10. Zusammenfassung der irrationalen Typen.
Die beiden eben geschilderten Typen sind einer äusserlichen Beurteilung fast unzugänglich. Da sie introvertiert sind und infolgedessen eine geringere Fähigkeit oder Willigkeit zur Äusserung haben, so geben sie nur wenig Handhaben zu einer treffenden Beurteilung. Da ihre Haupttätigkeit sich nach innen richtet, so ist aussen nichts als Zurückhaltung, Verstecktheit, Teilnahmlosigkeit oder Unsicherheit und anscheinend unbegründete Verlegenheit sichtbar. Wenn sich etwas äussert, so sind es meistenteils indirekte Manifestationen der minderwertigen und relativ unbewussten Funktionen. Äusserungen solcher Art bedingen natürlich ein Vorurteil der Umgebung gegen diese Typen. Infolgedessen werden sie meistenteils unterschätzt oder zum mindesten nicht begriffen. In dem Masse, als diese Typen sich selber nicht begreifen, da ihnen eben das Urteil in hohem Masse fehlt, so können sie auch nicht verstehen, warum sie beständig von der öffentlichen Meinung unterschätzt werden. Sie sehen nämlich nicht ein, dass ihre nach aussen gehende Leistung auch tatsächlich von minderwertiger Beschaffenheit ist. Ihr Blick ist gebannt vom Reichtum der subjektiven Ereignisse. Was immer geschieht, ist dermassen fesselnd und von solch unerschöpflichem Reiz, dass sie gar nicht bemerken, dass das, was sie davon der Umgebung mitteilen, in der Regel nur höchst wenig von dem enthält, was sie in ihnen selbst als damit verbunden, erleben. Der fragmentarische und meist bloss episodische Charakter ihrer Mitteilungen stellt zu hohe Anforderungen an das Verständnis und an die Bereitwilligkeit der Umgebung, zudem fehlt ihrer Mitteilung eine dem Objekt zufliessende Wärme, welche einzig überzeugende Kraft haben könnte. Im Gegenteil zeigen diese Typen sehr oft ein barsch abweisendes Verhaltengegen aussen, obschon ihnen dies gar nicht bewusst ist, und sie es auch nicht zu zeigen beabsichtigen. Man wird solche Menschen gerechter beurteilen und mit mehr Nachsicht umgeben, wenn man weiss, wie schwer sich das, was innerlich erschaut wird, in eine verständliche Sprache übertragen lässt. Immerhin darf diese Nachsicht keineswegs so weit gehen, dass man ihnen die Anforderung der Mitteilung überhaupt erliesse. Dies würde solchen Typen zum grössten Schaden gereichen. Das Schicksal selber bereitet ihnen, vielleicht noch öfters als andern Menschen, überwältigende äussere Schwierigkeiten, die sie vom Rausche der innern Anschauung zu ernüchtern vermögen. Es muss aber oft eine grosse Not sein, die ihnen die menschliche Mitteilung endlich abpresst.
Von einem extravertierten und rationalistischen Standpunkt aus sind diese Typen wohl die allerunnützlichsten aller Menschen. Von einem hohem Standpunkt aus gesehen, sind solche Menschen lebendige Zeugen für die Tatsache, dass die reiche und vielbewegte Welt und ihr überquellendes und berauschendes Leben nicht nur aussen, sondern auch innen ist. Gewiss sind diese Typen einseitige Demonstrationen der Natur, aber sie sind lehrreich für den, der sich nicht von der jeweiligen geistigen Mode verblenden lässt. Menschen von solcher Einstellung sind Kulturförderer und Erzieher in ihrer Art. Ihr Leben lehrt mehr, als was sie sagen. Wir verstehen aus ihrem Leben und nicht zum mindesten gerade aus ihrem grössten Fehler, ihrem Nichtmitteilenkönnen, einen der grossen Irrtümer unserer Kultur, nämlich den Aberglauben an das Sagen und Darstellen, die masslose Überschätzung des Belehrens durch Worte und durch Methoden. Ein Kind lässt sich gewiss imponieren durch die grossen Worte der Eltern. Aber man scheint sogar zu glauben, dass das Kind damit erzogen werde. In Wirklichkeit erzieht das, was die Eltern leben, das Kind, und was die Eltern noch an Wortgesten dazufügen, verwirrt das Kind höchstens. Das Gleiche gilt vom Lehrer. Aber man glaubt so sehr an die Methoden, dass, wenn nur die Methode gut ist, auch der Lehrer, der sie ausübt, dadurch geheiligt erscheint. Ein minderwertiger Mensch ist niemals ein guter Lehrer. Er verbirgt aber seine schädliche Minderwertigkeit, welche den Schüler heimlich vergiftet, hinter einer ausgezeichneten Methodik und einer ebenso glänzenden intellektuellen Ausdrucksfähigkeit. Natürlich verlangt der Schüler von reiferem Alter nichts Besseres als die Kenntnis der nützlichen Methoden, weil er der allgemeinen Einstellung, welche an die siegreiche Methode glaubt, schon erlegen ist. Er hat bereits erfahren, dass der leerste Kopf, der eine Methode gut nachbeten kann, der beste Schüler ist. Seine ganze Umgebung redet und lebt es ihm vor, dass aller Erfolg und alles Glück aussen ist, und dass man nur der richtigen Methoden bedürfe, um das Gewünschte zu erreichen. Oder demonstriert ihm etwa das Leben seines Religionslehrers jenes Glück, das vom Reichtum, der innern Anschauung ausstrahlt? Gewiss sind die irrationalen introvertierten Typen keine Lehrer vollendeter Menschlichkeit. Ihnen fehlt die Vernunft und die Ethik der Vernunft; aber ihr Leben lehrt die andere Möglichkeit, die unsere Kultur schmerzlicherweise vermissen lässt.