Drittes Kapitel.
Vor einem bis zum Boden reichenden prachtvollen venetianischen Spiegel stand ein reizendes Mädchen im Negligé und betrachtete sich, wie es schien, mit großer Selbstzufriedenheit.
Das volle dunkle Haar, bereits geordnet, war, gegen die herrschende Mode, nicht durch Puder, noch durch die damals übliche hohe Frisur verunstaltet, sondern fiel in glänzenden Locken zwanglos auf Schultern und Nacken. Das Mädchen wiegte behaglich den Kopf hin und her, sprach und lächelte mit ihrem Spiegelbilde, wobei sie das Seidenmäntelchen allmälig abstreifte und zu Boden fallen ließ, und dadurch Büste und Arme von der Hülle befreite.
»Das bist Du selbst, die Mariane aus dem Walde, die man hier gnädiges Fräulein nennt und die es auch bald wirklich sein wird, vielleicht noch mehr. So sagt es der Prinz, und die Voisin meint es auch und erzeigt Dir großen Respect, und das will etwas sagen.« — Sie sprach das mit selbstgefälliger Wichtigkeit und fuhr, indem sie die mit seidenen Hackenschuhen bekleideten Füßchen gegen den Spiegel streckte und betrachtete, also fort: »So bist Du noch der ehemalige Waldvogel, wie der Prinz sagt, aber bald soll der Vogel verschwunden sein und das gnädige Fräulein zum Vorschein kommen. Pass’ auf!«
Und sie trippelte auf dem schwellenden Teppich nach einem chinesischen Tischchen, auf welchem sich allerlei Schmucksachen in zierlichen Etuis befanden, öffnete diese, stellte sie zusammen und ergötzte sich alsdann an dem Gefunkel der Edelsteine, Perlen und dem Glanz der goldenen Zierrathen.
»O, welch’ eine Pracht, welch’ eine Herrlichkeit, und Alles, Alles ist mein und dazu noch die schönen Kleidervon Sammet und Seide!« Also rief sie mit freudigen Blicken, nahm darauf ein kostbares Halsband, eilte damit an den Spiegel, legte es sich um und bewunderte dessen Schönheit. Ebenso that sie mit einem Paar Armbändern und Ringen, ohne sich bewußt zu werden, wie wenig ihr knappes Unterkleid, das die Gestalt und die seidenen Zwickelstrümpfe nur zum Theil verhüllte, zu diesem kostbaren Schmuck paßte. Daran schien sie jedoch nicht zu denken. Und warum sollte sie auch? Einen Lauscher hatte sie in ihrer einsamen herrlichen Wohnung nicht zu fürchten; die dem Kamin entströmende Wärme und der rings verbreitete Wohlgeruch thaten ihr wohl: warum sollte sie sich also nicht nach ihrem Behagen die Zeit verkürzen. — Bis zu dem Besuch des Prinzen war es noch lange hin. Er wollte heute zwar früher als gewöhnlich kommen, um mit ihr das Diner einzunehmen, doch blieb ihr trotzdem noch immer Zeit genug zum Ankleiden übrig.
Nachdem sie in der angegebenen Weise eine Stunde und länger vertändelt und dabei die Schmucksachen angelegt hatte, klingelte sie nach ihrer Dienerin, um sich ankleiden zu lassen.
»Welche Robe und welches Unterkleid befehlen Euer Gnaden?« fragte das Mädchen.
»Sieh, das weiß ich selbst noch nicht; darum bringe vorläufig ein paar Anzüge her, ich will sie anlegen und sehen, welcher mir am besten gefällt,« entgegnete Mariane in durchaus anspruchsloser Weise und ohne die Herrin geltend zu machen.
Ihr Befehl wurde sogleich erfüllt und die Dienerin erschien nach wenigen Augenblicken mit den verlangten Anzügen, die Mariane der Reihe nach anlegte und von welchen eine ganze Menge ihren Körper noch nicht berührt hatten.
Bald war ein luxuriöser Reichthum an kostbaren Sammet- und Seidengewändern, nicht minder kostbaren Spitzengeweben und ein Ueberfluß an allen möglichen Toilettengegenständen vor ihr ausgebreitet, wozu endlich aus Mangel an Raum selbst der Boden benutzt werden mußte, und inmitten diesem Meer von Farben, Glanz und Pracht stand Mariane in dem Unterkleide da, ohne daß ihre Schönheit durch die Einfachheit desselben und die herausfordernde Umgebung beeinträchtigt wurde.
Jeder Anzug wurde vor dem Spiegel geprüft, um sich zu überzeugen, wie er ihr ließ, mit der Dienerin besprochen, Unter- und Oberkleider gewechselt, verschieden zusammengestellt, und Marianens Herz hatte an Alledem seine rechte Freude.
Aber nicht allein durch den Besitz so reicher Gewänder war diese Freude erzeugt, sondern die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit hatten ihren guten Theil daran. Mariane war sich bewußt geworden, in dem Staat nicht übler auszusehen, wie die vornehmen Damen bei Hofe und in der Stadt, ja vielleicht noch viel besser und schöner. Denn sie brauchte keine Schminke, um ihrem Antlitz Frische zu verleihen, die hatte ihr die Natur gegeben; eben so wenig durfte sie das Augenlid dunkeln, damit derBlick glänzender erschien; ihr Auge funkelte und glänzte, wie die Diamanten in ihrem Halsband. Und die Robe durfte auch nicht zu tief fallen, um einen plumpen Fuß zu verhüllen, denn sie konnte nicht nur ihr Füßchen, sondern auch noch ein wenig von den Zwickelstrümpfen sehen lassen: Fuß und Bein waren darnach.
Alle diese angenehmen Erwägungen gingen ihr während des Anprobirens durch den Kopf, bis eine prachtvolle purpurrothe Sammetrobe, das kurz vorher empfangene Geschenk des Prinzen, ihr ganzes Interesse beanspruchte. Sie gefiel sich darin so außerordentlich, daß sie erklärte, dieselbe am heutigen Tage tragen zu wollen.
»O, Euer Gnaden nehmen sich darin wie eine Prinzessin aus!« schmeichelte die Dienerin, an dem Anzuge nestelnd und alsdann einen kostbaren Spitzenkragen hinzufügend.
»Und sieh nur, wie die Steine doppelt prächtig in dem Widerschein der Robe funkeln!« rief Mariane erfreut und sich in dem Spiegel betrachtend. »Ja, ich bleibe in dem Anzuge, will darin den Prinzen empfangen und mit ihm speisen. O, das wird ihm gefallen!«
Und so geschah es auch, nachdem die Dienerin sich bemüht hatte, den Anzug in der geschmackvollsten Weise zu ordnen.
Das eitle Kind vermochte sich von dem Spiegel nicht zu trennen, so sehr behagte es ihr in diesem prächtigen, anspruchsvollen Kleide, in welchem sie sich wie eine Prinzessin ausnahm.
Während sie sich in solcher Weise beschäftigte, entdeckte sie plötzlich, daß ihr Haupt ohne jede Zier war; das gefiel ihr durchaus nicht; aber sogleich machte sich ihre Vorliebe für Blumen geltend, und sie eilte nach einem mit den schönsten Blumen geschmückten Zimmer und pflückte sich hier, was ihr zusagte, und wand sich alsdann einen duftigen Kranz, den sie vor dem Spiegel sorgfältig auf das Haupt drückte.
O, wie herrlich paßte derselbe zu ihrem Anzuge! Wie viel schöner erschien sie sich jetzt selbst! Der Kranz erst hatte dem Anzug den rechten Abschluß gegeben. O, wie würde und mußte sie dem Prinzen gefallen!
Das Eintreten der Madame Voisin unterbrach sie in dem Betrachten ihrer Person.
»Was ist das, Fräulein?!« rief diese voll Ueberraschung aus, als sie den ungewöhnlichen Anzug sah.
»Nicht wahr, ich gefalle Ihnen in dieser Robe?« fragte Mariane unbefangen und freundlich.
»Gewiß, Fräulein; er steht Ihnen vortrefflich. Doch müssen Sie sich bald umkleiden, damit Sie der Prinz nicht darin findet,« bemerkte Madame Voisin.
»Und warum soll er mich nicht in diesem prächtigen Kleide, das mir so gut steht, sehen?« fragte Mariane überrascht.
»Das dürfte ich Ihnen kaum noch sagen; wissen Sie doch, daß er Sie am liebsten in einem einfachen Anzuge sieht.« —
»Das thut er nur, weil er glaubt, ein vornehmer Anzug würde mich nicht gut kleiden.« —
»Das glaube ich nicht, sondern vermuthe, Sie gefallen ihm am meisten in einer bescheidenen Tracht.« —
»So soll er sehen, daß ich auch in schönen Kleidern nicht häßlicher, sondern vielleicht noch schöner bin! Wozu hätte ich sie denn, wenn ich mich damit nicht schmücken dürfte?!« —
»Sie vergessen, daß der Prinz sich an den prächtigen Toiletten schon lange satt gesehen hat.« —
»Möglich. Doch ich sage Ihnen, Madame, nicht an den Kleidern, sondern an den Personen hat sich der Prinz übersättigt, und ich denke Ihnen den Beweis dafür heute zu liefern,« erörterte Mariane in sehr bestimmtem Ton.
»Versuchen Sie es; es könnte sein, daß ich mich täusche. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so vergessen Sie nicht, dem Prinzen meine Mißbilligung Ihres Anzugs zu erkennen zu geben, damit er mir keine Schuld beilegt.«
»Besorgen Sie nichts, liebe Voisin; das istmeineund nichtIhreSache!«
»Das weiß ich wohl; jedoch glaubte ich, Ihnen meinen Rath nicht vorenthalten zu dürfen,« bemerkte Madame Voisin begütigend.
»Nun, schon gut, schon gut!« fiel Mariane ein und fügte hinzu: »Warum soll ich dem Prinzen nicht zeigen, daß es nur eines passenden Anzugs bedarf, um einer vornehmen Dame zu gleichen? Bin ich etwa häßlicher alsseine Frau oder die Hofdamen und hohen Fräulein der Grafen und Barone?«
»Ei bewahre, meine Beste; vielmehr sind Sie noch vielmal schöner!« beeilte sich Madame Voisin zu entgegnen.
»Nun also?! So könnte ich mich auch vor ihnen sehen lassen und Keiner dürfte sagen: ich wäre nur aus dem Walde« — fuhr Mariane in verweisendem Ton fort.
»Gewiß, gewiß!« betheuerte Madame Voisin.
»Nun hören Sie, liebe Voisin, was ich mir ausgedacht habe. Ich will den Prinzen überraschen; darum sagen Sie ihm nichts von meinem Anzuge, wenn er kommt, hören Sie?!«
Madame Voisin versicherte, ihren Wunsch genau zu erfüllen, worauf sich Mariane nach ihrem Boudoir begab. Dasselbe enthielt außer Blumen noch eine Volière, angefüllt mit farbenprächtigen ausländischen Vögeln, einem sprechenden Papagei, der auf einer vergoldeten Stange saß, und ein paar allerliebsten Aeffchen, die unter hochstämmigen Pflanzen auf einem dürren Bäumchen ihre Wohnstätte hatten. Man sieht, Marianens Boudoir war eine kleine Natur-Wildniß und bot einen ziemlich schroffen Gegensatz zu den zierlichen Boudoirs anderer Damen dar.
Mariane hatte sich lediglich in der Absicht dahin begeben, um sich ihren Lieblingen in dem prächtigen Anzuge vorzustellen; derselbe versetzte auch namentlich denPapagei und die Affen in eine so große Aufregung, daß sie mit diesen Complimenten wol zufrieden sein konnte.
Das Gezwitscher der Vögel, das Gekrächze und Schnurren des Papageis und der Affen war fast ohrbetäubend, aber um so ergötzlicher für Mariane, die sich unter ihren Lieblingen sehr behaglich fühlte, besonders wenn diese sich in so lebhafter Weise geltend machten, wozu sie der farbenvolle Anzug und das Blitzen der Edelsteine herausforderte.
Während sie sich mit den Thieren unterhielt, Fragen an sie richtete, ob sie ihnen gefalle, und sich in solcher Weise die Zeit verkürzte, war Madame Voisin nach dem Speisezimmer gegangen, um noch allerlei Anordnungen zu dem Diner zu treffen. Ein gedankenvoller Zug machte sich dabei in ihrem Antlitz geltend, der durch Marianens Verhalten gegen sie hervor gerufen worden war.
»Ja, ja,« dachte sie, »ich habe mich in meinen Erwartungen hinsichts dieses Mädchens nicht getäuscht. Ihre heutigen Worte und ihr befehlendes Benehmen, das sie mit dem fürstlichen Anzuge angenommen, beweisen mir das. Wol hat sie Recht; sie ist schöner als alle Anderen; daß sie dies jedoch erkannt hat, darin liegt eben ihre Macht, und ich würde mich wundern, sollte sie nicht einen gewichtigen Einfluß auf den Prinzen — den künftigen Regenten! — gewinnen. Ich muß diese Umstände wohl beachten; denn wer kann wissen, zu welchem Ende diese Liebschaft führt. Ja, ja, sie ist reizend, und mir däucht fast, sie ist noch klüger als schön; denn wie sehr hat siesich in den wenigen Monaten ihres Hierseins schon geändert, und wie vortrefflich versteht sie es, den Prinzen zu behandeln, daß er sich nur bei ihr glücklich fühlt und darüber Frau und Kind und alle Staatsgeschäfte vergißt.« —
Also bedachte Madame Voisin die Verhältnisse, und nach dem Erfahrenen dürfen wir ihr nur beipflichten. Mariane beherrschte in der That schon den Prinzen, ohne daß sie und dieser selbst eine Ahnung davon hatten.
Sie hatte sich mit überraschender Schnelligkeit in die ihr durchaus neuen Verhältnisse zu schicken gewußt, nicht minder schnell hatte sie die Scheu vor der Hoheit abgelegt und sich bemüht, dieser die Wünsche und Schwächen abzulauschen und ihr in der angenehmsten Weise entgegen zu kommen.
Ihr lebhaftes Naturell, ihr Witz und Verstand leisteten ihr dabei wesentliche Hilfe, und gleich einer Scheherezade wußte sie den Prinzen durch allerlei Nichtigkeiten so angenehm zu unterhalten, daß ihm die Zeit bei ihr wie im Fluge dahin zu eilen schien.
Was den Prinzen jedoch ganz besonders an sie fesselte, war ihre Wißbegier, wodurch sie ihn stets herausforderte und die ihn veranlaßte, sie über tausend Dinge aufzuklären. Ihre ungewöhnliche Fassungskraft und die lebhafte Phantasie, die unaufhörlich neue Gedanken und Erfindungen in ihr erzeugte, waren der reiche Quell, aus denen sie die Stoffe der Unterhaltung schöpfte und wodurch sie zugleich des Prinzen Bemühen um sie angenehmmachte. Sie gab geistig fast mehr, als sie empfing, und verhütete dadurch jede Anstrengung, die der Prinz nicht liebte, und traf also ganz des Letzteren Geschmack.
An die Waldeinsamkeit gewöhnt und von einem verschwenderischen Luxus umgeben, der ihr ganz neue Genüsse gewährte; durch Spazierfahrten mit Madame Voisin und den näher bezeichneten Zeitvertreib mit ihren Lieblingen ergötzt, fühlte sie sich befriedigt. Der Unterricht im Gesang und der Musik und des Prinzen Besuche trugen dazu gleichfalls nicht unwesentlich bei, indem sie sich dabei sehr gut unterhielt. Dies war dem Prinzen aus den bekannten Gründen sehr erwünscht und um so inniger gab er sich dem Mädchen hin, das ihn mit jedem neuen Tage mehr an sich fesselte. Zugleich war er bemüht, das Geheimniß seiner Liebe zu bewahren, welches seinen Genüssen einen eben so neuen, als eigenthümlichen Reiz verlieh. So wird es denn auch nicht überraschen, ihn, tief in einen Mantel gehüllt, nach dem Ufer des Sees fahren und an einer bestimmten Stelle aussteigen zu sehen.
Während der Wagen zurückkehrte, schlug der Prinz einen nach dem Seeufer führenden Pfad ein. Daselbst angelangt, wurde er von zwei Männern empfangen, die seiner mit einer bedeckten Gondel harrten. Nach einem leichten Kopfnicken begab sich der Prinz in das Fahrzeug, das, durch die Ruder der Leute rasch fortbewegt, bald über den See geräuschlos dahin glitt.
Nach kurzer Zeit erreichten sie das entgegengesetzte Ufer, woselbst die Gondel an dem zu der Villa gehörigenGarten hielt, der hier bis in den See lief. Kaum landete das Boot, so verließ der Prinz dasselbe und ging rasch durch die einsamen Gänge nach dem Hause.
Weder hier noch am Landeplatz wurde er von irgend Jemand empfangen. Er hatte das also bestimmt, und wir erkennen, wie sehr er bedacht war, jede Wichtigkeit von sich abzuweisen. Den Schiffern und Dienern in der Villa war auf das strengste anbefohlen worden, dem Prinzen nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken und sich um sein Kommen und Gehen durchaus nicht weiter zu kümmern. In solcher Weise bemühte sich der Prinz, den idyllischen Charakter dieses Verhältnisses zu bewahren, und indem man ihm dabei von allen Seiten entgegen kam, konnte es nicht fehlen, daß er in der That von dem tiefen Geheimniß seiner Liebe überzeugt war, obwol man, wie wir erfahren haben, dasselbe längst verrathen hatte.
Im Vorzimmer der Villa empfing den Prinzen ein Diener, der ihm den Mantel abnahm, worauf er sich in das nächstgelegene Gemach begab, woselbst ihn Madame Voisin mit den üblichen Knixen begrüßte.
»Nun, wo ist Mariane? Warum kommt sie mir nicht wie sonst entgegen?« fragte der Prinz rasch.
»Hoheit verzeihen; das Fräulein erwartet Sie in dem Boudoir« — beeilte sich Madame Voisin mit einem bedeutungsvollen Lächeln zu entgegnen.
»Ah, ich merke, sie hat wieder einen Scherz im Sinn. Nun, wollen sehen!«
Mit diesen Worten eilte der Prinz davon und blieb, als er den Eingang des Boudoirs erreichte, mit einem Ausruf der angenehmsten Ueberraschung stehen.
Mit Wohlgefallen ruhte sein Auge auf Marianen, die mit dem Ausdruck komischer Wichtigkeit sich ceremoniell vor ihm verneigte und, dabei zugleich mit dem Fächer kokett spielend, einer Oberhofmeisterin an höfischer Würde nichts nachgab.
»Bei Gott, Du bist schön und stolz wie eine Königin!« rief der Prinz entzückt und eilte auf sie zu, um sie in die Arme zu schließen. Mariane trat, ihrer vorbedachten Rolle getreu, einen Schritt zurück und entgegnete voll Würde:
»Gemach, Hoheit! In solcher Weise nähert man sich hohen Personen nicht!«
Dabei kokettirte sie, das Antlitz hinter dem Fächer geborgen, mit dem Prinzen gleich einer Schauspielerin, und wußte das Alles mit solchem Reiz in Mienen und Benehmen zu thun, daß sich des Prinzen Beifall nur noch steigerte.
»Köstlich, köstlich!« sprach er, ihr Küsse zuwerfend.
Sie spielte noch einige Augenblicke ihre Rolle weiter: dann aber warf sie den Fächer auf den Boden, breitete die Arme aus und rief, indem sie sich an seine Brust sinken ließ:
»So, nun ist’s mit der Prinzessin genug! Hier, Hoheit, hast Du wieder Deine Waldtaube!« Und sie umschlang und küßte ihn, und als dies geschehen war, trat sie von ihm zurück und bemerkte:
»Jetzt betrachte mich noch einmal, Hoheit! O, wie bin ich glücklich, daß ich Dir gefalle und Du nicht böse bist, mich in diesem Anzug zu finden, wie die Voisin meinte!«
»Da irrte sie; denn Du gefällst mir über die Maßen und ich erkenne, daß Du dem Hofe alle Ehre machen würdest. Wer von unseren Damen könnte sich mit Dir vergleichen wollen, ohne vor Deiner Schönheit zurückstehen zu müssen! Jetzt bist Du nicht mehr der Waldvogel, sondern die Waldkönigin! Dir fehlt nichts, als ein Diadem, um das sich der Kranz schlingt, und das sollst Du haben und schöner noch als das der Fee!«
»O, Du gute, liebe Hoheit!« rief Mariane, durch die Aussicht auf ein so schönes Geschenk beglückt, und tändelte alsdann in der gewöhnten Weise mit dem Prinzen, bis Madame Voisin sie zum Diner einlud. Diese bediente sie bei demselben und es herrschte dabei die ungezwungenste Fröhlichkeit. Mariane beschäftigte den Prinzen durch unaufhörliche Fragen nach dem Hof und den daselbst weilenden Personen, namentlich den Damen, und dem Treiben daselbst. Nur seiner Gemahlin gedachte sie nicht, weil ihr der Prinz dies ein- für allemal verboten hatte. Nach dem Diner schlug der Letztere mit Marianen Ball, ein Vergnügen, das sie sehr liebte, worauf, als es dunkelte, er ihr Unterricht auf dem Klavier ertheilte und sich an der rasch angeeigneten Fertigkeit des Mädchens ergötzte.
Dann mußte sie ihre Lieder singen, die er mit demKlavier begleitete. In solcher Weise ging ihnen die Zeit angenehm dahin, und indem wir bedacht gewesen, dieses Zusammensein näher zu bezeichnen, liegt die Frage nahe, warum der Prinz alle diese Bemühungen nicht lieber seiner Gemahlin darbrachte und sich darin glücklich fühlte?
Die Antwort hierauf dürfte lediglich in dem besondern Charakter des Prinzen zu suchen sein.
Sidonie würde von diesem Verhältniß ihres Gemahls wahrscheinlich nichts erfahren haben, hätte es Mühlfels in seinem Interesse nicht für zweckmäßig erachtet, ihr dasselbe zu verrathen.
Wie wenig Gewicht sie darauf legte, ist uns bekannt geworden, nicht minder, daß sie in dem Genuß ihres wiedergekehrten Freundes dieses Verhältnisses kaum noch gedachte, geschweige denn sich etwa weitere Aufklärung darüber von dem Baron geben ließ.
Der Letztere, mit dem eigentlichen Anlaß dazu nicht bekannt, wußte sich diese Theilnahmlosigkeit nicht zu deuten. Er hatte mit Bestimmtheit vorausgesetzt, die Prinzessin würde ihn mit ihrem Vertrauen beehren und sich mit ihm über diese Angelegenheit besprechen; dies geschah jedoch nicht, sondern Sidonie schien ihn vielmehr seit jener Unterredung eher zu meiden als zu suchen, wie das aus den bekannten Gründen wirklich der Fall war. Was seitdem noch seine ganz besondere Besorgniß erregte, war der Umstand, daß die Prinzessin ihn nicht mehr allein empfing, sondern stets in Gegenwart Anderer, ja es geschah sogar, daß sie sich durch Aurelie vertreten ließ.
Diese Erscheinungen, durchaus nicht erwartet, erregten in ihm die ersten Zweifel an Sidoniens Zuneigung zu ihm, und der niederbeugende Gedanke, sich über ihre Empfindungen und ihr Benehmen gegen ihn vielleicht getäuscht zu haben, machte sich allmälig in ihm geltend. Zwar verwarf er denselben wieder bei der Erinnerung des ihm von der Prinzessin bisher geschenkten Wohlwollens; es lag aber auch die Frage nahe, warum dies nicht nur in der früheren Weise fortbestand, sondern sich auch, wie er erwartet hatte, steigerte. Alle diese Umstände erfüllten ihn mit dem Vorsatz, die Prinzessin und ihr Thun genauer zu prüfen, um dadurch vielleicht den Grund ihres so auffällig veränderten Benehmens zu entdecken. Hiezu fand er zwar in den Abendgesellschaften der Prinzessin Gelegenheit; dies genügte ihm jedoch nicht, und so gedachte er sie auch außerdem im Geheimen zu beobachten. Er war mit den Hofdamen und Dienern der Prinzessin ziemlich bekannt, und so konnte es ihm nicht eben schwer werden, mancherlei vielleicht für ihn Interessantes über sie von diesen zu erfahren.
Gewöhnt, wie wir wissen, dergleichen Angelegenheiten mit seiner Mutter zu besprechen, vertraute er sich auch jetzt dieser an und überraschte sie dadurch nicht eben wenig. Ihr war das Zustandekommen des von dem Fürsten gewünschten Verhältnisses, was sie gewissermaßen als eine Ehrensache betrachtete, von großer Wichtigkeit, ganz abgesehen, daß es sich dabei um das besondere Interesse ihres Sohnes handelte.
»So ist Dir also nichts von Bedeutung aufgefallen, wodurch Du Dir diese Veränderung von Ihrer Seite erklären könntest?« fragte die Baronin nachdenkend, nachdem sie über Alles aufgeklärt worden war.
Mühlfels verneinte und versicherte, in dieser Beziehung kaum eine Vermuthung zu besitzen.
Die Baronin erinnerte ihn darauf an Eins und das Andere, was dazu vielleicht Veranlassung gegeben haben könnte, aber mit gleichem Erfolg.
»So will ich Dir eine überraschende Vermuthung mittheilen, die durch Deine Worte in mir erzeugt worden ist,« sprach sie nach kurzem Ueberlegen.
»Und die wäre?« fragte Mühlfels gespannt.
»Die Prinzessin liebt wahrscheinlich bereits.«
»Was sagen Sie!« fuhr der Baron auf.
»Ich sage, es ist so; aber ich füge auch hinzu, daß sie Dichnichtliebt.«
»Das würde mich in der tiefsten Seele verletzen; denn ich habe den Fürsten bereits durch den Chevalier mit Sidoniens Zuneigung zu mir bekannt machen lassen. Ich würde zum Gespötte werden, gäbe sie einem Andern den Vorzug!« rief der Baron in großer Aufregung.
»Das würde geschehen, und darum müssen wir, und zwar nicht allein aus diesem Grunde, sondern aus dem viel wichtigeren Interesse, das uns eine Liaison der Prinzessin bietet, bedacht sein, in dieser Angelegenheit Gewißheit zu erhalten.«
»Was kann mir diese helfen, wenn ich nicht derGegenstand ihrer Neigung bin?!« warf der Baron ärgerlich hin.
»Mehr, als Du jetzt einsiehst, mein Sohn. Gesetzt, es gelingt uns, ihre Herzensgeheimnisse zu ergründen, so dürfte, lauschen wir ihr irgend eine Schwäche ab, dies ein wichtiger Umstand sein, Dich in ihre Gunst zu setzen.«
»So glaubst Du also, es könnte ein solcher Fall eintreten?«
»Warum nicht? Es wäre fast unnatürlich, sollte unsere Voraussetzung nicht eintreffen und Sidonie unter den obwaltenden Umständen ihre Empfindungen nicht verrathen.«
»Möglich! Doch dürfte dies lediglich von der Person abhängen, der sie ihre Liebe geschenkt hat.«
»Gewiß; indessen sind die Verhältnisse zu günstig, dergleichen Erwartungen nicht zu hegen.«
»Sie haben Recht. Warum sollte sie auch besser sein als alle Anderen, besonders da des Fürsten Begünstigung sie dazu herausfordert und ihr jede Besorgniß nimmt. Doch wir vergessen, daß darin auch zugleich ein Mittel liegt, unsere etwaige Entdeckungen wirkungslos zu machen.«
»Wie willst Du das jetzt schon mit Gewißheit behaupten?! Bedenke, daß, wie Du selbst sagtest, die Prinzessin den eigentlichen Sinn des von dem Fürsten geäußerten Wunsches nicht zu ahnen scheint.« —
»Wahrhaftig, diesen Umstand hatte ich vergessen!« fiel Mühlfels erfreut ein.
»Nun wirst Du also auch begreifen, wie wichtig und zugleich wie wirkungsvoll für uns eine gewünschte Entdeckung werden kann.«
»Gewiß, gewiß!« rief der Baron erregt, indem er auf und ab schritt. »Auf diesen Punkt muß nun unser Bemühen fortan gerichtet sein.«
»Natürlich, und Du mußt zugleich klug und geschickt genug sein, Dich der Prinzessin gegenüber nicht zu verrathen. Beherrsche daher vor allen Dingen Deine eifersüchtigen Gefühle, namentlich unter Umständen, die Dich dazu herausfordern. Zeige Gleichgiltigkeit, jedoch nicht ohne Wärme und die frühere Theilnahme. Das wird Sidonie über Deine Empfindungen täuschen und sie zugleich veranlassen, Dir gegenüber weniger Vorsicht zu beobachten. Ja, es könnte sogar geschehen, daß diese Täuschung sie vielleicht verleitet, Deine Dienste in Anspruch zu nehmen. Sie kennt Deine Ergebenheit, hält Dich für ihren treuesten Freund, und so kann man nicht wissen, welche wichtige Erfolge alle diese Umstände erzielen. Ahnt sie Deine Neigung und Absichten nicht, um so besser; denn man vertraut sich in der Liebe eher einem Freunde, als einem Verehrer. Hat sich Sidonie nur erst wirklich verrathen und unser Forschen einen Boden gewonnen, dann werden wir durch entsprechende Geschicklichkeit und geduldiges Ausharren auch früher oder später zu den gewünschten Entdeckungen gelangen. Denn Du hast ganz Recht, mein lieber Sohn, warum sollte die Prinzessinunter den obwaltenden Verhältnissen besser sein wollen, als Andere ihres Gleichen.«
»Ihr kluger Rath soll mir zur Richtschnur meines ferneren Handelns dienen.«
»Gut, mein Sohn. Doch sage, haben Dich nicht etwa die Umstände auf irgend eine Vermuthung geleitet, ob und wen Sidonie etwa begünstigt?«
»Ich strenge vergeblich mein Gedächtniß an. In den Abendgesellschaften wenigstens, die mir die einzige Gelegenheit zum Beobachten der Prinzessin bieten, habe ich dergleichen nicht bemerkt.«
»Das ist recht bedauerlich!« bemerkte die Baronin und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: »Man sagt, Graf Römer sei wieder hier und besuchte wie früher die Cirkel der Prinzessin.«
»So ist es. Er war auch neulich daselbst anwesend.«
»Bewies ihm die Prinzessin nicht besondere Aufmerksamkeit?«
»Nicht im geringsten; sie begegnete ihm wie ihren anderen Gästen freundlich, aber ein wenig förmlich, wie das ihre Art ist.«
»Und der Graf?«
»Schien sich wenig um Sidonie zu kümmern und unterhielt sich viel mit den Künstlern und Gelehrten. Sie scheinen, liebe Mutter, den Grafen für bedeutender zu halten, als er ist, und sogar zu vermuthen, die Prinzessin könnte sich für ihn interessiren. Ich habe Ihnen schon früher gesagt, daß sich des Grafen ernstes, abgeschlossenesWesen wenig zur Liebe eignet, am wenigsten zärtliche Neigungen zu erwecken befähigt erscheint. Er ist ein Wissenschaftsmensch und wird, wie man mir sagte, sich nächstens wieder auf eine längere Reise begeben. Alle diese Umstände verneinen daher Ihre etwaigen Voraussetzungen.«
»Es könnte sein; Du wirst es jedoch natürlich finden, daß bei dem Mangel an geeigneten Persönlichkeiten mir der Graf nicht gleichgiltig erscheint. Die Prinzessin interessirt sich bekanntlich für die Wissenschaften; ein Grund, sie dem Grafen zu nähern. Denn wie ich vernahm, soll Römer auch außer den gewöhnlichen Gesellschaften bei der Prinzessin gewesen sein; ein Zeichen, daß ihr diese Besuche wünschenswerth und angenehm sind.«
»So wird es sein, doch dürfte man daraus noch nicht auf ein persönliches Interesse schließen dürfen,« fiel Mühlfels ein.
»Sei dem, wie ihm wolle; immerhin könnte es nicht schaden, den Grafen fortan ein wenig zu beobachten. Thue das also, mein Sohn; ich werde nicht ermangeln, ein Gleiches zu thun und zugleich bedacht sein, dabei meine vertrauten und geheimen Quellen zu benutzen. Du weißt, mein Sohn, die Verstellungskunst ist an unserm Hofe sehr ausgebildet; sollte es denn geschehen sein, daß dieselbe auf die Prinzessin ganz ohne Wirkung geblieben wäre? Ich zweifle daran, und eben weil ich dies thue, erscheinen mir auch ganz harmlose Personen nicht bedeutungslos, wenigstens dürfen sie das für uns nicht sein. Ich denke, dieswird nicht ohne Einfluß auf Dein künftiges Benehmen und Handeln sein.«
Hiermit schloß die Baronin ihre Betrachtungen und war erfreut, in dem Kopfnicken ihres Sohnes die Beistimmung zu denselben zu finden. Mutter und Sohn trennten sich alsdann, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.
Die Baronin kannte ihr Geschlecht zu wohl, um nicht zu wissen, wie groß dessen Verstellungskunst wäre, selbst bei Frauen, deren Charakter nicht gehaltlos genannt werden durfte. Sie urtheilte daher nach ihren Erfahrungen und hegte überdies hinsichts des Grafen ganz andere Ansichten als ihr Sohn. Sie fand Römer interessant, sein Benehmen sehr geeignet, den Frauen zu gefallen, indem ihn sein würdiges und männliches Wesen weit über seine Umgebung empor hob. Diese Ansicht hatte sie bereits bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Grafen bei der Prinzessin gewonnen. Sagte ihr auch ihre Muttereitelkeit, daß ihr Sohn hübscher und sein Benehmen Liebe erweckender als das des Grafen sei, so wußte sie doch auch, daß jede Frau ihrer besondern Vorliebe huldigt und man daher in Bezug auf die Neigung derselben sehr leicht getäuscht werden könnte.
Ihr erschien daher der Graf der genaueren Beobachtung wol werth, und sie nahm sich vor, diese nicht zu unterlassen, sobald sich ihr die Gelegenheit dazu bieten sollte.
Anders war es mit Mühlfels. Er war überzeugt,daß seine Bemühungen in dieser Beziehung durchaus fruchtlos sein würden, und lächelte über die Vorurtheile seiner Mutter. Ueberdies hatte ihn die stattgefundene Unterredung auf einen ganz neuen Gedanken geführt. Er überlegte nämlich, daß, wenn Sidonie wirklich eine geheime Liebe hegte, damit doch noch nicht die Nothwendigkeit gegeben war, daß sich der Gegenstand derselben auch am Hofe und in ihrer nächsten Umgebung befinden müsse.
Die Prinzessin machte Ausfahrten, auf welchen sie oft längere Zeit fort blieb, ja sie gefiel sich auch in Spaziergängen durch den Park und Wald: warum, sagte er sich, sollte es ihr nicht vielleicht auch gefallen, dem Prinzen nachzuahmen und ihre Liebe unter dem Schleier eines tiefen Geheimnisses zu genießen. Forderte sie ihr Gemahl nicht dazu heraus und zeigte ihr die geeigneten Wege zur Erreichung ihrer Wünsche.
Dieser Gedanke gewann bei weiterem Erwägen immer mehr Bedeutung für ihn und erzeugte den Entschluß, Sidoniens Ausfahrten und Spaziergänge fortan im Geheimen zu beobachten. Er glaubte hierauf seinen ganzen Fleiß verwenden zu müssen, von der Ueberzeugung erfüllt, daß, wenn Sidoniens Begünstigter sich wirklich in ihrer nächsten Nähe befand, dies auch ohne sein Zuthun von Seiten der weiblichen Späher am Hofe bald entdeckt und ihm daher schnell bekannt werden würde.
Dafür bürgte ihm schon die Klugheit und der Scharfblick seiner Mutter.
So legte sich um die nichts Uebles fürchtende Prinzessinein Gewebe von Intriguen, dem sie um so leichter zum Opfer fallen konnte, da sie weit entfernt war, das große, für ihre Person und ihr Verhalten gehegte Interesse zu ahnen. Diese Gefahr mußte um so bedeutsamer im Hinblick auf ihre Liebe genannt werden, indem diese sie leicht verleiten konnte, irgend welche Schwächen zu zeigen und sich dadurch zu verrathen. Wie leicht verräth sich das von Liebe erfüllte Herz, und ein unvorsichtiger Blick, ein Wort genügt dem Spähenden schon, dem Befangenen immer wirksamere Fallstricke zu legen.
Die winterliche Jahreszeit beschränkte allerdings sowol Mühlfels’ beabsichtigte Thätigkeit, als diejenige aller Uebrigen, dagegen war sie auch wiederum sehr geeignet, die Personen in einem engeren Kreise zusammen zu führen und dadurch Gelegenheit zum Beobachten zu bieten.
Ahnte, wie wir bereits bemerkt haben, Sidonie nicht das Geringste von den ihr drohenden Gefahren und war dieser Umstand sehr geeignet, sie in ihrem Verhalten gegen den Grafen weniger vorsichtig zu machen und dem Zuge ihres Herzens zu folgen, so übte hierauf noch ein anderer Umstand einen sehr wichtigen Einfluß aus.
Außer in ihren Gesellschaften sah Sidonie den Grafen noch ein- bis zweimal in der Woche im Theater, woselbst sie zugleich nicht eben selten die Gelegenheit fand, in den Zwischenacten sich mit dem Geliebten zu unterhalten. Ihr Bruder führte ihr diesen anfangs zu; später suchte der Graf die Prinzessin auch allein auf.
Diese Besuche konnten um so weniger als besondersbetrachtet werden, da auch andere Personen gleich ihm Sidonien dergleichen abstatteten und dies ohnehin eine herkömmliche Sitte war. Römer unterließ die Beobachtung dieser Sitte um so weniger, weil er sich dadurch einige glückliche Augenblicke verschaffte, dann aber auch weil das Gegentheil aufgefallen wäre. Sein näherer Umgang mit der Prinzessin war längst allgemein bekannt geworden, und er erachtete es daher für klug, sein Interesse für sie offen zu zeigen.
Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß Sidonie den Grafen auch außer in ihren Gesellschaften noch bei sich sah, bisweilen in der Begleitung ihres Bruders, oft auch ohne dieselbe. Das konnte nicht unbekannt bleiben. Jene Besuche freilich, bei welchen sie ihn in dem Blumenzimmer nur im Beisein Aureliens empfing, blieben der Welt ein Geheimniß. Es waren das für die Liebenden die süßesten Stunden, ihnen leider stets zu kurz zugemessen, um ihr liebendes Herz ganz zu befriedigen. Aber die Verhältnisse gestatteten denselben keine längere Dauer, und mit stillem Dank genossen sie die ihnen von dem Geschick so freundlich gewährte Gabe.
Diese Zusammenkünfte wurden dadurch ermöglicht, daß der Graf wie früher Aurelien besuchte und es daher den Schein gewann, als käme er zu ihr. Da in dieser Beziehung von allen Seiten eine große Vorsicht beobachtet wurde, so gelang es ihnen, die zu fürchtende Dienerschaft zu täuschen, welche in diesen Besuchen lediglich ein Interesse des Grafen für die Hofdame sah.
Der Fürst war durch den Chevalier sehr bald mit der Anwesenheit des Grafen und dessen näheren Beziehungen zu der Prinzessin bekannt gemacht worden, und da Boisière den Grafen zugleich als einen sehr gebildeten und interessanten Mann bezeichnete, erwachte in dem Fürsten der Wunsch, Römer persönlich kennen zu lernen.
Da sich der Graf von dem Hof fern hielt, so gedachte der Fürst sich denselben bei einer geeigneten Gelegenheit vorstellen zu lassen. Diese Gelegenheit fand sich, als der Fürst nach seiner Wiederherstellung wieder das Theater besuchte. Kaum daselbst angelangt, erinnerte er sich Römer’s und ließ, nachdem er dessen Anwesenheit vernommen, sich ihn durch den Chevalier zuführen.
Eine kurze Unterhaltung überzeugte den Fürsten, daß der Ruf von des Grafen Vorzügen durchaus begründet sei. Ueberdies sagte ihm auch dessen Wesen und Benehmen ganz besonders zu, und er entließ den Grafen nicht nur sehr gnädig, sondern auch mit der schmeichelhaften Bemerkung, daß er sich freuen würde, ihn recht oft am Hofe zu sehen.
Der Fürst benutzte zugleich diesen Abend, um seine Absicht in Bezug auf die Prinzessin auszuführen.
Diese befand sich nämlich gleichfalls im Theater. Sein Leiden hatte ihn seit längerer Zeit von ihr fern gehalten und ihn daher an der Ausführung seines Vorhabens verhindert. Er wollte darum das Versäumte nachholen. Durch Mühlfels’ Mittheilungen getäuscht, erachtete er es um so ersprießlicher, sich persönlich zu überzeugen,in wie weit sich seine Erwartungen etwa erfüllen könnten.
Er benutzte daher die erste Zwischenpause und begab sich zu Sidonien.
»Wie sehr freue ich mich, liebste Prinzessin, Sie wieder einmal zu sehen,« bemerkte er in gütigem Ton.
Sidonie dankte und wünschte ihm zu seiner Genesung Glück.
»Man kann auch Ihnen Glück wünschen, meine Liebste; denn ich bin überrascht über Ihr gutes Aussehen. Seit ich Sie zum letzten Mal sah, — ich denke, es sind das mehr denn zwei Monate — ist ja eine wesentliche Veränderung mit Ihnen vorgegangen,« bemerkte der Fürst freundlich und sie mit Wohlgefallen betrachtend.
Sidonie erröthete in dem Bewußtsein, daß diese Veränderung lediglich die Folge ihres Liebesglückes sei; da sie jedoch irgend etwas auf des Fürsten Bemerkung antworten mußte, so entgegnete sie, daß sie sich in der That wohler als früher fühle.
»Das ist mir ja äußerst angenehm zu hören,« fiel der Fürst ein und fügte mit einem besondern Lächeln hinzu: »Man sagt mir, Sie gefielen sich jetzt mehr in Zerstreuungen, und das freut mich von Herzen, denn Sie wissen, daß ich stets gewünscht habe, Sie empfänglicher für die Lebensgenüsse zu finden. Das ist gut, sehr gut. Vermag ich auch leider Ihr übles Verhältniß zu dem Prinzen nicht zu bessern, so wünsche ich doch um so mehr, Sie möchten dadurch nicht in dem Genuß des Lebensbeeinträchtigt werden, wozu Sie ja Ihre Stellung und Jugend so sehr berechtigen. Wenn wir,« fuhr der Fürst nach kurzer Pause fort, »durch Leiden belästigt werden, da thun uns heitere und angenehme Personen wohl; ich habe das an mir selbst erlebt, und es ist mir lieb, zu erfahren, daß Sie auch außer den Männern der Kunst und Wissenschaft anderen Persönlichkeiten, wie Baron Mühlfels und Graf Römer, gestatten, Ihnen aufzuwarten.«
Sidonie erschrak und wandte das Auge von ihm ab. Sie fürchtete, verrathen zu sein, und erwartete, daß ihr der Fürst dies jetzt zu erkennen geben würde. Ihr fehlte eine passende Erwiderung, und sie athmete froh auf, als der Fürst nach kurzem Hüsteln also fortfuhr:
»Der Baron ist mir als ein heiterer und angenehmer Gesellschafter bekannt und verdient wegen dieser Vorzüge und aus Rücksicht auf seine Mutter Ihre freundliche Beachtung, und ich wiederhole Ihnen, wie sehr es mich freuen würde, legten Sie einigen Werth auf seinen Umgang.« —
Der Fürst schwieg und schaute die Prinzessin prüfend an, deren Betroffenheit über diese Empfehlung eines ihr fast gleichgiltigen Mannes ihn zu der Vermuthung verleitete, daß er hinsichts eines näheren Verhältnisses zwischen ihr und Mühlfels nicht falsch berichtet sein könnte. Mit einem feinen Lächeln fragte er, die Prinzessin unbefangen anschauend: »Nicht wahr, liebste Prinzessin, Sie sehen den Baron bisweilen?«
»Allerdings, ohne daß ich ihm jedoch einen besondern Vorzug einräume,« entgegnete Sidonie.
»Nun, nun, ich fordere von Ihnen kein Bekenntniß,« fiel der Fürst lächelnd ein. »In wie weit Sie ihn zu bevorzugen geneigt sind, ist Ihre Sache; doch können Sie sich überzeugt halten, daß Ihre Sentiments stets meinen Beifall haben werden.« —
Der Fürst lächelte wieder ein wenig und fuhr, ehe die durch das Vernommene auf’s Neue betroffene Sidonie noch etwas zu erwidern vermochte, fort: »Da ist auch Graf Römer, den ich soeben kennen gelernt habe und der ein eben so tüchtiger Kopf wie angenehmer Mann zu sein scheint und, wie ich hörte, sich gleichfalls Ihrer Beachtung erfreut. Ich wünsche Ihnen zu dieser Bekanntschaft Glück, liebste Prinzessin, und sehe es gern, daß Sie auch an seinem Umgange Geschmack finden. Ich gedenke ihn auch in meine Cirkel zu ziehen, denn er gefällt mir.«
Der Fürst hatte dies im gewöhnlichen Unterhaltungston gesprochen, der Sidonien die angenehme Beruhigung gewährte, daß ihm ihr Interesse für Römer durchaus unbekannt sein müßte und auch er, wie alle Anderen, in dem Grafen nur den ernsten Wissenschaftsmenschen schätzte, der lediglich in seinen Studien Befriedigung fand und sich darum in der Huldigung der Frauen kaum gefallen konnte.
Diese Entdeckung beglückte sie tief und nahm ihrem Herzen rasch die durch des Fürsten Worte in ihr erzeugte Besorgniß. Ebenso that ihr das Lob des Geliebten wohl,noch mehr die Billigung des Fürsten zu ihrem Umgange mit demselben, zu welchem dieser ihr sogar Glück wünschte.
In solcher Weise angenehm berührt, glaubte Sidonie sich verpflichtet, den Fürsten über des Grafen Vorzüge genauer zu unterrichten, damit er dieselben nach Gebühr schätzen konnte, und darum entgegnete sie mit Wärme:
»Ich freue mich, mein Fürst, mein Interesse hinsichts des Grafen von Ihnen getheilt zu sehen; ich bin gewiß, ein näherer Umgang mit Römer wird Ihnen die Ueberzeugung gewähren, wie sehr er dieses verdient.«
»Ihre Empfehlung des Grafen,ma chère Nièce, ist mir angenehm, weniger meinet- als Ihretwegen; denn ich erkenne daraus, daß Sie etwas auf den Grafen geben. Männer seiner Art pflegen im Allgemeinen bei den Frauen nicht sehr beliebt zu sein; die Wissenschaften und der Ernst sind nicht ihr Element; man weiß das ja,« bemerkte der Fürst leichthin.
»Sie werden, mein Fürst, über des Grafen Vorzüge und Wesen bald selbst ein Urtheil gewinnen; ich kann jedoch nicht umhin, die Versicherung auszusprechen, daß der Graf dergleichen mehr besitzt, als ihm die Welt zuzuerkennen beliebt. Am wenigsten ist er nur ein kalter Wissenschaftsmensch. Seine Vorzüge beruhen nicht nur in einer seltenen wissenschaftlichen Bildung, sondern auch in einem edeln Charakter und warmen, für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen. Der Ernst und die scheinbare Abgemessenheit in seinem Umgange mit ihm nicht näher stehenden Personen haben wahrscheinlich denAnlaß zu seiner einseitigen Beurtheilung geboten, und erst seine nähere Kenntniß verschafft uns einen wichtigen Einblick in seine edle, reiche Natur, wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit fand.«
»So, so! Das ist mir lieb zu hören! Um so werthvoller und angenehmer wird Ihnen daher auch sein Umgang sein, und ich rathe Ihnen, einen so interessanten Mann recht, recht fest zu halten,« fiel der Fürst, der ihren Worten sehr aufmerksam gefolgt war, theilnehmend und unbefangen ein, indem er zugleich sein Auge prüfend über sie streifen ließ.
»So weit mir die Verhältnisse dies gestatten, bin ich darauf bedacht,« bemerkte Sidonie ein wenig erröthend.
»Seien Sie nicht zu bedenklich, Liebste! Der Welt sind Sie über Ihr Thun keine Rechenschaft schuldig, und wie ~ich~ in solchen Dingen denke, wissen Sie,« sprach der Fürst mit Betonung und blickte die Prinzessin bedeutungsvoll an.
Sidonie verwirrte dieser Blick; sie glaubte in demselben die Andeutung zu lesen, daß der Fürst bei ihr ein wärmeres Interesse für den Grafen voraussetzte, das entweder schon vorhanden war, oder etwa später entstehen könnte, und daß er ein solches nicht mißbilligen würde.
Zu einer weiteren Erwägung behielt sie jedoch nicht Zeit, denn der Beginn der Vorstellung veranlaßte den Fürsten, in seine Loge zurückzukehren. Sie that ein Gleiches, jedoch mit besorgtem Herzen. Je mehr sie desFürsten Worte erwog, um so mehr glaubte sie sich in ihrer Voraussetzung nicht zu täuschen, und das steigerte ihre Unruhe.
Sie fragte sich, welche Gründe ihn dazu veranlaßt haben könnten, und gerieth auf den beunruhigenden Gedanken, ihre Liebe zu Römer könnte ihm wol gar verrathen worden sein und er wäre daher bedacht gewesen, sie im Hinblick auf ihr eheliches Zerwürfniß durch die Billigung desselben zu beruhigen. Vielleicht, so sagte sie sich, fürchtete er von ihrer Seite eine Anklage gegen den Prinzen und kam ihr daher absichtlich in solcher Weise zuvor, um ihr dadurch gewissermaßen die Berechtigung zu einer Beschwerde zu nehmen.
Dann aber erinnerte sie sich, daß er Aehnliches auch hinsichts Mühlfels’ gesagt und ihr dessen Umgang gleichfalls empfohlen, und gelangte dadurch zu der Voraussetzung, sich getäuscht zu haben und lediglich durch ihre Liebe zu Römer auf solche Gedanken geführt worden zu sein.
Der Fürst, sie wußte es ja genügend, war ein Feind aller Prüderie bei den Frauen, und so konnte es leicht geschehen sein, daß sie seinen Worten und Blicken eine viel tiefere Bedeutung unterlegte, als diese es verdienten.
Eine genauere Erwägung überzeugte sie immer mehr von ihrer Täuschung, und als die Vorstellung beendet und sie in das Palais zurückgekehrt war, beeilte sie sich, Aurelien, die sie an diesem Abend nicht in das Theaterbegleitet hatte, ihre Gedanken und Besorgnisse mitzutheilen.
Nach kurzem Ueberlegen stimmte die Freundin ihrer Ansicht bei, indem auch sie die Meinung hegte, Sidonie deute sich des Fürsten Worte in einem andern Sinn, als dieser es gemeint. Außerdem lag es nahe, daß Sidoniens Besorgnisse wegen eines Verrathes ihrer Liebe leicht eine solche Täuschung erzeugen konnten.
In solcher Weise beruhigten sich die Freundinnen allmälig, indem die Freude, Sidoniens Umgang mit dem Grafen von dem Fürsten nicht nur gebilligt, sondern sogar gewünscht zu wissen, darauf einen wesentlichen Einfluß ausübte.
In diesem Bewußtsein lag jedoch die sehr gefährliche Versuchung für Sidonie, sich in dem Umgange mit Römer fortan weniger Zwang als bisher aufzulegen. Sie erkannte dieselbe freilich nicht, und eben so wenig erinnerte sie sich, um wie viel mehr ein liebendes Herz derselben unterliegen könnte. Wie hätte sie auch in dem beglückenden Genuß, den ihr die Gegenwart des Geliebten bot, zu dergleichen Betrachtungen geführt werden können. — Mit inniger Freude sah sie dem Augenblick entgegen, in welchem es ihr gestattet sein würde, ihm die Unterredung und das Lob des Fürsten mittheilen zu können. Sie war überzeugt, ihm dadurch eine nicht geringere Freude, als die ihrige, zu bereiten.
Wie ganz anders wären ihre Empfindungen gewesen, hätte sie in das Herz ihres fürstlichen Oheims schauenkönnen! — Hätte sie das zufriedene Lächeln bemerkt, mit welchem er sie nach jener Unterredung verließ!
Der erfahrene und scharfblickende Fürst hatte an der Wärme, mit welcher sie über den Grafen sprach, das nicht gewöhnliche Interesse errathen, das sie für diesen hegte, und daß es nicht die Vorliebe für denkenntnißreichen, sondern für denliebenswürdigenMann sei, welche sie seinen näheren Umgang suchen und ihr diesen wünschenswerth erscheinen ließ. Die Frauen, sagte er sich, hängen sich stets an die Person; die rein geistigen Vorzüge erwärmen sie nicht genug und gewähren ihnen daher auch in den meisten Fällen nicht Befriedigung. Sie müssen stets mehr oder weniger lieben. Die Besonderheit der verschiedenen Geschlechter macht sich auch hier, wie immer, geltend.
Wir kennen des Fürsten eigenthümliche und in der That ganz besondere Wünsche und werden daher nicht überrascht sein zu erfahren, daß der Graf ihm für seine Absichten viel passender als der Baron erschien. Der Erstere sagte ihm überdies auch viel mehr als der Letztere zu, und so war es ihm höchst angenehm zu wissen, daß die Prinzessin zärtliche Gefühle für Römer hegte.
Er wiegte seinen feinen, geistreichen Kopf behaglich hin und her, indem er erwog, sich auch in den Voraussetzungen hinsichts der Prinzessin nicht getäuscht zu haben.
»Alles hat seine Zeit, besonders die Tugend der Frauen; das Naturgesetz ist mächtiger, als alle vonden Menschen aufgestellten Moral-Gesetze. Gut, daß es so ist. So werden die wichtigeren Zwecke des Lebens erfüllt.« —
Also dachte der calculirende Fürst.