Drittes Kapitel.
Der Fürst kehrte nach der Unterredung mit Sidonien in einer sehr übeln Stimmung in sein Palais zurück. Sich in allen seinen so gewissen Erwartungen in der bezeichnetenWeise getäuscht zu haben, die in dieser Hinsicht mit Berechnung angelegten Pläne als vollkommen unnütz erkennen zu müssen, verdroß ihn in hohem Grade. Dazu gesellte sich überdies noch der wichtige Umstand, durch Sidoniens festes Beharren auf ihrem Verlangen genöthigt zu sein, gerade Dasjenige ausführen zu müssen, was er zu vermeiden so sehr bedacht gewesen war. Denn nach der so entschiedenen Erklärung der Prinzessin machte das Staatsinteresse die Trennung der Ehe und eine Neuvermählung des Prinzen unumgänglich nothwendig. So war der gefürchtete Eclat denn sicher, und mit demselben verband sich zugleich die nahe liegende Besorgniß, der üble Leumund über den Prinzen dürfte mancherlei Hindernisse bei der Wahl einer Prinzessin herbeiführen. Denn lag auch eine Verlockung in der Aussicht, die Gemahlin des künftigen Regenten zu werden, so mußte doch das Bekanntwerden der wenig lobenswerthen Eigenschaften desselben, welche die Trennung der Ehe des Prinzen herbeigeführt hatten, die etwa erwählten fürstlichen Damen auf das Eingehen einer Ehe mit ihm bedenklich machen, da ihnen ein ähnliches Schicksal wie Sidonien bevorstand.
Alle diese so wichtigen Bedenken veranlaßten den Fürsten, sich in seinen Maßnahmen nicht zu übereilen, sondern vorläufig mit dem Prinzen über Sidoniens Verlangen zu sprechen und ihm die Nothwendigkeit einer Neuvermählung vorzustellen. Zugleich gedachte er ihn auf die dabei zu erwartenden Hindernisse aufmerksam zu machen, damit der Prinz durch eine gemäßigte Lebensweiseseinen guten Ruf wieder herstellte und somit sicherer auf die Annahme einer Werbung hoffen durfte.
Seinem Vornehmen getreu, ließ der Fürst den Prinzen ein paar Tage darauf zu sich bescheiden und theilte ihm das Obige mit. Der Prinz zeigte sich über das Vernommene in hohem Grade überrascht, erklärte sich jedoch zugleich ohne irgend welches Bedenken zu einer Wiedervermählung geneigt, indem er die Ueberzeugung aussprach, daß die von dem Fürsten in dieser Beziehung gehegten Besorgnisse sich nicht bestätigen würden.
Ein solches, durchaus nicht erwartetes Entgegenkommen überraschte den Fürsten überaus angenehm und er sprach dem Prinzen seine Freude darüber aus, indem er ihm zugleich anempfahl, die Angelegenheit so geheim als möglich zu behandeln, damit die Welt nicht allzu viel davon erführe und man den Vortheil gewinnen könnte, das Urtheil derselben darüber im eigenen Sinn zu lenken.
Der Prinz erklärte sich damit gern einverstanden und sprach die Versicherung aus, sich in alle von dem Oheim getroffenen Maßnahmen unbedingt fügen zu wollen.
»Es freut mich, Dich mit meinen Ansichten einverstanden zu wissen,« fuhr der Fürst in herzlichem Ton fort, »und ich rechne mit Bestimmtheit darauf, daß Du auch durch Dein künftiges Verhalten dem Interesse des Landes entgegen kommen wirst und die in Bezug auf Sidonie gemachte Erfahrung Dich dabei leiten wird.«
»Seien Sie davon überzeugt,« entgegnete der Prinz in unterwürfigem Ton.
»So will ich hoffen, daß Du auch hinsichts jenes Mädchens, das Du in Paris unterhältst, für die Folge solche Arrangements treffen wirst, welche geeignet sind, jede Störung bei Deiner Wiedervermählung fern zu halten.«
»Es wird geschehen. Mariane hängt ganz von meinem Willen ab und wird so lange in Paris bleiben, als ich es für nöthig erachte. Auch könnte ich das Mädchen in der geeigneten Zeit verabschieden.«
»Das Letztere wäre unter allen Umständen das Beste und Du magst daran denken.«
Es trat nun eine kleine Pause ein, in welcher der Prinz nachdenkend vor sich hinblickte. Der Fürst bemerkte dies und erkundigte sich nach der Veranlassung dazu worauf der Prinz ihn ersuchte, ihm eine Mittheilung von Wichtigkeit machen zu dürfen. Der Fürst, dadurch ein wenig überrascht, verstand sich gerne dazu, worauf dieselbe erfolgte und eine sehr eingehende und vertrauliche Unterredung zwischen ihnen hervorrief.
Das Vernommene schien den Fürsten in hohem Grade zu interessiren; denn länger als zwei Stunden blieb er mit dem Neffen beisammen, worauf sie in einem so guten Einvernehmen von einander schieden, wie dies bisher zwischen ihnen noch nicht der Fall gewesen war; der Fürst, wie es schien, von dem lebhaftesten Interesse erfüllt; der Prinz mit einem Lächeln vollster Genugthuung.
Kaum war der Letztere in seinem Palais angelangt, so begab er sich sofort an seinen Schreibtisch und fertigteein Schreiben an Mühlfels, das er alsdann durch einen geheimen Boten an diesen befördern ließ.
Seit diesem Augenblick zeigte der Prinz seiner Umgebung die leutseligste Freundlichkeit, arbeitete fleißig und kam seinem Oheim mit steter Ergebenheit entgegen. Und die Welt erstaunte nicht wenig über diese ungewöhnlichen Erscheinungen.
Römer traf in dieser Zeit in der Residenz ein, und die Absicht, den Winter daselbst zuzubringen, veranlaßte ihn, sich sofort eine entsprechende Wohnung zu besorgen und in derselben einzurichten.
Es darf kaum bemerkt werden, wie überaus angenehm Sidonie durch seine ungehoffte Ankunft überrascht wurde und wie sich ihre Freude in der Gewißheit steigerte, den ihr unter den obwaltenden Umständen doppelt theuern Freund nun dauernd zur Seite zu haben, und durch seine Nähe und seinen Rath ermuthigt und beruhigt, ihre Absicht hinsichts der Trennung ihrer Ehe mit größerer Sicherheit verfolgen zu können.
Seine Zusprache war ihr um so nothwendiger, da ihr Bruder auf ihre Mittheilung ihr sein ganzes Mißfallen über ihr Verlangen zu erkennen gegeben hatte. Er erachtete das letztere für ungerechtfertigt und sprach darum auch die bestimmte Absicht aus, dasselbe in keiner Weise unterstützen zu wollen. Er machte ihr den Vorwurf der Prüderie und Unklugheit und gab es ihr schließlich anheim, nach eigenem Gutdünken ihre Sache auszufechten. Er verhehlte ihr nicht, diese seine Ansichten und Entschließungendem Fürsten zu erkennen gegeben zu haben, und stellte sich damit auf des Letzteren Seite.
Sidonie litt unter dieser nicht geahnten Lieblosigkeit ihres Bruders um so mehr, da sie auf seinen ihr so wichtigen Beistand mit Sicherheit gerechnet hatte und diesen im Hinblick auf die besonderen Umstände für selbstverständlich erachtete.
Aus seinen Vorwürfen und seinem Verhalten erkannte sie nun zu ihrer großen Bestürzung, daß auch er dem Einfluß der herrschenden Sitten unterlegen sei, und das schmerzte sie tief, indem sie zugleich die niederdrückende Ueberzeugung erfüllte, nun auch nicht in die Heimath zurückkehren zu können, wie sie es so sehr gewünscht hatte.
Was konnte ihr dieselbe unter so übeln Umständen noch bieten? Statt Ruhe und Trost nur noch der Mißmuth und die vorwurfsvollen Mienen eines Bruders.
So tief wirkte der herrschende Zeitgeist.
Sie sah sich in Folge dessen in die peinigende Verlegenheit gesetzt, vorläufig in der Residenz zu verweilen, gedachte jedoch ihren Aufenthalt daselbst so viel als möglich abzukürzen und, sobald es die Verhältnisse gestatteten, sich nach dem von ihr früher besuchten Badeort zu begeben und hier das Weitere abzuwarten. Zwar hätte sie Aufnahme an einem befreundeten Hofe gefunden; es widerstrebte jedoch ihrem Gefühl, sich mit einer Bitte darum an einen solchen zu wenden.
So wollte sie, da ihr die Heimath verschlossen war, sich eine neue Heimath in angenehmer Unabhängigkeitgründen; denn was nach erfolgter Trennung von dem Prinzen geschehen sollte, war noch eine unbesprochene Frage, die weder sie noch der Graf zu berühren für gut gefunden. Als nun ihres Bruders Brief anlangte, theilte sie dem Letzteren den Inhalt desselben, sowie ihren Entschluß der Uebersiedlung nach dem Badeort mit, und Römer stimmte ihr darin bei, da sich ein anderer Ausweg nicht finden ließ.
Sidonie hatte nach ihrer Rückkehr ihre frühere Lebensweise in der Absicht wieder aufgenommen, sich dadurch die gewünschte Gelegenheit zu verschaffen, Römer ungezwungener sehen zu können.
Eine zu große Zurückgezogenheit und das Aufgeben der gewöhnten gesellschaftlichen Beziehungen würden auch jedenfalls Aufsehen erzeugt haben, was sie zu vermeiden wünschte. Die Vorsicht gebot überdies, den Grafen fortan nur in Begleitung ihres Bruders zu empfangen und sich auf diese Besuche und die Gesellschaftsabende zu beschränken, um künftigen übeln Beurtheilungen vorzubeugen.
Einige Wochen waren seit Sidoniens Antrag bei dem Fürsten dahin gegangen, ohne daß sie irgend einen Bescheid erhielt; dies beunruhigte sie, da sie einen solchen erwartet hatte. Als sie alsdann noch eine längere Zeit fruchtlos gewartet hatte, steigerte sich ihre Besorgniß, indem ihr jede Erklärung für die Verzögerung fehlte.
Obgleich Alles seinen gewöhnlichen Gang ging, so schien ihr doch eine gewisse bedrückende und nichts Gutes verheißende Schwüle auf allem Leben und Treiben zu ruhen.Sie sah weder den Fürsten, noch den Prinzen, doch war ihr bekannt, daß dieselben viel mit einander verkehrten und der Erstere seinem Neffen ein besonderes Wohlwollen zeigte.
Die fortdauernde Ungewißheit quälte sie, vermehrte ihre Sorgen und ihr Bangen, und nur in dem ruhigen und sichern Wesen des Geliebten fand sie die so nothwendige Ermuthigung.
Der Winter hatte sich bereits eingestellt und mit ihm war auch der Geburtstag des Fürsten genaht, der gewöhnlich von dem Prinzen durch einen glänzenden Maskenball gefeiert zu werden pflegte, auf welchem der Fürst stets erschien.
Eine solche Festlichkeit war auch dieses Mal von dem Prinzen angeordnet worden, die auf seinen Wunsch außerordentlich glänzend werden sollte. Dieselbe kam Sidonien sehr gelegen, da sie ihr die gewünschte Gelegenheit zu einem Besuch bei dem Fürsten darbot, welchen sie benutzen konnte, sich über ihre Angelegenheit irgend welchen Aufschluß von ihm zu verschaffen und so der sie beängstigenden Ungewißheit ein Ende zu machen.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß, als der Geburtstag genaht war und sie sich zu dem Fürsten begab, ihre Seele mit Unruhe erfüllt war.
Der Letztere empfing sie ziemlich abgemessen und nahm ihren Glückwunsch mit mehr Höflichkeit als Freundlichkeit entgegen. Eben so kühl vernahm er ihr Bedauern, an dem Maskenball nicht Theil nehmen zu können, das sie in der Absicht aussprach, sich in dieser Beziehung einmalbei dem Fürsten zu entschuldigen, dann aber auch, um dadurch einen Anknüpfungspunkt für ihr Interesse zu gewinnen.
»Ich erachte mich nicht für berechtigt, Ihre Intentionen irgendwie zu beurtheilen, und stelle Ihnen Alles anheim,« entgegnete der Fürst kühl.
»Ich glaube dieses Fernhalten von dem Fest meinen Verhältnissen schuldig zu sein,« bemerkte Sidonie.
»Sie werden das am besten wissen.«
»Und darf ich nicht erfahren, welche Beschlüsse in meiner Angelegenheit getroffen worden sind?«
Der Fürst blickte nachdenkend zu Boden und entgegnete alsdann in ziemlich gemessenem Ton:
»Ich muß Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden, da ich noch nicht Gelegenheit fand, die Sache dem Staatsrath vorzutragen. Ich denke jedoch, daß Sie in nächster Zeit Weiteres hierüber vernehmen werden.«
Diese Worte so wie der Ton, in welchem sie gesprochen wurden, verriethen nur zu deutlich des Fürsten Absicht, Sidonien das für diese Angelegenheit gehegte geringe Interesse erkennen zu geben. Das verletzte und überraschte sie zugleich, indem sich darin ein Widerspruch gegen des Fürsten frühere so lebhafte Theilnahme dafür geltend machte. Sie fragte sich, durch welche Umstände ein solcher ungewöhnlicher Umschlag erzeugt worden sein könnte, ohne sich jedoch darauf eine Antwort geben zu können.
Sie blickte den Fürsten fragend an, um ihn zu einerErklärung zu veranlassen: er vermied es jedoch wie vorher, ihrem Auge zu begegnen, und zeigte überdies nicht die geringste Neigung, ihrem Verlangen irgend wie entgegen zu kommen, so daß sich Sidonie, dadurch noch mehr verletzt, veranlaßt sah, die Unterredung zu enden und sich zu entfernen.
Der Fürst verließ sie höflich, jedoch kalt. Durch das Erfahrene in hohem Grade beängstet, kehrte sie in ihr Palais zurück und beeilte sich, Aurelie mit Allem bekannt zu machen und deren Ansicht darüber zu hören.
Nachdem sie die Angelegenheit vielfach erwogen hatten, gelangten sie zu dem beunruhigenden Schluß, daß irgend ein wichtiger Umstand die Ursache von des Fürsten Verhalten gegen Sidonie sein müßte; welcher Art derselbe jedoch wäre, vermochten sie trotz aller Mühe nicht zu erforschen. Diese Ungewißheit beängstete sie um so mehr, da auch der Graf bei seinem bald darauf erfolgten Besuch sie nicht zu beruhigen oder aufzuklären vermochte und obenein ihre Ansicht und Besorgniß theilte.
Römer hatte eine Einladung zu dem Maskenball erhalten und beabsichtigte, auf demselben zu erscheinen, wozu ihn überdies die Verhältnisse und die Rücksichten auf den Fürsten nöthigten; er traf daselbst mehre Bekannte und gedachte nun diesen Umstand zu benutzen, sich irgend welche Aufklärung über die so beunruhigende Angelegenheit zu verschaffen.
So schien sich denn Sidoniens frühere Ahnung bestätigen zu wollen, und mit Bangigkeit erwog sie, in wieweit sie davon betroffen werden würde. Es war natürlich, daß sie vor Allem der räthselhaften Vorgänge an dem Badeort gedachten, die ja ungelöst geblieben waren und darum mit ihren Gefahren drohten. Ein näheres Erwägen beruhigte sie jedoch wieder, da sie sich vergeblich bemühten, irgend welchen Zusammenhang derselben mit des Fürsten Verhalten zu ermitteln.
Unter solchen Umständen blieb ihnen schließlich nur ein geduldiges Harren übrig und die Hoffnung, es könnte dem Grafen gelingen, Licht in dieses Dunkel zu bringen.
Mit dem Versprechen, Aurelie mit dem etwa erzielten Erfolg sogleich bekannt zu machen, schied der Graf, um, da die Zeit nahte, sich auf den Ball zu begeben. Ihm wurde das Scheiden von Sidonien heute schwerer denn sonst, da er ihr Herz voll Unruhe und Sorge wußte und sich auch seiner ein beengendes Gefühl bemeistert hatte, das er nicht abzuweisen vermochte.
Etwa um die neunte Stunde begab sich der Graf in das fürstliche Palais, in welchem die Festlichkeit stattfand. Sämmtliche Räume desselben waren bereits mit den glänzendsten und buntesten Masken erfüllt und gewährten in ihrer reizenden Anordnung einen sehr angenehmen Anblick. Der Wunsch des Prinzen hatte die Gäste zu den höchsten Anstrengungen veranlaßt, und so konnte es nicht fehlen, daß das Auge in jeder Hinsicht mehr als befriedigt wurde.
Römer, lediglich von seinen trüben Gedanken erfüllt, schenkte dem Allen nur geringe Aufmerksamkeit, lediglichdarauf bedacht, ein und den andern seiner Freunde aufzufinden, um seine Absicht so rasch als möglich erreichen zu können.
Das war jedoch wegen der Menschenmenge und der verhüllenden Masken keine leichte Sache, und nur die Kenntniß von den Masken einzelner Bekannten ließ ihn nicht zu lange und fruchtlos forschen.
Die herrschende festliche Stimmung war überdies wenig geeignet, dergleichen Angelegenheiten zu besprechen, ganz abgesehen, mit welcher Vorsicht er dabei zu Werke gehen mußte, um sein Verlangen nicht zu verrathen.
So viel er sich jedoch auch mühte, erlangte er dennoch nicht die mindeste Aufklärung. Niemand wußte ihm in dieser Beziehung nur das Geringste zu sagen, obgleich Sidoniens Antrag, sich von dem Prinzen zu trennen, bereits bekannt geworden war.
Endlich gab der Graf weiteres Forschen als vergeblich auf und begab sich nach dem Saal, in welchem der Fürst mit seiner Gemahlin und seinem Hofgefolge und auch der Prinz befanden. Die erheiterten Mienen des Ersteren und Letzteren verriethen den angenehmen Genuß, den ihnen das Fest zu gewähren schien, ganz besonders machte sich jedoch das gute Einvernehmen zwischen Oheim und Neffen geltend, das die nicht eingeweihten Gäste in hohem Grade überraschte. Der Graf war in der Nähe einer nach einem Nebenzimmer führenden Thür stehen geblieben und beobachtete, durch seine Larve geschützt, den Hof und das Treiben im Saal.
Der Prinz und der Fürst befanden sich in seiner Nähe und unterhielten sich mit einigen zu dem engeren Kreise des Fürsten gehörigen Personen, welche wie die Ersteren ohne Masken waren. Die Unterhaltung schien sehr heiter zu sein; denn Lachen und Scherze unterbrachen dieselbe. Der Fürst zog sich bald darauf mit einem der Herren ein wenig von der Gruppe zurück und sprach vertraulich mit diesem, während der Prinz mit den übrigen Personen die Unterhaltung in der früheren Weise fortsetzte.
Einige Augenblicke darauf bemerkte der Graf, daß ein schwarzer Domino, der sich so lange in dem Nebenzimmer aufgehalten hatte und das Zurückziehen des Fürsten abgewartet zu haben schien, dasselbe verließ, sich dem Prinzen von der Rückseite näherte und ihm ein paar Worte zuflüsterte.
Der Prinz wandte sich rasch um und fragte nach dessen Begehr.
»Wollen Hoheit so gnädig sein, mir ein paar Worte im Geheimen zu gestatten? Es betrifft Ihre Ehre,« — entgegnete die Maske zwar in vertraulichem, jedoch so lautem Ton, daß sie von den Umstehenden unschwer vernommen werden konnte.
Das Gespräch stockte sofort, und mit Ueberraschung blickte man auf den Prinzen und die Maske, gespannt, was der Erstere thun würde.
Dieser besann sich einen Augenblick, alsdann wandte er sich an die Maske und entgegnete:
»Sie sagen, es beträfe meine Ehre? Wenn dem so ist, so folgen Sie mir.«
Zugleich begab er sich in das nahe Nebenzimmer, wohin ihm die Maske folgte.
Daselbst angelangt, zog die Maske einen Brief und ein kleines Paquet aus dem Busen und überreichte es dem Prinzen mit den Worten:
»Sie werden die Bestätigung meiner Worte in diesem Briefe finden, und ich bitte, davon Kenntniß zu nehmen.«
»Zeigen Sie mir erst Ihr Gesicht, mein Herr,« bemerkte der Prinz, die Maske forschend betrachtend.
»Gestatten Hoheit, daß ich mich erst zu erkennen gebe, nachdem Sie den Brief gelesen haben,« entgegnete der Domino mit einer Verbeugung und trat ein wenig von ihm zurück.
»Sie wissen, daß dergleichen hier nicht Sitte ist,« bemerkte der Prinz.
»Ich weiß es; doch hoffe ich, der Inhalt des Briefes wird mich entschuldigen, und darum wiederhole ich meine Bitte, denselben sogleich lesen zu wollen. Hoheit haben alsdann über mich zu befehlen,« wandte die Maske ein.
Der Prinz betrachtete diese nochmals mit mißtrauischen Blicken und entgegnete alsdann nach kurzem Entschluß:
»Nun gut, mein Herr, ich will Ihren Worten vertrauen und den Brief lesen; Sie werden mir alsdann weitere Aufklärung darüber geben.«
Die Maske gab ihre Zustimmung durch eine tiefe Verbeugung zu erkennen, worauf der Prinz sich nach den in der Nähe befindlichen Kerzen begab, den Brief öffneteund las. Der Inhalt des letzteren mußte wol von großer Wichtigkeit für ihn sein; denn sein Antlitz röthete sich rasch vor innerer Erregung, und mit einem Ausruf zornigster Entrüstung fuhr er auf und suchte die Maske. Er fand dieselbe jedoch nicht, denn sie hatte sich, während er sich mit dem Briefe beschäftigte, heimlich aus dem Gemach entfernt.
Der Fürst hatte trotz seiner Unterhaltung dennoch des Prinzen Entfernung mit der Maske bemerkt, ebenso war ihm der Ausdruck der Ueberraschung nicht entgangen, welcher sich in seines Neffen Antlitz in Folge dessen verrieth, und er schloß daraus auf die Wichtigkeit des Vorganges. Als nun des Prinzen zorniger Ausruf an sein Ohr drang, ging er dem ihm bereits mit dem Zeichen großer Entrüstung entgegen kommenden Neffen entgegen und fragte, was geschehen sei.
Der Prinz deutete auf den in seiner Hand befindlichen Brief und sprach die Bitte aus, dem Fürsten das Nähere darüber im Geheimen mittheilen zu dürfen. Dieser, durch alle die genannten Umstände eben so sehr überrascht als erregt, nahm des Prinzen Arm und ging mit ihm nach einem nur dem Fürsten zugänglichen Cabinet, woselbst sie vor einem jeden Lauscher sicher waren.
Daselbst angelangt rief der Prinz:
»Alle meine Voraussetzungen bestätigen sich; hier, mein Fürst, sind die Beweise!«
Zugleich legte er den Brief und das Paquet vor dem Fürsten auf den Tisch nieder.
»Wer war die Maske, die Ihnen dieselben brachte?« fragte der Fürst.
»Ich weiß es nicht. Aus guten Gründen scheint sie unbekannt bleiben zu wollen; denn sie hat sich sogleich heimlich entfernt.«
»Sie hätten das nicht gestatten sollen,« wandte der Fürst ein.
»Ich vermochte das nicht, da mich der Inhalt des Schreibens fesselte. Ueberdies ist an dem Manne selbst nichts gelegen, da er seine Worte durch die unzweifelhaftesten Beweise unterstützt.«
»So lassen Sie mich den Brief lesen,« sprach der Fürst, ergriff das Schreiben und las dasselbe mit großer Aufmerksamkeit durch, betrachtete sodann mit nicht geringerem Interesse den Inhalt des Paquets, und nachdem dies geschehen war, blickte er einige Augenblicke sinnend vor sich hin und bemerkte alsdann mit einem besondern Ausdruck in Mienen und Blick: »Ich denke, Prinz, das Alles kommt uns sehr gelegen.«
»Wer konnte dergleichen auch voraussehen; ich begrüße es mit Freuden, denn es rechtfertigt mich bei Ihnen und giebt meiner Angelegenheit eine ganz andere Wendung.«
»So meine ich auch und denke überdies, wir können diese Dinge in unserm Sinn benutzen,« sprach der Fürst vertraulich. »Doch,« fuhr er fort, »ein wenig Vorsicht kann nicht schaden, namentlich wäre es gut, Aufsehen zu vermeiden, um die Sache nicht etwa denjenigen zu verrathen, die ein Interesse dafür haben. Darum fassen Siesich, mein lieber Prinz, und zeigen Sie Ruhe und Unbefangenheit, damit man nichts ahnt, und dann lassen Sie uns in den Saal zurückkehren und noch eine Stunde unseren Gästen schenken. Also täuscht man am besten. Ueberdies, glaube ich, haben wir auch im Besitz dieser Dinge,« er deutete auf das Paquet, »einigen Grund, nicht betrübt zu sein. Mir, ich gestehe es Ihnen, ist ein großer Gefallen damit geschehen, denn ich kann nun mit voller Freiheit handeln.«
Nachdem er sich darauf noch eine längere Zeit mit dem Prinzen vertraulich unterhalten hatte, kehrte er, wie er es gewollt, mit demselben zu den Gästen zurück, und ihre heiteren und unbefangenen Mienen ließen nicht die hohe und ernste Bedeutsamkeit des soeben Verhandelten ahnen.
Die mit dem stattgehabten Vorgang bekannten Personen wurden durch diesen Umstand ein wenig überrascht, da sie darauf nichts weniger als vorbereitet waren und also das Gegentheil erwartet hatten. Da es eine Angelegenheit war, die, wie sie vernommen, des Prinzen Ehre betreffen sollte, so konnte es nicht ausbleiben, daß man sowol mit einander als mit Befreundeten nach dem Entfernen des Fürsten dieselbe in eifriger Weise besprach und sich somit das Gerücht von dem sonderbaren Vorfall sehr rasch unter den Gästen verbreitete. Mit um so größerer Spannung hatte man daher der Rückkehr des Fürsten entgegen gesehen, und zwar in der bestimmten Erwartung, Näheres zu erfahren. Man war jedoch getäuscht; dennsowol der Fürst als der Prinz berührten die Angelegenheit gegen die ihnen bekannten Personen mit keinem Wort, und die von ihnen gezeigte gute Stimmung verrieth, daß sie derselben durchaus keine ernste Bedeutung beilegten. Diese Umstände verleiteten denn auch die Gäste, lediglich des Prinzen leichter Erreglichkeit die Veranlassung zu seinem früheren Verhalten zuzuschreiben. Der Fürst verweilte, seinem Vornehmen getreu, noch eine längere Zeit auf dem Fest und zeigte die beste Laune; der Prinz tanzte sogar mehrmals, theilte die Stimmung seines Oheims und verließ erst lange nach diesem den Saal.
Zu jenen Personen, welchen der bezeichnete Vorfall nicht entgangen war, gehörte auch eine uns bereits genügend bekannte Dame, und zwar die Oberhofmeisterin der Prinzessin, Baronin Mühlfels. Sie hatte von einer geeigneten Stelle aus demselben die höchste Aufmerksamkeit geschenkt und mit gleichem Interesse das Benehmen der Fürsten beachtet, namentlich nach deren Rückkehr.
Wie viel sie dabei gesehen und vernommen hatte, ließ sich nicht bestimmen, wenngleich die Annahme nahe lag, daß ihr nichts entgangen sein mußte. So dachte wenigstens Graf Römer, der, wie wir erfahren haben, die bezeichneten Vorgänge bequem hatte beobachten können. Ihm war dabei auch die Baronin in's Auge gefallen und deren besonderes Interesse für die letzteren bekannt geworden. Erschien ihm dieses im Hinblick auf die ihr beiwohnende Neugier natürlich, so däuchte ihm ihre Theilnahme dennoch einem tieferen Grunde entsprungen zu sein, was ihrBenehmen verrieth. Er verfolgte diese Betrachtungen jedoch nicht, da ihm der beobachtete Vorgang viel zu wichtig war, um demselben nicht seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nachdem sich der Fürst mit dem Prinzen zu der Unterredung fortbegeben hatte, suchte er einige in seiner Nähe befindliche Bekannte auf, um mit diesen über den Vorfall zu sprechen und vielleicht von ihnen darüber etwas zu erfahren. Er sah sich jedoch getäuscht; denn sie befanden sich gleich ihm in Unkenntniß darüber, sprachen jedoch die Erwartung aus, daß ein so besonderer Vorfall nicht lange verschwiegen bleiben könnte.
Der Graf wartete die Rückkehr der Fürsten in der Hoffnung ab, vielleicht alsdann irgend welche Aufklärung zu erhalten, was jedoch aus den angeführten Gründen nicht erfolgte. Er befand sich in einer ganz ungewöhnlichen Erregung, welche durch die sich ihm unwillkürlich aufdrängende Vermuthung erzeugt worden war, es könnte jener Vorgang mit dem Prinzen in irgend welcher für Sidonie gefahrvollen Beziehung stehen. Zwar vermochte er sich für diese Annahme keine Rechenschaft zu geben; dennoch verließ ihn diese Sorge nicht, so viel er sie auch von sich abzuweisen bemühte. Vielleicht lag der Grund dazu darin, daß ihm die Ansprache der Maske an den Prinzen nicht entgangen war, die auf eine den Letzteren betreffende Ehrensache hindeutete; vielleicht jedoch noch mehr in der Erinnerung der in dem Badeort stattgehabtensonderbaren Vorfälle mit den sich möglicher Weise daran knüpfenden Folgen.
Seine Unruhe veranlaßte ihn daher, noch länger auf dem Fest zu verweilen, um sich nichts entgehen zu lassen und sein Forschen fortzusetzen.
Der Ball nahte jedoch seinem Ende, ohne daß seine Absichten sich in irgend welcher Weise erfüllten.
So schloß er sich denn den Fortgehenden an.
Am Ausgang des Saals angelangt, woselbst ein ziemlicher Andrang von Gästen stattfand, wollte er soeben hinausschreiten, als ihm Jemand von der Rückseite einen Zettel in die Hand drückte. Dadurch überrascht, wandte er sich um, um den Geber desselben zu entdecken; er erblickte jedoch nur gleichgiltige Mienen und zwar in einer solchen Entfernung von ihm, daß er unmöglich annehmen durfte, von einer dieser Personen den Zettel erhalten zu haben. Was ihn noch mehr in dieser Voraussetzung bestärkte, war der Umstand, daß er beim Umherblicken dieselbe Maske zu entdecken glaubte, die früher dem Prinzen das Schreiben überreicht hatte und jetzt durch das Gewühl in den Saal eilte. Eine Frage an die ihm Folgenden zu richten, wäre unpassend und zugleich fruchtlos gewesen, da der Billetgeber die Absicht hatte, dem Grafen unbekannt zu bleiben; Römer bemühte sich daher in keiner Weise und steckte den empfangenen Zettel zu sich, um ihn später in seinem Hause zu lesen.
Dergleichen geheimnißvolle Mittheilungen waren in jener Zeit sehr beliebt, und der Graf würde durch die erhalteneauch nicht weiter beunruhigt worden sein, hätte er nicht zufällig jene Maske erblickt, deren eilige Rückkehr in den Saal sie als die Geberin verrieth, wenigstens eine solche Vermuthung rechtfertigte.
Mit um so größerer Spannung entfaltete er daher, in seinem Hause angelangt, das Billet, und that dies zugleich mit dem besorgnißvollen Gefühl, nichts Gutes zu finden.
Er hatte sich nicht getäuscht; denn die Worte lauteten also: »Fliehen Sie, so schnell Sie können. Ihr Verhältniß zu der Prinzessin ist verrathen und Sie haben daher das Uebelste zu erwarten.« Mehr enthielt das Billet nicht, noch auch hatte der Warnende seinen Namen unterzeichnet. Die Worte waren flüchtig auf ein abgerissenes Stück Papier hingeworfen und die Handschrift dem Grafen durchaus unbekannt.
Es durchrieselte ihn eisig, als er die Worte las, indem dieselben seine frühere Vermuthung hinsichts eines Zusammenhangs des stattgehabten Vorgangs auf dem Ball mit Sidonien zur Gewißheit erhoben. Einige Augenblicke gingen ihm in der tiefsten Erschütterung dahin, ehe er sich zu fassen und seine Lage zu übersehen vermochte. Seine Liebe zu Sidonien hatte also einen Verräther gefunden und war zufolge des Billets dem Prinzen bereits mitgetheilt worden.
Seine frühere so unerklärliche Besorgniß hatte ihn also nicht getäuscht.
Dieser Verrath war unter den gegenwärtigen Verhältnissenvon ganz unberechenbarer Wichtigkeit, da er mit dem Verlangen der Prinzessin, ihre Ehe zu trennen, zusammen fiel.
Jetzt glaubte der Graf auch eine Erklärung für des Fürsten kaltes Zurückhalten gegen Sidonie gefunden zu haben. Derselbe mußte bereits am Vormittage irgend welche Andeutungen über die Neigung der Prinzessin erhalten haben. Durch welche Umstände das Alles geschehen war und wer der Verräther sein konnte, blieb für Römer eine ungelöste Frage.
Niemand befand sich am Hofe, der weder für Sidonie, noch für ihn selbst ein besonderes Interesse hegte; eben so wenig glaubte er durch sein Verhalten seine Neigung zu erkennen gegeben zu haben.
Er erwog alle diese Umstände des genauesten und gelangte endlich zu der Ueberzeugung, daß der Quell des Verrathes lediglich an jenem von Sidonien besuchten Badeort zu suchen sei. Mit dieser Erkenntniß kam ihm jedoch auch zugleich der Argwohn, der Prinz hätte ihn und Sidonie dort vielleicht im Geheimen beobachten lassen und die etwa gemachten Entdeckungen zu dem Verrath geführt haben.
Dieselben konnten jedoch unmöglich von solcher Bedeutung gewesen sein, um daraus eine Schuld für die Prinzessin oder ihn zu folgern.
Es mußten daher noch andere Umstände dabei maßgebend gewesen sein, deren Natur er jedoch trotz alles Nachdenkens nicht zu ergründen vermochte.
Der Warner rieth ihm, so schnell als möglich zu fliehen, da ihm Gefahr drohen sollte; derselbe deutete ihm damit zugleich an, daß man dieser Angelegenheit eine so große Bedeutung beilegte, die sie doch sowol von dem Standpunkt des Fürsten als des Prinzen aus nicht besaß. Denn weder ihn noch die Prinzessin traf irgend welcher Vorwurf. Die gegenseitige Zuneigung schloß keine Schuld ein; ihr näherer Umgang mit ihm war durch die Sitte berechtigt und durchaus nicht ungehörig. Woher sollte und konnte ihm daher irgend eine Gefahr drohen. — Er erkannte dieselbe nicht und gelangte daher zu der Vermuthung, ein ihm Befreundeter habe sich in übergroßer Aengstlichkeit zu der Warnung bewogen gefunden. War dies jedoch der Fall, so konnte er die letztere auch nicht von der nämlichen Maske erhalten haben, die dem Prinzen die geheime Botschaft brachte. Er mußte sich daher in dieser Beziehung getäuscht haben. In dem Gefühl seiner Schuldlosigkeit war er weit entfernt, der Warnung irgend welche Wichtigkeit beizulegen, erachtete es vielmehr für um so nothwendiger, die Residenz gerade in diesem Zeitpunkt nicht zu verlassen, sondern alles Weitere mit Ruhe abzuwarten. Der geringste Schritt, den er in dieser Angelegenheit that, vor Allem aber eine Flucht mußte ihn in ein zweideutiges Licht stellen und ihn zum Schuldigen stempeln. So sehr ihn auch die Gewißheit peinigte, einer lieblosen Beurtheilung entgegen zu gehen und an seiner Ehre leiden zu müssen, überwog dennoch der Gedanke, welche übele Tage die Geliebte erwarteten, alle seineBesorgnisse. Denn es war für ihn keine Frage mehr, daß die im Geheimen gegen sie gesponnene Intrigue bald mit frecher Stirn auftreten und sie anklagen würde. Eine Intrigue an diesem sittenlosen Hofe ließ aber auch mit Bestimmtheit das Uebelste erwarten.
Um so mehr mußte er daher bedacht sein, Sidonie darauf so rasch als möglich vorzubereiten, damit sie dadurch nicht überrascht wurde und sich verrieth. Ihr durch Aurelie die erforderlichen Andeutungen zugehen zu lassen, gab er in der Ueberzeugung auf, daß unter den obwaltenden Umständen der Brief vielleicht aufgefangen werden könnte. Ein jedes geschriebene Wort war daher gefährlich und also unzulässig, und so war er sogleich entschlossen, Sidonie am nächsten Tage selbst aufzusuchen und ihr das Erfahrene mitzutheilen. Eine Unterredung mit ihr war in Erwartung des Kommenden auch von der höchsten Wichtigkeit. Es bestimmte ihn zu dem Besuch überdies noch die Absicht, dadurch zu zeigen, wie wenig Gründe er habe, den gewöhnten Umgang mit Sidonien aufzugeben, und daß die erhaltene Warnung in keiner Hinsicht nothwendig gewesen. Ihn leitete dabei die nahe liegende Voraussetzung, es könnte ihm die letztere vielleicht nicht von einem Freunde zugesteckt, sondern lediglich ein schlau berechnetes Mittel sein, ihn zu einem Schritt zu veranlassen, der seine Schuld verrieth. Jedenfalls war es gerechtfertigt, das Schlimmste anzunehmen und darnach sein Handeln einzurichten.
In wiederholten Erwägungen aller dieser Umständegingen ihm die Stunden dahin, und es drängte sich in die ersteren zugleich die Erinnerung an die von seiner Mutter ausgesprochene Besorgniß hinsichts einer gegen ihn gesponnenen Intrigue, die sie so sehr fürchtete. Ihre Voraussetzung schien sich nach allen Anzeichen nun in der That bestätigt zu haben; es fragte sich nur, in wie weit Sidonie und er selbst davon berührt werden und welchen Ausgang dieselbe nehmen würde. Die nächste Zeit mußte das zeigen. Der Graf hatte aber auch sein Verhalten gegen die Geliebte erwogen, und wenn er sich auch eingestand, einer augenblicklichen Schwäche nachgegeben zu haben, war er sich doch auch keines Fehls bewußt, der ihre und seine Ehre hätte beflecken können.
Dieses Bewußtsein führte ihm die so nothwendige Ruhe der Seele wieder zu; sein Selbstgefühl machte sich geltend; klar wurde sein Auge, das dem leuchtenden Morgen entgegen schaute, der über sein Brüten rasch genaht war. Er löschte die herabgebrannten Kerzen und suchte alsdann sein Lager auf, weniger um zu schlafen, als in der Absicht, durch das entgegen gesetzte Verhalten die Aufmerksamkeit seiner Umgebung nicht zu erregen.
Von der Ueberzeugung erfüllt, von den Fäden einer Intrigue im Geheimen umsponnen zu sein, glaubte er fortan die peinlichste Vorsicht in jeder Hinsicht beobachten zu müssen. Was ihm der nahende Tag bringen würde, wußte er nicht; er sah demselben mit vollster Ruhe entgegen; doch war er entschlossen, am Abend zu der gewöhnten Zeit die Prinzessin aufzusuchen.