Chapter 4

Man erklärt die Religion heute für eine Privatangelegenheit jedes Einzelnen, will sie in das »persönliche Belieben« stellen; man ist bestrebt, den konfessionellen Religionsunterricht aus der Schule zu entfernen, ja sogar der Austritt aus der Landeskirche spielt nach wie vor seine Rolle.

Man erklärt die Religion heute für eine Privatangelegenheit jedes Einzelnen, will sie in das »persönliche Belieben« stellen; man ist bestrebt, den konfessionellen Religionsunterricht aus der Schule zu entfernen, ja sogar der Austritt aus der Landeskirche spielt nach wie vor seine Rolle.

Zu gleicher Zeit macht sich nun aber in immer größerem Umfang eine Neigung zur Bildung sogenanntermonistischerReligionsgemeinschaften geltend; ja man hat sogar allen Ernstes schon den Begriff einer »monistischen Kirche« aufgestellt; und ferner ist man drauf und dran, in den Schulen dem Unterricht in den exakten Naturwissenschaften einen immer größeren Spielraum zu erobern; gewiß nicht ohne die offene oder stillschweigende Erwartung, daß er gerade auch auf diereligiöseErziehung der Jugend einen ganz besonderen und sogar einen besseren Einfluß zu üben geeignet sei, als der konfessionelle Religionsunterricht.

Tritt in alledem nun aber nicht ein ganz entschiedener Widerspruch zu Tage?

Man macht einerseits die Religion zu einer Privatangelegenheit jedes Einzelnen, zugleich aber bildet man monistische Gemeinden oder ist gar auf eine »monistische Kirche« hinaus! Man will den konfessionellen Religionsunterrichtausschalten, ihn zugleich aber durch den naturwissenschaftlichen ersetzen, von dem man sich eine neue und bessere religiöse Ausbildung der Jugend verspricht. Man will also auf der einen Seite die Religion in das persönliche Belieben stellen, zugleich aber macht man sie trotzdem wieder zu einer ebenso gemeinsamen und öffentlichen Angelegenheit, wie das bisherige Religionsbekenntnis eine ist!

Man sollte also doch lieber offen eingestehen, daß man tatsächlich lediglich ein öffentliches und allgemeines Religionsbekenntnis durch ein anderes ersetzen will. Das entspräche alsdann dem wirklichen Tatsachenbestand.Vor allem aber bedeutet es zugleich die einzig denkbare Möglichkeit!

Denn es ist einfach nicht möglich, widerstrebt allem Gesetz und aller Natur von Sozietät, Religion und religiöses Bekenntnis lediglich zur Privatangelegenheit des Einzelnen zu machen und sie so ganz in dessen persönliches Belieben zu stellen. Es kann sich höchstens um gegenseitige Duldung zwischen verschiedenen religiösen Bekenntnissen handeln, die sich noch niemals in aller Welt vermeiden ließen.

Soweit man also bei dieser recht unklaren »Privatangelegenheit des Einzelnen« eine solcheDuldung, ein solch möglichst friedlichesGleichgewichtverschiedener religiöser Bekenntnisse im Sinn hat, hat man Recht und befindet sich auf dem rechten Wege. Alles übrige aber bedeutet eine höchst bedenkliche Unklarheit in einem wesentlichsten Punkte. – Nämlich darin, daß nach wie vor ein paargrößerereligiöse Bekenntnisse vorhanden sind und sein werden und neben ihnen eine Anzahl von mehr oder weniger freien Sekten und Bekenntnissen, denen abernur eine Minderzahl von Staatsgenossen angehört. Da nun aber ausnahmslos alle diese Bekenner Angehörige einesStaatesund durch ganz besondere organische, politische und sonstige völkisch sozietäre Interessen miteinander verbunden sind, Interessen, die in staatlichen Gesetzen, Satzungen und Einrichtungen formuliert sind, und da unweigerlich je und je alle diese staatlichen Interessengruppen in gegenseitiger organischer Abstufung standen und stets in ihr stehen werden, so ist ein anderes undenkbar, als daß sich das mit demreligiösenBekenntnis all dieser Staatsgenossen genau so verhält! Auch das wird nach wie vor seine Formulierung und öffentliche Regelung erfahren müssen. (Nichts anderes kann ja auch der Sinn und Verstand sein, der diesen neuen monistischen Gemeinden, oder gar einer neuen »monistischen Kirche« eignet!)

Es ist bei alldem nun aber durchaus unvermeidlich, daß jene Bekenntnisse, auf welche sich die Mehrzahl der Staats- und Volksgenossen einigt – sie werden zugleich die religiös wichtigsten und stärksten sein – das in einemganz besonderen Grade sind, was im übrigen auch alle Nebenbekenntnisse sind: nämlich Staatsreligion oder Religion von Staatsbürgern! – Nur daß die Nebenbekenntnisse den anderen gegenüber untergeordneter Natur sind. Das ist eine ganz natürliche und aus allem Wesen von Sozietät heraus sich ergebende Tatsache und Ordnung! An der nach wie vor in allem wesentlichen nichts zu ändern sein wird. Das schließt dann aber weiter sofort ein, daß ein allgemeiner Religionsunterricht des Bekenntnisses, auf das sich die Mehrzahl der Staatsbürger einigt, auch in den Schulen statthat, und aus dem Unterrichtsplan der Schulen nicht ausgeschaltet werdenkann. Daß sich hierbei nach wie vor Schwierigkeiten ergeben werden, da wo entweder eine katholische oder eine protestantische oder sonst eine religiöse Enklave besteht, ist wohl wahr, aber niemals zu vermeiden. Es kann einzig darauf ankommen, ein möglichst tolerantes Gleichgewicht der hier einschlägigen Interessen zu erreichen und aufrecht zu erhalten.

Eine andere Sache ist nun allerdings die, daß die hauptsächlichsten christlichen Konfessionen heute wieder mal in einer Krise stehen, die sogar eine recht brennende ist! –

Man sollte indessen in den Mitteln, sie ihrer Lösung entgegenzuführen, beileibe nicht unvorsichtig vorgehen! Ein höchst bedenkliches Mittel aber würde es bedeuten, den konfessionellen Religionsunterrichtprinzipiellundals solchenauszuschließen! Da es sich, wie wir schon sahen, ja doch überhaupt um nichts anderes handeln kann als um die Ersetzung deseinenkonfessionellen Religionsunterrichts durch einen anderen, neukonfessionellen, so sollte man jenen nur mit der größten Vorsicht ausschalten; wenn das übrigens wirklich in einem so radikal antichristlich-antikirchlichen Sinne vonnöten sein sollte, wie man gegenwärtig meint!

Vor allem nun aber hüte man sich darauf auszugehen, den Religionsunterricht in den Schulen durch den exaktnaturwissenschaftlichen zu ersetzen! Und zwar deshalb, weil die exakten Naturwissenschaften grade in ihrer gegenwärtigen Verfassung nichts weniger als zu einem solchen Ersatz geeignet sind!Denn die exakten Naturwissenschaften stehen selbst in einer nur zu brennenden Krisis!– Was aber die monistische Religionsbewegung anbetrifft, die neuerdings eine so bedeutende Ausbreitung gewonnen hat, so ist sie zwar sichereine sozietäre Erscheinung von großer Wichtigkeit, andererseits darf man sich aber nicht verhehlen, daß sie in ihren tragenden Prinzipien vorderhand noch sehr schwankt. Und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil sie allzu einseitigen Anschluß an die exakte Naturwissenschaft nimmt und diese noch lange nicht in der Lage ist wahr zu machen, was sie verspricht: nämlich die Heilsüberzeugungen des religiösen Glaubens durch endgültig ausgemachte wirkliche Tatsächlichkeiten zu ersetzen.

Das beruht aber, wie ich schon bei anderer Gelegenheit (in meinem erkenntnistheoretischen Buch »Das absolute Individuum und die Vollendung der Religion«, Oesterheld & Co., Berlin W.) nachgewiesen habe, auf einer unvermeidlich zwiespältigen Eigenschaft der exakten Wissenschaften!

Einerseits nämlich ist die exakte Wissenschaft, wie früher die Theologie und Philosophie, eine religiöse und erkenntnistheoretische Funktion; ist sie doch ihrem Ursprung nach nichts anderes als eine Abzweigung und besondere Ausgestaltung vorzeitlich religiösen, priesterlichen Nachdenkens über die göttlichen Dinge. Noch eigentlicher ist die exakte Wissenschaft indessen in Anbetracht ihrer analytisch-experimentativen Methode und außerdem ihres engen Zusammenhanges mit aller praktischen Technik eine technisch praktische Funktion. Nicht umsonst hat die exakte Wissenschaft heute gerade als solche so unerhörte, ihre größten, verdientesten, bewunderungswürdigsten Triumphe errungen!

Es kann nun aber schlechterdings nicht anders sein, als daß dieser vorwiegend analytische und praktisch technischeCharakter der exakten Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Eigenschaft und die Werte und Wertungen, die sie nach dieser Richtung errungen hat, beständig beeinträchtigt. Denn er hinderte die exakte Wissenschaft ein für allemal, eine so vollkommensynthetischeFunktion zu sein, wie das hier gänzlich unerläßlich ist!

Außerdem aber hat sich die exakte Wissenschaft, insoweit sie erkenntnistheoretische Funktion ist oder erkenntnistheoretische und religiöse Folgerungen ziehen will, einen recht bedenklichen und verhängnisvollen Fehler zu schulden kommen lassen! Sie hat nämlich gemeint, daß der religiösen Konfession überhaupt erst eine empirisch sichere Prämisse gewonnen werden müsse und daß der bisherigen religiösen Prämisse – will sagen: der Prämisse aller Religionen undderReligion – eine solche Sicherheit nicht eigne.

Indessen es ist nun unschwer einzusehen, daß der bisherigen religiösen Prämisse sogar die denkbar sicherste, nämlich eine geradezu axiomatische, identische Sicherheit, also geradezu die größte Selbstverständlichkeit eignet! –

Ich sprach eben von einer Prämisse, die allen Religionen und also der Religion als solcher eigne; mit anderen Worten: daß alle Religionen auf einer und derselben Prämisse und Grundtatsache sich aufbauen. Das scheint eine Behauptung, die sicherlich dem entschiedensten Widerspruch der heutigen monistischen Gemeinschaften begegnen wird; vertreten diese doch den Standpunkt, daß die Religionen von ihrem ersten Anfang an bis heute sehr verschiedenartig, wenn nicht gar die eine der anderen völlig entgegengesetzt seien.

Doch kann man sich leicht überzeugen, daß diese Annahme, obgleich sie behauptet, sich auf exaktwissenschaftliche Ausmachungen zu stützen, eine irrtümliche ist und höchstens in dem Sinne zutrifft, daß die einzelnen religiösen Bekenntnisse ihrer formalen Ausgestaltung nach sich voneinander unterscheiden, und durch sonstige Modifikationen, die mit der Rasseeigenschaft und den Lebensbedingungen der einzelnen Völker in Zusammenhang stehen. In Wahrheit aber können wir gar wohl einen ganz bestimmten und unveräußerlichen Grundinhalt und eine solche Prämisse aller Religionen und alsoderReligion feststellen, in dem, in der sich die urvorzeitliche Religion des Urmenschen durchaus mit der vorgeschrittensten aller Religionsformen, der christlichen, wurzeleins, ja geradzu identisch erweist!

Die Religion des Urmenschen war ein Toten- und Ahnenkult. Er bewahrte, verehrte, beschwor noch lediglich das Gedächtnis eines Urpaares und seiner Familie und Sippe, an welchen Kult sich alsdann der Kult aller anderen Toten angliedern mochte. Der Mensch, will sagen: ein bestimmtes menschliches Paar und eine sich ihm angliedernde Elite waren noch rein als solche Gegenstand eines primitivsten religiösen Kultes. Noch verehrte man keine Personifikationen der Naturmächte und Götter.

Doch mußte sich dieser letztere, vorgerücktere Kult bald mit Notwendigkeit aus dem Ahnen- und Totenkult ergeben. Je mehr nämlich die Bewußtheitlichkeit des Urmenschen zu einer eigentlicheren Intellektualität erwachte, um so mehr gewahrte der Urmensch den innigsten Zusammenhang, in dem er mit aller ihm umgebenden Natur stand; und zugleich gewahrte er den innigsten Zusammenhang jenes ersten Ahnenpaares und seiner Elite,deren Gedächtnis und Kult von der Tradition ein für allemal bewahrt und weitergetragen wurde, mit den Mächten und Elementen der Natur, aus denen sie bei Lebzeiten bestanden hatten und in die sie im Tode übergegangen waren.

Diese Wahrnehmung nun aber erst einmal gewonnen, mußte sich mit jeder Notwendigkeit die weitere Ausgestaltung des Toten- und Ahnenkultes des Urpaares und seiner Elite zu einem Kult von Himmelsgöttern vollziehen!

Wenn man heute aber diesem Götterkult der Vorzeit gegenüber von einem allzu naiven, der »Wirklichkeit« gar nicht entsprechenden Anthropomorphismus spricht, so ist das eigentlich nichts weniger als recht aufmerksam und wissenschaftlich! Denn da der Mensch, wie ja gerade die exakte Wissenschaft selbst ermittelt hat, die höchste Stufe der organischen Entwicklung bedeutet, und er andererseits nicht nur aus den anorganischen Elementen – und doch sicherlich schließlich aus schlechterdings allem Umfang derselben hervor geworden ist, sondern diese auch in seiner Physis einbeschließt und zur Aufrechterhaltung seiner Lebensfunktion ihrer als Nahrung und Erneuerung von außen her beständig bedarf, so ist ja doch nichts notwendiger, wahrer, exakter, ja selbstverständlicher als die Auffassung der Urmenschen, die die Umwandlung des Ahnen- und Totenkultes in den Kult der Naturmächte und Himmelsgötter vollzog, und ihr »Anthropomorphismus«! –

Die Naturmächte und Elemente sind tatsächlich menschlich und Mensch, sind das Individuum Mensch; und ihre chemische Zweipolarität stimmt diesem ihrem Charakter nach vollständig mit der organischen Zweiseitigkeit des Individuum Mensch (Mann und Weib) überein!Daß der Urmensch nun aber in gewissen grundtypischen Eigenschaften der elementaren Erscheinungen und Kräfte entsprechende Eigenschaften und Temperamente der menschlichen Seele wiederfand und wiedererkannte, ist sicherlich nicht weniger exakt! Denn kalt und heiß, hart, weich, sauer, süß, bitter, scharf, stumpf, heftig, sanft u. s. f. sind die Elemente durchaus in Übereinstimmung mit der Eigenschaftlichkeit menschlichen, bewußtheitlich lebendigen Temperamentes.

Wenn also Urpaar und seine Elite nach ihrem Abscheiden als persönliche und unterschiedliche Götter und Naturmächte weiterbestanden und in allen Umfang menschlicher Sozietät hineinwirkten, über dem Menschen »walteten«, andrerseits aber von ihm bestimmt wurden, so entspricht das vollständig dem empirisch exakt ausmachbaren wirklichen Tatsachenbestand und kann von der exakten Wissenschaft nicht aufgehoben, sondern lediglich bestätigt werden!

Wie also kann man anders als in eigentlich recht unaufmerksamer Weise den Anthropomorphismus des Urmenschen und des Menschen der historischen Antike als einen allzu naiven und exaktem »Wirklichkeitsbefund« widersprechenden bezeichnen?

Ja, der Urmensch, bezw. der Mensch der historischen Antike hatte sogar auch mit seinem Tierkult recht! Denn die Götter, das Ahnenpaar und seine Elite, waren ja, bevor sie Menschen wurden, Tiere gewesen. Wahrlich, tiefwundersam muß uns nicht nur die von allem Uranfang an festgehaltene und bis auf den heutigen Tag weitergeführte Tradition eines menschlichen Ahnenpaares und seiner Elite und eines obersten Götterpaares und seiner Elite, seinen Untergöttern, erscheinen, sondern auch diefestgehaltene und so sorgfältig durchgeführte Erinnerung an die tierische Abkunft des Menschen, wie sie sich in dem Tierkult bekundet!

Mochte diese Prämisse und Grundtatsache der Religion mit der weiteren organischen und bewußtheitlich-kulturellen Entwicklung wie auch immer sich weiter ausdifferenzieren, so wurde sie selbst doch nicht einen Augenblick aufgegeben und konnte auch gar nicht aufgegeben werden! – Mochten die Götter später mit hundert und tausend Köpfen, Armen und Beinen vorgestellt werden, mochten zu den Hauptgöttern noch ganze Scharen von Nebengöttern in Himmel-, Ober- und Unterwelt hinzukommen, so waren doch alle solche Attribute oder waren diese Scharen von Nebengöttern dennoch nicht einen Augenblick im Widerspruch mit der religiösen Prämisse und Grundtatsache. Die hundert, tausend oder mehr Köpfe und Glieder stimmten nicht nur für die betreffende Gottheit, die man mit ihnen ausstattete, sondern auch für das persönlich menschliche Urahnenpaar. Denn sie besagten ebenso wie die Scharen der Nebengötter, nichts als den Machtbereich und die gewaltige Vielseitigkeit seiner Eigenschaftlichkeit; ja sie besagten sogar allen sozietären Umfang des Urpaares, der ja tatsächlich nichts anderes war und nichts anderes ist als seine direkte organische gattliche Ausgliederung und ihr Umfang. Auch hier sind die vorzeitlichen Vorstellungen also keineswegs blos so »naiv« und wirklichem Tatsachenbestand widersprechend, sondern vielmehr durchaus mit ihm in Einklang und sogar erstaunlich exakt tief, identisch erfaßt!

Aber wir haben freilich noch einen anderen Umstand in Rücksicht zu ziehen!

Nämlich mit der vorschreitenden geistigen Kultur erfuhr ja Wissen und Anschauung des Menschen von Erde und All eine wesentliche und wichtige Veränderung.

Es verfeinerten sich die Denkmethoden, indem sie ihren anfänglichen symbolistischen und vorwiegend emotional-dichterischen und bildlichen Charakter gegen einen abstrakten logischen vertauschten, der das allzu grobsinnlich drastische Symbol in ein logisches Begriffssymbol verwandelte. Es erwachte das philosophisch-logische Denken.

Es erhoben sich die so rein geistigen Begriffe des Bram, Nirwanas, der von jeder sinnlichen Anschauung losgelöste Unendlichkeitsbegriff. Später mit der griechischen Philosophie, die schon als Vorläufer moderner exakter Wissenschaft anmutende Elementar- und Naturphilosophie, die Begriffe der Kraft und des Atoms, die Ideen Platos, der Begriff des Geistes und der Geistigkeit. Die alten Göttervorstellungen, ihre Olympe und Walhalls, schienen ein für allemal in Wegfall gekommen. Es vollzieht sich die Umwandlung der persönlich anthropomorphistischen antiken Nationalgottheit und der vielen Götter in den geistigen Ein-Gott.

Kurz: die bisherige Prämisse und Grundtatsache der Religion scheint sich durch eine andere ersetzt zu haben.

Aber zugleich nimmt ja auch das Problem des Menschen wieder eine besonders dringliche Gestalt an! Schon die altionische Philosophie bedeutet den Anfang einer solchen höchst eindringlichen Behandlung des Problems Mensch, und von ihr an ist die ganze Entwicklung der griechischen Philosophie bis Socrates und bis zum Christentum hin eigentlich nichts anderes als eine bis dahinunerhörte intensive Erörterung dieses Problems. Der Abschluß dieser Erörterung ist aber der, daß aus dieser wundersamen Vorahnung der höchste vollkommenste, freieste Mensch in Gestalt und Erscheinung tritt und mit dem Christus »ins Fleisch geboren« unter allen Menschen vorhanden ist, um sie aus der Enge ihrer antik nationalen Eingeschränktheit zu höchster Vollkommenheit und –Gotteinheitzu erlösen!

Dieser persönlich leibliche, so durchaus konkrete Inbegriff »Mensch« aber?Ist nichts geringeres als der geistige Ein-Gott selbst als »Sohn« ins »Fleisch geboren« und in die Erscheinung hinein!– Nur daß er dem »alten Menschen,« dem »alten Adam« gegenüber durch eine tiefwundersame innere Wandlung (μετανοια) zu einemneuenMenschen werden soll, durch ihn, der sich den »neuen Adam« nannte oder so genannt wurde. Zu einem neuen Menschen, dem diesmal die Herrschaft über denganzenErdball bestimmt war, und der diesmal zum umfassendsten und restlosesten Umfang der Erkenntnis des Menschen von sich selbst gelangen sollte; dem es bestimmt war, dereinst sich als den Inbegriff, die Krone und höchste Stufe aller organischen, ja auch unorganischen Wesenheit und also als den Inbegriff allen Weltwesens und Kosmos zu erkennen! Als den, der stets der gleiche und eine von allem Uranfang der Welt an durch eine heilige Stufenfolge organischer Wandlungen bis hierher gelangt war!

Weiter aber: dieser ins Fleisch geborenealleinigeGott hat als »Sohn« und Christus wieder eine ganz bestimmte Elite von Aposteln und männlichen und weiblichen Heiligen bei sich!

Was besagt dies alles aber anderes, als daß dieUmwandlung und vergeistigende Ausgestaltung des Gottesbegriffes die alte religiöse Prämisse und Grundtatsache in Wahrheit nicht aufgehoben hat, sondern daß sie nach wie vor vorhanden ist und zu Recht besteht, nur in erweiterter, vertiefter, vergeistigterer Form und mit ihrem weitesten Umfang vertrauter? Daß aller elementar materielle Weltumfang im Grunde ein geistiges Sein und Einwesen ist, welches aber in einem organischen Individuum und seiner Elite und zugleich als dieses Individuum und seine Elite und als sein gesamter organischer Umfang sich selbst in Erscheinung bringt, lebt und auswirkt?

So daß also nach wie vor in allem wesentlichen alles beim alten ist und sich auf einer höheren und höchsten Stufe lediglich erst recht und ganz bekräftigt!

Aber das »Dogma« von der Gottgeeintheit, von der Göttlichkeit Christi, will sagen dieses durch die Stufen der organischen Entwicklung herauf sich umwandelnden organischen Individuums und seiner Elite, wird ja heute von der exakten Wissenschaft angefochten! Es heißt, der Christus sei »nur ein Mensch,« wenn auch der edelste und vollkommenste Mensch gewesen. Und überdies hat die exakte Wissenschaft mit den Ausmachungen ihrer empirischen Methode, scheint es, die Bedeutung, die der Mensch ehedem sich selbst, bezw. jenem Individuum und seiner Elite zusprach, ein für allemal zunichte gemacht. Sie stellt in Abrede, daß der Mensch ein göttliches und unsterbliches Wesen sei; sie glaubt nachgewiesen zu haben, daß er stattdessen nichts sei als ein vergängliches Produkt der Elemente und Kräfte, daß diese ihm gegenüber das dauernde und absolute seien, daß sein Geistiges, seineSeele nichts sei als eine mechanische Komplikation von Stoff und Kraft, von ihnen vollständig abhängig oder wohl gar von hundert Zufälligkeiten. Seit man zu der Annahme eines räumlich unendlich ausgedehnten Kosmos gelangt ist, und dieser Kosmos von unendlich vielen Welten und Systemen ausgefüllt ist, ist der Mensch, sowohl in seiner Gesamtheit als Menschheit wie als einzelner Mensch – und auch menschlicher Urahn, wie alle Gottmenschen, die seither gelebt, neue organische Sozietätsgebilde oder Religionen gegründet haben – fast zu einem Nichts, zu der erbärmlichsten aller Vergänglichkeiten geworden.

Die bisherige religiöse Prämisse und Grundtatsache, die TatsacheewigerAhnen und Götter undeinesewigen Ahnen und Gottes scheint also dennoch in Wegfall gekommen zu sein.

Indessen, wir berühren hier lediglich die ganze Fragwürdigkeit, die den Ausmachungen der sogenannten exakten mechanistischen Wissenschaft anhaftet und die brennendste Krise, in der sie heute steht!

Gehen wir darauf jetzt näher ein.

Wir wissen: Die exakte Naturwissenschaft ist nicht blos eine technisch-praktische, sondern auch eine religiöse und erkenntnistheoretische Funktion.

Als letztere hat sie aber der religiösen und erkenntnistheoretischen Entwicklung zwei Tatsachen von außerordentlich wichtigem und ausschlaggebendem erkenntnistheoretisch-religiösen Wert ermitteln können. Indem sie nämlich, hier in engem Anschluß an die Schelling-Hegelsche Entwicklungsidee stehend, empirisch exakt dieTatsacheder Entwicklung feststellte; und außerdem die andere Tatsache von der Erhaltung und Einheit der Kraft!

Indessen ist zu sagen, daß die Wissenschaft diese beiden so überaus wichtigen und ausschlaggebenden Tatsachen ihrem wahren synthetischen Wert nach nicht zu erfassen vermocht hat!

Das ist allerdings unschwer zu verstehen. Ist doch die Wissenschaft, wie wir bereits sahen, ihrem eigentlichen Charakter nach keine synthetische, sondern eine analytisch-experimentierende Funktion, hat sie sich doch um eine möglichst genaue Feststellung von Einzeltatsachen und ihres Zusammenhanges im Sinn einer möglichst genauen Beschreibung derselben zu bekümmern, je nach der betreffenden Disziplin und ihrem Tatsachenbereich. (Welch' letzterer Umstand gerade heute noch dazu zu einem bekanntermaßen nachgerade schon heillosen Spezialistentum und seiner eingekapselten Eigenbrödelei geführt hat!)

Man kann es daher auch kaum anders als einem äußerlich formal schematischen Sinne nach eine wissenschaftliche Synthese nennen, wenn die exakte mechanistische Wissenschaft die Ergebnisse ihrer experimentativen Einzelempirie in allgemeinen Sätzen und Gesetzen formuliert. Das ist mehr eine Sache der bequemeren Übersicht als eine wirkliche erkenntnistheoretische, religiös anwendbare Synthese. Kann eine solche doch naturgemäß auch weder auf dem Gebiete der Biologie, wo die Entwicklungstatsache bis jetzt fast ausschließlich ihre Rolle gespielt hat, noch auch auf dem der Physiologie, der Physik, Chemie oder sonst einer exaktwissenschaftlichen Disziplin erreicht werden. Jede dieser Disziplinen kann vielmehr nur ihren jeweiligen Hauptgegenstand möglichst exakt feststellen, beschreiben und formulieren. Es bleibt durchaus dabei, daßdie exakte Naturwissenschaft auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht lediglich eine Hilfsdisziplin ist, die ihre hauptsächlichsten Ermittlungen erst einem wirklich überschauenden synthetisch philosophischen, bezw. religiösen Nachdenken, oder vielmehr, wie wir gleich nachher erkennen werden, einer einzigenein für allemal feststehenden, identischen, axiomatischenGrundtatsache darbietet, damit an dieser eines Tages endgültig ausgemacht werden kann, daß und wie sie sich bis daher lediglich weitergeformt und entwickelt, indessen ihrem wesentlichsten Grundbestand nach nicht einen Augenblick aufgehoben hat!

Denn, meine man doch ja nicht etwa, daß die exakte mechanistische Wissenschaft erst ihrerseits eine neue und endgültige Prämisse und Grundtatsache für die Religion auszumachen oder ausgemacht hätte!

Vielmehr steht es also gerade so, daß die mechanistische Wissenschaft von den beiden großen Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft noch nicht einmal für ihre Einzeldisziplinen von der Biologie aus einen wirklichen Vorteil zu ziehen vermocht hat! Man könnte zwar sagen, daß wenigstens Physiologie und vor allem Chemie jene beiden Tatsachen sich zu Nutz gemacht, zu ausschlaggebender Anwendung gebracht und sich nach ihnen umgewandelt hätten: indessen auch sie noch nicht einmal in einer wirklich zureichenden Weise, wie wir bald erkennen werden.

Es kommt nun außerdem aber ganz und gar noch hinzu, daß, nachdem die Versuche, welche hervorragende Biologen, Physiologen und Chemiker neuerdings machten, von ihren Wissenschaften aus eine Erkenntnistheorie und Philosophie auszubauen, wie nicht anders zu erwarten war, gescheitert sind, und nachdem man augenblicklich unterdem dringlichsten Zwang die brennende erkenntnistheoretische und religiöse Krise zu lösen, wieder zu dem rein spekulativen Moment der früheren deutschen Metaphysik sich zurückgewandt hat, leider sogar in der Naturwissenschaft selbst ein direkter Zweifel an der Tatsache der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft Platz gegriffen hat. Wahrlich das allerbedenklichste, was sich ereignen konnte, und was der exakten Wissenschaft sogar geradezu letal werden könnte! Denn sie ist im Begriff, durch diesen Umstand, anstatt mehr und mehr überhaupt der Hypothese sich zu entäußern, in ein so verzwicktes Wirrsal von Hypothesen und Hypotheschen hineinzugeraten, daß sie unfehlbar unter ihm zusammenbrechen muß!

Jedenfalls sieht man, daß die exakte Wissenschaft, wie sie augenblicklich dasteht, nichts weniger als geeignet ist, in religiösen Angelegenheiten irgend einen Ausschlag zu geben oder den konfessionellen Religionsunterricht entbehrlich zu machen. Denn wahrhaftig: eine bösere Wendung der Dinge kann man sich doch kaum vorstellen, als die, daß dieselbe Wissenschaft, welche die frühere Metaphysik erledigt zu haben glaubte, und ganz sicherlich auch berufen ist, sie zu erledigen und die vorwärtsschreitende Entwicklung über sie hinauszuführen, neuerdings wieder mit dieser selben Metaphysik kompromittiert und sich gar von ihr in ihren eigenen Angelegenheiten und Disziplinen irritieren läßt! Aber das Rad der Entwicklung ist wahrhaftig nicht aufzuhalten oder rückwärtszudrehen! Noch Niemand ist ihm ungestraft in die Speichen gefallen!

Entweder also sind die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft inWirklichkeit keine sicheren empirischen Ausmachungen und der Erkenntnistheorie, der Religion und der Wissenschaft selbst droht, ich weiß nicht was für ein in seinen Folgen unausdenkbarer Zusammenbruch, oder sie sind dennoch vollständig sichere Tatsachen und nicht nur die Wissenschaft, sondern, worauf vor allen Dingen alles ankommt, Erkenntnistheorie und Religion erstarken zu neuer Kraft und sind imstande, sich endgültig auszubauen.

Aber, gottlob: sie sind wirklich solche unantastbar sicheren Ausmachungen! Die von der Embryologie geleisteten Feststellungen zunächst stehen über jedem Zweifel. Die organische Ontologie, die Entwicklung des Tieres und des Menschen vom befruchteten Ei bis zur Geburt, die Übereinstimmung der wichtigsten Phasen dieser Entwicklung ist ein für allemal festgemacht. Erreichte ein Darwin und Häckel aber außerdem eine sichere phylogenetische Ausmachung und erwies sich die vollständige Übereinstimmung der wesentlichsten phylogenetischen Phasen mit den ontogenetischen, so bedarf es hier wahrlich keines weiteren und besseren Beweises mehr.

Man erhebe doch nicht den Einwand, daß verschiedene Stufen und Übereinstimmungen in der ontologischen Entwicklung sich nicht auffinden ließen, oder daß auch in der phylogenetischen Stufenfolge eine lückenlose Geschlossenheit sich nicht erreichen lasse! Das kann der Entwicklungstatsache, wie sie von der Biologie festgestellt worden ist, keinen Augenblick einen ernstlicheren Abbruch tun. Das tatsächliche Vorhandensein bestimmter Stufen und ihre Übereinstimmung in Ontologie und phylogenetischer Entwicklung steht über jedem Zweifel, und das ist die Hauptsache. Die Ausfälle, die noch bestehen bleiben, werden sicherlich niemals restlos zu ergänzen sein; aber es benötigtihrer auch gar nicht. Es bedeutet die verhängnisvollste Kurzsichtigkeit, zu meinen, daß nichts erreicht wäre, weil sie noch nicht ergänzt seien. Man wird sie ja genau so wenig ergänzen können, als man etwa jemals imstande sein wird, alle Atome des Universums Stück für Stück abzuzählen und festzustellen. Aber hängt davon irgend etwas wesentliches ab?

Eine nicht minder verhängnisvolle Kurzsichtigkeit bedeutet es aber ferner, wenn man meint, es sei noch gar nichts sicheres hinsichtlich einer Tatsächlichkeit der organischen Entwicklung ausgemacht, weil man die eigentliche Übergangsstufe von der anorganischen Kristallisation zum Protoplasma noch nicht gefunden habe.

Man wird sie sicher niemals finden, und es bedeutet völlig unnütz vertane Zeit und Mühe, nach ihr zu suchen in der Meinung, daß erst durch ihre direkte Auffindung der einheitliche Zusammenhang zwischen anorganischer und organischer Welt erwiesen sei.

Er ist vielmehr bereits vollkommen ausreichend und exakt erwiesen mit der festgestellten Übereinstimmung oder Berührung der äußersten Grenzgebiete der höchsten anorganischen Kristallisation und dem Protoplasma, oder dem noch vor diesem im heißen Urmeer bestehenden Mycocem, das die giftigen Säuren und Salze seiner Umgebung vertrug, während das Protoplasma in ihnen noch nicht existieren konnte.

Das Problem des Zusammenhanges zwischen anorganischer und organischer Welt und der Aufstieg der organischen Entwicklung aus der anorganischen ist übrigens sogar für jeden Laien sofort mit der unmittelbaren schlichten Tatsache gelöst, daß der pflanzliche, tierische und menschliche Organismus aus anorganischen Elementenbesteht und daß er diese in Gestalt von Nahrung und in anderer Weise jeden Augenblick bedarf und in sich aufnimmt.

Es verhält sich also mit unantastbarer Sicherheit so, daß der ausgebildete menschliche Organismus sich bis zu dem Urelement zurückführen läßt. Denn bis auf dies ist es ja neuerdings der Chemie gelungen, wie die anorganische, so alle Entwicklung zurückzuführen.

Daß die Chemie das Urelement als solches niemals wird darstellen, reproduzieren, finden können, besagt wiederum ganz und gar nichts. Es wird ihr direkt ewig unzugänglich sein, weil es eben im allgemeinen kosmischen Bestand direkt auffindbar nicht lokalisiert ist. Niemals wird es möglich sein, den »Weltäther« direkt zu untersuchen, und wäre das Urelement etwa im Inneren des allgemeinen kosmischen Zentralkörpers lokalisiert, so würde es auch hier direkt unerreichbar sein; selbst wenn es sich um das Innere der Erde handeln sollte.

Was nun aber die Einheit und Erhaltung der Kraft anbelangt, so ist sie erstlich bereits in sehr zureichender Weise ausgemacht, andererseits aber ergibt sie sich, was bis daher, so einfach es ist, noch nicht genügend berücksichtigt wurde, mit jeder Sicherheit aus dem Bestand und der Tatsache der kontinuierlichen Entwicklung der anorganischen und organischen Welt.

Ist Kraft von Substanz nicht ablösbar und besteht sie nicht selbständignebendieser, so hat sie, da die Substanz sich einheitlich entwickelt, auch ihrerseits eine einheitliche Entwicklung. Um so mehr, da doch sicherlich gerade sie es ist, welche diese Entwicklung erst auswirkt und ausbaut!

Nichts also kann selbstverständlicher sein, als dieEinheit der Kraft. Einheit aber schließt in weiterer Folge auch Erhaltung bezw. absoluten Bestand ein. Was dann wieder ganz selbstverständlich auch die Einheit und Erhaltung der Substanz einschließt.

Also gegen die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Erhaltung und Einheit der Kraft ist schlechterdings nicht anzukommen! Es handelt sich hier um einen unantastbar positiven und exakten Tatsachenbestand!


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