9. Der extravertierte intuitive Typus.
Wo die Intuition vorherrscht, ergibt sich eine eigenartige, nicht zu verkennende Psychologie. Da sich die Intuition nach dem Objekt orientiert, ist eine starke Abhängigkeit von äussern Situationen erkennbar, jedoch ist die Art der Abhängigkeit von der des Empfindungstypus durchaus verschieden. Der Intuitive findet sich nie dort, wo allgemein anerkannte Wirklichkeitswerte zu finden sind, sondern immer da, wo Möglichkeiten vorhanden sind. Er hat eine feine Witterung für Keimendes und Zukunftversprechendes. Nie findet er sich in stabilen, seit langem bestehenden und wohlgegründeten Verhältnissen von allgemein anerkanntem, aber beschränktem Wert. Da er immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ist, so droht er in stabilen Verhältnissen zu ersticken. Er erfasst zwar neue Objekte und Wege mit grosser Intensität und mit bisweilen ausserordentlichem Enthusiasmus, um sie ohne Pietät und anscheinend ohne Erinnerung kaltblütig aufzugeben, sobald ihr Umfang festgestellt ist und sie weiter keine beträchtliche Entwicklung mehr vorausahnen lassen. Solange eine Möglichkeit besteht, ist der Intuitive daran gebunden mit Schicksalsmacht. Es ist, als ob sein ganzes Leben in der neuen Situation aufginge. Man hat den Eindruck, und er selber teilt ihn, als ob er soeben die definitive Wendung in seinem Leben erreicht hätte, und als ob er von nun an nichts anderes mehr denken und fühlen könnte. Auch wenn es noch so vernünftig und zweckmässig wäre, auch wenn alle erdenklichen Argumente zu Gunsten der Stabilität sprächen, nichts wird ihn davon abhalten, eines Tages dieselbe Situation, die ihm eine Befreiung und Erlösung schien, als ein Gefängnis zu betrachten und auch demgemäss zu behandeln. Weder Vernunft noch Gefühl können ihn zurückhaltenoder von einer neuen Möglichkeit abschrecken, auch wenn sie unter Umständen seinen bisherigen Überzeugungen zuwiderläuft. Denken und Fühlen, die unerlässlichen Komponenten der Überzeugung, sind bei ihm minderdifferenzierte Funktionen, die kein ausschlaggebendes Gewicht besitzen und darum der Kraft der Intuition keinen nachhaltigen Widerstand entgegen zu setzen vermögen. Und doch sind diese Funktionen allein imstande, das Primat der Intuition wirksam zu compensieren, indem sie dem Intuitiven dasUrteilgeben, das ihm als Typus gänzlich mangelt. Die Moralität des Intuitiven ist weder intellektuell noch gefühlsmässig, sondern er hat seine eigene Moral, nämlich die Treue zu seiner Anschauung und die willige Unterwerfung an ihre Macht. Die Rücksicht auf das Wohlergehen der Umgebung ist gering. Ihr physisches Wohlempfinden ist so wenig wie sein eigenes, ein stichhaltiges Argument. Ebenso wenig ist ein Respekt für die Überzeugungen und Lebensgewohnheiten seiner Umgebung vorhanden, sodass er nicht selten als unmoralischer und rücksichtsloser Abenteurer gilt. Da seine Intuition sich mit äussern Objekten befasst und äussere Möglichkeiten herauswittert, so wendet er sich gerne Berufen zu, wo er seine Fähigkeiten möglichst vielseitig entfalten kann. Viele Kaufleute, Unternehmer, Spekulanten, Agenten, Politiker usw. gehören zu diesem Typus.
Noch häufiger als bei Männern, scheint dieser Typus bei Frauen vorzukommen. In diesem letztern Fall offenbart sich die intuitive Tätigkeit weit weniger beruflich, als vielmehr gesellschaftlich. Solche Frauen verstehen es, alle sozialen Möglichkeiten auszunützen, gesellschaftliche Verbindungen anzuknüpfen, Männer mit Möglichkeiten ausfindig zu machen, um für eine neue Möglichkeit wieder alles aufzugeben.
Es ist ohne weiteres verständlich, dass ein solcher Typus volkswirtschaftlich sowohl wie als Kulturfördererungemein bedeutsam ist. Wenn er gutgeartet, d. h. nicht zu selbstisch eingestellt ist, so kann er sich als Initiator oder doch wenigstens als Förderer aller Anfänge ungemeine Verdienste erwerben. Er ist ein natürlicher Anwalt aller zukunftversprechenden Minoritäten. Da er, wenn er weniger auf Sachen, als auf Menschen eingestellt ist, gewisse Fähigkeiten und Nützlichkeiten in ihnen ahnungsweise erfasst, so kann er auch Leute „machen“. Niemand wie er hat die Fähigkeit, seinen Mitmenschen Mut zu machen oder Begeisterung einzuflössen für eine neue Sache, auch wenn er sie schon übermorgen wieder verlässt. Je stärker seine Intuition, desto mehr verschmilzt auch sein Subjekt mit der geschauten Möglichkeit. Er belebt sie, er führt sie anschaulich und mit überzeugender Wärme vor, er verkörpert sie sozusagen. Es ist keine Schauspielerei, sondern ein Schicksal.
Diese Einstellung hat ihre grossen Gefahren, denn allzu leicht verzettelt der Intuitive sein Leben, indem er Menschen und Dinge belebt, und eine Fülle des Lebens um sich verbreitet, das aber nicht er, sondern die andern leben. Könnte er bei der Sache bleiben, so kämen ihm die Früchte seiner Arbeit zu, aber nur allzu bald muss er der neuen Möglichkeit nachrennen und seine eben bepflanzten Felder verlassen, die andere ernten werden. Am Ende geht er leer aus. Wenn der Intuitive es aber soweit kommen lässt, so hat er auch sein Unbewusstes gegen sich. Das Unbewusste des Intuitiven hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des Empfindungstypus. Denken und Fühlen sind relativ verdrängt und bilden im Unbewussten infantil-archaïsche Gedanken und Gefühle, die sich mit denen des Gegentypus vergleichen lassen. Sie treten ebenfalls in Form von intensiven Projektionen zu Tage und sind ebenso absurd wie die des Empfindungstypus, nur fehlt ihnen, wie es mir scheint, der mystische Charakter, sie betreffen meistens concrete, quasi reale Dinge, wiesexuelle, finanzielle und andere Vermutungen, z. B. Krankheitswitterungen. Diese Verschiedenheit scheint von den verdrängten Realempfindungen herzurühren. Diese letztern machen sich in der Regel auch dadurch bemerkbar, dass der Intuitive plötzlich an eine höchst unpassende Frau, oder im entgegengesetzten Fall, an einen unpassenden Mann verhaftet wird, und zwar infolge des Umstandes, dass diese Personen die archaïsche Empfindungssphäre berührt haben. Daraus ergibt sich eine unbewusste Zwangsbindung an ein Objekt von meist unzweifelhafter Aussichtslosigkeit. Ein solcher Fall ist bereits ein Zwangssymptom, das auch für diesen Typus durchaus charakteristisch ist. Er beansprucht eine ähnliche Freiheit und Ungebundenheit wie der Empfindungstypus, indem er seine Entschliessungen keinen rationalen Urteilen unterwirft, sondern einzig und allein der Wahrnehmung der zufälligen Möglichkeiten. Er enthebt sich der Beschränkung durch die Vernunft und verfällt darum in der Neurose dem unbewussten Zwang, der Vernünftelei, Tüftelei und der Zwangsbindung an die Empfindung des Objektes. Im Bewusstsein behandelt er die Empfindung und das empfundene Objekt mit souveräner Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit. Nicht dass er etwa meint, rücksichtslos oder überlegen zu sein, er sieht das Objekt, das jedermann sehen kann, einfach nicht und geht darüber hinweg, ähnlich wie der Empfindungstypus; nur sieht letzterer die Seele des Objektes nicht. Dafür rächt sich später das Objekt und zwar in Form von hypochondrischen Zwangsideen, Phobien und allen möglichen absurden Körperempfindungen.