3. Das Fühlen.
Das introvertierte Fühlen ist in der Hauptsache determiniert durch den subjektiven Faktor. Dies bedeutet für das Gefühlsurteil einen ebenso wesentlichen Unterschied vom extravertierten Fühlen, wie die Introversion des Denkens von der Extraversion. Es gehört zweifellos zu den schwierigern Dingen, den introvertierten Gefühlsprozess intellektuell darzustellen oder auch nur annähernd zu beschreiben, obschon das eigentümliche Wesen dieses Fühlens unbedingt auffällt, wenn man seiner überhaupt gewahr wird. Da sich dieses Fühlen hauptsächlich subjektiven Vorbedingungen unterwirft und sich nur sekundär mit dem Objekt beschäftigt, so tritt es viel weniger und in der Regel missverständlich in die Erscheinung. Es ist ein Fühlen, das anscheinend die Objekte entwertet und sich darummeistens negativ bemerkbar macht. Die Existenz eines positiven Gefühles ist sozusagen nur indirekt zu erschliessen. Es sucht sich nicht dem Objektiven einzupassen, sondern ihm überzuordnen, indem es unbewusst versucht, die ihm zu Grunde liegenden Bilder zu verwirklichen. Es sucht daher stets nach einem in der Wirklichkeit nicht anzutreffenden Bild, das es gewissermassen zuvor gesehen hat. Es gleitet anscheinend über die Objekte, die seinem Ziele niemals passen, achtlos hinweg. Es strebt nach einer innern Intensität, zu der die Objekte höchstens einen Anreiz beitragen. Die Tiefe dieses Gefühles lässt sich nur ahnen, aber nicht klar erfassen. Es macht die Menschen still und schwer zugänglich, da es sich vor der Brutalität des Objektes mimosenhaft zurückzieht, um den tiefen Hintergrund des Subjektes zu erfühlen. Zum Schutze schiebt es negative Gefühlsurteile vor oder eine auffallende Indifferenz.
Die urtümlichen Bilder sind bekanntlich ebenso sehr Idee wie Gefühl. Daher sind auch grundlegende Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ebenso sehr Gefühlswerte, wie sie als Ideen bedeutend sind. Es liesse sich demnach alles, was vom introvertierten Denken gesagt wurde, auch auf das introvertierte Fühlen übertragen, nur wird hier alles erfühlt, was dort erdacht wird. Die Tatsache aber, dass Gedanken in der Regel verständlicher ausgedrückt werden können, als Gefühle, bedingt, dass es bei diesem Fühlen schon einer nicht gewöhnlichen sprachlichen oder künstlerischen Ausdrucksfähigkeit bedarf, um seinen Reichtum auch nur annähernd äusserlich darzustellen oder mitzuteilen. Wie das subjektive Denken wegen seiner Unbezogenheit nur schwierig ein adäquates Verständnis zu erwecken vermag, so gilt dies vielleicht in noch höherm Masse für das subjektive Fühlen. Um sich andern mitzuteilen, muss es eine äussere Form finden, welche geeignet ist, einerseits das subjektive Fühlen entsprechend aufzunehmen und andererseits dem Mitmenschen es so zu übermitteln, dass in ihm ein Parallelvorgang entsteht. Wegen der relativ grossen innern (wie äussern) Gleichheit der Menschen kann diese Wirkung auch erreicht werden, obschon es ausserordentlich schwierig ist, eine dem Gefühl zusagende Form zu finden, solange nämlich das Fühlen sich wirklich noch hauptsächlich am Schatze der urtümlichen Bilder orientiert. Wird es aber durch Egozentrizität verfälscht, so wird es unsympathisch, weil es sich dann überwiegend nur noch mit dem Ich beschäftigt. Es erweckt dann unfehlbar den Eindruck sentimentaler Eigenliebe, des Sichinteressantmachens und selbst einer krankhaften Selbstbespiegelung. Wie das subjektivierte Bewusstsein des introvertierten Denkers nach einer Abstraktion der Abstraktionen strebt und damit nur eine höchste Intensität eines an sich leeren Denkprozesses erreicht, so vertieft sich auch das egozentrische Fühlen zu einer inhaltlosen Leidenschaftlichkeit, die bloss sich selber fühlt. Diese Stufe ist mystisch-ekstatisch und bereitet den Übergang in die vom Fühlen verdrängten, extravertierten Funktionen vor. Wie dem introvertierten Denken ein primitives Fühlen, dem sich Objekte mit magischer Gewalt anhängen, gegenübersteht, so tritt dem introvertierten Fühlen ein primitives Denken gegenüber, das an Concretismus und Tatsachensklaverei seinesgleichen sucht. Das Fühlen emanzipiert sich fortschreitend von der Beziehung aufs Objekt und schafft sich eine nur subjektiv gebundene Handlungs- und Gewissensfreiheit, die sich gegebenenfalls von allem Hergebrachtem lossagt. Umso mehr aber verfällt das unbewusste Denken der Macht des Objektiven.