellan an, daß die Erstere etwa in einem Monat ihren Dienst antreten und sich dazu also mit Bequemlichkeit vorbereiten könnte, wobei sie nicht unterließ, ihr einige Winke über Anzüge und Aehnliches zu geben.

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und lebhaftenBlicken und Mienen lauschte Mariane ihren Worten und schien von dem Gedanken, künftig nur gute und hübsche Kleider zu tragen und in dem Hause der Baronin zu wohnen, ganz entzückt zu sein.

Hierauf nahm die Baronin das Mädchen bei Seite und unterhielt sich einige Minuten vertraulich mit ihr, wobei sie sich über Mancherlei Aufklärung von ihr geben ließ und dabei deren geistige Anlagen prüfte.

Der Baron sprach währenddessen mit dem Castellan über die Vergangenheit. Alsdann wurden Vater und Tochter entlassen und der Erstere zugleich angewiesen, vor der Abreise der Tochter noch weitere Befehle bei der Baronin einzuholen.

Mutter und Sohn kehrten alsdann in das Boudoir zurück.

»Nun, was sagst Du zu dem Mädchen?« fragte die Erstere, den Sohn mit Befriedigung anblickend.

»Sie ist reizend,« entgegnete dieser.

»Das ist sie in der That; aber sie besitzt nicht nur einen schönen Körper, sondern auch einen lebhaften Geist, ist klug und weiß gewandt zu antworten, wie ich mich überzeugt habe. Ebenso bin ich gewiß, daß sie sich unter einer geschickten Leitung eben so rasch als vortrefflich und ohne ihre Eigenthümlichkeit einzubüßen, entwickeln wird.«

»Ich stimme Ihnen durchaus bei, meine Mutter; denn mir däucht, in diesem Mädchen schlummern die verschiedensten Anlagen, die je nach den besonderen Verhältnissen zur Geltung gelangen müssen.«»Du täuschest Dich nicht. Das Verlangen nach einem bewegten Leben, nach glänzendem Putz sind zugleich mit dem lebhaften Wunsch in ihr vereint, sich geltend zu machen und ihrer Eitelkeit geschmeichelt zu sehen. Aus Alledem dürfen wir mit Sicherheit schließen, daß sie gern bereit sein wird, sich den an sie gestellten Forderungen anzubequemen, sobald sie dadurch die Befriedigungen ihres Verlangens zu erzielen vermag. Denn sie ist viel zu eitel und zu klug, um durch Tugendscrupel belästigt zu werden.«

»Ich glaube Sie zu verstehen, meine Mutter; Sie haben dabei an den Prinzen gedacht,« fiel der Baron ein.

»So ist es. Und warum sollte es nicht sein? Der Wechsel sagt dem Prinzen zu, der besondere Gegensatz vielleicht in diesem Augenblick mehr denn sonst. Warum sollte ihm eine solche wilde Waldtaube nicht gefallen, nachdem er sich an so vielem zahmen Geflügel übersättigte? — Doch das ist nur eine Vermuthung, ohne daß ich eine förmliche Absicht mit Marianen und dem Prinzen verbinde. Lass’ uns abwarten. Sollte ihm die Lieben etwa nicht gefallen, so dürfte uns dieses eigenthümliche Mädchen vielleicht doch noch in unserm Sinne dienen können, besonders wenn die Sache geschickt angefaßt wird. Es ist das ein Gedanke, der in mir durch die Verhältnisse erweckt worden ist.«

Also sprach die in dergleichen Intriguen sehr geschickte Baronin, und ihr Sohn, damit bekannt, fand es nicht für gut, seiner Mutter zu widersprechen, da er ihrerKlugheit durchaus vertraute. Freilich sagte er sich, daß Marianens niedere Herkunft zu einer dauernden Liaison mit dem Prinzen wenig geeignet sei; aber es kam im schlimmsten Fall auch nicht darauf, sondern lediglich auf die augenblickliche Zerstreuung des Prinzen an, und dazu schien ihm das reizende Mädchen sehr geeignet.

Der Baron trennte sich mit dem Versprechen von seiner Mutter, den Prinzen in den nächsten Tagen zu einem Besuch bei ihr einzuladen, damit er das Fräulein von Lieben kennen lernte.

Der Prinz hielt sich bisher sehr viel in seinen Gemächern auf, woselbst er Musik trieb, viel schlief, mit seinen Hunden, deren er mehre um sich hatte, spielte und sich von Henry, der jetzt eine sehr wichtige Person war, frivole Geschichten erzählen ließ. Außer Mühlfels gewährte der Prinz nur wenig anderen Personen noch den Zutritt und zwar solchen, für welche er ein gewisses Wohlgefallen hegte oder die ihm im Augenblick Zerstreuung verschafften. Nur selten fuhr er aus, noch seltener begab er sich zu dem Fürsten, wenn ihn dieser nicht besonders zu sich einladen ließ.

Sidonie floh er geradezu, wenigstens vermied er es, ihr irgend wo zu begegnen. Ebenso zeigte er kein Verlangen nach seiner Tochter und sah dieselbe nur höchstens zufällig und aus der Ferne. Das liebliche Kind erregte nicht die geringsten zärtlichsten Gefühle in ihm und er schien sich von dem Gedanken, der Vater desselben zu sein, ganz entfremdet zu haben.Sidonie wurde, wie das eben nicht ausbleiben konnte, mit des Prinzen Zustand bekannt gemacht; sie konnte ihn nur bedauern; denn sich ihm zu nahen, wäre ihr unmöglich gewesen, nachdem sie erkannt, daß des Fürsten Ermahnungen durchaus fruchtlos geblieben waren und der Prinz sich nicht bequemte, irgend etwas zur Aussöhnung mit ihr zu thun.

Wir haben erfahren, wie schwer ihr eine solche unter den obwaltenden Umständen geworden wäre; sie würde sich derselben jedoch, wenn auch mit großer Ueberwindung unterzogen haben, weil sie dies im Hinblick auf ihre Tochter und den Wunsch des Fürsten für ihre Pflicht erachtete.

So blieb denn das alte Verhältniß zwischen ihnen bestehen und Sidonie ergab sich jetzt in das Unabänderliche um so leichter, da in ihrem Herzen die Liebe mit neuer Frische aufgeblüht war und die Hoffnung sie beglückte, den geliebten Freund bald und für längere Zeit in ihrer Nähe zu sehen.

Der Prinz war in Folge der Aufforderung des Barons mit diesem ausgefahren.

Es war ein heiterer, warmer Herbsttag und sehr geeignet, das Herz zu erfrischen und der Seele neue Spannkraft zu verleihen.

Auf Mühlfels Wunsch dehnte der Prinz die Fahrt mehr als gewöhnlich aus, da ihm dieselbe behaglich war und er sich dabei ziemlich gut unterhielt.

In seinem Palais zurückgekehrt, sprach der Prinz nachlanger Zeit wieder das Verlangen aus, den Abend irgendwo in einer heitern Gesellschaft zu verleben, und Mühlfels benutzte diesen Umstand, dem Prinzen den Vorschlag zu thun, das Souper bei seiner Mutter einzunehmen. Er gab vor, daß die Letztere heute außer einigen dem Prinzen angenehmen Personen auch ein paar Musik-Künstler von Ruf bei sich empfangen würde, von denen man sich einigen Genuß versprechen, der Prinz also eine kleine Unterhaltung erwarten dürfte.

Dieser Vorschlag gefiel dem Prinzen und er erklärte sich zur Annahme desselben bereit.

Nichts konnte dem Baron gelegener kommen, und er eilte zu seiner Mutter, um dieselbe des schnellsten mit Allem bekannt zu machen, damit die erforderlichen Anordnungen noch getroffen werden konnten.

Die Baronin wurde durch die erhaltene Nachricht sehr erfreut. Sie besaß die Geschicklichkeit, dergleichen Soupers in der besten Weise zu improvisiren, besonders wenn es galt, den Prinzen zu empfangen und nebenbei nicht eben geringe Vortheile zu erzielen.

Frau von Lieben wurde vor allen Dingen mit des Prinzen Besuch bekannt gemacht und zugleich mit ihrer Tochter eingeladen, indem sie nicht unterließ, ihr über das Verhalten der Letzteren dem Prinzen gegenüber vertrauliche Winke zu geben.

Die Baronin strengte alle Kräfte an, scheute weder Mittel noch Mühe, um das Souper so angenehm als möglich zu machen.Seinem Versprechen gemäß, erschien der Prinz etwa um die neunte Abendstunde; aber obgleich die musikalischen Leistungen auch ausgezeichnet genannt werden mußten, das Souper auserlesen war, so schienen dieselben dem Prinzen doch keinen besondern Geschmack abzugewinnen. Dies war auch in Bezug auf das Fräulein von Lieben der Fall, so viel sie sich auch bemühte, ihre Reize geltend zu machen.

Zwar unterhielt sich der Prinz mit den Damen eine kurze Zeit; sein früher Aufbruch verrieth jedoch das geringe Interesse, das er für diese Schönheit hegte.

So war es in der That. Denn als der Baron an dem nächsten Tage den Prinzen besuchte und die Rede auf das Fräulein leitete, bemerkte der Prinz: »Die Lieben ist ein hübsches Mädchen; aber nicht nach meinem Geschmack! Ich habe alle diese Koketten und Salondamen herzlich satt, bei denen es doch nur auf Eroberungen abgesehen ist. Ueber alle Kunst und Künstelei im Benehmen und Toilette kommt man bei ihnen zu keiner Natur. All’ dieser Flitter, Schönpflästerchen und Schminke, womit sie sich nach ihrer Meinung verschönen, ekelt mich an. Etwas Anderes wäre es mit einer einfachen, frischen Natur, in der noch die ursprüngliche Kraft und Schönheit zu finden ist; das könnte mich reizen und mir Interesse abgewinnen. Davon ist hier aber nicht die Rede. Wie die Hohen so die Niederen! Alle sind sich gleich und alle langweilig!«

»Sie haben Recht, Hoheit, und es ergeht mir wieIhnen. Aber was bleibt uns unter solchen Umständen übrig, wollen wir uns nicht in das Unvermeidliche fügen? Zum Entbehren werden Sie sich nicht bequemen wollen, dazu sind Sie nicht geschaffen und Ihre Natur eignet sich nicht zum Trappisten; so werden Sie zugreifen müssen.«

»Pah, pah! Zugreifen müssen!« spöttelte der Prinz und fügte hinzu: »Sie sprechen, als ob wir nicht in der Welt lebten und lediglich auf diesen langweiligen Ort angewiesen wären! Wollten wir uns nur ein wenig umschauen, so würden wir manchen Genuß entdecken.«

»Und dennoch bezweifle ich das, nachdem ich erfahren, daß eine so seltene Schönheit, wie die Lieben, keinen Eindruck mehr auf Sie macht.«

»Sie wissen, weshalb, Mühlfels, und damit Basta!« fiel der Prinz mit bestimmtem Ton ein, und der Baron kannte den Letzteren zu gut, um noch länger das Interesse der bezeichneten Dame zu vertreten. Ueberdies sprach der Prinz den Wunsch aus, eine Spazierfahrt zu machen, und schnitt damit alle weiteren Unterhaltungen über diese Angelegenheit ab.

Nach kurzer Zeit führte sie der Wagen aus der Stadt und der reizenden, mit bewaldeten Höhen, stillen Seen und lieblichen Fernsichten ausgestatteten Umgegend zu.

Auch heute war es ein heiterer Tag, der wie früher günstig auf den Prinzen wirkte und seine Stimmung besserte. Nach einer kurzen Fahrt erreichten sie eine andem Wege gelegene sehr hübsche Villa, die ein zierlich gehaltener Garten umschloß. Vor derselben breitete sich der See aus, der in weiter Ferne die in Duft verschwimmenden Ufer bespülte und dem Auge die mannichfachsten Aussichten gewährte und dadurch dem Landhause einen ganz besondern Reiz verlieh. Man konnte sich zu einem süßen Stillleben keinen geeigneteren Ort als diesen wünschen.

Des Prinzen Aufmerksamkeit wurde darauf hingelenkt, und es erwachte der Wunsch in ihm, sich das Haus und die Gartenanlagen näher zu betrachten. Er ließ den Wagen halten, stieg aus, schritt bis an das Gitter und schaute hinein.

»Sehen Sie, Mühlfels,« sprach er, »ein hübsches Haus, einsam und lauschig gelegen! Da müßte es sich angenehm wohnen lassen, natürlich in Gesellschaft eines Wesens, das demjenigen gleicht, wie ich es mir wünsche. In dieser Ruhe und Abgezogenheit von dem Treiben der Welt müßten sich uns ganz neue Genüsse darbieten, nach denen ich mich sehne und deren ich bedarf, wenn mir nicht das Leben und Treiben schaal erscheinen soll. Doch ich glaube, ich bin sentimental!« rief er lachend und fuhr alsdann fort: »Lassen Sie uns die Herrlichkeit betrachten, vielleicht komme ich dabei zu anderen Gedanken.«

Sie begaben sich in den Garten, um von hier in das Landhaus zu gelangen. Die in dem letzteren herrschende Stille und allerlei Anordnungen deuteten darauf hin, daß es von dem Besitzer bereits verlassen sein müßte.So war es in der That, wie ein bald erscheinender Hüter der Villa erklärte. Die Herrschaft war seit einigen Wochen nach Paris gezogen, um den Winter daselbst zu verleben, und das Landhaus daher unbewohnt.

»Desto besser,« meinte der Prinz, »so kann ich meine Neugier ohne zu stören befriedigen; denn ich bin wirklich gespannt, ob sich meine Erwartung bestätigt und die innere Einrichtung dem äußeren Wesen entspricht.«

Der Diener der Villa beeilte sich, die Thüren zu öffnen und die vornehmen Herren einzulassen.

»Vortrefflich, vortrefflich!« rief der Prinz, nachdem sie einige Zimmer durchschritten hatten; »ganz, wie ich es mir gedacht habe. Reich und geschmackvoll, und was fehlt, kann leicht ersetzt werden!«

Sie traten aus dem Gartensalon auf die Veranda, und der Prinz ließ einen Ruf der Ueberraschung vernehmen, indem sich seinem Auge die reizendsten Aussichten darboten.

»Der Besitzer,« wandte er sich an Mühlfels, »ist in der That wegen dieser Villa beneidenswerth, und ich gestehe Ihnen,müßteich nichtdortwohnen, so zöge ichhieher. Lassen Sie uns nun auch noch die Zimmer des zweiten Flügels sehen,« sprach er nach kurzem Schauen und ging in das Haus zurück.

Der Diener öffnete die Thür, und sie traten in ein luftiges, mit einer Menge guter Gemälde geziertes Gemach. Daneben befand sich ein ähnliches, jedoch einfachausgestattetes Zimmer, in welchem in der Nähe des Fensters eine verhängte Staffelei stand.

»Sieh da, auch die Kunst fand hier eine Stätte!« rief der Prinz und näherte sich der Staffelei.

Der Diener beeilte sich zu melden, daß das älteste Fräulein der Herrschaft sich mit dem Malen abgebe.

»So, so,« warf der Prinz hin und wollte, wahrscheinlich in der Voraussetzung, eine gewöhnliche Dilettantenarbeit zu finden, an der Staffelei vorübergehen, als er sich plötzlich besann und die Frage an den Diener richtete, ob unter der Hülle etwa ein Bild sei und er das sehen dürfte.

Der Diener bejahte und bemerkte, während er die Hülle entfernte, daß das gnädige Fräulein dasselbe gemalt hätte.

»Parbleu!Ein reizendes Gesicht, eine kostbare Büste!« rief der Prinz, als er das Portrait erblickt hatte. »Das ist wol eine Dame des Hauses?« fragte er, das Bild mit dem höchsten Interesse betrachtend, das ein junges Mädchen in der damals beliebten Schäfertracht darstellte, wie sie uns der Pinsel Watteau’s aufbewahrt hat.

»Halten zu Gnaden, Hoheit, das Bild stellt nur ein gewöhnliches Landmädchen vor, die auf des Fräuleins Wunsch bisweilen hieher gekommen ist. Wie ich gehört habe, hat das Fräulein das Mädchen irgendwo gesehen und ein so großes Gefallen an ihm gefunden, daß sie es abconterfeit hat.«

»Was sagen Sie, Mühlfels? Ist das nicht einwundervolles Kind?« fragte der Prinz und fügte leise hinzu: »Ein eigenthümlicher Zufall, der mich hier eintreten ließ; denn ich fand, was ich wünschte: die unverfälschte Natur im Kleide der liebreizendsten Schönheit.«

Mühlfels, dessen Ueberraschung beim Erblicken des Bildes noch größer als diejenige des Prinzen war, beeilte sich, des Prinzen Fragen zu bejahen und zugleich seine Bewunderung für das Bild an den Tag zu legen, während ein selbstgefälliges Lächeln seinen Mund umspielte.

Nachdem der Prinz das Bild nochmals betrachtet hatte, verließ er das Gemach und kehrte in den Garten zurück, um dessen Anlagen näher in Augenschein zu nehmen. Als er sich mit dem Baron allein sah, bemerkte er gegen diesen:

»Wie der Diener sagte, befindet sich das Mädchen wahrscheinlich in der Nähe; ich muß es sehen. Es wird aufzufinden sein, Mühlfels; der Diener wird Ihnen den Wohnort desselben nennen können oder könnte sich zur Erforschung desselben bemühen. Sparen Sie weder Mühe noch Geld, mein Verlangen zu befriedigen. Das ist so ein Mädchen, wie ich es wünsche, und mit solch einem Naturkinde in dieser Villa die Stunden zu verträumen, das wäre ein überaus süßer Genuß. Ich werde erst wieder Geschmack an diesem langweiligen Leben finden, wenn ich mich an diesen sonnigen Augen erlaben, an diesem schalkhaften Lächeln ergötzen kann. Ich verlasse mich auf Ihren Eifer, Mühlfels, und hoffe, Sie werdenmich bald, hören Sie,bald, rechtbalddurch die Nachricht erfreuen, daß Sie das Mädchen aufgefunden haben!«

»Seien Sie versichert, mein Prinz, daß ich keine Mühe scheuen werde!« versicherte Mühlfels.

»Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein,« fiel der Prinz ein und fuhr alsdann mit erregter Stimme fort: »O, Sie werden mir den Besitz dieses reizenden Kindes verschaffen, dessen bin ich gewiß! Und ist sie mein, dann führe ich sie in diese Villa; denn das Haus muß mein werden um jeden Preis, damit mein Genuß so vollkommen wird, wie ich ihn mir gedacht habe. Wie reizend muß sich die kleine Schäferin in dieser idyllischen Umgebung ausnehmen!«

In solcher Weise erging sich des Prinzen lebhafte Phantasie, durch das Portrait angeregt.

Sie hatten währenddessen den Garten nach allen Seiten durchschritten; denn der Prinz, nur mit seinem interessanten Project beschäftigt, wollte sich zugleich überzeugen, ob der Garten auch ganz nach seinem Geschmack wäre. Dem war wirklich so, und sehr befriedigt ging er nach dem Wagen, indem er während der Weiterfahrt sich vorzugsweise über den bezeichneten Gegenstand unterhielt.

Mühlfels pflichtete ihm in Allem bei, that allerlei Vorschläge in Bezug auf des Prinzen Wünsche, und als sie wieder das Palais erreichten, hegte der Prinz keinen Zweifel mehr, sein Verlangen in jeder Hinsicht erfüllt zu sehen.

Von dieser angenehmen Ueberzeugung erheitert, hatteer seine gute Laune wieder gewonnen und war seiner Umgebung ein gütiger Herr, ja er verstand sich sogar zu einer fleißigeren Theilnahme an den Staatsgeschäften.

Es war spät geworden, als Mühlfels nach der Ausfahrt von dem Prinzen schied; statt jedoch in seine Wohnung zu gehen, begab er sich zu seiner Mutter, die durch seinen so späten Besuch nicht wenig überrascht wurde.

»Es muß eine wichtige Angelegenheit sein, die Dich veranlaßte, mich noch in so später Stunde aufzusuchen,« bemerkte die Baronin, indem sie ihn fragend und erwartungsvoll anblickte.

»Sie täuschen sich in dieser Voraussetzung nicht; es ist in der That so, und es ist mir angenehm, Ihnen mittheilen zu können, daß Ihr Scharfblick keinen kleinen Triumph feiern darf,« fiel Mühlfels ein und erzählte alsdann die bei der Ausfahrt mit dem Prinzen stattgefundenen Umstände.

»Und nun denken Sie sich meine Ueberraschung, meine Mutter,« fuhr er fort, »als ich in den Zügen des Bildes diejenigen Marianens erkannte.« —

»Was sagst Du? Marianens Züge?« rief die Baronin überrascht.

»Durchaus, wenngleich das Bild ziemlich dilettantisch ausgeführt und nur mit einem kleinen Theil aller jener Reize geziert ist, die das Mädchen besitzt und zehnfach mehr geltend zu machen wissen wird.«

»Das ist ja eine ganz unerhörte Nachricht und unterden obwaltenden Umständen für uns von der höchsten Bedeutung, da wir allein die Wege kennen, auf welchen der Prinz in der bequemsten Weise in den Besitz dieses Mädchens gelangen kann. Und wie gut, daß dies Alles geschehen ist, bevor das Mädchen noch ihren Dienst bei mir angetreten hat; wäre dies erfolgt, würde die Sache mißlich und von geringem Werth sein. So aber läßt sich die unbekannte Waldschöne leichter einführen, da der Reiz ihrer Persönlichkeit unter einem dienenden Verhältniß noch nicht gelitten hat und der Prinz sie also ganz nach seinem Wunsch aus der Hand der Natur empfängt. Nur in solcher Weise kann diese Liaison bei des Prinzen Schwärmerei von Bedeutung werden, falls sich das Mädchen bewährt. Ich bin überzeugt, sie wird es. Doch müssen wir diese Angelegenheit mit großer Vorsicht und Klugheit behandeln.«

»Das ist auch meine Ansicht. Vor allen Dingen darf der Prinz nicht erfahren, daß wir das Mädchen bereits kennen, vielmehr muß er durch eine entsprechende Verzögerung dieser Angelegenheit zu dem Glauben gelangen, welche große Mühe ich auf die Entdeckung desselben verwendet habe. Das sichert uns doppelte Vortheile; einmal einen größeren Dank und dann, was wichtiger ist, ein erhöhtes Interesse des Prinzen für das Mädchen selbst, das ihm durch den verzögerten Besitz und die vielfache Mühe um so begehrenswerther erscheinen wird.«

»Gewiß, mein kluger Sohn, in solcher Weise werdenwir handeln müssen. Auch meine ich, Du suchst den Prinzen, naht der geeignete Zeitpunkt, ihn das Mädchen sehen zu lassen, zu bestimmen, einen Ausflug nach dem Jagdschloß zu machen, vielleicht um ein wenig zu jagen. Denn ich meine, die Ueberraschung müßte doppelt gute Wirkungen haben. Doch müssen wir sowol Mariane als auch deren Vater in die Angelegenheit einweihen, damit der Prinz unsere Bekanntschaft mit den Leuten nicht erfährt. Zu diesem Zweck wollen wir uns in einigen Tagen nach Schloß Waldburg begeben, um den Castellan anzuweisen, seine Tochter nicht etwa früher in die Stadt zu führen, bevor der Prinz seinen Besuch gemacht hat. Denn ein Zusammentreffen hier würde leicht den Eindruck schwächen, den der Prinz von der Erscheinung des Mädchens erhält, wogegen die Naturumgebung dieselbe vielfach erhöhen muß.«

»Wird Robert auf unsere Vorschläge eingehen?« fragte Mühlfels.

»Du zweifelst doch nicht etwa daran?« fragte die Baronin lachend. »Du hast wahrscheinlich vergessen, daß er mit dergleichen Angelegenheiten genügend vertraut ist, der hohen Ehre nicht zu gedenken, die ihm durch des Prinzen Wunsch zu Theil wird und um welche ihn und seine Tochter die angesehensten Familien beneiden werden, falls es dem Mädchen wirklich gelingt, den Prinzen nicht nur vorübergehend an sich zu fesseln. Ich gedenke ihr bei unserm Besuch die nöthigen Rathschläge zu ertheilen,will mich daher näher mit ihrem Wesen bekannt machen, um zu erfahren, was wir von ihr zu erwarten haben.«

»So zweifle ich nicht an dem besten Gelingen unserer Bemühungen.«

»Das dürfen wir. Das Mädchen verspricht zu viel, als daß es unsere Erwartungen täuschen sollte,« fiel die Baronin ein, und noch lange erwogen Mutter und Sohn diese für sie so hochwichtige Angelegenheit.

Um ihren Besuch des Schlosses nicht zu verrathen, wollten sie sich zu ihren in der Nähe desselben wohnenden Bekannten begeben und bei dieser Gelegenheit ihre Absicht ausführen.

Der Prinz, wie immer in hohem Grade ungeduldig, wenn ihn ein ähnliches Interesse beschäftigte, bequemte sich gern, den Baron zu entbehren, der fortan allerlei Ausflüge machte, nachdem er dem Prinzen gesagt, daß ihm der Diener des Landhauses die gewünschte Auskunft nicht hätte geben können.

In solcher Weise täuschte Mühlfels den Prinzen, dessen Theilnahme und Erwartung er durch ein schlau berechnetes Verhalten immer mehr zu steigern wußte, bis endlich der Zeitpunkt herannahte, in welchem er mit seiner Mutter den Ausflug gemacht hatte, der, von dem besten Erfolg gekrönt, ihm zugleich gestattete, dem Prinzen die beabsichtigte Ueberraschung zu bereiten.

Der Castellan und Mariane wurden durch den Besuch der Baronin und ihres Sohnes nicht wenig überrascht,noch mehr jedoch, als die Baronin dem Ersteren vertrauliche Andeutungen über das seiner Tochter in Aussicht gestellte Glück machte, natürlich ohne den Prinzen zu verrathen. Die Baronin war viel zu klug und vorsichtig, um dem Castellan die volle Wahrheit zu sagen; aber auch schon das Vernommene war hinreichend, den Mann über die Maßen zu erfreuen.

In ähnlicher Weise verfuhr die Baronin mit Marianen und sah sich in ihren Erwartungen auch bei dieser nicht getäuscht. Der Gedanke, daß sie sich des Lebens nicht in einer dienenden, sondern viel angenehmeren und glänzenderen Stellung erfreuen sollte, hatte zu viel Verlockendes für sie, um irgend welchen sittlichen Bedenken Raum zu geben, und wir erkennen daraus, wie tief die sittliche Zerfahrenheit in der damaligen Zeit in alle Gesellschaftsschichten eingedrungen war, da sie selbst in dieser Waldeinsamkeit nicht fehlte.

Erfreute die Baronin schon dieses Entgegenkommen von Vater und Tochter, so wurde sie noch angenehmer durch die Resultate überrascht, welche sie sich durch eine eingehende Prüfung Marianens verschaffte.

Das Mädchen besaß einen geweckten Geist, zeigte viel natürlichen Verstand, war in vielerlei Dingen geschickt und wußte das Alles in einer unbefangenen Weise geltend zu machen. Diese Vorzüge wurden noch durch ein angenehmes, oft keckes Wesen und Benehmen erhöht, in welchem ein eigener Reiz lag, indem er den Stempel lieblicher Natürlichkeit trug. Was jenes Bild in derVilla betraf, so hatte Mariane wirklich der Malerin als Vorbild gedient.

Die Baronin war nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Waldburg so sehr von Marianen eingenommen, daß sie mit der Ueberzeugung schied, ihre Hoffnungen und Erwartungen dereinst in der vollkommensten Weise erfüllt zu sehen.

Einen ähnlichen Eindruck hatte auch ihr Sohn erhalten.

Nach der Rückkehr bestürmte der Prinz den Baron mit Fragen, ob seine Bemühungen nicht endlich durch den erwünschten Erfolg belohnt worden wären; Mühlfels wich einer bestimmten Antwort aus, indem er die Hoffnung aussprach, daß dies wol in nächster Zeit geschehen dürfte und sich der Prinz daher ein wenig gedulden sollte. Zugleich schilderte er seinen Ausflug als höchst angenehm und that dem Prinzen den Vorschlag, sich zur Jagd nach Waldburg zu begeben.

Der Prinz zeigte nicht besondere Lust dazu; Mühlfels jedoch wiederholte seine Bitte; das schöne Wetter war überdies zu einem Jagdvergnügen sehr geeignet, so daß der Prinz endlich nachgab, besonders nachdem Mühlfels angedeutet, daß man bei dieser Gelegenheit ja auch zugleich nach dem Mädchen forschen könnte.


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