Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Die ersten Schneeflocken senkten sich aus dichtem Gewölk sanft auf die Erde nieder, durch keinen Luftzug gestört, hafteten hin und her an, um bald zu zerfließen oder sich an einem kälteren Gegenstand als Winterzeichen zu behaupten. Die der Erde fernstehende Sonne vermochte die Wolken nicht zu durchdringen, noch auch ihr freundliches Licht geltend zu machen; es war ein recht trüber, melancholischer Tag.

Sidonie saß allein in ihrem Gemach und entlockte der in ihren Armen ruhenden Harfe die letzten Töne eines Musikstücks, das sie soeben beendete. Leise vertönten die traurigen Accorde; sie lehnte das Haupt gegen das Instrument und verlor sich in trüben Gedanken. Fast drei Wochen waren nun schon über den von dem Grafen zu seiner Rückkehr bestimmten Zeitpunkt dahin gegangen, ohne daß er sein Versprechen erfüllt hatte.

Allerlei Zweifel und Bedenken waren in Folge dieses Fernhaltens in ihr aufgestiegen. Wie nahe lag die Besorgniß, der Graf erachte es vielleicht wie früher für besser, sein Versprechen nicht zu halten und Sidonie so allmälig an den Gedanken seiner dauernden Entfernung zu gewöhnen.

Wie sehr litt sie unter dieser Vorstellung, obgleich sie sich nicht für berechtigt erachtete, dem Geliebten darumeinen Vorwurf zu machen. Durfte sie denn verlangen, daß er ihr sein Leben opferte und die sich ihm darbietenden angenehmen Stunden für so Geringes austauschte, was sie ihm dafür zu bieten vermochte? — Nein, nein, das konnte und wollte sie nicht. Dann fiel es ihr wieder ein, der Graf könnte, von seinen Verwandten gedrängt, vielleicht auch durch eine schöne Dame veranlaßt, an eine Vermählung denken. — — Er war der älteste Sohn der Familie und hatte Rücksichten auf diese zu nehmen. Sie erbebte, aber nur für einen Augenblick, alsdann schalt sie sich wegen dieser Besorgnisse, die den Geliebten beleidigen mußten. Doch was ersinnt sich nicht Alles das zagende, unglückliche Herz, um sich zu beruhigen und zu quälen.

Ihren Mund umspielte ein süßes Lächeln; sie erwog, daß der Graf, hätte er sich vermählen wollen, dies dann wol schon in den verflossenen Jahren gethan haben würde, und der Gedanke schmeichelte sich in ihre Seele, daß ihre Liebe ihm genüge und genügen würde sein Leben lang. Hatte sie es nicht schon früher von seinen eigenen Lippen vernommen? — Sie war eine Thörin, sich mit dergleichen üblen Vorstellungen und Zweifeln zu quälen. Warum sollte er auch fern bleiben? — Gestattete ihre unabhängige Lage nicht einen ungezwungenen Verkehr mit ihm, der zu süß und beglückend war, um ihm nicht zu genügen. Auch durfte er ihretwegen nichts mehr befürchten. Vereinsamt und kaum beachtet lebte sie; Niemand kümmerte sich um ihr Thun, und so durften sie sich an einander ohne Sorge erfreuen.

Obwol diese Betrachtungen angenehmer Art waren, vermochten dieselben dennoch ihre trübe, nachdenkliche Stimmung nicht aufzuheben. Ihr Gesichtsausdruck verrieth dieselbe, in welchem sich der eingewohnte Schmerzenszug jetzt mehr denn sonst geltend machte.

Sie wurde ihrem trüben Nachsinnen durch die Meldung entzogen, daß Baron Mühlfels ihr aufzuwarten wünsche. Sie erinnerte sich, ihm vor einiger Zeit einen Auftrag wegen eines Künstlers gegeben zu haben, und in der Voraussetzung, er wolle ihr darüber berichten, ließ sie ihn sogleich zu sich führen.

»Ich bin so glücklich, Eurer Hoheit mittheilen zu können, daß der von Ihnen gewünschte Künstler innerhalb eines Monats hier anlangen wird und sich hochgeehrt fühlt, Eurer Hoheit mit seinen Diensten alsdann aufwarten zu dürfen,« berichtete Mühlfels, nachdem er die Prinzessin hochachtungsvoll begrüßt hatte.

»Das ist eine erfreuliche Nachricht, lieber Baron, und ich danke Ihnen bestens dafür. Meine Soiréen werden dadurch um einen wesentlichen Genuß vermehrt werden, was mir ungemein lieb ist. Sie haben wol mancherlei Mühe dieserhalb gehabt?« entgegnete Sidonie in dem ihr natürlichen herzlichen Ton.

Mühlfels blickte die Prinzessin mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit an, die jedoch auch zugleich eine Deutung zärtlicher Empfindungen gestattete. Ihm entging ihr Trübsinn nicht, und theilnahmsvoll entgegnete er:

»Wie beglückt würde ich mich fühlen, wäre es mirgestattet, mein ganzes Leben dem Dienst Eurer Hoheit zu weihen! O, wie sehr beklage ich es, so wenig zur Erheiterung Ihres betrübten Herzens beitragen zu können!«

Durch diese Versicherung angenehm bewegt, entgegnete Sidonie freundlich:

»Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit und erinnere Sie, daß es uns schon genügt, bei unseren Freunden so gute Gesinnungen voraussetzen zu dürfen. Diese gelten statt der That.«

»Eine wahre Gesinnung verlangt aber auch die Handlung, den Zeugen ihres Lebens; sie allein vermag denjenigen nicht zu befriedigen, der sein höchstes Glück in der vollsten Hingabe an seine Gebieterin findet!« fiel der Baron mit Wärme ein, indem sein Auge dasjenige der Prinzessin suchte und darin forschte.

Sidonie blickte nachdenkend zu Boden; sie gedachte bei Mühlfels’ Worten des Grafen, der ja in ähnlicher Weise zu ihr gesprochen hatte, und gab dem Baron darum in ihrem Herzen Recht. Sie vermochte nicht sogleich die Antwort zu finden, und Mühlfels deutete ihr Schweigen und nachdenkliches Wesen für eine gute Wirkung seiner Worte, und beeilte sich, im obigen Ton fortzufahren:

»O, dieses Verlangen, gnädigste Prinzessin, wird um so heftiger, wenn wir Diejenigen, denen unsere tiefste Verehrung gehört, ein freudloses Dasein führen sehen. O, bedenken Hoheit, wie sehr die leiden müssen, die mit solchen Empfindungen erfüllt, sich dennoch nur zu einem Mitleiden verurtheilt sehen, obwol ihr Herzsie drängt, ihr Leben für ein Lächeln der Verehrten hinzugeben!«

Sidonie blickte wohlwollend auf ihn. In seinem Ausspruch klangen ihr ja auf’s Neue des Geliebten Worte wieder; denn also hatte auch er einst gesprochen, und so that ihr Mühlfels’ Wärme wohl, obwol sie dadurch überrascht wurde, da sie dergleichen Empfindungen bei ihm nicht erwartet hatte. Nach kurzem Zögern entgegnete sie mit mildem Ton:

»Ich muß Ihnen beistimmen. Denn es däucht mir natürlich, daß wir diejenigen, die wir in unser Herz geschlossen haben, auch ganz glücklich sehen möchten; ist das doch eine Nöthigung unserer Gefühle. Können und dürfen wir jedoch stets dieser folgen? Entbehren und Verzichten ist ja einmal das Loos der Menschen!«

»O hegen Sie diesen Glauben nicht, Prinzessin! Er ist zu niederdrückend und obenein unbegründet! Nicht zum Entbehren ist Jugend und Schönheit geschaffen, sondern zum vollsten Genuß des Lebens. Nur der Schwache und Furchtsame entbehrt im Gefühl seiner Machtlosigkeit; ihm mangelt die wahre Leidenschaft; der Muthige jedoch weiß die Schranken zu durchbrechen, die ihn von seinem Glück fern halten!«

Die Prinzessin schaute ihn betroffen an; seine Worte paßten auch jetzt wieder zu ihrem eigenen Verhältniß, ja sogar zu ihrer gegenwärtigen Lage, so daß sie auf den Gedanken geleitet wurde, der Baron sei mit ihrer Liebe bekannt und bedacht, sie zu ermuthigen und zu trösten.

Diese Voraussetzung lag nahe; denn warum sollte Mühlfels durch des Grafen früheren Besuch nicht zu einer solchen Erkenntniß gelangt und durch Theilnahme für ihre unglückliche Lage veranlaßt worden sein, ihr in geschickter Weise dies zu erkennen zu geben und seine Dienste anzubieten. —

Das wäre keine besondere Erscheinung zu nennen gewesen; bot man sich doch, wie sie genügend erfahren hatte, am Hofe in dergleichen Angelegenheiten gern die Hand. Und mußte sie des Barons Ansichten nicht überdies beistimmen? Verlangte ihr eigenes Herz nicht nach dem Glück des Lebens? Erfüllte sie in diesem Augenblick nicht die Sehnsucht nach dem Geliebten? Auch erwog sie, daß ein Mann von Mühlfels’ Stellung ihr unter den obwaltenden Verhältnissen von besonderem Vortheil sein könnte? —

Dies Alles leitete sie auf den Gedanken, die Gesinnungen des Barons näher zu prüfen und sich zugleich zu überzeugen, in wie weit er etwa mit ihrer Liebe vertraut wäre. Daher glaubte sie das Gespräch fortsetzen zu müssen und ihn dadurch zu weiteren Aeußerungen zu veranlassen, und sie entgegnete mit Interesse:

»Es mag wol in dem Charakter des zum Handeln geborenen Mannes liegen, dem Widerstande der Verhältnisse mit Thatkraft zu begegnen, so weit dies eben möglich ist, und ich kann nicht läugnen, daß ich dies auch überhaupt bei dem Manne voraussetze; ein Anderes ist es jedoch bei den Frauen, denen diese Energie mangelt.«

»Darin eben beruht des Mannes Glück, der sich dadurch berufen fühlt, für sie zu handeln, ihnen den erfüllten Wunsch zu Füßen zu legen und in ihrem Dank den Lohn der Mühen zu kosten,« fiel Mühlfels mit Wärme ein.

»Sie mögen Recht haben; doch fürchte ich, Sie huldigen zu sehr der Theorie und übersehen, daß das wirkliche Leben mit seinen tausendfachen Verschlingungen, Forderungen und Gesetzen auch dem kräftigsten Willen unbesiegbare Hindernisse entgegen stellt.« —

»Welches Gesetz, welchen Widerstand, scheinbar unüberwindlich, hätte die Kraft der Leidenschaft nicht schon zu beseitigen gewußt!« bemerkte Mühlfels mit gesteigerter Wärme. »Wosieherrscht und die Energie anspornt, ist der Sieg stets der ihre. Doch,« fuhr er, sich besinnend fort, »wir sind auf das unfruchtbare Feld der Speculation gerathen, und doch war es meine Absicht, Hoheit das heiße Verlangen auszudrücken, so glücklich zu sein, Ihnen durch meine Ergebenheit ein Lächeln der Freude zu verschaffen, zu welchem Sie ja vor Allen hier am Hofe berechtigt sind, da Ihr edles Herz tausendfach schmerzlich berührt worden ist und — o, daß ich es sagen muß! — noch betroffen wird. O, meine gnädige Prinzessin wird mir verzeihen, wenn ich gestehe, wie ich von Anbeginn ihren stillen Kummer mitgefühlt, ihre Kränkungen mich nicht geringer empört haben, wie sie selbst, und ich immer und immer nur den einen Wunsch hegte, sie über diese Leiden fortzuheben!«

Der Baron hatte, von seiner Leidenschaft für die Prinzessin, deren mildes Wesen sie ihn doppelt reizend erscheinen ließ, fortgerissen, in einem wirklich aufrichtigen Ton gesprochen, der um so mehr geeignet war, eine gute Wirkung auf Sidonie auszuüben, da sie darin nichts Anderes als eine freundschaftliche Theilnahme mit ihrer Lage erkannte. Auch lag ihr die Ahnung von des Barons Gefühlen und Absichten so sehr fern, daß sie durch seine Worte nicht daran erinnert wurde. Ueberdies war ihr die allgemeine Theilnahme bekannt, welche man ihr schenkte, warum sollte sich Mühlfels, der mit ihren Verhältnissen am genauesten vertraut war, warum sollte er daher eine Ausnahme machen. — Im Gegentheil war er vor allen Anderen dazu veranlaßt. In dieser Voraussetzung blieb sie daher unbefangen und entgegnete, durch die verrathene Theilnahme angenehm berührt, in herzlichem Ton:

»Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Theilnahme, lieber Baron, doch was vermögen Sie zu thun, meine Lage zu ändern?« —

»O, Hoheit, vielleicht mehr, als Sie glauben!« betheuerte Mühlfels erfreut.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Sie trauen sich zu viel zu, lieber Baron. Sie kennen die Verhältnisse und wissen, daß ich mich denselben entsagend fügen muß« — erwiderte Sidonie und schaute, von ihren trüben Gefühlen beherrscht, zu Boden.

»Und warum müssen Sie sich fügen, gnädigste Frau? Hat Sie des Prinzen Verhalten nicht längst zur vollstenFreiheit berechtigt? Ihm schulden Sie keine Rücksicht mehr, da er sie nicht verdient, und er verdient dieselbe in diesem Augenblick um so weniger, da er sich in den Fesseln einer andern Person glücklich fühlt und darüber die Eurer Hoheit schuldende Ehrfurcht vergessen kann!«

»Schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sidonie mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihn, indem sie zugleich das Haupt sinken ließ.

»Nein, Hoheit, ichdarf, ichwillnicht schweigen! Meine Ergebenheit für Sie, meine Pflicht gebieten mir, Ihnen die Wahrheit zu verrathen und vor Ihren Augen das Geheimniß zu enthüllen, in welchem der Prinz seine Leidenschaft verbirgt. Es ist von keiner flüchtigen Liaison mehr die Rede, sondern von einem Sie entehrenden ernsteren Verhältniß. Darum mußte ich reden! Vergebung, Hoheit, wenn ich dem Unmuth, der mich erfüllt, und in dem Eifer, Ihnen zu dienen, mich so offen ausdrücke. Ich besitze jedoch ein Recht dazu und bin glücklich in seinem Besitz!« — entgegnete Mühlfels.

»Was sprechen Sie da, Baron!« rief Sidonie, durch Mühlfels’ Benehmen und Aeußerungen in hohem Grade überrascht.

»Ich spreche nur, was ich zu verantworten vermag, und theile Ihnen mit, daß mir dieses Recht durch die Zustimmung des Fürsten gegeben worden ist,« fuhr Mühlfels fort.

»Unmöglich, unmöglich!« rief Sidonie.

»Nicht unmöglich, theure Prinzessin, sondern so wahr, wie das Licht des Tages!«

»Wie können Sie des Fürsten Meinung erfahren haben?« fragte Sidonie erregt.

»Durch seinen Vertrauten, Chevalier Boisière, der mir zugleich des Fürsten Wunsch mittheilte, daß Sie dieselbe durch mich erfahren sollten.«

»Durch Sie, und warum nicht aus seinem eigenen Munde?!«

»Der Fürst mag seine Gründe dazu haben« — fiel Mühlfels mit bedeutungsvollem Blick ein und bemerkte alsdann: »Der Fürst erkennt die Pflicht, Ihnen für des Prinzen beleidigendes Benehmen gegen Sie einen Ersatz in dem Zugeständniß vollster Freiheit bieten zu müssen, da er Ihr Verhältniß zu demselben nicht zu bessern vermag.«

»Sie sagen: die vollste Freiheit; wie soll ich das verstehen? Ich genieße dieselbe bereits in so weit, als mir meine Stellung sie gestattet; meint der Fürst also eine Trennung der Ehe?« fragte Sidonie voll Spannung.

»Nein, Hoheit, eine Trennung scheut er; aber er übersieht doch die Berechtigung nicht, welche Ihre Jugend und Schönheit an dem Vollgenuß des Lebens besitzen, und wünscht daher, Sie möchten dieselben nach Belieben geltend machen.« —

»Ah so, jetzt verstehe ich Sie,« fiel Sidonie ein, ohne eine Ahnung von dem eigentlichen Sinn der vernommenen Worte zu gewinnen, und fügte, sich der früherenVorwürfe des Fürsten wegen ihres eingezogenen Lebens erinnernd, fort: »Ich weiß, der Fürst wünscht, ich soll mein stilles Leben aufgeben, und glaubt, daß das dem Prinzen gefallen würde. Er scheint noch immer nicht einzusehen, wie schwer es uns wird, unser eigentliches Wesen zu ändern.« —

»Vielleicht ist dies nicht des Fürsten Meinung, sondern dieselbe schließt noch eine tiefere Deutung ein,« bemerkte Mühlfels, die Prinzessin bedeutsam anblickend.

»Es ist mir sehr lieb, daß der Fürst noch so viel Interesse für mich hegt; denn ich fürchtete bereits, er hätte mich längst aufgegeben; sein kaltes Benehmen gegen mich ließ mich dies wenigstens vermuthen. Doch ist es so, wie Sie sagen, so bin ich dem Fürsten dafür dankbar,« entgegnete Sidonie unbefangen und ohne Mühlfels’ Blick und Worte zu verstehen.

»Hoheit können sich auf mein Wort verlassen,« betheuerte Mühlfels und blickte die Prinzessin wiederum bedeutsam an.

»Nun denn,« entgegnete Sidonie in einer fast heitern Stimmung, »ich will versuchen, den Wunsch des Fürsten zu erfüllen; in wie weit mir dies jedoch gelingen wird, weiß ich jetzt freilich noch nicht.«

»Ich versichere Eure Hoheit, daß Sie den Fürsten dadurch in hohem Grade erfreuen werden!« fiel Mühlfels betheuernd ein und fügte alsdann hinzu: »O, dürfte ich so glücklich sein, zum Diener Ihrer Wünsche erhoben zu werden! Hoheit kennen meine Ergebenheit und mögenaus dieser auf die Empfindungen schließen, die mich für Sie beseelen. Gebieten Sie über mich! Ach, es ist ja das Schicksal der Niederen, da zum Schweigen verdammt zu sein, wo ihr Herz am lautesten spricht!«

»Sie haben mich bisher durch Ihren gefälligen Diensteifer erfreut, und ich werde Ihre heutige Versicherung nicht vergessen,« entgegnete Sidonie wohlwollend, indem sie ihm die Hand reichte, die Mühlfels mit größter Innigkeit küßte und sich alsdann auf das Zeichen der Entlassung mit einem zärtlichen Blick auf sie entfernte.

Sidonie schaute ihm verwirrt nach. Die ihr gemachten Mittheilungen hatten sie ebenso sehr bewegt als überrascht. Des Prinzen neue Liaison, die der Baron als eine ernste Leidenschaft bezeichnete, deren Gegenstand eine Person aus niederen Stande sein sollte; des Fürsten Rücksicht für sie, noch mehr, daß der Letztere ihr diese und, wie es ihr schien, mit Absicht durch Mühlfels bekannt machen ließ, hatten Vermuthungen aller Art in ihr erweckt, ohne ihr ein festes Urtheil über das Vernommene zu gestatten. In dem Bemühen, sich ein solches zu bilden, wurde sie durch Aureliens Eintreten angenehm überrascht.

»Du kommst mir sehr erwünscht, Aurelie; denn ich war eben im Begriff, Dich zu mir bitten zu lassen, um mit Dir allerlei sonderbare Dinge zu besprechen,« rief sie ihr entgegen und führte sie nach einem Sessel.

»Was ist geschehen? Du scheinst so bewegt,« bemerkte Aurelie und schaute die Prinzessin fragend an.

»Soeben war Mühlfels bei mir, um mir wegen einesKünstlers Nachricht zu bringen, und theilte mir dabei allerlei überraschende Neuigkeiten mit, die mich in der That verwirrt haben,« entgegnete Sidonie und setzte ihr darauf das Erfahrene auseinander.

Aufmerksam hatte Aurelie ihren Worten gelauscht, während sich zugleich eine gesteigerte Ueberraschung in ihren Zügen verrieth. Als Sidonie schwieg, schaute sie gedankenvoll vor sich hin und bemerkte nach kurzem Sinnen:

»Deine Mittheilung überrascht mich nicht wenig und hat vor Allem die Frage in mir erregt, welche Gründe den Fürsten wol veranlassen konnten, Dich durch Mühlfels mit seinen Wünschen bekannt machen zu lassen. Sage mir, wie benahm sich der Baron dabei?«

»Er legte eine ungewöhnlich tiefe Ergebenheit für mich an den Tag, die wol eine Folge seiner Theilnahme für meine unglückliche Lage ist und dem aufrichtigen Wunsch zu entspringen schien, mich froh zu sehen.«

»Du nennst seine Ergebenheit ungewöhnlich; drang Dir diese nicht etwa die Vermuthung auf, daß dieselbe vielleicht einem zärtlichen Gefühl für Dich entsprungen sein könnte?« fragte Aurelie nachdenklich.

»Wie geräthst Du bei Mühlfels auf einen solchen Gedanken?! Denn, so ich Dich recht verstehe, vermuthest Du, Mühlfels’ Theilnahme für mich sei Liebe.« —

»Ja, Sidonie, so ist es, und Deine heutige Begegnung mit ihm und sein Benehmen befestigen mich noch mehr in dieser Voraussetzung.« —

»Du erschreckst mich!« rief Sidonie bestürzt.

»Möglich, daß ich mich täusche; wenn dies jedoch der Fall ist, so steht die Sache noch übler; denn ich argwöhne hinter Alledem nichts Gutes.« —

»Sprich, sprich, was denkst, was fürchtest Du?« —

»Lass’ uns Alles ruhig erwägen. Mir erscheint die Annahme durchaus gehaltlos, der Fürst könne lediglich aus gütiger Theilnahme für Dich Dir derartige Mittheilungen durch die dritte Hand zugehen lassen! Diese Sache hat für mich in der That etwas Räthselhaftes; doch bin ich überzeugt, es liegt derselben irgend eine bedeutsame Absicht zu Grunde.« —

»Vielleicht täuschen wir uns, und der Fürst, mit dem neuen Verhältniß des Prinzen bekannt, hält sich verpflichtet, mir durch seine Güte seine Theilnahme zu erkennen zu geben, da er voraussetzt, daß mich dieser neue Schimpf tief verletzen muß.« —

»Es könnte sein. Es gäbe jedoch noch eine andere Annahme.« —

»Und diese wäre?« —

»Mühlfels hat Dich getäuscht,« entgegnete Aurelie mit Nachdruck.

»Wie könnte er so etwas wagen und was sollte ihn dazu veranlassen?« —

»Seine Liebe zu Dir.« —

»Ist nur Ergebenheit und Theilnahme, nichts weiter.« —

»Und wenn diese Voraussetzung unrichtig ist?« —

»Unmöglich!« —

»Nicht so unmöglich, als Du glaubst. Betrachten wir sein Benehmen gegen Dich genauer. Du kannst nicht läugnen, daß, seitdem der Prinz die Besuche der Residenz aufgegeben hat, er sich auffällig bemüht, in Deine Nähe zu gelangen worin ihm Deine Aufträge sehr entgegen kamen. Zwar bezeigte er Dir bisher nur die Dir gebührende Achtung und Ergebenheit; es ist mir jedoch nicht entgangen, daß er Dich im Geheimen mit Zärtlichkeit betrachtet; rechne ich dazu die Wärme, mit welcher er zu mir über Dich sprach, so ist die Annahme einer zärtlichen Neigung für Dich nicht zu verwerfen.« —

»Du könntest Recht haben; denn überdenke ich sein heutiges Benehmen, so fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich gerathe auf die Vermuthung, daß seine Worte in Bezug auf den Prinzen, ja vielleicht auch sogar auf den Fürsten, in irgend einem Zusammenhange mit seiner Neigung stehen können.«

»Deine Verhältnisse, meine liebe Freundin, sind leider der Art, daß sie zu dergleichen Bekenntnissen heraus fordern,« — bemerkte Aurelie.

»Doch geben sie dem Baron kein Recht dazu!« fiel Sidonie unmuthig ein.

»Beurtheile ihn nicht härter, als er es verdient. Blicke um Dich und sieh, welcher Art hier das Leben ist. Eine junge Dame in Deiner Lage gestattet die Vermuthung, daß sie sich nach angenehmer Zerstreuung und Tröstung sehnt. Niemand ahnt Deine Liebe. Der Baronverehrt Dich; wie natürlich also, Dir seine Gefühle in der angenehmen Voraussetzung zu erkennen zu geben, Dir damit gelegen zu kommen, vielleicht auch von dem Wahn befangen, Du theiltest seine Neigung.«

»Es könnte sein, doch gestehe ich Dir, ich zählte den Baron trotz seiner Stellung zu dem Prinzen nicht zu den Schlimmen,« bemerkte Sidonie.

»Das weiß Mühlfels sehr wohl, und dieser Umstand wird ihm daher auch den Muth gegeben haben, Dir seine Neigung zu verrathen und das vielleicht absichtlich in einem Augenblick, in welchem eine neue den Prinzen entehrende Liaison Dich von allen sittlichen Rücksichten gegen diesen befreit.«

»Es liegt viel Wahrheit in Deinen Worten.« —

»Er hoffte unter den angegebenen Umständen leichter und sicherer Dein Herz zu gewinnen, darum enthüllte er Dir seine so lange verborgene Neigung erst in einem ihm so günstig scheinenden Augenblick.«

»So kann es sein.«

»Die Zeit wird uns ja zeigen, in wie weit wir mit unseren Vermuthungen Recht haben; doch gebietet es Dir wol die Vorsicht, auf der Huth zu sein und den Baron zu der Einsicht zu leiten, wie wenig Du geneigt bist, seine Gefühle zu theilen.«

»Ich wünschte, mir wäre dies erspart worden; denn der Gedanke beunruhigt und verletzt mich zugleich, ich könnte in Mühlfels dergleichen Gefühle erweckt und durch mein Verhalten allerlei Hoffnungen in ihm erregt haben.Ich werde mich fernerhin bemühen, ihn zur Erkenntniß seiner Täuschung zu führen.«

»Beunruhige Dich nicht zu sehr! Vielleicht beurtheilen wir diese Angelegenheit ernster, als sie es verdient. Bald, hoffe ich, wird unser Freund anlangen, und seine Nähe wird die trüben Gedanken aus Deiner Seele scheuchen.«

»O, wäre er erst hier!« rief Sidonie und fügte seufzend hinzu: »Ach, oft schleicht sich der schmerzliche Gedanke in mein Herz, ich werde ihn vielleicht nimmer wieder sehen!«

»Deine Besorgniß, ich versichere es Dir, ist ungerechtfertigt. Römer kommt, dessen sei gewiß, wenn sich auch seine Ankunft verzögert. Wahrscheinlich halten ihn wichtige Geschäfte zurück. Er gedenkt, wie Du weißt, den Winter hier zu bleiben, und da giebt es viel zu ordnen.«

Bei den letzten Worten war Marion eingetreten und händigte Aurelien einen Brief ein, der soeben angelangt und von deren Dienerin ihr übergeben worden war.

Ein Blick auf denselben ließ Aurelie des Grafen Handschrift erkennen, sie beherrschte jedoch die dadurch in ihr erzeugte Freude und empfing das Schreiben scheinbar gleichgiltig, um Marion dessen Bedeutsamkeit nicht zu verrathen.

Gleich ihr war auch Sidonie in der Voraussetzung, der Brief käme von dem Grafen, freudig erregt worden;doch hatte auch sie sich längst gewöhnt, ihre Empfindungen zu beherrschen, und verrieth sich daher auch jetzt nicht.

»Von Römer!« rief Aurelie leise, als sich Marion entfernt hatte, indem sie den Brief hoch hielt.

»Endlich, endlich!« fiel Sidonie ein, fügte jedoch sogleich betrübt hinzu: »Aber leider nur sein Brief und nicht er selbst!«

»Hören wir vor Allem, was er schreibt; zur Klage bleibt uns immer noch Zeit,« bemerkte Aurelie und öffnete den Brief, den sie alsdann mit der Prinzessin gemeinschaftlich las.

Und je mehr sie sich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt machten, um so freudiger wurden ihre Züge, und als sie die letzten Worte gelesen hatten, stieß Sidonie einen Ruf angenehmster Ueberraschung aus.

»Nun, Sidonie, hatte ich nicht mit meiner Behauptung Recht?« fragte Aurelie, den Brief faltend.

»Gewiß! Denn während ich noch an seinem Besuch zweifelte, befand sich der Graf bereits hier. O, wie froh wie glücklich macht mich diese Gewißheit! Welcher schönen Zukunft darf ich entgegen sehen. In der Gewißheit seiner Nähe schwinden Sorgen und Trauer!«

Also rief die glückliche Sidonie mit leuchtenden Augen, indem sie die Freundin umarmte.

»Wie Du vernommen, ist er bedacht gewesen, sich Aufträge von Deinem Bruder für Dich zu besorgen, um den erwünschten Anlaß zu einem Besuch zu besitzen,« bemerkte Aurelie.

»O, mein Herz dankt ihm dafür! So darf ich ihn schon morgen erwarten!« rief Sidonie und bemerkte dann: »Schreibe ihm ein paar Worte und deute ihm meinen Wunsch an. Der Prinz pflegt nach dem Diner das Palais gewöhnlich zu verlassen und bleibt auch den Abend fort; wir haben von seiner Seite also keine Störung zu besorgen. Bezeichne ihm daher die Stunde, in welcher ich seinem Besuch entgegen sehe. Um seinen verlängerten Aufenthalt bei mir zu rechtfertigen, will ich meinen Bruder zu mir bitten lassen. Kommt der Graf um die angegebene Zeit, so bleiben mir vielleicht zwei Stunden des Alleinseins mit ihm, da, wie Du weißt, Leonhard selten vor acht Uhr zu kommen pflegt.«

»Es wird geschehen, meine liebe Sidonie, und um die Späher zu täuschen, kannst Du Römer in dem Blumenzimmer und später in Deinem Gesellschaftsgemach, wie gewöhnlich, empfangen,« entgegnete die stets fürsorgliche Aurelie, die sich in dem Glück der Freundin selbst beglückt fühlte, ohne doch dabei die stets nothwendige Vorsicht zu vergessen.

Sidonie erklärte sich mit dem Vorschlage gern einverstanden, und auf ihren Wunsch setzte sich Aurelie sogleich an den Schreibtisch, um den Brief an den Grafen zu fertigen. Es gewährte Sidonien ein hohes Vergnügen, daran Theil nehmen zu können und, da sie ihm nicht selbst schreiben durfte, sich wenigstens in solcher Weise mit dem Geliebten zu beschäftigen.

Man lächle darüber nicht. Wer so innig liebt, wieSidonie, wem die Freuden des Lebens so karg zugemessen sind, wie ihr, und wer sich in seiner Liebe so ganz mit dem Geliebten vereint hat, wie sie, dem ist schon das Unbedeutendste in seiner Liebe werthvoll und erwünscht. Und was wäre der wahren Liebe unbedeutend, sobald es sich auf den Geliebten bezieht! —

Lange noch nachdem der Brief gefertigt und abgeschickt worden war, beschäftigte dessen Empfänger die Freundinnen. Alles, was sie, namentlich Sidonie, zu dessen Erheiterung ersonnen, wurde nochmals in der ausführlichsten Weise besprochen und viele neue Dinge vorgeschlagen, und über diesen so liebevollen Bemühungen ging der trübe Tag, der dunkle Abend rasch dahin, vergaßen sie die Mittheilung des Barons, obgleich ihnen dieselbe nicht bedeutungslos erschienen war. Doch würden wir Aurelien Unrecht thun, wollten wir nicht erwähnen, daß, während Sidonie, von dem Glück der nächsten Stunde erfüllt, jener Angelegenheit auch nach der Trennung von der Freundin nicht mehr gedachte, diese durch dieselbe noch lange wach erhalten wurde; denn ihr erschienen des Barons Benehmen und Worte viel bedenklicher, als sie es Sidonien zu erkennen gegeben hatte. Sie war der Freundin behütender Engel, der, durch keine Leidenschaft bewegt, unablässig bedacht war, jede Gefahr von dem theuern Haupte abzuwenden, und so nahm sie sich vor, den Baron genauer zu beobachten und ihn vielleicht in einer geeigneten Stunde zum Verrath seiner geheimen Absichten zu veranlassen. Obgleich Aurelie sich dergleichen Erwägungen hingab, bliebihrer reinen Natur dennoch der Gedanke des eigentlichen Zusammenhanges dieser Angelegenheit eben so fern, wie Sidonien.

Angenehmer war die Stimmung des Barons. Sidoniens Wohlwollen hatte ihn in hohem Grade beglückt, fast mehr noch ihre Worte, aus welchen er die Vermuthung schöpfen zu dürfen glaubte, daß sie seine Huldigung nicht nur erkannt hatte, sondern auch seine zärtlichen Gefühle für sie billigte. Ihre Antwort, nachdem er ihr des Fürsten Wunsch mitgetheilt hatte, erachtete er für weibliche Diplomatie, die geschickt die Wünsche umging, ohne diese doch ganz zu verhüllen. Er sollte errathen, was sie verschwieg. Mehr hatte er auch in der That nicht zu erreichen gehofft, aber er nahm die Ueberzeugung beim Scheiden von Sidonien mit, daß ein späteres reifliches Erwägen des Mitgetheilten und der Verhältnisse sie die ganze Bedeutsamkeit des letzteren erkennen lassen und sie ihm den Weg zu ihrem Herzen öffnen würde. Namentlich hegte er große Hoffnungen von dem Verrath des Prinzen und dessen Verhältniß zu Marianen, von der Ueberzeugung erfüllt, daß dieses und des Fürsten Beifall zu Sidoniens Neigung nur von den besten Wirkungen in seinem Interesse sein müßten. Von seiner Selbsttäuschung hatte er keine Ahnung und fühlte sich durch die, wie er meinte, sehr geschickte Weise, in welcher er die Angelegenheit der Prinzessin auseinander gesetzt hatte, sehr befriedigt.

Alle diese Umstände verleiteten ihn daher, dem Chevalier bei der nächsten Zusammenkunft die Versicherungdes besten Erfolges seines Handelns zu geben. Er würde dies freilich gethan haben, wenn er sich dazu auch nicht berechtigt hielt; denn seine Eitelkeit war viel zu groß, um eine Niederlage einzugestehen. Boisière beeilte sich, dem Fürsten den erwünschten Bericht abzustatten, seinerseits nicht minder erfreut, seinem fürstlichen Gebieter durch seine Vorschläge einen so wesentlichen Dienst geleistet zu haben.

»Ich gestehe Ihnen, lieber Chevalier,« entgegnete der Fürst nach vernommenem Bericht, »daß ich in Bezug auf die Willfährigkeit der Prinzessin zum Eingehen auf diese Liaison noch mancherlei Bedenken hegte. Denn ich bin überzeugt, sie ist wirklich tugendhaft, wenigstens glaube ich, daß sie es war; freilich, sie wird zur Einsicht gelangt sein, daß man mit dergleichen Capital heutzutage nicht reussirt. Die Vorbilder hier am Hofe und vielleicht auch des Prinzen Treiben sind jedoch sehr geeignet, auch die besten Grundsätze zu lockern und umzustoßen. Was will auch eine schwache Frau? — Gegen den allgemeinen Strom zu schwimmen, ist mißlich und gewährt weder Vortheil noch Dank. Mit der Moral kommt man in der Politik wie in dem Alltagsleben nicht weit, und der herrschende Zeitgeist ist viel zu mächtig, um seine Widersacher nicht mit der Dornenkrone der Märtyrer zu zieren. Nicht der Einzelne, sondern die Allgemeinheit bestimmt, was erlaubt ist. Es ist mit der Moral wie mit der Mode. Das wird die Prinzessin wahrscheinlich eingesehen haben, und ich würde mich freuen, wenn dem so wäre. Lassenwir nun diese Sache ohne die geringste Beeinflussung sich ruhig entfalten. Ich selbst werde später Gelegenheit nehmen, der Prinzessin meine Wünsche, oder vielmehr meine Billigung zu ihrer Liaison anzudeuten, damit sie sich sicherer fühlt.«

Als der getäuschte Fürst also sprach, ahnte er freilich nicht, wie sich diese Verhältnisse so ganz anders gestalten und entwickeln sollten, als er voraus gesehen, ahnte er nicht, daß er durch das Eingehen auf des Chevaliers Vorschlag selbst in eine Lage gerathen könnte, die seinen Charakter in hohem Grade herausfordern und durch welche er verleitet werden sollte, alles Unheil über die edelsten Herzen zu verhängen.

Noch weniger ahnten diejenigen ihr Verhängniß, die unter duftenden Blumen ein süßes Wiedersehen feierten.

Sich nur der reinsten Empfindungen bewußt, schon reich beglückt, die Nähe des Geliebten theilen zu dürfen und durch eigenes Bemühen dessen Stunden mit den lautersten Freuden zu verschönen, genossen sie dieses Wiedersehen in dem Bewußtsein, keine Einbuße an ihrem sittlichen Gehalt zu erleiden, wenn sie auch die Verhältnisse nöthigten, sich des Geheimnisses als ein Mittel dazu zu bedienen.

Wir haben des Grafen edeln Charakter kennen gelernt und auch erfahren, daß er zum Wohl Sidoniens gegen seine Grundsätze sich für die Wiederkehr zu ihr bestimmte. Er gestand sich freilich ein, daß er damit auch dem Verlangen seines eigenen Herzens genügte, das seineForderungen eben so sehr geltend machte, wie das Sidoniens. Aber wir haben auch erfahren, daß er hinreichende Willenskraft besaß, über seine Empfindungen zu herrschen, und zu entsagen, wo es die Nothwendigkeit gebot, und seine Wiederkehr lediglich durch die Ueberzeugung bestimmt wurde, der unglücklichen Geliebten die rettende und tröstende Hand zu bieten, um sie nicht in dem ihr bereiteten Kummer hinsiechen zu lassen.

In diesem Umstande fand der Graf die ihm so nothwendige Beruhigung hinsichts seines Handelns. Und so konnte ihr Wiedersehen nur ein glückliches sein.

Sidonie pflegte in der Winterszeit sich sehr viel in dem Blumenzimmer aufzuhalten, das ihr einen Ersatz für den Garten und Park bieten mußte.

Sie fühlte sich unter den Blumen und Pflanzen wohler als in ihrem Gemach, und ihre Vorliebe für diesen Aufenthalt hatte die sorgfältigste Pflege der Pflanzen und eine bequemere Anordnung in demselben veranlaßt. Es konnte also aus diesen Gründen ihr Verweilen daselbst um eine spätere Stunde nicht auffallen, und um so mehr glaubte sich daher Aurelie berechtigt, ihr diesen Ort zum Empfang des Grafen zu bezeichnen.

Ungefähr eine Stunde vor der zu dem letzteren bestimmten Zeit hatte sich Sidonie mit der Freundin dahin begeben, dem frohen Augenblick mit bewegtem Herzen entgegen harrend. Wie gewöhnlich vernahm man nicht das geringste Geräusch von dem Treiben der Bewohner des Palais. Der Prinz hatte das letztere bereits verlassen,und die in den Nebengebäuden wohnenden Personen, so wie die in dem Palais verweilenden Diener, gewöhnt, durch den Dienst um diese Zeit nur wenig in Anspruch genommen zu werden, suchten die Zeit durch Plaudern mit ihren Genossen angenehm zu verkürzen. Nur das leise Rauschen der Bäume im Park unterbrach die überall in dem Palais herrschende angenehme Stille.

Störungen durch Besuche hatte Sidonie nicht zu befürchten, da sie dergleichen um diese Zeit nicht erwarten durfte und nur an den Gesellschaftsabenden empfing, wenn sie es nicht, wie heute, für gut fand, eine Ausnahme davon zu machen.

Endlich verkündete eine in der Nähe befindliche Uhr die ersehnte Stunde, und Aurelie begab sich nach ihrer Wohnung, um den Grafen daselbst zu erwarten und von da aus, wie ehemals, Sidonien zuzuführen. Auch dieses Mal gelang es Aureliens Klugheit und Fürsorge, den Freund ohne jedes Aufsehen zu empfangen, worin die Dunkelheit des Abends sie überdies wesentlich unterstützte.

Bald stand der Graf Sidonien gegenüber, die lieberfüllten Blicke in ihre freudig erglänzenden Augen tauchend und die sich ihm bebend entgegen streckenden Hände mit den seinen umfassend.

Sie wußten, daß der Ausdruck ihrer Empfindungen nicht weiter gehen durfte, und hielten sich darum für sicher, durch die letzteren nicht überrascht zu werden, weil sie es nicht billigten, und dennoch folgte Sidonie dem sanften, vielleicht unwillkürlichen Zuge seiner Arme, dennoch sankihr Haupt an seine Brust, dennoch hauchte der Graf einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn. Einen Augenblick jedoch nur faßte ihr Glück ein; alsdann erhob Sidonie das erröthende Antlitz zu ihm auf und schaute ihn an. Sie verstanden sich nur zu wohl, und wie abbittend neigten sich des Grafen Lippen auf ihre Hand, die er nicht lassen mochte. Dann führte er sie zu ihrem Fauteuil zurück und setzte sich neben sie.

»Sind Sie mir böse, daß ich mein Versprechen nicht zur rechten Zeit erfüllte?« fragte er, nur mühsam seine Bewegung beherrschend, die sich in seiner unsichern Stimme verrieth.

»Wie sollte ich?! Doch verhehle ich Ihnen die Betrübniß nicht, die ich darüber empfand. Doch jetzt ist ja wieder Alles gut. Sie sind hier und, was das Angenehmste ist, Sie bleiben nun bei uns für lange Zeit,« entgegnete Sidonie einfach, aber in einem so herzlichen Ton, der besser als ihre Worte das ganze große Glück bezeichnete, das ihrer Seele durch diese Gewißheit und seine Gegenwart gewährt worden war.

»Soll ich mich durch die Versicherung entschuldigen, daß meine Geschäfte meine Abreise verhinderten?« fragte der Graf.

»O nein, nein! Keine Entschuldigung! dessen bedarf es nicht und ich habe kein Recht, eine solche von Ihnen zu verlangen. Weiß ich doch nur zu wohl, wie viele mir unbekannte Opfer Ihre Güte mir schon gebracht hat!« entgegnete Sidonie, ihm liebevoll in das Antlitz schauend.

»Sie irren, meine Freundin, und ich bitte Sie, mich nicht durch unverdientes Lob zu beschämen,« fiel der Graf ein.

»Dennoch müssen Sie mir gestatten, jener Opfer zu gedenken! Es ist das eine Nöthigung meines Dankgefühls und Sie sollen darin zugleich erkennen, daß ich nicht zu selbstsüchtig bin. Ach, ich bin zu arm, um Ihnen in einer andern Weise danken zu können, und so thue ich es wenigstens durch dieses Bekenntniß.«

Sie hatte vor seiner Ankunft ein paar Erika- und Granatblüthen gepflückt und, zum Sträußchen vereint, an die Brust gesteckt; sie nahm dasselbe jetzt und reichte es ihm stumm aber mit dem innigsten Blick dar.

Schweigend empfing der Graf die Gabe, so einfach, so gewöhnlich, und dennoch wie bedeutsam, da sie an der Geliebten Brust geruht hatte.

Nach kurzer Pause bemerkte Sidonie:

»Sie werden sehen, in welcher Art ich Ihre Reisegeschenke aufbewahrt habe. O, diese haben mir während Ihrer Abwesenheit manche angenehme Stunde gewährt, indem sie die Erinnerung an ihre so interessanten Mittheilungen erneuten und mir dadurch den Anlaß boten, mich durch Lectüre über ihre Reisen näher zu unterrichten.«

»Ich habe das erwartet, meine Freundin, und um so mehr bedauert, Ihnen die Mühe des Lesens nicht durch meine Mittheilungen ersparen zu können,« fiel der Graf ein.

»Wir werden Ihre Güte darum doch in Anspruch nehmen; denn wir sind wenig durch die Lectüre befriedigtworden. Nicht wahr, Aurelie?« bemerkte Sidonie mit einem Blick auf die in der Nähe sitzende Freundin.

»Es ist so, lieber Graf, und so werden Sie Sidoniens Wunsch natürlich finden,« bemerkte Aurelie.

»Dessen Erfüllung mir gewiß großes Vergnügen bereiten wird,« fiel Römer ein.

»O,« erwiderte Sidonie, »schelten Sie uns nur nicht zu selbstsüchtig; wir sind auch bedacht gewesen, Ihnen kleine Erheiterungen zu bereiten, und ich denke Ihnen noch heute den Beweis dafür durch mein Harfenspiel zu geben.«

»In der That? Sie haben sich in so gütiger Weise meiner Vorliebe für Ihr Spiel erinnert?« fragte der Graf, durch das Vernommene in der angenehmsten Weise überrascht.

Die Unterhaltung lenkte sich jetzt auf den herzoglichen Hof und Sidonie bat den Grafen, ihnen über die Heimath Näheres mitzutheilen, welchen Wunsch derselbe gern erfüllte. — Es knüpften sich daran viele Fragen, die Heimath betreffend, und in dem angenehmen Genuß an einander und unter ihrem belebten Gespräch war die Zeit des Alleinseins früher verflossen, als man es erwartet hatte, woran sie die Meldung von der Ankunft des Prinzen Leonhard mahnte. Aurelie führte den Grafen auf dem früheren Wege nach ihrer Wohnung zurück, woselbst er sie verließ, um sich darauf in der üblichen Weise bei der Prinzessin melden zu lassen. Die spionirenden Diener wurden dadurch in der gewünschten Weise getäuscht, indem sie also zu dem Glauben genöthigt wurden, der Besuchdes Grafen habe Aurelien gegolten. Sidonie eilte mit freudigem Herzen zu ihrem Bruder, der, durch ihre Einladung ein wenig überrascht, sich nach der Veranlassung derselben erkundigte.

»Ich habe Dir heute eine angenehme Ueberraschung zugedacht,« entgegnete Sidonie heiter und führte ihn darauf in das Gesellschaftszimmer, woselbst der Graf bereits ihrer harrte.

Der Prinz freute sich herzlich über dessen Wiederkehr, die ihm noch unbekannt gewesen und auf welche er nicht mehr gehofft hatte, da der Graf so lange ausgeblieben war; so konnte es nicht fehlen, daß die übrigen Abendstunden, durch Sidoniens Spiel, ihres Bruders Heiterkeit und die lebhafte Theilnahme der Freunde verschönt, nur zu rasch und sehr angenehm dahin gingen.

»Auf baldiges Wiedersehen unter Blumen!« flüsterte Sidonie dem Grafen zu, als sie von einander schieden, in Beider Herzen süßes Glück und frohe, liebliche Hoffnungen.


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