Erstes Kapitel.
Graf Römer war durch Aurelie über die bekannten Vorgänge am Hofe unterrichtet worden, und es darf kaum bemerkt werden, wie um so schmerzlicher ihn diese Mittheilungen ergriffen, da er wußte, daß Sidonie durch dieselben tief verletzt sein mußte. Seinen Kummer steigerte überdies noch die Hoffnungslosigkeit, Sidoniens gegen den Fürsten ausgesprochenes Verlangen, sich durch die Trennung ihrer Ehe aus dem sie erdrückenden Unheil zu retten, erfüllt zu sehen. Denn Aurelie hatte ihm diesen Umstand nicht verschwiegen, doch auch zugleich die geringe Aussicht auf Erfüllung des so natürlichen Wunsches angedeutet.
Der Graf kannte die Hofverhältnisse zu genau, um ihr darin nicht beizustimmen. Mit der Abneigung des Fürsten gegen dergleichen gewaltsame Mittel bekannt, besonders wenn diese durch des Prinzen Schuld bedingt wurden, war er überzeugt, daß derselbe sich kaum jemals zu der Trennung verstehen und Sidoniens Schritt daher vergeblich sein würde.
Alle diese Umstände waren nur zu sehr geeignet, ihn noch tiefer zu beugen, da er überdies keinen rettenden Ausweg aus diesen Verhältnissen zu entdecken vermochte und zugleich verhindert war, Sidonien nahe zu sein. Um so größer war daher seine Freude, als die Mittheilung zu ihm gelangte, daß die Prinzessin auf den Wunsch des Fürsten zur Stärkung ihrer Gesundheit ein Bad gebrauchen würde. Seine Freude wurde freilich durch die Sorge getrübt, daß Sidoniens Befinden wahrscheinlich sehr übel sein müßte, da sie zu einem solchen Mittel genöthigt war, und dieser Umstand mehrte seine Unruhe in so hohem Grade, daß er darunter sichtlich litt und das Auge seiner Mutter oft mit Besorgniß auf seinen bleichen Zügen ruhte. Wie sehr beglückte ihn daher die Nachricht von Sidoniens Wahl des Badeorts; er erkannte darin ihre Liebe und das Verlangen, ihm nahe zu sein und die Gelegenheit zu geben, sie, von den Hofschranzen unbeobachtet, zu sehen.
Die geringe Entfernung seines Wohnortes von dem Bade ließ seine Besuche bei Sidonien auch als den Ausdruck der ihr schuldenden Ehrerbietung und daher durchaus selbstverständlich erscheinen. Welche Fülle von Glück lag in dieser angenehmen Aussicht, doppelt groß, da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, Sidonie so bald schon wieder sehen zu können. In der gespanntesten Erwartung harrte er daher auf Aureliens Mittheilung, welche jene Nachricht bestätigen und zugleich die Zeit der Abreise und des Eintreffens in dem Badeorte bezeichnen würde.
Er sollte, wie wir erfahren haben, nicht allzu lange und nicht vergeblich harren; denn schon nach wenigen Wochen erhielt er den hierauf bezüglichen Brief. Sidonie war in dem Badeort glücklich angelangt und begrüßte denselben mit der hingebendsten Freude, nicht nur in dem Bewußtsein, dem Freunde endlich so nahe gerückt zu sein, sondern auch durch die Schönheit des Ortes selbst in hohem Grade angenehm überrascht.
In demselben vereinigten sich alle Naturreize einer Gebirgsgegend — bewaldete Höhen, nackte Felsen, überraschende reizende Fernsichten auf eine verfallene Burg oder den aus Gebüschen und Gestein hervor schimmernden Bergstrom — in dem anmuthigsten Wechselspiel, über welche jene dem kranken Herzen so wohlthuende Ruhe und Stille ausgebreitet lag, die den vollen Genuß der Naturschönheiten nicht nur gestatten, sondern auch so lieb und angenehm machen. In dem von dem Bergstrom durchrauschten Thal lagen die zierlichen Badegebäude unter laubigen Gärten und schattigen Anpflanzungen versteckt und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet.
Sidonie athmete mit vollen Zügen die erfrischende Bergluft in dem Gefühl der Freiheit, die ihr hier in so reichem Maß zu Theil wurde. Sie bewohnte ein von den anderen Gebäuden ziemlich entferntes und auf einem sanften Hügel errichtetes Hôtel, war also dem eigentlichen Badeleben fern, von welchem sie nur wenig berührt wurde. Alle diese Umstände entsprachen so ganz ihren Wünschen, daß sie Aurelien eingestand, sich durch die dargebotenenGenüsse sehr befriedigt zu fühlen und daran die besten Hoffnungen für die Zukunft zu knüpfen.
Die Freundin lächelte, ohne jedoch den Anlaß dazu zu verrathen; sie wußte nur zu wohl, daß diesen Genuß nicht die Naturreize allein, sondern wol lediglich die Hoffnung auf das Wiedersehen des Freundes erzeugt hatten. Ihr edles Herz theilte diese Freude vollkommen, da sie der gebeugten Prinzessin so ersprießlich und heilsam war.
Ungefähr eine Woche nach ihrer Ankunft traf der Graf bei ihnen ein. Er hatte Aurelie mit seinem beabsichtigten Besuch vorher bekannt gemacht und diese Sidonie darauf vorbereitet. Wie klopfte ihm ihr Herz doch so freudig entgegen, wie war sie in dem Bewußtsein so glücklich, den so lange entbehrten Freund endlich zu sehen!
Der Graf war früh aufgebrochen und langte zeitig am Vormittag an.
Sidonie harrte seiner auf dem Balkon, der ihr eine freie Aussicht auf den Weg gestattete, auf welchem Römer nahen mußte. Wie jubelte sie, als sie ihn in der Ferne erblickte und er sie nach wenigen Augenblicken im Vorüberfahren begrüßte. Kaum eine halbe Stunde darauf befand er sich bereits in ihrem Hôtel. Aurelie empfing und führte ihn zu Sidonien, die ihn in ihrem Boudoir erwartete, dessen Lage jede Sorge, belauscht zu werden ausschloß.
Sie streckte dem Eintretenden mit strahlenden Augen die Hände entgegen, die der Graf in tiefer Bewegung ergriff und an die Brust drückte. So standen sie einigeAugenblicke vor einander, Auge in Auge gesenkt, schweigend, von dem Glück des Wiedersehens überwunden. Sanft drängte sich eine Thräne in Sidoniens Wimpern, als sie des Freundes kränkliche Blässe bemerkte, die das flüchtige Roth der Aufwallung in seinem Antlitz bald wieder überwand. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und ließ sich in den nahe stehenden Sessel nieder, von einer Schwäche angewandelt, die sie nicht mehr zu verbergen vermochte.
Er stützte sie und blieb alsdann neben ihr stehen, die feine Hand, die er nicht frei gegeben hatte, wiederholt an die Lippen drückend.
Sie waren zu bewegt, um das Wort zu finden, war ihr Wiedersehen doch eben so beglückend als schmerzlich, und drängte sich in die Freude doch auch zugleich die Mahnung des Erfahrenen und der gebotenen Entsagung. Wie anders wäre dieses Wiedersehen gewesen, hätte Sidonie dem Geliebten die frohe Nachricht bringen können, daß durch die Trennung von dem Prinzen ihrer Verbindung nun nichts mehr entgegen stände.
Daß sie dies nicht thun durfte, daß die Ketten, welche sie an den verachteten Gemahl fesselten, in diesem Moment doppelt verletzend klirrten und sie so rasch aus der glücklichen Selbstvergessenheit aufstörten, erfüllte sie mit einem unnennbaren Schmerz. Das übervolle Herz rang nach einem Ausdruck, und doch, was konnte es sagen, was der Andere nicht schon wußte; war ihr Fühlen und Denken doch so innig mit einander verwebt.
Der Graf fand zuerst das Wort; er bemerkte:
»Wie gering war mein Hoffen auf diesen glücklichen Augenblick, der leider durch Ihr übles Befinden herbeigeführt werden mußte.«
Sie blickte voll inniger Liebe zu ihm auf, und dieser Blick sagte ihm, wie geringe Bedeutung sie dem letzteren dem Glück des Wiedersehens gegenüber beilegte.
Er verstand sie nur zu wohl und drückte dankend seine Lippen auf ihre Hand.
»Die letzten Monate haben viel Unglück über uns gehäuft,« sprach sie sanft.
»Lassen Sie es uns vergessen, meine theuerste Freundin, und ich denke, die Gegenwart wird uns das erleichtern,« entgegnete er beruhigend.
»Wol haben Sie Recht; wir müssen uns diese Fertigkeit aneignen, sollen wir nicht dem Unheil erliegen. Ja, ja, mein Freund, ich will vergessen und werde es in dem neugewonnenen Glück. O, daß all' mein Mühen umsonst sein mußte!« fügte sie betrübt hinzu.
Der Graf verstand sie nur zu wohl und vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken.
»Aurelie hat Ihnen meinen Schritt bei dem Fürsten mitgetheilt?«
Der Graf bejahte schweigend.
»Und auch die geringe Aussicht, die sich daran für mich knüpft?«
Der Graf neigte auch jetzt schweigend und zustimmend das Haupt, und Sidonie fuhr fort:
»Dennoch will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, daßder Fürst durch die Verhältnisse und mein wiederholtes Verlangen sich endlich genöthigt sehen wird, von seinem Widerstande zu lassen.«
»Wäre dem doch so!« fiel der Graf in tiefer Bewegung ein und schaute sie mit einem Blick innigster Liebe an.
»O, wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich von diesen unheilvollen Banden endlich erlöst und mir selbst wieder zurück gegeben, meinen theuern Freund begrüßen können!« rief Sidonie, und ihr strahlendes Auge verrieth die lebhaften Empfindungen ihres Herzens, welche dieses Verlangen in ihr erzeugten.
Ihre Worte übten eine tiefe Wirkung auf Römer aus; er vermochte derselben nicht länger zu widerstehen und sank an ihr nieder und preßte ihre Hände an die Lippen. Die so lange nur mühsam beherrschte Liebe brach mit ganzer Heftigkeit aus, so sehr dies auch gegen seinen Willen war; er fühlte sich jedoch in diesem Augenblick und dem so tief und so innig liebenden Weibe gegenüber aller Kraft beraubt.
Sidonien erging es nicht anders; von dem sie erfüllenden Gefühl überwunden und unter hervorbrechenden Thränen neigte sie sich zu ihm nieder, umschloß sein Haupt sanft mit den Händen und hauchte scheue Küsse darauf.
»O, meine Sidonie, wie unaussprechlich liebe ich Dich!« rief der Graf leise, verklärt zu ihr aufschauend.
»Ich weiß es, Du guter, edler, theurer Mann, ich wußt' es, da ich noch ein Kind war, dessen Fühlen undDenken schon Dir gehörte, und das Dir und nur Dir immer und immer gehören wird. Ich wäre längst gestorben, hätte mich Deine Liebe nicht stets auf's Neue belebt; in ihr allein ruht der Quell meiner Kraft und meines Lebens!« entgegnete sie sanft und streichelte seine Haare. Alsdann fuhr sie mit erhöhtem Feuer fort: »Und wer will es mir verargen, wenn ich mich in meiner Noth anklammere an den Mann meiner Liebe, an ihn, der mit edelsinniger Hingebung mir sein schönes, reiches Leben opfert?! O, halte mich, halte die in Schmerz Versinkende mit Deinem kräftigen, starken Arm, daß sie nicht dahin geht in die grausige Nacht des Todes, verletzt und gebrochen und ohne Mitleid ihrer Peiniger! O, ich bin noch so jung, und Deine treue Liebe hat mich mit den süßen Ahnungen eines schönen, glücklichen Lebens erfüllt, hat das Verlangen nach ihm immer mächtiger in mir erregt; o, lass' mich nicht sterben, lass' mich mit der Hoffnung leben, mein Traum könnte sich einst dennoch erfüllen und noch einmal das verwelkte Leben sich in frischer Blüthe entfalten!«
Sie ließ ihr Antlitz auf sein Haupt sinken und weinte heftig.
»Du sollst nicht sterben, Du sollst glücklich werden!« fiel der Graf tief erschüttert ein. »So lange ich athme, wird mich das Bestreben, Dich zu beglücken, erfüllen. O, es zerreißt mir die Seele, daß ich diesen unglückseligen Verhältnissen gegenüber so machtlos bin, Dich nicht aus ihnen auf meinen Armen davon tragen kann zu dem schönenGlück unserer Liebe! O, gieb die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht auf! Zu groß ist Dein Leid, um sich nicht endlich zu erschöpfen. Ein wiederholter Antrag bei dem Fürsten muß seine Wirkung ausüben, durch den Einfluß Deines Bruders unterstützt. Es muß, es muß ein Ende nehmen mit diesem Leid, und sollten wir auch zu dem äußersten, letzten Mittel unsere Zuflucht nehmen müssen.Du sollst, Du darfstin diesem Leid nicht untergehen!« rief der Graf mit der ganzen Energie seines Charakters.
Sie erhob das Haupt und blickte ihn gefaßt und zärtlich an, indem sie entgegnete:
»Dusagst es, mein Geliebter, so wird es auch geschehen.«
»Ja, es wird geschehen. Fasse Muth und lass' uns überlegen, wie wir zu unserm Ziel gelangen,« sprach der Graf, dessen leuchtendes Auge und feste Haltung die ganze Thatkraft seiner liebeerfüllten Seele verriethen.
Sidonie antwortete nicht, sondern ließ bewundernd ihr Auge auf seinem Antlitz ruhen. Seine Worte und die sich in seinem Wesen aussprechende warme Leidenschaft hatten sie angenehm überrascht.
Sie hatte ihnsonoch nie gesehen. Immer bedacht, seine Gefühle zu beherrschen, erschien der Graf stets ruhiger und ernster, als es in der That sein Charakter war; und so geschah es, daß man ihn für kalt und unzugänglich hielt.
Sidonie wußte wol, daß dem nicht so sei; doch noch niemals hatte sie die Sprache der Leidenschaft von ihmvernommen, noch niemals der nur Liebende in seiner ganzen Hingebung sich ihr gezeigt, und darum erschien ihr der Graf in einer neuen und verschönerten Gestalt. Und von ihren Empfindungen überwunden, drückte sie seine Hand und bemerkte:
»Sie nennen Dich kalt und stolz; o, wer Dich jetzt sähe, wie leicht würde er seine Täuschung erkennen!«
»O, es ist gut, daß man mir solche Eigenschaften beilegt, sie dienen mir als ein Mittel, meine Liebe zu verbergen. Nursoschütze ich uns vor einem Verrath.«
»Ja, ja, mögen sie es thun; kenneichdoch Dein edles, treues Herz,« fiel Sidonie erfreut ein, und sie sprachen alsdann noch manches liebe Wort mit einander, beglückt, von allem Zwange befreit, die lang verhaltenen Gefühle endlich einander in der Sprache der Liebe mittheilen zu können. Und was wäre ihre Liebe gewesen, hätte sie die hemmenden Verhältnisse nicht überfluthet und sich in ihrer schönen Macht und Herrlichkeit geltend gemacht, ohne dem Vorwurf ein Recht einräumen zu müssen. Dieser Gedanke mochte Sidonie erfüllen, als sie, in dem Glück des Augenblicks aufgehend, sinnend vor sich hinschaute und bemerkte:
»O, es ist doch etwas Großes und Schönes um die volle Liebe zweier Menschen; ich habe das nie so ganz empfunden, als eben jetzt. Welche Kraft verleiht sie dem zagenden Gemüth, welches Vertrauen flößt sie uns ein in dem Bewußtsein, daß unser Fühlen und Denken widertönt in dem geliebten Herzen, daß unser Schmerz, unsereLust die gleichen Empfindungen in der verwandten Seele wach rufen. Süßes, unerforschtes Geheimniß der Natur.«
Sie traten auf den Balkon hinaus; die Blicke von der Schönheitsfülle der Landschaft umfangen, deutete der Graf darauf hin und bemerkte, an ihre Worte anknüpfend:
»Wir schauen ihr ewiges Walten in diesem reizenden Bilde, wir vernehmen es in den Tönen des Lebens, in dem Rauschen des Stromes dort, in dem Klange der Vogelsänge, wir schauen es in den farbigen Gestaltungen der düfteathmenden Blumen.«
Und sie blickten schweigend um sich, lieblich angemuthet von dem Geschauten; aber nur eine Secunde, dann suchten sich ihre Augen. Sie verstanden sich nur zu wohl. Mehr als in der Schönheit und dem Weben der Natur lasen sie der Liebe Herrlichkeit in ihren von reinem Glück beseligten Augen. Rasch floh ihnen also die Stunde dahin, mit ihr war die schickliche Dauer für des Grafen Besuch dahin gegangen; Aureliens Nahen erinnerte sie daran.
»Sie mahnen mich an das Scheiden,« bemerkte der Graf und fügte, sich zu Sidonien wendend, hinzu: »Es wäre mir minder schmerzlich, dürfte ich die angenehme Hoffnung mit mir nehmen, Sie und unsere Freundin heute noch wiederzusehen. Ich bleibe bis zum Abend hier; vielleicht gestatten es die Umstände, Sie an einem andern Ort zu treffen, da ich meinen Besuch im Hôtel nicht zu wiederholen wage.«
»Unsere Wünsche lassen sich leicht erfüllen und ichhabe bereits daran gedacht,« entgegnete Sidonie und fügte nach kurzem Ueberlegen hinzu: »Ich habe die Schloßruine schon öfter besucht; das soll auch heute geschehen; ein Zusammentreffen dürfte daselbst, ohne Aufsehen zu erregen, leicht stattfinden können. Von dort aus benutzen wir alsdann einen wenig besuchten Pfad zur Rückkehr.«
Ihr Vorschlag fand den reichsten Beifall und den wärmsten Dank des Grafen, der, dadurch sehr beglückt, bald darauf schied, um die Zeit bis zu dem Ausflug in dem Hôtel zuzubringen.
Bei seiner Rückkehr nach demselben empfing ihn ein lebhaftes Treiben.
Der Badeort war von Gästen und Durchreisenden fast vollständig besetzt, und es fand in Folge dessen ein reger Verkehr auf den Plätzen und in den schattigen Anlagen statt, da dieselben gewöhnlich zu den Vormittagsspaziergängen benutzt wurden.
Römer, der nichts Besseres zu thun wußte, gesellte sich den Lustwandelnden zu und kürzte die Zeit durch Betrachten des sich seinem Auge darbietenden belebten Bildes.
Der Badeort, den einst selbst Ludwig der Vierzehnte mit seinem wiederholten Besuch beehrt hatte, zählte zu seinen Gästen vorzugsweise nur vornehme Leute, und es machte sich besonders die Damenwelt mit ihren kostbaren und auffälligen Toiletten in derselben Weise geltend, wie man dies auch heute selbst in den kleinsten Bädern zu sehen hinreichende Gelegenheit findet. Die Herren standen ihnen in dieser Beziehung würdig zur Seite und trugenin ihren Kleidungen eben so viel Luxus an Sammet, Seide, Gold- und Silberstickereien und Brillanten in Busentuch und Schnallen zur Schau wie jene; der kostbaren Stöcke nicht zu gedenken, die damals eine nothwendige Ergänzung eines vornehmen Anzuges waren. Daß Koketterie und allerlei Intriguen ihre Netze spannen, und wahrscheinlich in noch erhöhterem Grade, wie dies in der Gegenwart geschieht, darf kaum bemerkt werden.
Die meisten der Badegäste waren nicht eigentlich leidend, sondern nur vergnügungssüchtig und nutzten daher die aufgesuchte Gelegenheit so viel als möglich nach Wunsch aus.
Der Graf schritt an der geputzten und schwatzenden Menge vorüber und erreichte weiter wandelnd nach einiger Zeit einen Punkt, von welchem aus sich seinem Auge eine Fernsicht auf die zu dem Ausfluge bezeichnete Schloßruine darbot.
Dieser Umstand und die Schönheit des Landschaftsbildes veranlaßten ihn, an dem Ort zu verweilen und sich an der Aussicht zu ergötzen. Es befanden sich nur wenige Personen in seiner Nähe und er vermochte daher seine Absicht ziemlich ungestört auszuführen. Früher, als es ihm angenehm war, wurde er jedoch durch eine an ihn gerichtete Bemerkung darin gestört. Beim Hinwenden zu dem Sprechenden sah er einen fein gekleideten Cavalier, der sich, artig verneigend, mit höflichen Worten entschuldigte, ihn vielleicht in seinem Genuß gestört zu haben.
»Ich bemerkte,« fuhr der Fremde fort, »das vonIhnen verrathene große Interesse für diese Aussicht, und da ich dasselbe in hohem Grade theile, so freute ich mich, einen Gleichfühlenden zu treffen, deren es in unserer Badegesellschaft nicht eben viele giebt. Man zieht das Gesellschaftsleben hier dem Naturgenuß vor, denn man kann sich so schwer von dem Gewöhnten und Beliebten trennen!«
Der Graf wurde durch diese höfliche und seine gegenwärtigen Gefühle angenehm berührende Ansprache um so mehr erfreut, da es ihm Bedürfniß war, sich über die empfangenen Eindrücke auszusprechen, und ging daher auf die Unterhaltung ein.
Sich wieder der Aussicht zuwendend, gestand er, von deren Schönheit entzückt zu sein, und erbat sich von dem Fremden über einzelne Punkte gefälligen Aufschluß.
Dieser wurde ihm in der gütigsten Weise gewährt, worauf der Fremde die nahe liegende Vermuthung aussprach, daß Römer wahrscheinlich erst kurze Zeit hier sei, und daran die Frage knüpfte, ob er etwa gesonnen wäre, das Bad für längere Zeit zu benutzen.
Römer theilte ihm seinen vorüber gehenden Besuch mit, worauf der Fremde die Frage an ihn richtete, ob er etwa gesonnen wäre, die Schloßruine zu besuchen, indem er ihm zugleich diesen Ausflug als in jeder Beziehung lohnend anpries.
Der Graf wurde in Folge dessen veranlaßt, ihm sein Vornehmen in dieser Hinsicht mitzutheilen, da er es für besser erachtete, dasselbe nicht zu verheimlichen, da überdiesauch sein Besuch jenes Ortes nicht verborgen bleiben konnte. Hierauf erbot sich der Fremde, ihm noch einzelne in der Nähe befindliche Anlagen zu zeigen, was der Graf gern annahm, worauf sie unter lebhaftem Gespräch weiter gingen.
Während dessen erkundigte sich der Fremde in durchaus nicht belästigender Weise nach dem Anlaß seines Besuchs, ob er denselben etwa wiederholen und vielleicht längere Zeit hier verweilen würde, indem er zugleich die schmeichelhafte Bemerkung hinzufügte, wie sehr angenehm ihm die Gegenwart des Grafen wäre, da sein Umgang hier nur auf sehr wenige Personen beschränkt sei.
Römer sprach das Bedauern aus, durch seine Verhältnisse an einem längeren Besuch des Bades behindert zu sein, verschwieg jedoch seine Absicht nicht, denselben zu wiederholen.
In solcher Weise war die Zeit zum Diner genaht, und der Fremde begab sich mit dem Grafen nach dem Hôtel, woselbst sie gemeinschaftlich speisten und der Erstere sich auch jetzt als gewandter und angenehmer Gesellschafter geltend zu machen wußte. Nach dem Diner ersah Römer eine geeignete Gelegenheit, sich von dem Fremden zu trennen, da er fürchtete, derselbe könnte sich ihm als Begleiter nach der Ruine anbieten, was er aus nahe liegenden Gründen vermeiden mußte.
Der Fremde nannte sich von Bieberstein und war Hauptmann bei einem Fußregiment des Fürsten, also ein Landsmann des Grafen. Er hielt sich eines Leidens wegenin dem Bade auf und gedachte daselbst ungefähr zwei Monate zuzubringen.
So angenehm auch dem Grafen diese Begegnung für den Augenblick war, würde er dennoch im Hinblick auf Sidonie gern darauf verzichtet haben, da er es für zweckmäßig erachtete, sich so viel als möglich von allen gesellschaftlichen Berührungen frei zu halten, um der Beobachtung zu entgehen. Er erkannte jedoch, wie schwer er seine Absicht erreichen würde, da die Verhältnisse in einem Bade dieselbe nichts weniger als begünstigen, und so nahm er das Unvermeidliche mit dem Vornehmen hin, seine Vorsicht zu verdoppeln.
Die zu dem Ausflug bestimmte Zeit war genaht, und der Graf begab sich in seinem Wagen nach dem Ziel des ersteren. Als er an Sidoniens Hôtel vorüber fuhr, gewahrte er sie auf dem Balkon; sie hatte auf diesen Augenblick gewartet, um darnach die eigene Fahrt zu bestimmen.
Sie begrüßten sich in der angenehmen Hoffnung, bald bei einander zu sein und im süßen Verein die Naturschönheiten zu genießen.
Etwa eine halbe Stunde darauf traf Sidonie auf der nur von wenigen Personen besuchten Schloßruine ein. Römer führte sie umher, und ihr Glück steigerte sich im Gefühl der Freiheit und des Bewußtseins, wie einst mit einander leben zu können. Wie viele trübe Jahre lagen zwischen der Gegenwart und der schönen Vergangenheit mit all' ihren süßen Hoffnungen. Dessen gedachten sie,und so konnte es nicht ausbleiben, daß ihnen die mannichfachen reizvollen Fernblicke nur ein vorüber gehendes Interesse abgewannen.
So ging die Zeit rasch dahin, und die längeren Schatten mahnten an die Rückkehr, besonders da noch eine kleine Strecke gehend zurückgelegt werden mußte und Sidonie die ihr obliegenden Rücksichten nicht übersehen durfte.
Auch mehrte sich der Besuch auf der Ruine und machte ihnen den verlängerten Aufenthalt daselbst nicht mehr erwünscht, und so brachen sie auf.
Als Römer mit der Prinzessin und Aurelien im Begriff war, die Ruinen zu verlassen, gewahrte er seinen früheren Begleiter, der mit mehren Personen umher wandelte. Er, wie auch die Anderen begrüßten Sidonie ehrerbietig. Man kannte sie und hatte sich mit ihren ehelichen Verhältnissen bald vertraut gemacht, wie das eben nicht ausbleiben konnte. Wesen und Benehmen der Prinzessin waren auch überdies sehr geeignet, Interesse zu erregen, und so war eine Begegnung mit ihr sehr gewünscht, indem eine solche Stoff zur Unterhaltung über sie darbot.
Dem Grafen war dieses Zusammentreffen nichts weniger denn angenehm, indem dasselbe seine nähere Beziehung zu der Prinzessin verrieth, was, wie wir erfahren haben, er gern vermieden hätte. Er wurde jedoch zu sehr durch die angenehme Gegenwart heraus gefordert, um dem empfangenen Eindruck nachzuhängen.
Bald hatten sie den Pfad erreicht und blieben inder Absicht, sich von der Gegenwart des sie begleitenden Dieners zu befreien und ihre Verabredung zu verbergen, stehen und beriethen, ob sie den Pfad einschlagen sollten oder nicht.
Daß sie sich für den Gang erklärten, verstand sich von selbst, worauf der Graf den Diener beauftragte, sich zu den am Fuß des Berges haltenden Equipagen zu begeben und dieselben nach einem weiter liegenden Punkt zu bestellen, von wo aus sie sich derselben wieder bedienen wollten. Sie wandelten alsdann weiter.
Der Weg war bequem und zog sich auf einem bewaldeten Bergrücken bis nach dem Badeort hin fort und gewährte den Wandelnden die mannichfachsten Fernsichten. Hübsche Anlagen mit einladenden Ruhesitzen unterbrachen denselben. Was ihnen den Gang jedoch ganz besonders angenehm machte, war die ringsum herrschende, nur durch Vogelsang unterbrochene Stille und der Mangel an Besuchern, der ihnen den Vortheil gewährte, nicht beobachtet zu sein und sich ungezwungen an einander zu erfreuen.
Manches liebe Wort wurde gesprochen, dessen Quelle Liebe und Freundschaft war. Langsam gingen sie dahin, oft ruhten sie aus auf den einladenden Sitzen. So erreichten sie beim Abendschimmer die auf sie harrenden Wagen, und hier trennte sich der Graf von den Frauen in förmlicher Weise, nachdem er ihnen vorher bereits ein herzliches Lebewohl gesagt und seinen baldigen Besuch bezeichnet hatte.
Während Sidonie mit Aurelien nach ihrem Hôtelzurückkehrte, trat der Graf seine Rückfahrt an, wie er das ursprünglich beabsichtigt hatte.
Bald hüllte Dunkelheit die Gegend ein. Sidonie und Aurelie saßen auf dem Balkon und gedachten der verlebten Stunden und des Freundes, der sich auf dem Wege nach der Heimath befand, und die angenehme Hoffnung seiner baldigen Rückkehr milderte Sidoniens Schmerz über die Trennung von ihm. Ihr Herz war von süßem Glück erfüllt, das ihr der heutige Tag gebracht, dem sie in der Erinnerung nachhing und dessen Erneuung ihr die Zukunft verhieß.
Wir übergehen einen Zeitraum von vier Wochen, in welchem der Graf die Prinzessin durch seinen wiederholten Besuch erfreute, den er jedoch nur einmal auf mehre Tage ausdehnte; gewöhnlich pflegte er nur einen Tag daselbst zu verweilen. Es darf kaum bemerkt werden, daß sie bedacht waren, die ihnen zum Zusammensein gebotenen Stunden so viel als möglich auszunutzen, und darin durch die Abwesenheit jedes höfischen Zwanges wesentlich unterstützt wurden. Diese Umstände waren aber zu verführerisch, um sie nicht zu einem längeren Beisammensein im Hôtel und zu öfteren gemeinschaftlichen Ausflügen in die Umgegend zu verleiten. Zwar wurden dabei sowol von Seiten des Grafen als der Prinzessin alle üblichen Rücksichten beobachtet; trotz alledem verrieth sich dadurch jedoch die nähere Beziehung Römer's zu Sidonien, und die Badegäste fanden darin ergiebigen Stoff zu allerlei pikanten Bemerkungen. Wie man dergleichenVerhältnisse in jener Zeit beurtheilte, ist uns bereits bekannt, und wir bemerken nur noch, daß die Besucher des Bades sich veranlaßt sahen, in dieser Beziehung keine Ausnahme zu machen.
Römer traf mit Bieberstein noch öfter zusammen, und dieser schloß sich ihm noch näher an, wobei es dem Ersteren nicht entging, daß des Kapitäns Bemühen darauf gerichtet war, sein Vertrauen zu gewinnen. Daß ihm das nicht gelang, verstand sich von selbst, doch vermochte sich der Graf von seinem Umgange nicht ganz frei zu machen, so sehr er auch darauf bedacht war und ihm des Kapitäns Neugier, die sich nicht nur auf des Grafen, sondern auch auf Sidoniens Verhältnisse erstreckte, endlich lästig wurde.
Ohne durch die Besorgniß gestört zu werden, in welcher Weise des Grafen Besuche gedeutet wurden, gab sich Sidonie ihrem Glück mit ganzem Herzen hin, das nur durch die sich nicht eben selten aufdrängenden Gedanken, wie bald dasselbe sein Ende erreichen sollte, beeinträchtigt wurde.
Einem solchen Gedanken nachhängend, hatte sie sich, angelockt von der kühlenden Abendluft, nach dem Balkon begeben.
Aurelie hatte wegen eines leichten Unwohlseins bereits die Ruhe gesucht und konnte ihr also nicht Gesellschaft leisten. Sidoniens Stimmung war an diesem Abend besonders gedrückt. Der Graf hatte sie heute nämlich mit der betrübenden Nachricht verlassen, durch allerleiVerhältnisse an seinem baldigen Besuch verhindert zu sein, indem er zugleich im Hinblick auf den nur noch kurzen Aufenthalt Sidoniens im Bade andeutete, daß sein nächster Besuch wahrscheinlich auch der letzte würde sein müssen.
Sidonie erkannte, sich darin fügen zu müssen, aber um so schmerzlicher bewegte sie daher auch der Gedanke, daß ihr schönes Glück nun bald sein Ende finden sollte.
Und welch eine Zukunft erwartete sie! —
Ihr Herz empörte sich in der Voraussicht derselben, indem sich zugleich der Entschluß in ihr befestigte, auf's Neue die erforderlichen Schritte zur Trennung von dem Prinzen zu thun, um den auf sie harrenden Leiden zu entfliehen.
Daß sie nur durch einen beharrlichen Kampf zu diesem Ziel gelangen würde, wußte sie; aber sie erkannte auch ebenso die unabweisbare Nothwendigkeit, zur Erlangung desselben vor keiner Mühe schwächlich zurück zu beben. Galt es doch dem Glück des ihr so theuren Mannes, mit welchem sich ihr eigenes so innig verkettete, galt es doch, sich aus den entehrenden Fesseln zu befreien.
Die wenigen Tage, welche ihr mit Römer zu verleben gestattet worden waren, hatten überdies die Sehnsucht nach einem dauernden und ungetrübten Verein mit ihm in hohem Grade gesteigert, so daß sie es für unmöglich erachtete, fernerhin ohne ihn leben zu können.
Von allen diesen Empfindungen und Erwägungen in hohem Grade bewegt, lehnte sie sich vom Balkon hinausund schaute in die tiefdunkle Nacht. Ihre Gedanken verfolgten den geliebten Mann, der auf dem Wege zur Heimath dahin eilte.
Ein Bangen erfüllte sie, als sie den mit dunkeln Wolken bedeckten Himmel betrachtete, aus welchem in der Ferne heftige Blitze zuckten, denen ein schwacher Donner folgte.
Und die Angst ergriff sie, er könnte von dem Unwetter zu leiden haben, und beklagte es, daß er seine Abreise nicht bis zum nächsten Tage verschoben hatte.
Und die Blitze zuckten immer heftiger, vernehmlicher wurde der Donner, beängstigender die schwüle Nachtluft.
Ihre Unruhe drängte sie, sich an dem Bilde des Geliebten zu trösten und zu erquicken, und sie holte eine kleine silberne Chatoulle herbei, in welcher sie außer einigen kostbaren Andenken auch das Portrait des Grafen aufbewahrte, welches sie sich, wie wir erfahren haben, bereits früher von Aurelien hatte zurückgeben lassen und seitdem bei sich bewahrte. Sie öffnete die Chatoulle, nahm das Bild und betrachtete es mit der ganzen Innigkeit ihrer Empfindungen. Wie tief wurde sie von dem Anblick der geliebten Züge bewegt! —
»O, ich will keinen Schmerz, keinen Kampf scheuen, um Dir, Du edler, theurer Mann, für immer anzugehören. Komme was da will, ich will es tragen; Deine Liebe macht mich stark; ich werde nicht erliegen. O, welch ein süßes Glück wird mein Lohn sein, welche Tage der Wonne, des himmlischen Friedens wird uns die Zukunftbringen, vor Allem aber werde ich Dein liebes, treues Auge von innigem Glück erhellt sehen, und darin birgt sich der Inbegriff des meinen.«
So dachte Sidonie, im Anschauen des Bildes versunken, und sprach in solcher Weise noch viele, viele liebe Worte mit demselben.
Eilig nahende Schritte störten sie plötzlich aus ihren süßen Träumereien und veranlaßten sie, das Portrait rasch in die Chatoulle zu legen. Noch beschäftigt, dieselbe zu schließen, erblickte sie die Wärterin ihrer Tochter, welche ihr mit besorgten Mienen die beunruhigende Nachricht brachte, daß sich das Kind nicht wohl befände; sie fürchtete den Ausbruch irgend einer Krankheit. Durch das Vernommene in hohem Grade erschreckt, erhob sich Sidonie sofort und folgte der Wärterin. Sie fand die Mittheilung der Letzteren leider durchaus bestätigt und sandte sogleich nach ihrem Arzt, während sie bis zu dessen Ankunft bei dem Kinde blieb. Aurelie, die von der Erkrankung Kenntniß erhielt, erschien bald und leistete ihr Gesellschaft. Wenige Minuten darauf traf der Arzt ein und erklärte nach Prüfung des Zustandes der Kranken, daß wahrscheinlich eine der gewöhnlichen Krankheiten, welche in dem Alter der Leidenden vorzukommen pflegen, im Anzuge sei, indem er Sidonie zugleich in Bezug auf den Ausgang derselben beruhigte.
Die sofort angewandten Heilmittel thaten bald eine gute Wirkung, und das Kind fiel in einen leichten Schlaf. Während dessen war es tief in der Nacht geworden, undAurelie drang in die Freundin, sich Ruhe zu gönnen und mit ihr in der Pflege des Kindes abzuwechseln. Da dieses schlief und eine Gefahr für dasselbe nicht vorhanden zu sein schien, so gab Sidonie ihren Vorstellungen nach und ging nach ihrem Schlafgemach. Daselbst angelangt, erinnerte sie sich der Chatoulle, die sie auf dem Balkon stehen gelassen hatte, und begab sich sogleich dahin, um dieselbe zu holen. Als sie den Blick auf den Tisch richtete, auf welchem dieselbe gestanden hatte, fand sie das Kästchen nicht; es war fort. In der nahe liegenden Vermuthung, daß einer der Diener dieselbe wahrscheinlich nach ihrem Boudoir getragen hatte, beunruhigte sie sich darüber nicht weiter, sondern ging in der Gewißheit nach dem Zimmer, die Chatoulle daselbst vorzufinden.
Sie sah sich jedoch getäuscht; denn trotz alles Suchens war dieselbe auch hier nicht zu entdecken. Dabei fiel ihr ein, daß sie die Lichte auf dem Balkon noch brennend gefunden hatte; ein Umstand, der sie befremdete; denn es lag die Annahme nahe, daß der Diener, der die Chatoulle holte, auch das Auslöschen derselben wol kaum vergessen haben würde. Sie ließ sogleich nachforschen, wer die Chatoulle fortgetragen hätte, und erhielt hierauf die beunruhigende Nachricht, daß dies keiner der Diener gethan. Ebenso war auch Niemand auf dem Balkon gewesen, noch auch hatte irgend Jemand Kenntniß von dem Vorhandensein der Chatoulle daselbst gehabt.
Sidonie sah sich im Hinblick der eigenthümlichen Umstände, unter welchen sie den Balkon besucht und dieChatoulle dahin getragen hatte, genöthigt, die erhaltene Mittheilung als begründet anzuerkennen. Sie erschrak. Ihre Dienerschaft war treu und jeder Verdacht in Erwägung der bezeichneten Umstände unzulässig; die Chatoulle mußte also entwendet sein.
Die Gelegenheit dazu war durch die Erkrankung ihrer Tochter, welche sie und die Dienerschaft aus der Nähe des Balkons entfernte und in dem entgegengesetzten Flügel des Hôtels beschäftigte, geboten worden. Diesen günstigen Augenblick mußte der Dieb zu seinem Verbrechen benutzt haben. Das werthvolle Kästchen reizte dazu. Ueberdies war, wie wir erfahren haben, das Hôtel von dem Badeort entlegen, der niedrige Balkon von dem Garten aus leicht zu ersteigen, besonders da die tiefe Dunkelheit ein solches Unternehmen wesentlich begünstigte.
Alle diese Umstände erwog Sidonie und gelangte zu der übeln Ueberzeugung, der Chatoulle beraubt zu sein.
Den Verlust der in derselben enthaltenen Werthsachen hätte sie leicht verschmerzt, nicht so denjenigen des Portraits. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerte überdies noch der Gedanke, zum Verschweigen des Raubes genöthigt zu sein, da die Entdeckung desselben auch den Verrath des Portraits herbeigeführt hätte.
Sie wurde dadurch veranlaßt, der Dienerschaft das strengste Schweigen anbefehlen zu lassen, indem sie dieses durch die Annahme zu rechtfertigen bedacht war, durch geheimes Forschen sicherer zu ihrem Verlust gelangen zu können.
Nachdem sie in solcher Weise am zweckmäßigsten für ihr Interesse gesorgt zu haben glaubte, begab sie sich zu Aurelien, die durch Sidoniens Mittheilung nicht wenig erschreckt wurde. Sie billigte die getroffenen Maßnahmen und die Frauen beriethen alsdann, welche Schritte sie zur Wiedererlangung der Chatoulle thun dürften, ohne den Verrath des Portraits fürchten zu müssen.
Nach längerem Erwägen gelangten sie zu dem Entschluß, Aurelie sollte einen der am Ort anwesenden Polizeibeamten in's Vertrauen ziehen, das Kästchen als das ihrige bezeichnen und ihn beauftragen, im Geheimen darnach zu forschen, und seinen Eifer durch eine in Aussicht gestellte namhafte Belohnung anspornen. In solcher Art hofften sie ihren Zweck am sichersten und besten zu erreichen. Gelang dies den Nachforschungen des Beamten nicht, so gewannen sie wenigstens den in diesem Fall besonders wichtigen Vortheil, daß Sidonie nicht bloßgestellt wurde, was durch die Entdeckung des Portraits jedenfalls geschehen wäre, der übeln Folgen nicht zu gedenken, welche sich daran knüpfen mußten, würde der Fürst oder der Prinz davon Kenntniß erhalten haben.
Am folgenden Tage wurde das besprochene Vorhaben in der angegebenen Weise von Aurelien ausgeführt, und der gewonnene Beamte schied mit dem Versprechen von ihr, mit Anwendung aller ihm zu Gebot stehenden Kräfte und mit Beobachtung strengster Discretion sich dem Auftrage zu unterziehen. In der angenehmen Hoffnung, ihren Wunsch vielleicht bald erfüllt zu sehen und dadurchallen weiteren, sich mit dem Entwenden der Chatoulle verknüpfenden Gefahren zu entgehen, fühlte sich Sidonie wieder in etwas beruhigt. Das Interesse für diese Angelegenheit wurde durch den sich rasch verschlimmernden Zustand ihrer Tochter wesentlich gemäßigt.
Des Arztes Voraussage war nämlich wirklich eingetroffen und die Kleine von einer der gewöhnlichen Kinderkrankheiten ergriffen worden, welche Sidoniens ganze Sorge in Anspruch nahm. Sie hatte den Prinzen sogleich mit Allem bekannt gemacht und das Gutachten des Arztes ihrem Briefe beigefügt. Da das letztere im Ganzen beruhigend war, so befremdete es Sidonie nicht, in des Prinzen Erwiderung ein nur geringes Interesse für das Leiden seiner Tochter ausgedrückt zu finden; da gegen machte sie der Umstand in hohem Grade bestürzt, daß er ihr für den Fall der Verschlimmerung der Krankheit seinen Besuch in Aussicht stellte. Er drückte ihr zugleich seine Freude über die guten Wirkungen der Badecur aus, die bereits ihr Befinden gebessert hätten, und seine Worte verriethen eine ungewöhnliche Theilnahme für sie, die sie beängstigte. Vor Allem jedoch that dies die Aussicht seines Besuchs; denn in keinem andern Augenblick wäre ihr derselbe so unangenehm gewesen, als eben jetzt. Die verletzendste Kälte von seiner Seite würde sie gern hingenommen haben, da Alles, was sie an das verhaßte Band mit ihm erinnerte, ihr jetzt doppelt unangenehm war. Sie hatte sich in der geträumten Freiheit so wohl befunden, und so mußten ihr seine Wortedoppelt unangenehm sein, da dieselben sie an ihr Unglück mahnten.
Mit dem Empfang seines Briefes hatte auch ihre Ruhe, ihr stilles, reines Glück sein Ende gefunden, und zu diesem schmerzvollen Verlust gesellte sich nun auch die Besorgniß um die leidende Tochter.
Trotz der guten Voraussage des Arztes verschlimmerte sich der Zustand der Letzteren in einem gefährlichen Grade, so daß der Arzt über den Ausgang derselben bedenklich wurde. Das waren kummervolle Stunden für die schwer gebeugte Sidonie, um so schwerer, da sich an den Zustand der Kranken zugleich die Angst knüpfte, durch die Gefährlichkeit desselben den Besuch des Prinzen herbei zu führen. Und so waren ihre Gebete für die Genesung ihres theuern Kindes doppelt heiß.
Auf ihren Wunsch hatte Aurelie dem Grafen sowol die Erkrankung des Letzteren als auch die Entwendung der Kassette und deren nähere Umstände mitgetheilt, und nicht anzudeuten unterlassen, wie erwünscht ihnen gerade jetzt sein Besuch sein würde. Diesem Briefe fügte Sidonie einige Zeilen bei. Von Schmerz und Sehnsucht erfüllt, fühlte sie ein großes Verlangen, sich dem Freunde mitzutheilen, und es gewährte ihr einen ganz besondern Trost, ihm ihre Empfindungen selbst ausdrücken zu können.
Ueberdies wußte sie, welche große Freude sie ihm dadurch bereiten würde; denn es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete; bisher hatte sie dies zu thun nicht gewagt. Es waren freilich nur wenige Worte, die sie ihmschrieb; dieselben athmeten jedoch eine um so größere Innigkeit und verschwiegen den Trost nicht, den ihr der Gedanke, ihre Gefühle von seinem edeln Herzen getheilt zu wissen, so wie die Hoffnung gewährte, ihn bald wiedersehen zu können. Ebenso hatte sie nicht unterlassen, ihm mitzutheilen, unter welchen Verhältnissen sie des Prinzen Besuch zu erwarten hätte, jedoch auch zugleich die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser üble Fall nicht eintreten würde. Wenige Tage müßten nach des Arztes Ansicht darüber entscheiden. Einer ihrer Diener, der zu dergleichen Besorgungen bestimmt war, wurde von Aurelien mit dem Ueberbringen des Briefes betraut.
Mit Ungeduld sah Sidonie der Rückkehr desselben entgegen; sie hoffte durch ihn eine Antwort von dem Grafen und die so sehr gewünschte Nachricht seines baldigen Besuchs zu erhalten, und es beunruhigte sie daher, als der Bote nicht wie früher an dem nächsten Tage eintraf. Doch, es konnte ihm ein Unfall zugestoßen sein, oder er hatte vielleicht den Grafen nicht auf dessen Besitzung getroffen und wartete auf dessen Rückkehr; diese Voraussetzungen bewogen sie, noch zwei weitere Tage geduldig zu warten. Aber auch diese verstrichen; der Bote blieb jedoch aus.
Auf Aureliens Rath harrte sie noch einen Tag, als aber auch dann der Diener nicht erschien, erachtete sie es für nothwendig, einen zweiten Boten an den Grafen abzusenden, ihm durch Aurelie das Nähere mitzutheilen und um Aufklärung bitten zu lassen.
Es wurde zur Ausführung dieser Botschaft ein in Diensten des Hôtelbesitzers stehender Mann, der als durchaus zuverlässig bezeichnet wurde, erwählt. Demselben war große Eile empfohlen worden, und er entledigte sich des Auftrages auch in so kurzer Zeit, daß er bereits am Abend mit einem Brief des Grafen zurückkehrte. Der Inhalt des letzteren überraschte und beunruhigte die Freundinnen in hohem Grade; denn der Graf theilte ihnen mit, weder den Boten noch die ihm zugedachten Briefe empfangen zu haben. Er wäre in der bezeichneten Zeit auf seiner Besitzung anwesend gewesen, würde also den Boten, falls derselbe sich gemeldet hätte, daher auch jedenfalls gesehen und gesprochen haben. Er bemerkte zugleich, durch die betreffenden Umstände zu der Vermuthung geleitet zu sein, daß den Boten irgend ein Unfall betroffen haben müßte, und wollte sich durch Kundschaft hierüber in der kürzesten Zeit Gewißheit zu verschaffen suchen.
Sobald er diesen Zweck erreicht haben würde, gedachte er Sidonien persönlich über den erzielten Erfolg Bericht abzustatten, und glaubte im Hinblick auf die Wichtigkeit der eingebüßten Botschaft, die Nachforschungen persönlich leiten zu müssen.
Die Freundinnen stimmten seinem Vorhaben mit vollem Herzen bei; denn es galt, Sidoniens Brief nicht in unbefugte Hände gelangen zu lassen. Zwar hatte sie nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens unter denselben gesetzt; dieser jedoch und Aureliens Schreiben genügten, die Schreiberin zu verrathen. Es darf kaum bemerktwerden, wie tief Sidonie von dem Allen betroffen wurde. Der Verlust des Portraits, das räthselhafte Verschwinden des Boten und die rasche Aufeinanderfolge aller dieser Vorfälle, so wie die Ungewißheit, in welcher Art sich dieselben lösen würden, erfüllten sie mit beängstigender Sorge, und gewiß mit allem Recht. Denn gelangte sie nicht in den Besitz dieser Gegenstände, so stand für sie das Gewichtigste, ihre Ehre, auf dem Spiel.