Achtes Kapitel.
Man hatte Römer nach einer von der Residenz sehr entfernten Grenzfestung gebracht. Er ward daselbst mit größerer Strenge behandelt als früher, und es wurden ihm nur innerhalb der Festungswälle Spaziergänge gestattet. Die zu den letzteren bestimmten Orte waren überdies der Art, daß er von ihnen aus höchstens einen Blick auf Felder und Wälder gewann und es ihm daher unmöglich war,sich mit der Gegend und der neben der Festung gelegenen Stadt bekannt zu machen. Dennoch und obwol er sich zu keiner Frage verstand, konnte es nicht lange ausbleiben, daß er den Namen der Festung und der Stadt erfuhr und somit erkannte, daß er nun auch von aller Verbindung mit seinen Freunden getrennt war.
Von dem Bemühen des Fürsten überzeugt, seinen Aufenthalt so viel als möglich der Welt zu verheimlichen, durfte er dies um so sicherer voraussetzen.
Auf seine Vorstellung an den Fürsten war keine Antwort erfolgt, und so blieb er in Ungewißheit, ob dieselbe in des Ersteren Hände gelangt war, oder ob der Fürst eine solche für überflüssig erachtet hatte.
Er war geneigt, das Letztere anzunehmen, als nach Ablauf von ungefähr drei Wochen ihm der Commandant ein offenes Schreiben mit der Bemerkung überreichte, daß dasselbe sein Urtheil enthalte, wonach ihm zwei Jahre Haft zuerkannt worden wären. Ueber das Vergehen, für das der Graf leiden sollte, war man fortgegangen und hatte eben so wenig der Prinzessin in der Sentenz erwähnt. Dies war auf den ausdrücklichen Befehl des Fürsten geschehen, der, wie wir erfahren haben, über diese Angelegenheit strengste Discretion beobachtet zu sehen wünschte.
Römer war das in hohem Grade angenehm, denn er würde durch das Urtheil viel tiefer verletzt worden sein, hätte man Sidonie nicht in solcher Weise geschont.
Schweigend empfing er den Urtheilsspruch, auf welchen er sich längst vorbereitet hatte, nachdem der Fürstseine und seiner Freunde Vorstellungen unberücksichtigt gelassen; aus dem ersteren konnte er jedoch auch mit Bestimmtheit auf Sidoniens Verurtheilung schließen, und es drängte sich ihm die beunruhigende Frage auf, welcher Art dieselbe sein könnte.
O, wie beglückt hätte er sich gefühlt, wäre es ihm vergönnt gewesen, für sie zu leiden und alles Ungemach von ihr zu nehmen; doch es sollte nicht sein. Was ihn tröstete, war die Ueberzeugung von der Rücksicht, welche der Fürst der Prinzessin zu beobachten sich durch die Umstände genöthigt sehen würde. Man durfte sie nicht hart strafen; so hoffte, so erwartete er es mit Sicherheit, ohne zu ahnen, wie sehr er sich täuschte. Nach des Fürsten Befehl sollte er in der Festung verbleiben.
Der Commandant, wahrscheinlich mit den des Grafen Haft bedingenden Vorgängen gekannt, erzeigte ihm viel Wohlwollen, und wenn er Römer auch keine besonderen Freiheiten gestatten durfte, so lud er ihn doch öfter zu sich ein und verplauderte alsdann einige Stunden mit ihm.
Seitdem Römer den Urtheilsspruch empfangen hatte, wurde niemals ein Wort hierüber zwischen ihnen gewechselt. Der Graf vermied dies absichtlich, und der Commandant hatte bald erkannt, daß eine jede derartige Erinnerung einem Manne von Römer's Charakter nur unangenehm sein müßte.
In trüber Einförmigkeit ging dem Grafen die Zeit dahin. Keine Nachricht von seinen Lieben kam ihm zu; ein Beweis für ihn, daß man seinen Aufenthalt nichtkennen mußte, wenn er nicht annehmen wollte, ihm würden die ersteren von dem Commandanten vorenthalten.
Es kam ihm jetzt seine Neigung für wissenschaftliche Studien sehr zu statten, denen er sich fortan mit Eifer hingab und worin ihn die Freundlichkeit des Commandanten unterstützte, der die Besorgung der von Römer gewünschten Bücher etc. veranlaßte. Aber, so angenehm dem Letzteren auch eine solche Beschäftigung war, welche seinen Geist nährte und die schmerzlichen Gedanken von ihm fern hielt, kamen doch viele, viele trübe Tage über ihn, in welchen er der kummervollen Erinnerung unterlag und sich die Sehnsucht nach Freiheit und dem Wiedersehen seiner Lieben mit großer Gewalt geltend machte. Wie in Sidonien erhoben sich auch in ihm unablässig die Fragen, was er von der Zukunft erwarten durfte und ob, wenn seine Haft endete, die Geliebte frei und es ihr gestattet sein würde, ihm anzugehören. Er glaubte dies hoffen zu dürfen, da er die Trennung ihrer Ehe mit Bestimmtheit voraussetzte, und diese Hoffnung war zu süß und beglückend, um ihm seine Haft nicht weniger peinigend zu machen.
Um wie viel mehr würde sein edles Herz gelitten haben, wäre ihm Sidoniens Geschick und die Härte bekannt gewesen, mit welcher man ihr begegnete, hätte er geahnt, welche Seelenkämpfe sie in derselben Zeit zu bestehen hatte, in welcher er, von seinen Voraussetzungen getäuscht, ihr Loos mild und erträglich wähnte.
Auf Sidoniens an den Fürsten gerichtete Bitte um eine Unterredung hatte ihr dieser geantwortet, daß seinBefinden sie zu empfangen verhindere und er es ihr daher überlassen müsse, ihm ihre Wünsche schriftlich zu bezeichnen. Wie schmerzlich sie dadurch betroffen werden mußte, darf im Hinblick auf das hohe Interesse, das für sie auf dem Spiel stand, kaum bemerkt werden. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerten sich um so mehr, da sie sich sagen mußte, daß der Fürst sein Befinden lediglich als Vorwand zur Ablehnung ihrer Bitte benutzte; denn wie sie erfahren hatte, war dasselbe ziemlich gut. Er wollte sie also nicht sprechen und fühlte daher auch nicht die Pflicht, die geringste Rücksicht auf ihren Kummer zu nehmen. Dadurch zum schriftlichen Verkehr mit ihm genöthigt, zögerte sie nicht, ihm in den flehendsten Ausdrücken um Zurücknahme der getroffenen Bestimmung hinsichts ihres Kindes zu bitten. Die heißeste Liebe zu diesem hatte ihr die Worte eingegeben, denen der Schmerz über ihr so unverdientes und hartes Geschick um so mehr Kraft und Nachdruck verlieh. Wiederholt hatte sie sich dieserhalb mit Aurelien berathen, um die Fassung des Briefes in der wirksamsten Weise zu ermöglichen, und das Schreiben alsdann unter bangen und heißen Wünschen einer guten Wirkung abgesandt.
Unruhvoll harrte sie der so wichtigen Antwort in der Hoffnung entgegen, dieselbe vielleicht schon an dem nächsten Tage zu erhalten und durch deren Inhalt beglückt zu werden.
Wie sehr sah sie sich getäuscht!
Tag um Tag ging dahin, ohne daß ihr Wunsch erfülltwurde. O, wie tief, wie schmerzlich litt die Arme darunter, und mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, die ihr zu dem Verkehr mit ihrem jetzt doppelt theuern Kinde noch gegönnten Stunden so ganz auszugenießen. Sie trennte sich von demselben fast gar nicht mehr und ließ sogar dessen Bettchen in ihr Schlafcabinet bringen, um sich auch selbst noch in der Nacht ihrer Nähe erfreuen zu können, indem sie den Athemzügen der Schlummernden lauschte.
Nach fünf langen und bangen Tagen und Nächten erst erhielt sie des Fürsten Antwort, die sie mit ängstlicher Hast erbrach und alsdann durchflog. Sie enthielt nur wenige und in gemessenem Ton gehaltene Worte, die ihr armes Herz durchkälteten und ihr die letzte Hoffnung, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, raubten.
Der Fürst lehnte ihre Bitte mit der Bemerkung ab, den durchaus gerechtfertigten Ansprüchen des Prinzen nicht entgegen treten zu dürfen, indem er sie zugleich an die vermehrten Rechte zu den getroffenen Maßnahmen erinnerte, welche demselben unter den obwaltenden Umständen zuständen. Außer diesem nur kurzen Bescheid hatte der Fürst weder ein Wort des Trostes noch des Rathes hinzugefügt, und Sidonie erkannte daraus nur zu wohl, daß jedes weitere schriftliche Wort vergeblich sein würde. Zwar hatte der Fürst darauf hingedeutet, daß in diesem Fall lediglich des Prinzen Verlangen seinen Entscheid bestimmt hätte, und sie dadurch gleichsam auf diesen hingewiesen: was aber konnte ihr das in ihrer Lagenutzen? Den Prinzen mit einer Bitte angehen, würde eben so wenig gefruchtet haben, selbst wenn sie sich auch zu einem sie so tief verletzenden Schritt verstanden haben würde.
So blieb ihr nur die Ergebung in das Unabänderliche. In dieser Erkenntniß bereitete sie sich auf die Trennung vor, von der Hoffnung gestärkt, daß es ihr jedenfalls gestattet sein würde, ihre Tochter später ab und zu zu sehen, und daß vielleicht die Zukunft des Fürsten und Prinzen Herz milder stimmen könnte.
Mit der ihr eigenthümlichen Seelenkraft war sie bemüht, ihre Gefühle zu beherrschen; doch wenn ihr dies auch zum Theil gelang, füllten sich ihre Augen doch häufig unwillkürlich mit Thränen, besonders wenn ihr Blick auf der lieblichen Tochter ruhte, die ohne Ahnung von der Mutter Weh harmlos sie umspielte und den süßen Frohsinn ihrer Jugend offenbarte.
Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß sich Sidoniens Seelenleiden in ihrem Aeußern zu erkennen gab. Die wenigen Tage bis zu ihrer Abreise hatten sie so sehr verändert, daß sie ganz und gar verfallen und um wenigstens zehn Jahre älter erschien. Auch fühlte sie sich schwach und kraftlos, und vermochte sich nur mit Anstrengung aufrecht zu erhalten und die ihr obliegenden Anordnungen zu treffen; dennoch überwand sie dies Alles mit Anwendung des festesten Willens und eingedenk ihres Vornehmens, die Ruhe und Sammlung der Schuldlosigkeit zu zeigen. Sie bedurfte dieser in hohem Grade, denn siewar willens, vor ihrer Abreise noch den Prinzen und Fürsten zu sprechen. In diesem Verlangen glaubte sie den Beweis zu liefern, daß sie nicht in dem Gefühl ihrer Schuld schied, sondern nur als Leidende der über sie herrschenden Gewalt wich. Auch war es ihre Absicht, dem Prinzen ihre Wünsche über die fernere Erziehung ihrer Tochter zu erkennen zu geben. Sie besaß ein Recht dazu und war weit entfernt, dasselbe aufzugeben, und glaubte daher den Prinzen damit bekannt machen zu müssen, damit er nicht etwa den Glauben hegte, sie wäre sich derselben nicht bewußt oder hätte sie etwa in dem Bewußtsein ihres Vergehens, oder durch die Verbannung eingeschüchtert, aufgegeben. Was sie jedoch zu der Unterredung mit dem Fürsten trotz der erfahrenen Unbill besonders veranlaßte, war die Hoffnung, daß es ihrem Worte vielleicht gelingen dürfte, ihn zur Zurücknahme des Befehls hinsichts ihrer Tochter zu veranlassen. Ihre Hoffnungen waren in dieser Beziehung allerdings nur gering; die Liebe zu ihrem Kinde jedoch viel zu groß, um nicht noch das Letzte zu wagen.
Kostete es ihr schon eine nicht geringe Ueberwindung, noch einmal ihren Feinden Auge in Auge gegenüber zu stehen, deren Gewalt sie unterlegen war, so war sie doch auch zugleich entschlossen, sich selbst zu vergessen, um sich das geliebte Kind zu retten, für dessen Besitz ihr kein Opfer zu schwer sein sollte.
Sie hatte gefürchtet, daß weder der Fürst noch der Prinz sich zu einer Unterredung verstehen würden, undwurde daher sehr angenehm überrascht, als ihr diese auf ihre schriftliche Bitte bewilligt wurde. Sie wußte freilich nicht, daß dies nicht ohne Widerstreben Seitens Beider geschehen war.
Zu der Unterredung war der Tag vor ihrer Abreise bezeichnet worden. Wie eilig ging ihr die Zeit bis zu diesem Augenblick dahin, in welchem sie sich vielleicht für eine lange Dauer von ihrem Kinde trennen mußte, und mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, für Alles, was dessen Wohl betraf, zu sorgen. Was sie in ihrer kummervollen Erregung noch aufrecht erhielt, war die freilich nur schwache Hoffnung, des Fürsten Herz für ihre Wünsche gewinnen zu können.
So nahte der bedeutsame Tag, und mit gewaltsamer Ueberwindung aller sie bestürmenden widrigen Gefühle begab sie sich zu dem Prinzen.
Derselbe empfing sie in einem der Staatsgemächer des Palais.
Ihr hinfälliges Aussehen und die sich in ihrem Wesen abspiegelnde Resignation blieben nicht ohne Wirkung auf ihn und schienen ihn zu veranlassen, auf einen in seiner Nähe befindlichen Sessel zu deuten.
»Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen,« sprach Sidonie, ohne sich niederzulassen, »und diese bezwecken die Erziehung meiner Tochter.«
»Dieselbe wird ihrem Range gemäß sein,« fiel der Prinz ein.
»Ich zweifle nicht daran und dies ist auch nicht dieVeranlassung, wenn ich Ihnen meine Wünsche in dieser Beziehung zu erkennen gebe. Es ist ein anderer und wichtigerer Grund, der mich dazu bestimmt. Ein Kind bedarf vor Allem der Elternliebe, in deren vollem Genuß es sich wohl fühlt. Diese wird Isabelle entbehren müssen, indem man sie fremden Händen übergiebt. Man wird vielleicht ihren Geist ausbilden; des Kindes Herz bildet sich jedoch nur an einem liebenden Herzen aus, und so erfüllt mich die Besorgniß, Isabelle wird den Einflüssen ihrer Umgebung unterliegen. Sie haben es für nothwendig erachtet, mir die Erfüllung meiner Mutterpflichten unmöglich zu machen, um so mehr erwarte ich daher, daß Sie selbst die Erziehung des Kindes überwachen und es mir gestatten werden, Isabelle zu sehen und mich von dem Erfolg der ersteren zu überzeugen.«
»Ich habe nichts dagegen; doch mache ich Ihnen bekannt, daß Isabelle mit Ihnen zugleich den Hof verläßt, da ich sie zu meiner Tante, der Herzogin Karoline, sende, woselbst sie fortan leben soll.«
Diese Nachricht erfreute Sidonie in hohem Grade; denn durch diese Maßnahme wurde ihr Wunsch erfüllt und Isabelle den Einflüssen des Hofes entzogen; auch war ihr die Herzogin als eine sehr geachtete Dame bekannt.
»Sie erfüllen dadurch meinen Wunsch und ich billige diese Anordnung gern,« entgegnete sie und fragte alsdann: »Ich hoffe, daß es mir gestattet sein wird, mit meiner Tochter brieflich zu verkehren?«
»Ich stelle das Ihrem Belieben anheim,« entgegnete der Prinz, wie es schien bemüht, die ihn peinigende Unterredung zu enden.
»Wenn auch hiemit mein persönliches Interesse erledigt sein dürfte, so drängt es mich doch, noch ein Wort an Sie zu richten,« fuhr die Prinzessin nach kurzer Pause fort. »Daß man die Trennung unserer Ehe als durch meine Schuld herbei geführt betrachtet, muß ich hinnehmen, da der Schein gegen mich spricht und es Ihnen beliebt hat, mich auf diesen hin zu verurtheilen. Ich würde die mir auferlegte Strafe jedoch weniger verletzend fühlen, dürfte ich hoffen, daß daraus ein Segen für das Land hervor ginge. Dem Unrecht ist jedoch noch niemals Gutes entsprossen. Möchte sich in diesem Fall meine Voraussetzung nicht bestätigen; ich wünsche dies zum Wohl des Volkes, dem Sie bald ein Herrscher sein werden. Wol ist es eine schöne und hohe Aufgabe, die Wohlfahrt von Millionen zu erzielen; aber eben so furchtbar däucht mir auch das Schicksal des Regenten, der in der zügellosen Hingabe an seine Leidenschaften statt Liebe nur Haß und Verachtung säet und darum auch erntet. Mögen Sie dessen eingedenk sein, und so leben Sie wohl!«
Sidonie hatte diese Worte fest und ruhig gesprochen, indem Sie die Blicke eben so fest auf den Prinzen gerichtet hielt, der sie jedoch nicht anschaute und ihr nur mit sichtlicher Ungeduld zuhörte. Mit einer leichten, würdigen Verneigung verließ sie darauf das Zimmer.
Der Prinz schaute ihr voll Unmuth nach, der jedochnicht allein durch die von Sidonien an ihn gerichtete Mahnung an sein besseres Selbst, sondern noch mehr durch das Gefühl der Achtung hervor gerufen wurde, das ihr Verhalten in ihm erzeugt hatte. Dieses Gefühl machte sich zum ersten Mal in ihm geltend, seit er Sidonie kannte. Es lag eine so große Würde in ihrem Wesen und Benehmen, eine ungesuchte Ueberlegenheit über ihn und ihre nichts weniger als erfreulichen Verhältnisse, daß er unwillkürlich von dem Zweifel an ihre Schuld ergriffen wurde.
Die guten Regungen gingen jedoch eben so rasch, als sie entstanden waren, an seiner Seele vorüber, und sein Stolz und Rachegefühl übten schnell ihre Wirkung wieder aus, und so steigerte sich sein Unmuth bei dem Gedanken, daß Sidonie nicht als demüthig Bittende, sondern im Vollgefühl ihrer Würde von ihm geschieden war.
Mit einem hastig gemurmelten Wort, das wie »Närrin« klang, kehrte er in sein Wohngemach zurück, und ein ihm von dem Baron Mühlfels übergebener Brief von Marianen verschaffte ihm rasch seine gute Laune wieder.
Sidonie eilte nach der Unterredung zu ihrer Tochter, die sie jetzt, trotz der nahen Trennung, mit einem freudigeren Gefühl in die Arme schloß, nachdem sie deren künftiges Geschick erfahren und überdies die Gewißheit erhalten hatte, sie für die Folge sehen und nach Belieben Nachricht von ihr erhalten zu können. Ihr däuchte nun die Trennung weniger schmerzlich.
Aurelie überraschte sie dabei und theilte ihre Freude,nachdem sie den guten Erfolg der Bemühungen vernommen hatte. Ihr edles Herz wußte ja nur zu wohl, welchen großen Werth und Trost die Freundin in der ihr gewährten Begünstigung fand und daß Sidonie ohne dieselbe vielleicht in ihrem Schmerz und in ihrer Sehnsucht nach der Tochter untergegangen wäre, trotz ihres Vornehmens, sich für diese und den Grafen zu erhalten.
Unter den Beschäftigungen, welche die angekündigte nahe Abreise des Kindes nothwendig machte, nahte dann die zu der Audienz bei dem Fürsten bestimmte Stunde.
Durch die Unterredung mit dem Prinzen ein wenig ermuthigt, die ihre Hoffnungen hinsichts des Gelingens ihrer Absicht gehoben hatte, trat sie den Weg zu dem Fürsten an.
Man führte sie zu ihm, und sie fand ihn in einem Lehnsessel ruhend, wozu ihn gichtische Schmerzen in den Füßen nöthigten. Der Fürst erwiderte ihren Gruß mit kalter Höflichkeit, welche leider sehr geeignet war, Sidoniens Fassung herab zu stimmen; dennoch gewann sie rasch die erforderliche Sammlung.
»Ich habe es für meine Pflicht erachtet, Ihnen bei meinem Scheiden ein Lebewohl zu sagen,« begann sie mit bewegter Stimme, nachdem sie sich auf eine einladende Handbewegung des Fürsten in seiner Nähe niedergelassen hatte.
»Ich bedaure, durch meine Leiden an Ihrem früheren Empfang verhindert worden zu sein,« bemerkte der Fürst mit einer gewissen Verlegenheit.
»Um so mehr danke ich Ihnen, mir denselben heute bewilligt zu haben; es ist mir das ein Beweis, daß Sie selbst in dem Verurtheilten noch immer den Menschen berücksichtigen.«
»Zweifelten Sie daran?« fragte der Fürst rasch.
»Ich glaube Gründe dazu zu besitzen, denn es hat Ihnen nicht gefallen, meine Muttergefühle zu beachten.«
»Die Wünsche des Prinzen waren in diesem Fall maßgebend,« fiel der Fürst etwas erregt ein.
»Sie wären es gewesen, hätte der Prinz seiner Tochter seither die Liebe eines Vaters bewiesen, denn nur die Liebe und Sorge berechtigt zu dergleichen.«
»Ihre Tochter wird den besten Händen anvertraut werden,« bemerkte der Fürst.
»Wer vermöchte einem Kinde die Mutter zu ersetzen? Ueberdies übersah man, als diese Maßnahme beschlossen wurde, daß durch dieselbe nicht nur ich, sondern auch das Kind schmerzlich getroffen wurde.«
»Dieser Vorwurf fällt auf Sie zurück, da Sie selbst die Urheberin dieses Arrangements sind.«
Sidonie wurde durch diese Erinnerung schmerzlich getroffen; ihr ganzer Unmuth über die erfahrene ungerechte Strafe erwachte in ihr und drängte sie, sich dem Fürsten gegenüber geltend zu machen; doch die Liebe zu ihrem Kinde und der heiße Wunsch, sich dessen Besitz sichern zu können, ließ sie ihre Empfindungen beherrschen und nahm ihr das Wort von den Lippen.
Schweigend senkte sie das Haupt.
»Der über Sie gefällte Richterspruch bedingt die Trennung von Ihrer Tochter,« fügte der Fürst hinzu. »Man hätte diese Angelegenheit vielleicht in angenehmerer Weise für Sie ordnen können, würden Sie mich nicht zu einem richterlichen Entscheid genöthigt haben. Sie müssen nun auch die Folgen tragen.«
»Sie verlangten also ein Bekenntniß meiner Schuld? Durch eine Unwahrheit sollte ich mich selbst verurtheilen? Wie, mein Fürst,dasverlangten, erwarteten Sie von mir?« fragte Sidonie mit edlem Unwillen und fuhr nach kurzem Zögern fort: »Daß Sie das gethan haben, giebt mir den Beweis, wie wenig Sie mit meinem Charakter bekannt sind und wie fern Ihnen die Ueberzeugung lag, daß ich zur Wahrung meiner Ehre zu den höchsten Opfern bereit war. Daß diese Opfer so schmerzlich sein sollten, habe ich in dem Vertrauen zu Ihrer Gerechtigkeitsliebe freilich nicht voraus gesehen.«
»Ich sehe mich außer Stande, irgend etwas für Sie zu thun,« wandte der Fürst ein. »Die Erziehung Ihrer Tochter wird überdies Ihre Ansprüche befriedigen. Die Herzogin ist eine Dame von Geist.«
»Ich will es hoffen; dennoch erinnere ich Sie, daß einem Kinde die Mutter niemals ersetzt werden kann. Sie verstehen, begreifen mich vielleicht nicht, mein Fürst; denn Ihnen ist das Vatergefühl fremd, da Ihr Herz durch den Ton eines eigenen Kindes niemals ergriffen worden ist. Ich wünschte, dem wäre so, Sie würden alsdann auch die ganze Größe meines Schmerzes ermessen können,welche Sie mir durch die Trennung von meiner Tochter bereiten.«
»Sie haben dies den Verhältnissen zuzuschreiben,« wandte der Fürst ein.
»Ich habe mich in dieselben gefügt, ohne Klage, ohne eine Beschwerde, und ich würde meine Verbannung mit einem weniger vorwurfsvollen Gefühl hinnehmen, hätten Sie sich bewogen gefunden, meine und meiner Tochter Empfindungen und natürliche Forderungen zu berücksichtigen.«
»Sie scheinen ganz zu übersehen, daß man Ihre Tochter Ihren Aufenthalt nicht theilen lassen darf; so etwas widerspräche dem Gesetz.«
»O, mein Fürst, wie übel muß ein Gesetz sein, das den Forderungen der Menschlichkeit widerspricht! Wird die Ehre meiner Tochter gekränkt, indem sie die Verbannung ihrer Mutter theilt? Ich glaube nicht. Ueberdies ist es bekannt, daß das Ansehen eines Fürsten noch nie gelitten, dessen Menschlichkeit sich über das Gesetz zu stellen wagte. Die Nachwelt nannte solche Fürsten gut und edel, und so meine ich, dürfte die Wahl zwischen dem starren Gesetz und der Milde nicht eben schwer sein.«
Der Fürst verrieth eine Bewegung, welche Sidoniens Worte in ihm erzeugten; ihre Haltung und die Zeichen tiefen Seelenleidens hatten überdies wie auf den Prinzen, so auch auf ihn bei ihrem Eintreten einen tiefen Eindruck hervorgerufen, und so fühlte er sich fast geneigt, auf ihre Vorstellungen einzugehen. Dies währte jedoch nur wenigeAugenblicke, alsdann machte sich sogleich das Bewußtsein von der Nothwendigkeit, dem Gesetz jede wärmere Regung des Herzens zu opfern, geltend, und er entgegnete nach kurzem Ueberlegen:
»Es ist die Pflicht eines jeden Regenten, die Gesetze zu achten, die er selbst gegeben hat.«
»Gewiß ist dem so, mein Fürst; es ist aber auch das schöne Vorrecht der Regenten, die gegebenen Gesetze durch Menschenliebe zu mildern. Was wäre ein Fürst, der nur das verkörperte Gesetz darstellte? Dessen Sklave, weiter nichts. Sollten Sie sich nicht ein höheres Ziel gesteckt haben? Ich hoffe es.«
Sidonie hätte ihre Worte nicht besser wählen können; dieselben hatten die empfindlichste Stelle in des Fürsten Herzen berührt, indem sie ihn zugleich zur Anerkennung der Wahrheit derselben zwangen. Noch weniger ahnte sie, daß noch andere Umstände die Wirkung ihrer Worte wesentlich erhöhten.
Unter dem empfangenen Eindruck schaute der Fürst einige Augenblicke schweigend und gedankenvoll vor sich hin; kaum jedoch fühlte er eine Anwandlung von nachgiebiger Schwäche, so war er auch bedacht, sich in seinem Vorsatz zu behaupten, und sein kalter, berechnender Verstand wies sogleich die Anwandlungen milder Rücksicht von sich; jedoch wie es schien, nicht ohne einen kurzen, heftigen Kampf.
Sidonien entging das nicht und ein beglückendes Gefühl zog in der Voraussetzung durch ihr Herz, den Fürstenfür ihren Wunsch gewonnen zu haben. Sie sollte ihre Täuschung bald erkennen, denn im Begriff, dem Fürsten das Glück zu bezeichnen, das er ihr durch seine Milde schenkte, wehrte er ihrer Antwort durch eine Handbewegung und bemerkte erregt:
»Kein Wort weiter über diesen Gegenstand! Ich wünsche nicht, daß diejenigen Grundsätze, nach welchen ich die Bestimmungen über Sie getroffen habe, einer weiteren Erörterung unterworfen werden. Es würde zu nichts führen. Darum bitte ich, davon abzubrechen.«
Sidonie erbleichte; sie erkannte, daß sie unter diesen Verhältnissen auf nichts mehr zu hoffen hatte, da der Fürst jede weitere Bitte bestimmt ablehnte.
Eine große Thräne rann über ihre bleiche Wange; der Fürst bemerkte diesen Zeugen ihres tiefen Wehes nicht, denn er hielt die Augen von ihr abgewandt, als ob er sich vor ihrem Anblick scheute. Es trat eine kurze Pause ein, alsdann bemerkte Sidonie ruhig und mit schmerzvollem Ton:
»Wol fühle ich, wie wenig angenehm Ihnen meine Worte sein müssen, und ich bitte um Vergebung, wenn ich, ermuthigt durch Mutterliebe und in dem Wahn, es könnte dieselbe einen wenn auch nur schwachen Widerhall in Ihrem Herzen finden, Ihnen offen meinen Schmerz, aber auch das Glück zeigte, das mir die Gewährung meiner Bitte bereitet hätte. Doch ich will mich zufrieden geben, da Sie mich auch dazu zwingen; aber, mein Fürst, bin ich dazu auch genöthigt, so gestatten Sie mir doch, Sie zu erinnern, welchen Namen die Welt dieser Maßnahmegeben wird. Denn selbst wenn mich auch die Menschen für schuldig erachteten, würden sie dennoch nimmer die Trennung von meinem einzigen Kinde billigen. Die Rechte der Mutter sind heilig, und wer dieselben in solcher Weise zu schädigen wagt, verfällt dem Urtheil der Welt.«
»Sei es; ich kann dasselbe hinnehmen!« fiel der Fürst erregt ein.
»Nein, mein Fürst, nein! Flüchten Sie sich nicht hinter Ihr fürstliches Ansehen; es schützt den Menschen in Ihnen nicht; nicht denFürsten, sonderndiesenwird man verurtheilen. Denn über allem Glanz, über aller Macht und Gewalt der Fürsten steht der Mensch; man liebt und verehrtihn, nicht diekalte fürstliche Größe!«
Des Fürsten Antlitz zeigte ein bewegtes Mienenspiel, in welchem sich die widerstreitendsten Empfindungen zu erkennen gaben; sein Auge leuchtete rasch auf und verrieth eine ungewöhnliche Bewegung seines Innern. Das Alles währte jedoch nur ein paar Secunden; alsdann schien er wieder ruhig zu sein.
»Haben Sie schon den Prinzen gesprochen?« fragte er.
Sidonie bejahte, und er fuhr fort:
»So werden Sie auch erfahren haben, daß es Ihnen unbenommen ist, Ihre Tochter für die Folge zu sehen. Isabelle wird Sie in gewissen Zeiträumen besuchen; ich werde den Befehl dazu geben.«
»O, wie danke ich Ihnen, mein gnädiger Fürst!« fiel Sidonie, durch das Vernommene beglückt, in gerührtemTon ein, und fügte alsdann nach einem raschen Entschluß flehend hinzu: »O, mein Fürst, warum wollen Sie dem edeln Zuge Ihres Herzens nicht folgen und mir Ihre ganze Gnade gewähren? O, ich lese es in Ihren Zügen, daß meine Worte einen Widerhall in Ihrem Herzen fanden; warum unterdrücken Sie so edle Regungen, um mein kummervolles Herz nicht ganz zu beglücken? Wäre es nicht ein schöner Sieg, den die Menschlichkeit über das kalte Gesetz davon trüge?«
In ängstlicher Spannung, die Augen mit Thränen erfüllt, blickte Sidonie auf den Fürsten, seiner Antwort gewärtig, von der das Glück und die Ruhe ihrer Seele abhing.
»Sein Sie zufrieden, Prinzessin!« fiel der Fürst ein und fügte nach kurzem Zögern hinzu: »Ich habe mehr gethan, als ich durfte; ich habe gegen meine eigene Bestimmung gehandelt. Ich habe des Prinzen Willen zu beachten und mehr als das, die Verhältnisse, welche die Trennung von Ihrer Tochter fordern. Erkennen Sie das und glauben Sie mir, daß, so hart ich Ihnen auch vielleicht erscheine, sich der Fürst oft nur auf Kosten seines Herzens behaupten kann.«
Der Fürst sprach diese Worte mit einer ungewöhnlichen Milde und Bewegung, und es schien, als ob er während dessen bereits bemüht wäre, dieselbe zu verbergen.
»Jetzt lassen Sie uns scheiden,« fuhr er nach kurzer Pause fort; »eine weitere Unterredung wäre fruchtlos und uns Beiden nicht angenehm.«
Von seinen Worten und seinem Benehmen tief ergriffen, erhob sich Sidonie; sie erkannte, daß ihr unter den obwaltenden Umständen nichts mehr zu thun übrig blieb, und so zögerte sie nicht, seinen Wunsch zu erfüllen und ihn zu verlassen.
»So leben Sie denn wohl, mein Fürst,« sprach sie voll Rührung. »Ich scheide mit dem aufrichtigen Wunsch, Sie würden bald von Ihren Leiden befreit werden. Auch danke ich Ihnen nochmals für die Beruhigung, die Ihre Güte mir gewährt hat.«
»Leben Sie wohl!« entgegnete der Fürst mit einer geringen Kopfneigung gegen sie.
Als sich die Thür hinter Sidonien schloß, athmete der Fürst auf und lehnte sich in den Sessel zurück, indem er auf das Geräusch des fortrollenden Wagens der Prinzessin lauschte. Seine vorher strengen Züge waren jetzt weich, sein Auge blickte mild, und er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sinnend schaute er eine Weile vor sich hin, alsdann klingelte er, ließ sich von dem eintretenden Kammerdiener aus dem Sessel heben, und schritt unter dessen Beihilfe trotz der empfundenen Schmerzen mehrmals durch das Gemach. Er schien bewegt, und es währte eine längere Zeit, ehe seine Züge den gewöhnlich ruhigen Ausdruck wieder zeigten.
Sidonie kehrte, wenngleich nicht in einer befriedigten, so doch beruhigteren Stimmung in ihr Palais zurück; sie war wenigstens um eine beglückende Hoffnung reicher, die ihr den künftigen Besuch ihres geliebten Kindes verhieß.Das ihr von dem Fürsten gezeigte Mitgefühl that ihrem Herzen wohl, und sie beklagte es um so mehr, daß die Gewalt der Verhältnisse dasselbe in solcher Weise beschränkte und ihn bewogen, sich dem Willen des Prinzen unterzuordnen. In diesem Umstande lag aber für sie die angenehme Hoffnung, es könnte der Fürst vielleicht für die Folge diese Milde wieder geltend zu machen bedacht sein und sich somit auch ihr und ihres Freundes Geschick bald günstiger gestalten.
Diese Hoffnung theilte auch Aurelie, welche Sidonie mit dem Erfolg ihrer Bemühungen bekannt machte, wenngleich sie dem Fürsten zürnte, daß er sich dem Verlangen des Prinzen gefügt hatte. Doch der Mensch erträgt geduldiger das ihm auferlegte Mißgeschick, wenn seinem Herzen die Hoffnung auf ein künftiges Besserwerden schmeichelt. Ist dies doch so eigentlich der ganze Inhalt unseres Lebens; Streben und Kämpfen mit den Verhältnissen der Gegenwart in dem trügenden Hoffen, daß uns die Zukunft für die Mängel und Opfer der Gegenwart liebreicher und vollkommener durch Gewährung unserer Wünsche entschädigen wird.
So eilig gingen Sidonien die letzten Stunden, welche sie noch mit ihrer Tochter verleben durfte, dahin; sie benutzte dieselben, um dieser die Nothwendigkeit ihrer Trennung erklärlich und sie zugleich auf die Bestimmung des Prinzen hinsichts ihrer Erziehung bei der Herzogin aufmerksam zu machen. Sie ermahnte sie dann, sich durch Folgsamkeit die Liebe ihrer Pflegerin zu erwerben underinnerte sie, welche Freude sie ihr selbst dadurch bereiten würde. Sie sagte ihr, daß sie oft Briefe an sie senden würde, und sie sich daher bemühen sollte, dieselben beantworten zu können, und wie sehr sie ein jedes Wort von ihr beglücken würde.
»Auch wirst Du mich öfter besuchen, meine Tochter, und wir werden alsdann wol einige Tage bei einander sein,« fuhr Sidonie fort.
»Warum kann ich nicht immer wie jetzt beichère mamasein?« fragte die Kleine.
Wie tief und schmerzlich ergriff Sidonie diese so natürliche Frage, da sie die richtige Antwort verschweigen mußte; dieselbe berührte sie um so empfindlicher, da sie deren Wiederholung in späterer Zeit mit Bestimmtheit erwarten durfte.
»Du sollst die Gründe dazu, wenn Du älter bist, erfahren,« entgegnete Sidonie, deren Vornehmen es war ihre Tochter dereinst selbst mit Alledem bekannt zu machen, wodurch ihr trauriges Geschick hervorgerufen worden war.
In solchem und ähnlichem Zwiegespräch verweilten Mutter und Tochter so lange bei einander, bis das Kind sich zur Ruhe begab. Alsdann fertigte Sidonie einen Brief an die Herzogin Karoline, in welchem sie dieser mit der ganzen Wärme ihres Muttergefühls ihre Tochter empfahl, ihr das Vertrauen zu erkennen gab, welches sie zu ihrem edeln Sinn hegte, und sie eindringlich bat, ihr die Liebe des Kindes zu erhalten.
Es war bereits über die Mitternacht hinaus, als siediesen für sie so wichtigen Brief vollendete; alsdann begab sie sich an das Lager ihres Kindes und erfreute sich an dessen süßem Schlummer, und erst gegen Morgen suchte sie selbst Ruhe, um sich für die Reise zu kräftigen.
Ach, so früh kam der Morgen, nahte die Stunde der Trennung von ihrem Kinde.
Das Geräusch des heranrollenden Wagens, der ihre Tochter aufnehmen sollte, durchzitterte ihre Seele und sie bedurfte ihrer ganzen Fassung, um dem Augenblick nicht zu erliegen.
Bald darauf erschien die Hofmeisterin Isabellens, welche diese zu der Herzogin begleiten und fortan bei ihr bleiben sollte.
Sidonie hatte bereits am vergangenen Tage eine eben so ernste als eingehende Unterredung hinsichts ihrer Tochter mit dieser gehabt und wiederholte daher nur noch einen und den andern Wunsch. Alsdann drückte sie das geliebte Kind noch einmal voll Zärtlichkeit an sich und bedeckte das Lockenhaupt mit vielen Küssen. Weinend schlang Isabelle die Arme um ihren Hals, wollte nicht von ihr lassen und verlangte bei ihr zu bleiben; ein tief ergreifender Anblick, der in den Augen aller Anwesenden Thränen lockte. Doch es mußte geschieden sein, und so riß sich Sidonie gewaltsam von der Tochter los, übergab sie der Hofmeisterin, die mit ihr davon eilte, und sank alsdann, von Schmerz überwunden, in den Sessel. Wenige Augenblicke darauf eilte der Wagen davon und entführte die Geliebte.
Als Sidonie wieder zum Bewußtsein gelangte, war es um sie einsam und still.
Längst war das Rollen des forteilenden Wagens vertönt.
»Sie ist dahin!« sprach sie unter einem heftigen Thränenstrom leise.
Aber wenn sie auch die Umarmung ihres Kindes entbehren mußte, umschlossen sie dagegen jetzt die Arme edelster Freundschaft; Aurelie schloß sie an die Brust. Hier fand sie wieder Fassung und Muth, und fühlte sich nun nicht mehr verlassen und einsam. Kaum hatte sie ihren Schmerz übermannt, so ergriff sie auch das heftigste Verlangen, so rasch als möglich das Palais zu verlassen. Fast gewaltsam erhob sie sich, indem sie mit ängstlicher Stimme bemerkte:
»Lass' uns eilen, Aurelie! Es ist unheimlich hier, hier, an der Stätte meiner Leiden. In der freien Natur wird mir wohler werden. Nur schnell, schnell fort aus diesen schauerlichen Räumen!«
Der Wagen harrte ihrer bereits. Schnell war die Toilette geordnet und eben so eilig verließ sie mit Aurelien das Gemach. Keinen Blick wandte sie hinter sich, sondern schritt rasch nach dem Saal, in welchem ihre ehemaligen Hofdamen und sonstige Beamte, Diener und Dienerinnen sie erwarteten, um ihre Herrin noch beim Scheiden zu begrüßen.
Sie reichte Niemandem die Hand; denn sie glaubte sich dessen als Verurtheilte enthalten zu müssen; aber esbedurfte dessen nicht, denn man umringte sie und küßte ihr freiwillig die Hände. Sie vermochte nicht zu sprechen; bebend drängte sie dem Ausgange zu; ehe sie jedoch hinaus schritt, wandte sie sich nach Allen zurück, grüßte wiederholt mit Freundlichkeit, und stieg alsdann mit Hilfe des Kammerherrn in den Wagen. Aurelie folgte ihr.
In der Ferne stand schweigend und mit entblößten Häuptern die schaulustige Menge, denn Sidoniens Abreise war bekannt geworden. Unter derselben befanden sich einige niedere Hofbeamte; nur war keiner darunter, der in des Prinzen Diensten stand.
Die Baronin Mühlfels hatte es nicht versäumt, sich den Anblick von Sidoniens Abreise zu verschaffen, und sich darum zu der ihr befreundeten Hofdame im Palais begeben, mit welcher sie von einer verborgenen Stelle des Zimmers aus die tugendstolze, von ihr tief gehaßte Prinzessin beobachtete. Das kummervolle Antlitz und das vom Weinen geröthete Auge derselben thaten ihrem Herzen wohl.
»Es ist ihr recht geschehen,« meinte sie, und die Freundin stimmte dieser Ansicht bei.
»Sie hat es schon um Ihren Sohn verdient,« meinte die Hofdame.
»Gewiß, gewiß! Und ich denke, man wird nun auch wieder zu seinen vollen Würden kommen,« sprach die Baronin.
»Der Prinz vermählt sich wahrscheinlich bald, und da kann Ihnen die Oberhofmeisterin-Stelle nicht fehlen.«
»Und dann werde ich auch auf meine Freundin bedacht sein,« fiel die Baronin äußerst lieblich ein.
Ihre Bemerkungen wurden hier unterbrochen, da sich auf Sidoniens Wink der Wagen in Bewegung setzte und rasch fort rollte.
»Adieu, keusche Susanne!« rief die Baronin ihr höhnisch nach.
Die Menge verhielt sich still und zerstreute sich eben so still; doch wurde manches bedauernde Wort, jedoch nur leise gesprochen, vernommen. Mancher zuckte die Achseln und schwieg. Die Wenigsten glaubten an Sidoniens Schuld. Die Mienen Aller zeigten Ernst und Betrübniß; Einer nur schaute dem fortrollenden Wagen aus den Gemächern des Prinzen mit schadenfrohem Lächeln nach; es war dies Mühlfels, der sich nach einem abgelegenen Zimmer daselbst begeben hatte, um gleich seiner Mutter Zeuge von Sidoniens Abreise zu sein.
Der Prinz befand sich nicht in dem Palais; er war absichtlich für mehre Tage verreist.
Als der Wagen den Augen des Barons entschwand, erhob er sich voll Befriedigung und murmelte vor sich hin:
»Ich bin gerächt!«