Chapter 53

9. Der introvertierte intuitive Typus.

Die Eigenart der introvertierten Intuition schafft auch, wenn sie das Primat erlangt, einen eigenartigen Typus Mensch, nämlich den mystischen Träumer und Seher einerseits, den Phantasten und Künstler andererseits. Der letztere Fall dürfte der Normalfall sein, denn im allgemeinen besteht bei diesem Typus die Neigung, sich auf den Wahrnehmungscharakter der Intuition zu beschränken. Der Intuitive bleibt in der Regel beim Wahrnehmen, sein höchstes Problem ist das Wahrnehmen, und — insofern er ein produktiver Künstler ist — die Gestaltung der Wahrnehmung. Der Phantast aber begnügt sich mit der Anschauung, durch die er sich gestalten, d. h. determinieren lässt. Die Vertiefung der Intuition bewirkt natürlich eine oft ausserordentliche Entfernung des Individuums von der handgreiflichen Wirklichkeit, sodass er selbst seiner nähern Umgebung zum völligen Rätsel wird. Ist er ein Künstler, so verkündet seine Kunst ausserordentliche, weltentrückte Dinge, die in allen Farben schillern, bedeutend und banal, schön und grotesk, erhaben und schrullenhaft zugleich sind. Ist er kein Künstler, so ist er häufig ein verkanntes Genie, eine verbummelte Grösse, eine Art weiser Halbnarr, eine Figur für „psychologische“ Romane.

Obschon es nicht ganz auf der Linie des introvertierten Intuitionstypus liegt, die Wahrnehmung zu einem moralischen Problem zu machen, indem dazu eine gewisse Verstärkung der urteilenden Funktionen nötig ist, so genügt doch schon eine relativ geringe Differenzierung des Urteils, um die Anschauung aus dem rein Ästhetischen ins Moralische überzuführen. Dadurch entsteht eine Spielart dieses Typus, welche von seiner ästhetischen Form wesentlich verschieden, für den introvertierten Intuitiven aber trotzdem charakteristisch ist. Das moralische Problem entsteht dann, wenn der Intuitive sich zu seiner Vision in Beziehung setzt, wenn er sich nicht mehr mit der blossen Anschauung und ihrer ästhetischen Bewertung und Gestaltung begnügt, sondern zu der Frage gelangt: Was heisst das für mich oder für die Welt? Was geht daraus hervor für mich oder für die Welt in Hinsicht einer Pflicht oder Aufgabe? Der reine Intuitive, der das Urteil verdrängt oder ein solches nur im Banne der Wahrnehmung besitzt, gelangt im Grunde genommen nie zu dieser Frage, denn seine Frage ist nur das Wie der Wahrnehmung. Er findet darum das moralische Problem unverständlich oder gar absurd und verbannt darum das Denken über das Geschaute soviel wie möglich. Anders der moralisch eingestellte Intuitive. Er beschäftigt sich mit der Bedeutung seiner Vision, er kümmert sich weniger um ihre weitern ästhetischen Möglichkeiten als vielmehr um ihre möglichen moralischen Wirkungen, die aus ihrer inhaltlichen Bedeutung für ihn hervorgehen. Sein Urteil lässt ihn, allerdings öfters nur dämmerhaft, erkennen, dass er als Mensch, als Ganzes irgendwie in seine Vision einbezogen ist, dass sie etwas ist, das nicht bloss angeschaut werden kann, sondern auch zum Leben des Subjektes werden möchte. Durch diese Erkenntnis fühlt er sich verpflichtet, seine Vision in sein eigenes Leben umzugestalten. Da er sich aber in der überwiegenden Hauptsache auf die Vision allein stützt, so gerät sein moralischer Versuch einseitig; er macht sich und sein Leben symbolisch, angepasst zwar an den innern und ewigen Sinn des Geschehens, unangepasst aber an die gegenwärtige tatsächliche Wirklichkeit. Damit beraubt er sich auch der Wirksamkeit auf diese, denn er bleibt unverständlich. Seine Sprache ist nicht die, die allgemein gesprochen wird, sondern eine zu subjektive. Seinen Argumenten fehlt die überzeugende Ratio. Er kann nur bekennen oder verkündigen. Er ist die Stimme des Predigers in der Wüste.

Der introvertierte Intuitive verdrängt die Empfindung des Objekts am allermeisten. Dadurch ist sein Unbewusstes gekennzeichnet. Im Unbewussten besteht eine compensierende extravertierte Empfindungsfunktion von archaïschem Charakter. Die unbewusste Persönlichkeit liesse sich daher am ehesten beschreiben als einen extravertierten Empfindungstypus niedriger, primitiver Gattung. Triebhaftigkeit und Masslosigkeit sind die Eigenschaften dieser Empfindung, samt einer ausserordentlichen Gebundenheit an den sinnlichen Eindruck. Diese Qualität compensiert die dünne Höhenluft der bewussten Einstellung und gibt ihr eine gewisse Schwere, sodass eine völlige „Sublimierung“ verhindert wird. Tritt aber durch eine forcierte Übertreibung der bewussten Einstellung eine völlige Unterordnung unter die innere Wahrnehmung ein, so begibt sich das Unbewusste in die Opposition, und es entstehen dann Zwangsempfindungen mit übermässiger Gebundenheit ans Objekt, welche der bewussten Einstellung widerstreben. Die Neurosenform ist eine Zwangsneurose, die als Symptome teils hypochondrische Erscheinungen, teils Überempfindlichkeit der Sinnesorgane, teils Zwangsbindungen an bestimmte Personen oder andere Objekte aufweist.


Back to IndexNext