Vorwort.

Vorwort.

Zu den kühnsten und erfolgreichsten Eroberern, welche die Welt in den letzten Jahrhunderten hat auftreten sehen, ist Rabeh, der ehemalige Knecht und spätere Truppenführer des bekannten sudan-egyptischen Sklavenfürsten Zuber Pascha, zu rechnen. Rabehs Kriegszüge erinnern in mancher Beziehung an die eines Napoleon. Ein innerafrikanischer Fürst nach dem anderen wurde von ihm unterworfen, und er stürzte Throne, die auf eine viele Jahrhunderte alte Geschichte zurückblickten. In wenigen Jahren konnte er sich ein Reich schaffen, das sich von den Grenzen des mahdistischen Gebietes am oberen Nil bis nach Sokoto ausdehnte, im Süden fast bis zum Kongo reichte und im Norden von Wadai und der Sahara abgeschlossen wurde.

Aber auch darin gleicht das Schicksal Rabehs der Laufbahn des korsischen Eroberers, dass die Herrlichkeit seines Riesenreiches nicht von langer Dauer war. 1894 errichtete er seine Hauptstadt am Südrande des Tschadsees, und schon ist er vom politischen Schauplatz abgetreten: in mehreren Kämpfen von den Franzosen besiegt, starb er im April 1900 den Tod auf dem Schlachtfelde. In keinem der gewonnenen Länder hatte er an den Eingeborenen einen sicheren Stützpunkt finden können. Seine Herrschaft war durch seine Grausamkeit verhasst geworden, der einflussreiche religiöse Orden der Senussi hatte sich gegen ihn erklärt.

Rabehs Reich war mit seinem Tode zerfallen, aber sein Sohn Fadel Allah konnte einen Teil der Soldateska, auf welcher seine Macht beruhte, sammeln. Sie reorganisierte sich rasch wieder in der früheren Weise und bildete dann noch eine Zeitlang den stärksten Machtfaktor unter den Völkerschaften des Tschadseegebietes. Zweimal gewann Fadel Allah das Reich seines Vaters bis zum Schari wieder, aber von den Franzosen ebenso oft wieder vertrieben und auf englisches Gebiet verfolgt, fand er am 23. August 1901 seinen Tod. Die decimierten Besiegten, die ihre gesamte Munition und ihr Pulver eingebüsst hatten, mussten sich ergeben. Damit hatte die von Rabeh begründete Macht im Tschadseegebiet ihr Ende gefunden.

Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie, welche mit ihrem nördlichsten Teile an den Tschadsee grenzt, hat in den durch das Auftreten Rabehs entstandenen Wirren eine bedeutende Rolle gespielt. Auf deutschem Boden hatte sich Rabeh seine Hauptstadt Dikoa gewählt, auf deutschem Boden wurde er vonden Franzosen bekämpft und getötet, in Dikoa und nicht mehr in dem englischen Kuka residiert jetzt der neue Sultan von Bornu, und auf deutschem Boden lebt der mächtigste Widersacher, den Rabeh im Tschadseegebiet gefunden hatte, der Fürst von Mandara. Gerade für uns Deutsche ist es daher von besonderem Interesse, über die Vorgänge, die sich im Tschadseegebiet abgespielt haben, genau unterrichtet zu sein und die Vorgeschichte und den Entwicklungsgang dieser Ereignisse zu kennen, namentlich auch deshalb, weil wir jetzt durch eigene Expeditionen, die bereits nach Garua am Benue gedrungen sind, an die Eröffnung des uns nach den internationalen Verträgen zustehenden Tschadseegebietes herangetreten sind.

Wenn ich mich an diese Aufgabe gewagt habe, so ist es deshalb geschehen, weil ich seit längerer Zeit Gelegenheit hatte, die Vorgänge im Innern Afrikas zu verfolgen. Im Jahre 1894 wurde ich mit der Führung einer Expedition nach dem Tschadsee, deren Ausgangspunkt Tripolis sein sollte, betraut, als die Nachricht von der Eroberung der in Betracht kommenden Gebiete durch Rabeh und von der darauf erfolgten Sperrung der Karawanenstrassen zwischen dem Tschadsee und Tripolis in Europa eintraf. Infolge dessen wurde meine bereits in Vorbereitung begriffene Expedition zunächst verschoben und darauf gänzlich aufgegeben, zumal inzwischen ein Vertrag zur Regelung der Ostgrenze unsererKamerun-Kolonie mit Frankreich abgeschlossen worden war.

Seit 1896 konnte ich in Kairo, das für die Beobachtung aller Vorgänge in der muhammedanischen Welt ein hervorragend geeigneter Punkt ist, durch den Verkehr mit Angehörigen der verschiedensten innerafrikanischen Länder unmittelbare Nachrichten über die frühere Entwickelung der Macht Rabehs und über die jüngsten Ereignisse am Tschadsee sammeln.

Jedes Jahr kommen muhammedanische Kaufleute und Pilger, welche der religiösen Pflicht der Mekkafahrt genügen wollen, auch aus jenen Gegenden nach Egypten. Viele der centralafrikanischen Besucher widmen sich dann in Kairo ernsten religiösen Studien an der Azharmoschee, der grössten geistlichen Hochschule der muhammedanischen Welt, oder sie suchen durch die Ausübung zauberartiger Heilkünste und Wahrsagereien im reichen Nillande sich erst einiges Zehrgeld zu verdienen, bevor sie die weite Heimreise wieder antreten. Manche der Centralafrikaner, mit denen ich in Kairo Verkehr pflegen konnte, hatten auf ihrem Wege nach Egypten weite Umwege gemacht und zu der Reise aus den Tschadseeländern oft Jahre gebraucht. Die Fama aber schreitet rasch in Afrika, und man kann beobachten, wie innerafrikanische Geschehnisse oft in Egypten früher bekannt werden, als in Europa.

So glaube ich im folgenden eine Darstellung der soeben zum Abschluss gekommenen Geschichte Rabehs und seines Sohnes geben zu können, welche im grossen und ganzen zutreffend sein dürfte, wenn auch in Einzelheiten kleine Irrtümer zu berichtigen bleiben werden. Die Darstellung beruht im wesentlichen auf meinen Erkundigungen bei meinen centralafrikanischen Gewährsleuten, deren erstaunliches Gedächtnis ich oft bewundern musste. Bei der Wiedergabe der Kämpfe der Franzosen mit Rabeh und seinem Sohn Fadel Allah habe ich die amtlichen französischen Schlachtberichte benutzt, weitere Details verdanke ich persönlicher Aussprache mit den leitenden Mitgliedern der französischen Tschadsee-Expeditionen.

Einige Nachrichten über die Geschichte der für Rabehs Auftreten in Betracht kommenden Länder, deren Kenntnis auch für die Beurteilung der Zustände in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie von praktischem Werte ist, glaubte ich beifügen zu sollen. Auch habe ich den Zug der wichtigsten Karawanenstrassen zwischen den Tschadseeländern und dem Mittelmeer als Anhang gegeben.

Der Verfasser.


Back to IndexNext