3. Juli.

Ich verweilte bei diesem wundervollen Naturspielegewiß über eine Stunde, und konnte mich von dem Anblicke dieser bogenförmig aufsteigenden Wasserstrahlen gar nicht trennen. Mir gefiel diese Quelle, die gewiß einzig in ihrer Art ist, bei weitem besser, als jene des kleinen Geiser.

Noch ist eine Quelle da, der sogenanntebrüllende Geiser; es ist dieß aber nichts, als ein unförmliches Loch, in welchem man das Wasser kochen hört, aber nicht sieht. Das Geräusch ist unbedeutend.

Nahe an Reikum setzten wir über ein Bächlein, das all diese heißen Quellen aufnimmt, und da einen artigen Fall bildet. Wir stiegen hierauf den daran stoßenden Berg hinan, und ritten dann gute zwei Stunden in einer Hochebene fort. Die Hochebene selbst bot, da sie nur mit Lavagerölle und Moos bedeckt war, einen sehr einförmigen Anblick, – dagegen war aber die Aussicht desto abwechselnder und schöner. Thal und Meer lagen ausgebreitet vor den Blicken, und ich sah, was mir auf dem Hekla die Wolken neidisch verborgen hatten, – in weiterFerne eine schöne Gebirgskette, dieWestmanns-Inseln. Zu meinen Füßen lagen einige Häuschen, der HafenortEierbach, und unweit davon strömen die Wasser der Elvas in jene des Meeres.

Am Ende dieser Hochebene lag ein Thal, das zwar auch nur wieder mit Lava ausgefüllt war, aber mit jener schwarzen, zackigen, die einen so überaus schönen Anblick gewährt. Mächtige Ströme dieser Lavaart durchzogen es von allen Seiten, so daß es beinahe einem schwarzen See glich, der durch eine Reihe ebenfalls schwarzer Berge von dem Meere abgedämmt war.

Ueber Lava-Trümmer und Schneeflächen mußten wir uns in dieses finstere Thal hinab den Weg bahnen, und dann ging es fort durch Thäler und Schluchten, über Lavafelder und Wiesenflächen, an dunkeln Bergen und Hügeln vorüber, bis zur Hauptstation meiner isländischen Reisen, – bis nach Reikjavik.

Das ganze Land zwischen Reikum und Reikjavik ist größtentheils unbewohnt. (Eine Strecke von 10 Meilen). Nur hie und da sieht man in den Lavafeldern kleine Pyramiden von Lavasteinen aufgeschichtet, die als Wegweiser dienen, und an zwei Stellen sindHäuschen errichtet für jene Reisende, die da im Winter durchmüssen. – Wir trafen aber dennoch sehr viel Leben auf den Straßen, und überholten häufig Caravanen von 15-20 Pferden. – Es war nämlich jetzt Anfangs Juli, die Zeit des Verkehres und Handels in Island. Da ziehen die Landleute 20 und noch mehrere Meilen weit nach Reikjavik, um ihre Erzeugnisse und Produkte theils gegen Geld, theils gegen andere Bedürfnisse umzusetzen. – Die Kaufleute und Faktoren haben dann nicht Hände genug, die Waaren umzutauschen, oder die Rechnungen zu schließen, die der Bauer für das oft schon während des Jahres Genommene berichtigen will.

Um diese Zeit herrscht in und um Reikjavik eine Lebendigkeit sonder gleichen. Ueberall sieht man zahlreiche Gruppen von Menschen und Pferden. Hier werden Waaren auf- oder abgeladen, dort begrüßen sich Freunde, die sich schon ein ganzes Jahr, oder noch länger nicht gesehen haben. Da nehmen Andere von einander Abschied; hier sieht man einzige Zelte[4]errichtet, vor welchen sich Kinder herum tummeln, dort sieht man Betrunkene taumeln, oder wohl gar zu Pferde heran sprengen, daß Einem angst und bange wird, und man jeden Augenblick fürchtet sie stürzen zu sehen u. s. w.

Leider währt diese Lebhaftigkeit höchstens 6-8 Tage. Für den Bauer ist die Heuernte vor der Thüre, und der Kaufmann muß eilen seine eingelösten Produkte und Waaren zu ordnen, und seine Schiffe damit zu befrachten, um absegeln zu können, und noch vor den Stürmen des herbstlichen Aequinoctiums seinen Hafen zu erreichen.

Durch meine Reisen in diesem Lande hatte ich natürlich Gelegenheit, seine Bewohner, und deren Thun und Treiben kennen zu lernen. Ich muß gestehen, daß ich von dem Bauernstande einen höhern Begriff gehabt hatte. Wenn man in der Geschichte ihres Landes liest, daß die ersten Bewohner dieser Insel von aufgeklärten Staaten ausgewandert waren, daß sie Gesittung und Kenntnisse mitgebracht hatten; wenn man in den Schilderungen früherer Reisenden stets von dem einfach gemüthlichen Volke, von seiner wahrhaft patriarchalischen Lebensweise sprechen hört; wenn man endlich weiß, daß fast jeder Bauer Island's lesen und schreiben kann, daß man in der ärmsten Hütte wenigstens die Bibel, und noch andere Bücher religiösen Inhaltes findet; so ist man ja freilich geneigt, dieß Volk für das beste und gebildetste von ganz Europa zu halten. – Die Gesittung desselben dachte ich mir auch hinlänglich verwahrt und gesichert durch den wenigen Verkehr mit Fremden, durch das vereinzelte Leben, und durch die Armuth des Landes. Da gibt keine große Stadt Gelegenheitzu Putz und Unterhaltung, zur Erzeugung geringerer oder größerer Laster. – Nur selten betritt ein Fremdling die Insel, deren große Entfernung, deren rauhes Clima, Unwirthlichkeit und Armuth zu abschreckend sind. – Was allein sie interessant macht, Großartigkeit und Seltsamkeit der Natur, genügt dem großen Haufen nicht.

Ich hielt daher Island, in Bezug seiner Bewohner, für ein wahres Arkadien, und freute mich innig ein solch idyllisches Leben doch zum Theil verwirklicht zu sehen. – Ich fühlte mich so glücklich, als ich dieses Land betrat, – ich hätte alle Menschen an mein Herz drücken können, – – – Aber bald ward ich eines Andern belehrt.

Oft schon zürnte ich dem Mangel an Begeisterung, der bei mir sehr arg sein muß, da ich leider immer Alles viel prosaischer sehe, als andere Reisende. Ich bin auch weit entfernt zu behaupten, daß ichrechtsehe, – höchstens habe ich die gute Eigenschaft, das Gesehene so darzustellen, wie ich es sah, und nicht Andern nachzuplaudern.

Die Unhöflichkeit und Herzlosigkeit der sogenannten »gebildeten Klasse« habe ich bereits geschildert. Vondieser verlor ich sehr bald die vorgefaßte gute Meinung. Nun kam die Reihe an die Arbeitsleute in der Nähe Reikjavik's. – Wie das Sprichwort von den Schweizern sagt: »Kein Geld, kein Schweizer«, – so kann man von diesen sagen: »Kein Geld, kein Isländer.« – Hier nur einige Beispiele:

Kaum erfuhren sie, daß ich, eine Fremde, angelangt sei, so kamen sie auch schon häufig und alle Augenblicke zu mir, und brachten mir Gegenstände ganz gewöhnlicher Art, wie man sie in Island überall findet; die sollte ich nun theuer bezahlen. Anfangs kaufte ich Manches aus Mitleid, oder um nur Ruhe zu haben, und warf es gewöhnlich wieder weg; bald aber mußte ich damit aufhören, ich wäre sonst den ganzen Tag von Groß und Klein umlagert gewesen. Die Sucht sich auf leichte Art etwas zu verdienen, nahm ich ihnen dabei noch weniger übel, als die Unverschämtheit, mit der sie die Preise machen und den Fremdling zu prellen suchen. – Für einen Käfer, den man unter jedem Steine finden konnte, begehrten sie 5 kr. C. M., für eine Schnecke, von deren Art Tausende an der Küste lagen, eben so viel, und für ein Vogelei, ganz gewöhnlicher Art 10 bis 20 kr. Zwar ließensie dann, wenn ich nichts kaufen wollte, oft zwei Drittheile der Forderung nach; sicherlich war dieß aber keine Folge ihrer Redlichkeit. Ein anderes Beispiel des Eigennutzes dieser Leute, erlebte der Bäcker, bei dem ich wohnte. – Er hatte einen armen Taglöhner aufgenommen, um sein Haus mit Theer bestreichen zu lassen. Mitten in dieser Arbeit begriffen, kam dem Manne ein anderer Verdienst vor. Da fand er es nicht einmal der Mühe werth, den Bäcker zu fragen, ob er einige Tage bei ihm aussetzen dürfe; er ging fort, und kam erst nach acht Tagen wieder, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Um so schändlicher war dieß Benehmen von ihm, da seine Kinder vom Bäcker wöchentlich zweimal Brod, und auch noch Butter dazu bekamen.

Auch ich war so glücklich, Aehnliches zu erfahren. Herr Knudson hatte für mich einen Führer gedungen, und in einigen Tagen schon sollte die Reise angetreten werden. Da wollte zufälliger Weise auch der Stiftsamtmann einen Ausflug machen, und schickte um meinen Führer. Dieser hoffte da mehr zu verdienen, und sagte zu, kam aber nicht zu mir, um sich zu entschuldigen, sondern ließ mir blos am Vorabend derReise sagen, daß er krank geworden sei, und folglich nicht mit mir gehen könne. – Und solche Beispiele, die dem Isländer gerade nicht zum Lobe gereichen, könnte ich noch gar viele aufzählen.

Ich tröstete mich, Einfalt und Redlichkeit in den entfernteren Gegenden zu finden, und freute mich deßhalb doppelt auf meine Reisen in das Innere des Landes. – Da fand ich wohl manches Gute, doch leider auch so viele Schattenseiten, daß ich weit entfernt bin, die isländischen Bauern als Muster aufzustellen.

Die vorzüglichste ihrer guten Eigenschaften ist die Ehrlichkeit. – Ich konnte meine Sachen überall liegen lassen, und stundenlang davon entfernt bleiben, – nie mangelte mir das geringste, ja sie erlaubten sogar weder sich noch ihren Kindern auch nur etwas davon in die Hände zu nehmen. In diesem Punkte sind sie so gewissenhaft, daß wenn z. B. ein Bauer aus einem entfernteren Orte kömmt, und in eine Kothe treten will, er gewiß nicht unterläßt, vorher an die Thüre zu klopfen, selbst wenn sie offen steht. Sagt Niemand »herein«, so betritt er sie nicht. – Man könnte ohne Furcht und Sorge bei unverschlossener Thüre schlafen.

Ueberhaupt sind Verbrechen hier so selten, daß das Gefängnißgebäude zu Reikjavik schon seit vielen Jahren in das Wohnhaus für den Stiftsamtmann umgewandelt wurde. – Kleine Vergehungen werden gleich bestraft, entweder in Reikjavik selbst, oder an dem Orte, wo der Sysselmann seinen Sitz hat. – Große Verbrecher werden nach Kopenhagen geschickt und dort verurtheilt und bestraft.

Mein Hausherr zu Reikjavik, der Bäckermeister Bernhöft, erzählte mir, daß seit den 13 Jahren, die er in Island ansässig ist, nur ein großes Verbrechen begangen worden sei. – Ein verheiratheter Bauer hatte mit seiner Magd ein Kind gezeugt, und es gleich nach der Geburt verbrannt. – Die kleineren Verbrechen bestehen meistens aus Vieh-Diebstählen.

Was die Kenntnisse der Isländer anbelangt, so sah ich wirklich mit Erstaunen, daß fast Alle lesen und schreiben konnten; Letzteres war unter dem weiblichen Geschlechte etwas seltener. Jünglinge und Männer aber hatten oft recht gute und feste Schriften. – Bücher fand ich in jeder Hütte, wenigstens die Bibel, oft aber auch Gedichte und Erzählungen, manchmal sogar in dänischer Sprache.

Ihr Begriffsvermögen ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich in ihrer Gegenwart meine Landkarte aufschlug, verstanden sie so ziemlich, was sie vorstellte, und begriffen schnell und leicht deren Gebrauch und Nutzen. – Diese Bildung ist doppelt überraschend, wenn man bedenkt, daß jeder Familienvater seine Kinder, und allenfalls auch die nachbarlichen Waisen selbst unterrichtet. – Zwar geschieht dieß nur im Winter, doch der dauert acht Monate, und ist folglich dazu lange genug.

Schule besteht im ganzen Lande eine einzige, in Bessestadt – vom Jahre 1846 an in Reikjavik. – In dieser Schule werden nur Jünglinge aufgenommen die bereits lesen und schreiben können. – Sie können hier entweder zu Priestern gebildet werden, oder auch die Vorkenntnisse zu den juridischen Studien erhalten. – Jene, die sich dem Priesterstande widmen, können allda ihre ganzen Studien beendigen; Jene aber, die Aerzte, Apotheker oder Sysselmänner werden wollen, müssen nach Kopenhagen gehen.

Außer den theologischen Wissenschaften werden auf der Schule zu Reikjavik auch Geometrie, Geographie und Geschichte gelehrt, so wie mehrere Sprachen,als: lateinisch, dänisch und vom Jahre 1846 auch deutsch und französisch.

Die Hauptbeschäftigung der isländischen Bauern besteht im Fischfange, welcher am stärksten in den Monaten Februar, März und April betrieben wird.

Da kommen die Bewohner der innern Gegenden des Landes in die Hafenorte, verdingen sich den Strandbewohnern, den eigentlichen Fischern, als Gehilfen, und nehmen dafür einen Antheil an den Fischen. Außer dieser Zeit wird der Fischfang wohl auch betrieben, aber mehr nur von den Strandbewohnern. – In den Monaten Juli und August gehen wieder Viele von diesen in das Innere des Landes, und helfen da bei der Heuernte, wofür sie Butter, Schafwolle und gesalzenes Lammfleisch erhalten. – Andere besteigen die Gebirge, und sammeln das isländische Moos. Von diesem machen sie entweder einen Absud, der dann mit Milch gemischt, getrunken wird, oder sie zerreiben es zu Mehl und backen flache Kuchen daraus, die ihnen statt des Brodes dienen.

Die Arbeit des weiblichen Geschlechtes besteht in der Zurichtung der Fische zum Trocknen, Räuchernoder Einsalzen, in Abwartung des Viehes, im Stricken und wohl auch in Moossammeln. – Im Winter weben und stricken beide Geschlechter.

Was die Gastfreundschaft der Isländer betrifft, so glaube ich nicht, daß man sie ihnen zu einem sehr großen Verdienste anrechnen darf. Es ist wahr, Priester und Bauern nehmen jeden europäischen Reisenden gerne auf, und bewirthen ihn mit Allem was in ihren Kräften steht, – aber Beide wissen, daßderReisende, derihrLand besucht, gewiß weder ein Abentheurer noch ein Bettler ist, und ihnen daher auch erkenntlich sein wird. – Mir kam kein Priester und kein Bauer vor, der nicht die gebotene Gabe ohne die geringste Widerrede angenommen hätte. – Von den Priestern muß ich jedoch zu ihrem besondern Lobe bemerken, daß sie überall sehr dienstfertig und gefällig, und mit jeder Gabe zufrieden waren. Auch ihre Forderungen, wenn ich Pferde zu meinen Excursionen nahm, waren immer sehr bescheiden gestellt. – Den Bauer hingegen fand ich nur in jenen Gegenden weniger eigennützig, wo beinah nie ein Reisender hinkam. An Orten aber die schon mehr besucht werden, waren seine Forderungen oft unverschämt.

Für Ueberfahrten über Flüsse z. B. mußte ich 20 bis 30 kr. zahlen, und da wurden ich und mein Führer in einem Kahn übergeschifft, die Pferde mußten schwimmen. – Der Führer, welcher mich auf den Hekla begleitete, forderte gar 5 fl. 20 kr. CM. und ließ sich ordentlich noch dazu bitten. Er wußte, daß ich gezwungen war, ihn zu nehmen, denn Auswahl an Führern hat man nicht, und unverrichteter Sache will man auch nicht zurückkehren.

Aus diesem Benehmen aber sieht man, daß der Charakter der Isländer gerade nicht zu den trefflichsten gehört, und daß sie ihren Vortheil von den Reisenden so gut zu ziehen wissen, wie die Wirthe und Lohnbedienten auf dem Continente.

Eine große Leidenschaft der Isländer ist das Trinken. Ihre Armuth wäre gewiß nicht so groß, wenn sie weniger dem Brandweine zusprächen, und dafür fleißiger arbeiten würden. Aber so ist es heillos zu sehen welch tiefe Wurzel dieses Laster hier gefaßt hat. – Nicht nur an Sonntagen, auch an Wochentagen begegnete ich Bauern, die so berauscht waren, daß es mir noch heute ein Räthsel ist, wie sie sich auf den Pferden erhalten konnten. – Vom weiblichenGeschlecht kam mir, Gott sei es gedankt, nie ein Exemplar in diesem Zustande vor.

Eine zweite ihrer Haupt-Leidenschaften ist das Tabakschnupfen. – Sie kauen und schnupfen den Tabak mit derselben Lust, mit der man ihn bei uns rauchen sieht. Ihre Art aber, wie sie den Tabak zu sich nehmen, ist so eigen, daß ich sie unmöglich übergehen kann. Die meisten Bauern, ja selbst viele der Priester haben keine eigentliche Dose, sondern eine Büchse aus Bein gedrechselt, in Gestalt eines kleinen Pulverhornes. – Wenn sie nun schnupfen wollen, so neigen sie den Kopf zurück, stecken die Spitze dieses Hornes in die Nase und schütteln eine Dosis Tabak hinein. – Und so gar nicht ekel sind diese liebenswürdigen Naturmenschen, daß sie dieß Tabak-Horn ihrem Nachbar reichen, dieser wieder dem seinigen und so fort – – von Nase zu Nase, – ohne es je zu reinigen oder abzuwischen.

Ueberhaupt glaube ich, daß, was Unreinlichkeit anbelangt, die Isländer den Grönländern, Eskimos oder Lappländern nicht viel nachstehen werden. – Wollte ich beschreiben, was ich in der Art alles sah, meine guten Leserinen würden mitten auf dem festenLande seekrank werden, oder doch wenigstens mich sehr arger Uebertreibungen beschuldigen. Ich sage daher nur: Man denke sich von Unreinlichkeiten, von ekelhaften Handlungen so viel die kräftigste Fantasie zu erfinden vermag, ich unterschreibe es unbedingt als bei den Isländern zu Hause.

Neben diesen gar nicht rühmlichen Eigenschaften besitzen sie auch eine große Trägheit. Etwas entfernt von den Küsten liegen unübersehbare Wiesenthäler, die aber alle so versumpft sind, daß man sie stets mit Furcht durchreiten muß. Die Ursache hiervon liegt weniger am Boden als an den Menschen. – Man dürfte nur Gräben ziehen, und die Wiesen auf diese Art trocken legen, um das herrlichste Gras zu erhalten; denn daß dieses in Island gedeiht, beweisen die vielen kleinen Anhöhen, die in solchen Thälern aus den Sümpfen ragen, und mit Gras, Futterkräutern und wildem Klee üppig bewachsen waren. – Eben so kam ich über große Stellen, die schöne Erde hatten, und über andere, auf denen Erde mit Sand gemischt lag.

Ich sprach öfter mit einem Herrn Boge, der bereits vierzig Jahre in Island ansässig ist und nicht geringe landwirthschaftliche Kenntnisse besitzt, ob esdenn nicht möglich wäre, durch Fleiß und Arbeit da bedeutende Feld- und Wiesenkultur zu erzielen? Herr Boge gab dieß zu, und meinte selbst, daß nebst schönen Wiesen auch wohl ergiebige Kartoffelfelder erzweckt werden könnten, wenn nur das Volk nicht so träge wäre und lieber Hunger litte, und allen Bedürfnissen der Reinlichkeit und Annehmlichkeit entsagte, ehe es zur Arbeit greift. Was ihm die Natur freiwillig bietet, ist ihm genug; – ihr etwas abzuringen, fällt ihm gar nicht ein. – Ich wünschte nur einige deutsche Bauern hierher versetzt zu sehen, wie manche Stelle würde bald ganz anders aussehen!

Der beste Boden Island's soll auf dem Norderlande sein. Da sieht man sogar einige Kartoffel-Aeker und auch Bäumchen, die ohne Hilfe und Pflege eine Höhe von 7-8 Fuß erreichen. Herr Boge, welcher bei dreißig Jahre dort etablirt war, hatte einige Vogelbeer- und Birken-Bäumchen gepflanzt, die bis zu 16 Fuß empor gewachsen waren.

Im Norderlande, so wie überhaupt etwas entfernter von der Küste, leben die Leute von der Viehzucht. Mancher Bauer besitzt da 2-400 Schafe, 10-15 Kühe und 10-12 Pferde; freilich gibt esso reiche nicht viele, aber jedenfalls sind sie besser daran, als die armen Küstenbewohner. – Die haben meist schlechten Grund und Boden und sind daher größtentheils auf den Fischfang angewiesen.

Noch muß ich, bevor ich Island verlasse, einer Sage erwähnen, die mir von vielen Seiten erzählt wurde, und die nicht nur von Bauern, sondern auch von Leuten der sogenannten »bessern Klasse« für Wahrheit gehalten wird.

Man behauptet nämlich, daß das innere unwirthbare Land ebenfalls bevölkert sei. Es sei von einer ganz eigenen Menschenklasse bewohnt, der allein die Pfade in diesen Wüsteneien bekannt wären. Diese Wilden hätten aber während des Jahres gar keinen Verkehr mit ihren Landsleuten, und kämen nur Anfangs Juli, höchstens auf einen Tag an einen der Hafenorte, um verschiedene Lebensbedürfnisse zu erhandeln, die sie alsogleich mit baarem Gelde auszahlen. Hierauf verschwinden sie plötzlich, ohne daß man weiß, wohin sie ihren Weg genommen haben. – Niemandkennt sie, nie bringen sie Frauen oder Kinder mit, und nie beantworten sie die Frage, woher sie kämen? – Auch ihre Sprache soll etwas schwerer zu verstehen sein, als jene der bekannten Einwohner Island's.

Ein Herr – den ich aus Achtung nicht nennen will – äußerte mehrmals den Wunsch, 20 oder 25 gut bewaffnete Soldaten zu haben, und mit ihnen diese wilden Menschen aufzusuchen.

Die Leute, welche jene Naturmenschen gesehen haben wollen, behaupten: daß sie größer und stärker seien als die andern Isländer, daß ihre Pferde, statt mit eisernen Hufen – mit Hufen aus Horn beschlagen wären, und daß man sehr viel Geld bei ihnen sähe, welches sie wohl nur durch Raub erlangen könnten. Als ich aber frug,wervon denrechtlichen BewohnernIslands,wannund inwelchenGegenden er von dieser wilden Menschenrace beraubt worden wäre, wußte mir Niemand eine andere Antwort zu geben als:das wisse man nicht. – Ich glaube aber kaum, daß in Island eine Person, viel weniger ein ganzer Stamm vom Raube leben könnte.

Ich hatte jetzt alles Merkwürdige in Island gesehen, alle meine Reisen in diesem Lande glücklich beendet, und erwartete nun mit unaussprechlicher Sehnsucht das Absegeln eines Fahrzeuges, das mich meiner theuern Heimat wieder etwas näher bringen sollte. Ach, ich mußte noch 4 ewig lange Wochen in Reikjavik bleiben, täglich meine Geduld auf die Probe stellen, und selbst dann, nach so langem Harren, mit der ersten besten Gelegenheit vorlieb nehmen.

Freilich segelten auch unter dieser Zeit einige Schiffe ab, und auch Herr Knudson, mit dem ich die Herüberfahrt von Kopenhagen gemacht hatte, lud mich ein, Theil an seiner Rückreise zu nehmen, – aber da ging Alles nach England oder Spanien, und diese Wege wollte ich nun einmal nicht einschlagen. – Ich wünschte eine Gelegenheit nach Scandinavien, um auf diese pittoresken Länder wenigstens einige Blicke werfen zu können.

Endlich fanden sich zwei Schaluppen, die gegenEnde Juli in die See zu stechen gedachten. Die Eine davon, die bessere, ging nach Altona, und die andere nach Kopenhagen. Ich wollte mit der Ersteren gehen, allein da hatte schon ein Kaufmann von Reikjavik den einzigen Platz – mehr gibt es auf so kleinen Fahrzeugen selten – gemiethet, und so mußte ich mich noch glücklich schicken, auf der zweiten einen Platz zu erhalten. Herr Bernhöft meinte freilich, das Schiff könnte zu erbärmlich sein, um eine so bedeutende Reise darauf zu machen, und er wollte es doch wenigstens vorher in Augenschein nehmen und mir einen Bericht darüber erstatten. Allein da ichfestentschlossen war, nach Dänemark zu gehen, so bat ich ihn, die Untersuchung zu unterlassen und mit dem Kapitain auf demLandefür meine Ueberfahrt zu unterhandeln. – Würde er, wie ich gleich voraus vermuthete, das Fahrzeug gar zu schlecht gefunden haben, so hätten seine Warnungen vielleicht meinen Vorsatz erschüttern können, und das wollte ich vermeiden.

Zuletzt erfuhren wir noch, daß auch eine Dänin, die hier im Dienste stand, sich auf diesem Fahrzeuge einzuschiffen wünsche. – Sie war so vom Heimweh' erfaßt worden, daß sie um jeden Preis ihr geliebtesVaterland wieder sehen wollte. Nun, dachte ich mir, ist bei diesem Mädchen dasHeimwehstark genug, sie gegen Gefahr gleichgiltig zu machen, so wird dieß bei mir dieSehnsuchtthun, und ich werde ihr nicht zurück stehen.

Unsere Schaluppe führte den beruhigenden Namen »Haabet« (die Hoffnung) und gehörte dem Kaufmanne Fromm in Kopenhagen.

Die Abfahrt war für den 26. Juli bestimmt. – Von diesem Tage an durfte ich mich kaum vom Hause entfernen, und mußte jeden Augenblick die Botschaft erwarten gleich an Bord zu kommen. – Leider verhinderten heftige Stürme unser Auslaufen, und ich wurde erst am 29. Juli an Bord geholt. – Nun hieß es Abschied nehmen.

Von dem Lande that ich es leicht. – Hatte ich gleich wirklich viel Wunderbares, Neues und Interessantes gesehen, – ich sehnte mich doch wieder nach den heimatlichen Fluren, in denen man zwar nicht so großartige, ergreifende, aber desto heitrere, lieblichere Bilder findet. – Schwerer ward mir die Trennung von Herrn Knudson, und von der Familie Bernhöft. Alles Gute, das mir in diesem Lande erwiesen wurde,jede Anleitung und Erleichterung meiner Reisen habe ich nur ihnen zu verdanken. – Nie wird aber auch mein Dank, mein Andenken an diese guten Menschen in meiner Brust ersterben.

Um Mittag also befand ich mich bereits auf der Schaluppe, und konnte mit Muße all' die schönen Flaggen und Fähnlein betrachten, mit welchen die französische Fregatte, die hier vor Anker lag, geschmückt war, um das Andenken der Juli-Revolution zu feiern.

Ich suchte meine Aufmerksamkeit so viel als möglich von meinem Schiffe abzulenken, denn nach Allem, was ich bereits unwillkührlich davon gesehen hatte, ließ es sehr viel zu wünschen übrig. – Auch die Kajüte nahm ich mir vor, nicht eher zu betreten, als bis wir in offner See wären, und die Lootsen unsere Schaluppe verlassen hätten, damit mir dann jede Möglichkeit einer Rückkehr abgeschnitten sei.

Unsere Mannschaft bestand aus dem Kapitain, dem Steuermann, zwei Matrosen und einem Schiffsjungen, der den Titel eines Koches hatte; wir fügten ihm auch noch den eines Kammerdieners bei, da er zu unserer Bedienung bestimmt war.

Als uns die Lootsen »Lebewohl« gesagt hatten, suchte ich den Eingang der Kajüte, des einzigen, und daher gemeinschaftlichen Gemaches. – Er bestand aus einem ungefähr 2 Fuß breiten Loche, das sich gähnend zu meinen Füßen öffnete, und in welches eine Leiter von fünf Sprossen senkrecht hinab führte. – Ich stand lange sinnend davor, und überlegte, auf welche Art am Besten da hinab zu kommen sei. – Endlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich beschloß unsern Hausherrn, den Schiffskapitain, darum zu fragen. – Er zeigte es mir gleich, indem er sich an den Eingang niedersetzte und die Füße hinab ließ. – Man denke sich nun eine solche Expedition mit unsern langen Kleidern, und noch dazu bei schlechtem Wetter, wenn das Schiff von Stürmen tüchtig herum geworfen wird! – Aber der Gedanke, daß es viele Menschen noch viel schlechter treffen, und dennoch fortkommen, war bei dergleichen Unannehmlichkeiten immer der Ankerstab des Trostes, an dem ich mich festhielt. Ich stellte mir gleich vor, daß ich ja aus demselben Teige gemacht sei, wie meine Nebenmenschen, nur verzärtelter, verwöhnter, und daß ich dasselbe ertragen könne, wie sie. In Folge dieser Vorstellungensetzte ich mich augenblicklich nieder, versuchte die neue Rutschbahn und langte glücklich in der Tiefe an.

Vor allem andern mußte ich meine Augen an das hier herrschende Halbdunkel gewöhnen, denn die Lucken (Schiffsfensterchen) ließen die Tageshelle nur gar zu spärlich ein. – Leider sah ich aber bald nur zu viel. – Diese trostlose Erbärmlichkeit, dieser Schmutz, diese Unordnung, die ich da fand! – – Doch ich will Alles nach der Ordnung, und zwar noch dazu recht ausführlich beschreiben, denn ich schmeichle mir, daß manche meiner lieben Landsmänninen im Buche diese Reise mit mir machen wird, und da Viele unter ihnen wahrscheinlich noch nie Gelegenheit gehabt hatten, ein Seefahrzeug zu sehen, so dürfte eine solche ausführlichere Beschreibung hier nicht überflüßig sein. – Daß ich der Wahrheit getreu bleiben werde, mögen ihnen alle Jene bezeugen, die mit dem Seewesen vertraut sind. – Kehren wir also wieder zu meiner geliebten Schaluppe zurück. – An Alter wetteiferte sie mit mir, – wir Beide stammten aus dem vorigen Jahrhundert. Unglücklicherweise wurde damals bei Schiffsbauten wenig Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Menschen genommen, und aller Raum nur für dieFracht bemessen; – eine Sache, über die man sich eben nicht wundern darf, da des Schiffers eigentliches Leben nur auf dem Deck ist, und das Schiff für Reisende nicht gebaut wurde. – Die ganze Länge der Kajüte maß von einer Koje zur andern 10 Fuß, die Breite 6 Fuß. Letztere ward noch überdieß auf der einen Seite durch einen Kasten, auf der andern durch ein Tischchen und zwei Bänkchen dermaßen eingeengt, daß gerade nur so viel Raum blieb, durchgehen zu können.

Beim Diner oder Souper saßen wir Damen – die Dänin und ich – auf dem Bänkchen, wo wir so eingepreßt waren, daß wir uns kaum rühren konnten; – die beiden Cavaliere – der Kapitain und der Steuermann – mußten aber vor dem Tischchen stehen, und in dieser Stellung ihr Mahl einnehmen. – Das Tischchen war so klein, daß sie ihre Teller in den Händen halten mußten. Kurz man sah aus Allem, daß die Größe der Kajüte blos auf den Schiffsstand, nicht aber auf Passagiere berechnet war.

Die Luft in diesem Gemache war auch nicht die allerbeste, denn außerdem, daß es unsern Speise-, Schlaf- und Empfangssalon bildete, ward es noch als Vorrathskammer verwendet, und in den Seitenschränkenlagen Lebensmittel aller Art, Oelfarben, und eine Menge anderer Sachen. – Ich zog es vor, auf dem Verdecke zu sitzen, und lieber Sturm und Kälte zu ertragen, oder mich von einer Woge überschütten zu lassen, als da unten halb zu ersticken. Manchmal mußte ich aber doch hinab, theils wenn es gar zu sehr regnete und stürmte, theils wenn das Schiff von Gegenwinden erfaßt, und von den hohen Wellen derart herumgeworfen oder geschlungen[5]wurde, daß man auf dem Verdecke nicht sicher war. – Das Rollen und Werfen des Schiffes war oft so arg, daß wir – die Dänin und ich – nicht einmal sitzen, viel weniger stehen konnten, und manchen langen Tag in der erbärmlichen Koje liegen bleiben mußten. – Ich beneidete da meine Gefährtin, die konnte Tag und Nacht in einem fort schlafen. – Mir ging es nicht so gut, – ich wachte immer, und empfand dabei viel Langeweile und Unbehagen, denn die Lucken, der Eingang, Alles war bei Regenwetter verschlossen, und in demGemache herrschte nebst einer athembehemmenden Luft auch noch eine wahrhaft egyptische Finsterniß.

Was die Kost betraf, so speiste Alles, Passagiere, Kapitain, Steuermann und Matrosen aus einem und demselben Topfe. – Den Anfang machte des Morgens ein erbärmlicher Thee, oder besser gesagt, ein übelschmeckendes Wasser, das eine Theefarbe hatte. Die Matrosen tranken es ohne Zucker, der Kapitain aber und der Steuermann nahmen dazu ein kleines Stückchen Kandiszucker – dieser Zucker zerfließt weniger schnell als der raffinirte – in den Mund, schlürften eine Tasse Thee nach der andern, und aßen dazwischen Schiffszwieback mit Butter.

Die Mittagskost wechselte von einem Tage zum andern. Den ersten Tag bekamen wir gesalzenes Fleisch, das schon immer den Abend vorher in Seewasser geweicht, und am folgenden Tag in Seewasser gekocht wurde. Es war so übersalzen, hart und zähe, daß wohl nur ein Matrosen-Gaumen daran Behagen finden konnte; als Suppe, Gemüse und Mehlspeis kam dazu Gerstengrütze, die ganz einfach, ohne Salz und Butter in Wasser gekocht, und Mittags bei Tische mit Syrup und Essig gemischt wurde. – Alle fanden dieses Gerichtsehr leckerhaft, und konnten sich, als ich es für ungenießbar erklärte, nicht genug über meinen verdorbenen Geschmack wundern.

Der zweite Tag brachte uns ein in Seewasser gekochtes Stück Speck, und dazu abermals die Gerstengrütze. – Der dritte Stockfische mit Erbsen. Letztere waren zwar etwas hart gekocht und ohne Butter, doch fand ich sie unter allen Gerichten noch am genießbarsten. – Am vierten Tage bekamen wir wieder die Speisen des ersten, und so ging es regelmäßig fort; – den Schluß jedes Diner's machte schwarzer Kaffee. – Der Abend bot die Morgenkost, Theewasser, Schiffszwieback und Butter.

Ich hätte mich gerne in Reikjavik mit einigen Hühnern, Eiern und Kartoffeln versehen, allein ich konnte keinen dieser Artikel bekommen. Hühner werden nur wenig gehalten, höchstens von den Beamten oder Kaufleuten; – Eier bekömmt man zwar ziemlich häufig von Eidergänsen und andern Vögeln, aber es werden nur so viele gesammelt, als man zum täglichen Gebrauche benöthiget, und das nur im Frühjahre zur Brütezeit dieser Thiere; – für die Kartoffeln war es noch zu früh an der Zeit. – Man denke sich nun dasüppige Leben, daß ich auf diesem Schiffe führte. – Hätte ich das Glück gehabt auf ein besseres Fahrzeug zu kommen, wo man doch bequemer wohnt, und schmackhaftere Speisen erhält, würde mir die Seekrankheit dießmal gewiß nichts angehabt haben; – so aber in Folge der dunstigen Kajüten-Luft und der schlechten Nahrung litt ich doch den ersten Tag daran. Aber schon am zweiten Tage ward ich gesund, der Hunger stellte sich wieder ein, und ich speiste ein Stück Salzfleisch, Speck und Erbsen u. s. w. so gut wie ein Matrose; nur den Stockfisch, die Grütze, den Kaffee und Thee ließ ich unberührt.

Ein echter Schiffsmann trinkt nie Wasser. Ich machte diese Bemerkung auch an unserm Kapitain und Steuermann; in Ermangelung des Weines oder Bieres tranken sie stets Thee, und zwar außer den Mahlzeiten meistens kalten Thee.

Sonntag Abends war großes Souper, da ließ der Kapitain für uns vier Personen acht Stück Eier kochen, die er noch von Dänemark mit sich führte. Die Mannschaft bekam in den Thee einige Gläschen Punsch-Essenz.

Da ich nun meine lieben Leserinen mit demkostbaren Speisenwechsel auf solch einem Schiffe bekannt gemacht habe, muß ich auch noch sagen, wie die Tischwäsche und das Reinigen derselben beschaffen war. – Erstere bestand blos aus einem Stücke altem Segeltuche, das über den Tisch gebreitet wurde, und so beschmutzt und unrein aussah, daß ich mir dachte, es wäre gewiß besser und appetitlicher den Tisch gar nicht zu decken –appetitlicher? Ja! aberbesser?? Nein! – Doch so geht es den naseweisen Leuten, die immer klüger sein wollen, als Andere; – bald sollt' ich erfahren, wie wichtig dieses Tuch sei. – Ich sah nämlich eines Tages unsern Kammerdiener ein Stück Segeltuch gar mörderisch bearbeiten; er hatte es auf dem Boden ausgebreitet, stand mit den Füßen darauf, und fegte es von allen Seiten mit dem Schiffsbesen rein. – Nur bald erkannte ich an den manigfaltigen Fett- und Schmutzflecken unser Tischtuch, – und richtig fand ich Abends den Tisch ungedeckt. Nun sah ich aber auch die Folgen davon. Kaum hatte der Junge die Theekanne auf den Tisch gestellt, als sie schon in demselben Augenblick zu gleiten anfing. Glücklicherweise erfaßte sie der gewandte Kapitain noch am Henkel, sonst wäre sie zu Boden gestürzt, und hätte unsereFüße mit ihrem Inhalte überschüttet. – Und so ging es mit Allem; man konnte nichts auf dem glatten Tische stehen lassen und ich bedauerte den Kapitain recht sehr daß er kein zweites hatte.

Alles bisher Gerügte wäre, wie jeder meiner Leser einsehen wird, gewiß schon hinreichend gewesen, den Aufenthalt auf diesem Schiffe sehr unangenehm zu machen; nun kam aber noch ein Umstand dazu, durch welchen er sogar beunruhigend ward. Ich entdeckte nämlich nach mehreren Tagen, daß unser Schifflein fortwährend eine tüchtige Portion Wasser einließ, die alle 6-8 Stunden ausgepumpt werden mußte. Der Kapitain suchte mich zu beruhigen, indem er behauptete, daß jedes Schiff Wasser einließe, und das unsere nur etwas mehr, weil es schon alt sei. Ich mußte mich damit zufrieden geben; denn es zu ändern wäre ich doch nicht im Stande gewesen. – Glücklicher Weise bekamen wir keinen bedeutenden Sturm, und liefen daher weniger Gefahr.

Unsere Reise dauerte 20 Tage; 12 Tage sahen wir kein Land; der Wind trieb uns zu viel östlich und so bekamen wir weder die Farroäer noch die Schettlands-Inseln zu Gesichte. – Daraus würde ich mirnun eben nicht viel gemacht haben, hätte ich dafür einige Seeungeheuer, schäckernde Wallfische, bescheidene Haie oder so etwas dergleichen gesehen. – So aber sah ich von allen diesen Merkwürdigkeiten nur sehr wenig. Von einem Wallfische nahm ich nur die Strahlen des Wassers wahr, die er aus seinen Nasenöffnungen in die Höhe warf, und die vollkommen den Strahlen eines Springbrunnens glichen. Das Thier selbst war leider von unserm Schiffe zu weit entfernt, als daß man das Geringste von seinem Körper hätte sehen können. – Da war ein Hai schon etwas galanter; der schwamm doch wenigstens einige Minuten hindurch so nahe an unserm Fahrzeuge, daß man ihn vollkommen gut betrachten konnte; er mochte gewiß 16 bis 18 Fuß lang sein.

Eine schöne Vorstellung gaben uns während zwei Abenden die sogenannten Springer oder fliegenden Fische. Die See war so ruhig, als sie es nur sein konnte, die Abende mild und vom Mondlichte glänzend erleuchtet, und so blieben wir lange auf dem Decke und sahen dem heitern Spiele dieser Thiere zu. – So weit wir sehen konnten, war die Wasserfläche von ihnen bedeckt. Die jüngeren Fische erkannte mangleich an ihren höheren Sprüngen; sie mochten 3-4 Fuß lang sein und erhoben sich 5-6 Fuß über die Meeresfläche. Das Springen selbst sah aus wie ein Versuch des Fliegens, wobei ihnen jedoch ihre Flossen schlechte Dienste erwiesen, und sie augenblicklich wieder zurückfallen ließen. – Die Alten schienen nicht mehr die Schwungkraft zu besitzen, sie beschrieben nur ähnliche Bogen wie die Delphine, und erhoben sich nur so viel über das Wasser, daß man den Mitteltheil ihres Körpers sehen konnte.

Diese Springer werden nicht gefangen, sie haben wenig Thran und schmecken sehr schlecht.

Am dreizehnten Tage erblickten wir endlich wieder Land. Wir waren in dasSkaggerakkgekommen, und sahen die HalbinselJüttlandnebst dem StädtchenSkaggen. Die Halbinsel sieht von dieser Seite sehr öde aus; sie ist flach und mit viel Sand bedeckt.

Am sechzehnten Tage liefen wir in dasKattegatein. – Wir hatten in letzterer Zeit fast immer entweder Windstille oder Gegenwinde, und trieben uns in Skaggerakk, Kattegat und Sund beinah 8 Tage herum. Manchen Tag kamen wir kaum 15 bis 20Seemeilen vorwärts. – An solch windstillen Tagen vertrieb ich mir manche Stunde mit dem Fischfange, allein die guten Fische, obwohl man sie dumm schilt, waren doch so verzweifelt klug, an der Lockspeise meiner Angel nicht anzubeißen. Ich hoffte täglich auf eine Mahlzeit von Makarelen und fing im Ganzen – eine einzige.

Größere Unterhaltung gewährte mir der Anblick der vielen Schiffe, die von allen Seiten in das Kattegat segelten; ich zählte ihrer über 70. Je näher wir der Einfahrt des Sundes kamen, desto imposanter wurde dieses Schauspiel, desto näher drängten sich die Schiffe an einander. – Glücklicherweise begünstigte uns eine prachtvolle Mondnacht; – in einer finstern Gewitternacht wäre wohl mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit ein Zusammenstoßen nicht zu vermeiden gewesen.

Von der außerordentlichen Klarheit und dem Schimmer einer nordischen Mondnacht haben wir südlich Gelegenen keinen Begriff; es ist gerade als ob ein Theil des Sonnenlichtes sich mit dem nächtlichen Gestirne vereinte. Ich habe herrliche Nächte an den asiatischen Küsten, auf dem mittelländischen Meereerlebt, – ich fand sie aber hier an den Gestaden Skandinaviens heller und schimmernder.

Die ganze Nacht blieb ich auf dem Verdecke. Eine solche Masse von Schiffen zu sehen, die sich hier zusammen drängten, und gleichzeitig die Einfahrt in den Sund erstürmen wollten, war für mich ein seltenes Schauspiel. Ich konnte mir nun einen deutlichen Begriff von einer Flotte machen, denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese Masse von Schiffen mit einer Kauffarthei-Flotte vergleiche.

Am zwanzigsten Tage unserer Reise um drei Uhr Morgens liefen wir in den Hafen vonHelsingörein. Man muß hier den Sund-Zoll entrichten, oder wie der Schiffer es nennt: »das Schiff klar machen.« – Es ist dieß eine sehr lästige Unterbrechung, und das Anhalten und wieder Weiterfahren des Schiffes macht sehr viele Umstände. Da müssen die Segel eingeräfft, die Anker ausgeworfen, die Jolle ausgesetzt und der Kapitain an das Ufer gerudert werden. Meist vergehen viele Stunden bis er abgefertigt ist. – Kehrt er endlich an das Schiff zurück, muß die Jolle wieder aufgewunden, müssen die Anker wieder gelichtet, die Segel entfaltet werden. – Oft hat unterdessen derWind umgeschlagen, und man verdankt es nur diesen Plackereien, daß man den Hafen von Kopenhagen viel später erreicht, als man gehofft hat.

Ist man erst so unglücklich, in einer finstern Nacht in die Nähe vonHelsingörzu kommen, so darf man, um mit andern Schiffen nicht zusammen zu stoßen, gar nicht einlaufen; man muß im Kattegat vor Anker gehen, und somit zwei Unterbrechungen erleiden. – Kömmt man in der Nacht vor vier Uhr nach Helsingör, so muß man warten, da erst um diese Zeit das Zollamt eröffnet wird.

Freilich steht es dem Schiffer frei, hiernichtanzuhalten und gleich nach Kopenhagen zu fahren, allein diese Freiheit kostet ihm 5 Thaler. – Kann nun aber der Zoll auf diese Art auch in Kopenhagen entrichtet werden, so ist dann die Forderung des Anhaltens bei Helsingör eigentlich nichts als eine Finte, um dem Schiffer eine höhere Taxe zu entlocken, denn hat dieser große Eile, oder einen gar zu herrlichen Wind, so läßt er in Gottesnamen diese 5 Thaler fahren und segelt unaufgehalten bis Kopenhagen.

Unser guter Kapitain berücksichtigte weder Zeit noch Arbeit, er machte das Schiff hier klar, und sobegrüßten wir erst um 2 Uhr Nachmittag die liebe Stadt Kopenhagen, die mir beinahe heimatlich vorkam, und so schön und herrlich, als ob ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches gesehen hätte. Man muß aber auch bedenken, woher ich kam, und wie lange ich an ein Fahrzeug gebannt war, auf dem ich mich kaum bewegen konnte. – Als ich die Erde wieder betrat, ging es mir beinahe wie Columbus, ich wäre bald niedergesunken und hätte sie geküßt.

Am 19. August – den folgenden Tag nach meiner Ankunft von Island – um zwei Uhr Nachmittag saß ich schon wieder zu Schiffe, und zwar auf dem schönen königlichen norwegischen Dampfer »Christiania« von 170 Pferdekraft, um nach der 304 Seemeilen entfernten StadtChristianiazu segeln. – Bald hatten wir den Sund durchschnitten und gelangten glücklich in das Kattegat, in welchemwir uns jetzt mehr rechts hielten, als auf der Reise nach Island, denn dießmal war es uns nicht genug Schweden und Norwegen nur von der Ferne zu sehen; wir wollten auch daselbst Anker werfen, und zwar an der schwedischen Küste schon den folgenden Morgen.

Wir sahen vollkommen gut die schöne Gebirgskette, welche rechts das Kattegat begrenzt, und deren äußerste Spitze, dieKulm, sich derart in das Meer verläuft, daß sie eine lange Erdzunge bildet. – Sowohl hier, als an allen andern gefährlichen Stellen, deren es eine Menge gibt, sowohl an der dänischen als schwedischen Küste, stehen Leuchtthürme, deren Lichter uns Abends von allen Seiten entgegen schimmerten. Diese Lichter sind theils beweglich, theils unbeweglich, um dem Schiffer in finsterer Nacht die verschiedenen Stellen anzuzeigen, die er zu vermeiden hat.

Schlechtes Wetter gehört für den Reisenden gewiß zu den größten Plagen, und ist um so unangenehmer, wenn man durch Gegenden kömmt, die sich durch ihreSchönheit oder Originalität auszeichnen. – Beides vereinte sich heute; es regnete fast unaufhörlich, und dabei war die Fahrt an der schwedischen Küste und in den kleinenFiordnach dem HafenGothenburgsvon ganz eigenem Interesse. Das Meer glich hier mehr einem ausgebreiteten Strome, der von schönen Klippenpartieen begränzt, und von einzelnen kleineren und größeren Felsen und Klippenriffen durchwirkt war, an welchem sich die Brandung wunderbar schön machte. – Ganz nahe vor dem Hafen liegen theils an, theils zwischen den Felsbergen einige Gebäude; – es ist dieß das berühmte königl. schwedische Eisenbergwerk,das neue Werkgenannt. Sogar amerikanische Schiffe kamen in größerer Anzahl, um hier dieses Metall zu holen.

Das Dampfboot bleibt in dem Hafen vonGothenburgüber vier Stunden liegen, und man hat daher Zeit in die Stadt zu gehen, die eine kleine halbe Meile entfernt ist, und deren Vorstädte sich bis an den Hafen ziehen. Gleich beim Landungsplatze wohnt ein Kapitain, der stets zwei Pferde und einen Wagen in Bereitschaft hat, um die Reisenden in die Stadt zu führen. Es gibt auch Einspänner da,und selbst einen Omnibus. Erstere waren bereits bestellt, und letzterer soll so langsam fahren, daß beinah die ganze Zeit damit zugebracht wird. Ich miethete mit zweien meiner Reisegefährten die Equipage des Herrn Kapitain zur Hin- und Rückfahrt. Der Regen strömte zwar noch in dichten Massen auf unsere Häupter; doch beirrte uns dieß nur wenig. Meine beiden Gefährten hatten Geschäfte zu besorgen, und mich lockte die Neugierde. Ich wußte damals noch nicht, daß mich mein Weg nochmals hierher führen werde, und fortzufahren ohne eine so niedliche Stadt zu besehen, das ertrage wer will, – ich nicht.

Die Vorstädte sind durchaus von Holz gebaut, und besitzen viele schöne stockhohe Häuser, an die sich meist kleine Gärtchen schließen. Die Lage der Vorstädte ist ganz sonderbar und eigen. Mitten zwischen den Häusern liegen oft Felsenhügel, oder kleine Wiesen und Felder, ja die Felsen ziehen sich hie und da bis an die Straße und mußten theilweise gesprengt werden um den Durchgang zu gewinnen. Herrlich macht sich die Aussicht auf einer der Höhen, über welche der Weg nach der Stadt führt. Man sieht zwischen zwei gigantischen Felsen, welche einen schönen Ausschnittbilden und in der See stehen – hindurch auf die ausgebreitete Nordsee.

Die Stadt hat zwei schöne Plätze. Auf dem kleinern steht die ansehnliche Hauptkirche, auf dem größeren das Rathhaus, die Post und viele sehr hübsche Häuser, an welchen es auch in den Gassen nicht fehlt. In der Stadt ist Alles von Ziegeln erbaut. Der FlußHamdurchschneidet den großen Platz und erhöht seine Lebhaftigkeit durch die vielen Schiffe und Barken, die von der nahen See herein kommen, und Lebensmittel, vorzüglich aber Brennholz zu Markte bringen. Mehrere Brücken führen über ihn. – Interessant zu besuchen ist auch der Fischmarkt; es sind da sehr viele, und darunter sehr große Fische aufgestappelt.

Ich betrat hier zum ersten Male auf schwedischem Grund und Boden ein Zimmer. Was mir alsogleich in die Augen fiel, war, daß ich den Fußboden mit den feinen zarten Spitzen der Tannenzweige ganz bestreut fand; diese Nadeln verbreiteten einen höchst angenehmen Geruch, der gewiß auch gesünder ist, als jeder durch Kunst hervorgebrachte. – Ich fand diesen Gebrauch in ganz Schweden und Norwegen, aber leidernur in den Gasthöfen oder in den Wohnungen ärmerer Leute.

Gegen 11 Uhr Morgens setzten wir unsere Reise fort. Wir schifften glücklich durch die vielen Felsen und Klippen, und gelangten bald wieder in die offene Nordsee. An der Küste, welcher wir immer ziemlich nahe blieben, sahen wir auf einigen Felsen Telegraphen errichtet. Das Land links, Dänemark, verloren wir bald aus dem Gesichte. – Abends kamen wir zu der FestungFriedrichsver, von der wir aber, der bereits eingetretenen Dämmerung halber, nicht viel sehen konnten. Hier beginnen die sogenanntenScheren, die sich über 60 Seemeilen weit erstrecken, und denChristianssundbilden. So viel uns die zunehmende Dunkelheit erkennen ließ, war der Anblick dieses Sundes wunderschön. Zahllose Inselchen, viele darunter aus einzelnen Felsmassen bestehend, andere wieder herrlich bewachsen mit schönen schlanken Tannen, traten uns von allen Seiten entgegen. Doch der Lootse den wir eingenommen hatten, verstand sein Amt meisterhaft, und trotz der finstersten Nacht führte er uns sicher mitten hindurch nachSandessund. – Hier warfen wir Anker, denn noch weiter zu fahren,wäre doch zu gefährlich gewesen. Auch mußten wir hier mit dem vonBergenkommenden Dampfboote zusammentreffen, seine Passagiere übernehmen, und ihm dafür einen Theil der unsrigen übergeben. Dieses Dampfboot ging nämlich wieder nachBergenzurück, und nahm daher unsere dahin reisenden Passagiere mit sich. – Leider ging die See sehr hoch, und da war dieses Uebersiedeln höchst schwer zu veranstalten. – Keiner der beiden Dampfer wollte ein Boot aussetzen; endlich nach Mitternacht that es der unsrige, und nicht ohne Angst und Jammern wurden die Reisenden hinabgelassen. – Mich erbarmten sie Alle recht von Herzen; doch – Gott sei gedankt – es ging Alles ohne Unfall von statten.

Heute bei Tage konnte ich erst die Lage vonSandessundbesser betrachten. – Es besteht nur aus einigen Häusern. Die Wasserstraße ist hier von schroffen Felswänden derart eingeengt, daß sie kaum die Breite eines Stromes erreicht; doch bald erweitertsie sich wieder, und gewinnt nun mit jedem Ruderschlage an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Man meint fast auf einem herrlichen See zu fahren, denn die Inseln ziehen sich so nahe an das im Hintergrunde liegende Gebirge, daß man sie für festes Land, und die durch sie gebildeten Buchten für Mündungen von Strömen halten kann. Dann scheint es wieder, als sähe man eine ganze Kette von Seen; da reiht sich einer an den andern, und manchmal glaubt man gar, schon das Ende der Fahrt erreicht zu haben, als sich plötzlich wieder durch die dicht an einander gelegenen Inseln ein Ausweg eröffnet. Die Inseln selbst sind von der mannigfaltigsten Verschiedenheit; – bald bestehen sie aus kahlen Felsen, und sind nur hie und da mit einzeln stehenden Tannen bewachsen, bald wieder reich mit Wiesen und Wäldern bedeckt. – Und zu allem diesem nun der Anblick der Ufer! Ach da gibt es so viel des Schönen, daß ich wirklich nicht wußte, wohin die Blicke zu wenden, um ja auch Alles zu sehen. – Dort liegen hohe Berge, die von unten bis hinauf mit finstern Tannenwaldungen bewachsen sind, da wieder liebliche Hügel mit saftigen Wiesen, mit reichen Feldern, mit niedlichen Bauerhäusern und Höfen, oderes öffnen sich die Berge und bilden die schönste Perspective in Schluchten und Thäler. – Oft kann man den Lauf einer Bucht verfolgen, bis sie in unendlicher Ferne mit den Wolken verschwimmt. – Oft sieht man wieder die herrlichsten Thäler geschmückt mit Ortschaften und kleinen Städten. – Ach! wäre ich nur auch im Stande, diese reiche, schöne Natur mit der Begeisterung zu schildern, die ich fühlte, als ich sie erschaute. – Leider sind meine Worte, wie meine Kenntnisse, viel zu schwach dazu, und ich kann meine Gedanken und Empfindungen nur andeuten, aber nicht beschreiben.

Bei dem OertchenWalloefängt die Gegend an minder schön zu werden; die Berge verwandeln sich in Hügel, und das Wasserbecken entbehrt der Inselgruppen. Das Oertchen selbst ist größtentheils hinter kleinen Hügeln verborgen. Doch daran stoßen eine Reihe hölzerner Hütten und Häuschen, die alle zu einer Salzsiederei gehören. Das Salz wird hier aus Meerwasser gewonnen.

Um zu dem StädtchenMoßzu gelangen, macht man einen kleinen Abstecher in eine der vielen Buchten, die sich von allen Seiten öffnen. Die Lage diesesStädtchens ist wunderschön; es liegt amphitheatralisch an einem Hügel, der sich an einen Berg lehnt. Am Meeresgestade steht ein artiges Haus, dessen Porticus auf Säulen ruht, es ist eine Badeanstalt.

Nahe dem OertchenHorten, das ebenfalls recht malerisch gelegen ist, sieht man ein Schiffswerft, auf welchem Kriegsschiffe für Rechnung des Staates gebaut werden. – Viele müssen es aber denn doch nicht sein, denn ich sah nur ein einziges vor Anker liegen, und kein zweites im Beginne.

Auf der Fahrt nach dem StädtchenDröbakkömmt man öfter an Ausschnitte von Inseln, durch die der Blick auf das hohe Meer streifen kann.

Ungefähr acht Seemeilen hinterHortengewährt ein Berg ein wunderschönes Bild. Er liegt mitten in der See, drängt sie an die nahen Gebirgsketten und theilt sie derart in zwei Ströme, die sich erst hinter ihm wieder vereinigen.

Christianiaerblickt man erst, wenn man kaum mehr zehn Seemeilen entfernt ist. Die Stadt und die Vorstädte, das Festungsgebäude, das neu erbaute königl. Schloß, die Freimaurerloge u. s. w. liegen an dem Hafen in einem schönen Halbkreise, dervon Feldern und Wiesen, Waldungen und Gebirgen herrlich umfangen ist. Selbst die See kann sich von diesem zauberischen Anblicke nicht losreißen, und windet sich durch Hügel und Felder in schmalen Streifen bis weit hinter die Stadt.

Gegen eilf Uhr Morgens ungefähr erreichten wir Christianiens Hafen. Die Strecke von Sandesund hatten wir in sieben Stunden zurückgelegt, und während dieser Zeit viermal angehalten. Die Boote mit den Reisenden, mit den Waaren und Briefen waren immer schon bereit, fuhren eilig heran; Alles wurde umgetauscht und – weiter gefahren.

In dieser Stadt kaum angekommen, war mein Erstes, eine Landsmännin aufzusuchen, die hier an einen Advocaten verheirathet ist. – Man sieht, daß die Wienerinen, denen man immer vorwirft »sie könnten ohne ihren lieben Stephansthurm gar nicht leben,«diese Sage doch manchmal zu Schanden machen. Nicht bald sah ich ein Pärchen, das glücklicher und zufriedener lebt als dieses, und doch ist Christiania über 200 Meilen vom Stephansthurm entfernt.

Schon während des Ganges vom Hafen in den Gasthof, und von da zu meiner Freundin kam ich durch die ganze Stadt. Ich fand sie nicht sehr groß und nicht sehr hübsch. Am besten macht sich noch der neuerbaute Theil; der hat doch wenigstens breite, ziemlich lange Straßen, in welchen die Häuser von Ziegeln und Steinen und mitunter recht ansehnlich sind. In den Nebengassen findet man häufig hölzerne Baracken die den Einsturz drohen. – Der Platz ist groß, aber unregelmäßig, und, da auf ihm der Markt von allen möglichen Artikeln abgehalten wird, auch sehr schmutzig.

Die Vorstädte sind meist von Holz erbaut. – Oeffentliche Gebäude gibt es mehrere ziemlich hübsche. Am schönsten machen sich das neue königl. Schloß und die Festung. Beide sind auf kleinen Anhöhen herrlich gelegen, und besitzen eine wahrhaft feenartige Aussicht. – Das alte königl. Schloß liegt in der Stadt, zeichnet sich aber durch nichts aus; es gleicht vollkommen einem Privathause. – Das Haus, in welchem der Storrthingabgehalten wird, ist groß, sein Portale ruht auf Säulen; doch die Treppen sind, wie in allen Steinhäusern in ganz Skandinavien, von Holz. – Das Theater fand ich von Außen für den Bedarf der Stadt groß genug, – von Innen sah ich es nicht. – Eines der schönern Gebäude ist die Freimaurerloge; sie enthält zwei ausgezeichnet große und schöne Säle, in welchen, nebst den Sitzungen der Freimaurer, auch jene von Gelehrtengesellschaften oder Festlichkeiten anderer Art abgehalten werden. – Das Universitätsgebäude scheint mir in gar zu großem Style angelegt zu sein; es ist noch nicht ganz beendet, wird aber so schön erbaut, daß es den größten Residenzen zur Zierde dienen könnte. Recht artig ist auch das Locale, in welchem sich die Fleischerbuden befinden. – Es bildet einen Halbkreis, und ist mit Bogengängen umgeben, in welchen die Käufer bei jeder Witterung im Trocknen stehen. Das ganze Gebäude ist von Ziegeln gebaut, die in ihrem natürlichen Zustande gelassen, weder mit Mörtel angeworfen, noch mit Kalk übertüncht sind. – Von sonstigen Pallästen oder Prachtgebäuden ist nicht viel zu sehen; die meisten Häuser sind einstockig.

Eine große Erleichterung für Fremde, die manin allen Städten Skandinaviens findet, ist das häufige Anschreiben der Namen der Straßen. Es mögen noch so viele Straßen in eine oder die andere münden, an jeder Ecke sind ihre Namen angeschrieben. – Man mag daher kommen, von welcher Seite man will, so weiß man gleich den Namen der Straße, in der man sich befindet, und braucht nicht erst darum zu fragen.

Die Stadt hat offene Kanäle und, wie alle übrigen, bei angekündigtem Mondschein keine Beleuchtung.

Um den Hafen ziehen sich hölzerne Quais, neben welchen mehrere große Magazingebäude stehen, die ebenfalls aus Holz erbaut, aber, wie überhaupt auch die meisten Häuser, mit Ziegeln gedeckt sind.

Die Einrichtungen und Auslagen der Gewölber sind einfach, die Waaren sehr schön, jedoch nicht von eigener Erzeugung. Es bestehen noch sehr wenig Fabriken, und Alles muß aus fremden Staaten bezogen werden.

Was mir sehr mißfiel, waren die schrecklich zerlumpt gekleideten Leute, die man überall auf den Straßen traf. Besonders sahen die jungen Burschen sehr liederlich aus. Sie bettelten zwar höchst selten;doch möchte ich ihnen bei Leibe nicht in einem einsamen Gäßchen begegnet sein.

Ich war so glücklich, gerade zur Zeit nach Christiania zu kommen, als die Sitzungen desStorthingsgehalten wurden. – Es geschieht dieß alle drei Jahre. Die Sitzungen fangen im Jänner oder Februar an, und dauern gewöhnlich drei Monate. Dießmal hatten sich jedoch die Geschäfte derart angehäuft, daß der König vorschlug, den Storthing zu verlängern. Diesem glücklichen Zufalle hatte ich es zu verdanken, noch mehreren Sitzungen beiwohnen zu können. – Der König selbst wurde, um die Verhandlungen zu schließen, erst im Monat September erwartet.

Der Sitzungssaal ist länglich und ziemlich groß. An der einen der längern Wände stehen vier Reihen tapezierter Bänke, von denen eine Reihe die andere überragt. – Ueber achtzig Storthings-Männer haben da Raum zu sitzen. Den Bänken gegenüber steht auf einer erhöhten Tribüne der Tisch, an welchem der Präsident und der Secretär sitzen. Um die eine obere Hälfte des Saales läuft eine Gallerie, zu welcher Jedermann Zutritt hat.

Obwohl ich von der norwegischen Sprache nursehr wenig verstand, so ging ich doch während meines kurzen Aufenthaltes in Christiania täglich auf eine Stunde in die Sitzung. Ich konnte wenigstens entnehmen, ob flüssig gesprochen, ob kurze oder lange Reden gehalten wurden u. s. w. Ich hatte leider das Unglück, lauter solche Redner zu hören, die die wenigen Worte die sie vortrugen, so abgesetzt und langsam herausstotterten, daß mir dabei ordentlich angst wurde, sie schienen nicht die geringste Gabe des Vortrages zu besitzen. Man sagte mir, daß es bei dem ganzen Storthing nur 3-4 gute Redner gäbe, und daß diese während der Paar Tage meines Aufenthaltes gerade nicht zu sprechen gehabt hätten.

Noch nirgends habe ich so verschiedenartige Fuhrwerke gesehen wie hier. Die gewöhnlichsten, dabei aber unbequemsten, sind jene, die manCarriolnennt. Solch eineCarriolbesteht aus einem sehr schmalen, länglichen und offenen Kasten, der zwischen zwei ungeheuer hohen Rädern ruht und mit einem winzigen Sitzchen versehen ist. Da hinein wird man gepreßt; man muß die Füße der Länge nach ausstrecken, wird mit einem Leder bis an die Hüfte zugeschnürt, und muß in derselben Stellung, ohne auch nur einen Fußbewegen zu können, vom Anfange bis zu Ende der Fahrt verbleiben. – Für den Kutscher ist hinter dem Kästchen ein Brett angebracht, auf welchem er, will der Kastenbewohner nicht selbst die Pferde leiten, knieend oder stehend dieß Geschäft verrichtet. Da es aber höchst unangenehm ist, auf der einen Seite beständig das Schwirren des Leitseiles, und auf der andern das Knallen der Peitsche zu hören, so kutschirt Alles selbst, die Frauen so gut wie die Männer. Außer diesen Carriols gibt es auch noch Phaetons, Droschken, Steierwägelchen u. s. w., nur keine gedeckten Wagen.

Ganz eigen construirt sind die Wagen, die zur Verführung des Biers gebraucht werden; man muß vorerst wissen, daß in Christiania sehr viel Bier getrunken wird, und daß man selbes nicht in Fässern, sondern gleich in Flaschen verführt. Die Wagen bestehen nun aus geräumigen, höchstens anderthalb Fuß hohen, gedeckten Kästen, die inwendig, gleich einem Flaschenkorbe, in viele Fächer getheilt sind, in welche die Flaschen gestellt werden.

Vielleicht nimmt man mir es nicht übel, wenn ich auch einer besonderen Art von Körben erwähne,deren sich die Dienstleute bedienen, wenn sie Artikel, die feucht oder schmutzig sind, wie z. B. Fische, Fleisch, Kartoffeln u. s. w., einkaufen. Diese Körbe sind von feinem Weißblech, und mit einem Henkel versehen. Die strohgeflochtenen Körbe gehören für Brot und andere reine und trockene Eßwaaren.

Oeffentliche Gärten oder Versammlungsorte gibt es in Christiania eigentlich keine, aber Spaziergänge desto mehr; denn jeder Weg, den man außer der Stadt einschlägt, führt in die herrlichsten Gegenden, und jeder Hügel, den man ersteigt, ja beinah jeder Punkt der von allen Seiten offenen Stadt, bietet die wunderherrlichsten Aussichten.

Ladegaardoenist allenfalls der einzige Ort, den die Städter sehr häufig sowohl zu Fuß als auch zu Wagen besuchen. Man hat hier viele und prachtvolle Ansichten der See und deren Inseln, so wie der umliegenden Gebirge, Thäler, Fichten- und Tannenwaldungen. Hier liegen auch sehr viele Landhäuser. Die meisten sind klein, aber recht niedlich und von schönen Obst- und Blumen-Gärten umgeben. – Wenn ich da herumspazierte, glaubte ich tief im Süden zu sein; – so herrlich grünte und blühte Alles. – Nur an denGetreidefeldern erkannte ich den Norden. – Nicht daß das Getreide schlecht gestanden wäre, im Gegentheile, ich fand Waitzenähren, die sich in höchster Fülle und Schwere zur Erde neigten, – aber jetzt, gegen Ende August, stand das meiste noch ungeschnitten auf dem Felde.

Schöne Wege führen durch einen Tannenwald, oft an Ausschnitten vorüber, die so herrliche Prospecte gewähren, daß man stundenlang da verweilen könnte. – In diesem Walde stehen zwei Monumente, die jedoch beide nicht von Bedeutung sind; das Eine gilt einem Kronprinzen von Schweden,Christian August, das Andere dem GrafenHermann Wedel Jarlsberg.


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