11. Durch die vorangegangenen Beschreibungen möchte ich keineswegs den Eindruck erwecken, als ob diese Typen in solcher Reinheit irgendwie häufiger in praxi vorkämen. Es sind gewissermassen nurGaltonsche Familienphotographien, welche den gemeinsamen, und deshalb typischen Zug kumulieren und dadurch unverhältnismässig herausheben, während die individuellen Züge ebenso unverhältnismässig verwischt werden. Die genaue Untersuchung des individuellen Falles ergibt die offenbar gesetzmässige Tatsache, dass neben der am meisten differenzierten Funktion stetseine zweite Funktion von sekundärer Bedeutung und darum von minderer Differenzierung im Bewusstsein vorhanden und relativ determinierend ist. Um es aus Gründen der Klarheit nochmals zu wiederholen: bewusst können die Produkte aller Funktionen sein; wir sprechen aber nur dann von Bewusstheit einer Funktion, wenn nicht nur ihre Ausübung dem Willen zur Verfügung steht, sondern auch ihr Prinzip für die Orientierung des Bewusstseins massgebend ist. Letzteres aber ist dann der Fall, wenn z. B. das Denken nicht nur ein nachhinkendes Überlegen und Ruminieren ist, sondern wenn sein Schliessen eine absolute Gültigkeit besitzt, sodass der logische Schluss gegebenenfalls ohne irgendwelche andere Evidenz als Motiv sowohl wie als Garantie des praktischen Handelns gilt. Diese absolute Vormachtstellung kommt empirisch immer nur einer Funktion zu und kann nur einer Funktion zukommen, denn die ebenso selbständige Intervention einer andern Funktion würde notwendigerweise eine andere Orientierung ergeben, welche der erstern, teilweise wenigstens, widersprechen würde. Da es aber eine vitale Bedingung für den bewussten Anpassungsprozess ist, stets klare und eindeutige Ziele zu haben, so verbietet sich naturgemäss eine Gleichordnung einer zweiten Funktion. Die zweite Funktion kann daher nur von sekundärer Bedeutung sein, was sich auch empirisch stets bestätigt. Ihre sekundäre Bedeutung besteht darin, dass sie nicht wie die primäre Funktion gegebenenfalls einzig und allein als absolut verlässlich sowohl, wie als ausschlaggebend gilt, sondern mehr als Hilfs- oder Ergänzungsfunktion in Betracht kommt. Als sekundäre Funktion kann natürlich nur eine solche auftreten, deren Wesen nicht im Gegensatz zur Hauptfunktion steht. Z. B. kann neben dem Denken niemals das Fühlen als zweite Funktion auftreten, denn sein Wesen steht zu sehr im Gegensatz zu dem des Denkens. Das Denken muss das Fühlen sorgfältig ausschliessen, wenn anders es ein wirkliches, seinem Prinzip getreues Denken sein will. Dies schliesst natürlich nicht aus, dass es Individuen gibt, denen das Denken auf gleicher Höhe wie das Fühlen steht, wobei beide von gleicher bewusster Motivkraft sind. In einem solchen Falle handelt es sich aber auch nicht um einen differenzierten Typus, sondern um ein relativ unentwickeltes Denken und Fühlen. Die gleichmässige Bewusstheit und Unbewusstheit der Funktionen ist daher ein Kennzeichen des primitiven Geisteszustandes.
Die sekundäre Funktion ist erfahrungsgemäss immer eine solche, deren Wesen anders, aber nicht gegensätzlich zur Hauptfunktion ist, also z. B. kann sich ein Denken als Hauptfunktion leicht mit Intuition als sekundärer Funktion paaren, oder auch ebenso gut mit Empfindung, aber, wie gesagt, niemals mit Fühlen. Die Intuition sowohl, wie die Empfindung sind nicht gegensätzlich zum Denken, d. h. sie müssen nicht unbedingt ausgeschlossen werden, denn sie sind dem Denken nicht wesensähnlich in umgekehrtem Sinne wie das Fühlen, welches als Urteilsfunktion mit dem Denken erfolgreich konkurriert, sondern sie sind Wahrnehmungsfunktionen, welche dem Denken willkommene Hilfe gewähren. Sobald sie daher auf eine dem Denken gleiche Höhe der Differenzierung gelangten, würden sie eine Veränderung der Einstellung bedingen, die der Tendenz des Denkens widerspräche. Sie würden nämlich aus der urteilenden Einstellung eine wahrnehmende machen. Dadurch würde das dem Denken unerlässliche Prinzip der Rationalität unterdrückt zu Gunsten der Irrationalität des blossen Wahrnehmens. Die Hilfsfunktion ist daher nur insofern möglich und nützlich, als sie der Hauptfunktiondient, ohne dabei einen Anspruch auf die Autonomie ihres Prinzipes zu erheben.
Für alle praktisch vorkommenden Typen nun gilt der Grundsatz, dass sie neben der bewussten Hauptfunktion noch eine relativ bewusste, auxiliäre Funktion besitzen, welche in jeder Hinsicht vom Wesen der Hauptfunktion verschieden ist. Aus diesen Mischungen entstehen wohlbekannte Bilder, z. B. der praktische Intellekt, der mit Empfindung gepaart ist, der spekulative Intellekt, der mit Intuition durchsetzt ist, die künstlerische Intuition, welche mittelst des Gefühlsurteils ihre Bilder auswählt und darstellt, die philosophische Intuition, die vermöge eines kräftigen Intellektes ihre Vision in die Sphäre des Verstehbaren übersetzt usw.
Entsprechend dem bewussten Funktionsverhältnis gestaltet sich auch die unbewusste Funktionsgruppierung. So entspricht z. B. einem bewussten praktischen Intellekt eine unbewusste intuitiv-fühlende Einstellung, wobei die Funktion des Fühlens von einer relativ stärkern Hemmung betroffen ist, als die Intuition. Diese Eigentümlichkeit hat allerdings nur Interesse für den, der sich mit der praktischen psychologischen Behandlung solcher Fälle beschäftigt. Für diesen aber ist es wichtig, darum zu wissen. Ich habe es nämlich öfters gesehen, dass der Arzt sich bemühte, z. B. bei einem exquisit Intellektuellen die Fühlfunktion direkt aus dem Unbewussten zu entwickeln. Dieser Versuch dürfte wohl immer scheitern, denn er bedeutet eine zu grosse Vergewaltigung des bewussten Standpunktes. Gelingt die Vergewaltigung, so entsteht dadurch eine förmliche Zwangsabhängigkeit des Patienten vom Arzt, eine nur noch mit Brutalität abzuschneidende „Übertragung“, denn durch die Vergewaltigung wird der Patient standpunktlos, d. h. sein Arzt wird sein Standpunkt. Der Zugang zum Unbewussten und zu der am meisten verdrängten Funktion aber erschliesst sich sozusagen von selbst und mit genügender Wahrung des bewussten Standpunktes, wenn der Entwicklungsweg über die sekundäre Funktion geht, also im Falle eines rationalen Typus über die irrationale Funktion. Diese nämlich verleiht dem bewussten Standpunkt eine solche Um- und Übersicht über das Mögliche und Vorkommende, dass dadurch das Bewusstsein einen genügenden Schutz gegen die destruktive Wirkung des Unbewussten bekommt. Umgekehrt verlangt ein irrationaler Typus eine stärkere Entwicklung der im Bewussten vertretenen rationalen Hilfsfunktion, um genügend vorbereitet zu sein, den Stoss des Unbewussten aufzufangen.
Die unbewussten Funktionen befinden sich in einem archaïsch-animalischen Zustand. Ihre in Träumen und Phantasien auftretenden symbolischen Ausdrücke stellen meistens den Kampf oder das Gegenübertreten zweier Tiere oder zweier Monstren dar.