Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Etwa zwei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin gegangen. Den lichten, milden Herbsttagen waren die trüben und rauhen Verkünder des nahenden Winters gefolgt. Nachtfröste und die nie fehlenden Winde hatten Bäume und Gesträuche allgemach entblättert und die Menschen in die behaglichen Wohnungen gedrängt, von wo aus sie dem Walten in dem Naturleben gesicherter zuschauten und sich nun an den häuslichen Vergnügungen ergötzten.

Dies war namentlich in den Hofkreisen der Fall, woselbst man eifrig bedacht war, sich Amusements aller Art zu bereiten und in solcher Weise den unbequemen Winter angenehm zu vertändeln.

Es war die eilfte Vormittagsstunde und wir sehen den Fürsten in einem nichts weniger als prunkvollen, sondern vielmehr ziemlich einfach ausgestatteten Gemach mit der Durchsicht einiger vor ihm liegenden Papiere beschäftigt.

In dem Kamin brannte ein helles Feuer, obwol die Luft nur frisch, jedoch nicht frostkalt war. Ebenso war der Fürst sehr warm gekleidet, namentlich waren die Füße durch wärmende Hüllen und Decken geschützt. Die rauhe Jahreszeit hatte sein altes Leiden, die Gicht, mit vermehrter Heftigkeit herbei geführt und quälte ihn nun schon seit mehren Wochen, indem es ihn zugleich am Arbeiten und dem Genuß der frischen Luft hinderte und ihm überdies alle Lust an seinen gewöhnlichen Zerstreuungen raubte. Die Stimmung des Fürsten war daher auch keine gute, trotz der Bemühungen seiner vertrauten Freunde.

Während seiner Beschäftigung wurde ihm der Kammerherr, Chevalier Boisière gemeldet, und der Fürst befahl, denselben sogleich eintreten zu lassen. Der Chevalier besaß das besondere Vertrauen des Fürsten und wurde von diesem zu mancherlei delicaten Diensten verwendet, wozu der Franzose ganz ausgezeichnete Talente besaß.

Am Hofe in Paris alt geworden, in alle Intriguen desselben eingeweiht und mit den reichen Erfahrungen eines genußvollen Lebens ausgestattet, eignete er sich vortrefflich zu dem vertrauten Diener eines Fürsten, an dessen Hof es nicht besser zuging, als an dem französischen.

Durch Genüsse erschöpft, war der einst sehr schöne Chevalier nur noch ein Schatten von seiner ehemaligen Herrlichkeit. Er war sechzig und einige Jahre alt, sein Antlitz mit feinen Runzeln durchfurcht, der Mund wegen der Zahnlosigkeit eingefallen. Obgleich dürr und hinfällig, glänzte doch sein dunkles Auge lebensvoll und verriethdie Frische des Geistes, die ihm trotz seiner körperlichen Schwäche geblieben war. Er besaß eine feine Bildung, Geist und Witz, die er in einer angenehmen Weise geltend zu machen wußte, und war überdies in Haltung und Benehmen ein vollendeter Hofmann. Kleidung und Toilette waren stets sauber und geschmackvoll, ja der Chevalier verschmähte sogar Schminke und Schönpflästerchen nicht, um seinen graubraunen Teint zu verbessern und demselben einen jugendlichen Anstrich zu verleihen. Diese Sorgfalt war denn auch der Grund, daß er um zehn Jahre jünger erschien, als er es in der That war. Seiner geistigen Vorzüge, namentlich jedoch seiner Geschicklichkeit in Ausführung der angegebenen Dienste wegen schätzte ihn der Fürst ganz besonders und hatte ihn auch heute in seinem persönlichen Interesse zu sich rufen lassen.

»Nun, Chevalier, bringen Sie Neuigkeiten?« fragte der Fürst, den Eintretenden mit einem vertraulichen Kopfnicken begrüßend.

»Nichts von Bedeutung, mein gnädigster Fürst. Der Winter eignet sich eben so wenig zum Krieg wie zum Hervorbringen von anderen interessanten Vorgängen. Die Elemente wirken tiefer auf den Menschen, als er eingestehen will, und die Kälte und todte Natur schläfern die Leidenschaften ein; Winter und Alter verlangen nach Ruhe oder werden vielmehr durch die ersteren dazu genöthigt.«

»Wie ich hier,par exemple, nicht wahr? Und Siewollten mich wahrscheinlich durch den Hinweis auf das allgemeine Naturgesetz mit meinem Leiden aussöhnen? Ich danke Ihnen, Chevalier, wenngleich ich Ihnen bekenne, sehr wenig Trost darin zu finden, da trotz alledem meine Schmerzen kein Ende nehmen wollen. Doch Sie haben noch etwas anzuführen vergessen, nämlich, daß die unfreundliche Jahreszeit uns auch unsere Sorgen ernster erscheinen läßt, als dies sonst zu sein pflegt.«

»Sollte das bei meinem gnädigsten Fürsten etwa der Fall sein?«

»Ja, Chevalier, und ich darf Ihnen meine Sorgen wol nicht näher bezeichnen, Sie kennen dieselben.«

»Diese beziehen sich also auf den Prinzen?«

»Natürlich; denn trotz aller meiner Bemühungen und alles Abwartens währt die unselige Trennung zwischen ihm und der Prinzessin fort. Ich sehe das Ende dieses Haders nicht und so mehrt sich die Sorge um die Thronfolge. Ich bin alt und krank genug, um an das Sterben zu denken. Der Tod kann mich überraschen, ehe die Erbfolge gesichert ist; da gebe es dann bei des Prinzen Charakter dereinst viel Unruhe und Gefahr, und diese möchte ich dem Staat gern ersparen.«

»In der That, ein übler Umstand,« bemerkte der Chevalier gedankenvoll.

»Ich bin überzeugt, die Prinzessin trägt keinen kleinen Theil der Schuld, daß keine Aussöhnung zu Stande kommt. Zwar war des Prinzen Treiben bisher allerdings nicht zu loben; er hat jedoch meinen Vorstellungen Gehörgegeben, wie ich zu meiner Freude bemerkt habe. Seit mehren Monaten verkehrt er fast gar nicht mehr mit der Residenz; die Debauchen haben aufgehört, und er lebt seit dieser Zeit ziemlich eingezogen und befleißigt sich der Staatsgeschäfte, ohne, so viel ich weiß, eine Liaison zu haben. Er hat sich also sehr zum Vortheil geändert, und dieser Umstand ließ mich mit Bestimmtheit die Herstellung eines guten Einvernehmens mit der Prinzessin hoffen; statt dessen höre ich, daß sie sich noch eben so fern als früher, ja man meint sogar, noch ferner stehen.«

»Nach den Mittheilungen der Baronin Mühlfels — die, wie mein gnädiger Fürst weiß, meine vertraute Freundin ist — muß ich diesen Umstand durchaus bestätigen.«

»Nun, da sehen Sie, Chevalier, wie die Sache steht, und werden erkennen, daß ich genöthigt bin, auf Mittel zu denken, diesem Uebel auf irgend eine Weise sicher zu begegnen!« rief der Fürst, durch das Vernommene sichtlich verstimmt.

Der Chevalier schaute bedenklich vor sich hin und der Fürst fuhr fort:

»An eine Trennung der Ehe mag ich nicht denken; ich scheue einen solchen Eclat, wobei der Prinz und ich selbst, da ich diese Ehe gestiftet habe, nicht eben gut fortkommen würden. Freilich ist an diesem Zerwürfniß mehr der Prinz als die Prinzessin schuld; denn es hätte Alles gut sein können, würde er die Prinzessin besser behandelt oder ihr die schuldigen Rücksichten geschenkt haben. Dennsie war anfangs ein stilles, geduldiges Wesen, bis es der Prinz zu toll machte, und nun ist sie uns über den Kopf gewachsen. Sie hat in der letzten Zeit eine Festigkeit und Selbstständigkeit bewiesen, die ich bei dieser zarten Frau nie erwartet hätte. So ist an eine Erfüllung meines Wunsches nicht zu denken, und das macht mich sehr besorgt und läßt mich auf Mittel denken, diesem Uebelstande in einer geeigneten Weise abzuhelfen. Was meinen Sie dazu?«

»Ich unterwerfe mich der Weisheit meines Fürsten,« entgegnete der Chevalier, das feine Spitzentuch an die Lippen führend.

»Ja,« fuhr der Fürst, von dem Interesse des besprochenen Gegenstandes erfüllt, eifrig fort, »ja, ließe sich der Prinzessin irgend eine bedenkliche Schwäche mit Bestimmtheit nachweisen, so würde man einen Anhaltpunkt für die Trennung gewinnen;sojedoch ist darauf nicht zu hoffen. Sie ist zu tugendhaft, oder besser gesagt, sie besitzt keine Leidenschaft.«

Der Chevalier hüstelte und ein feines, schlaues Lächeln umspielte seinen Mund.

»Ihre Mienen deuten mir an, daß Sie meine Ansicht über der Prinzessin Charakter nicht theilen,« bemerkte der Fürst, den Chevalier fest anschauend.

»O, Pardon, mein Fürst! Wie sollte ich nicht?!« fiel der Letztere ein, sich anmuthig verneigend, und fügte mit einem eigenthümlichen Ton und Blick hinzu: »Mein hoher Gebieter weiß, daß der Hof Ludwig des Fünfzehntenmich erzog und ich an demselben meine Erfahrungen über weibliche Tugend gesammelt habe; ein Bedenken über Ihre Besorgniß, mein Fürst, dürfte mir daher wohl gestattet sein. Ich meine, wir Menschen besitzen im Allgemeinen keinen Ueberfluß an moralischen Vorzügen, und aus dem einfachen Grunde, weil diese Vorzüge nicht beliebt, nicht amüsant und — auch nicht in der Mode sind. Dieses letztere ist sehr wichtig in Bezug auf die Frauen, namentlich auf diejenigen, welche das Glück genießen, die Luft des Hofes einzuathmen und aus ihren Elementen sich die Grundsätze zu ihrem Leben zu bilden. Damit wäre ich denn auch bei dem Tugend-Ueberfluß der Prinzessin angelangt,« schloß der Chevalier lächelnd.

»So nehmen Sie das letztere an, Mangel an Leidenschaft, gewöhnlich die Quelle unverdienter Tugenden!« fiel der Fürst ein, der durchaus Recht behalten wollte.

Wiederum schaute der Kammerherr schweigend vor sich hin, während das frühere bezeichnende Lächeln sich auf’s Neue geltend machte.

»Auch die zweite Voraussetzung scheinen Sie nicht zu billigen,« bemerkte der Fürst nach kurzer Pause.

»Ich gestehe, mein Fürst, es ist so. Der Schein trügt am meisten bei den Frauen, namentlich wenn sie noch so jung wie die Prinzessin sind. Jede Frau besitzt nach meinen Erfahrungen hinreichende Leidenschaften, um sich durch sie zu Thorheiten verleiten zu lassen; es kommt nur darauf an, dieselben in der geeigneten Weise hervor zu rufen. Vorhanden sind sie alle Zeit, welche Erkenntnißuns nur zu häufig überrascht. So, meine ich, ist es auch mit der Prinzessin.«

»Wenn ich Ihnen auch Recht geben muß, so bin ich dadurch doch in meinen Entschlüssen um keinen Schritt weiter gekommen. Was helfen alle Betrachtungen, da die Situation ein bestimmtes Handeln fordert,« fiel der Fürst ein. »Sie wissen, daß des Prinzen Tochter nach den Staatsgesetzen zur Thronfolge nicht berechtigt ist; bei der gegenseitigen Abneigung ist an keinen Thronerben zu denken; eine Versöhnung des Paars ist eben so wenig zu erwarten, als eine Trennung der Ehe zulässig: was läßt sich da thun?« —

Der Chevalier blickte den Fürsten mit einem Ausdruck in seinen Zügen an, der unschwer den Zweifel an der Rathlosigkeit seines Gebieters erkennen ließ; alsdann bemerkte er in vertraulichem Ton:

»Corriger la nature!« —

Der Fürst schaute nachdenkend vor sich hin und bemerkte nach kurzer Pause:

»Das ginge; doch ich zweifle, daß sich die Prinzessin dazu verstehen dürfte. Ich glaube, sie besitzt nicht den Muth dazu und hegt zu viele Gewissensscrupel.«

»Der Muth wird sich finden, sobald sie weiß, daß der fürstliche Oheim ihre Neigung nicht nur billigt, sondern dieselbe sogar als ein nothwendiges Mittel zu Staatszwecken betrachtet.«

»Sie können Recht haben.« —

»Die Legitimität mancher Fürsten ist angezweifeltworden. — Mein Fürst kennt die Geschichte Ludwig des Vierzehnten.«

Der Fürst neigte beistimmend das Haupt, indem er lachend bemerkte:

»Lassen wir das! Wollten wir uns um die Erforschungen der Legitimität der Menschen bemühen, wir würden da überraschende Dinge erfahren. Also bleiben wir dabei:Corriger la nature!«

»Es wäre daher nur noch ein Bedenken zu beseitigen,« bemerkte der Chevalier.

»Welches?« —

»Hinsichts des Prinzen. Man weiß, daß manche Väter durch den Segen des Himmels oft sehr unangenehm überrascht werden.« —

»Ah, pah! Der Prinz ist über dergleichen fort! Es wird meine Sache sein, seine Zustimmung zu unserm Plan zu erhalten; denn ich bin überzeugt, er wird sehr zufrieden sein, sich in solcher Weise mit der Ehe abfinden zu können.«

»Fast möchte ich es glauben; denn man spricht bereits von einer neuen Liaison des Prinzen,« bemerkte der Chevalier.

»Wirklich? Nun um so besser! Wer ist die Dame?«

»Man kennt sie nicht; sie soll nicht in der Stadt wohnen, und der Prinz beobachtet große Vorsicht, sie nicht zu verrathen. Man sagt, es sei eine Fremde, aber jung und schön, und der Prinz sei bis über die Ohren in das Mädchen verliebt.«

»O, nun erkläre ich mir sein Hiersein und eingezogenes Leben. Wie konnte ich auch an eine wirkliche Besserung glauben. Der Prinz ist unverbesserlich und ändert nur seine Neigungen. Aber ich wäre zufrieden, würde er dadurch von dem wilden Treiben in der Residenz abgehalten. Forschen Sie weiter, lieber Chevalier; ich möchte diese Angelegenheit genau kennen, um ein richtiges Urtheil darüber zu gewinnen. Ihre Nachricht kommt mir sehr gelegen; denn nun darf ich nach Wunsch handeln. Es fragt sich nur, ob die Prinzessin mit angenehmen Männern umgeht. Wie ich vernommen, empfängt sie meist nur ältere Männer der Wissenschaft und Künste; von solchen, die unserm Plan entsprechen dürften, weiß ich nichts.«

»Doch, mein Fürst, doch!« fiel Boisière ein und fügte mit einem vertraulichen Lächeln hinzu: »Da ist der Baron Mühlfels, des Prinzen Adjutant, bei den Frauen sehr beliebt und durch seine persönlichen Vorzüge zu der ihm bestimmten Rolle sehr geeignet.«

»Sie haben Recht, Chevalier. Der Baron ist ein hübscher und gewandter Mann, wir können das Beste von ihm erwarten,« bemerkte der Fürst.

»Der überdies bereits Ihren Wünschen entgegen kommt, mein Fürst.« —

»Wie das?«

»Seitdem der Prinz nicht mehr so viel in der Residenz lebt, hat man ihn häufig bei der Prinzessin gesehen, ja man will bemerkt haben, daß er sich um derenGunst bewirbt und ihm Durchlaucht mit nicht gewöhnlichem Wohlwollen entgegenkommt.«

»Das ist ja herrlich!« rief der Fürst erfreut. »So würde denn ohne unser Zuthun vielleicht unser Wunsch erfüllt werden.«

»Das wäre allerdings noch eine Frage, wenn ich Sie recht verstehe, mein Fürst —«

»Ah so!« fiel dieser ein. »Sie haben Recht. Nun, Sie könnten den Baron mit meinen Wünschen bekannt machen und ihm dann wol alles Uebrige überlassen.«

»Wenn Sie es befehlen, mein Fürst, soll es geschehen, und ich bin gewiß, den Baron dadurch auf das Höchste zu beglücken.«

»Ich denke, der Prinz wird sich um so leichter über etwaige Bedenken fortsetzen, wenn er erfährt, daß sein ihm so ergebener Freund von uns ausersehen ist,« entgegnete der Fürst und fuhr alsdann fort: »Ihre Mittheilungen haben mir in der That eine große Sorge genommen, mein lieber Chevalier, und ich danke Ihnen bestens dafür. So wäre denn diese Angelegenheit in der besten Weise geordnet und ich gestatte Ihnen hinsichts derselben freies Handeln. Auch trifft es sich gut, daß des Barons Mutter die Oberhofmeisterin der Prinzessin ist; diese Dame steht in dem Ruf großer Geschicklichkeit, dergleichen Angelegenheiten zu ordnen, und ihr Einfluß auf die Prinzessin müßte nicht ohne Werth sein, falls wir desselben bedürfen sollten und sich die Sache nicht auch ohne diesen nach Wunsch gestaltet.«

»Es dürfte nicht schaden, der Baronin einige passende Andeutungen zu machen, um sie zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen.« —

»Das könnte geschehen, und Ihre Klugheit wird das Richtige zu wählen wissen. Beobachten Sie den Fortgang dieser Angelegenheit recht sorgsam, Chevalier, und bringen Sie mir, sobald irgend etwas von Bedeutung geschehen sollte, sogleich Nachricht. Sie wissen, wie viel mir an der Sache liegt. Mit dem Prinzen gedenke ich erst dann zu sprechen, wenn es die Umstände erfordern.«

Mit diesen Worten entließ der Fürst den Chevalier, der, durch die Unterredung sehr befriedigt, bereits die ihm durch die zarte Angelegenheit in Aussicht gestellten namhaften Vortheile erwog, welche ihm seiner Ueberzeugung nach und bei den von ihm gehegten Ansichten von dem moralischen Gehalt der Menschen nicht entgehen konnten.

Wie er Sidoniens Charakter beurtheilte, haben wir erfahren; seine Klugheit sollte das Uebrige thun, dessen war er gewiß.

Gewöhnt, die Ausführung seiner Absichten nie zu verzögern, begab er sich sogleich zu Mühlfels, den er zu Hause fand und der weit entfernt war, die Veranlassung des Besuchs zu ahnen.

Der Chevalier ließ sich bequem in einen Fauteuil nieder, und nachdem er mit dem Baron allerlei Hofneuigkeiten besprochen, bemerkte er, die Spitzenmanschette fältelnd, wie beiläufig:

»A propos, lieber Baron, man sagt, Sie machten Prinzessin Sidonie den Hof —«

»Entschuldigung, Chevalier, wer sagt dies?« fragte Mühlfels lächelnd.

»Eine sonderbare Frage in der That! Was könnte ich Ihnen nicht Alles darauf antworten! Ich könnte Diesen und Jenen, oder besser ,DieseundJenenennen; aber um discret zu bleiben, nenne ich Ihnen nur die Luft, die Ihre Leidenschaft verrathen hat,« scherzte Boisière.

»Die Luft, die Luft!« rief Mühlfels lachend. »Sie haben Recht, lieber Chevalier, die Luft hier ist zum Verrath von Geheimnissen hinreichend, und so sehe ich nicht ein, warum ich mit dem Bekenntniß zurückhalten soll, daß mir die Prinzessin gefällt.« —

»Gefällt, und weiter nichts?« fragte der Chevalier mit einem zweifelnden Blick.

»Was soll ich Ihnen noch sagen?« lachte Mühlfels.

»Nun, was Sie mir verschweigen, daß auch Sie der Prinzessin gefallen.«

»Möglich!« warf Mühlfels selbstgefällig hin.

»Man sagt, Sie wären oft bei ihr, sie zeichnete Sie durch Aufträge aus, die sie Ihnen giebt, kurz, man meint, Sie erfreuten sich ihrer Gunst —«

»Halt, halt, mein lieber Chevalier, Sie sprechen da vielerlei Dinge in einem Athem, ohne zu erwägen, daß man dergleichen Subtilitäten ein wenig discreter auffaßt!« rief Mühlfels lachend.

»Daß ich diese nicht anders berühre, muß Ihnen ein Zeichen sein, nicht durch leidige Neugier, sondern durch eine wichtigere Veranlassung dazu bestimmt worden zu sein,« bemerkte der Chevalier mit Nachdruck.

»Wie das?« — fragte Mühlfels aufhorchend.

»Sie fragen und scheinen nicht zu bedenken, daß eine intimere Liaison mit der Prinzessin unter den obwaltenden Umständen eine hohe Bedeutung gewinnen kann. — Ich denke, Sie verstehen mich, Baron.« —

»Bei Gott, Chevalier, Sie belieben sich in sehr ausschweifenden Vermuthungen zu ergehen!« fuhr Mühlfels auf.

»Pah, pah, mein Freund! Eine Liaison mit einer schönen jungen Dame gestattet dergleichen. Doch ich denke, wir kennen uns genügend, um einander Vertrauen zu schenken.« —

»Gewiß, doch vergesse ich die Ehre nicht, in Ihnen den Vertrauten des Fürsten zu sehen!« entgegnete Mühlfels lachend.

»Und ich versichere Sie, daß Sie dies nicht zu beklagen haben. Nehmen Sie an, der Fürst interessirte sich für diese Liaison —«

»Ah!« stieß der Baron voll Ueberraschung hervor und blickte den Chevalier forschend an.

Dieser hatte den Handschuh der rechten Hand abgezogen und seine feinen, weißen und mit Ringen verzierten Finger nestelten wie vorher an der Manschette, ohne daß er den Baron anschaute.

»Das überrascht Sie?« fragte er. »Ich finde es natürlich, da Sie ja kaum ahnen konnten, daß Ihre Bemühungen um die Prinzessin von dem Fürsten bemerkt werden würden.«

»In der That, in der That, so ist es, Chevalier!« fiel Mühlfels erregt ein.

»Regen Sie sich nicht auf, lieber Baron; denn ich wiederhole Ihnen, der Fürst interessirt sich für Sie.«

»Billigt er etwa meine Verehrung der Prinzessin?«

»Bevor ich Ihnen diese Frage beantworte, muß ich erst wissen, wie Sie mit dieser stehen.«

»Viel gefordert, ohne dafür genügend gegeben zu haben,« entgegnete Mühlfels lachend.

»Nun denn, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Ihr Vertrauen in keiner Weise gemißbraucht werden, noch Ihnen zum Schaden gereichen soll,« betheuerte der Chevalier ernst und voll Nachdruck.

»Ah so! die Sache ist ernst. Nun denn, so vernehmen Sie, daß mein Verhältniß kein anderes ist, als Sie es vorher bezeichneten —«

»Sie haben jedoch Hoffnung, Ihre Bewerbungen angenommen zu sehen?« —

»Sie wissen, Chevalier, wenn man liebt, hofft man auch.«

»Sie weichen mir aus. Das paßt in unserm Fall nicht. Sie haben in der Liebe Erfahrungen gesammelt, sind bei den Frauen beliebt, besitzen also in dergleichenDingen ein Urtheil; also nochmals, was erwarten Sie von der Prinzessin?« —

»Sidonie ist keine gewöhnliche Dame; sie ist tugendhaft und« — bemerkte der Baron mit einem Anstrich von Bedenklichkeit, die jedoch irgend welchen Eindruck auf den Chevalier nicht hervorzurufen schien, indem dieser ziemlich gleichmüthig einfiel:

»Sie fürchten, nicht ohne besondere Mühe ihre Gunst zu erlangen?«

»Ich muß es vermuthen.« —

»Haben Sie ihr Ihre Zuneigung zu erkennen gegeben?«

»So weit es mir ihre Zurückhaltung gestattete.«

»Jedenfalls ist also die Prinzessin damit bekannt und mißbilligt dieselbe nicht?«

»Ich glaube, dies bejahen zu dürfen —«

»Warum führten Sie bisher nicht eine Entscheidung herbei? Die Gelegenheit dazu, meine ich, hat Ihnen nicht gemangelt.«

»Allerdings, doch hielt mich ein besonderer Umstand davon zurück. Die Prinzessin, scheint es, nimmt trotz des ehelichen Zerwürfnisses noch zu viel Rücksicht auf ihren Gemahl.« —

»So, so« — warf der Chevalier hin und bemerkte alsdann nach kurzer Pause: »Sie glauben das; wie aber wenn Sie sich täuschen und es nur eines geschickten Versuchs von Ihrer Seite bedürfte, um das Gegentheil davon zu erfahren? — Möchten Sie einen solchen wagen, wennich Sie versichere, daß dieser so wie alles Weitere von dem Fürsten nicht nur gebilligt, sondern sogar gern gesehen würde?« —

»Sie setzen mich in Erstaunen!« rief Mühlfels und schaute Boisière fragend an.

»Ich glaube es; aber ich glaube dieses Erstaunen noch wesentlich zu steigern, indem ich Ihrer Erwägung anheimgebe, in wie weit Sie diesen Vortheil benutzen wollen, um auch etwaige Bedenken der Prinzessin zu beseitigen.« —

»Sie haben da ein bedeutsames Wort ausgesprochen, Chevalier; das ist mehr, als ich zu hoffen wagte. Dieser Vortheil wiegt schwer, und ich zweifle an seiner guten Wirkung nicht.«

»Das denke ich auch; die Frauen haben es gern, ihren Schwächen ein moralisches Mäntelchen umhängen zu können.«

»Aber der Prinz?!« fragte Mühlfels und schaute den Chevalier bedenklich an.

»Den übernimmt der Fürst; Sie haben nichts von dem zu besorgen« — bemerkte Boisière einfach und ruhig.

»Wie? So wäre diese Angelegenheit also schon in dem Cabinet erwogen?«

Der Chevalier nickte vertraulich, während er den Handschuh anzog und alsdann glättete.

»Impossible!« rief der Baron überrascht und fragte dann: »Wie aber erfuhr der Fürst meine Zuneigung?«

»Durch mich, lieber Baron,« entgegnete der Chevalier vertraulich und unbefangen. »Ich hoffe Ihnen damiteinen guten Dienst geleistet zu haben; denn unter so hohem Schutz genießt sich die Liebe einer fürstlichen Dame viel angenehmer,« fügte er mit einem cynischen Lächeln hinzu.

»In der That, lieber Chevalier, ich bin Ihnen von Herzen für Ihre Freundschaft dankbar; denn das Vernommene kommt meinen Wünschen überraschend entgegen.«

»Von Ihnen wird es also abhängen, den Fürsten zufrieden zu stellen. Alle Möglichkeiten sind erwogen, um, wenn es erforderlich wird, der Welt eine passende Comödie vorzuspielen, wozu sich der Prinz leicht verstehen dürfte, da, wie ich vernommen, er den Reizen einer schönen Dame in ungewöhnlicher Weise huldigen soll, über welche er seine alten Freunde und ihr wildes Treiben vergessen hat.« —

Er blickte Mühlfels fragend an; dieser legte jedoch mit einem verneinenden Achselzucken die Hand auf den Mund und Boisière fuhr fort:

»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkungen pflegt man gemeinhin auf die Ursachen zu schließen, und wenn ich diesen Satz auf den Prinzen anwende, so komme ich zu der Voraussetzung, daß des Prinzen Geliebte ein ganz besonderes Mädchen sein muß, da sie es verstanden hat, den flatterhaften Mann so sehr zu verwandeln. Der Fürst ist damit zufrieden, da diese Liaison so vortheilhaft auf den Prinzen gewirkt hat. Nun, wir werden hoffentlich bald Näheres darüber erfahren, dennunsere Damen hier sind viel zu neidisch auf die der Unbekannten geschenkte Gunst, um sich dabei leidend zu verhalten. Bald, denke ich, werden sie das sonderbare Geheimniß ausgekundschaftet und damit die erwünschte Gelegenheit gefunden haben, ihre scharfe Zunge daran zu letzen: Es ist ein trauriges Schicksal der Fürsten und Großen, keine Geheimnisse haben zu dürfen. Sein Sie bedacht, mein theurer Baron, daß die verehrte Prinzessin diesem Schicksal nicht gleichfalls unterliegt. Doch Sie sind ein kluger und vorsichtiger Mann, und ein solches Geheimniß verbirgt sich leichter im offenen, freien Umgange als in dem Versteck der Einsamkeit und der Nacht.«

Der Chevalier erhob sich, ergriff des Barons Hand und bemerkte in vertraulichem Ton:

»Ich muß noch eine Bitte aussprechen. Sie kennen das Interesse des Fürsten für Ihre Angelegenheit, und es kann Sie daher der Wunsch desselben nicht überraschen, mit dem Fortgang derselben bekannt gemacht zu werden. Wollen Sie mir also zu seiner Zeit Mittheilungen darüber machen?«

»Des Fürsten Wunsch befreit mich von jeder Antwort.«

»Gut, gut, mein lieber Baron. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Also viel Glück! O, wer wie Sie noch jung und schön wäre! Aber,tempi passati! O, Sie Beneidenswerther! Sidonie ist mehr interessant als schön; doch das läßt noch keinen Schluß zu, was sie in der Liebe ist. Da erscheinen die Frauen oft mit ganz neuen, nichtgeahnten Reizen. O die süßen kleinen Frauen!Au revoir, mon cher ami, au revoir!«

Er umarmte den Baron zärtlich und entfernte sich alsdann, um der Oberhofmeisterin einen Besuch zu machen und bei dieser Gelegenheit die von dem Fürsten gewünschten Notizen über des Prinzen neue Liaison zu sammeln.

Er kannte nämlich den Verkehr des Prinzen in dem Hause der Baronin und wußte überdies, welche Dienste diese dem Ersteren geleistet; es war also keine Frage für ihn, daß sie auch bei dieser Liaison die Hand im Spiel hatte, und es daher seiner Geschicklichkeit gelingen müßte, sie zu den gewünschten Aeußerungen zu veranlassen. Er gedachte ihr überdies Andeutungen hinsichts der soeben mit ihrem Sohn besprochenen Angelegenheit zu machen und es ihr anheim zu geben, in wie weit sie dabei auf die Prinzessin einzuwirken für gut fand. Eine so erfreuliche Mittheilung, sagte er sich, war aber auch zu vertraulichen Aeußerungen sehr geeignet, und so hoffte er seinen Zweck bestimmt zu erreichen.

Mühlfels blieb nach des Chevaliers Entfernung in der glücklichsten Stimmung zurück.

Was ihm der Chevalier mitgetheilt, kam ihm eben so unerwartet, als es seine kühnsten Wünsche überflügelte. Der Fürst billigte nicht nur seine Zuneigung zu der Prinzessin, sondern wünschte dieselbe sogar, indem er zugleich bedacht war, ihr wie ihm jedes Hinderniß und jede Bedenklichkeit zu nehmen. Den Grund zu alledem erkannte Mühlfels nur zu wohl, und dieses Bewußtseingewährte ihm eine bezaubernde Aussicht, die ihm die glänzendste Zukunft verhieß. Vor allen Gefahren gesichert, durch den Wunsch des Fürsten ermuthigt, dessen Erfüllung seine Eigenliebe zugleich herausforderte; von der Täuschung erfüllt, Sidoniens Gunst bereits gewonnen zu haben, und mit den Mitteln ausgestattet, ihr jedes Bedenken zu nehmen, gedachte er nun die erste Gelegenheit zu benutzen, ihr seine Liebe zu gestehen und sich derselben voraussichtlich bald zu erfreuen.

Während dieser Ueberlegung hatte der Chevalier das Haus der Baronin erreicht und wurde von dieser in der freundlichsten Weise empfangen. Zeigte Boisière bei Mühlfels den Cavalier, so bei der Baronin den galantesten Hofmann. Als er sie begrüßte, ergriff er ihre Hand, führte sie an Lippen und Brust, indem er, die Baronin zärtlich anschauend, im Lispelton bemerkte:

»Wie beglückt es mich, meine theure Freundin in so blühendem Wohlsein zu finden!« Und nochmals drückte er ihre Hand an das Herz.

»Ich freue mich, Ihnen dieses Compliment zurück geben zu können,« entgegnete die Baronin.

»O, Sie schmeicheln, meine Gnädigste! Ein alter, gebrechlicher Mann und eine schöne, liebreizende Dame! O, wie paßt das zusammen!« entgegnete der Chevalier seufzend und hüstelnd.

»Nun, nun, mein Freund, so arg ist es denn doch noch nicht! Schönheit und Geist sind unzerstörbar wie Diamant.«

»Ja, bei Gott, Sie selbst überzeugen mich auf das Angenehmste von dieser Wahrheit,« rief der Chevalier, die Baronin zärtlich anschauend.

»Immer der feine, galante Hofmann!« sprach die Letztere selbstgefällig und geschmeichelt, während sie dem Gast einen Fauteuil zuschob und sich selbst in die Kissen des Divans sinken ließ.

»Ich komme soeben von Ihrem Sohn, meine Gnädigste, und war so glücklich, ihm eine sehr angenehme Botschaft zu überbringen,« bemerkte Boisière mit einem vielsagenden, vertraulichen Blick.

»Sie überraschen mich, mein Freund! Was ist es?« fragte die Baronin voll Neugier.

»Eine delicate Angelegenheit.« —

»Sie steigern meine Neugier.« —

»Es betrifft die Prinzessin.« —

»Die Prinzessin? Wie soll ich Sie verstehen?«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ergriff alsdann ihre Hand, neigte sich zu ihr und entgegnete in leisem Ton:

»Der Baron verehrt die Prinzessin; Serenissimus hat davon Kenntniß erhalten und sich in Folge dessen veranlaßt gesehen, Ihrem Sohn durch mich einen gnädigen Wink darüber geben zu lassen. Sie werden mich verstehen.«

»Sie setzen mich durch eine so überraschende Mittheilung in das glücklichste Erstaunen!« rief die Baronin und blickte den Chevalier gespannt an.

Dieser kam ihren Wünschen, mehr zu vernehmen, sogleichentgegen, theilte ihr das uns bereits Bekannte ziemlich ausführlich mit und steigerte dadurch die Freude und das Erstaunen der Baronin in hohem Grade.

»Ich finde keine Worte, meine Empfindungen über das Vernommene auszudrücken! Also der Fürst wünscht —«

»Sie kennen die Verhältnisse zu genau, meine Freundin, um die Intentionen unseres Fürsten nicht natürlich zu finden.« —

»Gewiß, gewiß, mein lieber Chevalier. Die Staatspolitik hat andere Grundsätze, nach denen sie verfährt und verfahren muß, als sie in den untergeordneten Lebensverhältnissen obwalten, und man darf bei ihr nicht den gewöhnlichen Maßstab der Beurtheilung ihrer Arrangements anwenden,« bemerkte die Baronin altklug und wichtig.

»Um so mehr beglückt es mich, Ihren Sohn durch das Vertrauen Serenissimi beehrt zu sehen. Ich darf Sie nicht an die Vortheile erinnern, welche sich damit nicht nur allein für ihn verbinden,« — bemerkte Boisière vertraulich und bedeutungsvoll.

»Eine glückliche Intention des Fürsten!« rief die Baronin erfreut.

»Zu welcher ich ein wenig in Ihrem Interesse und dem Ihres Sohnes beigetragen habe,« — bemerkte Boisière leichthin und selbstgefällig.

»Eine Güte, die Ihres edeln Herzens würdig ist und uns zu dem tiefsten Dank verpflichtet,« entgegnete die Baronin und reichte ihm die Hand.

»Sie wissen, süße Frau, daß es dessen nicht bedarfund ich den schönsten Lohn in dem Glück meiner Freunde finde,« sprach der Chevalier ablehnend und die Lippen auf die dargebotene Hand drückend, und fuhr alsdann vertraulich fort: »Uebrigens, meine Freundin, liegen die Verhältnisse auch so, daß der Fürst zu irgend einem wirksamen Schritt genöthigt ist. Bedenken Sie die Erbfolge! — An eine Aussöhnung zwischen dem Ehepaar ist jetzt um so weniger zu denken, da, wie Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt sein wird, der Prinz in den Fesseln einer bezaubernden Armida schmachten soll, aus denen keine Rückkehr zu der einfachen Prinzessin zu erwarten ist.« —

Der Chevalier schwieg und blickte die Baronin an; sie schlug ein wenig verlegen die Augen nieder, faßte sich jedoch rasch und entgegnete:

»Sie glauben das?« —

»Ich spreche nur das Gehörte nach; doch hoffe ich Bestimmteres aus dem Munde meiner theuren Freundin zu vernehmen.« —

Die Baronin hüstelte; die von dem Chevalier ausgesprochene Erwartung war ihr nichts weniger als angenehm, da dieselbe sie zu Mittheilungen herausforderte. Aus den angeführten Gründen durfte sie jedoch nichts verrathen und befand sich daher in nicht geringer Verlegenheit wegen einer passenden Antwort. Doch war sie viel zu schlau in dergleichen Angelegenheiten, um nicht das Geeignete zu finden, und so entgegnete sie scheinbar unbefangen und leichthin:

»Mein verehrter Freund muthet mir mehr zu, als ich zu leisten vermag.« —

»In der That, meine gnädigste Baronin?« fragte Boisière überrascht.

»Erwägen Sie selbst, cher ami. Wenn mir der Prinz auch früher bisweilen die Ehre seines Besuchs schenkte, so darf ich mich dennoch nicht seines Vertrauens rühmen, um so weniger in einer Angelegenheit, die er selbst sehr discret behandelt und wahrscheinlich auch also von Jedermann behandelt wissen will.« —

»Sie haben Recht, ganz Recht, meine Beste!« fiel der Chevalier eifrig und eingehend ein und fügte hinzu »Ich habe mir das bereits selbst gesagt und würde Sie daher auch nicht mit einer Frage belästigt haben, betrachtete der Fürst diese Liaison nicht mit günstigen Augen und stände dieselbe nicht in einem so genauen Zusammenhange mit der Angelegenheit Ihres Sohnes.« —

»In der That, das hatte ich nicht bedacht!« fiel die Baronin etwas unruhig ein.

»Sie werden überdies des Fürsten Wunsch natürlich finden, genügenden Aufschluß über dieses Verhältniß zu erhalten, und da wäre es mir in Ihrem Interesse, meine theure Freundin, angenehm gewesen, hätten Sie sich Ansprüche auf des Fürsten Dank durch irgend welche Mittheilungen sichern können.« —

»Sie meinen also, dem Fürsten läge etwas an der Kenntniß dieser Liaison?« fragte die Baronin gespannt.

»Sie können denken! Er verehrt die Dame in hohemGrade, der es gelungen ist, seinen flatterhaften Neffen zu einem ernsten Menschen umzuwandeln, und so kann es Sie nicht überraschen, wenn er auch die näheren Verhältnisse derselben kennen zu lernen wünscht.«

»Sie haben Recht und ich theile Ihre Ansicht; indessen, wenn ich auch etwas wüßte, so darf ich dennoch nichts verrathen.«

»Ich verstehe, meine Gnädige, und lobe Ihre Discretion. Man muß stets wissen, wie viel und was man in dergleichen Angelegenheiten sagen darf, und so will ich nicht weiter in Sie dringen, obgleich ich bedaure, daß Ihnen unter solchen Umständen der Dank des Fürsten entgehen muß,« bemerkte der Chevalier mit einem forschenden Blick auf die Baronin. Zugleich erhob er sich und machte Miene, sich zu entfernen.

»Bleiben Sie doch, lieber Chevalier! Sie haben doch nicht so große Eile?! Wir plaudern noch ein wenig,« beeilte sich die Baronin voll Erregung zu bemerken, indem sie zugleich seine Hand ergriff und ihn auf den Sessel zog.

»Wie Sie befehlen, meine Gnädigste. Sie wissen, es ist mir stets ein hoher Genuß, mich Ihrer Nähe erfreuen zu dürfen,« sprach der Chevalier, die einladende Hand zärtlich küssend, worauf er den Sitz wieder einnahm. »Ja, ja,« fuhr er alsdann unbefangen fort, »es muß in der That ein ganz besonderes Wesen sein, dem es gelungen ist, unsern Prinzen zu fesseln. Man sagt, sie sei aus Paris oder sonstwo ganz in der Stille angekommenund lebe hier im Verborgenen. Das Wunderbarste dabei ist freilich, wie und wo sie der Prinz kennen gelernt hat, und man zerbricht sich darüber die Köpfe, ohne doch eine Erklärung zu finden.«

»Ich kann es mir denken; denn diese Liaison ist auch wirklich unter ganz besonderen Umständen angeknüpft worden,« entgegnete die Baronin lächelnd und selbstgefällig. »Ich erfuhr darüber durch eine Freundin Mancherlei, was ich vielleicht weiter sprechen dürfte. — Es soll also Alles unter uns Drei bleiben?« fragte sie.

»Gewiß, liebste Baronin, und ich sehe nicht ein, was Sie wagen, sich des Fürsten Dank zu verdienen? — Früher oder später würde er diese Geschichte doch immer erfahren, und so ist es jedenfalls für Sie vortheilhafter, wenn er sie von Ihnen erfährt. Von meiner Verschwiegenheit sind Sie hoffentlich überzeugt.«

»Ich bin es, mein Freund, und glaube überdies, daß mich die Pflicht gegen den Fürsten der Rücksicht gegen den Prinzen überhebt.«

»Das darf gewiß nicht bezweifelt werden!« versicherte Boisière, und die Baronin fuhr fort:

»Ich habe dem Prinzen allerdings das tiefste Schweigen gelobt; doch vertraue ich des Fürsten und Ihrer Discretion, mein Freund, und so hören Sie denn.«

Mit wenigen Worten theilte sie ihm alsdann das uns bereits Bekannte mit.

»Der Fürst,« schloß sie, »wird sehr überrascht sein, zu erfahren, daß nicht eine vornehme Dame, sondern eineinfaches Naturkind den Prinzen in so hohem Grade zu fesseln wußte.«

Der Chevalier hatte ihrer Mittheilung mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht; als sie endete, bemerkte er lachend:

»Also eine Liaisonà la Louis quatorze! Ich habe so etwas von dem Prinzen erwartet. Die vornehmen Damen hatte er längst satt, ich habe es bemerkt, da konnte ein solcher Rückschlag nicht ausbleiben.Chacun à son goût! Das ist die Parole! Ich bin überzeugt, daß das, was den vornehmen Damen nicht gelang, diesem Mädchen gelingen wird. Sie werden es erleben, meine theure Baronin, daß sich der Prinz wirklich in das Mädchen verliebt, wenn es nicht schon geschehen ist, und sie von ungeheuerm Einfluß auf uns Alle werden kann!Voilà tout!Ein Landmädchen! Diese Nachricht wird dem Fürsten große Freude bereiten, da alle die Unbequemlichkeiten und Rücksichten, welche eine Liaison mit Damen aus der bessern Gesellschaft bedingen, in diesem Fall nicht in Frage kommen. Passen Sie auf, liebste Baronin, diese Art Liebschaft wird viele Nachahmer finden, und kommt dergleichen erst in Mode, so werden die Landmädchen im Preise steigen!«

Und er lachte mit Behagen.

»Sie werden mich nicht verrathen, liebster, bester Freund,« bat die Baronin.

»Mein Wort zum Pfande! Warum sollte ich es auch? Dafür werden schon Andere sorgen. Also keinBedenken. Aber ich gratulire Ihnen auch, meine Freundin; denn der Fürst wird Ihnen sehr dankbar sein. Diese Liaison wird ihm viel Vergnügen bereiten und seine ganze Billigung finden, da sie so vortreffliche Wirkungen ausübt. Ueberdies ist sie auch im Hinblick auf den Wunsch des Fürsten hinsichts Ihres Sohnes von großer Bedeutung; je fester der Prinz von den Fesseln seines Landmädchens umsponnen wird, um so gerechtfertigter ist auch des Fürsten Absicht. Ich wünsche Ihnen nochmals Glück!«

Also redete der Chevalier in der besten Stimmung und indem er der Baronin Hand wiederholt an die Lippen führte; alsdann schied er, nicht wenig stolz, Serenissimi so pikante Nachrichten überbringen zu können und sich dessen Dank zu erwerben.

Seine Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht. Der Fürst zeigte sich nicht nur sehr zufrieden mit dem Vernommenen, sondern es erregte auch seine besondere Heiterkeit, daß der Prinz sich in eine solche idyllische Liebe zurück gezogen hatte.

»Es ist gutso,« bemerkte er. »Dergleichen niedere Personen gewinnen keinen Einfluß bei Hofe, da ihnen Interessen dieser Art ganz unbekannt sind. Ohne Ehrgeiz und Ansprüche, sind sie durch ihre glänzende Lage vollkommen zufrieden gestellt, und man kann sie überdies nach Belieben seiner Zeit bequem beseitigen. So käme uns diese Angelegenheit denn sehr nach Wünschen, und was Sie mir über den Baron mitgetheilt haben, läßt mich an einem guten Erfolg nicht zweifeln. — DerPrinz,« fuhr er nach einer Pause fort, »darf in seiner Schwärmerei durchaus nicht durch aufdringliche Neugier gestört werden; je länger diese Liebschaft währt, um so besser. Von meiner Seite soll nichts geschehen und ich will thun, als ob ich nicht die geringste Kenntniß davon besäße; doch kann es nichts schaden, wenn Sie derselben im Geheimen Ihre Aufmerksamkeit zuwenden, damit ich stets über Alles unterrichtet bin. Im Uebrigen reinen Mund, Chevalier. Versichern Sie die Baronin meiner Gnade für den mir geleisteten Dienst und beruhigen Sie sie hinsichts der von ihr besorgten Indiscretion. — Ja, ja,« schloß der Fürst lachend, »eine Liaisonà la Louis quatorze! Die schöne Gabriele und ihr königlicher Schäfer! Nun, man darf des Prinzen Geschmack nicht tadeln. Die Waldblume bleibt, obgleich sie auch nur im Walde aufblühte, doch immer eine Blume!«

Lachend entließ er den Chevalier, der seinerseits von diesem Augenblick an bedacht war, die besten Wege aufzufinden, sich die von dem Fürsten gewünschten Aufklärungen über des Prinzen Liebschaft zu verschaffen. Diese Angelegenheit hatte einen ganz besondern Reiz für ihn, und mit um so größerem Vergnügen ging er an seine Thätigkeit.


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