8. Die Intuition.
Die Intuition als die Funktion unbewusster Wahrnehmung richtet sich in der extravertierten Einstellung ganz auf äussere Objekte. Da die Intuition ein in der Hauptsache unbewusster Prozess ist, so ist auch ihr Wesen bewusst sehr schwer zu erfassen. Im Bewusstsein ist die intuitive Funktion vertreten durch eine gewisse Erwartungseinstellung, ein Anschauen und Hineinschauen, wobei immer erst das nachträgliche Resultat erweisen kann, wieviel hineingeschaut und wieviel wirklich am Objekt lag. Wie auch die Empfindung, falls sie das Primat besitzt, nicht bloss ein reaktiver, für das Objekt weiter nicht bedeutsamer Vorgang ist, sondern vielmehr eine actio, welche das Objekt ergreift und gestaltet, so ist auch die Intuition nicht bloss eine Wahrnehmung, ein blosses Anschauen, sondern ein aktiver, schöpferischer Vorgang, der ebensoviel in das Objekt hineinbildet, als er davon herausnimmt. Wie er unbewusst die Anschauung herausnimmt, so schafft er auch eine unbewusste Wirkung im Objekt. Die Intuition vermittelt allerdings zunächst bloss Bilder oder Anschauungen von Beziehungen und Verhältnissen, die mittelst anderer Funktionen entweder gar nicht, oder nur auf grossen Umwegen erreicht werden können. Diese Bilder haben den Wert bestimmter Erkenntnisse, welche das Handeln ausschlaggebend beeinflussen, insofern der Intuition das Hauptgewicht zufällt. In diesem Fall gründet sich die psychische Anpassung beinahe ausschliesslich auf Intuitionen. Denken, Fühlen und Empfinden sind relativ verdrängt, wobei die Empfindung am meisten betroffen ist, weil sie als bewusste Sinnesfunktion der Intuition am meisten hinderlich ist. Die Empfindung stört die reine, unvoreingenommene, naive Anschauung durch aufdringliche Sinnesreizungen, welche den Blick auf physische Oberflächen lenken, also gerade auf die Dinge, hinter welche die Intuition zu gelangen sucht. Da sich die Intuition in der extravertierten Einstellung vorwiegend auf das Objekt richtet, so kommt sie eigentlich der Empfindung sehr nahe, denn die Erwartungseinstellung auf äussere Objekte kann sich mit fast ebenso grosser Wahrscheinlichkeit der Empfindung bedienen. Damit aber die Intuition durchgeführt werden kann, muss die Empfindung in hohem Masse unterdrückt werden. Unter Empfindung verstehe ich in diesem Fall die einfache und direkte Sinnesempfindung als ein fest umrissenes physiologisches und psychisches Datum. Das muss nämlich zuvor ausdrücklich festgestellt werden, denn, wenn ich den Intuitiven frage, wonach er sich orientiere, so wird er mir von Dingen sprechen, die auf’s Haar den Sinnesempfindungen gleichen. Er wird sich auch des Ausdruckes „Empfindung“ vielfach bedienen. Er hat tatsächlich Empfindungen, aber er richtet sich nicht nach den Empfindungen selber, sondern sie sind ihm blosse Anhaltspunkte für die Anschauung. Sie sind ausgewählt durch unbewusste Voraussetzung. Nicht die physiologisch stärkste Empfindung erlangt den Hauptwert,sondern irgend eine andere, welche durch die unbewusste Einstellung des Intuitiven in ihrem Wert beträchtlich erhöht wird. Dadurch erlangt sie eventuell den Hauptwert und es erscheint dem Bewusstsein des Intuitiven, als ob sie eine reine Empfindung wäre. Sie ist es aber tatsächlich nicht. Wie die Empfindung in der extravertierten Einstellung stärkste Tatsächlichkeit zu erreichen sucht, weil dadurch allein der Anschein eines vollen Lebens erweckt wird, so erstrebt die Intuition die Erfassung grössterMöglichkeiten, weil durch die Anschauung von Möglichkeiten dieAhnungam allermeisten befriedigt wird. Die Intuition strebt nach der Entdeckung von Möglichkeiten im objektiv Gegebenen, darum ist sie auch als blosse beigeordnete Funktion (nämlich wenn ihr das Primat nicht zukommt) das Hilfsmittel, das automatisch wirkt, wenn keine andere Funktion den Ausweg aus einer überall versperrten Situation zu entdecken vermag. Hat die Intuition das Primat, so erscheinen alle gewöhnlichen Lebenssituationen so, als ob sie verschlossene Räume wären, welche die Intuition zu öffnen hat. Sie sucht beständig Auswege und neue Möglichkeiten äussern Lebens. Der intuitiven Einstellung wird jede Lebenssituation in kürzester Frist zum Gefängnis, zur erdrückenden Fessel, welche zu Lösungen drängt. Die Objekte scheinen zeitweise von beinahe übertriebenem Wert, nämlich dann, wenn sie gerade einer Lösung, einer Befreiung, der Auffindung einer neuen Möglichkeit zu dienen haben. Kaum haben sie ihren Dienst als Stufe oder Brücke erfüllt, so haben sie anscheinend überhaupt keinen Wert mehr und werden als lästiges Anhängsel abgestreift. Eine Tatsache gilt nur, insofern sie neue Möglichkeiten erschliesst, die über sie hinausgehen, das Individuum von ihr befreien. Auftauchende Möglichkeiten sind zwingende Motive, denen sich die Intuition nicht entziehen kann und der sie alles andere aufopfert.