Neuntes Kapitel.
Obwol, wie wir erfahren haben, Sidonie ein fast zurückgezogenes Leben am Hofe geführt hatte, so waren doch sehr Viele, namentlich die Damen, durch die von ihr erhobenen Ansprüche an Sittlichkeit und Einfachheit über die Maßen unangenehm berührt und beengt worden. So konnte es denn nicht fehlen, daß man namentlich in jenen Kreisen ihre Verbannung nicht nur mit geheimer Freude aufnahm, sondern diese Maßnahme auch um so offener billigte, da man dem Fürsten und Prinzen dadurch eine Huldigung darzubringen für gut fand.
Daß man wirklich an Sidoniens Schuld glaubte, kann nicht überraschen; wie konnte sie besser sein, als Alle. Sie hatte ihre Rolle nur schlecht gespielt. Doch das erachtete man im Hinblick auf das eigene Interesse für nebensächlich; war doch das ziemlich allgemeine Verlangen erfüllt und eine Person von so maßgebender Wichtigkeit endlich ihres Einflusses beraubt worden. Das war die Hauptsache. Denn man sagte sich, daß, wenn die so glücklichen Umstände, welche Sidoniens Verbannung herbei geführt hatten, nicht eingetreten wären und sie früher oder später ihre Macht als Regentin hätte ausüben können, statt des gegenwärtigen genußvollen Lebens ein langweiliger Tugendzwang und ein klösterlicher Ernst bei Hofe eingeführt worden sein würden. Und so gönnte man ihr von Herzen die Verbannung. Daß der Prinz bei seinerneuen Vermählung in der Wahl einer Gattin vorsichtiger sein würde, war man durchaus überzeugt, und dadurch jeder Sorge für die Zukunft überhoben, wogte das lustige und zügellose Leben mit um so größerer Gewalt auf, worin man sich zu überbieten und in dessen Strudel man den Prinzen hinein zu ziehen bedacht war.
Nur ein Theil des höheren Adels, der dem Grafen Römer anhing, protestirte ziemlich offen gegen die hinsichts des Letzteren ausgeübte Maßnahme und nahm keinen Anstand, selbst die Verbannung Sidoniens als ungerecht und Beide als die Opfer einer wohl berechneten Intrigue zu bezeichnen.
Viele zogen sich von dem Hofe zurück, wozu der nahende Lenz eine sehr passende Gelegenheit darbot; Viele auch, denen dies nicht gestattet war, mieden es, an dem Hofe zu erscheinen.
Der Fürst, mit Alledem vertraut, setzte ihnen sein ganzes oberherrliches Ansehen entgegen und sah sich dadurch sogar veranlaßt, gegen Römer mit größerer Strenge zu verfahren, als dies unter entgegengesetzten Umständen geschehen wäre.
Und sein Verhalten erzielte in Verbindung mit der Alles ausgleichenden Zeit und Gewöhnung die erwünschte Wirkung.
Sidonie war in wenigen Wochen, wenigstens in der Residenz, vergessen, und der Adel murrte zwar, begnügte sich jedoch damit, da die früheren Schritte bei dem Fürsten in Römer's Interesse fruchtlos gewesen waren.
Ja, des Fürsten beharrliches Verhalten führte sogar noch den übeln Erfolg herbei, daß man selbst in diesen Kreisen allmälig den Glauben an Römer's Schuld gewann und sich mit demselben das Interesse für ihn minderte. Auch dieser Umstand entging dem Fürsten nicht und er wurde dadurch sehr befriedigt. Trotzdem erachtete er es für vortheilhaft, durch eine baldige Vermählung des Prinzen die stattgefundenen Vorfälle rasch der Vergessenheit zu übergeben, und Boisière wurde darum beauftragt, einige Höfe in diesem Interesse zu besuchen. Daß der Kammerherr dieses Mal mit der höchsten Vorsicht zu Werke ging, darf kaum bemerkt werden; dennoch gelang es ihm in kurzer Zeit, sich seines Auftrages in der erwünschtesten Weise zu entledigen, und bald verbreitete sich die Nachricht von der Neuvermählung des Prinzen und nahm namentlich bei Hofe das allgemeinste Interesse in Anspruch.
Wir wissen, daß der Prinz sich schon früher mit einer Vermählung einverstanden erklärt hatte, und er wandte gegen dieselbe um so weniger etwas ein, da ihm seine künftige Gemahlin in jeder Hinsicht zusagte und er vor allen Dingen von dieser eine Mißbilligung seiner Liaison mit Marianen nicht zu fürchten hatte.
Dieser Umstand war ihm gerade jetzt von Wichtigkeit.
Mariane hatte nämlich seinen Vorschlag hinsichts einer Vermählung mit dem ihr empfohlenen Gemahl entschieden abgelehnt und verlangt, in ihrer Villa zu wohnen, in Folge dessen sich der Prinz bewogen fand, ihr dieRückkehr nach seiner erfolgten Vermählung in Aussicht zu stellen.
Damit gab sich das Mädchen zufrieden, überzeugt, daß nun auch einst ihre ehrgeizigen Wünsche erfüllt werden würden.
Dem Prinzen hatte ihre Weigerung, sich zu vermählen, gefallen, dieselbe steigerte zugleich sein Verlangen, sich bald ihrer Nähe wieder erfreuen zu können, und so war er bedacht, seine Vermählung zu beeilen. Kaum einen Monat nach derselben begrüßte er die Geliebte in der jetzt mit großer Pracht ausgestatteten Villa. Trotz des Besitzes einer neuen Gattin fühlte sich der Prinz durch Mariane im höchsten Grade entzückt, da sie ihm noch vielfach reizender als früher erschien, indem sie die gewonnene geistige Ausbildung sehr vortheilhaft zu benutzen verstand. Wenige Wochen des Umgangs mit ihr reichten hin, ihn ihrer Herrschaft ganz und gar unterzuordnen; denn das Mädchen hatte sich nicht nur körperlich ausgebildet, sondern auch alle diejenigen Künste angeeignet, welche dem Prinzen ganz besonders gefielen und ihr einen leichten Sieg über den Schwächling und Sinnenmenschen gaben.
Da die Gemahlin des Letzteren die Liaison ihres Gatten nicht beachtete, so übersah auch der Fürst dieselbe, durch das eheliche Verhältniß seines Neffen durchaus zufrieden gestellt.
Daß Mühlfels fortan in noch erhöhterem Maß des Prinzen Freundschaft genoß, darf kaum bemerkt werden;der Fürst verlieh ihm zwar einen höheren Militärrang, suchte ihn jedoch von sich fern zu halten und beehrte ihn niemals durch eine Ansprache.
Er überließ es seinem Neffen, sich dereinst mit dem Baron abzufinden, was auch später in der glänzendsten Weise geschah. Nicht minder gütig erwies sich der Prinz gegen die Baronin, die er zur Oberhofmeisterin seiner neuen Gemahlin erhob. Zugleich trat die Baronin in ein vertrauliches Verhältniß zu Marianen, was der Prinz wünschte und wofür er sich allezeit sehr dankbar zeigte.
So erntete diese Dame den ihr gebührenden Lohn im vollsten Maß.
Wir kehren jetzt zu Sidonien zurück.
Sie hatte sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht. Kaum lag das Palais und die Residenz hinter ihr, so athmete sie beruhigter und freier auf. Mit Wonne sog sie die linden Frühlingslüfte ein, welche zu ihr drangen. Vor Allem war es das Gefühl der Freiheit, das sie mit wunderbarer Kraft durchdrang.
Den ganzen Schmutz der Gemeinheit und Unsittlichkeit, der seit Jahren ihre Seele verletzte, ließ sie hinter sich und badete diese jetzt in dem reinen Aether der göttlichen Natur.
Das erhob, beseligte ihr Herz, das ließ sie die Trennung von ihrem geliebten Kinde weniger schmerzlich empfinden. Um wie vieles glücklicher würde sie sich gefühlt haben, hätte das Geräusch eines nachrollenden Wagenssie nicht erinnert, daß ihre Freiheit durch die ihr mitgegebenen Damen getrübt wurde und sie sich nicht dem ganzen Vollgenuß derselben hingeben durfte. Wäre sie nur mit Aurelien allein gewesen, so würde sie sich ganz befriedigt gefühlt haben. Doch sie wurde durch die Fahrt so sehr in Anspruch genommen, daß sie diesen Umstand nicht weiter erwog. Der Tag war schön; die Sonne leuchtete, die ersten Lerchen ließen ihren Gesang ertönen, und die dunkeln Wälder färbte bereits ein grüner Knospenschimmer. Das Alles that ihrem armen Herzen so wohl.
Auf ihren Wunsch wurde die Fahrt beeilt; kaum gönnte sie sich die so nothwendige Erholung, und schnell wurde Meile auf Meile zurückgelegt.
Dennoch war es fast Mitternacht geworden, als sie das Schloß erreichte, woselbst man ihrer Ankunft entgegen harrte.
Das alterthümliche, von der Dunkelheit umhüllte Gebäude erschreckte sie; es erschien ihr mit seinen Thürmen wie ein Gefängniß, wenngleich ihm die einschließenden Mauern fehlten. Sie hatte es sich freundlicher in der waldigen Umgebung gedacht, und nur zögernd und scheu betrat sie die kühlen und feuchten Bogengänge, um nach ihren Gemächern zu gelangen.
Dieser Eindruck war jedoch ein vorübergehender, und an seine Stelle trat die Erinnerung, daß ihr Freund wol kaum behaglichere Räume bewohnte, und es gewährte ihrem edeln Herzen eine angenehme Beruhigung, sich nichtallzu großer Bequemlichkeiten erfreuen zu dürfen. Sie theilte diese Gedanken der Freundin mit, und Aurelie war erfreut, Sidonie in so gefaßter Stimmung zu sehen, da sie selbst durch den neuen Aufenthaltsort, der ihnen vielleicht für lange Zeit dienen sollte, wenig angenehm berührt worden war. Sie umarmte die Prinzessin voll Innigkeit und gefeuchtetem Auge.
»Fürchte nichts, gute Aurelie. Ich hoffe, wir werden uns bald an die düsteren Räume gewöhnen, besonders wenn der Lenz sie mit seinen Reizen ausstattet, was ja nicht mehr lange währen kann,« bemerkte Sidonie fast heiter und fuhr alsdann fort: »Bei dem ersten hellen Tage wollen wir uns unsern neuen Wohnsitz und seine Umgebung genau betrachten, und ich denke, unseren Bemühungen soll es gelingen, denselben heiterer und freundlicher zu gestalten.«
Aurelie ging mit der ihr so eigenthümlichen Güte sogleich auf die Stimmung und Gedanken der Freundin ein, und während sie das Abendessen einnahmen, entwarfen sie einen Lebensplan für die Folgezeit, nach welchem sie die Stunden einzutheilen gedachten, um sich den Aufenthalt angenehm zu machen. Die Ermüdung nöthigte sie jedoch bald, die Ruhe zu suchen, der sie so sehr bedurften.
Es war eine ganz besondere Ironie des Zufalls, daß der Fürst dasjenige Schloß zu Sidoniens Aufenthalt bestimmt hatte, aus welchem Mariane hervor gegangen war. Ihm war dies unbekannt und ihn hatten zu dieser Wahl besondere Umstände bestimmt. Das Schloß lag nämlich,wie wir wissen, eine bedeutende Strecke von der Residenz entfernt, was ihm besonders lieb war, um ein mögliches Berühren mit Sidonien zu vermeiden; dann aber war es auch das einzige, was sich zu dem bezeichneten Zweck eignete, da die vorhandenen Lustschlösser benutzt wurden und auch der Residenz viel zu nahe lagen.
Vielleicht würde der Fürst zu einer andern Wahl bestimmt worden sein, hätte er jenen Umstand hinsichts Marianen gekannt oder ihn der Prinz darauf etwa aufmerksam gemacht. Dieser besaß jedoch viel zu wenig Zartgefühl, um auf den Gedanken geleitet zu werden, daß Sidonie durch die getroffene Bestimmung verletzt werden könnte. Dergleichen lag ihm fern. Sidonie selbst war gleich dem Fürsten mit dem zwischen ihrem neuen Aufenthaltsort und Marianen bestehenden Beziehungen eben so wenig vertraut, und unterwarf sich darum ohne jedes Bedenken einer Anordnung, die ihren heißen Wunsch erfüllte und sie von der Residenz fast gänzlich abschloß.
Als sie nach einer unruhigen Nacht erwachte, begrüßte sie kein sonniger Tag, sondern ein trüber, nebliger Morgen, der wenig zur Erheiterung ihrer trauernden Seele geeignet war. Dennoch ließ sie sich dadurch nicht abhalten, wenigstens die Räume des Schlosses zu besuchen, und entdeckte dabei zu ihrer Freude, daß dasselbe außer den düsteren, noch mehre wohnlichere Gemächer enthielt. Als dann die Tage freundlicher wurden, nahm sie den Garten und die Umgebung des Schlosses in Augenschein, und es gewährte ihr eine angenehme Ueberraschung,die letztere mit vielen landschaftlichen Reizen ausgestattet zu finden und zu erkennen, daß der erstere mit Anwendung von nicht bedeutenden Kosten geordnet und verschönt werden konnte. Es bot sich also für sie ein Feld angenehmer Thätigkeit dar, die ihr unter den obwaltenden Verhältnissen doppelt erwünscht war.
Sie gab daher sofort die erforderlichen Befehle, und bald belebte sich die Nähe des Schlosses mit Leuten, deren Arbeiten sie fortan ihr ganzes Interesse schenkte. Und je näher der Frühling rückte, je mehr seine Reize sich auf den Fluren und in den Wäldern geltend machten, um so weniger düster und unbehaglich erschien ihr der neue Aufenthaltsort.
Bald erschlossen sich Blumen aller Art in dem zierlich geordneten Garten, und ganz besonders prangte der daran grenzende Obstgarten in dem reichsten Blüthenschmuck, und mit ihnen erwachte ein regeres Leben in der Natur, in dem sich Sidonie wohl fühlte. Auch ihren Wohngemächern hatte sie mancherlei Verschönerungen angedeihen lassen und dieselben so gewählt, daß sie die Fernsicht nach dem See bequem genießen konnte. Lectüre und Musik, kleine Ausflüge in die Umgegend, namentlich nach dem tief im Walde gelegenen Forsthause, gaben angenehme Zerstreuung und wehrten dem freilich unablässigen Sehnen nach ihrer Tochter und dem Freunde.
Aber auch in dieser Beziehung blieb Sidonie nicht ohne Trost. Denn sie empfing bald eine höfliche und tröstliche Antwort von der Herzogin, später auch ab undzu einige Zeilen von der Hand ihrer Tochter, die ihr Herz mit Wonne erfüllten. Was sie jedoch ganz besonders beglückte, war eine Mittheilung von der Gräfin Römer an Aurelie, welche die Nachricht enthielt, daß der Fürst ihrem Sohn endlich sowol den brieflichen als den persönlichen Verkehr mit der Außenwelt gestattet hätte, ohne daß derselbe wie früher der Aufsicht des Commandanten unterlag. Sie hatte in Folge dessen seinen Aufenthalt erfahren, war jedoch leider durch körperliche Schwäche verhindert, ihn zu besuchen, und mußte sich daher mit brieflichen Mittheilungen begnügen. Der Graf hatte ihr eine genaue Schilderung seines bisher geführten Lebens gegeben, woraus sie entnehmen konnte, daß seine Gesundheit nicht zu sehr gelitten, er sich mit Geduld in seine Lage gefügt hatte und in dem Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit so wie in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Trost und Unterhaltung fand.
In der Voraussetzung, daß ihres Sohnes Brief Sidonien und Aurelien viele Freude bereiten würde, hatte sie denselben ihrem Schreiben beigelegt, und es darf kaum bemerkt werden, wie sehr sich die erstere bestätigte. Welche wehmüthige Freude erregten die geliebten Worte in Sidoniens Herzen; wie viele Mal las sie dieselben und wie manche Thräne fiel auf sie hernieder.
Aurelie beeilte sich, der Gräfin eine eben so genaue Schilderung von Allem, was sie und Sidonie betroffen, zu machen, welcher diese einige freundliche Worte in der nahe liegenden Voraussetzung beifügte, daß die letzteren zu dem Freunde gelangen und sein Herz erfreuen würden.Und so war es auch, und wir brauchen kaum zu erwähnen, daß der Graf dieselben mit nicht minder warmen Empfindungen begrüßte, wie dies bei Sidonien der Fall gewesen war. In solcher Weise knüpfte sich bald ein schriftlicher Verkehr zwischen den Liebenden an, aus welchem sie Trost und Muth schöpften, wenngleich er freilich auch die Sehnsucht nach Freiheit steigerte, um einander für immer anzugehören.
Aber sie waren durch die Umstände gezwungen, ihre Wünsche in sich zu verschließen, ja sie erachteten es sogar für besser, sich nicht durch directe briefliche Mittheilungen zu erfreuen und begnügten sich daher mit dem Gebotenen. Doch sie unterwarfen sich dem Allen mit jener Kraft, welche das Bewußtsein treuer Liebe verleiht; auch fern von einander verkehrten ja ihre Seelen in Innigkeit und in der süßen Hoffnung, daß ihrer eine frohe Zukunft harrte.
So gingen Sidonien die Tage dahin; zwar einförmig, aber doch nicht ohne Trost.
Von Seiten des Hofes wurde sie in keiner Weise beunruhigt; doch drang die Nachricht von des Prinzen neuer Vermählung in ihre Einsamkeit. Sie freute sich derselben, da dadurch, wie sie wußte, des Fürsten Wunsch erfüllt wurde.
Sonst vernahm sie nichts vom Hofe und seinem Treiben, auch suchte sie Niemand auf, und so sah sie ihr Verlangen befriedigt; sie war vergessen, vergessen in ihrerAbgeschiedenheit, die ihr im Verhältniß zu ihrem früheren Leben tausendfach angenehmer erschien.
Und es kamen während des Sommers auch manche schöne Festtage, die ihr durch den Besuch ihres geliebten Kindes bereitet wurden, das oft eine ganze Woche bei ihr verweilte und an dessen herrlicher Entwicklung sich ihr Mutterherz erfreute.
Dann aber nahte der Herbst, der Winter mit seiner Oede und Einsamkeit, mit seinem Schnee, der alle so lieb gewonnenen Reize der Natur verhüllte und sie in das jetzt wieder düsterer blickende Schloß bannte und oft Wochen lang an dem Genuß der frischen Luft verhinderte. Da wurde ihr das Herz denn oft recht schwer, und trotz aller Beschäftigung würde sie ohne Aureliens Nähe ihre Lage kaum oder doch nur sehr schwer ertragen haben. Diese edle Natur entfaltete jetzt alle ihre Seelenvorzüge in dem höchsten Grade, indem sie mit der nur ihr eigenen Selbstverläugnung ganz und gar in der Freundin aufging, unablässig bemüht, die Tage derselben erträglich zu machen. An ihr richtete sich Sidoniens gebeugte Seele schnell wieder auf, und die trüben, regnerischen Tage, der das Schloß durchheulende Wintersturm erschienen ihr alsdann nicht mehr so beängstigend und unerträglich.
Aber der Winter war so lang, der Frühling zögerte mit seinem Wiederkommen, und wie viele Stunden zählte ein Tag, eine Nacht. —
Aber trotz des Zögerns erschien der Lenz dennoch endlich und brachte auch Sidonien neue Freuden und dieGewißheit, nach so langem Entbehren auch ihre Tochter wieder an das Herz drücken zu können. Denn während der rauhen Jahreszeit war dem Kinde der Besuch nicht gestattet worden und Sidonie hatte sich auf briefliche Mittheilungen beschränken müssen. Trotz ihres Kummers und dieser schmerzlichen Entbehrungen übersah Sidonie die ihr gebotene Gelegenheit nicht, die Pflichten der Menschenliebe zu üben, wozu sie überdies ihr gütiges Herz nöthigte, und oft suchte sie in Aureliens Begleitung die Stätte des Leidens auf, und ihr mildes, freundliches Wort, die so reich gestattete Hilfe hatten sie bald zu einem vergötterten Liebling in der Gegend erhoben.
Vertrauend eilten die Bedrängten zu ihr und gingen stets getröstet von dannen, und wo sie erschien, in den nahe gelegenen Dörfern und Flecken, so wie in dem Schloß selbst, segneten viele Herzen die edle, unglückliche Frau, an deren Vergehen Niemand glaubte.
Und dem zweiten Sommer folgte wieder Herbst und Winter und diesem wieder der Lenz, ohne daß sich Sidoniens noch des Grafen Lage in irgend welcher Beziehung änderte. Sie sah sich in den hinsichts ihrer Freilassung gehegten Hoffnungen leider getäuscht, denn der Fürst hatte ihr bisher durch kein Zeichen zu erkennen gegeben, daß er sich dazu etwa geneigt fühlte, und sie war weit entfernt, sich in irgend welcher Weise darum zu bemühen.
Da kam die Nachricht von der Geburt eines Erbprinzen zu ihr, und sie hoffte, daß dieser Umstand den Fürsten etwa veranlassen würde, ihrer und ihres Freundesin Güte zu gedenken. Leider täuschte sie sich auch jetzt; man hatte sie vergessen oder erachtete sie der Begnadigung nicht für würdig.
Wie werthlos wäre ihr auch diese gewesen, wenn dieselbe nicht auch diejenige des Grafen in sich schloß; denn es hätte ihrem Gefühl widerstrebt, sich der Freiheit allein zu erfreuen. So lange er litt, wollte auch sie mit ihm leiden.
Von Seiten des Grafen war eben so wenig irgend etwas zu seiner Befreiung gethan worden; sein Stolz hatte jeden Vorschlag seiner Freunde in dieser Beziehung bestimmt zurück gewiesen, da er sich berechtigt fühlte, nicht zu bitten, sondern Genugthuung zu fordern. So ertrug er die ungerechte Strafe mit Würde und ohne Klage, und nur der Gedanke, wie viel Sidonie leiden mußte, entmuthigte ihn bisweilen so sehr, daß er darunter auch körperlich litt.
Zwei lange Jahre waren ihm und Sidonien in der bezeichneten Weise dahin gegangen; Beide hatten bereits alle Hoffnung, die Freiheit endlich zu erlangen, aufgegeben und sahen daher der Zukunft mit um schmerzlicherer Resignation entgegen, da der Spätherbst sich bereits geltend machte und sie an den nahenden traurigen Winter mahnte. Besonders war dies in Bezug auf Sidonie der Fall. Was ihrem Aufenthalt Reiz und Annehmlichkeit verlieh, war dahin. Ueberall Oede, Einsamkeit, welke, fallende Blätter, dürre Zweige, leere Felder und gebräunte Wiesen, auf welche ein trüber, wolkiger Himmel schaute, der Allem den letzten Farbenreiz stahl. Und wie der Natur diesen,so stahl er auch dem Herzen die Freude und Lust am Leben.
Sidonie war ausgefahren und kehrte gegen Abend unter strömendem Regen in Begleitung Aureliens von dem nahe gelegenen Dorf zurück, wohin sie sich, um wie gewöhnlich zu trösten und zu helfen, begeben hatte. Bei der Hinfahrt war das Wetter gut gewesen, auf dem Rückwege jedoch wurde sie von dem Unwetter überrascht, das die Herbststürme rasch herbei geführt hatten.
Ueber das Schloß hin rauschte der Sturm, von seinem Dach strömte der Regen, und die Dämmerung, in welche das Gebäude gehüllt war, ließ dieses noch unheimlicher als gewöhnlich erscheinen.
Von der Kälte durchschauert, eilten die Freundinnen in das Wohngemach der Prinzessin, woselbst ein wärmendes Feuer in dem Kamin brannte. Sie erquickten sich an demselben, ohne daß jedoch eine freundlichere Stimmung über sie kommen wollte. Selbst die treue Aurelie unterlag an dem heutigen Abend den Einflüssen des Unwetters, das im Lauf der Zeit immer heftiger und beängstigender wurde.
Eine kurze Zeit saßen die Freundinnen schweigend bei einander, alsdann ergriff Sidonie das Wort.
»Wie der Sturm tobt, die Wälder rauschen und der Regen die Mauern peitscht!« sprach sie aufhorchend.
»Der Winter kündet uns sein Nahen an,« bemerkte Aurelie, sich fester in ihren Shawl hüllend.
»So werden wir denn bald den dritten hier erlebenmüssen,« bemerkte Sidonie betrübt. »O, daß Du mit mir leidest, schmerzt mich tief!« fügte sie bewegt hinzu.
»Denke nicht an mich, meine Gute! Was gelten die kleinen Entbehrungen, die mir hier fühlbar werden, gegen das Dir auferlegte Leid? O, glaube mir, ich ertrage unsere Abgeschiedenheit in dem Bewußtsein, diese mit Dir zu theilen und durch meine Gegenwart sie Dir weniger fühlbar zu machen, mit Freuden.«
»Ich weiß es, aber um so lebhafter ist auch der Wunsch in mir, Dich in glücklichen Verhältnissen zu sehen.«
»Was willst Du, meine theure Freundin? Ist mein Leben nicht ein befriedigendes, da ich einem so guten Zweck dienen kann: den schuldlos Leidenden beizustehen und sie in ihrem Kummer zu trösten?«
»O wäre es mir doch einst vergönnt, Dir Deine treue Liebe vergelten zu können!«
»Sei überzeugt, daß mit der glücklichen Gestaltung Deiner Verhältnisse auch mein Leben an Freuden gewinnt. Das Schicksal hat unsere Herzen ja so eng verkettet, daß wir kein getrenntes Glück kennen. Und ich hoffe, es werden auch uns einst freundlichere Tage kommen; der Fürst muß früher oder später zu der Einsicht gelangen, wie unrecht er Dir gethan hat.«
Sidonie schüttelte verneinend das Haupt. »Ich hoffe das nicht mehr. Alle seine Wünsche sind erfüllt worden, und dennoch hat er meiner und des Grafen nicht gedacht. O, ich habe ihn nicht für so hart gehalten; die letzteUnterredung mit ihm ließ mich mit ziemlicher Bestimmtheit auf seine Milde hoffen.«
Sidonie fuhr auf und schmiegte sich an Aurelie. Ein heftiger Windstoß durchfuhr das Schloß und zog heulend durch den Kamin; die Wetterfahnen kreischten, der Regen prasselte gegen die Fenster, an welchen sich die Vorhänge hin und her bewegten.
Aengstlich lauschten die Freundinnen dem Toben, das nach wenigen Augenblicken geringer wurde. Im Begriff, das Gespräch fortzusetzen, vernahmen sie bei der eingetretenen Stille Hufschläge und Menschenstimmen vor dem Schloß. Es schienen Reiter angelangt zu sein, die Aufnahme begehrten.
Diese Voraussetzung bestätigte sich, denn bald darauf berichtete der herbei gerufene Diener, daß die beiden Förster aus dem Waldhause eine wichtige Nachricht überbracht hätten.
Sidonie, dadurch beunruhigt, sandte den Diener sogleich ab, um sich darüber aufklären zu lassen; statt seiner erschien jedoch die Oberhofmeisterin nach kurzer Zeit und berichtete der Prinzessin, daß die Förster in dem nahen Flecken die Nachricht von dem erfolgten Tode des Fürsten erfahren und in Folge dessen es für ihre Pflicht erachtet hätten, dieselbe trotz des Unwetters der Prinzessin zu überbringen.
»Der Fürst gestorben?!« rief Sidonie erschreckt und fügte alsdann trostlos hinzu: »O, nun ist jede Hoffnung auf Freiheit verloren!«
Aurelie wagte ihr nicht zu widersprechen, denn auch sie erhoffte die baldigen Befreiung der Prinzessin lediglich von dem Fürsten, da von dem Prinzen keine Rücksicht zu erwarten war. Im Gegentheil konnte man bei dessen gegen Sidonie gehegten Haß und seiner Neigung, den Einflüsterungen ihrer Feinde ein offenes Ohr zu schenken, nur Uebles von ihm erwarten.
»Du siehst, meine Freundin, wie wenig begründet unsere Hoffnungen waren. Mag denn kommen, was will; ich bin auf Alles gefaßt,« sprach Sidonie, als die Freundinnen wieder allein waren. »O, mein armer, unglücklicher Freund!« fügte sie in der Erinnerung, daß auch für diesen nun jede Aussicht auf Erlösung geschwunden sei, hinzu.
Statt jeder Antwort umarmte Aurelie die Freundin mit feuchtem Auge.
»Noch ein langer Winter, und nach diesem vielleicht noch einer und noch einer und so fort, bis das Leben abgeblüht ist!« fuhr Sidonie in tiefer Bewegung fort. »O, es gehört in der That Muth dazu, diesen Gedanken im Hinblick auf meine Lieben, die mit mir leiden, auszudenken. O, vergieb, Du Theure, vergieb, wenn sich mein so tief verletztes Herz nicht zu einer Bitte an den Urheber meiner Leiden erniedrigen kann. Ich vermag es nicht, und sollte ich auch einsam und verlassen meine Lebenstage hier beschließen müssen. Nur der Schuldbewußte bittet, der Unschuldige hat ein Recht zu seinem Stolz, und diesenwill ich mir bewahren, so lange ich athme und so Uebles mir auch noch zugedacht sein sollte!«
»Und so soll es auch sein und bleiben!« fiel Aurelie gefaßt ein. »Deine Ehre steht mir höher als meine Freiheit. Und hat unser Aufenthalt trotz seiner Abgeschiedenheit nicht auch seine Reize? Gewiß. Wir haben sie gekostet und werden sie auch fernerhin kosten. O, ich denke, wir könnten nirgends heimischer und ungestörter leben, als hier, wohin kein Ton der falschen Welt dringt und wir uns im schönen Verein selbst leben können!«
»Du hast Recht, meine Freundin, und ich ertrage meine Lage nur darum weniger ruhig, da mir das Loos meiner Freunde nicht gleichgiltig sein darf. O, ich danke Dir, meine Aurelie, für Deine treue Liebe; sie wird mich standhafter machen, das Künftige zu ertragen. — Und der Fürst gestorben — —« fuhr Sidonie fort. »Ich hätte ihm zum Wohl des Landes ein längeres Leben gewünscht. Ich fürchte, es werden für dieses üble Zeiten kommen, denn der Prinz wird seinen Leidenschaften rücksichtslos die Zügel schießen lassen und so das Verderben des Volkes herbei führen; schütze es der Himmel!«
Das Brausen des Sturmes ließ sie verstummen.
»Lass' uns die Gedanken auf angenehmere Dinge richten, um die traurige Stunde leichter zu ertragen. Setze den Stürmen die Töne Deiner Harfe entgegen, vielleicht gelingt es diesen, das Unwetter zu beschwören,« sprach Aurelie in der wohlmeinenden Absicht, die Freundin zu beruhigen.
»Ein guter Vorschlag, den ich sogleich befolgen will,« entgegnete Sidonie, griff alsdann in die Saiten und spielte, während die Windstöße das Schloß durchbrausten, das Lieblingslied des Grafen. Und je länger sie spielte, sich in allerlei Phantasien verlor, um so ruhiger wurde es in der Natur, und als sie später ein einfaches Lied anstimmte, drängte sich ein Mondesstrahl aus den zerrissenen Wolken leuchtend hervor und in das Gemach und übergoß mit seinem milden Licht die Blumen des Teppichs, auf welchem ihre Füße ruhten.
Und mit der wiedergekehrten Ruhe in der Natur war auch größere Ruhe in die Herzen der Freundinnen gekommen, und nach einer herzlichen Umarmung schieden sie, um in dem willkommenen Schlummer das Leid und die Sorgen zu vergessen, von welchen ihre Seele tief erfüllt war. Ihr Wunsch wurde ihnen jedoch leider nicht gewährt; besonders fand Sidonie keine Ruhe und manche Thräne entquoll im Hinblick auf ihre und ihres Freundes hoffnungslose Lage ihrem Auge, und diese versiegte erst, als gegen Morgen die Ermüdung sie überwältigte und einem unruhigen Schlummer zuführte.
Ein von dem nahgelegenen Kirchdorf durch die ruhige Luft hertönendes Glockengeläute erweckte sie. Als sie die Augen aufschlug, drangen bereits einzelne Strahlen der Morgensonne in ihr Gemach.
Sie erhob sich und forschte nach der Ursache des Geläutes, da es weder ein Sonn- noch Festtag war, underfuhr, daß dasselbe in Folge des Todes des Fürsten angeordnet wäre, wie das Gebrauch sei.
Das Geläute dauerte mehre Stunden fort und erfüllte Sidoniens Herz mit vermehrter Trauer, indem es sie an ihre kummervolle Lage erinnerte. So nahte die Mittagszeit heran.
Um ihr Ohr dem traurigen Klange zu entziehen, hatte sie sich mit Aurelien nach einem Gemach begeben, wohin derselbe nur noch leise zu dringen vermochte. Dem Unwetter war ein ruhiger, klarer Tag gefolgt, der die Natur weniger öde erscheinen ließ. Einzelne Wintervögel belebten die Gegend und ließen ihre Stimmen ertönen. Die Freundinnen hatten von dem Fenster aus, an welchem sie arbeitend und sich unterhaltend saßen, einen Fernblick auf die sich nach dem Walde hin verlierende Straße, nach welcher sie bisweilen ausschauten.
Einsam lag der wenig benutzte Weg da; denn nur selten brachte er einen Wanderer oder Leute aus den nahgelegenen Orten nach dem Schloß. Eben richtete Aurelie ihr Auge wieder auf ihn, als sie einen Reiter entdeckte, der aus dem Walde kam; sie machte Sidonie darauf aufmerksam, indem sie bemerkte:
»Täuscht mich mein Auge nicht, so ist es ein Jäger.«
Sidonie hatte hingeblickt und stimmte ihr bei, ohne dem sich rasch nähernden Reiter eine besondere Beachtung zu schenken.
»Der Mann wird aus dem Waldhause sein,« meinte sie.
»Du irrst. Es ist ein Feldjäger,« erwiderte Aurelie, die schärfer hingesehen hatte.
»Also vom Hofe!« fiel Sidonie erregt ein, indem sie jetzt den Nahenden genauer beobachtete. »Man wird mir den Tod des Fürsten melden,« fügte sie hinzu.
»So wird es sein,« meinte Aurelie und nahm ihre Arbeit wieder auf.
Nach wenigen Augenblicken hielt der Reiter vor dem Schloß; er war, wie Aurelie erkannt, ein fürstlicher Courier.
Kurze Zeit darauf erschien ein Diener und überreichte Sidonien einen Brief mit der Meldung, daß derselbe aus dem Cabinet des Fürsten käme. Von der Voraussetzung erfüllt, daß derselbe nichts weiter als die Todesanzeige des Fürsten enthalten würde, erbrach Sidonie den Brief.
Es war so, wie sie erwartet hatte. Der Prinz theilte ihr mit wenigen Worten das erfolgte Ableben seines Oheims mit, und da ihre Voraussetzung also bestätigt wurde, schenkte sie den dieser Meldung beigefügten Worten kaum eine Aufmerksamkeit. Da fiel ihr Auge auf die letzteren, die also lauteten:
»Beifolgend die letztwillige Bestimmung des Fürsten.«
Rasch hatte sie das Blatt umgeschlagen, und der Namenszug des Fürsten leuchtete ihr auf dem beigefügten Schreiben entgegen.
Mit zitternder Hast überflog sie dasselbe und ein Freudenschrei entriß sich ihren Lippen.
»Wir sind frei, frei!« rief sie in Thränen ausbrechend und sank an die Brust der sie mit freudigem Erstaunen umarmenden Freundin.