Kapitel XVI

Besuch bei den Ma-Suling am Mĕrasè—In Batu Sala, Napo Liu und Lullt Sirāng—Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und Ethnographica—Besteigung des Batu Situn—Beobachtungsposten auf einem Baumgipfel—Rückhehr nach Lulu Sirāng—Symbolische Heiratserklärung—Hochzeitsgebräuche—Ehegesetze—Heimkehr nach dem Blu-u—Besuch hei den Pnihing am Tjĕhan—In Long ’Kup—Besteigung des Liang Baring—Bei den I’nihing am Paketè—Begräbnisstätte der Pnihing—Hadji Umar—Zurücksendung einer Batang-Lupar Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus—Besuch vonHinan Lirung.

Besuch bei den Ma-Suling am Mĕrasè—In Batu Sala, Napo Liu und Lullt Sirāng—Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und Ethnographica—Besteigung des Batu Situn—Beobachtungsposten auf einem Baumgipfel—Rückhehr nach Lulu Sirāng—Symbolische Heiratserklärung—Hochzeitsgebräuche—Ehegesetze—Heimkehr nach dem Blu-u—Besuch hei den Pnihing am Tjĕhan—In Long ’Kup—Besteigung des Liang Baring—Bei den I’nihing am Paketè—Begräbnisstätte der Pnihing—Hadji Umar—Zurücksendung einer Batang-Lupar Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus—Besuch vonHinan Lirung.

Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei den Ma-Suling am Mĕrasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns Europäern, dem ChinesenMi-Au-Tongund unseren Malaien nur noch zwei Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: “weiterrudern”, worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann,Owat, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte, war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf holte uns das zweite Boot ein, in dem sichKwing Irangmit seinem SohneBang, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in nächster Nähe vor uns den Ruf deshisitauf ihrer rechten Seite; der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Deradatgemäss mussteKwing Iranglanden und eine Zigarette rauchen.

Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt, sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern die Bekanntschaft zu erneuern undBarthden Häuptlingen vorzustellen. Leider befand sich der HäuptlingParenmit seiner Frau in Long Tĕpai und wir wurden nur von seinem BruderBangin der Galerie empfangen. Zwischen ihm undKwing Irangauf dem Boden sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der an der anderen SeiteKwingssass, schien den ängstlichenBangeinzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt esKwing Irangfürangebracht, mich zu seinem SchwiegervaterBo Djozu führen, der Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner TochterUniang Anjaund deren SöhnchenHāngund wollte wissen, warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen, dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen dürfen.Kwing Irang, den Kranke unangenehm berührten, entfernte sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich die hohe, mit Perlen verzierte Mütze vonBo DjosTochter, die dem Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten, ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo manalles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte undBarthnoch immer in eine Unterhaltung mitBangvertieft sass.

Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe, dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen wiederzukommen, zum Mĕrasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit, über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling, in derBo Ligestorben war. AufKwingsRat landeten wir nicht bei des Häuptlings Hause, daLĕdju LisFamilie noch Halbtrauer trug, sondern beiTĕmenggung Itjot, der uns schon erwartet zu haben schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns und forderten uns auf, ihnen nachItjotsGalerie zu folgen, wo wir eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch neue Buschproduktensucher vom Bĕlatung, die bei den Ma-Suling Reis einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten, waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen, da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen durfte. NebenItjotsWohnung befand sich eine andere, deren Bewohner augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun unseren Einzug.

Während unseres Besuches beiLĕdjuerzählte er uns, dass die neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen, weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aberKwing IrangerklärteEro, der Wittwe vonBo Li, dass wir keine Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer; die Frauen trugen im Hause eine hellbraunetă-ā, die nur bis an die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen Lendentuch bekleidet.

Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nachKwing IrangsSinn; den ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtigeKwingwar den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig; die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, dennKwinggewann 4 Mal nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des HäuptlingsBo Leaaus Long Tĕpai zum Vorwand, um länger zu bleiben.

Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (tāp be̥ne̱ng) und eine Jacke mit einem aus bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern, die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner Rückkehr von oben Bedenkzeit.

Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich vonParen, dem Pnihinghäuptling am Tjĕhan, ein sehr schönes Boot gekauft, in diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. UnterItjotsHause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen Niederlassung weiter oben am Mĕrasè schöne Böte zu haben sein, daher beschloss ich, mich dorthin zu begeben.

Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wirKwing Irangbei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten und einigen Kajan den Mĕrasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich schnell von einem Ufer zum anderenbringen konnten. Festes Gestein, das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden Aufenthaltes am Mĕrasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte unsDemmeniauf das Grabmal des früheren HäuptlingsBo Longaufmerksam, das er auf der vorigen Reise photographiert hatte.

Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr unbequem, aberDemmeniundBarthdrangen doch so weit vor, dass sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten, in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später, dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen wagten. Auf ihre Bitte mussteBĕlarèspäter mit seinen Pnihing das gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte.

Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns stark gelüstete, nicht anrühren, daLĕdju Lisie wegen des Todes seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, fürbulingoderlālierklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer sehr ebenen Fläche längs des Mĕrasè die Niederlassung Lulu Sirāng hervortreten, in der die beiden BrüderObet DĕwongundBo Ngowals Häuptlinge herrschten.

Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen, was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier noch nicht ganz vollendet, aber die grosse GalerieObet Dĕwongsbot uns einen guten Wohnraum.

Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors, dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten; einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit etwas Zuckerrohrsaft beibringen.

Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe, der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort aus mitBierüber die Aufnahme des Mĕrasè zu beraten. Ein steiler, halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.

Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Mĕrasè wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten, welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Vonalang-alangund Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten, bemerkten wir nichts.

Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte, bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge, in dem der Sĕrata, Mĕrasè, Tĕpai und Nijān ihren Ursprung nehmen, mit seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige Rücken auslaufen, nicht weit entfernt.

Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt, so dass sich dieser Hügel fürBierals Beobachtungspunkt, von dem er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte, ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das imNorden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge am oberen Mĕrasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der Bahau und Kĕnja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lĕkudjang und Batu Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht,Bĕlarèzu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen Sĕrata, Tĕpai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten, erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit, wo sie im Tal des Mĕrasè Guttapercha suchten, verheiratet waren, etwas Näheres über das Gebiet am oberen Mĕrasè, in dem sie an äusserst steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.

Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte, aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Mĕrasè, denLĕdju Liwegen des Todes seines Vaters fürbulingoderlālierklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen Aussichtspunkt zu erreichen.

Am folgenden Tag trafKwing Irangmit den Seinen bei uns ein und versprach, mitLĕdju, sobald dieser nach Lulu Sirāng kommen würde, über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auchObet Dĕwongbereit, uns zu begleiten, undKwing Irangwollte uns für den Zug seinen besten RatgeberSorongund acht Kajan zur Verfügung stellen.

Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen, die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht undmit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mirKwing Irangbereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher als Hochfläche gedacht.

Während wir in den folgenden Tagen aufLĕdjuwarteten, nahmBierdie Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen.

Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem Gegenstand, den sie sich wünschten.Bo Ngowhatte glücklicher Weise weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise wieder aufgehoben.

Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (taring tanah), wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie, auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben, die noch vorhanden waren.

Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft vonKwing IrangundSorongbesichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4–5 Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aberdafür tiefer als das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für ein ähnliches Boot bezahlt.

Inzwischen zeigte es sich, dassLĕdjusich mit seiner Ankunft bei uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht gross warKwing, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte erKwingbegleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf mich warten sollte.Sorongund die Seinen blieben zurück, um uns unterObet DĕwongsFührung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug wurde unterKwing IrangsVerantwortung unternommen, der meinte, dass ihm, daLĕdjunicht gekommen war, um daslālides Tasan aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen eine Busse anLĕdjuden Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf die Versicherung, dass der Mĕrasè schnell fallen würde, verliess.

Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnteObet Dĕwongam anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um 9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten aussahen.

Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, derin einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.

Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses.Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses.

Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses.

Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses.

Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von Norden her in den Mĕrasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren wir unter dem Rotang hindurch, denLĕdju Lials Verbotszeichen quer über den Fluss hatte spannen lassen.

Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen, denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle, wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt, bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.

Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.

In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis zu dieserlobang be̥lare̱(Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren; erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber.

An dem kleinen Fluss Tĕrè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die Böte in den Uferwald, währendSorongmit den Seinen den gleichmässig ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen zu lassen. Ich folgte ihm langsam mitObet Dĕwong. Der schwere und bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht steil und sehr breit war; daObetin jungen Jahren ein bekannter Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben.

Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m, den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen, hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser finden würden.

Soronghatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen Gipfel auszukundschaften.

Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber bevor wir ihn besteigen konnten, mussteObet Dĕwongden Geistern erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte, und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass er, der Häuptling von Lulu Sirāng, gekommen war, um Kajan vom oberen Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres, welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten.

Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war, zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war, oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden ein festes Gerüst (lăsān) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet, dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend, durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück, in demMidanuns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.

Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung, über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.

Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute Stücke abschlagen.

Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Mĕrasè zum Vorschein, was die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem Quellgebiet des Tĕpai und Nijān zu, geht das Gebirge in plateauförmige Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen, oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unterLĕdju Ajaverteidigt hatte.

Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor und selbstObet Dĕwongder sehr wohl wusste, wie viel uns daran gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen derGipfel des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt, ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat, das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dassObets DĕwongsBehauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns zufrieden zu stellen. Das 1800–2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lĕsong trat gut hervor, ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während nach Osten der Batu Ajo, Nijān u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es gelangBier, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses vom Situn bis Lulu Sirāng noch gemessen werden konnte. Ich war mit den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch noch die Geröllbänke des oberen Mĕrasè und Tasan untersucht, kam aber dennoch mitObet Dĕwong, den die Exkursion sehr angegriffen hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern, Früchten,taring tanahund anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde.

Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Mĕrasè fortsetzen zu können, machte sichBieram anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen, Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen zu lassen.

Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sichObet Dĕwongnach einer gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte, nachdem sie mit Brettern (rambing) versehen worden waren, nach dem Blu-u zu senden.

Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln warhauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die Strömung brachte uns bald nach unten und in 3½ Stunden kamen wir in Napo Liu an.

Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat.Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat.

Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat.

Holzstapel als symbolische Heiratserklärung bei den Long-Glat.

Lĕdju Lihatte ich für die Verletzung deslāliauf dem Tasan eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unterKwing IrangsLeitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (tap be̥ne̱ng) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich von unserem Besuch in Mĕrasè sehr befriedigt war.

Wir sehnten uns alle nach Hause zurück und nahmen daher am 13. Tage nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gäste des Häuptlings, der inzwischen zurückgekehrt war, verbringen sollten. Den Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schöne Schwerter, hölzerne Tätowiermodelle (klinge̱ te̥dak) und Perlenmützen einzukaufen, deren Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein früheres Angebot zu überlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert das Einkaufen von Ethnographica für den Umgang mit den Eingeborenen besitzt. Der Häuptling und seine Frau waren uns nämlich sehr freundlich entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wären, uns irgend welche Gegenstände zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf teuer zu stehen kommen würde, erhielt aber von dem Häuptling für 25 fl. einen Korb (ingan dawan) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von Gegenständen, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte, und von seiner Frau für 15 fl. einen hübsch gestickten Rock. Der BruderBangverkaufte mir ein Schwert mit schöner Einlegearbeit. So waren auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt.

Ein glücklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine Heiratserklärung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hauseund der Wohnung der Auserkorenen vollständig füllte Das Holz war als Brennholz von ungefähr 70 cm Länge gehackt und zwischen zwei Stützbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz waren 5 Stücke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten, hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem Beil (ase̱), als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke (be̱kong), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie es beim Bau der Böte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern (uwit), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, für Reis (honen) und Zuspeisen (udjo̱) sorgen zu wollen. Neben dem Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es glückteDemmeni, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und einiges über die Hochzeitsgebräuche bei den Mahakamstämmen zu erfahren.

Die Gebräuche sind bei den verschiedenen Stämmen und auch, je nachdem es sich um Häuptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im allgemeinen wird eine Heirat zwischen Häuptlingen auf die gleiche Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen für ebenso fest als bei den anderen. Die Häuptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fügen zu den üblichen Symbolen einer Heiratserklärung auch noch schöne Geschenke für die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell, das über dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet.

Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mädchen in den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte Reiskörner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit “be̥ke̥sow” bezeichnet und leitet nur eine vorläufige Ehe ein, während welcher das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfenist, die erst beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (be̥t lālioderbe̥t pawe̱) werden. Einer der ältesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermählten auf ihre künftigen Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn, um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist, verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen.

Die Jungverheirateten dürfen drei Tage lang dieaminnicht verlassen und nur Reis, der in einem Bambusgefäss gekocht worden ist, essen. Das Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mittubagefangene Fische sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide in ihren schönsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrüpp aus, während die Frau mit einer besonderen Schaufel (uing) etwas jätet. Gehören sowohl Mann als Frau einer Häuptlingsfamilie an, so müssen sie den Weg zum Flusse 2 × 8 Mal zurücklegen und stets wieder die gleiche symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgültig geschlossen.

Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind, an ihre Familie zurück; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein Geschenk (tendjai). Für Häuptlinge besteht dastendjaiin Gongen, Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden, falls der Häuptling standesgemäss heiratet. Die Geschenke der Freien dürfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind bei einer Heirat nicht gebräuchlich.

Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man einander eineuto̤̱k, d.i. eine vollständige Kleiderausstattung; die Geschiedenen dürfen dann sogleich wieder eine neue Ehe schliessen. Solange dieuto̤̱knoch nicht gegeben ist, wird eine neue Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren Busse (ke̥be̥how), welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss, bestraft. Trennen sich Eheleute ohneuto̤̱k, so dürfen sie sich nicht wieder verheiraten.

Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuellauch einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse ausbezahlen. Das gleiche gilt auch für Sklaven.

Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde Reisen unternimmt.

Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch Missernten und andere Unglücksfälle an dem ganzen Stamme gerächt, daher sucht man dessen schlimme Folgen von den übrigen Stammesgliedern abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hühnern, 2 × 8 Eiern und all ihrem Hab und Gut auf eine Geröllbank im Flusse ausgesetzt, um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (=be̥t dawi). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen mit dem Blut der Schweine und Hühner, um es unschädlich zu machen.

Die Ehebrecher selbst lässt man mit 2 × 8 Eiern auf einem Floss von der Strömung abwärts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies früher nicht gestattet, wenigstens “erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen.

Derartige Fälle kommen selten vor oder werden wenigstens selten behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen haben.

Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gänzlich unerwachsenen Mädchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus der künftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mädchen später der auserkorene Bräutigam nicht gefällt, was häufig geschieht, setzt sie bei ihrer Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewählten Manne durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg davontragen. Ich erlebte zwei derartige Fälle bei den Mahakam Kajan, bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven überdies viel grösser ist als bei anderen Stämmen.

Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen HäuptlingDing Ngowso schüchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man im langen Hause der Ma-Tuwānlāli nugalfeierte; die Bewohner der anderenHäuser begaben sich morgens sehr früh aufs Reisfeld und kehrten erst abends wieder zurück. Wir hatten somit wenig Gelegenheit, die Bevölkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen.

Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grösstenteils verbraucht und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir daher nichts übrig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u, der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drückendsten Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch.

Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Häuptling in seiner Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir in unser Haus zurück und sassen dann abends wieder sehr befriedigt unter unserem festen, ruhigen Dache.

Unser stilles Leben dauerte nicht lange, dennKwing Irangäusserte den Wunsch, uns nun auch baldmöglichst in den verschiedenen Pnihingniederlassungen einzuführen. Er hielt es nämlich für wünschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm näher kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch unser Fortbleiben zurückgesetzt fühlten. Für später hatteKwingallerhand grosse Pläne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er den Besuch so schnell als möglich ins Werk setzen. Unsere Europäer und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen,Dorisund die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unstätes Leben für ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war, wie wir während unseres Zuges nach dem Mĕrasè erfahren hatten. Wir hatten nun ein Boot weniger nötig, was den Kajan durchaus nicht gefiel, da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Mĕrasè gezogen waren, gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise viel Geld zu verdienen.

Als wir uns mit unserem Gepäck am 10. Dez. in 4 Böte verteilen wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan eingefunden hatten. Der Häuptling hatte sie augenscheinlich zum Zurückbleiben nicht überreden können oder wollen, und so musste ichbei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei Männer zwingen, ihre Tragkörbe, Speere und Schilde aus den Böten zu holen, die für so viele Leute nicht genügend Platz boten.Kwinggab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwärts. Für den Häuptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergnügungsreise, denn seit meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Häuptlings in Long ’Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung, in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei sich aufnehmen konnte. Seine älteste FrauHiānggestattete ihm nur selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen erwünschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long ’Kup zu übernachten und zwar in der Galerie vonKwingsSchwiegervater.

Die Häuptlingsfrauen zeigten sich für die schönen Perlen und Stoffe, die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfänglich; die Männer dagegen hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen über Geschenke und wollten keine hübschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen.

Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten.Kwing Irangkonnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen.

Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich, halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. EineDose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang, die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug, Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen -Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war, eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten sie in der Pnihingniederlassung am Tjĕhan zu haben sein.


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