Siebentes Kapitel.
Der Lenz nahte und sandte seine goldenen Lichter in das Arbeitszimmer des Fürsten, in welchem dieser, die Hände auf den Rücken gelegt, erregt auf und ab schritt. Er hielt in den letzteren ein Schreiben. Es war die über die Prinzessin gefällte Sentenz, welche er soeben aus dem Staatsrath erhalten und gelesen hatte. Ein paar reizende Windspiele trippelten neben ihm her und hoben ab und zu die Köpfe zu ihm auf, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn zu den gewöhnten Liebkosungen zu bewegen, ohne daß ihnen dies jedoch gelang.
Der Fürst schien von seinen Gedanken ganz beansprucht zu sein und die Thiere kaum zu bemerken, oder auch keine Neigung zu fühlen, seine Lieblinge zu hätscheln, wie er dies sonst wol zu thun pflegte.
Der Diener meldete Chevalier Boisière.
»Eintreten!« befahl der Fürst, ohne sich in seinem Gange stören zu lassen.
»Nun, Boisière, was spricht man über die bewußte Angelegenheit?« fragte er, den eintretenden Kammerherrn mit einem leichten Nicken begrüßend.
Der Chevalier zuckte die Achseln und entgegnete:
»Hoheit werden es für unglaublich halten, wenn ich mich zu berichten beehre, daß das Vorurtheil zu Gunsten der Prinzessin spricht.«
»Wirklich! wirklich?!« fragte der Fürst.
»Die Welt will nicht an ihre Schuld glauben, obgleich dieselbe doch hinlänglich bewiesen ist. Allerlei Meinungen machen sich geltend. Man weist auf den seitherigen Lebenswandel der Prinzessin hin, glaubt denselben rühmen zu müssen, spricht von der Reinheit und Offenheit ihres Wesens, ihrer Schönheit, und selbst die Vernünftigeren wagen es, an die unglückliche Ehe zu erinnern und darin einen Entschuldigungsgrund für ihre sträfliche Leidenschaft zu finden.«
»Ich habe es mir gedacht! Die Welt ist wenig geneigt, in solchem Fall die fürstliche Autorität anzuerkennen. Das ist eine rechte Kost für Fraubasereien und was darum und daran hängt. Mögen sie klatschen; nicht ich, der Staatsrath hat entschieden. Hier ist die Sentenz!«
Mit diesen Worten wies der Fürst das Schreiben vor und fuhr alsdann fort:
»Ihre Berichte lassen mich die Wirkung derselben voraussehen; doch sei's d'rum! Es wäre mir allerdings angenehmer gewesen, hätte man diese Angelegenheit noch mehr cachiren können; denn es ist mir die Einmischungder Leute in dieselbe unangenehm. Doch die Sache läßt sich nicht ändern und so mag sie ihren Gang haben. Trotz aller Vorsicht wird der Inhalt der Sentenz bald bekannt werden; vermuthlich wird die Prinzessin selbst dafür sorgen; erforschen Sie, was darüber laut wird und welcher Art die Urtheile sind, damit man erforderlichen Falls dem Gerede einen Dämpfer aufsetzen kann. Der Zustimmung der Fürsten bin ich gewiß, besonders da auch der Bruder der Prinzessin, Herzog Friedrich, auf meiner Seite ist. Ein wichtiger Moment in dieser Sache. Hat man sich hinsichts des Grafen in den Adelskreisen beruhigt?«
»Leider muß ich das verneinen und vermuthe, man wird sich mit den bereits gemachten Vorstellungen nicht begnügen und Hoheit wahrscheinlich mit neuen Gesuchen angehen.«
»Ich hoffe dem durch diese Sentenz vorzubeugen,« fiel der Fürst rasch ein.
»Halten zu Gnaden, mein Fürst, wenn ich trotzdem die Meinung auszusprechen mir gestatte, daß sich des Grafen Freunde alsdann kaum weniger beruhigt fühlen dürften. Wenigstens vernahm ich Mancherlei, was mich zu dieser Voraussetzung bestimmte.«
»Mögen sie agitiren; es führt zu nichts. Indem durch diese Sentenz die Schuld der Prinzessin anerkannt ist, ist es auch diejenige des Grafen; das muß eingesehen werden, dem darf und soll man nicht widersprechen, und somit ist auch des Grafen verlängerte Haft gerechtfertigt. Es wäre mir allerdings lieber gewesen, hätte sich derGraf durch die Flucht den Verhandlungen entzogen; man würde weniger belästigt worden sein und die Angelegenheit wäre mit einem Schlage erledigt gewesen. So aber ist es anders. Der Graf zeigte keine Neigung, die ihm gebotenen Gelegenheiten zur Flucht zu benutzen, und beharrt voll Trotz darauf, vor einen Richter gestellt zu werden, da er seine Vernehmungen nicht für maßgebend anerkennt, ihn in der Haft zu halten. Er hat vor mehren Wochen einen stolzen, herausfordernden Brief an mich gesandt und sich erlaubt, mich an seine Adelsvorrechte zu erinnern. Der Adel ist, wie immer, anmaßend und pocht auf seine Vorrechte, sobald er sich in einer übeln Situation sieht. Er meint alsdann immer mehr als andere Menschen zu gelten, wenngleich er eben so schlecht wie sie ist. Ich weiß, daß ich durch meine Maßnahmen in das Wespennest des Adels geschlagen habe; mögen sie nun versuchen, wie weit ihr Stachel reicht; sie sollen sich hüten, mich zu verletzen!«
Der Fürst hatte mit Erregung gesprochen, ohne seinen Gang zu unterbrechen; er setzte diesen noch einige Augenblicke schweigend fort und fragte alsdann:
»Was vernimmt man von der Prinzessin? Haben Sie etwa erfahren, ob sie des Grafen Aufenthaltsort kennt und vielleicht mit ihm in geheimer Verbindung steht?«
»Ich bedaure, mein gnädiger Fürst, in dieser Beziehung nichts von Belang berichten zu können. Wie mir meine Leute aus dem Palais mitgetheilt haben, sind nur wenige fremde Personen zu der Prinzessin gekommen; ob dies etwa in des Grafen Auftrag geschehen, vermag ichnicht zu bestimmen. Betreffs der Prinzessin ist es Eurer Hoheit ja bekannt, daß sie ein stilles Leben führt, ziemlich sicher im Verhalten ist und keine Besorgniß über ihre Zukunft zu hegen scheint.«
»Diese Sicherheit verletzt mich eben. Ich würde die Angelegenheit milder erledigt haben, hätte sie sich zu einer Bitte verstanden, hätte sie Demuth und Unterwerfung unter meinen Willen gezeigt. Und ich hätte es gern gethan. Dagegen zeigt sie wie auch der Graf einen Stolz und Trotz, die in ihrer Situation durchaus unpassend und herausfordernd genannt werden müssen und nur zu sehr geeignet sind, mich zur ganzen Strenge gegen sie zu veranlassen. Sie haben es gewollt, so mögen sie es auch tragen!«
Der Diener meldete in diesem Augenblick den Prinzen, worauf der Fürst dem Chevalier noch einige Aufträge ertheilte, namentlich jedoch das Verlangen aussprach, Boisière sollte auch fernerhin die sich unter dem Adel geltend machenden Meinungen über die bekannte Angelegenheit erforschen und ihm darüber seiner Zeit Bericht abstatten. Alsdann entließ er ihn, und wenige Augenblicke darauf trat der Prinz ein.
»Ich vernahm, daß der Spruch gefällt ist —« bemerkte dieser.
»So ist es, und hier ist derselbe,« entgegnete der Fürst und reichte dem Prinzen das Schreiben. Dieser griff hastig darnach, öffnete und las dasselbe unter Zeichen der Aufregung, während der Fürst seine Blicke auf ihn gerichtet hielt.
»Ist es Dir also recht?« fragte dieser mit einem Anflug von Ironie in der Stimme, als der Prinz die Durchsicht vollendet hatte.
»Ich habe dieses Urtheil erwartet und Sidonie verdient es,« fiel der Prinz mit Befriedigung ein.
Der Fürst betrachtete seinen Neffen einige Augenblicke schweigend, alsdann entgegnete er in einem eigenthümlichen Ton:
»Die Sentenz konnte nicht anders ausfallen; ob die Prinzessin dieselbe jedoch verdient, dürfte eine Frage sein.«
»Mein gnäd'ger Fürst!« rief der Prinz bestürzt und trat einen Schritt von ihm zurück, indem er ihn fragend anschaute.
»Ich glaube eine Berechtigung zu dieser Frage zu besitzen,« fuhr der Fürst in fast scharfem Ton fort, »und will Dir nicht verhehlen, daß die Art der Herbeischaffung der Beweise für ihre Schuld allerlei Gedanken in mir erzeugt hat.« —
»Die Umstände nöthigten dazu, mein Fürst!« fiel der Prinz ein.
»Wir wollen diese Dinge nicht weiter untersuchen. Sie dienen unserm Zweck, haben den gewünschten Effect erzielt, und somit sind weitere Auseinandersetzungen überflüssig. Ueberdies vertragen manche Angelegenheiten auch nicht dergleichen, und alsdann ist es klug, sich davon fern zu halten und, sie benutzend, eben gehen zu lassen. Du magst diese Sache mit Dir abmachen, und ich meine, daß Dir das nicht eben schwer sein wird. Ich bin mit der Sentenz einverstanden, wenngleich — — in meinem Sinne,«bemerkte der Fürst, in dessen Antlitz sich ein gedankenvoller, fast trüber Zug zu erkennen gab.
»So wären wir am Ziel!« fiel der Prinz erfreut ein.
»Daß wir dieses erreichen würden, habe ich nicht bezweifelt. Meine wie Deine Wünsche sind erfüllt, und das ist die Hauptsache. Doch kann ich Dir nicht verhehlen, daß, indem das Interesse des Staats also gewahrt worden ist, jetzt auch die Pflicht an Dich herantritt, künftig durch Dein Verhalten zu beweisen, daß Dir das erstere wirklich bedeutungsvoll ist und Du Deinen fürstlichen Stand und seine Gewalt nicht lediglich als Mittel zur Befriedigung niederer Leidenschaften betrachtest. Nur indem der Fürst jenes zu wahren versteht, finden seine Schwächen Entschuldigung. Einem Manne von Kopf hält man dergleichen stets zu gut und übersieht sie, während man den Beschränkten nur nach seinen Fehlern beurtheilt, die selbst Herzensgüte nicht auszugleichen vermögen. Vor Allem erwarte ich jedoch mit Bestimmtheit, daß Deine nun einzugehende Ehe keinen Anlaß zu ähnlichen Ereignissen, wie die gegenwärtigen, bieten wird. Es wird fortan Deine Aufgabe sein, die Welt zu überzeugen, daß die Prinzessin nicht ungerecht verurtheilt worden ist.« Der Fürst schwieg, durchschritt ein paarmal das Gemach und fuhr alsdann fort: »Da, wie ich voraussetzen muß, Du keine Zuneigung für eine Prinzessin hegst, so werde ich Sorge tragen, Dir eine Gemahlin auszuwählen. Deine neue Vermählung soll bald erfolgen, da ich ruhiger sterben würde, wenn ich die Thronfolge gesichert wüßte.«
Der Fürst bezeichnete hierauf einige Prinzessinnen, die er kennen gelernt und die seinen Beifall gefunden hatten, und der Prinz erklärte seinem fürsorglichen Oheim, sich seiner Wahl ganz unterwerfen zu wollen.
Da in solcher Weise ihr Interesse erledigt worden war, trennten sie sich. Der Fürst schien zu einer weiteren Unterhaltung überdies keine Neigung zu hegen. Als er sich allein sah, durchschritt er wieder gedankenvoll das Gemach. Trotz der stattgefundenen Unterredungen schien er dennoch die ihm nothwendige Ruhe nicht gefunden zu haben. Nach kurzer Zeit fiel sein Auge auf die Sentenz, welche offen auf seinem Schreibtisch lag. Er hatte dieselbe noch nicht unterzeichnet. Ihr Anblick schien ihn zu bewegen. Er ergriff sie, hielt sie einige Augenblicke sinnend in der Hand, legte sie alsdann auf ihre Stelle und nahm seinen Gang wieder auf, während er einige Worte leise vor sich hin sprach und seinen Gedanken auf's Neue nachzuhängen schien. Sein Auge blitzte düster und ein fast melancholischer Zug machte sich in seinem gefurchten Antlitz geltend. Es war so einsam und still in dem Gemach. Vor und in dem Palais vernahm man nicht das geringste Geräusch; eben so geräuschlos war des Fürsten Schritt auf dem Teppich. In dem Kamin waren die Kohlen zu einem Häuflein Asche verglüht; er blieb davor stehen und schaute sinnend darauf. Nichts störte ihn darin. Niemand befand sich in seiner Nähe, dem er seine Gedanken und Empfindungen hätte mittheilen mögen, wozu ihn vielleicht seine Stimmung drängte. Selbst dieWindspiele hielten sich still und hatten sich beim Eintreten des Kammerherrn auf ihre bequemen Lager begeben und schliefen jetzt. Nur das Ticken der Pendule vernahm man.
Nach kurzer Zeit begab sich der Fürst an das Fenster und schaute hinaus; er erblickte nur ein paar Wachen in der Ferne, sonst Niemand. Die Bäume zeigten erst Knospen, und die ersten Frühlingsblumen hatten sich an sonnigen Stellen aus der feuchten Erde erhoben und bildeten einen farbigen Kranz um die Marmorstatuen, welche den Platz vor dem Palais schmückten. Wie es schien unbefriedigt, wandte sich der Fürst davon ab und durchschritt auf's Neue das Gemach. Endlich blieb er stehen und richtete das Auge auf mehre auf einem Tisch befindliche Bücher. Eins derselben war geöffnet und zeigte den Namen: »Macchiavelli.« Einzelne Stellen darin waren unterstrichen und am Rande mit einem Stift Bemerkungen gemacht. Er näherte sich dem Tisch und ließ sein Auge einige Augenblicke auf dem Buche ruhen; alsdann ergriff er mit einem raschen Entschluß die Feder und setzte mit flüchtigem und hörbarem Zuge seinen Namen unter die in der Nähe liegende Sentenz.
Sidoniens Schicksal war entschieden. Darauf ließ er sich am Kamin in einem Fauteuil nieder, und auf ein von ihm gegebenes Zeichen erhoben sich die Windspiele, eilten zu ihm und umschmeichelten seine Kniee. Er beachtete sie jedoch kaum und schien noch von seinen Gedanken erfüllt zu sein; denn über seine Lieblinge fortschauend, sprach er leise vor sich hin:
»Der Fürst darf nur so viel Mensch sein, als es ihm das Staats-Interesse erlaubt.« —
Der Prinz kehrte in der besten Stimmung nach seinem Palais zurück. Die Sentenz über Sidonie hatte ihn in hohem Grade befriedigt, indem dieselbe seine rachsüchtigen Wünsche stillte. Es verstand sich von selbst, daß er bemüht gewesen, seinen ganzen Einfluß geltend zu machen, damit das Urtheil in der vorhandenen Fassung gefällt wurde. Ueberdies waren die Richter mit des Fürsten Intentionen in dieser Angelegenheit genügend bekannt, um trotz Sidoniens reinem Lebenswandel einem Bedenken Raum zu geben. Sichtbare Beweise und Zeugenaussagen thaten das Ihrige, Sidoniens und des Grafen Schuld zu begründen, und somit befanden sich die Herren in der angenehmen Lage, sowol des Fürsten als auch des Prinzen Wünsche durchaus zu befriedigen. Mühlfels, mit dem Schluß der Verhandlungen bekannt gemacht, erwartete den Prinzen in dessen Palais und wurde von diesem mit den freudigen Worten begrüßt:
»Nun, Mühlfels, der Spruch ist gefällt; wir sind gerächt!«
»So wünsche ich Ihnen und mir Glück dazu. Hoheit sind nun endlich eine Bürde los, die Sie fortwährend unangenehm belästigte.«
»In der That, es war so, und ich würde mich noch mehr darüber freuen, wenn mir nicht bereits neue Fesseln drohten, denn der Fürst hat mir soeben mitgetheilt, eine neue Gemahlin für mich zu besorgen.«
»Fürchten Sie nichts, mein Prinz. Der Fürst ist meines Erachtens durch das Erfahrene vorsichtig genug gemacht worden, um die Neuwahl mit ganzer Sorgfalt zu betreiben; auch setze ich voraus, Hoheit werden dieses Mal selbst bedacht sein, sich von dem Charakter der zu Wählenden genügend zu überzeugen.«
»Das werde ich, Mühlfels, und bin gewiß, nicht zum zweiten Mal mit einer Zierpuppe voll Moral verbunden zu werden. Und dies ist um so mehr nothwendig, da ich Mariane aufzugeben keine Lust fühle. Das Mädchen muß sich prächtig entwickelt haben, und ihre Briefe zeigen mir überdies, daß sie Geist und Verstand besitzt und beide vortrefflich ausgebildet hat. O, ich sehne mich nach ihr; denn trotz ihrer Entfernung ist sie mir gleich lieb geblieben, ja ich möchte behaupten, daß sie allein für alle Zeiten mein Herz befriedigen wird. Lachen Sie nicht, Mühlfels! Ich sage Ihnen, es ist so, und Sie werden es erleben!«
»Hoheit täuschen sich in der Voraussetzung, ich zweifelte daran, und ich versichere Sie, Ihre Zuneigung durchaus gerechtfertigt zu finden. Das Fräulein ist zu reich mit allen weiblichen Vorzügen ausgestattet, um nicht dauernd fesseln zu können, selbst Sie, mein Prinz, dessen Ansprüche nicht eben klein sind!«
»Das Schlimmste bei der Sache ist, wie ich sie wieder in meine Nähe bringen kann,« bemerkte der Prinz.
»Nicht so schlimm, als Sie vermuthen, mein Prinz,« wandte Mühlfels ein.
»Können Sie mir in dieser Beziehung etwa einen annehmbaren Vorschlag machen?«
»Was meinen Hoheit zu einer Vermählung des Fräuleins?«
»Eine Vermählung?!« fiel der Prinz, durch den nicht erwarteten Vorschlag überrascht, ein und fügte hinzu: »Die Sache gefällt mir nicht besonders. Der Gemahl könnte stören.«
»Man beugt dem vor, indem man ihn fortsendet.«
»Das ginge; doch es ist zu bedenken, ob sich Mariane dazu versteht. Ich zweifle daran; denn sie will Gräfin werden, und ein Graf dürfte kaum die Rolle des Strohmannes übernehmen, und mit einem Geringeren würde sie sich wahrscheinlich nicht begnügen.«
»Die Ehe kann nach Belieben getrennt und somit des Fräuleins Wunsch erfüllt werden.«
»DerAusweg ist zu erwägen. Ich will mir die Sache überlegen und Mariane seiner Zeit damit bekannt machen. Doch, wenn sie darauf eingehen sollte, bliebe doch noch die Frage zu beantworten,werdie Rolle des Gemahls übernehmen dürfte.«
»Ich glaube den Mann dazu gefunden zu haben.«
»Wer ist es?«
»Kapitän von Bieberstein, der uns so wesentliche Dienste geleistet hat.«
»Der Mann wäre gut und gefällt mir.«
»Befehlen Hoheit etwa, daß ich ihn sondire?«
»Sie können das immerhin thun. Ich bin demManne überdies verpflichtet und muß daran denken, ihm meine Dankbarkeit zu erkennen zu geben. Ich werde dafür sorgen, daß er hieher versetzt wird, und das Weitere findet sich alsdann,« entgegnete der Prinz und bemerkte nach kurzem Ueberlegen: »Es fällt mir ein, daß es am besten wäre, wenn Ihre Mutter Mariane mit dieser Angelegenheit bekannt machte. Die Frauen verstehen Dergleichen annehmlicher zu behandeln, und Ihre Mutter besitzt darin ein großes Geschick. Da sie mit Marianen auch in Briefwechsel steht, so läßt sich die Sache um so bequemer ausführen.«
»Wenn Sie befehlen, mache ich meine Mutter mit Ihren Wünschen bekannt.«
»Thun Sie das. Ihre Mutter ist eine aufgeklärte und verständige Frau, und ich brauche ihr daher nichts Näheres zu sagen.«
»Sie wird sich durch Eurer Hoheit Befehle sehr geehrt fühlen.«
»Sie mag Marianen zu erkennen geben, daß ich mit ihren Vorschlägen einverstanden bin.« —
Aus dieser Unterredung werden wir leicht entnehmen können, welchen geringen Eindruck des Fürsten bedeutsame Worte auf den Prinzen erzeugt hatten und wie weit dieser entfernt war, irgend ein sittliches Bedenken wegen seiner neuen Anordnungen betreffs der Befriedigung seiner Leidenschaft zu hegen. Diese Momente lassen zugleich auf sein künftiges sittliches Verhalten schließen, sobald er als Regent keine Rücksichten mehr zu nehmen genöthigt ist, und wirwerden später erfahren, daß er seinem Charakter durchaus treu blieb.
Mühlfels traf, als er zu seiner Mutter zurückkehrte, um sich des von dem Prinzen erhaltenen Auftrages zu entledigen, die Baronin in sehr eifrigem Gespräch mit Boisière.
Dieser hatte sich nämlich beeilt, der Freundin die Nachricht von der über Sidonie gefällten Sentenz so rasch als möglich zu überbringen, da er wußte, welche große Freude die Baronin darüber empfinden würde.
Und so war es auch, und die Befreundeten befanden sich in der behaglichsten Stimmung, die sich von Seiten des Chevaliers in der höchsten Zuvorkommenheit gegen die Baronin und von ihrer Seite in der liebenswürdigsten Koketterie gegen den theuern Chevalier zu erkennen gab, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die fleischige Hand der Baronin mit Grazie an die Lippen zu führen, und so ein würdiges Seitenstück zu der koketten Dame bildete. Mühlfels lieferte das fehlende entsprechende Blatt zu diesem Bouquet von Leerheit des Gemüths, Hohlheit des Charakters, niederer Denkungsart und ausgeprägtester Selbstsucht, das überdies, durch raffinirte Schlauheit, Intriguensucht und Augendienerei vervollkommnet, eine charakteristische Verkörperung des damals herrschenden Zeitgeistes bildete.
Mit welcher behaglichen, freundlichen Miene wurde die unglückliche Prinzessin verdammt, obgleich vielleicht alle Drei nicht an deren Schuld glaubten. Doch das galt ihnen gleich, da ihre eigenen außerordentlichen Vorzügedadurch um so mehr zur Geltung gelangten. Ueberdies gewährte es namentlich Mutter und Sohn eine hohe Befriedigung, die stolze, sich über Alle erhebende Prinzessin in solcher Weise gedemüthigt und gekränkt zu sehen, und es zeigt sich auch in diesem Fall, daß die Schlechten das Bessere im Menschen nicht dulden mögen und eine Wollust empfinden, es mit Haß zu verfolgen und mit Begier das falsche Herz an ihrem Unglück zu weiden.
Dies war auch selbst hinsichts Boisière und der Baronin der Fall, obgleich der Erstere niemals etwas Uebles von Sidonien erfahren hatte, und die Letztere lediglich durch das Interesse ihres Sohnes dabei betheiligt war.
Es war aber die Sache an sich, das Pikante derselben, welche ihre innerste Natur herausforderte; denn wie wir wissen, ging ihnen nichts über eine Angelegenheit, in welcher die Tugend zu Falle gekommen war, oder Ungeschick oder Zufall den Schleier von einem pikanten Geheimniß gelüftet hatte.
Das Glück dieser Stunde wurde für die Baronin noch ganz besonders durch die Mittheilung von des Prinzen Auftrag erhöht, den ihr der Sohn nach dem Entfernen Boisière's vertraute. Die von ihr begehrte Dienstleistung erhob sie mit einem Schlage zu einer wichtigen Person in dieser difficilen Angelegenheit. Es galt, den Wunsch des Prinzen zu erfüllen und dadurch ein befriedigendes Verhältniß zwischen ihm und Marianen herzustellen, und daß ihr dies gelingen würde, war für sie keine Frage. Dadurch verband sie sich jedoch nicht nur dem künftigenRegenten, sondern gewann auch überdies einen nicht geringen Einfluß auf Mariane, und in welcher Weise sie diese Momente zu ihrem Vortheil auszubeuten hoffte, haben wir bereits früher angedeutet. Was ihrem Herzen jedoch ganz besonders wohlthat, war der Umstand, daß sie Marianen zugleich die Nachricht von der endlichen Trennung der Ehe der Prinzessin mittheilen konnte, die dem Mädchen, wie sie voraussetzen durfte, eine große Freude bereiten mußte.
Von allen diesen Gedanken bewegt, entwarf sie, nachdem ihr Sohn sie verlassen hatte, sofort den Brief an Mariane, den sie denn auch im Lauf einiger Stunden mit großer Ueberlegung zu Stande brachte. Als sie denselben nach seiner Fertigung überlas, war sie mit der Fassung sehr wohl zufrieden und eben so sehr überzeugt, daß sich Mariane dem Wunsch des Prinzen fügen würde. —
Der Fürst hatte das Urtheil nach dessen Empfang nicht an Sidonie abgesandt, sondern zögerte damit, wozu ihn besondere Gründe, die wir später erfahren werden, veranlaßten. Sidonie befand sich daher hinsichts der über sie getroffenen Maßregeln in Ungewißheit. Zwar war ihr bekannt, daß die Verhandlungen von den über sie von dem Fürsten eingesetzten Richtern betrieben wurden, auch hatte sie mit einem derselben auf den Wunsch des Fürsten mehre Unterredungen gehabt; indessen waren Monate dahin gegangen, ohne daß über ihr und des Grafen Schicksal entschieden worden war.
Wir haben aus Boisière's Worten erfahren, daß sieseit dem erkannten Verrath ein stilles, eingezogenes Leben führte, und fügen hinzu, daß dieses Leben durch die Ungewißheit über des Grafen Geschick noch wesentlich getrübt wurde.
Alle von Aurelien angestellten Bemühungen, irgend etwas Bestimmtes darüber zu erforschen, waren vergebens gewesen; Niemand kannte des Grafen Aufenthalt. Um so mehr befestigte sich in den Freundinnen die Voraussetzung einer geheimnißvollen Verhaftung, und wir wissen, daß sie sich darin nicht irrten. Die Gräfin Römer hatte in der auf Aureliens Brief an diese gesandten Antwort die Absicht ausgesprochen, durch ihre Freunde nach dem Aufenthaltsort ihres Sohnes sogleich Nachforschungen anstellen zu lassen; es waren jedoch mehre Monate dahin gegangen, ehe die Gräfin weitere Nachrichten sandte. Diese bestätigten nun leider die von Sidonien gehegten Besorgnisse, indem sie des Grafen Haft in der Festung als begründet bezeichneten. Die Gräfin hatte dabei zugleich bemerkt, daß man fortan bemüht sein würde, mit dem Grafen entweder in schriftlichen oder persönlichen Verkehr treten zu können, und wollte den erzielten Erfolg seiner Zeit Aurelien mittheilen. Bald darauf hatte Sidonie die große Freude, durch Römer's Freund Näheres über den Grafen so wie die beabsichtigte Verwendung für diesen bei dem Fürsten zu erfahren.
Baron Steinwerth hatte sich nämlich seinem Versprechen gemäß nach genommener Rücksprache mit des Grafen Verwandten nach der Residenz begeben, um beidem Fürsten eine Audienz nachzusuchen und also für des Grafen Interesse zu wirken.
Der Fürst hatte ihm dieselbe nur mit Unmuth bewilligt, da er sich wenig dazu geneigt fühlte und sie doch auch nicht ablehnen durfte; über die dabei zur Sprache kommenden Angelegenheiten jedoch nicht im Zweifel, war er daher auch bedacht, eine erweiterte Unterredung zu vermeiden und den Baron so kurz als möglich abzufertigen. Dies gelang ihm jedoch nicht; denn Steinwerth war ein muthiger Mann, der sich nicht so leicht einschüchtern ließ, besonders da ihn die Ueberzeugung von Römer's Schuldlosigkeit erfüllte, und so hatte der Fürst keinen eben leichten Stand gegen einen Mann, der kühn genug war, die Maßnahme gegen den Grafen als ungerechtfertigt zu erklären, selbst für den Fall, daß dieser sich eines Vergehens schuldig gemacht hatte.
Wir haben in der Unterredung des Fürsten mit dem Chevalier einzelne Andeutungen des Ersteren über die Anmaßungen des Adels vernommen und bemerkten, daß dieselben lediglich eine Folge des mit Steinwerth gehabten Gesprächs waren, und werden daraus zugleich auf den Charakter desselben schließen können. Trotz der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen war Steinwerth dennoch später bedacht, den Fürsten durch schriftliche Vorstellungen zu bestimmen, Römer frei zu geben, ohne daß sich derselbe dazu bequemte. Der Fürst glaubte dies um so weniger thun zu dürfen, da die Haft ein Beweis von des Grafen begründeter Schuld sein sollte. Da er ihn in solcher Weiseeinmal hatte verhaften lassen, so mußte er sich auch seiner Ansicht nach treu bleiben. Ließ sich der Graf zur Flucht verleiten, wie er bestimmt hoffte, so waren seine Maßnahmen um so mehr gerechtfertigt. Ueberdies ging er darin durchaus sicher, da er wußte, daß Sidonie für schuldig erkannt werden würde und damit auch des Grafen Schuld begründet wurde.
Weitere persönliche Unterredungen in dieser Angelegenheit hatte der Fürst durchaus abgelehnt, und ebenso die einlaufenden schriftlichen Vorstellungen unbeachtet gelassen. Um sich jedoch in seiner Autorität zu behaupten, den störrischen Adel einzuschüchtern und dessen weiteren Verkehr mit dem Grafen unmöglich zu machen, ließ er den Letzteren, wie wir erfahren haben, auf's Neue in Nacht und Nebel nach einer andern Festung bringen, indem zugleich den dabei Betheiligten das strengste Schweigen anbefohlen wurde, damit des Grafen Aufenthalt nicht entdeckt werden konnte.
Alle diese Vorgänge hatte Sidonie durch Aurelie erfahren, der sie durch des Grafen Mutter mitgetheilt worden waren. Wie groß ihr Schmerz darüber war und wie sehr sich derselbe steigerte, als ihr Aurelie die Erfolglosigkeit der Bemühungen Steinwerth's, den Grafen auf's Neue zu sprechen, mittheilte, darf kaum bemerkt werden.
So waren denn alle Anstrengungen zur Erleichterung der Lage des Geliebten vergebens, und das beugte Sidonie um so tiefer nieder, da sie nur zu wohl wußte, wie sehr der Graf und dessen Mutter darunter leiden mußten.Wie sehr hätte es sie beglückt, wäre es ihr gestattet gewesen, der von ihr so hochgeachteten Frau ein paar Worte zu schreiben; doch daran durfte sie nicht denken und mußte thatenlos Alles über sich ergehen lassen. Mit so trüben Gedanken erfüllt saß sie in ihrem Boudoir und schaute sinnend durch das Fenster in die Weite, und ihre Seele suchte den Geliebten in seinem düstern Gefängniß auf, in welchem er für sie litt. Ihr bleiches Antlitz verrieth, daß sie seinen Kummer theilte. Aurelie, mit der Freundin Gemüthsstimmung nur zu wohl bekannt, war unablässig bedacht, sie in angenehmer Weise zu zerstreuen, was ihr jedoch nur in geringem Maß gelang.
Sidonie beschäftigte sich viel mit ihrer lieblich heran blühenden Tochter, die sie ein wenig unterrichtete. Das Kind war die meisten Stunden des Tages in ihrer Nähe und gewährte ihr unter den obwaltenden so trüben Verhältnissen eine tröstende Freude, deren sie in der bangen Erwartung der kommenden Dinge so sehr bedurfte.
Es war am zweiten Tage, nachdem der Fürst Sidoniens Urtheil unterzeichnet hatte, und sie befand sich wie gewöhnlich in Gesellschaft Aureliens und ihrer Tochter, als ihr ein Handbillet des Fürsten überreicht wurde. Dasselbe war ziemlich umfangreich. Kaum hatte sie das Schreiben erblickt, so erbleichte sie, von der Ahnung ergriffen, dasselbe könnte den über sie gefällten Richterspruch enthalten. Ihr fehlte der Muth; es zu öffnen, und darum reichte sie es Aurelien mit der Bemerkung hin, das Schreiben zu lesen.
»Es wird mein Urtheil enthalten,« fügte sie mit bebender Stimme hinzu.
»Fassung, meine theure Freundin! Wir sind ja auf Uebles vorbereitet; so wird uns die Sentenz nicht überraschen. Uebrigens freue ich mich, daß der peinigenden Ungewißheit endlich ein Ende gemacht wird,« beruhigte und ermunterte die sorgliche Freundin, obgleich auch ihr treues Herz vor Erwartung bebte.
Sidonie neigte bejahend, doch schweigend das Haupt, drückte ihre Tochter fester an sich und schaute zu Boden. »Lies, liebe Aurelie,« bemerkte sie alsdann fast tonlos.
Und Aurelie entfaltete das Schreiben. Die Prinzessin hatte sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht; neben einem Billet von dem Fürsten befand sich die Sentenz.
Der Fürst schrieb:
»Madame! Ich sende Ihnen anbei den über Sie gefällten Richterspruch; Sie erkennen daraus, daß Sie des Vergehens für schuldig befunden worden sind und ihre Ehe mit dem Prinzen getrennt ist. Zu Ihrem künftigen Aufenthalt habe ich Schloß Waldburg bestimmt, das für Ihre Aufnahme eingerichtet werden wird. Sie werden sich dahin innerhalb zwei Wochen begeben und dürfen dasselbe ohne meine besondere Erlaubniß fortan nicht verlassen. Eine Hofmeisterin und eine Gesellschaftsdame werden Sie mit der entsprechenden Dienerschaft begleiten. Ihr Jahrgehalt ist bestimmt und wird Ihnen seiner Zeit stets ausgezahlt werden.«
»Verbannt, verbannt und meiner Freiheit beraubt!« rief Sidonie, von dem Vernommenen tief erschüttert.
»O, meine arme Freundin, hofftest Du Besseres?« fragte Aurelie mit feuchtem Auge Sidonie anschauend.
»Ich glaubte ein Recht auf ein milderes Urtheil zu besitzen. Doch es sei; ich will mich deshalb nicht beklagen, da ich in solcher Weise mit meinem theuern Freunde leiden kann. Ja, ich will diese Verbannung mit Freuden begrüßen, wenn Römer seiner Haft nicht entlassen werden sollte. Und ich fürchte, es wird so sein. Geht man so hart mit mir um, so wird man noch schlimmer mit ihm verfahren. So wird er nicht allein leiden,« sprach Sidonie, von Liebe und Hochgefühl erglüht. »O, ich hatte es mir anders gedacht,« fuhr sie darauf fort; »ich habe gehofft, daß mir mit der Trennung der Ehe auch meine Freiheit gewährt werden würde und ich diesem Lande für immer entfliehen könnte. Ich vergaß, daß ich eine entehrende Strafe erleiden mußte, um der Welt meine Schuld zu bezeichnen. Darum Verbannung, Verbannung nach einem verödeten Schloß.«
»Wenigstens gewährt Dir dieselbe den Vortheil, dem Hofe entfliehen zu können,« bemerkte Aurelie.
»Gewiß, gewiß, und den darf ich nach dem Erfahrenen in der That nicht gering anschlagen. Wir werden uns dort eine neue Heimath gründen, welche Liebe und Freundschaft verschönen wird. Dort werde ich mit noch größerer Sorgfalt meinen Mutterpflichten genügen können, dort wird sich mein Kind, unberührt von der entsittlichendenHofluft, rein und schön entfalten können, und ich vermag der Welt dereinst einen guten Menschen zuzuführen. O, das ist ein großer, sehr großer Vortheil, dieser Gedanke thut dem Herzen wohl!« endete Sidonie und drückte ihre Tochter an sich.
»Und Deine Verbannung kann und darf nicht allzu lange währen,« fiel Aurelie ein.
»Ein paar Jahre vielleicht. O, die Zeit geht in der Einförmigkeit rasch dahin, ich fürchte sie nicht. Was mir die Verbannung jedoch schmerzlicher macht, ist der Gedanke, daß meine Tochter später davon zu leiden haben wird, sobald meine Schuldlosigkeit nicht anerkannt wird. Ob dies jemals geschehen wird, ich wage es unter den obwaltenden Umständen nicht zu hoffen. Und wenn dies auch erfolgen sollte; die Welt glaubt so gern das Ueble, und selbst der dem Schuldlosen angehaftete Makel wird so schwer verwischt, trotz der Erkenntniß, wie ungerecht derselbe ist. Doch Alles, Alles und noch Schlimmeres würde ich mit Freuden ertragen, wüßte ich den Freund erst frei und seiner entehrenden Fesseln ledig.«
»Vielleicht, daß Deine Verbannung seine Lage erleichtert und Dein Wunsch erfüllt wird,« bemerkte Aurelie.
Sidonie schüttelte das Haupt.
»Es wird nicht geschehen, ich weiß es nur zu wohl. Der Fürst begnügt sich niemals mit halben Maßregeln, sobald es darauf ankommt, der Welt gegenüber sein Ansehen zu behaupten. Darum wird er den Grafen auch strenger als mich bestrafen, wie er es bereits gethan hat,obwol seine Maßnahmen ungerecht und von dem Adel nichts weniger als gebilligt werden. Doch, Du weißt, der Fürst ist unbeugsam, so bald es seinen Zwecken gilt.«
»Und möchtest Du den Fürsten nicht um eine Milderung des Urtheils ersuchen?« fragte Aurelie.
»Niemals, meine theure Freundin! Er soll weder eine Bitte, noch einen Vorwurf von mir vernehmen! Ueberdies bin ich von der Fruchtlosigkeit meiner Bemühungen überzeugt, die höchstens seinen Triumph über mich erhöhen würden. Nach diesem Urtheil sind wir für immer von einander geschieden,« entgegnete Sidonie mit bestimmtem Ton und fügte nach kurzem Sinnen, Aurelien die Hand hinreichend, hinzu: »Vergieb mir, meine Theure, wenn ich bisher nur meiner Interessen gedachte und es vergessen konnte, daß meine Verbannung Dein geliebtes Haupt trifft, indem sie Dich in eine menschenleere Einsamkeit fesselt. O, wie viele der reinsten Opfer hast Du mir schon gebracht, die ich wohl zu schätzen, jedoch nicht durch mein Thun entsprechend zu würdigen vermag. O, wende Dich auch jetzt nicht von mir, denn ohne Dich vermöchte ich das Leben nicht zu ertragen!« Und sie umschlang weinend die Freundin.
»Warum Deine Bitte, Geliebte? Du kennst mein Herz und weißt, daß Deine Freuden und Leiden auch die meinen sind und es stets bleiben werden. Kein Wort also hierüber mehr,« entgegnete Aurelie voll Güte und edler Hingebung.
Stumm drückten sich die Freundinnen die Hände.
»Die Besorgniß ergreift mich, ob man mir Deine Begleitung auch gestatten wird,« bemerkte Sidonie nach kurzer Pause.
»Warum sollte man das nicht, da mein Aufenthalt bei Dir unmöglich ihre Interessen gefährden kann?«
»Möchte es so sein! Doch überzeugen wir uns, ob in dem Urtheilsspruch irgend etwas darüber bestimmt ist,« entgegnete Sidonie.
Aurelie ergriff in Folge dessen das Schreiben und trug es laut vor; doch enthielt dasselbe in der angegebenen Bezeichnung nichts.
»Gott sei Dank, so ist meine Besorgniß unbegründet gewesen,« sprach Sidonie, welche dem Vortrage mit ängstlicher Spannung zugehört hatte, indem sie froh aufathmete.
»Hier ist noch eine Bemerkung von des Fürsten Hand, die der Sentenz später beigefügt zu sein scheint,« bemerkte Aurelie, das Auge darauf gerichtet.
»Wahrscheinlich noch irgend eine Bestimmung über mich,« entgegnete Sidonie und fragte alsdann: »Wie lautet sie?«
Aurelie hatte kaum mit raschem Blick des Fürsten Worte überflogen und deren Sinn erfaßt, als sie erbleichend und bestürzt einen leisen Schrei ausstieß.
»Was erschreckt Dich?!« fragte Sidonie.
»O, meine arme, arme Freundin!« rief Aurelie in Thränen ausbrechend, indem sie die Prinzessin umschlang.
»Um Gott, sage, was Dich bewegt!« rief Sidonie in gesteigerter Besorgniß.
»Lies seine Worte,« entgegnete Aurelie leise und deutete auf diese hin.
Zitternd vor angstvoller Erregung that Sidonie das; in dem nächsten Augenblick entfiel das Blatt ihren Händen, und mit dem Ausruf: »Mein Kind, mein Kind!« schlang sie hastig die Arme um ihre sich an sie schmiegende Tochter und drückte diese unter einem hervor stürzenden Thränenstrom innig und fest an sich, indem sie ihr Antlitz auf deren Locken sinken ließ und diese mit Küssen bedeckte.
Es trat eine kurze Stille ein, die nur das Weinen der Frauen unterbrach.
Das Kind blickte besorgt zu der Mutter auf und fragte:
»Warum weintchère mama?«
»Weil sie mich von Dir trennen, Dich mir für immer nehmen wollen!« fiel Sidonie fassungslos ein, das Kind noch heftiger küssend.
»Ich soll nicht bei Mama bleiben?«
»Sie werden Dich fremden, lieblosen Händen übergeben und Dich zu einer höfischen Puppe bilden, Dein weiches Herz verhärten für das Gute und Edle und die Reinheit Deiner Seele trüben. Und ich soll fern, fern von Dir sein, Dich nicht mehr behüten dürfen vor den Gefahren, die Dich hier umlauern. O, mein Gott, mein Gott! Das vermag ich nicht!«
Und sie neigte auf's Neue das Antlitz auf ihres Kindes Haupt und weinte heftig.
Es war so, wie Sidonie sagte. Der Fürst hatte unter die richterliche Sentenz die Bemerkung hinzu gefügt, daß auf das ausdrückliche Verlangen des Prinzen und in Anbetracht der die Schuld der Prinzessin begründenden Momente er im Einverständniß mit seinem Neffen die Bestimmung getroffen, daß Sidoniens Tochter dem Prinzen verbleiben sollte. Die obwaltenden Umstände boten dem Letzteren dazu ein scheinbares Recht. Welche unendliche Kränkung darin für Sidonie lag, darf kaum bemerkt werden. Denn was wol dürfte eine Mutter mehr und tiefer verletzen, als wenn man sie nicht für würdig erachtet, ihr einziges Kind und Tochter obenein selbst erziehen und sich an ihrer Entwicklung erfreuen zu dürfen. Ueber ihrem Schmerz blieb Sidonien die Erkenntniß dieses über sie verhängten Schimpfes noch fern, da sie lediglich der einzige Gedanke, sich von ihrem Kinde für immer trennen zu sollen, beherrschte.
Aurelie gewann zuerst Fassung.
»Das kann und darf nicht geschehen!« rief sie mit ungewöhnlicher Energie. »Diese Bestimmung muß der Fürst zurück nehmen, denn sie ist mehr als hart, sie ist grausam.«
»Ich erkenne darin des Prinzen Rache; der Fürst allein würde sich nie dazu verstanden haben,« bemerkte. Sidonie.
»War der Fürst schwach genug, dem Verlangen seinesNeffen nachzugeben, so bleibt ihm doch immer die Gewalt, diese Bestimmung zurück zu nehmen.«
»Ich zweifle, daß er sich dazu bewegen lassen dürfte, und erinnere Dich an das Recht des Prinzen, als Vater seines Kindes über dieses zu bestimmen. Ob ihm dies vor dem Sittengesetz zuerkannt werden darf, ist eine andere Frage, die hier nicht in Betracht kommt. Doch ich weiß, nicht die Liebe zu seiner Tochter, sondern sein Haß gegen mich haben ihn dazu bewogen, und der Fürst ging vielleicht um so leichter auf seinen Willen ein, da derselbe seinen Zwecken dient. Hält man mich nicht für würdig, meine Tochter zu behalten, so muß ich der Welt noch schuldvoller erscheinen, und das will man ja eben.«
»Der Fürst wird Deiner Forderung, Deinen Vorstellungen und Bitten nicht widerstehen. Er ist Dir einst gewogen gewesen, er wird auch jetzt Mitleid mit Deinem Kummer haben. Sein Herz kann nicht so ganz verhärtet sein, um durch Deine Thränen nicht gerührt zu werden.«
Sidonie schüttelte wehmüthig das Haupt.
»Dein liebevolles Herz vermag nicht die ganze Größe der Selbstsucht zu erfassen, die den Fürsten beherrscht. Vielleicht ist er mir einst wirklich zugeneigt gewesen; davon kann jedoch nicht mehr die Rede sein, nachdem ich ihm gegenüber meinen Charakter und Willen zu behaupten wagte. Meine frühere Unterredung mit ihm hat mir sein kaltes, liebloses Herz gezeigt. O, wie leer ist dasselbe, und wie ist es lediglich die Selbstsucht, welche sich eng mit dem Interesse des Staates verknüpft und die vonihm getroffenen Bestimmungen erzeugt. O, wie arm an Freuden, wie traurig ist sein Dasein trotz seines mächtigen Geistes, da in seinem Herzen nicht der Quell strömt, der allein dem Leben Werth und Annehmlichkeit verleiht!«
»Was gedenkst Du zu thun? Wirst Du zu ihm gehen?« fragte Aurelie nach einer kurzen Pause.
»Ich werde es und will den Himmel bitten, daß er meinen Worten Kraft verleiht, sein Herz zu rühren. Vor Allem aber will ich bedacht sein, mich an einen Gedanken zu gewöhnen, der mir allen Lebensmuth und die erforderliche Stärke raubt, das Schmerzliche zu ertragen und den Stolz der Unschuld meinen Feinden gegenüber zu behaupten. Dies ist eine Pflicht, die mir nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen meinen unglücklichen Freund auferlegt ist. O, ich weiß wol, es werden harte, sehr harte Zeiten für mich kommen; ich will, ich darf ihnen nicht erliegen, so viel Kummer sie mir auch bringen. Ihm, ihm, dem edeln, geliebten Manne bin ich es schuldig, der mir das Glück seines Lebens zum Opfer brachte. Vergelten will und muß ich es ihm mit der ganzen Hingabe meiner vollsten Liebe, und darum will ich mich ihm erhalten, damit sein Dasein nicht in einem Schmerz-Accord ausklingt und er nicht mit dem Wort des Vorwurfs, sondern der Liebe auf den Lippen das Leben aushaucht. Ob mir dies gelingen, ob und wann die Zeit kommen wird, in der mein Leben mit dem seinen zusammen pulsen darf, wer vermag das heute zu bestimmen? — Vielleicht naht uns der bleiche Engel des ewigen Friedens früher,als wir ahnen; ach, das Leben ist ja so kurz und hinfällig! Vielleicht wird mein Wunsch erst dann erfüllt, wenn die Jahre die Lebenskraft und Freudigkeit zerstört und den Geist ermüdet haben, und ich ihm statt der Jugend nur ein in Kummer schnell gewelktes Alter bringen kann, und sich in meinen Zügen dann nichts mehr von dem widerspiegelt, was sein Herz einst erfreute. Wie schnell verblühen wir!« Sie schwieg und schaute voll Wehmuth sinnend vor sich hin. »Doch warum fürchte ich das Uebelste, warum sorge ich des Vergänglichen?!« bemerkte sie nach kurzer Pause. »Was wäre die Liebe, wenn sie von äußeren Vorzügen abhinge! O, ich erkenne, wie sich selbst in diesem Augenblick die allgemeinste Schwäche meines Geschlechts, die Eitelkeit, geltend zu machen bestrebt. Doch nein, nein, nicht Eitelkeit, sondern die Liebe zeugt meinen Kummer. Weil ich ihn von Herzen liebe, will ich ihm auch gefallen; dieser Trieb ist ja natürlich und nothwendig. Und Römer liebt ja überdies nicht die äußeren Reize, er liebt die Seele, die unvergängliche, und besitze ich auch nicht die Macht, den Körper vor der Hinfälligkeit zu schützen, so will ich doch bedacht sein, meine Seele davor zu bewahren und sie seiner würdig zu erhalten, damit er einst aus dem gefalteten Antlitz, aus dem matten, entfärbten Augenstern sie dennoch erkennt und sich an ihr erfreut. O, glaube mir, die Liebe ist sehr geschickt, die Erinnerungen vergangenen Lebens zu bewahren; habe ich dies doch in meinen Leidensjahren so ganz erkannt.«
Ein stiller Tag ging über die Freundinnen hin, während dessen sie nur wenige Worte mit einander wechselten, von Kummer und Sorgen erfüllt. Was auch hätten sie sich unter den obwaltenden Umständen mittheilen sollen. Vor Allem mußte Sidonie Fassung gewinnen, um sich für die so wichtige Unterredung mit dem Fürsten vorbereiten zu können. Darüber mußten einige Tage dahin gehen; denn Sidonie war zu tief gebeugt und zu wenig von Hoffnung für das Gelingen ihres Vorhabens erfüllt, um früher die erforderliche Kraft zu gewinnen.
Als ihr dies jedoch nach zwei Tagen gelungen war, sandte sie ein Billet mit der Bitte an den Fürsten ab, ihr eine Audienz zu bewilligen. Erwartungsvoll harrte sie seiner Antwort entgegen.