Sechstes Kapitel.
Etwa acht Tage waren über die bezeichneten Vorgänge dahin gegangen.
In dem Hause der Baronin Mühlfels herrschte ein großes Freuen, denn der vielgeliebte Sohn war aus der Verbannung zurück gekehrt, von dem Prinzen und sogardem Fürsten in einer Privataudienz empfangen und alsdann in seine frühere Würde wieder eingesetzt worden.
Von allen Seiten kam man ihm in der zuvorkommendsten Weise entgegen und drückte ihm die Freude aus, ihn wieder in dem Freundeskreise sehen zu können. Kurz, Mühlfels war der gefeierte Mann des Tages, worauf das Gerücht von der Gunst des Fürsten keinen geringen Einfluß ausübte.
Der Letztere hatte ihn auch später noch mehrmals empfangen und vertrauliche Unterredungen mit ihm gehabt, Grund genug, sein Ansehen schnell zu steigern.
Die Baronin erachtete es für eine Pflicht, die Rückkehr ihres Sohnes durch ein glänzendes Fest zu feiern, und hatte dazu die zahlreichsten Einladungen ergehen lassen. Daß sie dabei den Prinzen nicht vergaß, verstand sich von selbst, und dieser war so gnädig, ihr sein Erscheinen zuzusagen. Dieser Umstand erfreute die Baronin nicht nur darum, weil ihr und ihrem Sohne dadurch eine glänzende Genugthuung geboten wurde, sondern auch, weil derselbe ihrer Absicht hinsichts Marianen entgegen kam.
Mit der gegen die Prinzessin gespielten Intrigue war sie durch ihren Sohn genau bekannt gemacht worden. Dieser hatte Bieberstein an sie gesandt, durch den sie wieder des Prinzen Wünsche erfuhr, und so wird uns daher auch ihr besonderes Verhalten auf der Redoute erklärlich sein. Welche große Freude sie über alles Vernommene empfand, darf kaum bemerkt werden; galt es doch die Genugthuung ihres theuern Sohnes.
Daß seine so klugen Maßnahmen die gewünschten Erfolge erzielen würden, war für sie durchaus keine Frage, da sie die Intentionen des Fürsten und Prinzen sehr genau kannte.
Wir übergehen die Festlichkeit, die durch des Prinzen ungewöhnlich lange Gegenwart auf derselben einen ganz besondern Glanz erhielt. Der Letztere zeigte die heiterste Stimmung und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten für Mühlfels und dessen Mutter, so daß man diesen wiederholt Glück dazu wünschte.
Die kluge Baronin beeilte sich, diese so herrlichen Vortheile in ihrer Absicht zu benutzen, und als sich eine geeignete Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterredung mit dem Prinzen fand, erfüllte sie Marianens Bitte und sprach mit dem Letzteren über deren ihr mitgetheilte Sorgen und Bedenken. Sie that dies mit dem ihr eigenthümlichen Geschick, und wenn der Prinz durch das Vernommene auch ein wenig überrascht wurde, war es ihm doch auch zugleich lieb, daß sich Mariane an die in die Liaison eingeweihte Baronin gewandt hatte, und trug ihr auf, das Mädchen in jeder Hinsicht zu beruhigen und ihr die besten Hoffnungen für die Zukunft zu geben.
Wie hoch die Baronin einen solchen Auftrag schätzte, wissen wir, und es darf kaum bemerkt werden, daß sie mit einer ausführlichen Mittheilung an Mariane nicht zögerte und ihr darin im Hinblick auf die stattgefundenen Vorgänge, welche eine baldige Trennung der Ehe des Prinzen mit Bestimmtheit erwarten ließen, die gewisse Erfüllung ihrer Wünsche in Aussicht stellte.
Sie war überaus erfreut, daß ihr diese so wichtige Sache in so trefflicher Weise gelungen war, und eben so sehr überzeugt, sich den schönsten Hoffnungen hinsichts einer glänzenden Zukunft hingeben zu dürfen. Denn sie zweifelte nicht, daß es ihr gelingen würde, später Marianens ganzes Vertrauen zu gewinnen. Und sie täuschte sich in dieser Voraussetzung nicht. Schon kurze Zeit nach dem Absenden ihres Briefes an das Mädchen schrieb ihr dieses und drückte ihr den wärmsten Dank für ihre so treffliche Verwendung bei dem Prinzen und die nicht minder sehr erwünschten Aussichten für die Zukunft aus. Zugleich richtete sie die Bitte an sie, ihr Interesse auch für die Folge wahrnehmen zu wollen und sie mit Allem, was für sie von Wichtigkeit sein konnte, sogleich bekannt zu machen. Mariane war klug genug, neben diesem Dank und dieser Bitte zugleich anzudeuten, wie sehr angenehm es ihr sein würde, sich des Rathes der erfahrenen Frau nicht nur jetzt, sondern auch künftighin erfreuen zu können, und wir erkennen daraus, daß sie ihren Pariser Aufenthalt in jeder Hinsicht gut benutzt hatte, ganz abgesehen, daß die ihr beiwohnende Schlauheit sie auf die geeigneten Mittel zu ihren Zwecken leitete. Wir müssen jedoch an dieser Stelle zugleich bemerken, daß ihr Sinnen und Trachten seit der Abreise aus ihrer Villa lediglich auf ihre Rangerhöhung gerichtet war, und dieser Umstand nicht wenig beitrug, die Verhältnisse bei Hofe mit scharfem Auge zu verfolgen, um sich mit allen etwa daraus für sie hervor gehenden Vor- und Nachtheilen sofort bekanntzu machen. Bisher hatte ihr Madame Voisin die gewünschten Nachrichten besorgt, jetzt genügten ihr dieselben nicht mehr und sie erkannte die Nothwendigkeit, sich persönlich darum zu bemühen. Die Mittheilung der Baronin von der bald zu erwartenden Trennung setzte sie in wahres Entzücken, und in der spannendsten Erwartung sah sie weiteren Mittheilungen in der Gewißheit entgegen, nun bald am Ziel ihrer Wünsche zu stehen. Sie hegte nämlich den Glauben, daß mit der Trennung der Ehe zugleich auch jedes, sich der Befriedigung ihres Verlangens entgegen stellendes Hinderniß beseitigt sein würde, und wer konnte voraussehen, was alsdann dem launischen Prinzen zu thun beliebte. Eine Betrachtung führte sie zu der andern, und so däuchte es ihr eben auch nicht unmöglich, daß aus der Gräfin vielleicht noch eine regierende Fürstin werden könnte.
Wir erkennen, daß sie naiv, aber auch ehrgeizig genug war, sich so ausschweifenden Hoffnungen hinzugeben; sie erachtete sich jedoch dazu in dem Bewußtsein ihres Einflusses auf den Prinzen, der, wie sie meinte, durch ihre Pariser Bildung nur noch gesteigert werden mußte, durchaus berechtigt, ohne sich ihrer niederen Herkunft und zweideutigen Stellung zu erinnern. Wir werden erfahren, in wie weit ihre Erwartungen durch die Folgezeit erfüllt wurden; jedenfalls erkennen wir auch in diesem Fall, daß die naivsten Naturen gewöhnlich die anspruchsvollsten und schwer zu befriedigendsten zu sein pflegen. Wir kehren nun zu dem Grafen Römer zurück. —
In ununterbrochener Eile wurde die Fahrt, sobald sie die Stadt verlassen hatten, fortgesetzt, ohne Rücksicht auf den übeln Weg und die dadurch den Fahrenden bereiteten Unbequemlichkeiten. Nur an den Orten, an welchen frische Pferde vorgelegt wurden, rastete man eine kurze Zeit; alsdann ging es um so schneller durch die feuchte Nacht weiter.
Der den Grafen begleitende Officier war rücksichtsvoll genug, seinem Gefangenen ab und zu Erfrischungen anzubieten, die der Erstere jedoch ablehnte. Die Höflichkeit seines Gebieters berührte den Grafen jedoch angenehm, da dieselbe auf eine für ihn gehegte aufrichtige Theilnahme hindeutete. Dennoch behauptete er ihm gegenüber ein beharrliches Schweigen den Augenblick ruhig erwartend, in welchem er ihm freiwillig eine Mittheilung zu machen für gut fand.
Und weiter und weiter rollte der Wagen dahin, bald auf erweichtem, bald auf festerem Wege, durch Lichtungen finsterer Wälder, über Brücken und an dem Ufer eines Wassers; erreichte Dörfer und Städte, und hielt endlich vor einem düster blickenden und mit Laufgräben und Thürmen versehenen Gebäude, das neben einer ziemlich umfangreichen Stadt lag.
Es war darüber die Nacht vergangen und das Frühlicht brach mit feurigem Schein durch die dunkeln über den Himmel gebreiteten Wolken.
Sobald der Wagen still stand, wandte sich der Officier mit dem Bemerken an den Grafen, daß sie ihr Zielerreicht und er ihn hier anderen Händen zu überliefern hätte. Zugleich verließ er den Wagen und begab sich in das Gebäude, kehrte nach kurzer Zeit zurück, worauf sich der Wagen in Bewegung setzte und langsam über eine Brücke und, wie es den Grafen däuchte, in das Gebäude fuhr.
Sobald er daselbst angelangt war, vernahm er, wie sich ein Thor knarrend hinter ihm schloß. Man ersuchte ihn auszusteigen und führte ihn alsdann in ein einfaches Zimmer, woselbst man ihm die Binde abnahm und bemerklich machte, daß dies für die Folgezeit seine Wohnung sei. Ein flüchtiger Blick genügte dem Grafen zur Bestätigung der Voraussetzung, nach einer Festung gebracht worden zu sein. Nicht nur war das nicht große Zimmer in jeder Hinsicht von der höchsten Einfachheit, sondern das einzige Fenster in demselben auch durch ein Eisengitter gesperrt.
Daß seine Verhaftung auf des Fürsten besondern Befehl geschehen war, konnte für ihn keine Frage sein; doch wußte er es sich nicht zu erklären, weshalb man ihn in so gewaltsamer und geheimnißvoller Weise aufgehoben hatte. Nahe lag die Vermuthung, daß dies lediglich zur Vermeidung jedes Aufsehens so wie, um seine Verhaftung der Welt zu verbergen, geschehen war; vielleicht auch, um ihn dadurch der Mittel zu berauben, die Hilfe seiner einflußreichen Freunde anzurufen und ihnen seine Lage zu verrathen. Diese Voraussetzungen waren durchaus begründet; denn der Fürst würde des Grafen Verhaftunggern umgangen haben, wenn es die Verhältnisse irgend gestattet hätten. Er war daher erfreut, von dem Prinzen auf der Redoute zu vernehmen, daß der unbekannte Ueberbringer der näher bezeichneten Gegenstände ihm die Absicht angedeutet hätte, den Grafen mit dem Verrath seines Verhältnisses zu der Prinzessin bekannt machen zu wollen und ihn dadurch zur Flucht und somit zur Anerkenntniß seiner Schuld zu veranlassen. Der Prinz war darauf sogleich eingegangen, weil er den dadurch erzielten großen Vortheil für sein Interesse erkannte.
In Folge dessen hatte Bieberstein — denn dieser war, wie wir erfahren haben, der Ueberbringer der so gewichtigen Beweisstücke — dem Grafen beim Hinausgehen aus dem Saal das Billet in die Hand gesteckt.
Man sah sich jedoch in den gehegten Erwartungen getäuscht, und nachdem der Graf nicht die geringste Neigung verrathen, sich in Sicherheit bringen zu wollen, bestimmte der Fürst die näher bezeichneten Gewaltmaßregeln.
Dadurch wurde allen unbequemen Schritten von Seiten der Freunde des Grafen vorgebeugt, denn indem das strengste Geheimniß über die Verhaftung beobachtet werden sollte, machte man es den Ersteren unmöglich, ihren Einfluß in irgend einer Art zur Geltung zu bringen.
Die von dem Fürsten befohlenen Anordnungen waren, wie wir bereits erfahren haben, so vortrefflich getroffen worden, daß weder die Verhaftung noch der Ort, an welchem sich der Graf befand, bekannt wurde, und somit erreichte der Fürst seine Zwecke vollkommen.
Trotz der großen Erregung, in welcher sich der Graf befand, überwältigte ihn dennoch die Müdigkeit und er warf sich auf das wenig bequeme Lager, ohne jedoch Ruhe zu finden. Seine Gedanken suchten Sidonie auf, und er erwog, wie sehr sie durch sein geheimnißvolles Verschwinden erschreckt und besorgt gemacht werden würde.
So war denn früher, als er geahnt, das Unheil über sie gekommen und er überzeugt, daß der Fürst, angestachelt durch des Prinzen Rachsucht, die Angelegenheit mit aller Strenge behandeln würde. Denn es konnte für ihn kein Zweifel mehr sein, daß man sich die sichersten Beweise für seine und Sidoniens Schuld verschafft haben müßte, indem er bei Erwägung dieser Umstände zugleich auf den Raub der Cassette und das seltsame Verschwinden des Dieners geleitet wurde und sich die Besorgniß in ihm geltend machte, daß die bezeichneten Gegenstände vielleicht in des Prinzen Hände gelangt wären und damit den Verrath seiner Liebe herbei geführt hätten. Von der ihm und Sidonien mit schlauer Berechnung gespielten Intrigue hatte er keine Ahnung, da seinem edeln Charakter der Gedanke einer so raffinirten Bosheit durchaus fern lag. Eben so wenig ahnte er, daß der ihm früher mit so großer Freundlichkeit entgegenkommende Kapitän das Mittel zu derselben gewesen war. Die ihn erfüllende Ungewißheit über alle die bezeichneten Vorgänge war nur zu sehr geeignet, seine Spannung und Erwartung, in welcher Art sich dieselben lösen würden, außerordentlich zu steigern. Daß er auf Uebles gefaßt sein mußte, war für ihn nachdem Erlebten keine Frage mehr, da er sich überzeugt hielt, daß man die ihn betreffenden Umstände zu seinem und Sidoniens Verderben zu benutzen bedacht sein würde.
Gegen die Mittagszeit erschien der Commandant der Festung bei ihm, begrüßte ihn und theilte ihm mit, daß er auf Befehl des Fürsten hieher gebracht worden sei. Die Gründe zu dieser Maßnahme wußte er nicht anzugeben, da seiner Versicherung nach ihm dieselben noch nicht bezeichnet worden wären und er nur den Befehl erhalten hätte, den Grafen bis auf Weiteres zu beaufsichtigen. Er entschuldigte sich zugleich, wenn er durch diese Umstände genöthigt wäre, den Grafen in strenger Haft zu halten, meinte jedoch, daß es ihm wahrscheinlich bald gestattet sein würde, diese Strenge zu mildern. Im Uebrigen sollte es dem Grafen an nichts fehlen. Dieses Versprechen erfüllte er auch in jeder Hinsicht, da Speisen und Getränke durchaus gut waren und er auch gestattete, daß der Graf Lectüre und Schreibmaterialien erhielt, obgleich ihm jeder Briefwechsel verboten war.
Im Lauf der folgenden Woche erhielt der Graf ein besseres Zimmer und der Commandant war bedacht, ihm mancherlei Bequemlichkeiten zu verschaffen.
In der zweiten Woche seines Aufenthaltes erschien an einem Vormittage ein Beamter bei dem Grafen, der im besondern Auftrage des Fürsten aus der Residenz gekommen war, um ihn über sein Verhältniß zu der Prinzessin zu vernehmen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Römer zu seiner großen Ueberraschung alles Nähere überdiese Angelegenheit, ohne daß ihm jedoch verrathen wurde, durch welche Mittel man sich in den Besitz der bekannten Beweisstücke gesetzt hatte. Mit jener Ruhe und Ueberlegenheit, welche das Bewußtsein der Schuldlosigkeit zu verleihen pflegen, und treu seinem Vornehmen, läugnete der Graf seine Verehrung der Prinzessin nicht, indem er jedoch mit der höchsten Entschiedenheit jede entehrende Zumuthung von sich und Sidonien abwies und dieselbe als ein von der Rachsucht gesponnenes Bubenstück bezeichnete. Freilich vermochte er seinen näheren Umgang mit der Prinzessin in dem Badeort nicht abzuläugnen; meinte jedoch, daß der Charakter der Prinzessin und der seinige jede üble Deutung desselben unzulässig mache.
Sein Verhalten und seine Worte schienen auf den Beamten eine gute Wirkung auszuüben; doch enthielt sich derselbe jeder Bemerkung über den zu erwartenden Entscheid, so wie er auch bedauerte, des Grafen Fragen über Sidoniens Geschick nicht beantworten zu dürfen. Es war ihm das strengste Schweigen anbefohlen worden, und er war ein viel zu pflichttreuer Diener, um dasselbe zu brechen.
Er wiederholte seinen Besuch im Lauf der nächsten Zeit, vernahm den Grafen auf's Neue und war dabei bedacht, ihn zu einem offenen Bekenntniß zu veranlassen, indem er ihm zu verstehen gab, daß den Fürsten ein solches nicht nur zur Milde gegen ihn, sondern auch gegen die Prinzessin bestimmen würde. Trotz aller dieser klug gelegten Fallstricke beharrte der Graf dennoch auf seinerursprünglichen Aussage, wie er es ja auch nicht anders konnte, und seit dieser Zeit wurde er nicht weiter durch den Beamten beschwert. Dagegen erzeigte ihm der Commandant eine vermehrte Güte, erlaubte ihm, Ausgänge zu machen, und überließ es ihm, die Dauer derselben nach Belieben auszudehnen. Auch gestattete er ihm, Besuche zu empfangen, die freilich ausblieben, da der Graf mit Niemand in der Stadt bekannt war. Er wurde dadurch jedoch veranlaßt, mit zwei Edelleuten, die wegen Zweikampfs sich in der Festung befanden, einen näheren Umgang anzuknüpfen, durch welchen er sich manche angenehme Stunde während der trüben Winterzeit verschaffte. Römer hatte von einer Woche zur andern gehofft, von seiner Mutter oder seinen Freunden, vielleicht selbst von Aurelien ein Schreiben zu erhalten, welches der peinigenden Ungewißheit, in welcher er sich befand, endlich ein Ende machte; er sah sich jedoch getäuscht. Kein Brief lief ein, und dieser Umstand diente ihm als Beweis, daß sein Aufenthalt Allen unbekannt geblieben sein müßte. Da er dem Commandanten sein Wort gegeben hatte, sich jedes brieflichen Verkehrs mit der Außenwelt zu enthalten, so vermochte er auch den bezeichneten Personen keine Nachricht von sich zugehen zu lassen und mußte also mit Geduld den Zeitpunkt abwarten, in welchem des Fürsten Befehl ihm dies gestatten, oder er seine Freiheit erhalten würde. Denn er zweifelte nicht, seine und Sidoniens Schuldlosigkeit anerkannt zu sehen und damit auch der entehrenden Haft enthoben zu werden.
Es lag in der Natur der Verhältnisse, in welchen sich der Graf befand, daß er mit verschiedenen Beamten in der Festung bekannt wurde; einer derselben, der ihn auf seinen Ausgängen zu begleiten pflegte, hatte ihm schon öfter angedeutet, daß seine Haft wahrscheinlich sehr lang ausgedehnt sein würde, und sein Befremden ausgedrückt, daß der Graf die ihm gebotene Freiheit nicht zu einer Flucht benutzte, indem er ihm dabei zugleich zu verstehen gab, wie gern er ihm dabei seinen Beistand gewähren würde. Der Graf hatte ihm dafür gedankt, zugleich aber auch seine Absicht ausgesprochen, sich ruhig in die über ihn getroffenen Maßnahmen fügen zu wollen, da er seiner Ueberzeugung nach ungerecht leide und also auch eine entsprechende Genugthuung zu verlangen hätte.
Der Beamte zuckte die Achseln und erinnerte ihn, wie wenig von der Rücksicht des Fürsten zu erwarten sei, vielmehr mit Sicherheit vorausgesetzt werden müßte, daß dieser, nun es einmal so weit gekommen, auch mit aller Strenge verfahren und sich hüten würde, durch irgend welche Maßnahme eine Blöße zu geben. Er unterließ dabei nicht, ihm den besondern und starren Charakter des Fürsten in das Gedächtniß zu rufen, indem er zugleich andeutete, daß derselbe sich leicht über eine ungerechte Verhaftung hinweg setzen würde, sobald eine solche seinen Zwecken entsprach.
Seine Worte und sein Verhalten verriethen zugleich die aufrichtigste Theilnahme an dem Geschick des Grafen; auch sprach er die Ueberzeugung von dessen Unschuld sowie das herzliche Bedauern aus, einen so edeln Mann einer schändlichen Intrigue geopfert zu sehen, so daß der Graf weit entfernt war, hinter alledem ein falsches Spiel zu ahnen. Dennoch war dem so und der Beamte auf den geheimen Befehl des Fürsten zu diesem Verhalten veranlaßt worden, um den Grafen zur Flucht zu bestimmen. Das sichere Benehmen des Letzteren, so wie das Ansehen, in welchem Römer stand, und die ihm so allgemein gezollte Verehrung ließen den Fürsten besorgen, man würde seine Maßregeln gegen diesen einer strengen Beurtheilung unterziehen und ihm daraus mancher Vorwurf erwachsen. Denn es lag die Voraussetzung nicht eben fern, daß sich der ganze Adel durch die gegen Römer angewandte Strenge verletzt fühlen würde, selbst wenn dessen Schuld begründet werden könnte. Darum bot man diesem auf's Neue die Gelegenheit zur Flucht, um allen weiteren so unbequemen Verhandlungen rasch ein Ende zu machen.
Der Fürst ahnte freilich nicht, wie wenig Römer sich dazu geneigt fühlte, so wie, daß dieser ein Ausharren unter den obwaltenden Umständen für sein Interesse durchaus nothwendig erachtete.
Die sich trotz seiner Ablehnung dennoch wiederholenden Anträge des Beamten erzeugten in dem Grafen bald einen Verdacht gegen die Aufrichtigkeit desselben; er war jedoch vorsichtig genug, ihm dies nicht zu erkennen zu geben, sondern lehnte dessen Vorschläge stets dankbar und mit dem Hinweis auf seinen festen Willen, die Maßnahmen des Fürsten ruhig abwarten zu wollen, ab. Erwurde in Folge dessen durch weitere Anträge von Seiten des Beamten nicht mehr beschwert; dagegen jedoch bald darauf durch das Bedauern des Commandanten überrascht, seine Freiheit zufolge erhaltener Befehle beschränken zu müssen. Dies erfolgte denn auch bald, und es wurden dem Grafen fortan die ihm so angenehmen Ausgänge nicht mehr gestattet und obenein sogar seine Haft noch verschärft. Dieser Umstand überzeugte Römer noch mehr, sich hinsichts des Beamten nicht getäuscht zu haben. Um ihn zur Flucht zu verleiten, bot man ihm die besten Gelegenheiten dar; als dieses Mittel jedoch nicht fruchtete, versuchte man es auf's Neue mit Strenge, um ihm den Aufenthalt in der Festung wenig erträglich zu machen und dadurch den Wunsch nach Freiheit in ihm zu erregen. Indem Römer alle diese Maßnahmen durchschaute, schickte er sich, treu seinem Vorsatz, mit Geduld in seine Lage.
Sein Verhalten sollte bald einen sehr überraschenden Erfolg herbeiführen, der zugleich wohl geeignet war, seine früheren Voraussetzungen, ihn zur Flucht zu verleiten, nur noch mehr zu bestätigen.
Nachdem man ihn nämlich ungefähr drei Wochen in strenger Haft gehalten hatten, erfreute ihn der Commandant plötzlich mit der angenehmen Nachricht, daß es ihm wieder gestattet sei, ihm die Ausgänge zu erlauben. Wenngleich der Graf diese Maßnahme als einen neuen, ihm gelegten Fallstrick erkannte, war es ihm doch sehr angenehm, sich der gewährten Freiheit auf's Neue erfreuen zu können.
Ohne dies seiner Umgebung zu verrathen, hatte er sich schon lange mit Ungeduld nach frischer Luft und dem Anblick der Natur und des Lebens und Treibens der Menschen gesehnt. Die winterliche Luft, seine einsame und einfache Wohnung, die nur eine Aussicht auf die hohen, kahlen Festungswälle gewährte, die ihn umgebende, fast beängstigende Stille, welche höchstens durch das Klirren von Gewehren, den einförmigen Schritt der Wachen und das Commando der ausgestellten Posten unterbrochen wurde, und der immer größer werdende Mangel an geistiger Unterhaltung wirkten beengend und niederbeugend auf ihn. Denn es muß bemerkt werden, daß ihm fortan nicht nur die Lectüre spärlich zuging, sondern auch die früheren Besuche der beiden Edelleute verwehrt wurden und er überdies täglich nur eine kurze Zeit auf den Wällen frische Luft schöpfen durfte. Und wie endlos waren die dunkeln, durch Sturm und Regen noch übler gemachten Winternächte, denen trübe, oft durch Schneegestöber verdunkelte, unbehagliche Morgen folgten und sich so der Abend schon an sie knüpfte, bevor noch der kurze Tag sich geltend zu machen vermochte! — Rechnet man zu dem Allen noch das den Grafen beherrschende Seelenleiden, so wird es nicht überraschen, zu erfahren, daß er tief darunter litt und sich die Wirkungen der strengen Haft bald in dem matten Auge und der kränklichen Blässe seines Antlitzes zu erkennen gaben. Dennoch sprach er niemals eine Klage oder einen Wunsch aus, obwol er dazu häufige Veranlassungen hatte und sein Befinden ihn dazu nöthigte.Sein Stolz konnte sich dazu nicht verstehen, und so begnügte er sich mit denjenigen Erleichterungen, welche man ihm freiwillig gewährte. Alle diese Umstände werden zur näheren Erkenntniß und Werthschätzung seines Charakters beitragen und zugleich seine angenehme Ueberraschung über die ihm auf's Neue gewährte Freiheit begründen.
Er zögerte nicht, dieselbe sogleich zu benutzen, und auch jetzt wurde ihm der frühere Beamte zur Begleitung beigegeben. Welch' hohe Lust gewährte ihm der erste Ausgang trotz der winterlichen Natur und der rauhen Witterung! Wie freudig begrüßte er die so lange nicht mehr gesehenen Orte, und wie verlangend schweiften seine Blicke von der Nähe in die Weite, der fernen, unerreichbaren Geliebten gedenkend.
Von der frischen Luft erquickt und angeregt von dem sich in Freiheit entfaltenden Treiben der Menschen, erwachte der lebhafte Drang in ihm, sich seiner Fesseln zu entledigen.
Die Versuchung dazu war groß und wurde durch das Verhalten des Beamten noch wesentlich unterstützt, der sich mit dem Vorgeben, Bekannte in der Stadt zu besuchen, für längere Zeit entfernt hatte.
Römer war daher unbeobachtet und konnte überdies über ein paar Stunden nach Belieben verfügen, ehe man ihn aufsuchte; dennoch überwand er seine Sehnsucht, seinem Vornehmen getreu, und kehrte wie gewöhnlich unbefangen nach der Festung zurück, vielleicht von dem ihn dabei gewahrenden Commandanten nicht eben gern gesehen. Seineferneren Ausgänge wurden durch die bezeichneten Momente nicht mehr getrübt; sein fester Wille hatte ihn beruhigt. Das Verhalten des Beamten änderte sich dabei nicht, und so geschah es, daß er eines Tages wie gewöhnlich ohne dessen Begleitung auf der neben der Stadt gelegenen Promenade dahin schritt. Das Wetter war ziemlich gut; die Sonne konnte sich geltend machen und verlieh der Gegend ein freundlicheres Aussehen. Auch hatte ein trockener Frost die Wege gangbar und ziemlich bequem gemacht. Römer erreichte nach einem raschen Gange eine einsame Stelle, ohne zu bemerken, daß ihm ein einfach gekleideter Herr folgte und sich bemühte, ihn zu erreichen.
Als dem Letzteren dies endlich gelungen war und er sich Römer auf Hörweite genähert hatte, blickte er sich vorsichtig nach allen Seiten um und rief alsdann des Grafen Namen.
Dadurch überrascht, wandte sich dieser um, worauf der Herr ihm ein Zeichen machte, ihn zu erwarten.
Erwartungsvoll sah Römer seinem Nahen entgegen, und seine Ueberraschung steigerte sich schnell, als er in dem Herrn einen Befreundeten erkannte, den er in einer so unscheinbaren Kleidung nicht vermuthet hatte.
Baron von Steinwerth, ein Jugendfreund des Grafen, begrüßte ihn herzlich und brachte ihm Grüße von seiner Mutter und Familie. Zugleich überraschte er ihn durch die Mittheilung, daß man auf die von Aurelien erhaltene Nachricht von des Grafen muthmaßlicher Verhaftung sogleichbedacht gewesen, seinen Aufenthalt zu entdecken. Dies sei ihnen jedoch erst nach längerer Zeit möglich geworden, worauf er sich alsdann sofort hieher begeben habe, um die Gelegenheit zu erspähen, dem Grafen irgend eine Mittheilung zugehen lassen zu können und von diesem zugleich zu erfahren, in welcher Weise man ihm nützlich sein könnte. Man erachtete dies für durchaus nothwendig, bevor man Schritte zu seiner Befreiung that. Der Freund befand sich schon seit mehren Wochen in der Stadt, ohne daß es ihm gelungen war, dem Grafen seine Nähe anzuzeigen. Doch hatte er erfahren, daß man Römer früher längere Spaziergänge nach der Stadt und deren Umgebung gestattet hätte, und dieser Umstand ihn veranlaßt, sich über die Zeit, in welcher dieselben gemacht wurden, so wie über die dabei obwaltenden Umstände Gewißheit zu verschaffen, um darnach sein ferneres Verhalten einzurichten.
Seit Wochen hatte er nun aus den bekannten Gründen vergeblich gewartet, bis es ihm heute endlich gelang, den Freund zu treffen.
In welch' freudiges Erstaunen der Graf durch das Vernommene versetzt wurde, darf kaum erwähnt werden; hatte er doch, wie wir wissen, bereits alle Hoffnung, Nachricht von seinen Lieben zu erhalten, aufgegeben. Und so dankte er dem Freunde auf das herzlichste für den Beweis seiner Liebe, beruhigte ihn über das etwaige baldige Erscheinen des Beamten, indem er ihm die Gründe dazu bezeichnete, und erbat sich alsdann Nachricht über Sidonie. Der Baron vermochte ihm nur wenig zu sagen, da dieVerhandlungen durchaus geheim gehalten wurden und davon noch kaum etwas bekannt geworden war. Eben so wenig war er mit Sidoniens Gefangenschaft vertraut, obwol er erfahren hatte, daß dieselbe ihr Palais nur selten verlassen und überhaupt ein sehr stilles und zurückgezogenes Leben führen sollte. Er gab dem Grafen jedoch zugleich das Versprechen, sich, sobald er mit dessen Wünschen über die auszuführenden Schritte bekannt gemacht sein würde, nach der Residenz zu begeben und dabei Aurelie und, wenn es die Verhältnisse irgend gestatteten, auch selbst die Prinzessin aufzusuchen und sie von des Grafen Geschick zu unterrichten. Der Letztere beeilte sich darauf, ihm mit wenigen Worten die verletzende Art seiner Verhaftung mitzutheilen, indem er dieselbe lediglich als die Folge seines Verhältnisses zu Sidonien bezeichnete und daran die Ueberzeugung knüpfte, daß jedenfalls auch die Prinzessin gleich ihm von den harten Maßnahmen des Fürsten betroffen worden sein müßte. Mit freudigem Dank nahm er das ihm gemachte Anerbieten, sich in seinem Interesse direct an den Fürsten zu wenden, an, indem er zugleich bat, sich wegen der erlittenen Ehrenverletzung zu beklagen und gegen seine Haft in strengster Form zu protestiren. Wie und in welcher Weise dies am geeignetsten geschehen könnte, mußte er seinen Befreundeten überlassen, die, wie ihn der Baron versicherte, von seiner Schuldlosigkeit, so wie von der gegen ihn gesponnenen Intrigue überzeugt waren.
Um einer möglichen Ueberraschung von Seiten desBeamten vorzubeugen, kürzte der Graf die Unterredung ab, und die Freunde schieden mit der Verabredung von einander, sich am nächsten Tage an diesem Orte wieder zu treffen und Weiteres zu besprechen. Die glückliche Stimmung zu bezeichnen, in welcher der Graf heute in seine Haft zurück kehrte, dürfte kaum nothwendig sein; wissen wir doch, wie sehr er bisher unter dem Entbehren aller Nachrichten von seinen Lieben gelitten hatte. Freilich mangelte ihm dasjenige, wonach seine Seele ganz besonders verlangte: eine genauere Kenntniß von Sidoniens Lage und der über sie verhängten Maßnahmen; doch, wenn er diese auch entbehren mußte, fühlte er sich doch schon hoch beglückt, endlich eine geeignete Gelegenheit gefunden zu haben, sie mit seinem Geschick bekannt machen zu können und das ihrige kennen zu lernen. Und er athmete nach vielen Monaten endlich wieder freier auf, durch die angenehme Aussicht erfreut und beruhigt, daß in Folge der Bemühungen seiner Freunde seine Lage nun nicht mehr lange unentschieden bleiben könnte.
Als er sein Zimmer erreicht hatte und nun in der Stille das Erlebte erwog, erwachte der Wunsch mit großer Lebhaftigkeit in ihm, Sidonien ein paar Worte zu schreiben. Er wußte nur zu wohl, wie sehr er sie dadurch erfreut haben würde; dennoch befriedigte er sein Verlangen nicht. Er hatte sein Wort gegeben, sich jeder geheimen schriftlichen Mittheilung zu enthalten, und ihm war sein Versprechen zu heilig, um es auch selbst unter den obwaltenden Umständen zu brechen, und so blieb der Brief ungeschrieben.
In Folge der getroffenen Verabredung erwartete der Baron den Grafen an dem folgenden Tage an einer unbesuchten Stelle der Promenade. Auch dieses Mal gab der Beamte einen Geschäftsgang vor und ließ Römer allein.
Nichts konnte diesem erwünschter kommen, und rasch schritt er der Gegend zu, woselbst er den Freund zu treffen hoffte. Seine Freude, diesen bereits seiner harrend zu finden, war groß, und herzlich umarmte er ihn.
Um nicht etwa durch den Beamten überrascht zu werden, hatte Römer diesem gesagt, daß er ihn auf dem Rückwege aus der Stadt abholen würde, und war dieserhalb das Nähere zwischen ihnen besprochen worden. Die Freunde waren daher sicher und konnten sich nach Belieben unterreden. Sie benutzten die so günstige Gelegenheit, indem sie des Grafen Interesse nochmals in allen Einzelnheiten erwogen und alsdann feststellten, daß der Graf durch den Freund sobald als möglich mit den erzielten Erfolgen bekannt gemacht werden sollte. Da dies jedoch nur durch eine persönliche Mittheilung ermöglicht werden konnte, so versprach der Baron, sobald er dem Grafen irgend eine Mittheilung von Wichtigkeit zu machen haben würde, sich wieder hieher zu begeben und ein ähnliches Zusammentreffen wie das gegenwärtige herbei zu führen.
Allerdings war es zweifelhaft, ob man dem Grafen auch noch fernerhin so viele Freiheit gestatten würde; doch mußte man in Ermangelung einer andern Gelegenheit, eine Zusammenkunft herbei zu führen, das Beste voraussetzen.
Bestätigte sich diese Annahme nicht, so blieb es dem Baron anheim gestellt, die besten Wege zu einem persönlichen Verkehr mit Römer ausfindig zu machen.
So manche Fragen und Wünsche wurden alsdann noch von Römer ausgesprochen, deren Beantwortung und Erfüllung ihm von hoher Wichtigkeit war, und so eilte die überdies nur kurz zugemessene Zeit rasch dahin, und da der Graf die Begleitung des Freundes nach der Stadt aus Vorsicht ablehnen mußte, so trennte er sich von ihm nach einem herzlichen Abschied, den die angenehme Aussicht eines zu hoffenden baldigen Wiedersehens weniger schmerzlich machte.
Der Beamte pflegte auf den Ausgängen gewöhnlich in einem auf ihrem Wege nach der Festung gelegenen Weinhaus anzusprechen und der Graf hatte längst errathen, welcher Art die von dem Erstern zu erledigenden Geschäfte waren. Auch heute traf er, wie verabredet worden war, daselbst mit seinem Begleiter zusammen, und es schien als ob diesem die Rückkehr seines Gefangenen viel zu frühzeitig wäre. Dennoch zögerte er mit dem Aufbruch nicht, da er des Grafen Pünktlichkeit kannte, und bald schritten sie der Festung zu, der Beamte in redseliger Laune, der Graf schweigend und mit seinen Gedanken beschäftigt.
Der Baron reiste noch an demselben Tage nach der Heimath des Grafen, um daselbst mit dessen Freunden und Verwandten die bei dem Fürsten zu thuenden Schritte zu berathen.
Es darf kaum erwähnt werden, mit welchen Empfindungen der Graf fortan seine Ausgänge fortsetzte, und wie sich mit jedem neuen Tage seine Spannung mehrte, da sich die Frist bis zu dem gehofften Wiedersehen des Freundes mehr und mehr kürzte und er denselben täglich zu treffen erwartete. Doch eine und die zweite Woche ging ihm also dahin, ohne daß seine Erwartungen erfüllt wurden; der Freund erschien nicht. In der dritten Woche erst sollte er freilich zu seinem großen Schmerz durch die über ihn verhängten Maßnahmen die Wirkungen der von seinen Freunden angestellten Bemühungen erfahren.
Eines Tages nämlich erschien der Commandant bei ihm und theilte ihm mit, daß er den Befehl erhalten habe, den Grafen nach einer andern Festung bringen zu lassen, und ihm bis zu dieser Zeit fernere Ausgänge nicht gestattet wären. Als Römer, darüber in hohem Grade bestürzt, nach der Veranlassung zu dieser Maßnahme fragte, vertraute ihm der Commandant, daß man wahrscheinlich höheren Orts vermuthete, der Graf habe die ihm hier gewährte Freiheit benutzt, mit seinen Freunden in Verbindung zu treten, indem er zugleich bedauernd die Voraussetzung hinzufügte, daß ihm in seinem künftigen Aufenthaltsort wahrscheinlich die ehemalige Freiheit nicht mehr gestattet werden würde.
Fernere Fragen ersparte sich der Graf, da er voraussetzen konnte, daß man ihm dieselben nicht nach Wunsch beantworten durfte oder auch vielleicht nicht einmal beantworten konnte.
Nachdem der Commandant die Zeit der Abreise bezeichnet hatte, trennte er sich und ließ Römer mit seinen trüben Gedanken allein.
So war diesem denn jede Hoffnung genommen worden, irgend welche Nachricht von seinen Lieben zu erhalten, und eben so wenig durfte er nach den über ihn verfügten Bestimmungen hoffen, daß sich der Fürst zur Aufhebung seiner Haft geneigt fühlte. Im Gegentheil mußte er befürchten, dieselbe in jeder Hinsicht verschärft zu sehen. Ueberdies war es eine Frage, ob seine Freunde von seinem neuen Aufenthaltsort Kenntniß erhalten würden; er glaubte das bezweifeln zu müssen, da er dessen strenges Geheimhalten mit Sicherheit erwarten durfte. Zugleich erkannte er, daß dies Alles lediglich eine Folge der in seinem Interesse dem Fürsten von Seiten seiner Freunde gemachten Vorstellungen wäre. Wie der Letztere dieselben aufgenommen hatte, sagte ihm seine Versetzung nach einer, wie er überzeugt war, sehr entlegenen Festung zur Genüge.
Durch die bereits erfahrene Behandlung und diese neue Maßnahme in hohem Grade entrüstet, war er sofort entschlossen, sich an den Fürsten mit einer Vorstellung darüber zu wenden. Ohne Zögern führte er dies aus, indem er sich über das Erfahrene beschwerte und zugleich in bestimmter Weise das Verlangen aussprach, vor den Richter gestellt zu werden und die Begründung der über ihn verhängten Strafe kennen zu lernen, da er sich keiner Handlung bewußt sei, welche dieselbe rechtfertigen könnte.
Er händigte das Schreiben dem Commandanten mitder Bitte ein, dasselbe sofort an den Fürsten befördern zu lassen.
An dem nächsten Abend verließ er die Festung in einem geschlossenen Wagen, von einem Officier und einer kleinen Escorte begleitet.