The Project Gutenberg eBook ofReigen: Zehn Dialoge

The Project Gutenberg eBook ofReigen: Zehn DialogeThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Reigen: Zehn DialogeAuthor: Arthur SchnitzlerRelease date: August 29, 2011 [eBook #37266]Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REIGEN: ZEHN DIALOGE ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Reigen: Zehn DialogeAuthor: Arthur SchnitzlerRelease date: August 29, 2011 [eBook #37266]Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net

Title: Reigen: Zehn Dialoge

Author: Arthur Schnitzler

Author: Arthur Schnitzler

Release date: August 29, 2011 [eBook #37266]

Language: German

Credits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net

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Anmerkungen zur Transkription:Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.Änderungen sind im Textso gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.EineListe der vorgenommenen Änderungenfindet sich am Ende des Textes.

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DRITTE AUFLAGE

VON DIESEM BUCHE WURDEN25 NUMERIERTE EXEMPLAREAUF BÜTTENPAPIER ABGEZOGEN· UND VOM AUTOR SIGNIERT ·

Titelseite

ARTHURSCHNITZLER

ZEHN DIALOGE

GESCHRIEBEN WINTER 1896–97

BUCHSCHMUCKVONBERTHOLD LÖFFLER

WIENER VERLAGWIENUNDLEIPZIG1903

SÄMTLICHE RECHTE VORBEHALTEN

K. U. K. HOFBUCHDRUCKER FR. WINIKER & SCHICKARDT, BRÜNN

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ZEHN DIALOGE

Spät Abends. An der Augartenbrücke.

Spät Abends. An der Augartenbrücke.

Soldat(kommt pfeifend, will nach Hause).

Dirne.

Komm, mein schöner Engel.

Soldat(wendet sich um und geht wieder weiter).

Dirne.

Willst du nicht mit mir kommen?

Soldat.

Ah,ichbin der schöne Engel?

Dirne.

Freilich, wer denn? Geh', komm' zu mir. Ich wohn' gleich in der Näh'.

Soldat.

Ich hab' keine Zeit. Ich muß in die Kasern'!

Dirne.

In die Kasern' kommst immer noch zurecht. Bei mir is besser.

Soldat(ihr nahe).

Das ist schon möglich.

Dirne.

Pst. Jeden Moment kann ein Wachmann kommen.

Soldat.

Lächerlich! Wachmann! Ich hab' auch mein Seiteng'wehr!

Dirne.

Geh', komm' mit.

Soldat.

Laß mich in Ruh'. Geld hab' ich eh kein's.

Dirne.

Ich brauch' kein Geld.

Soldat(bleibt stehen. Sie sind bei einer Laterne).

Du brauchst kein Geld? Wer bist denn du nachher?

Dirne.

Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du, kann's immer umsonst bei mir haben.

Soldat.

Du bist am End' die, von der mir der Huber erzählt hat. –

Dirne.

Ich kenn' kein' Huber nicht.

Soldat.

Du wirst schon die sein. Weißt – in dem Kaffeehaus in der Schiffgassen – von dort ist er mit dir z' Haus gangen.

Dirne.

Von dem Kaffeehaus bin ich schon mit gar vielen z' Haus gangen ... oh! oh! –

Soldat.

Also geh'n wir, geh'n wir.

Dirne.

Was, jetzt hast's eilig?

Soldat.

Na, worauf soll'n wir noch warten? Und um Zehn muß ich in der Kasern' sein.

Dirne.

Wie lang dienst denn schon?

Soldat.

Was geht denn das dich an? Wohnst weit?

Dirne.

Zehn Minuten zum geh'n.

Soldat.

Das ist mir zu weit. Gib mir ein Pussel.

Dirne(küßt ihn).

Das ist mir eh das liebste, wenn ich einen gern' hab'!

Soldat.

Mir nicht. Nein, ich geh' nicht mit dir, es ist mir zu weit.

Dirne.

Weißt was, komm' morgen am Nachmittag.

Soldat.

Gut is. Gib mir deine Adresse.

Dirne.

Aber du kommst am End' nicht.

Soldat.

Wenn ich dir's sag'!

Dirne.

Du, weißt was – wenn's dir zu weit ist heut' Abend zu mir – da ... da ... (weist auf die Donau).

Soldat.

Was ist das?

Dirne.

Da ist auch schön ruhig ... jetzt kommt kein Mensch.

Soldat.

Ah, das ist nicht das rechte.

Dirne.

Bei mir is immer das rechte. Geh', bleib'jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch 's Leben haben.

Soldat.

So komm' – aber g'schwind!

Dirne.

Gib obacht, da ist so dunkel. Wennst ausrutsch'st, liegst in der Donau.

Soldat.

Wär' eh das Beste.

Dirne.

Pst, so wart' nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.

Soldat.

Kennst dich da gut aus.

Dirne.

So einen wie dich möcht' ich zum Geliebten.

Soldat.

Ich tät' dir zu viel eifern.

Dirne.

Das möcht' ich dir schon abgewöhnen.

Soldat.

Ha –

Dirne.

Nicht so laut. Manchmal is doch, daß sich ein Wachter her verirrt. Sollt man glauben, daß wir da mitten in der Wienerstadt sind?

Soldat.

Daher komm', daher.

Dirne.

Aber was fällt dir denn ein, wenn wir da ausrutschen, liegen wir im Wasser unten.

Soldat(hat sie gepackt).

Ah, du –

Dirne.

Halt dich nur fest an.

Soldat.

Hab kein' Angst ....

Dirne.

Auf der Bank wär's schon besser gewesen.

Soldat.

Da oder da .... Na, krall' aufi.

Dirne.

Was laufst denn so –

Soldat.

Ich muß in die Kasern', ich komm' eh schon zu spät.

Dirne.

Geh', du, wie heißt denn?

Soldat.

Was interessiert dich denn das, wie ich heiß?

Dirne.

Ich heiß Leocadia.

Soldat.

Ha! – So an' Namen hab' ich auch noch nie gehört.

Dirne.

Du!

Soldat.

Na, was willst denn?

Dirne.

Geh, ein Sechserl für'n Hausmeister gib mir wenigstens! –

Soldat.

Ha!... Glaubst, ich bin deine Wurzen ... Servus! Leocadia ...

Dirne.

Strizzi! Fallott! –

(Er ist verschwunden.)

(Er ist verschwunden.)

Prater. Sonntag Abend.Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater; auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt. Der Soldat. Das Stubenmädchen.

Prater. Sonntag Abend.

Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater; auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt. Der Soldat. Das Stubenmädchen.

Stubenmädchen.

Jetzt sagen S' mir aber, warum S' durchaus schon haben fortgehen müssen.

Soldat(lacht verlegen, dumm).

Stubenmädchen.

Es ist doch so schön gewesen. Ich tanz' so gern'.

Soldat(faßt sie um die Taille).

Stubenmädchen(läßt's geschehen).

Jetzt tanzen wir ja nimmer. Warum halten S' mich so fest?

Soldat.

Wie heißen S'? Kathi?

Stubenmädchen.

Ihnen ist immer eine Kathi im Kopf.

Soldat.

Ich weiß, ich weiß schon .... Marie.

Stubenmädchen.

Sie, da ist aber dunkel. Ich krieg' so eine Angst.

Soldat.

Wenn ich bei Ihnen bin, brauchen S' Ihnen nicht zu fürchten. Gott sei Dank, mir sein mir!

Stubenmädchen.

Aber wohin kommen wir denn da? Da ist ja kein Mensch mehr. Kommen S', gehn wir zurück! – Und so dunkel!

Soldat(zieht an seiner Virginierzigarre, daß das rote Ende leuchtet).

's wird schon lichter! Haha! O, du Schatzerl!

Stubenmädchen.

Ah, was machen S' denn? Wenn ich das gewußt hätt'!

Soldat.

Also der Teufel soll mich holen, wenn eine heut' beim Swoboda mollerter gewesen ist als Sie, Fräul'n Marie.

Stubenmädchen.

Haben S' denn bei allen so probiert?

Soldat.

Was man so merkt, beim Tanzen. Da merkt man gar viel! Ha!

Stubenmädchen.

Aber mit der blonden mit dem schiefen Gesicht haben S' doch mehr 'tanzt als mit mir.

Soldat.

Das ist eine alte Bekannte von einem meinigen Freund.

Stubenmädchen.

Von dem Korporal mit dem auf'drehten Schnurrbart?

Soldat.

Ah nein, das ist der Zivilist gewesen, wissen S', der im Anfang am Tisch mit mir g'sessen ist, der so heis'rig red't.

Stubenmädchen.

Ah, ich weiß schon. Das ist ein kecker Mensch.

Soldat.

Hat er Ihnen was 'tan? Dem möcht' ich's zeigen! Was hat er Ihnen 'tan?

Stubenmädchen.

Oh nichts – ich hab nur geseh'n, wie er mit die andern ist.

Soldat.

Sagen S', Fräulein Marie ....

Stubenmädchen.

Sie werden mich verbrennen mit Ihrer Zigarrn.

Soldat.

Pahdon! – Fräul'n Marie. Sagen wir uns Du.

Stubenmädchen.

Wir sein noch nicht so gute Bekannte. –

Soldat.

Es können sich gar viele nicht leiden und sagen doch Du zueinander.

Stubenmädchen.

's nächstemal, wenn wir ... Aber, Herr Franz –

Soldat.

Sie haben sich meinen Namen g'merkt?

Stubenmädchen.

Aber, Herr Franz ....

Soldat.

Sagen S' Franz, Fräulein Marie.

Stubenmädchen.

So sein S' nicht so keck – aber pst, wenn wer kommen tät!

Soldat.

Und wenn schon einer kommen tät, man sieht ja nicht zwei Schritt weit.

Stubenmädchen.

Aber um Gotteswillen, wohin kommen wir denn da?

Soldat.

Sehn S', da sind zwei g'rad wie mir.

Stubenmädchen.

Wo denn? Ich seh' gar nichts.

Soldat.

Da ... vor uns.

Stubenmädchen.

Warum sagen S' denn: zwei wie mir? –

Soldat.

Na, ich mein' halt, die haben sich auch gern'.

Stubenmädchen.

Aber geben S' doch acht, was ist denn da, jetzt wär' ich beinah' g'fallen.

Soldat.

Ah, das ist das Gatter von der Wiesen.

Stubenmädchen.

Stoßen S' doch nicht so, ich fall' ja um.

Soldat.

Pst, nicht so laut.

Stubenmädchen.

Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. – Aber was machen S' denn ... aber –

Soldat.

Da ist jetzt weit und breit keine Seel'.

Stubenmädchen.

So gehn wir zurück, wo Leut sein.

Soldat.

Wir brauchen keine Leut, was, Marie, wir brauchen .... dazu .... haha.

Stubenmädchen.

Aber, Herr Franz, bitt' Sie, um Gotteswillen,schaun S', wenn ich das .... gewußt .... oh .... oh .... komm!....

Soldat(selig).

Herrgott noch einmal .... ah ....

Stubenmädchen.

.... Ich kann dein G'sicht gar nicht sehn.

Soldat.

A was – G'sicht .....

Soldat.

Ja, Sie, Fräul'n Marie, da im Gras können S' nicht liegen bleiben.

Stubenmädchen.

Geh', Franz, hilf mir.

Soldat.

Na, komm zugi.

Stubenmädchen.

Oh Gott, Franz.

Soldat.

Na ja, was ist denn mit dem Franz?

Stubenmädchen.

Du bist ein schlechter Mensch, Franz.

Soldat.

Ja, ja. Geh', wart' ein bissel.

Stubenmädchen.

Was laßt mich denn aus?

Soldat.

Na, die Virginier werd' ich mir doch anzünden dürfen.

Stubenmädchen.

Es ist so dunkel.

Soldat.

Morgen früh ist schon wieder licht.

Stubenmädchen.

Sag' wenigstens, hast mich gern'?

Soldat.

Na, das mußt doch g'spürt haben, Fräul'n Marie, ha!

Stubenmädchen.

Wohin geh'n wir denn?

Soldat.

Na, zurück.

Stubenmädchen.

Geh', bitt' dich, nicht so schnell!

Soldat.

Na, was ist denn? Ich geh' nicht gern' in der finstern.

Stubenmädchen.

Sag', Franz, hast mich gern'?

Soldat.

Aber grad' hab' ich's g'sagt, daß ich dich gern' hab'!

Stubenmädchen.

Geh', willst mir nicht ein Pussel geben?

Soldat(gnädig).

Da .... Hörst, – jetzt kann man schon wieder die Musik hören.

Stubenmädchen.

Du möcht'st am End' gar wieder tanzen geh'n?

Soldat.

Na freilich, was denn?

Stubenmädchen.

Ja, Franz, schau, ich muß zu Haus geh'n. Sie werden eh schon schimpfen, mei' Frau ist so eine .... die möcht' am liebsten, man ging gar nicht fort.

Soldat.

Na ja, geh' halt zu Haus.

Stubenmädchen.

Ich hab' halt 'dacht, Herr Franz, Sie werden mich z'hausführen.

Soldat.

Z'hausführen? Ah!

Stubenmädchen.

Geh'n S', es ist so traurig, allein z'haus geh'n.

Soldat.

Wo wohnen S' denn?

Stubenmädchen.

Es ist gar nicht so weit – in der Porzellangasse.

Soldat.

So? Ja, da haben wir ja einen Weg .... aber jetzt ist's mir zu früh ... jetzt wird noch 'draht, heut hab' ich über Zeit ..... vor zwölf brauch' ich nicht in der Kasern' zu sein. I' geh' noch tanzen.

Stubenmädchen.

Freilich, ich weiß schon, jetzt kommt die Blonde mit dem schiefen Gesicht d'ran!

Soldat.

Ha! – Der ihr G'sicht ist gar nicht so schief.

Stubenmädchen.

Oh Gott, sein die Männer schlecht. Was, Sie machen's sicher mit einer jeden so.

Soldat.

Das wär' z'viel! –

Stubenmädchen.

Franz, bitt' schön, heut' nimmer, – heut' bleiben S' mit mir, schaun S' –

Soldat.

Ja, ja, ist schon gut. Aber tanzen werd' ich doch noch dürfen.

Stubenmädchen.

Ich tanz' heut' mit kein' mehr!

Soldat.

Da ist er ja schon ..

Stubenmädchen.

Wer denn?

Soldat.

Der Swoboda! Wie schnell wir wieder dasein. Noch immer spielen s' das ... tadarada tadarada (singt mit) .... Also wannst auf mich warten willst, so führ' ich dich z'haus .... wenn nicht ... Servas –

Stubenmädchen.

Ja, ich werd' warten.

(Sie treten in den Tanzsaal ein).

(Sie treten in den Tanzsaal ein).

Soldat.

Wissen S', Fräul'n Marie, ein Glas Bier lassen's Ihnen geben (Zu einer Blonden sich wendend, die eben mit einem Burschen vorbeitanzt, sehr hochdeutsch:) Mein Fräulein, darf ich bitten? –

Heißer Sommernachmittag. – Die Eltern sind schon auf dem Lande. – Die Köchin hat Ausgang. – Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn.Der junge Herr liegt auf dem Divan, raucht, und liest einen französischen Roman.

Heißer Sommernachmittag. – Die Eltern sind schon auf dem Lande. – Die Köchin hat Ausgang. – Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn.

Der junge Herr liegt auf dem Divan, raucht, und liest einen französischen Roman.

Das Stubenmädchen.

Bitt' schön, junger Herr?

Der junge Herr.

Ah ja, Marie, ah ja, ich hab' geläutet, ja ... was hab' ich nur ... ja richtig, die Rouletten lassen S' herunter, Marie ... Es ist kühler, wenn die Rouletten unten sind .... ja ....

(Das Stubenmädchen geht zum Fenster und läßt die Rouletten herunter.)

(Das Stubenmädchen geht zum Fenster und läßt die Rouletten herunter.)

Der junge Herr(liest weiter.)

Was machen S' denn, Marie? Ah ja. Jetzt sieht man aber gar nichts zum Lesen.

Das Stubenmädchen.

Der junge Herr ist halt immer so fleißig.

Der junge Herr(überhört das vornehm).

So, ist gut.

(Marie geht.)

(Marie geht.)

Der junge Herr(versucht weiter zu lesen; läßt bald das Buch fallen, klingelt wieder).

Das Stubenmädchen(erscheint).

Der junge Herr.

Sie, Marie .... ja, was ich habe sagen wollen .... ja .... ist vielleicht ein Cognac zu Haus?

Das Stubenmädchen.

Ja, der wird eingesperrt sein.

Der junge Herr.

Na, wer hat denn die Schlüssel?

Das Stubenmädchen.

Die Schlüssel hat die Lini.

Der junge Herr.

Wer ist die Lini?

Das Stubenmädchen.

Die Köchin, Herr Alfred.

Der junge Herr.

Na, so sagen S' es halt der Lini.

Das Stubenmädchen.

Ja, die Lini hat heut Ausgang.

Der junge Herr.

So .....

Das Stubenmädchen.

Soll ich dem jungen Herrn vielleicht aus dem Kaffeehaus ....

Der junge Herr.

Ah nein .... es ist so heiß genug. Ich brauch keinen Cognac. Wissen S', Marie, bringen Sie mir ein Glas Wasser. Pst, Marie – aber laufen lassen, daß es recht kalt ist. –

(Das Stubenmädchen ab.)

(Das Stubenmädchen ab.)

Der junge Herr(sieht ihr nach, bei der Thür wendet sich das Stubenmädchen nach ihm um; der junge Herr schaut in die Luft. – Das Stubenmädchen dreht den Hahn der Wasserleitung auf, läßt das Wasser laufen. Während dem geht sie in ihr kleines Kabinett, wäscht sich die Hände, richtet vor dem Spiegel ihre Schneckerln. Dann bringt sie dem jungen Herrn das Glas Wasser. Sie tritt zum Divan).

Der junge Herr(richtet sich zur Hälfte auf, das Stubenmädchen gibt ihm das Glas in die Hand, ihre Finger berühren sich).

Der junge Herr.

So, danke. – Na, was ist denn? – Geben Sie acht; stellen Sie das Glas wieder auf die Tasse .... (Er legt sich hin und streckt sich aus.) Wie spät ist's denn? –

Das Stubenmädchen.

Fünf Uhr, junger Herr.

Der junge Herr.

So, fünf Uhr. – Ist gut. –

Das Stubenmädchen(geht; bei der Tür wendet sie sich um; der junge Herr hat ihr nachgeschaut; sie merkt es und lächelt).

Der junge Herr(bleibt eine Weile liegen, dann steht er plötzlich auf. Er geht bis zur Tür, wieder zurück, legt sich auf den Divan. Er versucht wieder zu lesen. Nach ein paar Minuten klingelt er wieder).

Das Stubenmädchen(erscheint mit einem Lächeln, das sie nicht zu verbergen sucht).

Der junge Herr.

Sie, Marie, was ich Sie hab' fragen wollen. War heut' Vormittag nicht der Doktor Schüller da?

Das Stubenmädchen.

Nein, heut Vormittag war niemand da.

Der junge Herr.

So, das ist merkwürdig. Also der Doktor Schüller war nicht da? Kennen Sie überhaupt den Doktor Schüller?

Das Stubenmädchen.

Freilich. Das ist der große Herr mit dem schwarzen Vollbart.

Der junge Herr.

Ja. War er vielleicht doch da?

Das Stubenmädchen.

Nein, es war niemand da, junger Herr.

Der junge Herr(entschlossen).

Kommen Sie her, Marie.

Das Stubenmädchen(tritt etwas näher).

Bitt' schön.

Der junge Herr.

Näher .... so .... ah .... ich hab' nur geglaubt .....

Das Stubenmädchen.

Was haben der junge Herr?

Der junge Herr.

Geglaubt .... geglaubt hab' ich – Nur wegen Ihrer Blusen .... Was ist das für eine .... Na, kommen S' nur näher. Ich beiß Sie ja nicht.

Das Stubenmädchen(kommt zu ihm).

Was ist mit meiner Blusen? G'fallt sie dem jungen Herrn nicht?

Der junge Herr(faßt die Bluse an, wobei er das Stubenmädchen zu sich herabzieht).

Blau? Das ist ganz ein schönes Blau. (Einfach.) Sie sind sehr nett angezogen, Marie.

Das Stubenmädchen.

Aber junger Herr ....

Der junge Herr.

Na, was ist denn?.... (er hat ihre Bluse geöffnet. Sachlich): Sie haben eine schöne weiße Haut, Marie.

Das Stubenmädchen.

Der junge Herr tut mir schmeicheln.

Der junge Herr(küßt sie auf die Brust).

Das kann doch nicht weh' tun.

Das Stubenmädchen.

O nein.

Der junge Herr.

Weil Sie so seufzen! Warum seufzen Sie denn?

Das Stubenmädchen.

Oh, Herr Alfred ....

Der junge Herr.

Und was Sie für nette Pantoffeln haben ....

Das Stubenmädchen.

.... Aber .... junger Herr .... wenn's draußen läut' –

Der junge Herr.

Wer wird denn jetzt läuten?

Das Stubenmädchen.

Aber junger Herr .... schaun S' .... es ist so licht ....

Der junge Herr.

Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie brauchen sich überhaupt vor niemandem .... wenn man so hübsch ist. Ja, meiner Seel'; Marie, Sie sind .... Wissen Sie, Ihre Haare riechen sogar angenehm.

Das Stubenmädchen.

Herr Alfred ....

Der junge Herr.

Machen Sie keine solchen Geschichten, Marie .... ich hab' Sie schon anders auch geseh'n. Wie ich neulich in der Nacht nach Haus gekommen bin, und mir Wasser geholt hab'; da ist die Tür zu Ihrem Zimmer offen gewesen .... na ....

Das Stubenmädchen(verbirgt ihr Gesicht).

Oh Gott, aber das hab ich gar nicht gewußt, daß der Herr Alfred so schlimm sein kann.

Der junge Herr.

Da hab' ich sehr viel gesehen .... das ... und das .... und das .... und –

Das Stubenmädchen.

Aber, Herr Alfred!

Der junge Herr.

Komm, komm .... daher .... so, ja so ...

Das Stubenmädchen.

Aber wenn jetzt wer läutet –

Der junge Herr.

Jetzt hören Sie schon einmal auf .... macht man höchstens nicht auf ....

(Es klingelt.)

(Es klingelt.)

Der junge Herr.

Donnerwetter .... Und was der Kerl für einen Lärm macht. – Am End' hat der schon früher geläutet und wir haben's nicht gemerkt.

Das Stubenmädchen.

Oh, ich hab' alleweil aufgepaßt.

Der junge Herr.

Na, so schaun S' endlich nach – durchs Guckerl. –

Das Stubenmädchen.

Herr Alfred .... Sie sind aber .... nein .... so schlimm.

Der junge Herr.

Bitt' Sie, schaun S' jetzt nach ....

Das Stubenmädchen(geht ab).

Der junge Herr(öffnet rasch die Rouleaux).

Das Stubenmädchen(erscheint wieder).

Der ist jedenfalls schon wieder weggangen. Jetzt ist niemand mehr da. Vielleicht ist es der Doktor Schüller gewesen.

Der junge Herr(ist unangenehm berührt).

Es ist gut.

Das Stubenmädchen(nähert sich ihm).

Der junge Herr(entzieht sich ihr).

– Sie, Marie, – ich geh' jetzt ins Kaffeehaus.

Das Stubenmädchen(zärtlich).

Schon .... Herr Alfred.

Der junge Herr(streng).

Ich geh' jetzt ins Kaffeehaus. Wenn der Doktor Schüller kommen sollte –

Das Stubenmädchen.

Der kommt heut' nimmer.

Der junge Herr(noch strenger).

Wenn der Doktor Schüller kommen sollte, ich, ich .... ich bin – im Kaffeehaus. – (Geht ins andere Zimmer.)

(Das Stubenmädchen nimmt eine Zigarre vom Rauchtisch, steckt sie ein und geht ab.)

(Das Stubenmädchen nimmt eine Zigarre vom Rauchtisch, steckt sie ein und geht ab.)

Abend. – Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse.Der junge Herrist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher an hat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Nebenzimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett, das an der abschließenden Wand steht. Von dem Kamin in einer Ecke des Schlafzimmers verbreitet sich ein rötlicher Lichtschein auf die Vorhänge des Bettes. – Der junge Herr besichtigt auch das Schlafzimmer. Von dem Trumeau nimmt er einen Sprayapparat und bespritzt die Bettpolster mit feinen Strahlen von Veilchenparfüm. Dann geht er mit dem Sprayapparat durch beide Zimmer und drückt unaufhörlich auf den kleinen Ballon, so daß es bald überall nach Veilchen riecht. Dann legt er Überzieher und Hut ab. Er setzt sich auf das blausammtene Fauteuil, zündet sich eine Zigarette an und raucht. Nach einer kleinen Weile erhebt er sich wieder und vergewissert sich, daß die grünen Jalousien geschlossen sind. Plötzlich geht er wieder ins Schlafzimmer, öffnet die Lade des Nachtkästchens. Er fühlt hinein und findet eine Schildkrothaarnadel. Er sucht nach einem Ort, sie zu verstecken, gibt sie endlich in die Tasche seines Überziehers. Dann öffnet er einenSchrank, der im Salon steht, nimmt eine silberne Tasse mit einer Flasche Cognac und zwei Likörgläschen heraus, stellt alles auf den Tisch. Er geht wieder zu seinem Überzieher, aus dem er jetzt ein kleines weißes Päckchen nimmt. Er öffnet es und legt es zum Cognac; geht wieder zum Schrank, nimmt zwei kleine Teller undEßbesteckeheraus. Er entnimmt dem kleinen Paket eine glasierte Kastanie und ißt sie. Dann schenkt er sich ein Glas Cognac ein und trinkt es rasch aus. Dann sieht er auf seine Uhr. Er geht im Zimmer auf und ab. – Vor dem großen Wandspiegel bleibt er eine Weile stehen, richtet mit seinem Taschenkamm das Haar und den kleinen Schnurrbart. – Er geht nun zur Vorzimmertür und horcht. Nichts regt sich. Dann zieht er die blauen Portieren, die vor der Schlafzimmertür angebracht sind, zusammen. Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt. –

Abend. – Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse.

Der junge Herrist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher an hat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Nebenzimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett, das an der abschließenden Wand steht. Von dem Kamin in einer Ecke des Schlafzimmers verbreitet sich ein rötlicher Lichtschein auf die Vorhänge des Bettes. – Der junge Herr besichtigt auch das Schlafzimmer. Von dem Trumeau nimmt er einen Sprayapparat und bespritzt die Bettpolster mit feinen Strahlen von Veilchenparfüm. Dann geht er mit dem Sprayapparat durch beide Zimmer und drückt unaufhörlich auf den kleinen Ballon, so daß es bald überall nach Veilchen riecht. Dann legt er Überzieher und Hut ab. Er setzt sich auf das blausammtene Fauteuil, zündet sich eine Zigarette an und raucht. Nach einer kleinen Weile erhebt er sich wieder und vergewissert sich, daß die grünen Jalousien geschlossen sind. Plötzlich geht er wieder ins Schlafzimmer, öffnet die Lade des Nachtkästchens. Er fühlt hinein und findet eine Schildkrothaarnadel. Er sucht nach einem Ort, sie zu verstecken, gibt sie endlich in die Tasche seines Überziehers. Dann öffnet er einenSchrank, der im Salon steht, nimmt eine silberne Tasse mit einer Flasche Cognac und zwei Likörgläschen heraus, stellt alles auf den Tisch. Er geht wieder zu seinem Überzieher, aus dem er jetzt ein kleines weißes Päckchen nimmt. Er öffnet es und legt es zum Cognac; geht wieder zum Schrank, nimmt zwei kleine Teller undEßbesteckeheraus. Er entnimmt dem kleinen Paket eine glasierte Kastanie und ißt sie. Dann schenkt er sich ein Glas Cognac ein und trinkt es rasch aus. Dann sieht er auf seine Uhr. Er geht im Zimmer auf und ab. – Vor dem großen Wandspiegel bleibt er eine Weile stehen, richtet mit seinem Taschenkamm das Haar und den kleinen Schnurrbart. – Er geht nun zur Vorzimmertür und horcht. Nichts regt sich. Dann zieht er die blauen Portieren, die vor der Schlafzimmertür angebracht sind, zusammen. Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt. –

Die junge Frau(dicht verschleiert, schließt die Thür hinter sich, bleibt einen Augenblick stehen, indem sie die linke Hand aufs Herz legt, als müsse sie eine gewaltige Erregung bemeistern).

Der junge Herr(tritt auf sie zu, nimmt ihre linke Hand und drückt auf den weißen, schwarz tamburierten Handschuh einen Kuß. Er sagt leise:)

Ich danke Ihnen.

Die junge Frau.

Alfred – Alfred!

Der junge Herr.

Kommen Sie, gnädige Frau .... Kommen Sie, Frau Emma ....

Die junge Frau.

Lassen Sie mich noch eine Weile – bitte .... oh bitte sehr, Alfred! (Sie steht noch immer an der Tür).

Der junge Herr(steht vor ihr, hält ihre Hand).

Die junge Frau.

Wo bin ich denn eigentlich?

Der junge Herr.

Bei mir.

Die junge Frau.

Dieses Haus ist schrecklich, Alfred.

Der junge Herr.

Warum denn? Es ist ein sehr vornehmes Haus.

Die junge Frau.

Ich bin zwei Herren auf der Stiege begegnet.

Der junge Herr.

Bekannte?

Die junge Frau.

Ich weiß nicht. Es ist möglich.

Der junge Herr.

Pardon, gnädige Frau – aber Sie kennen doch Ihre Bekannten.

Die junge Frau.

Ich habe ja gar nichts gesehen.

Der junge Herr.

Aber wenn es selbst Ihre besten Freunde waren, – sie können jaSienicht erkannt haben. Ich selbst ... wenn ich nicht wüßte, daß Sie es sind .... dieser Schleier –.

Die junge Frau.

Es sind zwei.

Der junge Herr.

Wollen Sie nicht ein bischen näher?.... Und Ihren Hut legen Sie doch wenigstens ab!

Die junge Frau.

Was fällt Ihnen ein, Alfred? Ich habe Ihnen gesagt: Fünf Minuten .... Nein, länger nicht .... ich schwöre Ihnen –

Der junge Herr.

Also den Schleier –

Die junge Frau.

Es sind zwei.

Der junge Herr.

Nun ja, beide Schleier – ich werde Sie doch wenigstens sehen dürfen.

Die junge Frau.

Haben Sie mich denn lieb, Alfred?

Der junge Herr(tief verletzt).

Emma – Sie fragen mich ....

Die junge Frau.

Es ist hier so heiß.

Der junge Herr.

Aber Sie haben ja Ihre Pelzmantille an – Sie werden sich wahrhaftig verkühlen.

Die junge Frau(tritt endlich ins Zimmer, wirft sich auf den Fauteuil).

Ich bin totmüd'.

Der junge Herr.

Erlauben Sie: (Er nimmt ihr die Schleier ab; nimmt die Nadel aus ihrem Hut, legt Hut, Nadel, Schleier beiseite).

Die junge Frau(läßt es geschehen).

Der junge Herr(steht vor ihr, schüttelt den Kopf).

Die junge Frau.

Was haben Sie?

Der junge Herr.

So schön waren Sie noch nie.

Die junge Frau.

Wieso?

Der junge Herr.

Allein .... allein mit Ihnen – Emma – (Er läßt sich neben ihrem Fauteuil nieder, auf ein Knie, nimmt ihre beiden Hände und bedeckt sie mit Küssen).

Die junge Frau.

Und jetzt .... lassen Sie mich wieder gehen. Was Sie von mir verlangt haben, hab' ich getan.

Der junge Herr(läßt seinen Kopf auf ihren Schoß sinken).

Die junge Frau.

Sie haben mir versprochen, brav zu sein.

Der junge Herr.

Ja.

Die junge Frau.

Man erstickt in diesem Zimmer.

Der junge Herr(steht auf).

Noch haben Sie Ihre Mantille an.

Die junge Frau.

Legen Sie sie zu meinem Hut.

Der junge Herr(nimmt ihr die Mantille ab und legt sie gleichfalls auf den Divan).

Die junge Frau.

Und jetzt – adieu –

Der junge Herr.

Emma –! – Emma! –

Die junge Frau.

Die fünf Minuten sind längst vorbei.

Der junge Herr.

Noch nicht eine! –

Die junge Frau.

Alfred, sagen Sie mir einmal ganz genau, wie spät es ist.

Der junge Herr.

Es ist punkt viertel sieben.

Die junge Frau.

Jetzt sollte ich längst bei meiner Schwester sein.

Der junge Herr.

Ihre Schwester können Sie oft sehen ....

Die junge Frau.

Oh Gott, Alfred, warum haben Sie michdazuverleitet.

Der junge Herr.

Weil ich Sie .... anbete, Emma.

Die junge Frau.

Wie vielen haben Sie das schon gesagt?

Der junge Herr.

Seit ich Sie gesehen, niemandem.

Die junge Frau.

Was bin ich für eine leichtsinnige Person! Wer mir das vorausgesagt hätte ... noch vor acht Tagen ... noch gestern ...

Der junge Herr.

Und vorgestern haben Sie mir ja schon versprochen ...

Die junge Frau.

Sie haben mich so gequält. Aber ich habe es nicht tun wollen. Gott ist mein Zeuge – ich habe es nicht tun wollen ... Gestern war ich fest entschlossen ... Wissen Sie, daß ich Ihnen gestern Abends sogar einen langen Brief geschrieben habe?

Der junge Herr.

Ich habe keinen bekommen.

Die junge Frau.

Ich habe ihn wieder zerrissen. Oh, ich hätte Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.

Der junge Herr.

Es ist doch besser so.

Die junge Frau.

Oh nein, es ist schändlich ... von mir. Ich begreife mich selber nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.

Der junge Herr(umfaßt sie und bedeckt ihr Gesicht mit heißen Küssen).

Die junge Frau.

So ... halten Sie Ihr Wort ...

Der junge Herr.

Noch einen Kuß – noch einen.

Die junge Frau.

Den letzten. (Er küßt sie; sie erwidert den Kuß; ihre Lippen bleiben lange aneinandergeschlossen.)

Der junge Herr.

Soll ich Ihnen etwas sagen, Emma? Ich weiß jetzt erst, was Glück ist.

Die junge Frau(sinkt in ein Fauteuil zurück).

Der junge Herr(setzt sich auf die Lehne, schlingt einen Arm leicht um ihren Nacken).

.... oder vielmehr ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.

Die junge Frau(seufzt tief auf).

Der junge Herr(küßt sie wieder).

Die junge Frau.

Alfred, Alfred, was machen Sie aus mir!

Der junge Herr.

Nicht wahr – es ist hier gar nicht so ungemütlich ... Und wir sind ja hier so sicher! Es ist doch tausendmal schöner als diese Rendezvous im Freien ...

Die junge Frau.

Oh, erinnern Sie mich nur nicht daran.

Der junge Herr.

Ich werde auch daran immer mit tausend Freuden denken. Für mich ist jede Minute, die ich an Ihrer Seite verbringen durfte, eine süße Erinnerung.

Die junge Frau.

Erinnern Sie sich noch an den Industriellenball?

Der junge Herr.

Ob ich mich daran erinnere ...? Da bin ich ja während des Soupers neben Ihnen gesessen, ganz nahe neben Ihnen. Ihr Mann hat Champagner ...

Die junge Frau(sieht ihn klagend an).

Der junge Herr.

Ich wollte nur vom Champagner reden. Sagen Sie, Emma, wollen Sie nicht ein Glas Cognac trinken?

Die junge Frau.

Einen Tropfen, aber geben Sie mir vorher ein Glas Wasser.

Der junge Herr.

Ja ... Wo ist denn nur – ach ja ... (Er schlägt die Portière zurück und geht ins Schlafzimmer).

Die junge Frau(sieht ihm nach).

Der junge Herr(kommt zurück mit einer Karaffe Wasser und zwei Trinkgläsern).

Die junge Frau.

Wo waren Sie denn?

Der junge Herr.

Im ... Nebenzimmer. (Schenkt ein Glas Wasser ein).

Die junge Frau.

Jetzt werde ich Sie etwas fragen, Alfred – und schwören Sie mir, daß Sie mir die Wahrheit sagen werden.

Der junge Herr.

Ich schwöre. –

Die junge Frau.

War in diesen Räumen schon jemals eine andere Frau?

Der junge Herr.

Aber Emma – dieses Haus steht schon zwanzig Jahre! –

Die junge Frau.

Sie wissen, was ich meine, Alfred ...MitIhnen!BeiIhnen!

Der junge Herr.

Mit mir – hier – Emma! – Es ist nicht schön, daß Sie an so etwas denken können.

Die junge Frau.

Also Sie haben .... wie soll ich .... Aber nein, ich will Sie lieber nicht fragen. Es ist besser, wenn ich nicht frage. Ich bin ja selbst schuld. Alles rächt sich.

Der junge Herr.

Ja, was haben Sie denn? Was ist Ihnen denn? Was rächt sich?

Die junge Frau.

Nein, nein, nein, ich darf nicht zum Bewußtsein kommen ... Sonst müßte ich vor Scham in die Erde sinken.

Der junge Herr(mit der Karaffe Wasser in der Hand, schüttelt traurig den Kopf).

Emma, wenn Sie ahnen könnten, wie weh' Sie mir tun.

Die junge Frau(schenkt sich ein Glas Cognac ein).

Der junge Herr.

Ich will Ihnen etwas sagen, Emma. Wenn Sie sich schämen, hier zu sein – wenn ich Ihnen also gleichgültig bin – wenn Sie nicht fühlen, daß Sie für mich alle Seligkeit der Welt bedeuten – – so geh'n Sie lieber. –

Die junge Frau.

Ja, das werd' ich auch tun.

Der junge Herr(sie bei der Hand fassend).

Wenn Sie aber ahnen, daß ich ohne Sie nicht leben kann, daß ein Kuß auf Ihre Hand für mich mehr bedeutet, als alle Zärtlichkeiten, die alle Frauen auf der ganzen Welt .... Emma, ich bin nicht wie die anderen jungen Leute, die den Hof machen können – ich bin vielleicht zu naiv .... ich ....

Die junge Frau.

Wenn Sie aber doch sind wie die anderen jungen Leute?

Der junge Herr.

Dann wären Sie heute nicht da – denn Sie sind nicht wie die anderen Frauen.

Die junge Frau.

Woher wissen Sie das?

Der junge Herr(hat sie zum Divan gezogen, sich nahe neben sie gesetzt).

Ich habe viel über Sie nachgedacht. Ich weiß, Sie sind unglücklich.

Die junge Frau(erfreut).

Ja.

Der junge Herr.

Das Leben ist so leer, so nichtig – und dann, – so kurz – so entsetzlich kurz! Es gibt nureinGlück .... einen Menschen finden, von dem man geliebt wird –

Die junge Frau(hat eine kandierte Birne vom Tisch genommen, nimmt sie in den Mund).

Der junge Herr.

Mir die Hälfte! (Sie reicht sie ihm mit den Lippen).

Die junge Frau(faßt die Hände des jungen Herrn, die sich zu verirren drohen).

Was tun Sie denn, Alfred .... Ist das Ihr Versprechen.

Der junge Herr(die Birne verschluckend, dann kühner).

Das Leben ist so kurz.

Die junge Frau(schwach).

Aber das ist ja kein Grund –

Der junge Herr(mechanisch).

Oh ja.

Die junge Frau(schwächer).

Schauen Sie Alfred, und Sie haben doch versprochen, brav .... Und es ist so hell ....

Der junge Herr.

Komm', komm', du einzige, einzige .... (Er hebt sie vom Divan empor).

Die junge Frau.

Was machen Sie denn?

Der junge Herr.

Da d'rin ist es gar nicht hell.

Die junge Frau.

Ist denn da noch ein Zimmer?

Der junge Herr(zieht sie mit).

Ein schönes .... und ganz dunkel.

Die junge Frau.

Bleiben wir doch lieber hier.

Der junge Herr(bereits mit ihr hinter der Portière, im Schlafzimmer, nestelt ihr die Taille auf).

Die junge Frau.

Sie sind so .... oh Gott, was machen Sie aus mir! – Alfred!

Der junge Herr.

Ich bete dich an, Emma!

Die junge Frau.

So wart' doch, wart' doch wenigstens .... (Schwach.) Geh' .... ich ruf dich dann.

Der junge Herr.

Laß mir dich – laß dir mich (er verspricht sich) .... laß .... mich – dir – helfen.

Die junge Frau.

Du zerreißt mir ja alles.

Der junge Herr.

Du hast kein Mieder an?

Die junge Frau.

Ich trag' nie ein Mieder. Die Odilon trägt auch keines. Aber die Schuh' kannst du mir aufknöpfeln.

Der junge Herr(knöpfelt die Schuhe auf, küßt ihre Füße).

Die junge Frau(ist ins Bett geschlüpft).

Oh mir ist kalt.

Der junge Herr.

Gleich wird's warm werden.

Die junge Frau(leise lachend).

Glaubst du?

Der junge Herr(unangenehm berührt, für sich).

Das hätte sie nicht sagen sollen. (Entkleidet sich im Dunkel).

Die junge Frau(zärtlich).

Komm, komm, komm!

Der junge Herr(dadurch wieder in besserer Stimmung).

Gleich – –

Die junge Frau.

Es riecht hier so nach Veilchen.

Der junge Herr.

Das bist du selbst .... Ja (zu ihr) du selbst.

Die junge Frau.

Alfred .... Alfred!!!!

Der junge Herr.

Emma ....

Der junge Herr.

Ich habe dich offenbar zu lieb .... ja .... ich bin wie von Sinnen.

Die junge Frau......

Der junge Herr.

Die ganzen Tage über bin ich schon wie verrückt. Ich hab es geahnt.

Die junge Frau.

Mach' dir nichts draus.

Der junge Herr.

Oh gewiß nicht. Es ist ja geradezu selbstverständlich, wenn man ....

Die junge Frau.

Nicht .... nicht .... Du bist nervös. Beruhige dich nur ....

Der junge Herr.

Kennst du Stendhal?

Die junge Frau.

Stendhal?

Der junge Herr.

Die psychologie de l'amour.

Die junge Frau.

Nein, warum fragst du mich?

Der junge Herr.

Da kommt eine Geschichte drin vor, die sehr bezeichnend ist.

Die junge Frau.

Was ist das für eine Geschichte?

Der junge Herr.

Das ist eine ganze Gesellschaft von Kavallerieoffizieren zusammen –

Die junge Frau.

So.

Der junge Herr.

Und die erzählen von ihren Liebesabenteuern. Und jeder berichtet, daß ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leidenschaftlichsten geliebt hat .... daß ihn die, daß er die – also kurz und gut, daß es jedem bei dieser Frau so gegangen ist, wie jetzt mir.

Die junge Frau.

Ja.

Der junge Herr.

Das ist sehr charakteristisch.

Die junge Frau.

Ja.

Der junge Herr.

Es ist noch nicht aus. Ein einziger behauptet .... es sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, aber, setzt Stendhal hinzu – das war ein berüchtigter Bramarbas.

Die junge Frau.

So. –

Der junge Herr.

Und doch verstimmt es einen, das ist das Dumme, so gleichgiltig es eigentlich ist.

Die junge Frau.

Freilich. Überhaupt weißt du .... du hast mir ja versprochen, brav zu sein.

Der junge Herr.

Geh', nicht lachen, das bessert die Sache nicht.

Die junge Frau.

Aber nein, ich lache ja nicht. Das von Stendhal ist wirklich interessant. Ich habe immer gedacht, daß nur bei älteren .... oder bei sehr .... weißt du, bei Leuten, die viel gelebt haben ....

Der junge Herr.

Was fällt dir ein. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe übrigens die hübscheste Geschichte aus dem Stendhal ganz vergessen. Da ist einer von den Kavallerieoffizieren, der erzählt sogar, daß er drei Nächte oder gar sechs .... ich weiß nicht mehr, mit der Frau zusammen war, die er durch Wochen hindurch verlangt hat – desirée – verstehst du – und die haben alle diese Nächte hindurch nichts getan als vor Glück geweint .... beide ....


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