Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Durch den erfahrenen Schimpf in der tiefsten Seele verletzt, kehrte Sidonie in Begleitung Aureliens nach dem Palais zurück und sank, in ihrem Gemach angelangt, erschöpft in einen Fauteuil. Trostlos starrte sie einige Augenblicke vor sich hin und rief alsdann, in Thränen ausbrechend:

»Auchdasnoch zu allem, allem Unglück, das ich leiden muß!«

»Ich begreife nicht, wie dem Mädchen der Zutritt gestattet worden ist,« bemerkte Aurelie, erfreut, die Spannung in Sidoniens Herzen gemindert zu sehen, und zugleich bedacht, durch Besprechung dieser Angelegenheit sie von dem schmerzvollen Brüten abzulenken.

»Wie konnte der Prinz es wagen, mir einensolchenSchimpf anzuthun! Bin ich denn schon so sehr verachtet, daß er sich so etwas gestatten zu dürfen glaubte?!« preßte Sidonie unmuthig hervor.

»Vielleicht ist es ohne seinen Willen geschehen,« — wandte Aurelie ein.

»Glaube das nicht und bedenke, daß ein so einfaches Mädchen gänzlich von seinem Willen abhängig sein muß.«

»Diese Vermuthung liegt nahe; dennoch erinnere ich Dich, daß der Prinz unpäßlich ist und das Palais hütet; vielleicht, daß —«

»Nein, nein! Bemühe Dich nicht, ihn zu entschuldigen und mir das Erfahrene in einem milderen Licht zu zeigen. Selbst wenn das Mädchen ohne sein Wissen den Besuch wagte, so geht daraus doch hervor, welche große Macht sie über ihn gewonnen haben und wie geringe Achtung sie mir zollen muß, um sich über alles das hinweg setzen zu können. Aus diesem Umstand ersehe ich jedoch, welcher Art sein Verhältniß zu dem Mädchen ist und daß die Gerüchte von demselben durchaus begründet sein müssen. So weit ist es also schon mit mir gekommen! Man scheut sich nicht mehr, mich öffentlichzu verspotten und mich dem Mitleiden der Menge preiszugeben! Unerhört! Ist es nicht genug, daß ich bisher alles Ueble schweigend duldete, will man mich auch der theuer erkauften Ruhe berauben? — Glaubt man, mir eine solche Schonung nicht mehr schuldig zu sein?! Wie tief muß ich in der Achtung des Hofes gesunken sein, wenndasgeschehen konnte!«

In schmerzvoller Erregung lehnte sie sich in dem Sessel zurück.

Voll der innigsten Theilnahme, doch schweigend ruhte der Freundin Auge auf der Leidenden und so schwer Gekränkten; sie vermochte ja nichts zur Linderung von Sidoniens Kummer beizutragen; denn das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht und der erfahrene Schimpf nicht zurückgenommen werden.

»O, wie schutzlos bin ich doch!« rief Sidonie nach kurzer Pause. »Meine Brüder besitzen keinen Einfluß bei Hofe; der Fürst ist dem Prinzen gegenüber zu schwach, und seine Grundsätze und Ansichten vom Leben sind auch viel zu wenig sittlich, um mich zu verstehen und mein Verhältniß zu dem Prinzen durch seinen Einfluß auf diesen erträglicher zu machen. Was soll ich beginnen und wer räth mir in meiner so kummervollen Lage! — O, wäre Bernhard hier, mir würde Alles leichter, mein Schmerz geringer, mein Wille kräftiger werden! — Ach, mit ihm zog mein Schutzengel, meine Ruhe und mein Glück davon! O, wie so sicher fühlen wir uns doch in der Huth treuer Liebe!O wüßte er, wie sehr ich seiner bedarf, wie schnell würde er zu mir eilen. Doch ich besitze kein Recht, ihn in seiner Trauer zu stören, und muß diesen Schmerzenskampf allein auskämpfen!«

Sie schwieg und schaute betrübt und gedankenvoll vor sich hin.

Aurelie ergriff ihre Hand, drückte sie sanft und bemerkte:

»Lass’ uns gemeinschaftlich erwägen, was in Deiner Angelegenheit geschehen muß; denn daß Du den Dir angethanen Schimpf nicht ruhig hinnehmen darfst, versteht sich von selbst.«

»Du hast Recht, mich daran zu erinnern; denn der Schmerz ließ mich dies bisher vergessen. Ja, ich will mir Genugthuung um jeden Preis verschaffen. Ich fürchte nichts mehr, nun es so weit gekommen ist, weder des Fürsten Ungnade, noch die Härte des Prinzen,« fiel Sidonie mit Festigkeit ein.

»Und was gedenkst Du zu thun?« fragte Aurelie.

»Die Gelegenheit erfordert keinen Aufschub, sonst würde ich an meinen Bruder geschrieben und ihn um seine Herüberkunft gebeten haben. Er mag sein Ansehen bei dem Fürsten und Prinzen später geltend machen; denn mittheilen werde und muß ich ihm das Geschehene, das bin ich der Ehre meiner Familie schuldig. Ich will selbst dem Fürsten meine Beschwerde vortragen; dies ist der einzige Weg, damit die Angelegenheit nicht mit dem üblichen Stillschweigen übergangen wird. Denn es mußmit Bestimmtheit erwartet werden, daß man dem Fürsten die Sache verheimlicht. Man fürchtet den Prinzen, der alle Tage zur Regentschaft gelangen kann; ich weiß es nur zu wohl, und der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß sich Niemand veranlaßt fühlte, das Mädchen aus dem Schauspiel zu entfernen, um mir vor den Versammelten eine öffentliche Genugthuung zu verschaffen.

»Du siehst, wie es hier mit meinen Freunden steht. Jeder ist nur auf seinen Vortheil bedacht, und selbst Mühlfels, an dessen treue Ergebenheit ich glaubte, hat sich feig zurückgezogen. Ihm ist das Mädchen bestimmt bekannt, er konnte also auch wissen, welchen Eindruck ihre Anwesenheit auf mich hervorrufen mußte. O, über diese Selbstsüchtlinge, die nur ihr Ich anbeten und dabei die edelsten Gefühle heucheln und uns dadurch an ihr besseres Wesen zu glauben verleiten! O, es ekelt mir vor dieser feilen, sittenlosen Welt, und der Ewige möge mich bald durch die Gnade beglücken, ihr für immer entfliehen zu können! O bringe mirseinBild, das ich mich an den edeln, geliebten Zügen wieder aufrichten kann und den Glauben an das Gute in den Menschen nicht verliere!«

»Ich kann Deinen Entschluß, dem Fürsten persönlich Deine Beschwerde vorzutragen, nur billigen. Jede Mittelsperson würde in diesem Fall wirkungslos sein; ich kenne den Fürsten. Man würde Dich zu täuschen suchen, würde sagen, Du hättest Dich in Bezug auf das Mädchen geirrt;sie sei nicht die Geliebte des Prinzen, sondern irgend eine andere Person gewesen, und was man sonst noch zu sagen für gut fände. Eine Täuschung ist aber in diesem Falle nicht anzunehmen, dafür bürgt uns Mühlfels’ Aussage und das auffällige Verhalten des Publikums.« —

»Ich will den nächsten Tag noch hingehen lassen; vielleicht ist man bedacht, mir in irgend einer Weise entgegen zu kommen, um mir den unangenehmen Schritt bei dem Fürsten zu ersparen.«

»Sei es so; doch gestehe ich Dir offen, ich hege wenig Hoffnung, daß Deine Erwartungen befriedigt werden.«

»Du wirst Recht haben; doch könnte ich vielleicht morgen noch nähere Umstände über des Mädchens Besuch, vielleicht durch Mühlfels, erfahren, die mir bei der Unterredung mit dem Fürsten von Wichtigkeit sein könnten.«

»Dieser Umstand ist allerdings zu erwägen, und so denke ich, Du thust nach Deinem Vornehmen.«

»O, mir bangt vor der kalten Gleichgiltigkeit und dem Cynismus des Fürsten, mit welchen er dergleichen Angelegenheiten zu behandeln pflegt, und mein Herz krampft sich bei dem Gedanken schmerzvoll zusammen, daß ich genöthigt bin, mich über die Geliebte meines Gemahls beklagen zu müssen. Wie hätte ich ahnen sollen, jemals in eine so erniedrigende Lage versetzt werden zu können!«

»In der That, eine sehr, sehr traurige Nothwendigkeit! Doch hoffen wir, daß Dir dieser Schritt erspartwird. Vielleicht bestätigt sich Deine Voraussetzung und man kommt Dir, wie Du es wünschest, entgegen. Sollte dies jedoch nicht der Fall und Du zu der Unterredung gezwungen sein, so erzielt sie vielleicht den Vortheil, den Fürsten zu einem entscheidenden Handeln zu veranlassen, um Dich vor ähnlichen Beleidigungen für immer sicher zu stellen.«

»Glaubst Du, meine gute Aurelie?« fragte Sidonie gedankenvoll.

»Liegt diese Vermuthung nicht nahe?« —

»Vielleicht nicht so nahe, als Du denkst. Du traust dem Fürsten mehr feines Gefühl zu, als er in der That besitzt. Ich bin überzeugt, er wird nur so viel thun, als es ihm unumgänglich nöthig scheint. Doch,« fuhr Sidonie mit leisem und bedeutungsvollem Ton fort, »doch ich will ihm sagen, daß ich es müde bin, noch länger die Beleidigte und Verspottete zu sein, daß meine Geduld ihr Ende erreicht hat, und will ihm mit einem Vorschlag entgegen kommen, der seiner Staatspolitik entspricht.«

»Das willst Du wirklich?!« fragte Aurelie besorgt und überrascht.

»Du weißt, ein solcher Entschluß lebt schon lange in mir, und ich bekenne Dir, er ist mit Bernhard’s Gegenwart immer mehr in mir gereift. Du wirst das natürlich finden. Muß mich Bernhard nicht schwach und kraftlos nennen, da mein Stolz sich unter diese erniedrigenden Verhältnisse beugt und sie geduldig erträgt?« —

»Vermagst Du sie zu ändern?« —

»Ich denke und hoffe ihm zu zeigen, daß ich seiner Liebe würdig bin. Denn sage selbst, wäre es nicht undankbar von mir, seine so großen Opfer anzunehmen, ohne daran zu denken, ihm dafür nicht nur mit demHerzen, sondern auch durch dieThatzu danken? Wer liebt und geliebt wird, übernimmt auch heilige Pflichten, die zu erfüllen sein Bestreben sein muß. Ich habe das Alles oft und oft bedacht, bin in mancher ruhelosen Nacht darüber mit mir zu Rathe gegangen, und immer und immer hob sich der einzige Gedanke vor allen anderen heraus, ihm für seine aufopfernde Liebe nur ein freudenloses Leben zu bereiten. Dieser Gedanke läßt mir aber keine Ruhe, und so steht der Entschluß in mir fest, die gegenwärtigen Umstände in meinem Sinne zu benutzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr mich die Erfüllung meines Wunsches beglücken würde; Du kennst ja meine grenzenlose Liebe für ihn, Du weißt, wie unendlich beseligt ich mich fühlen würde, sein freudloses Dasein durch sie zu verschönen und, von dem Zwang der Verhältnisse befreit, in seinem Glück das eigene zu genießen. O, welch ein süßer, wonniger Traum, zu süß, zu schön, um Wahrheit zu werden! Doch er soll mich ermuthigen zu dem Kampf, den ich aufzunehmen gedenke, und er wird es, das fühle ich!«

»Ich habe das voraus gesehen, ja ich habe, ohne es Dir zu verrathen, schon lange gewünscht, es möchte zu einem entscheidenden Schritt kommen, um Dich und ihn aus einer so unheilvollen Lage zu retten. So sei es denn! Bin ich auch zu machtlos, um Dir mit der That beistehenzu können, so weißt Du doch, daß Du über mein Herz gebieten kannst,« entgegnete Aurelie, die Freundin liebevoll umarmend.

Noch manches wichtige und berathende Wort tauschten die Freundinnen aus, manche süße Hoffnung wurde ausgesprochen, mancher noch süßere Traum daran geknüpft, bis endlich die späte Stunde sie zur Trennung zwang.

Die gute Marion war nicht wenig überrascht, als sie die Prinzessin entkleidet hatte und, an der Uhr vorübergehend, gewahrte, daß es fast Morgen geworden sei. Sie schüttelte bedenklich das Haupt, und es wurde ihr klar, daß irgend welche wichtige Dinge vorgegangen sein und die Prinzessin betroffen haben müßten; denn ihr waren deren Aufregung und verweinte Augen nicht entgangen. Wie herzlich that ihr die liebe Prinzessin leid; so jung und so schön und dennoch so unglücklich sein zu müssen, das schnitt ihr in die Seele. Sie wußte, daß Sidonie den Prinzen nicht gemocht und nur aus kindlichem Gehorsam geheirathet hatte, hatte ihres Lieblings Thränen und Schmerzen gesehen und mit ihr im Geheimen geweint und gelitten, und litt und weinte noch immer, ohne Hoffnung auf ein Besserwerden. Denn das war ihrem verständigen Sinn längst klar, daß sich die Prinzessin mit einem so leichtsinnigen Gemahl, wie der Prinz, und würde er auch einst Regent, niemals glücklich fühlen könnte.

»Da sprecht mir von der Weisheit und dem Glück der Großen und Gewaltigen der Welt; es ist Alles eitelTand und eitler Schein. Die Weisheit und Güte bringt nicht der Stand, die muß der Mensch im Herzen tragen, und wer sie nicht hat, ist auch als Fürst darum nicht besser, wie gemeine Menschen. Die Krone thut es nicht und auch nicht der Reichthum und die Macht. Vor Gott ist nur der Gute und Gerechte etwas, da gilt das Herz und nicht der eitle Flitter. Gott bessere diese verderbte Welt, in der meine gute Prinzessin leben und von der sie so schwer leiden muß!« Also dachte sie und überlegte das Alles noch in später Nacht, als sie sich seufzend zur Ruhe begeben hatte, bis sie unter einem Gebet für ihren Liebling endlich einschlummerte.

Auch Mühlfels wurde durch den Vorfall bei der Vorstellung mehr betroffen, als man dies hätte erwarten sollen.

So heftig seine Leidenschaft für Sidonie auch war, stand ihm dennoch die Gunst des künftigen Regenten höher als ihr Dank, dessen er jedenfalls sicher war, hätte er Mariane zum Verlassen der Loge genöthigt. In der Vermuthung jedoch, das Mädchen sei mit Wissen des Prinzen erschienen, wagte er das nicht. Ihm war nur zu wohl die Macht bekannt, die Mariane auf den Prinzen ausübte; er hatte sich persönlich davon überzeugt. Der Letztere gestattete ihm nämlich bisweilen, ihn zu dem Mädchen zu begleiten und in ihrer Gesellschaft eine Stunde zuzubringen. Denn bei der von dem Prinzen für Mariane gehegten großen Vorliebe war es diesem angenehm, den Vertrauten mit den Vorzügen seines Lieblings bekannt zu machen und sich an dessen Lob des Mädchenszu ergötzen, das in überschwänglicher Weise auszusprechen Mühlfels natürlich nicht unterließ. Trotz aller dieser zu nehmenden Rücksichten erwog der Baron dennoch, in wie weit er den Vorfall in seinem eigenen Vortheil benutzen sollte; denn es lag die Voraussetzung nahe, Sidonie könne vielleicht auf seinen Beistand gerechnet haben, und wie wir erfahren, täuschte er sich in dieser Annahme nicht.

Er mußte sich daher bei ihr entschuldigen und ihr die Unmöglichkeit seines Handelns klar machen, um ihre Gunst nicht vielleicht ganz und gar einzubüßen. Ein solcher Verlust würde seine Absicht, sich ihr Vertrauen zu erwerben, unerreichbar gemacht haben; überdies konnte es für ihn keine geeignetere Gelegenheit geben, ihr seine Ergebenheit an den Tag zu legen. Ihr plötzliches Entfernen aus dem Schauspiel verrieth ihm die tiefe Kränkung ihrer Seele, und er konnte daher mit einiger Sicherheit annehmen, daß sie irgend einen besondern Schritt in dieser Angelegenheit thun würde. Unter solchen Umständen ist der Rath eines ergebenen Mannes von Wichtigkeit, der dem Prinzen so nahe stand, wie er.

Auch war ihm bekannt, daß die Prinzessin keinen andern Mann bei Hofe mit ihrem Vertrauen beehrte; Grund genug also für ihn, alle diese Umstände zu benutzen.

Es kam nun darauf an, eine geeignete Gelegenheit zur Ausführung seines Vorhabens ausfindig zu machen. Eine Audienz bei der Prinzessin nachzusuchen wagte er nicht. Dieser Schritt wäre zu auffällig gewesen; er mußte ihn daher vermeiden. Um so erwünschter wäreihm ein durch den Zufall herbei geführter Anlaß gewesen. Sein Verlangen sollte in der That erfüllt werden.

Am nächsten Vormittage besuchte ihn Boisière, um mit ihm über die Vorstellung und die dabei vorgekommenen kleinen pikanten Ereignisse, sowol unter den Acteurs als Zuschauern, zu plaudern.

Denn es darf kaum bemerkt werden, daß eine Menge interessanter Geschichtchen, die man entweder selbst erfahren oder von Anderen vernommen hatte, von Munde zu Munde gingen, und zwar zum großen Ergötzen der Nichtbetheiligten. Wie hätte das in der damaligen Zeit auch anders sein können, die nicht nur der Klatschsucht den reichsten Stoff, sondern auch zugleich nur zu sehr geneigte Personen, diese Stoffe in der ergiebigsten Weise zu benutzen, darbot. Ein prickelnder Witz, eine ähnliche Zweideutigkeit, vor Allem jedoch eine auf Thatsachen beruhende pikante Geschichte wurden eben so sehr gesucht, als mit übergroßem Beifall aufgenommen.

Und was wußte der Chevalier nicht Alles zu erzählen, was hatte er nicht selbst gesehen, belauscht und errathen, und wie viel mehr war ihm noch zugeflüstert und mitgetheilt worden! — Da war Material, um den Hof und die Stadt einen ganzen Monat zu unterhalten. Und was würden die nächsten Tage noch Alles erzählen!

Der Chevalier befand sich so recht in seinem Element und also sehr behaglich, und Mühlfels theilte als Freund solcher Dinge dessen Stimmung. Ihm diente das Vernommene zugleich als ein Unterhaltungsmittelfür den Prinzen, der, von der persönlichen Theilnahme an der Vorstellung abgehalten, dergleichen Geschichtchen mit Begier anhörte und sich dabei köstlich unterhielt.

Nachdem der Chevalier das Füllhorn seiner ergötzlichen Mittheilungen ausgeschüttet hatte, brach er mit dem Bemerken auf, sich von hier aus gerades Weges nach dem Palais der Prinzessin begeben zu müssen, um sich im Namen des Fürsten nach deren Befinden zu erkundigen.

»Wie geht es der Prinzessin, lieber Baron? Die gestrige unangenehme Geschichte hat sie doch nicht wirklich krank gemacht?« fragte er.

»Ich habe darüber noch nichts vernommen,« entgegnete Mühlfels zurückhaltend.

»O, o, lieber Baron, nichts vernommen! Wozu mir gegenüber dergleichen Koketterien?« fiel der Chevalier lachend ein.

»Ich versichere, es ist so!«

»Das machen Sie einen Andern glauben! Sie, der Begünstigte der Prinzessin, sollten nicht schon gestern Abend Gelegenheit gefunden haben, sie zu beruhigen?! Ah pah! Ich kenne die Frauen. Unter Umständen, wie die bekannten, suchen sie stets Trost in den Armen ihres Günstlings. Und das däucht mir auch durchaus praktisch. Unmuth und Zorn vergessen sich am leichtesten im Arm der Liebe.«

Mühlfels überwand eine augenblickliche Verlegenheit als Folge der von Boisière ausgesprochenen Voraussetzung,die ihm unter anderen Umständen sehr schmeichelhaft gewesen wäre, ihm jetzt jedoch die trüben Aussichten in dieser Beziehung leider nur noch fühlbarer machten. Er besaß jedoch viel zu viel Täuschungskunst, um sich zu verrathen und so der über ihn gehegten Meinung zu berauben, und darum beobachtete er ein gewisses zweideutiges Wesen, das durchaus geeignet war, des Chevaliers Voraussetzungen zu bestätigen. In den frivolen Ton desselben eingehend, bemerkte er:

»Sie werden Recht haben, lieber Chevalier; doch müssen Sie bedenken, daß Ihre Annahme nicht in allen Fällen zutrifft. Uebrigens spricht der Betheiligte von dergleichen nicht. — Sie verstehen mich.«

»Vollkommen, vollkommen, und ich versichere Sie, ich billige Ihren Tact, lieber Baron. Eine gewisse Façon muß bei Liaisons immer beobachtet werden. Es hat das sein Gutes, namentlich wenn eine hohe Person im Spiel ist,« entgegnete Boisière mit überlegenen Mienen. Bildete er sich doch ein, das Muster eines galanten Cavaliers zu sein, von welchem die jüngere Welt gern Rath annahm und sich nach ihm bildete.

»Doch unter uns,cher Baron,« fuhr er leiser und vertraulich fort, »ich denke, Sie werden etwas über der Prinzessin Befinden und Intentionen wissen, namentlich, wie sie die Geschichte aufgenommen hat. Sie dürfen meiner Discretion unbedingt vertrauen; denn Sie wissen, daß in diesem Fall von einer leidigen Neugier nicht die Rede sein kann. Der Fall ist von Bedeutung, und esist mir von Wichtigkeit, in dieser Beziehung gut unterrichtet zu sein, um dem Fürsten Bestimmtes sagen zu können. Serenissimus hat die Scene im Schauspiel noch nicht erfahren und ich würde ihn damit nicht behelligen, falls die Prinzessin nicht beabsichtigen sollte, irgend etwas darin zu thun. Ist dies jedoch nicht der Fall, so darf ich ihn nicht in Unkenntniß darüber lassen; er würde das sonst sehr übel vermerken. — Sie erkennen, wie angenehm dem Fürsten unter den vorausgesetzten Umständen ein Mittel wäre, den etwaigen Ansprüchen der Prinzessin ein Paroli bieten zu können.«

Mühlfels erkannte das nur zu wohl, er erkannte aber auch die üble Situation, in die er gedrängt worden war und die ihm nur die Wahl ließ, seine Niederlage bei der Prinzessin entweder einzugestehen oder sich in der gespielten Täuschung zu behaupten. Daß er das letztere dem ersteren vorzog, verstand sich von selbst; es fragte sich nun, wie weit er gehen durfte. Aber er würde nicht ein Kind seiner Zeit, nicht der Vertraute eines ausschweifenden Prinzen, vor Allem nicht der eitle und ehrgeizige Mann gewesen sein, wäre er in diesem bedeutsamen Augenblick vor einer die Prinzessin entwürdigenden Lüge zurück geschreckt. Dazu war er viel zu leichtsinnig und von einer an Frechheit grenzenden Kühnheit erfüllt, die ihm in seiner bedenklichen Lage sehr zu Statten kam.

Mit der ihm eigenen Fertigkeit und Kaltblütigkeit hatte er das Alles schnell erwogen, hatte sich gesagt, daß dasjenige, was er zu erreichen bestrebt war, zu den Möglichkeitengehörte und ihm dazu auch der Besitz des Liebesgeheimnisses Sidoniens ein wichtiges Mittel bot.

Warum sollte er daher die Täuschung nicht erhalten? Ueberdies beruhigte ihn die Ueberzeugung, daß Sidonie von Alledem niemals etwas erfahren würde; denn wer wol sollte sie damit bekannt machen? — Was zwischen ihm, dem Chevalier und dem Fürsten verhandelt wurde, blieb allen Anderen ein Geheimniß; er wußte es.

Alle diese Gedanken waren rasch durch seine Seele geflogen, ohne daß selbst der scharfblickende Chevalier eine Ahnung davon gewann und die augenblicklich von Mühlfels verrathene Bedenklichkeit lediglich für Vorsicht hielt, die unter den obwaltenden, so bedeutsamen Verhältnissen durchaus gerechtfertigt erscheinen mußte.

Fragend schaute er den Baron an, der in Bezug auf die zu gebende Antwort mit sich bereits im Klaren war und bedeutsam lächelnd entgegnete:

»Mein lieber Chevalier, Sie wissen, daß wir Sie hier am Hofe als das Vorbild eines galanten Cavaliers verehren; versetzen Sie sich in meine Lage und rathen Sie mir, was ich Ihnen antworten soll. Sie haben vorhin bemerkt, jede Liaison verlange eine gewisse Façon; diese Meinung ist mir zu bedeutsam, um sie nicht in diesem Fall zu beobachten. Ich will meinem verehrten Vorbilde ein wenig Ehre machen. Und so stelle ich es Ihrer Klugheit anheim, dem Fürsten nach Belieben zu berichten; denn was Sie ihm zu sagen für gut befinden, wird meinen ganzen Beifall gewinnen. Ihnen mehr zu vertrauen, wirddaher nicht nöthig sein, noch halte ich mich dazu berechtigt.« —

Der Baron hätte den Chevalier durch nichts leichter täuschen können, als indem er seiner Eitelkeit schmeichelte und, ohne ein wirkliches Geständniß abzulegen, sich auf Andeutungen beschränkte, die sehr geeignet waren, dasjenige zu errathen, was er verschwieg, jedoch als bedeutsam erkannt zu sehen wünschte.

»Als echter Cavalier gesprochen,cher Baron!« fiel der Chevalier geschmeichelt und vertraulich ein, indem er Mühlfels’ Hand ergriff und drückte. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, und denke, Sie werden mit mir zufrieden sein. Ich will die Angelegenheit — Sie haben ganz Recht, sie ist äußerst difficil — in der gewünschten Weise tractiren; verlassen Sie sich ganz auf mich und seien Sie überzeugt, nicht nur in IhremSinn, sondern auch in IhremVortheil.«

»Ich habe das erwartet, mein theurer Chevalier, und bin beglückt, diese Sache in Ihren klugen Händen zu wissen,« entgegnete Mühlfels, indem er den Händedruck des Chevaliers erwiderte.

»Trotzdem muß ich noch einmal auf meine frühere Frage, ob Ihnen in Bezug auf die Intentionen der Prinzessin in der bewußten Angelegenheit nicht etwas Bestimmtes bekannt geworden ist, zurück kommen,« bemerkte der Chevalier und blickte Mühlfels fragend an. »Wissen Sie nichts?«

»Aufrichtig gesprochen, nein. Die Prinzessin war zuaufgeregt und unmuthig, um an dergleichen zu denken,« entgegnete Mühlfels in einer Weise, als hätte er Gelegenheit gehabt, Sidonie näher zu beobachten.

»Das ist fatal!« rief der Chevalier. »Ich weiß nicht, was ich dem Fürsten sagen soll.«

»Vielleicht ließe sich diese Angelegenheit durch mich erledigen,« bemerkte Mühlfels nachdenkend.

»Das wäre prächtig!« fiel der Chevalier erfreut ein. »Wie gedenken Sie, mein Lieber?« fragte er.

»Sie beabsichtigen, sich nach dem Befinden der Prinzessin zu erkundigen; ich war gleichfalls willens, mich aus diesem Grunde zu ihr zu begeben. Gestatten Sie mir, ihr an Ihrer Stelle den Gruß des Fürsten zu überbringen; ich habe besondere Gründe zu dieser Bitte, über welche ich mich nicht näher aussprechen möchte. Es ist aber gut, wenn die Umgebung der Prinzessin erfährt, daß ich ihr im Auftrage des Fürsten aufwarten möchte.« —

»Ich verstehe, ich verstehe!« fiel Boisière vertraulich ein und fügte dann hinzu: »Sie haben ganz Recht, lieber Baron. Man darf die Hofschranzen nicht zu sehr in die Karten blicken lassen; sie werden leicht lästig und gefährlich. — Sie wollten also?« —

»Die Prinzessin bei dieser Gelegenheit über ihre Absichten ausforschen, wie Sie es wünschen,« bemerkte Mühlfels.

»Vortrefflich, vortrefflich! Ich bin überzeugt, es wird Ihnen das ganz nach Wunsch gelingen.«

»Ich denke, lieber Chevalier,« entgegnete Mühlfels selbstgefällig und sicher.

»So will ich Sie verlassen, mein theurer Freund, und in einer Stunde wieder bei Ihnen vorsprechen, um das Weitere zu erfahren,« sprach Boisière und brach auf, indem er zugleich fortfuhr:

»Ja, ja, Ihnen wird das leicht werden, was mir wahrscheinlich trotz aller Klugheit nicht gelungen wäre. Sidonie ist stolz und verschlossen; doch der Liebe öffnet sich ja leicht und gern das Herz.Au revoir, cher Baron!In einer Stunde bin ich wieder hier.«

Mit diesen Worten und dem angewöhnten Hüsteln entfernte sich der Chevalier, und Mühlfels bereitete sich zu dem Besuch der Prinzessin vor.

Er war hinsichts seines Benehmens gegen den Chevalier mit sich sehr zufrieden, von der Ueberzeugung erfüllt, den klugen Kammerherrn vollständig getäuscht zu haben. Mehr noch als dieses erfreute ihn der Umstand, die so sehr gewünschte Gelegenheit zu dem Besuch der Prinzessin durch Boisière erlangt zu haben. Da er im Namen des Fürsten erschien, mußte sie ihn vorlassen, was unter anderen Umständen wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. Während er sich ankleidete, überlegte er sein Verhalten gegen Sidonie, namentlich wie er es einrichten sollte, ihre Absichten betreffs der bekannten Angelegenheit zu erforschen. Denn er sagte sich, daß das Gelingen seines Vorhabens nicht nur die Täuschung des Fürsten befestigen, sondern ihm auch in Bezug auf diePrinzessin bei diesem eine vermehrte Würdigung verschaffen müßte. Also vorbereitet, begab er sich zu Sidonien. Diese befand sich zufällig allein in ihrem Boudoir, als ihr die Meldung von Mühlfels’ Erscheinen gemacht wurde. Ihre Stimmung war nichts weniger als zu einer Unterhaltung mit dem Baron geeignet, da er jedoch als ein Bote des Fürsten erschien, sie auch vermuthete, er sei als Vertrauter des Prinzen absichtlich von dem Ersteren, vielleicht auch von dem Letzteren, zu diesem Auftrag ausersehen worden, überwand sie schnell ihre Abneigung und empfing ihn mit Freundlichkeit.

Dieser Umstand erhob den Muth und die Hoffnung des Barons nicht wenig, indem er darin zugleich ein gutes Zeichen für das Gelingen seiner Absicht sah.

»Sie bringen mir einen Auftrag des Fürsten?« fragte Sidonie.

»Serenissimus wünschen zu erfahren, wie Euer Hoheit Befinden ist, da er zu seinem innigen Bedauern gestern vernommen, daß Hoheit durch Unwohlsein gezwungen worden sind, das Schauspiel vor dessen Beendigung zu verlassen,« entgegnete Mühlfels in theilnehmendem Ton.

»Ich bitte, dem Fürsten meinen ergebensten Dank für seine Freundlichkeit abzustatten und ihm zu berichten, daß ich mich wieder wohler fühle.«

»Ich bin glücklich, ihm eine so beruhigende Botschaft überbringen zu können, und Hoheit mögen mir die Versicherung gestatten, daß ich mich doppelt beglückt fühle,mich persönlich davon überzeugen und so meinen lebhaften Wunsch befriedigen zu können.«

»Ich danke Ihnen, lieber Baron,« sprach Sidonie wohlwollend und unbefangen, und fragte alsdann nach kurzem Zögern: »Haben Sie mir sonst noch irgend welche Mittheilung zu machen?«

»Im Auftrage des Fürsten nicht; doch stehe ich sonst zu Eurer Hoheit Befehl.«

»Der Fürst oder der Prinz hätten sich zu weiteren Aufträgen wirklich nicht bewogen gefunden?« fragte Sidonie mit Befremden.

»Ich muß das bejahen.«

»Wie, ist ihnen denn das Geschehene nicht bekannt geworden?« fuhr Sidonie mit Ueberraschung fort.

»So viel ich weiß, nein.«

»Das ist nicht denkbar! Der Fürst war ja ein Zeuge desselben, und Sie, Baron, sind mit dem Prinzen zu vertraut, um nicht zu wissen, daß ohne seine Billigung so etwas nicht geschehen konnte.«

»Ich habe Hoheit seit mehren Tagen nicht gesehen« — bemerkte Mühlfels ausweichend.

»Und auchSiewußten vonjenemBesuch nichts?« fragte Sidonie und blickte ihn forschend an.

Mühlfels zeigte die aufrichtigste Miene, mit welcher er entgegnete:

»Ich versichere Eurer Hoheit, nicht das Geringste.«

»Unglaublich!« rief Sidonie und fragte alsdann: »Sie haben mir also nichts mehr von dem Fürsten zu sagen?«

»Durchaus nichts, und ich erlaube mir Eure Hoheit nochmals zu versichern, daß der Fürst bis jetzt den bewußten Vorfall nicht erfahren hat.«

»Freilich, das erklärt sein Verhalten,« bemerkte die Prinzessin und fragte: »Warum verschweigt man ihm denselben?«

Mühlfels zuckte die Achseln und schaute sie bedeutungsvoll an.

Sidonie verstand ihn und entgegnete:

»Ich verstehe Sie, Baron. Freilich, wer hätte den Muth, ihm dergleichen zu verrathen. Ob auch der ganze Hof beleidigt wurde, was hat das zu sagen? Man nimmt das schweigend in der Besorgniß hin, sich durch ein aufklärendes Wort die Gnade des künftigen Regenten zu verscherzen.«

»O, glauben Sie das nicht, Hoheit!« betheuerte Mühlfels mit Wärme. »Sie würden den Beweis dagegen erhalten haben, hätten Sie das Schauspiel nicht verlassen.«

»Wie das, Baron?« fragte Sidonie überrascht.

»Ich selbst war willens auf die Gefahr hin, mir des Prinzen Ungnade zuzuziehen, die Entfernung des Mädchens zu veranlassen,« entgegnete Mühlfels durchaus sicher.

»Sie, Baron? — — Und warum thaten Sie es nicht?«

»Weil ich durch maßgebende Personen davon abgehalten wurde; als ich trotzdem meine Absicht ausführenwollte, entfernten sich Hoheit. Damit hörte jedes Interesse für diese Angelegenheit für mich auf. Ueberdies war auf den Fürsten Rücksicht zu nehmen. Hoheit werden zugeben, daß jedes Aufsehen vermieden werden mußte, und dieses konnte mit Gewißheit bei dergleichen Maßnahmen erwartet werden. Das Entrée berechtigte einen Jeden zur Theilnahme an dem Schauspiel, und es war daher eine unangenehme Scene zu besorgen.«

Sidonie schwieg einige Augenblicke, alsdann fragte sie:

»Sie glauben also, daß der Prinz mit dem Besuch nicht bekannt war?«

»Ich wiederhole, daß ich mich außer Stande fühle, darauf zu antworten; ich versichere jedoch Eurer Hoheit, wie tief mein Schmerz und Unmuth war, Sie also leiden zu sehen.«

Die Prinzessin blickte nachdenkend vor sich hin, und es schien, als wäre sie durch seine Theilnahme an ihrem Kummer angenehm berührt worden.

Dies entging dem Baron nicht, und mit vermehrter Sicherheit und Wärme fuhr er fort:

»O, möchten Hoheit der Versicherung Ihres ergebensten Dieners ein wenig Glauben schenken, Sie würden ihn unendlich beglücken. O, ich habe es in jenem Augenblick erst ganz erkannt, daß es schmerzlicher ist, Diejenigen leiden zu sehen, denen unsere ganze Seele gehört, als selbst zu leiden. Klagen Hoheit mich nicht an, wenn ich das nicht früher that, was zu thun mich die Ehrfurcht und Verehrung für Sie drängte. Sah ich doch, wie Sie litten,schnitt es mir doch in die Seele, Sie einemsolchenWesen weichen zu sehen, Sie, die herrliche, hohe Frau, die über den heuchlerischen Larven des Hofes so hoch emporragt! O, gebieten Sie über meine schwachen Kräfte, Ihnen die gerechte Genugthuung zu verschaffen. Ich opfere Alles, Alles, meine Stellung, mein Leben, sobald Sie es fordern!«

Seine wohl berechneten Worte verfehlten ihre Wirkung auf Sidonie nicht; dieselben verriethen zu viel Aufrichtigkeit und Ergebung, um nicht glaubwürdig zu erscheinen und sie zugleich von Mühlfels’ gutem Willen zu überzeugen.

Die Arglose ahnte freilich nicht, wie viel Täuschung dabei stattfand, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zur Mittheilung ihrer Absichten in dieser Angelegenheit zu veranlassen.

»Ich danke Ihnen, lieber Baron, für Ihre Ergebenheit, die mir sehr wohl thut; doch fern ist es von mir, das geringste Opfer von Ihnen anzunehmen. Was ich zu thun genöthigt bin, steht bereits in mir fest, und ich bedarf Ihrer Dienste dabei nicht; darum schätze ich jedoch Ihre Bereitwilligkeit, mir zu dienen, nicht minder. Auch zweifle ich nicht an Ihrem guten Willen, mir die gestrige üble Erfahrung zu ersparen, und erkenne, daß die besonderen Umstände mancherlei Rücksichten erforderten. Sie sind also in dieser Beziehung durchaus entschuldigt. Ueberlassen Sie alles Weitere mir. Ihr heutiger Besuch hat mir jede Hoffnung genommen, es könnte irgend welchesEntgegenkommen stattfinden. Da ich darauf nun wol nicht rechnen kann, so bin ich genöthigt, persönlich zu handeln, und das will ich. Doch genug! Ich danke Ihnen nochmals, lieber Baron.«

Sidonie hatte in der Ueberzeugung von Mühlfels’ Aufrichtigkeit freundlich und wohlwollend und zugleich aufrichtiger zu ihm gesprochen, als sie dies unter anderen Umständen gethan haben würde. Als sie endete, reichte sie ihm als Zeichen des Dankes und der Entlassung die Hand.

Der Baron ergriff dieselbe und drückte sie an seine heißen Lippen, indem er zugleich, von seinen Empfindungen überwunden, vor ihr niedersank und in leidenschaftlichem Ton entgegnete:

»O, wie unglücklich bin ich doch, meine Dienste von Eurer Hoheit zurück gewiesen zu sehen!«

Sidonie entzog ihm rasch die Hand, die er noch immer hielt, und erwiderte in nicht eben angenehmer Ueberraschung über des Barons Verhalten mild und ruhig:

»Stehen Sie auf, Baron! Dieses Zeichen Ihrer Ergebenheit ist unpassend und ich liebe es nicht. Wenn es Sie beruhigt oder befriedigt, so verspreche ich Ihnen, falls ich Ihrer Dienste bedürftig sein sollte, dieselben nicht abzulehnen.«

»Tausend Dank für dieses gütige Wort!« rief Mühlfels und ergriff Sidoniens Hand, die er küßte, ohne daß Sie es zu verhindern vermochte. Sie ließ diese selbstgenommeneFreiheit jedoch hingehen, die ja ein Zeichen seiner warmen Empfindungen für sie war, trat von ihm zurück und grüßte ihn mit Wohlwollen.

Mühlfels entfernte sich und ließ Sidonie in einer bewegten Stimmung zurück. Sein Benehmen und seine Worte hatten sie überzeugt, daß Aureliens Voraussetzung in Bezug auf seine Liebe zu ihr begründet sei; trotzdem vermochte sie nicht, ihn durch Kälte zurückzuweisen, obwol sie dazu herausgefordert wurde. Sie glaubte jedoch ihm gegenüber ein richtiges Verhalten beobachtet und ihn zu der Einsicht, daß sie weit entfernt sei, seine Huldigung anzunehmen, geführt zu haben. Mühlfels’ Mittheilungen hatten sie nämlich hinsichts des Fürsten aufgeklärt und ihr zugleich die Ueberzeugung eingeflößt, daß sie von diesem nichts zu erwarten hätte, da man ihm den Vorfall verschweigen würde. Um so bestimmter trat daher die Nothwendigkeit an sie heran, die mit Aurelien besprochene Absicht am nächsten Tage auszuführen.

Der Baron kehrte, von der Unterredung mit der Prinzessin sehr befriedigt, nach Hause. Ihre Freundlichkeit hatte ihn entzückt, noch mehr die gütige Aufnahme seiner etwas kecken Huldigung.

Dieser Umstand verleitete ihn, trotz der Kenntniß von Sidoniens Neigung für Römer, an einen tieferen Eindruck zu glauben, den seine Persönlichkeit und Ergebenheit auf sie hervorgerufen hatten.

So groß war seine Leidenschaft, aber auch seine Eitelkeit, um dergleichen Hoffnungen Raum zu geben! —Ueberdies hatte er seine Absicht vollkommen erreicht, und das war in diesem Augenblick höchst wichtig für ihn.

Er fand den Chevalier bereits seiner harrend, und dieser war nicht wenig erfreut, als ihm Mühlfels Sidoniens Absicht, sich persönlich Genugthuung zu verschaffen, mittheilte.

»Benutzen Sie nun meine Nachricht nach Ihrem Ermessen, lieber Chevalier, und erinnern Sie den Fürsten zugleich, daß die Prinzessin irgend einen zufrieden stellenden Schritt erwartet; ob von ihm selbst oder dem Prinzen, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es gut, ihr zuvor zu kommen; doch das müßten wir dem Fürsten überlassen,« schloß Mühlfels seine Mittheilung.

Der Chevalier lobte seine Klugheit, drückte ihm in den wärmsten Worten seinen Dank für die erhaltenen so wichtigen Mittheilungen aus und beeilte sich alsdann, den Fürsten mit dem Erfolg seiner Sendung bekannt zu machen. Auf seinem Gange dahin erwog er, wie nothwendig es sei, Serenissimus den bekannten Vorfall zu verrathen, da er ihm denselben nicht mehr verschweigen durfte. Es war dies seine Pflicht. Denn wie wir wissen, beehrte ihn der Fürst mit seinem besondern Vertrauen in Angelegenheiten der fürstlichen Familie und des Hofes.

»Es ist mir lieb, daß sich die Prinzessin wieder wohl fühlt,« bemerkte der Fürst, nachdem ihm Boisière hierüber berichtet. »Unsere Prinzessin,« fuhr er fort, »besitzt ein sehr erregliches Wesen und es könnte ihr nichts schaden, ein stärkendes Bad zu besuchen.«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ohne des Fürsten Worte zu bestätigen, indem er zugleich nachdenkend auf den Boden blickte, was er zu thun pflegte, wenn er gefragt zu werden wünschte. Der Fürst bemerkte das und fragte:

»Sind Sie nicht auch meiner Meinung?«

»Gewiß, mein Fürst,« entgegnete Boisière zurückhaltend.

»Wir haben in der gestrigen Erkrankung den besten Beweis, wie leicht Hitze und Geräusch die Prinzessin in hohem Maß angreifen, und solchen Nerven thut ein Bad gut,« fuhr der Fürst fort.

»Vielleicht, daß noch andere Umstände darauf einwirkten« — bemerkte Boisière hüstelnd.

»Glauben Sie?«

»Die Vermuthung dazu liegt nahe.« —

»Wirklich? Und was vermuthen Sie?«

»Ich halte mich verpflichtet, meinen gnädigsten Fürsten auf einen Vorfall aufmerksam zu machen, der gestern im Schauspiel stattgefunden hat und seinem Auge entgangen ist, und der, wie ich erfahren, die frühe Entfernung der Prinzessin hervorgerufen hat.« —

»In der That, Chevalier?« — fragte der Fürst überrascht.

»Ich betheure, es ist so.«

»So reden Sie! Was ist geschehen? Ich habe nicht das Mindeste bemerkt, das eine solche Wirkung auf diePrinzessin hätte ausüben können,« fiel der Fürst erregt ein.

»Es scheint eine kleine Unvorsichtigkeit von Seiten des Prinzen Hoheit dabei im Spiel zu sein« — entgegnete Boisière, hüstelte ein wenig und fügte alsdann mit gedämpftem Ton hinzu: »Man hat die Favorite des Prinzen in einer Loge bemerkt.« —

»Was sagen Sie!« fuhr der Fürst auf.

Boisière nickte mit dem Haupt und bemerkte, die Hand auf die Brust legend, mit einer Verneigung:

»Es ist so, mein Fürst.«

»Welche Unvorsichtigkeit!« rief dieser und fragte dann: »Konnte man die Person nicht zur rechten Zeit entfernen?«

»Man erkannte sie zu spät und dann —«

»Ich merke, dann that man es nicht, weil man den Prinzen fürchtet!« fiel der Fürst ein.

»Das Mädchen war anständig gekleidet, hatte ihr Billet gelöst und benahm sich gut,« — erwiderte der Chevalier.

»Wer aber hat die Prinzessin damit bekannt gemacht?«

»Ich vermag das nicht zu sagen, doch weiß ich, daß die etwas auffällige Theilnahme des Publikums für ihre Hoheit und die Favorite die Prinzessin veranlaßte, sich darnach zu erkundigen, worauf sie in großer Indignation die Loge verließ.«

»Das ist in der That ein ganz fataler Fall; dennbei der großen Reizbarkeit der Prinzessin kann man mit Bestimmtheit erwarten, daß sie die Sache nicht ruhig hinnehmen wird.«

»So ist es, mein Fürst. Wie ich erfahren, gedenken sich Hoheit Genugthuung zu verschaffen.«

»Wirklich, wirklich? — Freilich, es ist ihr das nicht zu verdenken. Nun, da habe ich wieder eine üble Scene zu erwarten,« bemerkte der Fürst unmuthig und fügte alsdann hinzu: »Der Prinz treibt es in der That zu weit und meine Nachsicht hat ihn bereits zu sehr verwöhnt. Ich übersehe Vieles; aber Alles muß seine Grenzen haben. Ein solcher Besuch beleidigt nicht nur die Prinzessin, sondern den ganzen Hof. Das muß anders werden!«

Erregt schritt er durch das Gemach und fragte nach einer kleinen Pause des Nachsinnens:

»Hat Ihnen die Prinzessin selbst ihren Vorsatz mitgetheilt?« —

»Nein, mein Fürst, und ich bitte mir zu vergeben, wenn ich in der guten Absicht, die Intentionen Ihrer Hoheit in dieser so wichtigen Angelegenheit genau kennen zu lernen und meinem gnädigsten Herrn darüber erschöpfenden Bericht abstatten zu können, mir erlaubte, den Baron Mühlfels statt meiner den Auftrag an die Prinzessin ausrichten zu lassen. Mit dem Vorfall im Schauspiel bekannt und in der nahe liegenden Voraussetzung, sie könnte irgend einen Schritt beabsichtigen, erachtete ich es für zweckmäßig, sie ausforschen zu lassen, da es die Wichtigkeit des Falles und meine Pflicht gebot, meinen gnädigstenHerrn über Alles aufzuklären, damit Sie nicht durch der Prinzessin Verhalten überrascht würden.« —

»Sie thaten durchaus sehr recht daran, lieber Chevalier. Doch nun weiter!« fiel der Fürst ein, der Boisière’s Worten mit vermehrtem Interesse gefolgt war.

»Ich that dies, mein gnädigster Fürst, in der nahe liegenden Voraussetzung, daß Dasjenige, was mir nicht gelungen wäre, jedenfalls demGünstlingder Prinzessin gelingen müßte.« —

»Sehr richtig calculirt, sehr richtig!« schaltete der Fürst ein und fragte alsdann: »Hat sich die Prinzessin über ihre Absicht näher ausgesprochen?«

»Nein, mein Fürst; wenigstens versicherte der Baron, Näheres darüber nicht zu wissen.«

»Das ist schlimm; doch es bleibt mir unter diesen Umständen nichts übrig, als ruhig abzuwarten, was sie thun wird,« bemerkte der Fürst und fuhr nach kurzem Nachdenken fort: »Es wäre mir sehr lieb, ihr in irgend einer Weise zuvor zu kommen, um ihrer Klage die Spitze abzubrechen. Jedenfalls würde das am besten durch den Prinzen geschehen; doch der wird sich, wie ich weiß, dazu nicht verstehen. — Haben Sie etwa einen passenden Vorschlag, Chevalier?«

Dieser hüstelte und bemerkte mit einem vielsagenden Blick auf den Fürsten in leisem Ton:

»Sollte der Günstling Ihrer Hoheit nicht vielleicht als ein Mittel dienen, der Prinzessin Klageau niveauzu stellen?«

»Sie meinen den Baron?« fiel der Fürst voll Interesse ein.

Der Chevalier nickte mit dem Haupt und fuhr in gedämpftem und vertraulichem Ton fort:

»Die Verhältnisse des Prinzen und der Prinzessin stehen sich ziemlich gleich, und es findet nur eine Verschiedenheit der Personen statt; sie halten sich dadurch gewissermaßen im Schach; sollte mein gnädigster Fürst vielleicht hierauf sein Augenmerk bei Behandlung dieser Angelegenheit richten wollen?«

»Das ist ein guter Gedanke, Chevalier, und ich will mir denselben überlegen,« fiel der Fürst nachdenklich ein. »Hm, Sie haben Recht, vorausgesetzt, daß Ihre Meinung über Mühlfels begründet ist. Wie, Boisière?«

»Sie ist es, mein Fürst,« entgegnete der Letztere mit Bestimmtheit. »Die Andeutungen des Barons — der sich übrigens in dieser Beziehung sehrcavalierementbenimmt — lassen mich mit Bestimmtheit auf seine Intimität zu der Prinzessin schließen.«

»Das wäre in doppelter Hinsicht erwünscht!« bemerkte der Fürst. »Man könnte also diese Sache nach Belieben und mit Sicherheit behandeln?«

»Unbedingt, mein Fürst. Des Barons Verhalten in dieser Angelegenheit berechtigt durchaus dazu.« —

»Gut denn! Ich will mir das zu Nutzen machen, falls die Prinzessin unter solchen Umständen wirklich kühn genug sein sollte, mir gegenüber die Tugendhafte und Gekränkte zu spielen. Wir wollen das jedoch abwartenund darum auch nicht das Mindeste thun. Doch muß ich wissen, ob der Besuch des Mädchens im Schauspiel mit Zustimmung des Prinzen erfolgt ist. Begeben Sie sich also zu diesem, erkundigen Sie sich nach seinem Befinden und lassen Sie sich in meinem Auftrage Aufklärungen darüber geben, damit ich vollkommen informirt bin. Ich bin Willens, diesem ewigen Streit ein- für allemal ein Ende zu machen; ihn länger zu dulden, wäre eine Schwäche, ganz abgesehen, daß die wichtigeren Zwecke dabei nicht erreicht werden können. Gehen Sie nun zu dem Prinzen, lieber Chevalier, und nehmen Sie zugleich meinen Dank für Ihre so klugen Maßnahmen und Vorschläge. Ich denke, wir werden damit etwas Erkleckliches ausrichten.« —

Mit diesen Worten entließ der Fürst den Kammerherrn, und dieser begab sich sofort zu dem Prinzen, über das gnädige Wohlwollen Serenissimi hoch erfreut.


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