Zweites Kapitel.
Was der Graf vorausgesehen, traf sehr bald ein, Der Ruf von Sidoniens Liebenswürdigkeit verbreitete sich und zog einen und den andern Fürstensohn an des Herzogs Hof, der in der Absicht kam, sich um sie zu bewerben. Alle verließen denselben jedoch, ohne ihre Wünsche erfüllt zu sehen; Sidoniens Benehmen hatte ihnen jede Hoffnung genommen, irgend welchen Eindruck auf sie gemacht zu haben.
Dem Herzog war das durchaus genehm, da die Bewerber nicht nach seinem Sinn und Söhne nur unbedeutender Fürstenhäuser waren.
Diese Bewerbungen übten jedoch auf Sidonie einen besondern Einfluß aus, indem sie durch dieselben zu der Betrachtung geleitet wurde, warum der Graf nicht bei ihren Eltern um ihre Hand warb, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Was konnte ihn davon abhalten? so fragte sie sich; wußte er nicht, daß sie ihn liebte und ihm angehören wollte, und liebte er sie nicht auch? — Weshalb zögerte er daher, das sie so beglückende Wort auszusprechen? — Sie konnte es nicht begreifen; hegte jedochzu viel Vertrauen und Achtung vor ihm, um sich seinem Willen nicht gern zu unterwerfen. Gewiß, so sagte sie sich, hatte der Graf bestimmte Gründe, die ihn davon zurückhielten.
So wollte sie sich geduldig fügen, und that dies um so bereitwilliger, da sie überzeugt war, früher oder später ihm anzugehören. Sie ahnte des Grafen Entschlüsse in dieser Beziehung nicht, und wurde in ihren Erwartungen um so mehr befestigt, da ihr Vater die Ablehnung der stattgehabten Bewerbungen billigte, indem ihr dieser Umstand zugleich als der sichere Beweis diente, daß man sie bereits als die künftige Gemahlin des Grafen betrachtete. Um so unbesorgter gab sie sich ihrer Liebe und den angenehmsten Hoffnungen für die Zukunft hin.
Sie sollte leider sehr bald zur Einsicht ihrer lieblichen Täuschungen gelangen.
Des Prinzen Albert Oheim war zwar vermählt, seine Ehe jedoch kinderlos geblieben, auch befand sich das fürstliche Ehepaar in einem so hohen Alter, daß auf eine Nachfolge nicht mehr gerechnet werden durfte.
Der Fürst hatte daher nach dem Tode seines Bruders, des rechtmäßigen Thronfolgers, den ältesten Sohn desselben, den Prinzen Albert, als seinen Nachfolger den Ständen des Reichs bezeichnet, der seitdem als der künftige Regent betrachtet wurde. Diese Bestimmung entsprach zwar dem Staatsgesetz; es fragte sich jedoch, ob sich das Volk zu derselben Glück wünschen durfte. Leider wurde diese Frage im Allgemeinen verneint, und mit nicht eben geringerBesorgniß sah man dem Augenblick entgegen, in welchem Prinz Albert den Thron besteigen würde.
Das bisherige ausschweifende Leben des Prinzen, seine Abneigung für ernste Staatsgeschäfte, noch mehr sein leichtsinniger, jähzorniger Charakter, der sich eben so wechselnd wie seine Neigungen und Launen zeigte, die übelste Schwäche eines Fürsten, Schmeichlern und Heuchlern gern Gehör zu schenken, waren wenig geeignete Momente, um zu der Erwartung zu berechtigen, ein mit dergleichen Schwächen und Fehlern behafteter Mann könnte einst ein guter Regent werden.
Alle die genannten Fehler und vielleicht noch andere mehr waren dem Prinzen eigen, die sich mit dem Augenblick gewiß noch erhöhten, in welchem er sich als einstigen Regenten betrachten durfte. Nicht nur wurde ihm eine namhafte Apanage bewilligt, die ihm die Mittel gewährte, seinen übeln Neigungen nachzugehen, sondern dem künftigen Regenten standen auch alle Kassen offen, und die Geldleute drängten sich an ihn, um sich der Ehre zu erfreuen, denselben unter die Zahl ihrer Schuldner zählen und daraus die besten Vortheile für die Folge ziehen zu können. Der herabgekommene und verarmte Adel, die aus fremden Ländern nach der Residenz geströmten Parvenus, welche daselbst Carrière zu machen hofften und zu denen besonders Paris ein namhaftes, in alle Ausschweifungen eingeweihtes Contingent lieferte, reihten sich den Geldleuten an. Diese Leute drängten sich in die Nähe des Prinzen, um nicht nur sein genußvolles Lebenzu theilen, sondern sich ihm auch durch allerlei gewünschte Dienste zu verbinden und diesen fester an sich zu fesseln, um dereinst durch einträgliche Staatsämter ihren zerrütteten Finanzen und dem verblichenen Glanz ihres Hauses aufzuhelfen.
Daß die Frauen dabei eine sehr wichtige Rolle spielten, darf kaum bemerkt werden, und des Prinzen Freunde waren bedacht, seine Vorliebe für dieselben in ihrem eigenen Nutzen zu verwerthen, indem sie ihm nicht nur die galanten Damen des Ballets, sondern auch selbst diejenigen aus ihren eigenen Familien zuführten.
Eine Schaar verführerischer Odalisken hatte sich an des Fürsten Hof gedrängt, und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, an einem und dem andern deutschen Hof eine zweite Madame Pompadour zu finden, der, wie am Hofe Ludwig des Fünfzehnten, die rechtmäßige Gemahlin hintenan gesetzt wurde.
Es war damals Hofton, das Beispiel des französischen Königs nachzuahmen, indem man, über jedes Sittengesetz erhaben, dergleichen eben so kostspielige als verderbliche Einrichtungen als selbstverständlich betrachtete, wie man dies hinsichts einer herrschenden Mode zu thun pflegt. Ja, man war nur zu sehr geneigt, diejenigen zu bespötteln, welche die Moral über die gebräuchliche und als vornehm und fürstlich bezeichnete Sitte zu stellen sich bewogen fühlten.
Es darf kaum bemerkt werden, daß die letztere sich nicht auf die Höfe allein beschränkte, sondern in alleSchichten der Gesellschaft drang und so die besseren und edleren Gefühle untergrub.
Die Genußsucht bedurfte zu ihrer Befriedigung Mittel, und so war alles Thun und Trachten auf die Beschaffung derselben gerichtet, um sich der ersteren nach Wünschen hingeben zu können. Alle Wege, dieselben mochten noch so verwerflicher Art sein, wurden dazu eingeschlagen, gleichviel, ob dabei die Ehre verunglimpft, die Unschuld geopfert und die heiligsten Bande zerrissen wurden.
Die Selbstsucht frägt nicht nach den Mitteln zur Erreichung ihrer Zwecke, und diese war damals in erschreckender Weise ausgebildet.
Der Oheim des Prinzen hatte selbst eine stürmisch durchlebte Jugend hinter sich und war daher an den herrschenden Ton gewöhnt und weit entfernt, die Menschen, die er wenig achtete, bessern zu wollen. Ein Freund der Wissenschaften und obenein Cyniker, lagen ihm dergleichen Bestrebungen fern. Trotzdem war er ein vortrefflicher Regent und bei dem Volk beliebt.
Unter den angegebenen Umständen wird es daher natürlich erscheinen, daß der Fürst die Ausschweifungen seines Neffen übersah, der eigenen Jugend gedenkend und im Hinblick auf den herrschenden Zeitgeist.
Mit der Zeit jedoch, als sich des Prinzen zügelloses Leben steigerte, machte sich in ihm die Sorge für die Erbfolge geltend, da dieselbe lediglich auf seinem Neffenruhte und, falls dieser kinderlos starb, auf eine Nebenlinie des fürstlichen Hauses übergehen mußte.
Das wäre dem Fürsten jedoch sehr unwillkommen gewesen, und darum war es sein Wunsch, seinen Neffen sobald als möglich verheirathet zu sehen. Er verband damit zugleich die wohlmeinende Absicht, den Letzteren dadurch seinem Treiben zu entziehen und durch die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin und das Familienleben einem würdigeren Streben zuzuführen. Denn trotz der seinem Neffen geschenkten Rücksicht übersah er dennoch die Nothwendigkeit nicht, daß der künftige Regent sich mit der Staatsverwaltung näher vertraut mache, um dereinst nicht lediglich von den Ministern und Staatsdienern abzuhängen.
Und so geschah es, daß, nachdem er den Prinzen in einer vertraulichen Unterredung auf alle die näher bezeichneten Umstände eindringlich aufmerksam gemacht hatte, er zugleich den bestimmten Willen aussprach, derselbe sollte sich sobald als möglich vermählen.
Waren dem Prinzen die Vorstellungen seines Oheims, sich um die Staatsgeschäfte fleißiger und anhaltender zu kümmern, schon unangenehm, so widerstrebte ihm der Gedanke einer Vermählung noch viel mehr, indem er in derselben das unwillkommene Hinderniß erblickte, seinen Neigungen unbeschränkt nachgehen zu können.
Der Prinz stand damals in dem vierundzwanzigsten Jahre, war ein kräftiger, schöner Mann, dem die Frauenherzen entgegen schlugen, durch und durch ein Sinnenmensch,dessen Dichten und Trachten lediglich auf die Befriedigung seiner lebhaften Triebe gerichtet war: wie sollte ihm da eine Gemahlin erwünscht sein! —
Doch der Wille seines Oheims gestattete keinen Widerspruch, ebenso erkannte er die Nothwendigkeit der Vermählung, und unterwarf sich daher, wenngleich mit großer Ueberwindung, der getroffenen Bestimmung, jedoch mit dem beruhigenden Vorsatz, sich durch seine künftige Gemahlin in seinem Treiben keine Beschränkung auferlegen zu lassen.
Sein Leichtsinn fand hierin keine Bedenken und war weit entfernt zu erwägen, welche Rücksichten er gegen seine künftige Gattin zu nehmen verpflichtet sei, und welche Berechtigung sie auf dieselben durch die Vermählung mit ihm erhielt. Von ehelichem Glück hatte der Prinz überdies keine Vorstellung, denn ihm war ein solches weder an den Höfen noch unter andern Verhältnissen bekannt geworden und hatte etwa seine Aufmerksamkeit beansprucht. Er betrachtete daher seine Vermählung lediglich als eine Staatsangelegenheit, was sie, wie ihm bekannt, in vielen andern Fällen auch nur war. Daß dabei das Lebensglück der Erwählten in Frage gestellt wurde, war ihm ziemlich gleichgiltig. Seiner Ansicht nach waren die Frauen lediglich nur dazu auf der Welt, um den Zwecken der Männer zu dienen.
Als der Prinz seinen Freunden die Absicht des Fürsten mittheilte und sich ihnen lachend als baldigen Ehemann vorstellte, antworteten ihm cynische Scherze, Unglaubenund die Besorgniß, daß es nun mit dem schönen freien Junggesellenleben ein Ende nehmen würde, worauf der Prinz sie mit der Versicherung beruhigte, auch als Ehemann sein genußreiches Leben unverändert fortsetzen zu wollen und zwar im Verein seiner alten, ihm so liebgewordenen Freunde.
Lauter, beifälliger Jubel ertönte auf dieses, wie man es nannte,würdigeVersprechen, und die Stunde wurde zum Dank dafür und zu Ehren des Prinzen unter den raffinirtesten Genüssen hingebracht, gleichsam um die Kostbarkeit derselben dem Gemüth des hohen Freundes noch tiefer einzuprägen und sein Begehren nach dessen Wiederholungen wo möglich noch zu steigern.
Die Sorge um des Prinzen künftige Gemahlin hatte der Fürst auf sich genommen, nachdem sein Neffe die Billigung dazu um so lieber ausgesprochen hatte, da er weder irgend eine Fürstin bevorzugte, noch auch die Lust fühlte, die Wahl nach seinen eigenen Neigungen zu treffen. So ließ denn der Fürst durch einen Vertrauten nach einer geeigneten Dame forschen, und der Ruf von Sidoniens vortrefflichen Eigenschaften bewog denselben, auch des Herzogs Hof zu besuchen. Es bedurfte nur einer kurzen Beobachtung von Seiten des Agenten, um zu erkennen, daß so viele Schönheit und Liebenswürdigkeit, wie er sie bei der Prinzessin zu bewundern Gelegenheit fand, des Fürsten Beifall erhalten müßte, und er beeilte sich daher, diesem mitzutheilen, daß die Wirklichkeit das Gerücht in Bezug auf Sidonie noch bei Weitem überträfe.Seinem Bericht von dem vortrefflichen Charakter der Prinzessin an den Fürsten wurde das Portrait derselben beigefügt, und beide gewannen sich den Beifall des Ersteren in so hohem Grade, daß dieser sich beeilte, den Prinzen sofort damit bekannt zu machen und ihm Sidonie zugleich als seine künftige Gemahlin vorzuschlagen. Das liebliche Portrait verfehlte seine Wirkung auf den Prinzen nicht; dasselbe gefiel ihm in so weit, als es ihm den Genuß einer so reizenden Mädchenblüthe begehrenswerth machte und ihn die in dem Bilde sich kundgebende Unschuld und Anspruchslosigkeit zugleich mit der Voraussetzung erfüllte, er würde in Sidonien die einfache, duldsame Gemahlin finden, wie er sie eben im Hinblick auf seine Neigungen bedurfte.
Er gab daher dem Fürsten seine Zustimmung zu der getroffenen Wahl zu erkennen, und der Erstere, erfreut, seinen Wunsch so schnell und in so befriedigender Weise erfüllt zu sehen, ließ die weiteren Verhandlungen durch den Agenten betreiben.
Der Herzog, durch den Letzteren sogleich mit des Fürsten Werbung bekannt gemacht, erklärte sich gern damit einverstanden, da dadurch zugleich seine eigenen Hoffnungen und Wünsche in der besten Weise erfüllt wurden.
Bald waren die beiden Höfe zu dem vollsten Einverständniß in dieser Beziehung gelangt und es war nur noch erforderlich, die künftigen Gatten mit einander persönlich bekannt zu machen. Um diesen Zweck zu erreichen, lud ein gütiges Handbillet des Fürsten den Herzog mitseiner Familie an den Hof, indem der Erstere zugleich die Hoffnung aussprach, bei dieser angenehmen Gelegenheit das Fest der Verlobung feiern zu können.
Erst jetzt fand es der Herzog für gut, Sidonie mit dem Geschehenen bekannt zu machen und ihr zugleich seine Freude über das Glück auszudrücken, welches ihr durch eine so glänzende Stellung, die künftige Regentin eines mächtigen Staates zu werden, geboten wurde. Zugleich händigte er ihr des Prinzen Portrait mit dem Bemerken ein, daß ihr künftiger Gemahl nicht nur ein angesehener Fürst, sondern auch ein schöner Mann sei.
In der tiefsten Seele dadurch erschüttert, stand Sidonie bleich und wortlos vor ihren Eltern, die sie mit Ueberraschung anschauten und dadurch zu erkennen gaben, wie wenig sie mit ihrer Liebe zu dem Grafen bekannt waren.
Ihr Befremden steigerte sich, als Sidonie bestimmt erklärte, den Prinzen nicht heirathen zu können und von dessen Portrait nicht im geringsten angenehm berührt worden zu sein.
Der Herzog forschte nach den Gründen ihrer Abneigung und wurde ungehalten, als Sidonie den Wunsch aussprach, nur dem Gatten ihrer Wahl angehören zu dürfen, eine Abneigung gegen den Prinzen zu empfinden und eben so wenig das geringste Verlangen nach der ihr in Aussicht gestellten glänzenden Stellung zu hegen.
Ihre Vorstellungen waren jedoch vergebens. Der Herzog erinnerte sie, daß ihr Herz den großen Vortheilengegenüber, die diese Verbindung mit dem angesehenen Fürstenhause seiner Familie verschafften, unmöglich in Frage kommen könne, er dem Fürsten bereits seine Zustimmung zu dieser Vermählung zu erkennen gegeben habe, eine Weigerung von ihrer Seite daher nicht mehr gestattet sei. Er vermochte nicht einzusehen, daß ein so schöner Mann, wie der Prinz, ihren Beifall nicht gefunden haben könnte, und so schloß er seine Erörterungen mit dem bestimmten Verlangen, Sidonie möge sich in die Lage finden und auf die gewünschte Zusammenkunft mit dem Prinzen vorbereiten.
So jäh und unvorbereitet aus ihren süßen Hoffnungen gerissen, das Herz mit aller Innigkeit an ihre Liebe gefesselt, stand Sidonie betäubt, vernichtet, rathlos da.
Ihr däuchte das Vernommene ein wüster, erschreckender Traum, der zu einem lieblichen Erwachen führen müßte; denn wie sollte plötzlich der eisige Winter über den blumigen Frühling hereinbrechen können! — Das wäre gegen jedes Gesetz der Natur, gegen die Liebe des Schöpfers, gegen Alles, was auf Erden athmet und sich der Güte eines allliebenden Gottes erfreut, gewesen.
Aber das gehoffte Erwachen blieb ihr fern; die eisige Wirklichkeit wehte hin über ihre liebliche Frühlingsseele und führte sie an ihrer kalten Hand an das dunkle, unheimliche Grab ihrer Liebe und ließ sie in die Tiefe schauen, woselbst jene ruhen sollte, ruhen auf ewige Zeiten, ohne Licht und Leben, ohne Glück und Freude, ohne Blüthen und Frucht.O wie tief, wie unendlich tief trifft der erste große Schmerz des Lebens das unbefangene, unerfahrene Herz, um wie viel tiefer, wenn dieser Schmerz dem heiligsten Gefühl unserer Jugend, der ersten, reinen Liebe gilt! —
Mit Blumen und Kränzen schmücken wir des Jünglings, der Jungfrau Sarg, die wir so früh gegen das Gesetz des Lebens dem Vergehen anheimgaben; die junge Liebe jedoch, die wir vor ihrem Entfalten gleich der gestorbenen Jugend in der still gewordenen Brust zur Ruhe betten müssen, die nimmt das Beste unserer Seele mit, den ganzen blumigen Frühling unseres Lebens! —
So war es mit Sidonien.
Des freudigen, lebensvollen Herzens Jubel war verstummt, das frische, wechselnde Leben darin verschwunden, die Ueberfülle der Genüsse in der Natur und in der eigenen Seele einer stillen, ängstigenden Einsamkeit gewichen, wie es geschieht, wenn wir einen Geliebten aus unseren Räumen zur Gruft getragen haben.
Aber Sidonie entbehrte nicht den Trost und das Mitgefühl einer treuen, aufrichtigen Freundin, an deren Brust sie sich ausweinen und das Geheimniß ihrer Seele aushauchen durfte.
Diese Freundin war Fräulein von Ketten, ihre Gesellschafterin seit Jahr und Tag und gegenwärtig ihre Hofdame. Aurelie war fast um zehn Jahre älter als die Prinzessin, und ausgestattet mit einem gebildeten Geist, einem reinen und edeln Gemüth.
Von dem lieblichen Fürstenkinde sogleich angezogen,verwandelte sich diese Zuneigung bald in die innigste Freundschaft, in die vollste Hingebung an Sidonie, wofür ihr diese eine nicht mindere Zuneigung entgegen brachte.
Aurelie war der Prinzessin nicht nur eine angenehme Gesellschafterin, sondern auch die rathende und belehrende Freundin, der sich Sidonie gern unterwarf, von der Vortrefflichkeit der gegebenen Rathschläge überzeugt.
So war es denn auch geschehen, daß Aurelie der Prinzessin die Wünsche des Herzogs, sie mit einem angesehenen Fürsten dereinst zu vermählen, bisweilen angedeutet hatte, ohne daß es ihr jedoch gelang, Sidonie davon zu überzeugen.
Gewöhnlich pflegte diese alsdann lächelnd zu entgegnen, daß sie vor dergleichen Bewerbungen hinreichend durch die Unbedeutendheit des Standes sowol als der Person geschützt wäre, und es nur die Vorliebe ihrer Freundin für sie sei, die ihr dergleichen Erinnerungen einflößte.
Fräulein von Ketten wünschte in Stillen, es möchte so sein, denn ihr war die große Zuneigung der Prinzessin für den Grafen nicht entgangen und sie zu sehr überzeugt, daß Sidonie nur als dessen Gemahlin ganz glücklich werden könnte. Eben so wenig war ihr das warme Interesse des Grafen für ihre Freundin verborgen geblieben, wenngleich sie auch seine Zurückhaltung und sein edles, würdiges Benehmen gegen die Prinzessin richtig beurtheilte und nicht nur von ganzem Herzen billigte, sondern auch bewunderte.Dasselbe beruhigte sie in Beziehung auf Sidoniens künftiges Geschick, indem sie sich, durch die beschränkten Verhältnisse des herzoglichen Hofes bestimmt, zugleich der angenehmen Hoffnung hingab, daß Sidonie von den Fürsten in ihrer Abgeschiedenheit nicht aufgesucht werden und daher einst ganz ihrem Herzen würde folgen können.
Es konnte unter den näher bezeichneten Umständen nicht ausbleiben, daß auch sie mit dem Grafen in nähere Beziehungen trat und dieser ihr seine volle freundschaftliche Achtung schenkte, wie sie es verdiente.
In den von Sidonien mit dem Grafen gepflogenen vertraulichen Umgang wurde sie nicht nur durch ihre Stellung, sondern noch viel mehr durch die ihr von der Prinzessin geschenkte Freundschaft gezogen, was dem Grafen durchaus angenehm war, da die herkömmlichen Formen bei Hofe eine solche Theilnahme an demselben durch eine Vertrauensperson erheischten.
Und so geschah es, daß diese drei Menschen, schon durch die Eigenschaften des Geistes und Herzens einander genähert, durch den ungezwungenen und angenehmen Umgang nur noch fester verbunden wurden.
Die Werbung des Prinzen um Sidonie hatte nun das schöne Zusammenleben plötzlich in seinen Grundfesten zerstört, indem ihnen zugleich der Ausspruch des Herzogs jede Hoffnung raubte, es könnte dasselbe jemals wieder in seiner früheren Weise hergestellt werden.
In dem stillen, traulichen Gemach, das so oft ihr fröhliches Geplauder, die ernsten Gespräche vernommenhatte, saßen nun die beiden Freundinnen tief betrübt und rathlos.
Leise tönte Aureliens Zuspruch; sanft streichelte ihre Hand Sidoniens Haupt, das in ihrem Schooß ruhte, während sie zugleich die Thräne zurück zu halten bemüht war, die der Schmerz um ihres Lieblings trauriges Geschick ihrem Auge erpreßte.
Aber mehr als diesen tröstenden und beruhigenden Zuspruch vermochte die Freundin leider nicht zu geben; denn wie durfte sie es wagen, dem Herzog Vorstellungen zu machen, oder ihm gar das Geheimniß von Sidoniens Liebe verrathen, um ihn für deren Wünsche zu gewinnen? — Es wäre um ihre Stellung geschehen gewesen, hätte der Herzog den eigentlichen Grund von Sidoniens Weigerung erfahren, indem man ihr wahrscheinlich den Vorwurf gemacht, die Prinzessin nicht besser behütet oder nicht früher schon die pflichtmäßige Anzeige von deren Zuneigung gemacht zu haben. Ein Aufgeben ihrer Stellung hieß auch, Sidonie der einzigen treuen Freundin, der sie unter den obwaltenden trüben Verhältnissen mehr denn je bedurfte, berauben.
So konnte und mußte sie schweigend mit ihr leiden, und war mit dem ganzen Aufwand ihrer treuen Liebe bedacht, Sidoniens gebrochenes Herz wieder aufzurichten und für das zu bringende Opfer zu kräftigen.
Obwohl der Graf, wie wir wissen, auf eine von dem Herzog gewünschte Werbung um Sidonie seit Jahren vorbereitet war und darum seinen Ansprüchen auf deren Besitzfast entsagt hatte, wurde er dennoch durch das Eintreten des vorgesehenen Falls viel tiefer erschüttert, als er es fürchtete. So lange ihn die Hoffnung noch belebte, seine Wünsche vielleicht einst erfüllt zu sehen, waren ihm die Tage in angenehmer Ruhe dahingegangen; jetzt jedoch, jäh geendet, forderten sie ihn zu den höchsten Seelenanstrengungen heraus, um sich Sidonien und dem herzoglichen Hofe gegenüber in seiner Resignation würdig zu behaupten.
Nachdem ihm des Prinzen Werbung bekannt geworden war, verstand es sich von selbst, daß auch sein Umgang mit Sidonien ein Ende hatte; dies verlangten die üblichen Formen. Er durfte darum jedoch seine Besuche an dem herzoglichen Hof nicht aufgeben, wollte er sein Interesse für die Prinzessin nicht verrathen. Von ihrer Weigerung, sich mit dem Prinzen zu vermählen, hatte er bereits Kenntniß erhalten, ohne daß er daraus irgend welche Hoffnung für seine Liebe schöpfen durfte. Zu gut kannte er des Herzogs Wünsche in Bezug auf Sidonie, um nicht überzeugt zu sein, daß diese für ihn nun auf immer verloren wäre.
Dunkle Stunden gingen an ihm vorüber, Stunden des mächtigen, inneren Kampfes und der Selbstbeherrschung, aus welchem er jedoch siegreich hervorging.
Niemand — Aurelie und Sidonie ausgenommen — gewann jedoch eine Ahnung von demselben, nur sein krankhaft-bleiches Aussehen und das trübe Auge ließen auf ein Leiden schließen, das der Graf auch auf Befragennicht abläugnete, jedoch als eine vorübergehende Unpäßlichkeit bezeichnete.
Da nahte der Tag, an welchem er in gewöhnter Weise einen Besuch an des Herzogs Hof zu machen pflegte; er durfte nicht ausbleiben und fuhr darum nach der Residenz.
Er wurde von dem Herzog und dessen Gemahlin mit vermehrter Höflichkeit empfangen und ihm die bereits bekannte Nachricht von des Prinzen Werbung mit offener Freude mitgetheilt.
Er stattete dagegen dem herzoglichen Paar seine besten Glückwünsche ab, und es gelang ihm dies um so leichter, da er von dem Herzog vernommen hatte, daß Sidonie einer Unpäßlichkeit halber nicht erscheinen würde.
Er fürchtete von dem Wiedersehen der Letzteren in Gegenwart Anderer weniger für sich als für die Prinzessin, deren geringe Beherrschungskraft er kannte und daher auch mit Bestimmtheit erwarten mußte, sie würde nicht nur ihren Schmerz, sondern auch ihre Liebe zu ihm verrathen, was er zu ihrer eigenen und der Ruhe des Herzogs mit allen Kräften zu verhindern bedacht sein mußte.
Er athmete daher beruhigter bei der obigen Nachricht auf, zugleich erfreut, seinen Besuch abkürzen und sich dadurch der Beobachtung entziehen zu können. Denn sein Aussehen hatte die Herzogin bereits zur Nachfrage nach seinem Befinden veranlaßt.
Von der Nothwendigkeit überzeugt, Sidonien so viel als möglich Zeit zur Sammlung zu gestatten, ließ er einelängere Zeit dahin gehen, ehe er seinen Besuch wiederholte, und that dies erst dann, als er von dem Herzog die Nachricht von Sidoniens besserem Befinden erhielt.
An dem Hofe angelangt, erfuhr er von der Herzogin, die nur allein anwesend war, daß ihr Gemahl sich zu einem Nachbarfürsten zur Jagd begeben, so wie, daß Sidonie den Wunsch geäußert habe, ihn zu sprechen. Zugleich theilte sie ihm mit, daß sich dieselbe mit ihrer Gesellschafterin auf einem Gange durch den Garten befände, und stellte es seinem Belieben anheim, sie in gewohnter Weise daselbst aufzusuchen, oder deren Rückkehr im Schloß abzuwarten.
Nichts konnte dem Grafen in diesem Augenblick erwünschter sein, als die ihm gestattete Freiheit, Sidonie aufzusuchen; dankend nahm er dieselbe an und beeilte sich, die von der Prinzessin gern betretenen Wege zu erreichen, überzeugt, sie daselbst zu finden.
Seine Voraussetzung täuschte ihn nicht; bald entdeckte er sie an dem einsamen, nur von wildem Wassergeflügel bewohnten Weiher, ihr Lieblingsort, an dem er oft mit ihr verweilt hatte.
Schon aus der Ferne erkannte er ihr Gewand, das durch die Gebüsche schimmerte und ihm ihre Nähe verrieth. Laut klopfte sein Herz, so laut und ungestüm wie nie, und er blieb stehen, um sich zu sammeln. Dennoch däuchte ihm jeder Augenblick in der Ungeduld, Sidonie zu sehen, unendlich lang, und so kürzte er die Zeit der Sammlungab und nahte sich ihr mit nichts weniger als zögernden Schritten.
Hatte ihn die Prinzessin an dem heutigen Tage erwartet, oder war es die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Anblick, die ihre Sinne außerordentlich geschärft hatte — wer vermag das Seelenleben, namentlich innig Liebender, zu enträthseln — genug, sie errieth seine Annäherung, ehe sie noch seinen leisen Tritt zu vernehmen vermochte.
Erschreckt und zugleich freudig bewegt fuhr sie auf und unterbrach plötzlich die Unterhaltung mit Aurelien, indem sie das Haupt dem Nahenden zuwandte, und kaum hatte sie ihn erblickt, so streckte sie ihm zitternd die Arme entgegen, während sich die Worte von ihren Lippen stahlen: »Endlich, endlich!«
Ehe diese Worte noch verhallt waren, befand sich der Graf bereits an ihrer Seite, hatte ihre Hände ergriffen und blickte ihr mit nicht mehr zu beherrschender tiefer Bewegung in das blasse, schmerzerfüllte Antlitz.
Welche Veränderung hatten so wenige Tage in demselben hervorgerufen! — Wie ein vom Sturm geknicktes Rohr erschien die kurz vorher noch so lebensvolle, elastische Gestalt, schwach und hilflos.
Mit unendlich traurigen Augen, aus welchen jedoch auch zugleich volle liebende Hingebung sprach, schaute sie ihn an, seine bebenden Hände mit ihren feinen Fingern fest umfassend, und fragte in einem, des Grafen Seele schmerzvoll durchschneidenden, wehmüthigen Ton: »Sie wissen, Graf?«Dieser, keines Wortes mächtig und bemüht, das bebende Mädchen vor dem Niedersinken zu hüten, bejahte nur durch geringes Neigen des Hauptes.
Da erhob sie plötzlich das Antlitz zu ihm auf, schaute ihm mit unendlicher Liebe in die Augen, und rief in ausbrechendem Schmerz der Verzweiflung und unter einem ihren Augen entstürzenden Thränenstrom: »O, retten Sie mich, retten Sie mich!«
Mit diesen Worten sank sie gebrochen an seine Brust, an welcher sie das Haupt mit unbefangener Hingabe barg.
Gleich einem schuldlosen, schmerzbewegten Kinde ruhte sie in seinen Armen.
Aurelie eilte dem tief ergriffenen Grafen zu Hilfe, indem sie mit seinem Beistande Sidonie sanft auf dem Ruhesitz niederließ. Auch ihr fehlten die Worte, und nicht minder tief erschüttert, als der Graf, feuchteten Thränen ihre Wangen.
Sidonie verhehlte ihre Empfindungen nicht, sie vermochte es nicht. Ihrem namenlosen Leid gegenüber galt keine Zurückhaltung mehr, kein Verläugnen ihrer Gefühle, da galt nur die ewige Sprache der Natur und des vernichteten, schuldlosen Herzens.
Der Graf ließ sich neben ihr nieder, ergriff ihre Hand und drückte diese mit Innigkeit an die Brust, indem er in leisem zärtlichen Ton ihren Namen nannte. Mehr zu sprechen war ihm unmöglich.
O, welch ein unbeschreiblich süßes Lächeln rief sein Wort in Sidoniens Antlitz hervor; wie innig dankte ihmder Druck ihrer Hand für diese erste Gabe seiner Liebe.
»Ich wußt’ es wohl!« lispelte sie so leise und heimlich vor sich hin, daß kaum der Graf die Worte vernahm. »Ich wußt’ es, daß er mich liebt!« wiederholte sie.
In diesem Bewußtsein verloren, schien sie ihr trauriges Geschick vergessen zu haben und in der Seligkeit des Momentes aufzugehen. Darauf deutete der freudige Ausdruck ihres ein wenig gerötheten Antlitzes hin, das in diesem Moment wieder in der ganzen ehemaligen Lieblichkeit strahlte.
Der Graf, in der Erkenntniß der Nothwendigkeit, seinen Gefühlen kein Recht einzuräumen, und zugleich in dem Bewußtsein der Pflicht, durch sein Benehmen und seine Worte Sidoniens fast krankhafte Aufregung zu beschwichtigen, um zu einer ruhigeren Besprechung der unheilvollen Angelegenheit zu gelangen, bemühte sich mit allen ihm in diesem so erschütternden Augenblick zu Gebot stehenden Seelenkräften, Fassung zu gewinnen. Dies gelang ihm nach kurzem Kampf auch in der That so weit, daß er, wenngleich mit noch unsicherer Stimme, zu bemerken vermochte:
»Ich weiß, es bedarf meiner Versicherung nicht, wie innig ich mit Ihnen fühle, meine theuerste Sido — — Prinzessin.«
»O nein, o nein! Ich habe Sie ja im Geiste belauscht und Ihnen mein Leid geklagt, und Ihr bleiches Antlitz sagt mir, daß ich darunter nicht allein gelitten habe.O, ich wußte es ja!« fiel Sidonie mit wehmüthigem Ton ein und drückte ihm leise die Hand. »Und was rathen Sie mir, meinem traurigen Geschick zu entkommen?« fragte sie nach kurzem Zögern und hob das treue Auge zu ihm auf. Diese einfache, im Ton des vollsten Vertrauens gesprochene Frage erschütterte den Grafen im Gefühl seiner Machtlosigkeit, ihr helfen zu können, so tief, daß er vergeblich nach einer Antwort rang und erst nach längerer Pause mit leiser Stimme die Worte fand:
»O, wüßten Sie, wie tief und schmerzlich Ihre Frage mich berührt, und um so schmerzlicher, da ich mich unfähig fühle, Ihnen darauf eine befriedigende Antwort geben zu können! O, daß ich es nicht vermag, statt mit Worten, mit der That darauf zu antworten, zerreißt mir die Seele!« —
»So muß ich also dem Willen meines Vaters folgen?« fragte Sidonie rasch und ängstlich in seinem Antlitz forschend.
Die Zustimmung zu dem Unheil der Geliebten und seines eigenen geben zu müssen, rücksichtslos gegen die Stimme des Innern, die sich mit der ganzen Kraft der Liebe, mit dem heißen Wunsch, den Geliebten zu beglücken, in uns erhebt, ist ein Schmerz, dem auch der Stärkste erliegt.
So geschah es auch dem Grafen; er fühlte sich unfähig, das bejahende Wort über die Lippen zu bringen, so sehr er auch überzeugt war, daß es ihm nicht erlassen sein würde. Innig drückte er Sidoniens Hand, während erheftiger athmete und, den Blick von ihr abgewandt, sich bemühte, das letzte, schreckliche Wort auszusprechen, das sie auf immer von ihm trennen mußte.
Aengstlich hing sie an seinem Auge, ängstlicher noch lauschte sie auf seine Antwort, und statt durch sein schmerzliches Schweigen auf seine Zustimmung hingewiesen zu werden, deutete die Unglückliche dies vielmehr als ein Hoffnungszeichen, daß der Freund ein Mittel zu ihrer Rettung besäße, und darum fragte sie hastig:
»Nicht wahr, ich darf es nicht;Sie, Sie werden es nicht zugeben?!«
Leise schüttelte der Graf das Haupt.
»Wie, Sie verneinen das? Sie besitzen kein Mittel zu meiner Rettung?!« rief Sidonie angstvoll, seine Hand fast krampfhaft umfassend.
O, welche unheilvollen, die Seele vernichtenden Augenblicke gingen über diese Menschen hin, über diese Menschen, so edel, so gut und zu dem schönsten Lebensglück berechtigt! Was war der reichste irdische Glanz gegen so schöne herrliche Vorzüge der Seele, und wie wenig vermochten diejenigen deren Werth zu begreifen, die nicht zauderten, sie dem äußeren Prunk und fürstlichem Ansehen zum Opfer zu bringen!
Und dennoch, dennoch, wie oft wiederholt sich Aehnliches im Leben, und dennoch, dennoch, wie oft wird der reine Seelenadel und das ganze Glück des Lebens den äußeren Vortheilen, dem eiteln, leicht verwehenden Schaum eines prunkvollen Daseins hingegeben!Ueberzeugt, daß er Sidonie nicht zu retten vermochte, wollte er sich nicht gewaltsamer Mittel bedienen, die sein Ehrgefühl niemals gebilligt hätte, erkannte der Graf auch die Nothwendigkeit, die ihm durch die Gunst des Zufalls gebotene so günstige Stunde im Interesse Sidoniens benutzen zu müssen.
Er durfte auf eine Wiederkehr derselben nicht hoffen, und so war er entschlossen, das entscheidende Wort zu sprechen, um ihrem Herzen die letzte Täuschung und Hoffnung zu nehmen, damit sie sich ihrem Schicksal geduldig unterwarf. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß seine Worte eine tiefe Wirkung auf sie ausüben würden, und so faßte er sich gewaltsam und entgegnete mit sanfter, liebevoller Stimme:
»Sie haben mich bisher, meine theure Prinzessin, mit dem Namen eines Freundes beehrt, und — ich bin bemüht gewesen, denselben zu verdienen. — Sie wenden sich an diesen Freund um Hilfe. — Wäre ich mächtig genug, Ihnen dieselbe gewähren zu können, ich würde glücklich sein, ja mit Freuden gäbe ich Leben und Gut dahin, könnte ich dadurch Ihren Wunsch befriedigen. — Wie die Verhältnisse liegen, würde mein Wort bei Ihrem Vater machtlos verhallen und müßte Ihre Lage nur noch verschlimmern. — — So bliebe uns nur noch der Weg der Gewalt übrig, und so willig ich mein Leben Ihrem Wohl opfern würde, so wenig vermag ich Ihre und meine Ehre preiszugeben, mit deren Verlust oder Befleckung ein Gewaltact verbunden wäre.«»Ich weiß, Sie stimmen darin mit mir überein und weisen denselben, gleich mir, von sich. In den hellen Jubelton des Glücks würde stets und stets der Mißlaut schmerzender Vorwürfe und befleckter Ehre dringen und uns jenes reinen Genusses berauben, der unserm Charakter eine Nothwendigkeit ist.«
»Nicht wahr, Sidonie, theure Freundin, Sie theilen meine Ansicht?« fragte der Graf.
Statt jeder Antwort neigte Sidonie zustimmend das Haupt und drückte ihm leise die Hand.
Darauf fuhr der Graf mit weniger sicherer Stimme fort:
»So muß der Schritt gethan werden, den Ihr Vater von Ihnen fordert.« —
Die Prinzessin zuckte zusammen und ihr Haupt sank auf die Brust.
Der Graf hatte die obigen Worte fast gewaltsam hervorgepreßt, da es ihm so unendlich schwer wurde, sie auszusprechen, was doch geschehen mußte; nach einigen Augenblicken bemerkte er in gefühlvollem Ton:
»Herzen, die sich wahrhaft lieben, sind auf ewig mit einander vereint, mögen sie auch durch irgend welche Verhältnisse, durch Entfernungen oder die äußere Lebensstellung geschieden sein. So denke ich, meine Freundin, und bin überzeugt, Sie theilen meine Ansicht. O, glauben Sie mir, kein Herz ist unglücklich, das liebt und wieder geliebt wird. Denn begegnen sich in dem Bewußtsein der Gegenliebe nicht die Seelen der Liebenden;führt sie die Erinnerung nicht zu einander und läßt sie an ihren Freuden wie an ihrem Leid Theil nehmen, und ist diese Theilnahme nicht die reinste, höchste und edelste Liebe, die der Mensch für den Menschen hegen kann? — O gewiß, gewiß! Und kann uns dieses kostbare Geschenk des Himmels nicht so Vieles, Vieles ersetzen? Entbehren und Entsagen, das ist unser allgemeines Schicksal, vor welchem auch selbst die goldene Fürstenherrlichkeit nicht schützt, das ist der Grundton des Lebens, eines Lebens, das einen grellen Widerspruch seiner Bedeutung in sich trägt, indem es uns auf seinen unruhigen Wogen in das Meer der Vernichtung führt. — Wo sollen wir da Trost finden, wenn nicht in der Religion der Liebe? — Sie gießt erquickliche Ruhe in das bekümmerte Herz, und die schmerzvolle Thräne der Entsagung trocknet das himmlische Bewußtsein beglückender Gegenliebe.« —
Von seinen Empfindungen übermannt, schwieg der Graf, ohne daß er es wagte, den Blick auf Sidonie zu richten. An dem innigen Druck ihrer Hand erkannte er jedoch ihre Beistimmung zu seinen Worten und fühlte sich dadurch beruhigt.
Da Sidonie schwieg und auf weitere Worte von ihm zu harren schien, so fuhr der Graf fort:
»Jeder große Schmerz erweitert unsern Blick und läßt ihn uns auf das unendliche Weltenleben richten, und indem uns dasselbe verständlicher wird, wird es auch das eigene Leben, gewinnen Lust und Leid eine andere Bedeutung, indem wir uns dem großen Ganzen gegenübererblicken, das uns nöthigt, verzichtend unsere Wünsche und Forderungen zu beschränken.«
»Wohl weht diese Erkenntniß kältend über unser Herz und fordert unsere ganze Seelenkraft heraus, das Unvermeidliche geduldig zu tragen; die Nothwendigkeit läßt uns jedoch keine Wahl, und glücklich der, der sich schon früh mit ihr bekannt machte und sich ihr unterwarf. Diese Seelenkraft, meine theure Prinzessin, besitzen Sie, ich weiß es, und wenn Sie auch, so ungeahnt herausgefordert, von dem Unvermeidlichen überwältigt wurden, so wird sich dennoch Ihr gebeugter Geist wieder erheben und vor dem Opfer nicht zurückbeben, das die Verhältnisse von Ihnen fordern, und so werden Sie auch in dem erhebenden Bewußtsein, dies dem Glück Ihrer Eltern zu bringen, den schwersten Schritt des Lebens thun. Sie werden ihn thun, erhoben durch die Religion der Liebe.«
Der Graf schwieg, der ungeheuern Anstrengung erliegend, die eine so große Selbstverläugnung von ihm forderte und deren nur ein so kräftiger, willensstarker Charakter, wie der seinige, fähig war. Nur auf Sidoniens Beruhigung bedacht, sie mit Kraft für die nahenden bedeutsamen Stunden zu erfüllen und ihr aus allem Unheil wenigstens den Trost der Liebe zu retten, hatte er sein eigenes Interesse ganz und gar aufgegeben. Nicht der Geliebte mehr, sondern der rathende Freund allein sprach zu ihr. Wie unbedeutend däuchte ihm sein Leid dem ihrigen gegenüber;erhatte sich darauf schon lange vorbereitet,siewar ahnungslos davon betroffen wordenund mußte — ein Gedanke, unter welchem sich seine Seele schmerzvoll krümmte — nicht nur ihrem Liebesglück entsagen, sondern obenein einem ungeliebten Manne angehören.
Doch er wehrte diese bedrängenden Gedanken kraftvoll von sich ab, um den gewünschten Zweck zu erreichen; und seine Bemühungen waren nicht vergeblich.
Sidonie hatte seinen Lippen jedes Wort abgelauscht, das tief in ihre Seele drang, und wenn auch ihr heißliebendes Herz nur schwer von der Hoffnung ließ, mit dem Grafen das Glück der Liebe zu theilen, enthielt dennoch der Gedanke, in dieser Liebe mit ihm auf immer vereint zu sein, zu viel Beglückendes, um nicht ihre Seele zu trösten und zu erheben und die Nacht ihrer Schmerzen mit strahlendem Licht zu durchleuchten.
Und je länger der Graf sprach, um so überzeugender wirkten seine Worte auf sie und führten sie zu der Erkenntniß ihres unvermeidlichen Geschicks. Seine Aussprüche waren ihr heilig, doppelt heilig, da ihr eigenes Leid sie seinen Schmerz nicht übersehen ließ und ihre Seele sich dadurch zur vermehrten Achtung und Liebe des Geliebten hingezogen fühlte. Vermochteerso stark und willenskräftig zu sein, so sollte er sich in Bezug auf ihre moralische Kraft nicht getäuscht haben.
Aber, während diese Erwägungen ihre Seele durchflogen, rannen ihre Thränen immer reicher und reicher. Die gefalteten Hände in dem Schooß geborgen, das liebliche Haupt geneigt, saß sie da, demüthig und ruhig, gleicheinem Kinde, das sich mit Engelsgeduld in das Verlangte fügt.
Niemand von ihnen sprach ein Wort; eine heilige Stille umgab sie, die Keiner zu unterbrechen wagte.
Nach einer längeren Pause erhob Sidonie das Haupt und schaute den Grafen mit ruhigem, jedoch von Thränen umhülltem Blick an, ergriff seine Hand, drückte sie sanft, indem sie mit leiser Stimme und anscheinend ruhig und fest bemerkte:
»Sei es denn so, wie Sie sagten. Ich weiß, es kann nicht anders sein, daSiees sagen.«
Sie hatte diese Worte hastig gesprochen und schien denselben noch andere hinzufügen zu wollen; als sie jedoch in das bleiche, schmerzerfüllte Antlitz des Grafen blickte, schwieg sie plötzlich, ihr Auge leuchtete in Liebe, und von der inneren Bewegung übermannt, lehnte sie das Haupt an seine Schulter und weinte.
Der Graf hatte diesen Blick vollster Liebe nur zu wohl verstanden; er hatte errathen, daß das, was ihrem Herzen vorher Leidenschaft und Schmerz abgerungen, das Geständniß ihrer tiefen Liebe, die jungfräuliche Scheu jetzt nur noch in dem Blick zu wiederholen vermochte. In diesem Blick lag das Bekenntniß, ihm ewig, ewig in Liebe angehören zu wollen.
So groß Aureliens Theilnahme auch für die Unglücklichen war, hatte sie dennoch die Vorsicht nicht vergessen, ihre Freunde vor einer Ueberraschung, die unter den obwaltenden Umständen sehr gefährlich werden mußte, zu behüten.Glücklicher Weise nahte sich Niemand, und so gewannen sie Zeit zur Sammlung und konnten sich zur Rückkehr zu der Herzogin, die nun bald erfolgen mußte, vorbereiten. Stets für das Wohl ihrer geliebten Freunde sorglich bedacht, that Aurelie den Vorschlag, sich nach einem von Allen gern besuchten Hügel zu begeben, um unter den laubigen Bäumen daselbst dem bald erfolgenden Sonnenuntergang beizuwohnen.
Sie that diesen Vorschlag in der Absicht, Sidonie zu zerstreuen und den oben bezeichneten Zweck zu erreichen.
Der Graf, Aureliens wohlgemeinte Absicht sogleich errathend, stimmte ihr bei, und auch Sidonie nickte und reichte ihm willig den Arm und ließ sich von ihm dahin führen.
Sie hing sich fest an ihn, als ahnte sie, daß es das letzte Mal war, in so inniger Verbindung und Hingabe mit ihm zu leben.
Langsam und schweigend schritten sie dahin, während Aurelie sich bemühte, ihre Sinne und Gedanken auf die Gegenstände außer ihnen zu lenken, jedoch mit nur geringem Erfolg, wie das eben nicht anders sein konnte.
Oft und oft blieb Sidonie stehen und es schien, als ob sie sprechen wollte; doch that sie es nicht, sondern schaute den Grafen nur an und schritt dann still und langsam weiter.
So gelangten sie endlich zu dem Hügel und zwar in dem Augenblick, als die Sonne sich neigte. O, war dieses Scheiden nicht ein Bild ihres Liebesglücks! Es war esund war es doch auch nicht; denn die Sonne kehrte bald in erhöhtem Glanz zurück, während das Gestirn ihres Glücks auf immer in dem düstern Gewölk der Entsagung unterging. Sie empfanden das nur zu wohl, und der schmerzvolle Blick, den sie mit einander austauschten, verkündete ihr Einverständniß. Die Etikette verlangte, noch vor dem völligen Eintreten der Dunkelheit in das Schloß zurück zu kehren, und, von Aurelien daran erinnert, erhob sich Sidonie seufzend. Langsam schritten sie dem Schloß zu, während nur wenige Worte gewechselt wurden.
In der Nähe des ersteren angelangt, blieb Sidonie stehen, schaute den Grafen liebevoll an und bemerkte:
»Ich sprach vor Ihrer Ankunft gegen Aurelie einen lebhaften Wunsch aus, dessen Erfüllung von Ihnen abhängt; o, weisen Sie meine Bitte nicht zurück!«
»Wie sollte ich, meine theure Freundin?! Beglückt mich doch der Gedanke so innig, Ihnen einen Wunsch erfüllen zu können!« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut.
Sidonie drückte ihm die Hand und bemerkte mit bewegter, leiser Stimme:
»Wohl leben die Bilder unserer Lieben in der Seele fort und fort, von der Liebe gehegt und gepflegt; aber ich glaube, die Erinnerung allein genügt dem Herzen nicht, und mich beängstet die Furcht, die Zeit und veränderte Lebensverhältnisse könnten die ersteren leicht schwächen, ja vielleicht sogar verwischen, so daß die lieben Bilder uns am Ende ganz aus der Seele scheiden. — O, wie schrecklich müßte das sein! Wie muß es uns daher trösten undbeglücken, unser Auge auf das Bild treuer Freunde richten und das Herz an den wohlbekannten und geliebten Zügen erfreuen zu können. — Meinen Sie nicht auch?« — endete sie, indem sie ihn, sanft erröthend, anschaute.
Der Graf hatte sie nur zu wohl verstanden und beeilte sich zu entgegnen:
»Gewiß, gewiß, und gesegnet sei die Kunst, der wir diesen Trost und die Freude verdanken, durch süße Täuschung die entbehrte Wirklichkeit ersetzen zu können!«
»O, wie sehr freue ich mich darauf!« lispelte Sidonie.
»Und darf ich diese Freude theilen?« fragte der Graf mit Betonung, ihre Hand drückend.
»Sie wünschen es?« fragte Sidonie erfreut und verschämt.
»Bedarf es meiner Versicherung?«
»O, nein, o, nein! und ich gestehe Ihnen, Ihr Wunsch erfreut mich auf das Innigste. Weiß ich doch nun, daß Ihr Auge bisweilen die Züge der Freundin suchen wird, um — um sich ihrer zu — erinnern,« fiel Sidonie wehmüthig ein.
In der Ferne ließ sich in diesem Augenblick ein Kammerdiener sehen, der auf dem Weg zu ihnen und wahrscheinlich von der Herzogin abgeschickt worden war, die Prinzessin mit dem Gast nach dem Schloß einzuladen; es war daher die schnellste Sammlung nothwendig, wollten sie sich nicht verrathen und in der erforderlichen unbefangenen Stimmung der Herzogin gegenüber treten.
Aurelie begann sogleich ein Gespräch, an welchem diePrinzessin und der Graf, so viel es ihnen ihre Empfindungen gestatteten, Theil zu nehmen sich bestrebten.
Sidonie, von der Aussicht auf das Innigste beglückt, in den Besitz von des Grafen Portrait zu gelangen und wenigstens in solcher Weise einen Ersatz für das verlorene Glück zu erhalten, war ruhiger geworden, und über das bleiche, wehmüthige Antlitz hatte sich ein Zug stiller Freude gebreitet. Ohne eine Ahnung der Leiden, welchen sie entgegen ging, war dieser Gedanke schon hinreichend, ihr Herz mit sanftem Trost zu erfüllen.
Und so geschah es, daß sie der Herzogin ziemlich gesammelt entgegentrat und diese sie mit sichtlichem Wohlgefallen darüber empfing.
Eine Stunde ging ihnen in der Unterhaltung dahin, an der sich die gesprächige Herzogin und Aurelie vorzugsweise betheiligten; alsdann schied der Graf, und zwar mit der schmerzlichen Gewißheit, Sidonie in der nächsten Zeit nicht zu sehen, da die Herzogin ihren baldigen Besuch an dem fürstlichen Hofe angedeutet hatte.