The Project Gutenberg eBook ofReineke FuchsThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Reineke FuchsAuthor: Johann Wolfgang von GoetheRelease date: June 1, 2000 [eBook #2228]Most recently updated: December 31, 2020Language: GermanCredits: Produced by Michael Pullen*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Reineke FuchsAuthor: Johann Wolfgang von GoetheRelease date: June 1, 2000 [eBook #2228]Most recently updated: December 31, 2020Language: GermanCredits: Produced by Michael Pullen
Title: Reineke Fuchs
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: June 1, 2000 [eBook #2228]Most recently updated: December 31, 2020
Language: German
Credits: Produced by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REINEKE FUCHS ***
Produced by Michael Pullen
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Reineke Fuchs
Johann Wolfgang Goethe
Inhalt
Erster Gesang
Zweiter Gesang
Dritter Gesang
Vierter Gesang
Fünfter Gesang
Sechster Gesang
Siebenter Gesang
Achter Gesang
Neunter Gesang
Zehnter Gesang
Elfter Gesang
Zwölfter Gesang
Erster Gesang
Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühtenFeld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und HeckenÜbten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine VasallenEilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommenViele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.Denn der König gedenkt mit allen seinen BaronenHof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufenAlle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen FrevelsHalben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse GewissenLicht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.
Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allenSeinen Vettern und Gönnern, von allen Freunden begleitet,Trat er vor den König und sprach die gerichtlichen Worte:Gnädigster König und Herr! vernehmet meine Beschwerden.Edel seid Ihr und groß und ehrenvoll, jedem erzeigt IhrRecht und Gnade: so laßt Euch denn auch des Schadens erbarmen,Den ich von Reineke Fuchs mit großer Schande gelitten.Aber vor allen Dingen erbarmt Euch, daß er mein Weib soFreventlich öfters verhöhnt und meine Kinder verletzt hat.Ach! er hat sie mit Unrat besudelt, mit ätzendem Unflat,Daß mir zu Hause noch drei in bittrer Blindheit sich quälen.Zwar ist alle der Frevel schon lange zur Sprache gekommen,Ja, ein Tag war gesetzt, zu schlichten solche Beschwerden;Er erbot sich zum Eide, doch bald besann er sich andersUnd entwischte behend nach seiner Feste. Das wissenAlle Männer zu wohl, die hier und neben mir stehen.Herr! ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet,Nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen.Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird,Alle zu Pergament, sie faßte die Streiche nicht alle,Und ich schweige davon. Doch meines Weibes EntehrungFrißt mir das Herz; ich räche sie auch, es werde, was wolle.
Als nun Isegrim so mit traurigem Mute gesprochen,Trat ein Hündchen hervor, hieß Wackerlos, redte französischVor dem König: wie arm es gewesen und nichts ihm gebliebenAls ein Stückchen Wurst in einem Wintergebüsche;Reineke hab auch das ihm genommen! Jetzt sprang auch der KaterHinze zornig hervor und sprach: Erhabner Gebieter,Niemand beschwere sich mehr, daß ihm der Bösewicht schade,Denn der König allein! Ich sag Euch, in dieser GesellschaftIst hier niemand, jung oder alt, er fürchtet den FrevlerMehr als Euch! Doch Wackerlos' Klage will wenig bedeuten.Schon sind Jahre vorbei, seit diese Händel geschehen;Mir gehörte die Wurst! ich sollte mich damals beschweren.Jagen war ich gegangen; auf meinem Wege durchsucht ichEine Mühle zu Nacht; es schlief die Müllerin; sachteNahm ich ein Würstchen, ich will es gestehn; doch hatte zu dieserWackerlos irgendein Recht, so dankt' ers meiner Bemühung.
Und der Panther begann: Was helfen Klagen und Worte!Wenig richten sie aus, genug, das übel ist ruchtbar.Er ist ein Dieb, ein Mörder! Ich darf es kühnlich behaupten,Ja, es wissens die Herren, er übet jeglichen Frevel.Möchten doch alle die Edlen, ja selbst der erhabene KönigGut und Ehre verlieren: er lachte, gewänn er nur etwaEinen Bissen dabei von einem fetten Kapaune.Laßt Euch erzählen, wie er so übel an Lampen, dem Hasen,Gestern tat; hier steht er! der Mann, der keinen verletzte.Reineke stellte sich fromm und wollt ihn allerlei WeisenKürzlich lehren, und was zum Kaplan noch weiter gehöret,Und sie setzten sich gegeneinander, begannen das Kredo.Aber Reineke konnte die alten Tücken nicht lassen;Innerhalb unsers Königes Fried und freiem GeleiteHielt er Lampen gefaßt mit seinen Klauen und zerrteTückisch den redlichen Mann. Ich kam die Straße gegangen,Hörte beider Gesang, der, kaum begonnen, schon wiederEndete. Horchend wundert ich mich, doch als ich hinzukam,Kannt ich Reineken stracks, er hatte Lampen beim Kragen;Ja, er hätt ihm gewiß das Leben genommen, wofern ichNicht zum Glücke des Wegs gekommen wäre. Da steht er!Seht die Wunden an ihm, dem frommen Manne, den keinerZu beleidigen denkt. Und will es unser Gebieter,Wollt ihr Herren es leiden, daß so des Königes Friede,Sein Geleit und Brief von einem Diebe verhöhnt wird,O, so wird der König und seine Kinder noch spätenVorwurf hören von Leuten, die Recht und Gerechtigkeit lieben.
Isegrim sagte darauf. So wird es bleiben, und leiderWird uns Reineke nie was Gutes erzeigen. O! läg erLange tot, das wäre das beste für friedliche Leute;Aber wird ihm diesmal verziehn, so wird er in kurzemEtliche kühnlich berücken, die nun es am wenigsten glauben.
Reinekens Neffe, der Dachs, nahm jetzt die Rede, und mutigSprach er zu Reinekens Bestem, so falsch auch dieser bekannt war.Alt und wahr, Herr Isegrim! sagt' er, beweist sich das Sprichwort:Feindes Mund frommt selten. So hat auch wahrlich mein OheimEurer Worte sich nicht zu getrösten. Doch ist es ein leichtes.Wär er hier am Hofe so gut als Ihr, und erfreut' erSich des Königes Gnade, so möcht es Euch sicher gereuen,Daß Ihr so hämisch gesprochen und alte Geschichten erneuert.Aber was Ihr übels an Reineken selber verübet,Übergeht Ihr; und doch, es wissen es manche der Herren,Wie Ihr zusammen ein Bündnis geschlossen und beide versprochen,Als zwei gleiche Gesellen zu leben. Das muß ich erzählen;Denn im Winter einmal erduldet' er große GefahrenEuretwegen. Ein Fuhrmann, er hatte Fische geladen,Fuhr die Straße, Ihr spürtet ihn aus und hättet um allesGern von der Ware gegessen; doch fehlt' es Euch leider am Gelde.Da beredetet Ihr den Oheim, er legte sich listigGrade für tot in den Weg. Es war, beim Himmel, ein kühnesAbenteuer! Doch merket, was ihm für Fische geworden.Und der Fuhrmann kam und sah im Gleise den Oheim,Hastig zog er sein Schwert, ihm eins zu versetzen; der KlugeRührt' und regte sich nicht, als wär er gestorben; der FuhrmannWirft ihn auf seinen Karrn und freut sich des Balges im voraus.Ja, das wagte mein Oheim für Isegrim; aber der FuhrmannFuhr dahin, und Reineke warf von den Fischen herunter.Isegrim kam von ferne geschlichen, verzehrte die Fische.Reineken mochte nicht länger zu fahren belieben; er hub sich,Sprang vom Karren und wünschte nun auch von der Beute zu speisen.Aber Isegrim hatte sie alle verschlungen; er hatteÜber Not sich beladen, er wollte bersten. Die GrätenLieß er allein zurück und bot dem Freunde den Rest an.Noch ein anderes Stückchen! auch dies erzähl ich Euch wahrhaft.Reineken war es bewußt, bei einem Bauer am NagelHing ein gemästetes Schwein, erst heute geschlachtet; das sagt' erTreu dem Wolfe: sie gingen dahin, Gewinn und GefahrenRedlich zu teilen. Doch Müh und Gefahr trug jener alleine.Denn er kroch zum Fenster hinein und warf mit BemühenDie gemeinsame Beute dem Wolf herunter; zum UnglückWaren Hunde nicht fern, die ihn im Hause verspürtenUnd ihm wacker das Fell zerzausten. Verwundet entkam er,Eilig sucht' er Isegrim auf und klagt' ihm sein LeidenUnd verlangte sein Teil. Da sagte jener: Ich habeDir ein köstliches Stück verwahrt, nun mache dich drüberUnd benage mirs wohl; wie wird das Fette dir schmecken!Und er brachte das Stück, das Krummholz war es, der SchlächterHatte daran das Schwein gehängt; der köstliche BratenWar vom gierigen Wolfe, dem ungerechten, verschlungen.Reineke konnte vor Zorn nicht reden, doch was er sich dachte,Denket euch selbst. Herr König, gewiß, daß hundert und drüberSolcher Stückchen der Wolf an meinem Oheim verschuldet!Aber ich schweige davon. Wird Reineke selber gefordert,Wird er sich besser verteidigen. Indessen, gnädigster König,Edler Gebieter, ich darf es bemerken: Ihr habet, es habenDiese Herren gehört, wie töricht Isegrims RedeSeinem eignen Weibe und ihrer Ehre zu nah tritt,Die er mit Leib und Leben beschützen sollte. Denn freilichSieben Jahre sinds her und drüber, da schenkte mein OheimSeine Lieb und Treue zum guten Teile der schönenFrauen Gieremund; solches geschah beim nächtlichen Tanze;Isegrim war verreist, ich sag es, wie mirs bekannt ist.Freundlich und höflich ist sie ihm oft zu Willen geworden,Und was ist es denn mehr? Sie bracht es niemals zur Klage,Ja, sie lebt und befindet sich wohl, was macht er für Wesen?Wär er klug, so schwieg' er davon, es bringt ihm nur Schande.Weiter sagte der Dachs: Nun kommt das Märchen vom Hasen!Eitel leeres Gewäsche! Den Schüler sollte der MeisterEtwa nicht züchtigen, wenn er nicht merkt und übel bestehet?Sollte man nicht die Knaben bestrafen, und ginge der Leichtsinn,Ginge die Unart so hin, wie sollte die Jugend erwachsen?Nun klagt Wackerlos, wie er ein Würstchen im Winter verlorenHinter der Hecke; das sollt er nur lieber im stillen verschmerzen,Denn wir hören es ja, sie war gestohlen; zerronnenWie gewonnen; und wer kann meinem Oheim verargen,Daß er gestohlenes Gut dem Diebe genommen? Es sollenEdle Männer von hoher Geburt sich gehässig den DiebenUnd gefährlich erzeigen. Ja, hätt er ihn damals gehangen,War es verzeihlich. Doch ließ er ihn los, den König zu ehren;Denn am Leben zu strafen, gehört dem König alleine.Aber wenigen Danks kann sich mein Oheim getrösten,So gerecht er auch sei und übeltaten verwehret.Denn seitdem des Königes Friede verkündiget worden,Hält sich niemand wie er. Er hat sein Leben verändert,Speiset nur einmal des Tags, lebt wie ein Klausner, kasteit sich,Trägt ein härenes Kleid auf bloßem Leibe und hat schonLange von Wildbret und zahmem Fleische sich gänzlich enthalten,Wie mir noch gestern einer erzählte, der bei ihm gewesen.Malepartus, sein Schloß, hat er verlassen und baut sichEine Klause zur Wohnung. Wie er so mager geworden,Bleich von Hunger und Durst und andern strengeren Bußen,Die er reuig erträgt, das werdet Ihr selber erfahren.Denn was kann es ihm schaden, daß hier ihn jeder verklaget?Kommt er hieher, so führt er sein Recht aus und macht sie zuschanden.
Als nun Grimbart geendigt, erschien zu großem ErstaunenHenning, der Hahn, mit seinem Geschlecht. Auf trauriger Bahre,Ohne Hals und Kopf, ward eine Henne getragen,Kratzefuß war es, die beste der eierlegenden Hennen.Ach, es floß ihr Blut, und Reineke hatt es vergossen!Jetzo sollt es der König erfahren. Als Henning, der wackre,Vor dem König erschien, mit höchstbetrübter Gebärde,Kamen mit ihm zwei Hähne, die gleichfalls trauerten. KreyantHieß der eine, kein besserer Hahn war irgend zu findenZwischen Holland und Frankreich; der andere durft ihm zur SeiteStehen, Kantart genannt, ein stracker, kühner Geselle;Beide trugen ein brennendes Licht; sie waren die BrüderDer ermordeten Frau. Sie riefen über den MörderAch und Weh! Es trugen die Bahr zwei jüngere Hähne,Und man konnte von fern die Jammerklage vernehmen.Henning sprach: Wir klagen den unersetzlichen Schaden,Gnädigster Herr und König! Erbarmt Euch, wie ich verletzt bin,Meine Kinder und ich. Hier seht Ihr Reinekens Werke!Als der Winter vorbei, und Laub und Blumen und BlütenUns zur Fröhlichkeit riefen, erfreut ich mich meines Geschlechtes,Das so munter mit mir die schönen Tage verlebte!Zehen junge Söhne, mit vierzehn Töchtern, sie warenVoller Lust zu leben; mein Weib, die treffliche Henne,Hatte sie alle zusammen in Einem Sommer erzogen.Alle waren so stark und wohl zufrieden, sie fandenIhre tägliche Nahrung an wohlgesicherter Stätte.Reichen Mönchen gehörte der Hof, uns schirmte die Mauer,Und sechs große Hunde, die wackern Genossen des Hauses,Liebten meine Kinder und wachten über ihr Leben;Reineken aber, den Dieb, verdroß es, daß wir in FriedenGlückliche Tage verlebten und seine Ränke vermieden.Immer schlich er bei Nacht um die Mauer und lauschte beim Tore,Aber die Hunde bemerktens; da mocht er laufen! sie faßtenWacker ihn endlich einmal und ruckten das Fell ihm zusammen;Doch er rettete sich und ließ uns ein Weilchen in Ruhe.Aber nun höret mich an! es währte nicht lange, so kam erAls ein Klausner und brachte mir Brief und Siegel. Ich kannt es:Euer Siegel sah ich am Briefe; da fand ich geschrieben:Daß Ihr festen Frieden so Tieren als Vögeln verkündigt.Und er zeigte mir an: er sei ein Klausner geworden,Habe strenge Gelübde getan, die Sünden zu büßen,Deren Schuld er leider bekenne. Da habe nun keinerMehr vor ihm sich zu fürchten, er habe heilig gelobet,Nimmermehr Fleisch zu genießen. Er ließ mich die Kutte beschauen,Zeigte sein Skapulier. Daneben wies er ein Zeugnis,Das ihm der Prior gestellt, und, um mich sicher zu machen,Unter der Kutte ein härenes Kleid. Dann ging er und sagte:Gott dem Herren seid mir befohlen! ich habe noch vielesHeute zu tun! ich habe die Sext und die None zu lesenUnd die Vesper dazu. Er las im Gehen und dachteVieles Böse sich aus, er sann auf unser Verderben.Ich mit erheitertem Herzen erzählte geschwinde den KindernEures Briefes fröhliche Botschaft, es freuten sich alle.Da nun Reineke Klausner geworden, so hatten wir weiterKeine Sorge, noch Furcht. Ich ging mit ihnen zusammenVor die Mauer hinaus, wir freuten uns alle der Freiheit.Aber leider bekam es uns übel. Er lag im GebüscheHinterlistig; da sprang er hervor und verrannt uns die Pforte;Meiner Söhne schönsten ergriff er und schleppt' ihn von dannen,Und nun war kein Rat, nachdem er sie einmal gekostet;Immer versucht' er es wieder, und weder Jäger noch HundeKonnten vor seinen Ränken bei Tag und Nacht uns bewahren.So entriß er mir nun fast alle Kinder; von zwanzigBin ich auf fünfe gebracht, die andern raubt' er mir alle.O, erbarmt Euch des bittern Schmerzes! er tötete gesternMeine Tochter, es haben die Hunde den Leichnam gerettet.Seht, hier liegt sie! Er hat es getan, o! nehmt es zu Herzen!
Und der König begann: Kommt näher, Grimbart, und sehet,Also fastet der Klausner, und so beweist er die Buße!Leb ich noch aber ein Jahr, so soll es ihn wahrlich gereuen!Doch was helfen die Worte! Vernehmet, trauriger Henning:Eurer Tochter ermangl es an nichts, was irgend den TotenNur zu Rechte geschieht. Ich lass ihr Vigilie singen,Sie mit großer Ehre zur Erde bestatten; dann wollenWir mit diesen Herren des Mordes Strafe bedenken.
Da gebot der König, man solle Vigilie singen.Domino placebo begann die Gemeine, sie sangenAlle Verse davon. Ich könnte ferner erzählen,Wer die Lektion gesungen und wer die Responsen;Aber es währte zu lang, ich lass es lieber bewenden.In ein Grab ward die Leiche gelegt und drüber ein schönerMarmorstein, poliert wie ein Glas, gehauen im Viereck,Groß und dick, und oben darauf war deutlich zu lesen:»Kratzefuß, Tochter Hennings des Hahns, die beste der Hennen,Legte viel Eier ins Nest und wußte klüglich zu scharren.Ach, hier liegt sie! durch Reinekens Mord den Ihren genommen.Alle Welt soll erfahren, wie bös und falsch er gehandelt,Und die Tote beklagen.« So lautete, was man geschrieben.
Und es ließ der König darauf die Klügsten berufen,Rat mit ihnen zu halten, wie er den Frevel bestrafte,Der so klärlich vor ihn und seine Herren gebracht war.Und sie rieten zuletzt: man habe dem listigen FrevlerEinen Boten zu senden, daß er um Liebes und LeidesNicht sich entzöge, er solle sich stellen am Hofe des KönigsAn dem Tage der Herrn, wenn sie zunächst sich versammeln;Braun, den Bären, ernannte man aber zum Boten. Der KönigSprach zu Braun, dem Bären: Ich sag es, Euer Gebieter,Daß Ihr mit Fleiß die Botschaft verrichtet! Doch rat ich zur Vorsicht:Denn es ist Reineke falsch und boshaft, allerlei ListenWird er gebrauchen, er wird Euch schmeicheln, er wird Euch belügen,Hintergehen, wie er nur kann. Mitnichten, versetzteZuversichtlich der Bär: bleibt ruhig! Sollt er sich irgendNur vermessen und mir zum Hohne das mindeste wagen,Seht, ich schwör es bei Gott! der möge mich strafen, wofern ichIhm nicht grimmig vergölte, daß er zu bleiben nicht wüßte.
Zweiter Gesang
Also wandelte Braun auf seinem Weg zum GebirgeStolzen Mutes dahin, durch eine Wüste, die groß war,Lang und sandig und breit; und als er sie endlich durchzogen,Kam er gegen die Berge, wo Reineke pflegte zu jagen;Selbst noch Tages zuvor hatt er sich dorten erlustigt.Aber der Bär ging weiter nach Malepartus; da hatteReineke schöne Gebäude. Von allen Schlössern und Burgen,Deren ihm viele gehörten, war Malepartus die beste.Reineke wohnte daselbst, sobald er übels besorgte.Braun erreichte das Schloß und fand die gewöhnliche PforteFest verschlossen. Da trat er davor und besann sich ein wenig;Endlich rief er und sprach: Herr Oheim, seid Ihr zu Hause?Braun, der Bär, ist gekommen, des Königs gerichtlicher Bote.Denn es hat der König geschworen, Ihr sollet bei HofeVor Gericht Euch stellen, ich soll Euch holen, damit IhrRecht zu nehmen und Recht zu geben keinem verweigert,Oder es soll Euch das Leben kosten; denn bleibt Ihr dahinten,Ist mit Galgen und Rad Euch gedroht. Drum wählet das Beste,Kommt und folget mir nach, sonst möcht es Euch übel bekommen.
Reineke hörte genau vom Anfang zum Ende die Rede,Lag und lauerte still und dachte: Wenn es gelänge,Daß ich dem plumpen Kompan die stolzen Worte bezahlte?Laßt uns die Sache bedenken. Er ging in die Tiefe der Wohnung,In die Winkel des Schlosses, denn künstlich war es gebauet:Löcher fanden sich hier und Höhlen mit vielerlei Gängen,Eng und lang, und mancherlei Türen zum öffnen und Schließen,Wie es Zeit war und Not. Erfuhr er, daß man ihn suchteWegen schelmischer Tat, da fand er die beste Beschirmung.Auch aus Einfalt hatten sich oft in diesen MäandernArme Tiere gefangen, willkommene Beute dem Räuber.Reineke hatte die Worte gehört, doch fürchtet' er klüglich,Andre möchten noch neben dem Boten im Hinterhalt liegen,Als er sich aber versichert, der Bär sei einzeln gekommen,Ging er listig hinaus und sagte: Wertester Oheim,Seid willkommen! Verzeiht mir! ich habe Vesper gelesen,Darum ließ ich Euch warten. Ich dank Euch, daß Ihr gekommen,Denn es nutzt mir gewiß bei Hofe, so darf ich es hoffen.Seid zu jeglicher Stunde, mein Oheim, willkommen! IndessenBleibt der Tadel für den, der Euch die Reise befohlen,Denn sie ist weit und beschwerlich. O Himmel! wie Ihr erhitzt seid!Eure Haare sind naß und Euer Odem beklommen.Hatte der mächtige König sonst keinen Boten zu senden,Als den edelsten Mann, den er am meisten erhöhet?Aber so sollt es wohl sein zu meinem Vorteil; ich bitte,Helft mir am Hofe des Königs, allwo man mich übel verleumdet.Morgen, setzt ich mir vor, trotz meiner mißlichen Lage,Frei nach Hofe zu gehen, und so gedenk ich noch immer.Nur für heute bin ich zu schwer, die Reise zu machen.Leider hab ich zu viel von einer Speise gegessen,Die mir übel bekommt; sie schmerzt mich gewaltig im Leibe.Braun versetzte darauf. Was war es, Oheim? Der andreSagte dagegen: Was könnt es Euch helfen, und wenn ichs erzählte!Kümmerlich frist ich mein Leben; ich leid es aber geduldig,Ist ein armer Mann doch kein Graf! und findet zuweilenSich für uns und die Unsern nichts Besseres, müssen wir freilichHonigscheiben verzehren, die sind wohl immer zu haben.Doch ich esse sie nur aus Not; nun bin ich geschwollen.Wider Willen schluckt ich das Zeug, wie sollt es gedeihen?Kann ich es immer vermeiden, so bleibt mirs ferne vom Gaumen.
Ei! was hab ich gehört! versetzte der Braune, Herr Oheim!Ei! verschmähet Ihr so den Honig, den mancher begehret?Honig, muß ich Euch sagen, geht über alle Gerichte,Wenigstens mir; o schafft mir davon, es soll Euch nicht reuen!Dienen werd ich Euch wieder.—Ihr spottet, sagte der andre.Nein, wahrhaftig! verschwor sich der Bär, es ist ernstlich gesprochen.Ist dem also, versetzte der Rote: da kann ich Euch dienen,Denn der Bauer Rüsteviel wohnt am Fuße des Berges.Honig hat er! Gewiß, mit allem Eurem GeschlechteSaht Ihr niemal so viel beisammen. Da lüstet' es BraunenÜbermäßig nach dieser geliebten Speise. O führt mich,Rief er, eilig dahin! Herr Oheim, ich will es gedenken,Schafft mir Honig, und wenn ich auch nicht gesättigt werde.Gehen wir, sagte der Fuchs: es soll an Honig nicht fehlen.Heute bin ich zwar schlecht zu Fuße; doch soll mir die Liebe,Die ich Euch lange gewidmet, die sauern Tritte versüßen.Denn ich kenne niemand von allen meinen Verwandten,Den ich verehrte, wie Euch! Doch kommt! Ihr werdet dagegenAn des Königes Hof am Herren-Tage mir dienen,Daß ich der Feinde Gewalt und ihre Klagen beschäme.Honigsatt mach ich Euch heute, so viel Ihr immer nur tragenMöget.—Es meinte der Schalk die Schläge der zornigen Bauern.
Reineke lief ihm zuvor, und blindlings folgte der Braune.Will mirs gelingen, so dachte der Fuchs: ich bringe dich heuteNoch zu Markte, wo dir ein bittrer Honig zuteil wird.Und sie kamen zu Rüsteviels Hofe; das freute den Bären,Aber vergebens, wie Toren sich oft mit Hoffnung betrügen.
Abend war es geworden, und Reineke wußte, gewöhnlichLiege Rüsteviel nun in seiner Kammer zu Bette,Der ein Zimmermann war, ein tüchtiger Meister. Im HofeLag ein eichener Stamm; er hatte, diesen zu trennen,Schon zwei tüchtige Keile hineingetrieben, und oben,Klaffte gespalten der Baum fast ellenweit. Reineke merkt' es,Und er sagte: Mein Oheim, in diesem Baume befindetSich des Honigs mehr, als Ihr vermutet; nun stecketEure Schnauze hinein, so tief Ihr möget. Nur rat ich,Nehmt nicht gierig zu viel, es möcht Euch übel bekommen.Meint Ihr, sagte der Bär, ich sei ein Vielfraß? mitnichten!Maß ist überall gut, bei allen Dingen. Und alsoLieß der Bär sich betören und steckte den Kopf in die SpalteBis an die Ohren hinein und auch die vordersten Füße.Reineke machte sich dran, mit vielem Ziehen und ZerrenBracht er die Keile heraus: nun war der Braune gefangen,Haupt und Füße geklemmt; es half kein Schelten noch Schmeicheln.Vollauf hatte der Braune zu tun, so stark er und kühn war,Und so hielt der Neffe mit List den Oheim gefangen.Heulend plärrte der Bär, und mit den hintersten FüßenScharrt' er grimmig und lärmte so sehr, daß Rüsteviel aufsprang.Was es wäre? dachte der Meister und brachte sein Beil mit,Daß man bewaffnet ihn fände, wenn jemand zu schaden gedächte.Braun befand sich indes in großen ängsten; die SpalteKlemmt' ihn gewaltig, er zog und zerrte, brüllend vor Schmerzen.Aber mit alle der Pein war nichts gewonnen; er glaubteNimmer von dannen zu kommen; so meint' auch Reineke freudig.Als er Rüsteviel sah von ferne schreiten, da rief er:Braun, wie steht es? Mäßiget Euch und schonet des Honigs!Sagt, wie schmeckt es? Rüsteviel kommt und will Euch bewirten!Nach der Mahlzeit bringt er ein Schlückchen, es mag Euch bekommen!
Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Feste.Aber Rüsteviel kam, und als er den Bären erblickte,Lief er, die Bauern zu rufen, die noch in der Schenke beisammenSchmauseten. Kommt! so rief er: in meinem Hofe gefangenHat sich ein Bär, ich sage die Wahrheit. Sie folgten und liefen,Jeder bewehrte sich eilig, so gut er konnte. Der eineNahm die Gabel zur Hand, und seinen Rechen der andre,Und der dritte, der vierte, mit Spieß und Hacke bewaffnet,Kamen gesprungen, der fünfte mit einem Pfahle gerüstet.Ja, der Pfarrer und Küster, sie kamen mit ihrem Geräte.Auch die Köchin des Pfaffen (sie hieß Frau Jutte, sie konnteGrütze bereiten und kochen wie keine) blieb nicht dahinten,Kam mit dem Rocken gelaufen, bei dem sie am Tage gesessen,Dem unglücklichen Bären den Pelz zu waschen. Der BrauneHörte den wachsenden Lärm in seinen schrecklichen Nöten,Und er riß mit Gewalt das Haupt aus der Spalte; da blieb ihmHaut und Haar des Gesichts bis zu den Ohren im Baume.Nein! kein kläglicher Tier hat jemand gesehen! es rieselt'Über die Ohren das Blut. Was half ihm, das Haupt zu befreien?Denn es blieben die Pfoten im Baume stecken; da riß erHastig sie ruckend heraus; er raste sinnlos, die KlauenUnd von den Füßen das Fell blieb in der klemmenden Spalte.Leider schmeckte dies nicht nach süßem Honig, wozu ihmReineke Hoffnung gemacht; die Reise war übel geraten,Eine sorgliche Fahrt war Braunen geworden. Es blutet'Ihm der Bart und die Füße dazu, er konnte nicht stehen,Konnte nicht kriechen, noch gehn. Und Rüsteviel eilte, zu schlagen,Alle fielen ihn an, die mit dem Meister gekommen;Ihn zu töten, war ihr Begehr. Es führte der PaterEinen langen Stab in der Hand und schlug ihn von ferne.Kümmerlich wandt er sich hin und her, es drängt' ihn der Haufen,Einige hier mit Spießen, dort andre mit Beilen, es brachteHammer und Zange der Schmied, es kamen andre mit Schaufeln,Andre mit Spaten, sie schlugen drauflos und riefen und schlugen,Daß er vor schmerzlicher Angst im eignem Unflat sich wälzte.Alle setzten ihm zu, es blieb auch keiner dahinten;Der krummbeinige Schloppe mit dem breitnasigen LudolfWaren die Schlimmsten, und Gerold bewegte den hölzernen FlegelZwischen den krummen Fingern; ihm stand sein Schwager zur Seite,Kückelrei war es, der dicke, die beiden schlugen am meisten.Abel Quack und Frau Jutte dazu, sie ließens nicht fehlen;Talke Lorden Quacks traf mit der Butte den Armen.Und nicht diese Genannten allein, denn Männer und Weiber,Alle liefen herzu und wollten das Leben des Bären.Kückelrei machte das meiste Geschrei, er dünkte sich vornehm:Denn Frau Willigetrud am hinteren Tore (man wußt es)War die Mutter, bekannt war nie sein Vater geworden.Doch es meinten die Bauern, der Stoppelmäher, der schwarzeSander, sagten sie, möcht es wohl sein, ein stolzer Geselle,Wenn er allein war. Es kamen auch Steine gewaltig geflogen,Die den verzweifelten Braunen von allen Seiten bedrängten.Nun sprang Rüsteviels Bruder hervor und schlug mit dem langen,Dicken Knüttel den Bären aufs Haupt, daß Hören und SehenIhm verging, doch fuhr er empor vom mächtigen Schlage.Rasend fuhr er unter die Weiber, die untereinanderTaumelten, fielen und schrien, und einige stürzten ins Wasser,Und das Wasser war tief. Da rief der Pater und sagte:Sehet, da unten schwimmt Frau Jutte, die Köchin, im Pelze,Und der Rocken ist hier! O helft, ihr Männer! Ich gebeBier zwei Tonnen zum Lohn und großen Ablaß und Gnade.Alle ließen für tot den Bären liegen und eiltenNach den Weibern ans Wasser, man zog aufs Trockne die fünfe.Da indessen die Männer am Ufer beschäftiget waren,Kroch der Bär ins Wasser vor großem Elend und brummteVor entsetzlichem Weh. Er wollte sich lieber ersäufen,Als die Schläge so schändlich erdulden. Er hatte zu schwimmenNie versucht und hoffte sogleich das Leben zu enden.Wider Vermuten fühlt' er sich schwimmen, und glücklich getragenWard er vom Wasser hinab, es sahen ihn alle die Bauern,Riefen: Das wird uns gewiß zur ewigen Schande gereichen!Und sie waren verdrießlich und schalten über die Weiber:Besser blieben sie doch zu Hause! da seht nun, er schwimmetSeiner Wege. Sie traten herzu, den Block zu besehen,Und sie fanden darin noch Haut und Haare vom KopfeUnd von den Füßen und lachten darob und riefen: Du kommst unsSicher wieder, behalten wir doch die Ohren zum Pfande!So verhöhnten sie ihn noch über den Schaden, doch war erFroh, daß er nur dem übel entging. Er fluchte den Bauern,Die ihn geschlagen, und klagte den Schmerz der Ohren und Füße,Fluchte Reineken, der ihn verriet. Mit solchen GebetenSchwamm er weiter, es trieb ihn der Strom, der reißend und groß war,Binnen weniger Zeit fast eine Meile hinunter;Und da kroch er ans Land am selbigen Ufer und keichte.Kein bedrängteres Tier hat je die Sonne gesehen!Und er dachte den Morgen nicht zu erleben, er glaubtePlötzlich zu sterben und rief. O Reineke, falscher Verräter!Loses Geschöpf!. Er dachte dabei der schlagenden Bauern,Und er dachte des Baums und fluchte Reinekens Listen.
Aber Reineke Fuchs, nachdem er mit gutem BedachteSeinen Oheim zu Markte geführt, ihm Honig zu schaffen,Lief er nach Hühnern, er wußte den Ort, und schnappte sich eines,Lief und schleppte die Beute behend am Flusse hinunter.Dann verzehrt' er sie gleich und eilte nach andern GeschäftenImmer am Flusse dahin und trank des Wassers und dachte:O wie bin ich so froh, daß ich den tölpischen BärenSo zu Hofe gebracht! Ich wette, Rüsteviel hat ihmWohl das Beil zu kosten gegeben. Es zeigte der Bär sichStets mir feindlich gesinnt, ich hab es ihm wieder vergolten.Oheim hab ich ihn immer genannt, nun ist er am BaumeTot geblieben; des will ich mich freun, solang ich nur lebe.Klagen und schaden wird er nicht mehr!—Und wie er so wandelt,Schaut er am Ufer hinab und sieht den Bären sich wälzen.Das verdroß ihm im Herzen, daß Braun lebendig entkommen.Rüsteviel, rief er, du lässiger Wicht! du grober Geselle!Solche Speise verschmähst du? die fett und guten Geschmacks ist,Die manch ehrlicher Mann sich wünscht, und die so gemächlichDir zu Handen gekommen. Doch hat für deine BewirtungDir der redliche Braun ein Pfand gelassen! So dacht er,Als er den Braunen betrübt, ermattet und blutig erblickte.Endlich rief er ihn an: Herr Oheim, find ich Euch wieder?Habt Ihr etwas vergessen bei Rüsteviel? sagt mir, ich lass ihmWissen, wo Ihr geblieben. Doch soll ich sagen, ich glaube,Vieles Honig habt Ihr gewiß dem Manne gestohlen,Oder habt Ihr ihn redlich bezahlt? wie ist es geschehen?Ei! wie seid Ihr gemalt? das ist ein schmähliches Wesen!War der Honig nicht guten Geschmacks; Zu selbigem PreiseSteht noch manches zu Kauf! Doch, Oheim, saget mir eilig,Welchem Orden habt Ihr Euch wohl so kürzlich gewidmet,Daß Ihr ein rotes Barett auf Eurem Haupte zu tragenAnfangt? Seid Ihr ein Abt? Es hat der Bader gewißlich,Der die Platte Euch schor, nach Euren Ohren geschnappet.Ihr verloret den Schopf, wie ich sehe, das Fell von den WangenUnd die Handschuh dabei. Wo habt Ihr sie hängen gelassen?Und so mußte der Braune die vielen spöttischen WorteHintereinander vernehmen und konnte vor Schmerzen nicht reden,Sich nicht raten noch helfen. Und um nicht weiter zu hören,Kroch er ins Wasser zurück und trieb mit dem reißenden StromeNieder und landete drauf am flachen Ufer. Da lag er,Krank und elend, und jammerte laut und sprach zu sich selber:Schlüge nur einer mich tot! Ich kann nicht gehen und sollteNach des Königes Hof die Reise vollenden, und bleibeSo geschändet zurück von Reinekens bösem Verrate.Bring ich mein Leben davon, gewiß, dich soll es gereuen!Doch er raffte sich auf und schleppte mit gräßlichen SchmerzenDurch vier Tage sich fort, und endlich kam er zu Hofe.
Als der König den Bären in seinem Elend erblickte,Rief er: Gnädiger Gott! Erkenn ich Braunen? Wie kommt erSo geschändet? Und Braun versetzte: Leider erbärmlichIst das Ungemach, das Ihr erblickt; so hat mich der FrevlerReineke schändlich verraten! Da sprach der König entrüstet:Rächen will ich gewiß ohn alle Gnade den Frevel.Solch einen Herrn wie Braun, den sollte Reineke schänden?Ja, bei meiner Ehre, bei meiner Krone! das schwör ich,Alles soll Reineke büßen, was Braun zu Rechte begehret.Halt ich mein Wort nicht, so trag ich kein Schwert mehr, ich will es geloben!
Und der König gebot, es solle der Rat sich versammeln,Überlegen und gleich der Frevel Strafe bestimmen.Alle rieten darauf, wofern es dem König beliebte,Solle man Reineken abermals fordern, er solle sich stellen,Gegen Anspruch und Klage sein Recht zu wahren. Es könneHinze, der Kater, sogleich die Botschaft Reineken bringen,Weil er klug und gewandt sei. So rieten sie alle zusammen.
Und es vereinigte sich der König mit seinen Genossen,Sprach zu Hinzen: Merket mir recht die Meinung der Herren!Ließ' er sich aber zum drittenmal fordern, so soll es ihm selbst undSeinem ganzen Geschlecht zum ewigen Schaden gereichen;Ist er klug, so komm er inzeiten. Ihr schärft ihm die Lehre;Andre verachtet er nur, doch Eurem Rate gehorcht er.
Aber Hinze versetzte: Zum Schaden oder zum FrommenMag es gereichen, komm ich zu ihm, wie soll ichs beginnen?Meinetwegen tut oder laßt es, aber ich dächte,Jeden andern zu schicken, ist besser, da ich so klein bin.Braun, der Bär, so groß und stark, und konnt ihn nicht zwingen,Welcher Weise soll ich es enden? O! habt mich entschuldigt.
Du beredest mich nicht, versetzte der König: man findetManchen kleinen Mann voll List und Weisheit, die manchemGroßen fremd ist. Seid Ihr auch gleich kein Riese gewachsen,Seid Ihr doch klug und gelehrt. Da gehorchte der Kater und sagte:Euer Wille geschehe! und kann ich ein Zeichen erblickenRechter Hand am Wege, so wird die Reise gelingen.
Dritter Gesang
Nun war Hinze, der Kater, ein Stückchen Weges gegangen;Einen Martins-Vogel erblickt' er von weitem, da rief er:Edler Vogel! Glück auf. o wende die Flügel und fliegeHer zu meiner Rechten! Es flog der Vogel und setzteSich zur Linken des Katers, auf einem Baume zu singen.Hinze betrübte sich sehr, er glaubte sein Unglück zu hören,Doch er machte nun selber sich Mut, wie mehrere pflegen.Immer wandert' er fort nach Malepartus, da fand erVor dem Hause Reineken sitzen, er grüßt' ihn und sagte:Gott, der reiche, der gute, bescher Euch glücklichen Abend!Euer Leben bedrohet der König, wofern Ihr Euch weigert,Mit nach Hofe zu kommen; und ferner läßt er Euch sagen:Stehet den Klägern zu Recht, sonst werdens die Eurigen büßen.Reineke sprach: Willkommen dahier, geliebtester Neffe!Möget Ihr Segen von Gott nach meinem Wunsche genießen.Aber er dachte nicht so in seinem verrätrischen Herzen;Neue Tücke sann er sich aus, er wollte den BotenWieder geschändet nach Hofe senden. Er nannte den KaterImmer seinen Neffen und sagte: Neffe, was setzt manEuch für Speise nur vor? Man schläft gesättiget besser;Einmal bin ich der Wirt, wir gingen dann morgen am TageBeide nach Hofe: so dünkt es mich gut. Von meinen VerwandtenIst mir keiner bekannt, auf den ich mich lieber verließe.Denn der gefräßige Bär war trotzig zu mir gekommen.Er ist grimmig und stark, daß ich um vieles nicht hätteIhm zur Seite die Reise gewagt. Nun aber versteht sichs,Gerne geh ich mit Euch. Wir machen uns frühe des MorgensAuf den Weg: so scheinet es mir das beste geraten.Hinze versetzte darauf. Es wäre besser, wir machtenGleich uns fort nach Hofe, so wie wir gehen und stehen.Auf der Heide scheinet der Mond, die Wege sind trocken.Reineke sprach: Ich finde bei Nacht das Reisen gefährlich,Mancher grüßet uns freundlich bei Tage, doch käm er im FinsternUns in den Weg, es möchte wohl kaum zum besten geraten.Aber Hinze versetzte: So laßt mich wissen, mein Neffe,Bleib ich hier, was sollen wir essen? Und Reineke sagte:Ärmlich behelfen wir uns; doch wenn Ihr bleibet, so bring ichFrische Honigscheiben hervor, ich wähle die klärsten.Niemals eß ich dergleichen, versetzte murrend der Kater:Fehlet Euch alles im Hause, so gebt eine Maus her! Mit dieserBin ich am besten versorgt, und sparet das Honig für andre.Eßt Ihr Mäuse so gern? sprach Reineke: redet mir ernstlich;Damit kann ich Euch dienen. Es hat mein Nachbar, der Pfaffe,Eine Scheun im Hofe, darin sind Mäuse, man führeSie auf keinem Wagen hinweg: ich höre den PfaffenKlagen, daß sie bei Nacht und Tag ihm lästiger werden.Unbedächtig sagte der Kater: Tut mir die Liebe,Bringet mich hin zu den Mäusen! denn über Wildbret und allesLob ich mir Mäuse, die schmecken am besten. Und Reineke sagte:Nun wahrhaftig, Ihr sollt mir ein herrliches Gastmahl genießen.Da mir bekannt ist, womit ich Euch diene, so laßt uns nicht zaudern.
Hinze glaubt' ihm und folgte; sie kamen zur Scheune des Pfaffen,Zu der lehmernen Wand. Die hatte Reineke gesternKlug durchgraben und hatte durchs Loch dem schlafenden PfaffenSeiner Hähne den besten entwendet. Das wollte MartinchenRächen, des geistlichen Herrn geliebtes Söhnchen; er knüpfteKlug vor die öffnung den Strick mit einer Schlinge; so hofft' erSeinen Hahn zu rächen am wiederkehrenden Diebe.Reineke wußt und merkte sich das und sagte: GeliebterNeffe, kriechet hinein gerade zur öffnung; ich halteWache davor, indessen Ihr mauset; Ihr werdet zu HaufenSie im Dunkeln erhaschen. O höret, wie munter sie pfeifen!Seid Ihr satt, so kommt nur zurück, Ihr findet mich wieder.Trennen dürfen wir nicht uns diesen Abend, denn morgenGehen wir früh und kürzen den Weg mit muntern Gesprächen.Glaubt Ihr, sagte der Kater, es sei hier sicher zu kriechen?Denn es haben mitunter die Pfaffen auch Böses im Sinne.Da versetzte der Fuchs, der Schelm: Wer konnte das wissen!Seid Ihr so blöde? Wir gehen zurück: es soll Euch mein WeibchenGut und mit Ehren empfangen, ein schmackhaft Essen bereiten;Wenn es auch Mäuse nicht sind, so laßt es uns fröhlich verzehren.Aber Hinze, der Kater, sprang in die öffnung, er schämteSich vor Reinekens spottenden Worten, und fiel in die Schlinge.Also empfanden Reinekens Gäste die böse Bewirtung.
Da nun Hinze den Strick an seinem Halse verspürte,Fuhr er ängstlich zusammen und übereilte sich furchtsam,Denn er sprang mit Gewalt: da zog der Strick sich zusammen.Kläglich rief er Reineken zu, der außer dem LocheHorchte, sich hämisch erfreute und so zur öffnung hineinsprach:Hinze, wie schmecken die Mäuse? Ihr findet sie, glaub ich, gemästet.Wüßte Martinchen doch nur, daß Ihr sein Wildbret verzehret;Sicher brächt er Euch Senf: er ist ein höflicher Knabe.Singet man so bei Hofe zum Essen? Es klingt mir bedenklich.Wüßt ich Isegrim nur in diesem Loche, so wie ichEuch zu Falle gebracht, er sollte mir alles bezahlen,Was er mir übels getan! Und so ging Reineke weiter.Aber er ging nicht allein, um Diebereien zu üben;Ehbruch, Rauben und Mord und Verrat, er hielt es nicht sündlich.Und er hatte sich eben was ausgesonnen. Die schöneGieremund wollt er besuchen, in doppelter Absicht: fürs ersteHofft er von ihr zu erfahren, was eigentlich Isegrim klagte;Zweitens wollte der Schalk die alten Sünden erneuern.Isegrim war nach Hofe gegangen, das wollt er benutzen.Denn wer zweifelt daran, es hatte die Neigung der WölfinZu dem schändlichen Fuchse den Zorn des Wolfes entzündet.Reineke trat in die Wohnung der Frauen und fand sie nicht heimisch.Grüß euch Gott! Stiefkinderchen! sagt' er, nicht mehr und nicht minder,Nickte freundlich den Kleinen und eilte nach seinem Gewerbe.Als Frau Gieremund kam des Morgens, wie es nur tagte,Sprach sie: Ist niemand kommen, nach mir zu fragen? SoebenGeht Herr Pate Reineke fort, er wünscht' Euch zu sprechen.Alle, wie wir hier sind, hat er Stiefkinder geheißen.Da rief Gieremund aus: Er soll es bezahlen! und eilte,Diesen Frevel zu rächen zur selben Stunde. Sie wußte,Wo er pflegte zu gehn; sie erreicht' ihn, zornig begann sie:Was für Worte sind das? und was für schimpfliche RedenHabt Ihr ohne Gewissen vor meinen Kindern gesprochen?Büßen sollt Ihr dafür! So sprach sie zornig und zeigt' ihmEin ergrimmtes Gesicht; sie faßt' ihn am Barte, da fühlt' erIhrer Zähne Gewalt und lief und wollt ihr entweichen;Sie behend strich hinter ihm drein. Da gab es Geschichten—Ein verfallenes Schloß war in der Nähe gelegen,Hastig liefen die beiden hinein; es hatte sich aberAltershalben die Mauer in einem Turme gespalten.Reineke schlupfte hindurch; allein er mußte sich zwängen,Denn die Spalte war eng; und eilig steckte die Wölfin,Groß und stark, wie sie war, den Kopf in die Spalte; sie drängte,Schob und brach und zog und wollte folgen, und immerKlemmte sie tiefer sich ein und konnte nicht vorwärts noch rückwärts.Da das Reineke sah, lief er zur anderen SeiteKrummen Weges herein und kam und macht' ihr zu schaffen.Aber sie ließ es an Worten nicht fehlen, sie schalt ihn: Du handelstAls ein Schelm! ein Dieb! Und Reineke sagte dagegen:Ist es noch niemals geschehn, so mag es jetzo geschehen.
Wenig Ehre verschafft es, sein Weib mit andern zu sparen,Wie nun Reineke tat. Gleichviel war alles dem Bösen.Da nun endlich die Wölfin sich aus der Spalte gerettet,War schon Reineke weg und seine Straße gegangen.Und so dachte die Frau, sich selber Recht zu verschaffen,Ihrer Ehre zu wahren, und doppelt war sie verloren.
Lasset uns aber zurück nach Hinzen sehen. Der Arme,Da er gefangen sich fühlte, beklagte nach Weise der KaterSich erbärmlich: das hörte Martinchen und sprang aus dem Bette.Gott sei Dank! Ich habe den Strick zur glücklichen StundeVor die öffnung geknüpft; der Dieb ist gefangen! Ich denke,Wohl bezahlen soll er den Hahn! So jauchzte Martinchen.Zündete hurtig ein Licht an (im Hause schliefen die Leute),Weckte Vater und Mutter darauf und alles Gesinde,Rief: Der Fuchs ist gefangen! wir wollen ihm dienen. Sie kamenAlle, groß und klein, ja selbst der Pater erhub sich,Warf ein Mäntelchen um; es lief mit doppelten LichternSeine Köchin voran, und eilig hatte MartinchenEinen Knüttel gefaßt und machte sich über den Kater,Traf ihm Haut und Haupt und schlug ihm grimmig ein Aug aus.Alle schlugen auf ihn; es kam mit zackiger GabelHastig der Pater herbei und glaubte den Räuber zu fällen.Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossenZwischen die Schenkel des Pfaffen und biß und kratzte gefährlich,Schändete grimmig den Mann und rächte grausam das Auge.Schreiend stürzte der Pater und fiel ohnmächtig zur Erden.Unbedachtsam schimpfte die Köchin: es habe der TeufelIhr zum Possen das Spiel selbst angerichtet. Und doppelt,Dreifach schwur sie: wie gern verlöre sie, wäre das UnglückNicht dem Herren begegnet, ihr bißchen Habe zusammen.Ja, sie schwur: ein Schatz von Golde, wenn sie ihn hätte,Sollte sie wahrlich nicht reuen, sie wollt ihn missen. So jammert'Sie die Schande des Herrn und seine schwere Verwundung.Endlich brachten sie ihn mit vielen Klagen zu Bette,Ließen Hinzen am Strick und hatten seiner vergessen.
Als nun Hinze, der Kater, in seiner Not sich allein sah,Schmerzlich geschlagen und übel verwundet, so nahe dem Tode,Faßt' er aus Liebe zum Leben den Strick und nagt' ihn behende.Sollt ich mich etwa erlösen vom großen übel? so dacht er.Und es gelang ihm, der Strick zerriß. Wie fand er sich glücklich!Eilte, dem Ort zu entfliehn, wo er so vieles erduldet;Hastig sprang er zum Loche heraus und eilte die StraßeNach des Königes Hof, den er des Morgens erreichte.Ärgerlich schalt er sich selbst: So mußte dennoch der TeufelDich durch Reinekens List, des bösen Verräters, bezwingen!Kommst du doch mit Schande zurück, am Auge geblendetUnd mit Schlägen schmerzlich beladen, wie mußt du dich schämen!
Aber des Königes Zorn entbrannte heftig, er dräuteDem Verräter den Tod ohn alle Gnade. Da ließ erSeine Räte versammeln; es kamen seine Baronen,Seine Weisen zu ihm, er fragte: wie man den FrevlerEndlich brächte zu Recht, der schon so vieles verschuldet?Als nun viele Beschwerden sich über Reineken häuften,Redete Grimbart, der Dachs: Es mögen in diesem GerichteViele Herren auch sein, die Reineken übels gedenken,Doch wird niemand die Rechte des freien Mannes verletzen.Nun zum drittenmal muß man ihn fordern. Ist dieses geschehen,Kommt er dann nicht, so möge das Recht ihn schuldig erkennen.Da versetzte der König: Ich fürchte, keiner von allenGinge, dem tückischen Manne die dritte Ladung zu bringen.Wer hat ein Auge zu viel? wer mag verwegen genug sein,Leib und Leben zu wagen um diesen bösen Verräter?Seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und dennoch am EndeReineken nicht zu stellen? Ich denke, niemand versucht es.Überlaut versetzte der Dachs: Herr König, begehretIhr es von mir, so will ich sogleich die Botschaft verrichten,Sei es, wie es auch sei. Wollt Ihr mich öffentlich senden,Oder geh ich, als käm ich von selber? Ihr dürft nur befehlen.Da beschied ihn der König: So geht dann! Alle die KlagenHabt Ihr sämtlich gehört, und geht nur weislich zu WerkeDenn es ist ein gefährlicher Mann. Und Grimbart versetzte:Einmal muß ich es wagen und hoff ihn dennoch zu bringen.So betrat er den Weg nach Malepartus, der Feste;Reineken fand er daselbst mit Weib und Kindern und sagte:Oheim Reineke, seid mir gegrüßt! Ihr seid ein gelehrter,Weiser, kluger Mann, wir müssen uns alle verwundern,Wie Ihr des Königs Ladung verachtet, ich sage, verspottet,Deucht Euch nicht, es wäre nun Zeit? Es mehren sich immerKlagen und böse Gerüchte von allen Seiten. Ich rat Euch,Kommt nach Hofe mit mir, es hilft kein längeres Zaudern.Viele, viele Beschwerden sind vor den König gekommen,Heute werdet Ihr nun zum dritten Male geladen;Stellt Ihr Euch nicht, so seid Ihr verurteilt. Dann führet der KönigSeine Vasallen hieher, Euch einzuschließen, in dieserFeste Malepartus Euch zu belagern; so gehetIhr mit Weib und Kindern und Gut und Leben zugrunde.Ihr entfliehet dem Könige nicht; drum ist es am besten,Kommt nach Hofe mit mir! Es wird an listiger WendungEuch nicht fehlen, Ihr habt sie bereit und werdet Euch retten;Denn Ihr habt ja wohl oft, auch an gerichtlichen Tagen,Abenteuer bestanden, weit größer als dieses, und immerKamt Ihr glücklich davon und Eure Gegner in Schande.
Grimbart hatte gesprochen, und Reineke sagte dagegen:Oheim, Ihr ratet mir wohl, daß ich zu Hofe mich stelle,Meines Rechtes selber zu wahren. Ich hoffe, der KönigWird mir Gnade gewähren; er weiß, wie sehr ich ihm nütze;Aber er weiß auch, wie sehr ich deshalb den andern verhaßt bin.Ohne mich kann der Hof nicht bestehn. Und hätt ich noch zehnmalMehr verbrochen, so weiß ich es schon: sobald mirs gelinget,Ihm in die Augen zu sehen und ihn zu sprechen, so fühlt erSeinen Zorn im Busen bezwungen. Denn freilich begleitenViele den König und kommen in seinem Rate zu sitzen;Aber es geht ihm niemal zu Herzen; sie finden zusammenWeder Rat noch Sinn. Doch bleibet an jeglichem Hofe,Wo ich immer auch sei, der Ratschluß meinem Verstande.Denn versammeln sich König und Herren, in kitzlichen SachenKlugen Rat zu ersinnen, so muß ihn Reineken finden.Das mißgönnen mir viele. Die hab ich leider zu fürchten,Denn sie haben den Tod mir geschworen, und grade die SchlimmstenSind am Hofe versammelt, das macht mich eben bekümmert.Über zehen und Mächtige sinds, wie kann ich alleineVielen widerstehn? Drum hab ich immer gezaudert.Gleichwohl find ich es besser, mit Euch nach Hofe zu wandeln,Meine Sache zu wahren; das soll mehr Ehre mir bringen,Als durch Zaudern mein Weib und meine Kinder in ängstenUnd Gefahren zu stürzen; wir wären alle verloren.Denn der König ist mir zu mächtig, und was es auch wäre,Müßt ich tun, sobald ers befiehlt. Wir können versuchen,Gute Verträge vielleicht mit unsern Feinden zu schließen.
Reineke sagte darnach: Frau Ermelyn, nehmet der Kinder(Ich empfehl es Euch) wahr, vor allen andern des jüngsten,Reinharts; es stehn ihm die Zähne so artig ums Mäulchen, ich hoff, erWird der leibhaftige Vater; und hier ist Rossel, das Schelmchen,Der mir ebenso lieb ist. O! tut den Kindern zusammenEtwas zu gut, indes ich weg bin! Ich wills Euch gedenken,Kehr ich glücklich zurück und Ihr gehorchet den Worten.Also schied er von dannen mit Grimbart, seinem Begleiter,Ließ Frau Ermelyn dort mit beiden Söhnen und eilte;Unberaten ließ er sein Haus; das schmerzte die Füchsin.
Beide waren noch nicht ein Stündchen Weges gegangen,Als zu Grimbart Reineke sprach: Mein teuerster Oheim,Wertester Freund, ich muß Euch gestehn, ich bebe vor Sorgen.Ich entschlage mich nicht des ängstlichen, bangen Gedankens,Daß ich wirklich dem Tod entgegensehe. Da seh ichMeine Sünden vor mir, so viel ich deren begangen.Ach! Ihr glaubet mir nicht die Unruh, die ich empfinde.Laßt mich beichten! höret mich an! kein anderer PaterIst in der Nähe zu finden; und hab ich alles vom Herzen,Werd ich nicht schlimmer darum vor meinem Könige stehen.Grimbart sagte: Verredet zuerst das Rauben und Stehlen,Allen bösen Verrat und andre gewöhnliche Tücken,Sonst kann Euch die Beichte nicht helfen. Ich weiß es, versetzteReineke: darum laßt mich beginnen und höret bedächtig.
Confiteor tibi Pater et Mater, daß ich der Otter,Daß ich dem Kater und manchen gar manche Tücke versetzte,Ich bekenn es und lasse mir gern die Buße gefallen.Redet Deutsch, versetzte der Dachs, damit ichs verstehe.Reineke sagte: Ich habe mich freilich, wie sollt ich es leugnen!Gegen alle Tiere, die jetzo leben, versündigt.Meinen Oheim, den Bären, den hielt ich im Baume gefangen;Blutig ward ihm sein Haupt, und viele Prügel ertrug er.Hinzen führt ich nach Mäusen; allein am Stricke gehaltenMußt er vieles erdulden und hat sein Auge verloren.Und so klaget auch Henning mit Recht, ich raubt ihm die Kinder,Groß und kleine, wie ich sie fand, und ließ sie mir schmecken.Selbst verschont ich des Königes nicht, und mancherlei TückenÜbt ich kühnlich an ihm und an der Königin selber;Spät verwindet sies nur. Und weiter muß ich bekennen:Isegrim hab ich, den Wolf, mit allem Fleiße geschändet;Alles zu sagen, fänd ich nicht Zeit. So hab ich ihn immerScherzend Oheim genannt, und wir sind keine Verwandte.Einmal, es werden nun bald sechs Jahre, kam er nach ElkmarZu mir ins Kloster, ich wohnte daselbst, und bat mich um Beistand,Weil er eben ein Mönch zu werden gedächte. Das, meint' er,Wär ein Handwerk für ihn, und zog die Glocke. Das LäutenFreut' ihn so sehr! Ich band ihm darauf die vorderen FüßeMit dem Seile zusammen, er war es zufrieden und stand so,Zog und erlustigte sich und schien das Läuten zu lernen.Doch es sollt ihm die Kunst zu schlechter Ehre gedeihen,Denn er läutete zu wie toll und törig. Die LeuteLiefen eilig bestürzt aus allen Straßen zusammen,Denn sie glaubten, es sei ein großes Unglück begegnet;Kamen und fanden ihn da, und eh er sich eben erklärte,Daß er den geistlichen Stand ergreifen wolle, so war erVon der dringenden Menge beinah zu Tode geschlagen.Dennoch beharrte der Tor auf seinem Vorsatz und bat mich,Daß ich ihm sollte mit Ehren zu einer Platte verhelfen;Und ich ließ ihm das Haar auf seinem Scheitel versengen,Daß die Schwarte davon zusammenschrumpfte. So hab ichOft ihm Prügel und Stöße mit vieler Schande bereitet.Fische lehrt ich ihn fangen, sie sind ihm übel bekommen.Einmal folgt' er mir auch im Jülicher Lande, wir schlichenZu der Wohnung des Pfaffen, des reichsten in dortiger Gegend.Einen Speicher hatte der Mann mit köstlichen Schinken,Lange Seiten des zartesten Specks verwahrt' er daneben,Und ein frisch gesalzenes Fleisch befand sich im Troge.Durch die steinerne Mauer gelang es Isegrim endlich,Eine Spalte zu kratzen, die ihn gemächlich hindurchließ,Und ich trieb ihn dazu, es trieb ihn seine Begierde.Aber da konnt er sich nicht im überflusse bezwingen,Übermäßig füllt' er sich an; da hemmte gewaltigDen geschwollenen Leib und seine Rückkehr die Spalte.Ach, wie klagt' er sie an, die ungetreue, sie ließ ihnHungrig hinein und wollte dem Satten die Rückkehr verwehren.Und ich machte darauf ein großes Lärmen im Dorfe,Daß ich die Menschen erregte, die Spuren des Wolfes zu finden.Denn ich lief in die Wohnung des Pfaffen und traf ihn beim Essen,Und ein fetter Kapaun ward eben vor ihn getragen,Wohlgebraten; ich schnappte darnach und trug ihn von dannen.Hastig wollte der Pfaffe mir nach und lärmte, da stieß erÜber den Haufen den Tisch mit Speisen und allem Getränke.Schlaget, werfet, fanget und stechet! so rief der ergrimmtePater und fiel und kühlte den Zorn (er hatte die PfützeNicht gesehen) und lag. Und alle kamen und schrien:Schlagt! ich rannte davon und hinter mir alle zusammen,Die mir das Schlimmste gedachten. Am meisten lärmte der Pfaffe:Welch ein verwegener Dieb! Er nahm das Huhn mir vom Tische!Und so lief ich voraus, bis zu dem Speicher, da ließ ichWider Willen das Huhn zur Erde fallen, es ward mirEndlich leider zu schwer; und so verlor mich die Menge.Aber sie fanden das Huhn, und da der Pater es aufhub,Ward er des Wolfes im Speicher gewahr, es sah ihn der Haufen.Allen rief der Pater nun zu: Hierher nur! und trefft ihn!Uns ist ein anderer Dieb, ein Wolf, in die Hände gefallen,Käm er davon, wir wären beschimpft; es lachte wahrhaftigAlles auf unsere Kosten im ganzen Jülicher Lande.Was er nur konnte, dachte der Wolf. Da regnet' es SchlägeHierher und dorther ihm über den Leib und schmerzliche Wunden.Alle schrien, so laut sie konnten; die übrigen BauernLiefen zusammen und streckten für tot ihn zur Erde darnieder.Größeres Weh geschah ihm noch nie, solang er auch lebte.Malt' es einer auf Leinwand, es wäre seltsam zu sehen,Wie er dem Pfaffen den Speck und seine Schinken bezahlte.Auf die Straße warfen sie ihn und schleppten ihn eiligÜber Stock und Stein; es war kein Leben zu spüren.Und er hatte sich unrein gemacht, da warf man mit AbscheuVor das Dorf ihn hinaus: er lag in schlammiger Grube,Denn sie glaubten ihn tot. In solcher schmählichen OhnmachtBlieb er, ich weiß nicht wie lange, bevor er sein Elend gewahr ward.Wie er noch endlich entkommen, das hab ich niemals erfahren.Und doch schwur er hernach (es kann ein Jahr sein), mir immerTreu und gewärtig zu bleiben; nur hat es nicht lange gedauert.Denn warum er mir schwur, das konnt ich leichtlich begreifen:Gerne hätt er einmal sich satt an Hühnern gegessen.Und damit ich ihn tüchtig betröge, beschrieb ich ihm ernstlichEinen Balken, auf dem sich ein Hahn des Abends gewöhnlichNeben sieben Hühnern zu setzen pflegte. Da führt' ichIhn im stillen bei Nacht, es hatte zwölfe geschlagen,Und der Laden des Fensters, mit leichter Latte gestützet,Stand (ich wußt es) noch offen. Ich tat, als wollt ich hineingehn;Aber ich schmiegte mich an und ließ dem Oheim den Vortritt.Gehet frei nur hinein, so sagt ich: wollt Ihr gewinnen,Seid geschäftig, es gilt! Ihr findet gemästete Hennen.Gar bedächtig kroch er hinein und tastete leiseHier- und dahin und sagte zuletzt mit zornigen Worten:O wie führt Ihr mich schlecht! ich finde wahrlich von HühnernKeine Feder. Ich sprach: Die vorne pflegten zu sitzen,Hab' ich selber geholt, die andern sitzen dahinten.Geht nur unverdrossen voran und tretet behutsam.Freilich der Balken war schmal, auf dem wir gingen. Ich ließ ihnImmer voraus und hielt mich zurück und drückte mich rückwärtsWieder zum Fenster hinaus und zog am Holze; der LadenSchlug und klappte, das fuhr dem Wolf in die Glieder und schreckt' ihn;Zitternd plumpt' er hinab vom schmalen Balken zur Erde.Und erschrocken erwachten die Leute, sie schliefen am Feuer.Sagt, was fiel zum Fenster herein? so riefen sie alle,Rafften behende sich auf, und eilig brannte die Lampe.In der Ecke fanden sie ihn und schlugen und gerbtenIhm gewaltig das Fell; mich wundert, wie er entkommen.
Weiter bekenn ich vor Euch: daß ich Frau Gieremund heimlichÖfters besucht und öffentlich auch. Das hätte nun freilichUnterbleiben sollen, o wär es niemals geschehen!Denn solange sie lebt, verwindet sie schwerlich die Schande.
Alles hab ich Euch jetzt gebeichtet, dessen ich irgendMich zu erinnern vermag, was meine Seele beschweret.Sprechet mich los! ich bitte darum; ich werde mit DemutJede Buße vollbringen, die schwerste, die Ihr mir auflegt.
Grimbart wußte sich schon in solchen Fällen zu nehmen,Brach ein Reischen am Wege, dann sprach er: Oheim, nun schlagt EuchDreimal über den Rücken mit diesem Reischen und legt es,Wie ichs Euch zeige, zur Erde und springet dreimal darüber;Dann mit Sanftmut küsset das Reis und zeigt Euch gehorsam.Solche Buße leg ich Euch auf und spreche von allenSünden und allen Strafen Euch los und ledig, vergeb EuchAlles im Namen des Herrn, soviel Ihr immer begangen.
Und als Reineke nun die Buße willig vollendet,Sagte Grimbart: Lasset an guten Werken, mein Oheim,Eure Besserung spüren und leset Psalmen, besuchetFleißig die Kirchen und fastet an rechten gebotenen Tagen;Wer Euch fraget, dem weiset den Weg, und gebet den ArmenGern, und schwöret mir zu, das böse Leben zu lassen,Alles Rauben und Stehlen, Verrat und böse Verführung,Und so ist es gewiß, daß Ihr zu Gnaden gelanget.Reineke sprach: So will ich es tun, so sei es geschworen!
Und so war die Beichte vollendet. Da gingen sie weiterNach des Königes Hof. Der fromme Grimbart und jenerKamen durch schwärzliche fette Gebreite; sie sahen ein KlosterRechter Hand des Weges. Es dienten geistliche Frauen,Spat und früh, dem Herren daselbst und nährten im HofeViele Hühner und Hähne, mit manchem schönen Kapaune,Welche nach Futter zuweilen sich außer der Mauer zerstreuten.Reineke pflegte sie oft zu besuchen. Da sagt' er zu Grimbart:Unser kürzester Weg geht an der Mauer vorüber;Aber er meinte die Hühner, wie sie im Freien spazierten.Seinen Beichtiger führt' er dahin, sie nahten den Hühnern;Da verdrehte der Schalk die gierigen Augen im Kopfe.Ja, vor allen gefiel ihm ein Hahn, der jung und gemästetHinter den andern spazierte, den faßt' er treulich ins Auge,Hastig sprang er hinter ihm drein; es stoben die Federn.
Aber Grimbart, entrüstet, verwies ihm den schändlichen Rückfall.Handelt Ihr so? unseliger Oheim, und wollt Ihr schon wiederUm ein Huhn in Sünde geraten, nachdem Ihr gebeichtet?Schöne Reue heiß ich mir das! Und Reineke sagte:Hab ich es doch in Gedanken getan! O teuerster Oheim,Bittet zu Gott, er möge die Sünde mir gnädig vergeben.Nimmer tu ich es wieder und laß es gerne. Sie kamenUm das Kloster herum in ihre Straße, sie mußtenÜber ein schmales Brückchen hinüber, und Reineke blickteWieder nach den Hühnern zurück; er zwang sich vergebens.Hätte jemand das Haupt ihm abgeschlagen, es wäreNach den Hühnern geflogen; so heftig war die Begierde.
Grimbart sah es und rief. Wo laßt Ihr, Neffe, die AugenWieder spazieren? Fürwahr, Ihr seid ein häßlicher Vielfraß!Reineke sagte darauf: Das macht Ihr übel, Herr Oheim!Übereilet Euch nicht und stört nicht meine Gebete;Laßt ein Paternoster mich sprechen. Die Seelen der HühnerUnd der Gänse bedürfen es wohl, soviel ich den Nonnen,Diesen heiligen Frauen, durch meine Klugheit entrissen.Grimbart schwieg, und Reineke Fuchs verwandte das Haupt nichtVon den Hühnern, solang er sie sah. Doch endlich gelangtenSie zur rechten Straße zurück und nahten dem Hofe.Und als Reineke nun die Burg des Königs erblickte,Ward er innig betrübt; denn heftig war er beschuldigt.
Vierter Gesang
Als man bei Hofe vernahm, es komme Reineke wirklich,Drängte sich jeder heraus, ihn zu sehn, die Großen und Kleinen,Wenige freundlich gesinnt, fast alle hatten zu klagen.Aber Reineken deuchte, das sei von keiner Bedeutung;Wenigstens stellt' er sich so, da er mit Grimbart, dem Dachse,Jetzo dreist und zierlich die hohe Straße daherging.Mutig kam er heran und gelassen, als wär er des KönigsEigener Sohn und frei und ledig von allen Gebrechen.Ja, so trat er vor Nobel, den König, und stand im PalasteMitten unter den Herren; er wußte sich ruhig zu stellen.
Edler König, gnädiger Herr! begann er zu sprechen:Edel seid Ihr und groß, von Ehren und Würden der Erste;Darum bitt ich von Euch, mich heute rechtlich zu hören.Keinen treueren Diener hat Eure fürstliche GnadeJe gefunden als mich, das darf ich kühnlich behaupten.Viele weiß ich am Hofe, die mich darüber verfolgen.Eure Freundschaft würd ich verlieren, woferne die LügenMeiner Feinde, wie sie es wünschen, Euch glaublich erschienen;Aber glücklicherweise bedenkt Ihr jeglichen Vortrag,Hört den Beklagten so gut als den Kläger; und haben sie vielesMir im Rücken gelogen, so bleib ich ruhig und denke:Meine Treue kennt Ihr genug, sie bringt mir Verfolgung.
Schweiget! versetzte der König: es hilft kein Schwätzen und Schmeicheln,Euer Frevel ist laut, und Euch erwartet die Strafe.Habt Ihr den Frieden gehalten, den ich den Tieren geboten?Den ich geschworen? Da steht der Hahn! Ihr habt ihm die Kinder,Falscher, leidiger Dieb! eins nach dem andern entrissen.Und wie lieb Ihr mich habt, das wollt Ihr, glaub ich, beweisen,Wenn Ihr mein Ansehn schmäht und meine Diener beschädigt.Seine Gesundheit verlor der arme Hinze! Wie langsamWird der verwundete Braun von seinen Schmerzen genesen!Aber ich schelt Euch nicht weiter. Denn hier sind Kläger die Menge,Viele bewiesene Taten. Ihr möchtet schwerlich entkommen.
Bin ich, gnädiger Herr, deswegen strafbar? versetzteReineke: kann ich davor, wenn Braun mit blutiger PlatteWieder zurückkehrt? Wagt' er sich doch und wollte vermessenRüsteviels Honig verzehren; und kamen die tölpischen BauernIhm zu Leibe, so ist er ja stark und mächtig an Gliedern;Schlugen und schimpften sie ihn, eh er ins Wasser gekommen,Hätt er als rüstiger Mann die Schande billig gerochen.Und wenn Hinze, der Kater, den ich mit Ehren empfangen,Nach Vermögen bewirtet, sich nicht vom Stehlen enthalten,In die Wohnung des Pfaffen, so sehr ich ihn treulich verwarnte,Sich bei Nacht geschlichen und dort was übels erfahren:Hab ich Strafe verdient, weil jene töricht gehandelt?Eurer fürstlichen Krone geschähe das wahrlich zu nahe!Doch Ihr möget mit mir nach Eurem Willen verfahren,Und, so klar auch die Sache sich zeigt, beliebig verfügen:Mag es zum Nutzen, mag es zum Schaden auch immer gereichen.Soll ich gesotten, gebraten, geblendet oder gehangenWerden oder geköpft, so mag es eben geschehen!Alle sind wir in Eurer Gewalt, Ihr habt uns in Händen.Mächtig seid Ihr und stark, was widerstände der Schwache?Wollt Ihr mich töten, das würde fürwahr ein geringer Gewinn sein.Doch es komme, was will; ich stehe redlich zu Rechte.
Da begann der Widder Bellyn: Die Zeit ist gekommen,Laßt uns klagen! Und Isegrim kam mit seinen Verwandten,Hinze, der Kater, und Braun, der Bär, und Tiere zu Scharen.Auch der Esel Boldewyn kam und Lampe, der Hase,Wackerlos kam, das Hündchen, und Ryn, die Dogge, die ZiegeMetke, Hermen, der Bock, dazu das Eichhorn, die WieselUnd das Hermelin. Auch waren der Ochs und das Pferd nichtAußen geblieben; daneben ersah man die Tiere der Wildnis,Als den Hirsch und das Reh und Bokert, den Biber, den Marder,Das Kaninchen, den Eber, und alle drängten einander.Bartolt, der Storch, und Markart, der Häher, und Lütke, der Kranich,Flogen herüber; es meldeten sich auch Tybbke, die Ente,Alheid, die Gans, und andere mehr mit ihren Beschwerden.Henning, der traurige Hahn, mit seinen wenigen KindernKlagte heftig; es kamen herbei unzählige VögelUnd der Tiere so viel, wer wüßte die Menge zu nennen!Alle gingen dem Fuchs zu Leibe, sie hofften, die FrevelNun zur Sprache zu bringen und seine Strafe zu sehen.Vor den König drängten sie sich mit heftigen Reden,Häuften Klagen auf Klagen, und alt und neue GeschichtenBrachten sie vor. Man hatte noch nie an Einem GerichtstagVor des Königes Thron so viele Beschwerden gehöret.Reineke stand und wußte darauf gar künstlich zu dienen:Denn ergriff er das Wort, so floß die zierliche RedeSeiner Entschuldigung her, als wäre es lautere Wahrheit;Alles wußt er beiseite zu lehnen und alles zu stellen.Hörte man ihn, man wunderte sich und glaubt' ihn entschuldigt,Ja, er hatte noch übriges Recht und vieles zu klagen.Aber es standen zuletzt wahrhaftige redliche MännerGegen Reineken auf, die wider ihn zeugten, und alleSeine Frevel fanden sich klar. Nun war es geschehen!Denn im Rate des Königs mit Einer Stimme beschloß man:Reineke Fuchs sei schuldig des Todes! So soll man ihn fahen,Soll ihn binden und hängen an seinem Halse, damit erSeine schweren Verbrechen mit schmählichem Tode verbüße.
Jetzt gab Reineke selbst das Spiel verloren; es hattenSeine klugen Worte nur wenig geholfen. Der KönigSprach das Urteil selber. Da schwebte dem losen Verbrecher,Als sie ihn fingen und banden, sein klägliches Ende vor Augen.
Wie nun nach Urteil und Recht gebunden Reineke dastand,Seine Feinde sich regten, zum Tod ihn eilend zu führen,Standen die Freunde betroffen und waren schmerzlich bekümmert,Martin, der Affe, mit Grimbart und vielen aus Reinekens Sippschaft.Ungern hörten sie an das Urteil und trauerten alleMehr, als man dächte. Denn Reineke war der ersten BaronenEiner und stand nun entsetzt von allen Ehren und WürdenUnd zum schmählichen Tode verdammt. Wie mußte der AnblickSeine Verwandten empören! Sie nahmen alle zusammenUrlaub vom Könige, räumten den Hof, so viele sie waren.