The Project Gutenberg eBook ofRiesele: Geschichte eines kleinen Pferdes

The Project Gutenberg eBook ofRiesele: Geschichte eines kleinen PferdesThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Riesele: Geschichte eines kleinen PferdesAuthor: Nikolaus SchwarzkopfRelease date: August 16, 2020 [eBook #62943]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at https://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE: GESCHICHTE EINES KLEINEN PFERDES ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Riesele: Geschichte eines kleinen PferdesAuthor: Nikolaus SchwarzkopfRelease date: August 16, 2020 [eBook #62943]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at https://www.pgdp.net

Title: Riesele: Geschichte eines kleinen Pferdes

Author: Nikolaus Schwarzkopf

Author: Nikolaus Schwarzkopf

Release date: August 16, 2020 [eBook #62943]Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: Produced by Peter Becker and the Online DistributedProofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE: GESCHICHTE EINES KLEINEN PFERDES ***

Schwarzkopf/Riesele

Nikolaus Schwarzkopf

Geschichte eines kleinen Pferdes

1920

Georg Müller Verlag München

1. bis 3. Tausend

Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München

Meinen beiden BubenFriedemann und Klaus

Trudel, die kleine, hochträchtige Stute, zog das mit frischem Gras beladene Wägelchen den tiefgleisigen Weg nach ihrem Stalle hinan, und der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte:

„Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen wird sie uns ein Füllen schenken!”

Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von dem Wagen herab, und auch der Vater kletterte herunter, und alle vier sprangen sie an die Radachsen und drückten und schoben, daß Trudel nicht mehr zu ziehen brauchte und vor Freude laut aufwieherte.

Aus dem Fenster der Wohnstube,grad überm Stalle, guckte die Bäuerin, die Mutter der Kinder, und rief:

„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich kommen?”

Sie kam auch schon die hohe Steintreppe herabgesprungen, verlor den einen Holzschuh, stieß auch den anderen zur Treppe hinab und riß die Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Scheune, frisches Stroh zu holen.

„Nur Geduld!” sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt um euer schweren Stunden!”

Hühner, dreißig an der Zahl, standen aus dem Sande auf, schüttelten den Staub aus den Federn und sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der Stute hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine Henne kam mit ihren zehn Küchlein aus den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse hüpften flatternd aufden Wagen, das frische Gras zu versuchen.

Indessen wurde Trudel von acht rührigen Händen abgeschirrt, das kleine Mädchen legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, und diese folgten dem Händchen in den weitgeöffneten Stall.

Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war, seitabgebunden an seinem Stricke riß, Bärbel, die Kuh, drehte den breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß.

„Mamme, der Max sauft schon wieder!” rief der rothaarige August der Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall.

„Laß ihn heut noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu sein!”

Sie zerknüllte das widerborstigeStroh und breitete es unter der Trudel aus, und zwei Zicklein hüpften um sie her, indem sie, einen Halm im Mäulchen, die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft umherwarfen. Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam über die sauberen Pflastersteine des Stalles dahergehoppst, indes die alte Häsin hinten in ihrem verdrahteten Geburtskasten hockte und ihre Zitzen einer wimmelnden Kinderschar preisgab. Sapperlott hüpfte mitten hinein ins neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im Genick und warf ihn dem kleinen Mädchen, das sich in die Krippe vor die Augen der Trudel gesetzt hatte, in den Schoß. Aber das Kind mochte den Alten nicht und setzte ihn hinter sich in die Krippe, und nun lief er langsam höckernd auf dem Stein zur Bärbel hinüber, die sich nicht um ihn kümmerte.

Die Bäuerin putzte an dem Leib der Trudel herum, das Mädchen streichelte die lange Mähne glatt und versuchte,ein Zöpfchen zu flechten, August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den Runkeln und warfen sie in die Futtermaschine. Mit dem Vater kamen die Hühner, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen.

Auch die Sonne guckte in den Stall; sie schob ein Brett Licht, so breit wie die Tür, herein, das an der hinteren Wand sich emporstellte und, da es Abend war, bis an die Decke hinaufreichte, wo ein Schwalbennest klebte. Die Runkeln polterten in dem Kasten.

Der Bauer brachte Gras herein, verteilte es an Kuh, Ziegen und Hasen und sagte zu seiner Frau:

„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach das Trinken für die Trudel und nimm Weizenkleie heut abend!”

„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!”

„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe! Los, Buben, 's Federvieh gefüttert!”

Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze dem Gäulchen über die glänzenden Schenkel, trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die Holzschuhe und schlappte in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav warf oben von der Treppe herab Gerste und Mais in vollen Händen weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winden drauf zu, laut und gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen, obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Winde lebe!

Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hierhin und dahin, sammelte sich die großsternigen Kuhblumen, die millionenhaft den Abhang überblühten, und das freundlich gelbe Scharbockskraut, dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll Gelb und Weiß stelltedas Kind, das auch Trudel hieß, in sein Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen, wenn es komme, gleich einen Gruß von ihr habe.

Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm Hause ab, ein gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißübertupfte Farbenpracht, und seine Kinder zogen aus dem niedergemähten Gras die Blumen heraus, weil sie nicht in die Wiesen treten durften.

Trudelchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein kleines Gäulchen ankommen werde.

Die Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stalltür, die Schwalben kamen heim, das Federvieh schlief, die Sonne schlief, die Blütenpracht ward überdunkelt, das Glöcklein des spitzen Kirchturmes bimmelte sich schläfrig,das Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte übermüdet vorüber, da setzte sich die Familie ans Abendessen.

Und dann sogleich wurden die Kinder ins Bett gesteckt.

„Einen Fuchs gibt's!” sagte August leise.

„Ein Schimmelchen!” entgegnete Gustav.

„Ein Räppele!” lispelte Trudel.

„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die Stimme der Mutter aus der Küche.

„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!” hub August wieder an.

„Gustav muß es heißen ...”

„Wenn's ein Fuchs ist?”

Trudel kicherte:

„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's denn dann?”

„Räppele!” antwortete Gustav.

„Aber wie wird denn das große R gemacht?”

„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der Vater.

Im Kirchtürmlein schlugs langsam zehn; so langsam, daß man darüber ein- und ausschlafen konnte. Dann fing auch das fleißige Lieschen an und schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.

„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav.

„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso heftig Trudel.

Und dann lispelte auch sie wieder:

„Das große R, August, darf ich zu dir kommen, willst du mir's zeigen?”

„Vater kommt!” stieß Gustav hervor und schlief ein.

Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Bett.

„Mutter”, rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?”

„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter schläft schon!”

Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut.

„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchenwieder an, „Vater, wie wird das große R gemacht?”

„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter, „der Vater schläft!”

Da hatte das Kind etwas anderes zu denken ... und schlief ein.

Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag sang eine Nachtigall; sie und die Bäuerin wachten in der Nacht, da das Gäulchen zur Welt kam. Als der Bauer des Morgens in den Stall trat, stand das kleine Gäulchen auf den weitgespreizten vier Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von seiner Mutter lecken.

Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf seiner Stirn war ein weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam!

Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus dem Bett, die beiden Buben sprangen in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen nassen, großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutterweg, den Kindern entgegen, und das Schwesterchen ließ den Daumen im Mäulchen, ließ den Arm um Ihrer Mutter Halse liegen und blinzelte durch die schweren Lider, als sei es recht von dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ.

Die Mutter nahm des Tierleins Kopf, schob ihn an der Pferdemutter Zitzen, und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen. Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach ihrem Jungen herab und zurück, daß die Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte und hob das rechte Hinterbein, daß das Junge recht bequem sein Erdendasein beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren, hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit den schwabbeligen Lippen ein Bündel Heu auf undputzte damit an dem Kleinen. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen ins Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter nebendran und leckte weiter.

Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft übers Gebirg gezogen in die Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte ihn schon oft bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen?

Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der Herr Pfarrer könne trotzdem den Kopf an die Oberschwelle stoßen, legte vertraut, wie er mit ihmwar, die Hand auf des Herren Schulter und sagte:

„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit anstoßen!”

„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind bräucht er grad nit zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem Land, 's ist nit bös gemeint!

Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und über die Mutter, doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säuglings überaus zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich wie ein Vater angrinste und sagte:

„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr, was ein goldiges Köpfle!”

„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind!

„Segen ist in der Liebe zum Getier,nicht wahr, wie in aller Liebe?” sprach der Bauer, und:

„Wie in aller Liebe!” wiederholte der Pfarrer und fügte hinzu:

„Und der liebe Gott gesegnet's einem mehr und sichtbarlicher, wenn man sich weniger zu den Menschen wendet und mehr zum Getier und zu den Blumen, zu den Bäumen, selbst zu dem harten Gestein! Hat das etwa keine Ursache, Vetter Klaus?”

„Das hat wohl seine Ursache, Herr Pfarrer, wie alles in der Welt, und Sie wissen es wahrlich besser als ich!”

„Warum sollte ich es besser wissen, Vetter Klaus? Ich schlage mich im Schatten mit den Menschen herum und mit ihren dunklen Leidenschaften, und Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben im Sonnenlicht, am Herzen der Natur, die noch weit mehr das Quellrohr Gottes ist als wir Menschen, die wir uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder Gottes nennen!”

„Hat sich etwa die Stammutter der Pferde im Paradies vergangen? Hat sie von einem verbotenen Apfel gegessen?”

„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich weiß ganz gut, wohinaus er will, ich kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber wisse er: wenn der liebe Gott den übrigen Geschöpfen keinen verbotenen Baum in den alltäglichen Weg gestellt hat, so wußte er genau, was er tat!”

„Sonst wär er nicht Gott!”

„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär er nicht Gott! Aber die Erkenntnis, mit der er uns Menschen ausgestattet hat, — —”

„Die hat er den Tieren, die er mehr liebte und mehr liebt, erspart!” warf der Bauer ein.

„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer, jedoch der Bauer fuhr fort:

„Sagten Sie nicht selbst schon auf der Sonntagskanzel, daß die Erkenntnis, die den Menschen gegeben sei, daßdieser Knochen, der den Menschen vorgeworfen wurde, eben nichts Halbes und nichts Ganzes ist, eben, daß er ein wirklicher Fluch ist?”

„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein Fluch?!”

„Ha, ich habe aus Euren Predigten, Herr Paschtohr, schon etwas gelernt: und man macht sich hinterm Pflug so seine eigenen Gedanken!”

Er nahm des Füllen Kopf an seine Brust, hob den überaus langen Schweif der Stute hoch und trocknete damit an dem Füllen herum. Der Pfarrer nahm eine Prise, hielt auch dem Bauern die Dose hin und sagte freundlich lächelnd:

„Lieber Vetter Klaus, ich habe stets das unverdorbene Urteil des gesunden, unverbildeten Bauernverstandes zu schätzen gewußt und bin gerade deshalb Bauernpfarrer geworden! Lassen Sie mich das so sagen, wie ich es sage: Einst ist in einem Stalle ein Kindlein auf die Welt gekommen, unddas war Gott. Es lebte, auch da es schon Mann war, fröhlich wie Ihr in den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes und tat sonst nichts, als daß es seinen Mitmenschen vom himmlischen Vater erzählte. Nicht viel anders erzählte es, als wie die Vögel erzählen und die Blumen, das Wasser, das Gras, Dein Vieh und ganz unmittelbar das kleine Füllen, das eben erst seiner Schöpferhand entsprossen.”

„Ja, und ich selbst, und wir selbst?” warf der Bauer ein, und der Pfarrer fuhr fort:

„Die Menschen freilich sind ohne Gott, haben seine Worte vielfältig umgemünzt zu ihren verbrecherischen Zwecken, verstehen auch die Natur nicht mehr, das Göttliche in der Natur und im eigenen kindlichen Herzen und haben sich immer weiter von Gott entfernt, den sie nunmehr mit ihrem Verstand zu erforschen suchen gleich der Urkraft inder Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen zu lieben! Immer ärmer, immer unglücklicher! Schier des Teufels!”

„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?”

„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer neugierig und stolz.

„Ist Ihnen diese Meinung eben erst in meinem Stall gekommen, will sagen: in einem Stall? Wie sich's gehörte?”

„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und wollt sagen: daß die echte Erkenntnis im Stall geboren wird, dieses kleine göttliche Kindlein der Menschenseele ... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem Stall!”

Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem Schwung den Wiesen zu, dem Wäldchen, den Hügelwellen, die leise zu schwingen schienen, der Sonne und den Wolken ...

„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr: in Eurem Paradies, Vetter Klaus!”

„Ganz recht: in unserem Paradies, Vetter Klaus!”

Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden Haaren und fliegenden Tafelschwämmen den Weg hergesprungen und schrie schon von weitem:

„Ich kann's, Vater, ich kann's!”

„Was denn, was kannst denn?”

„Das große R!”

Es ließ seine Bücher fallen, behielt nur die Tafel in den Händen, blieb einen Augenblick stehen und wischte mit dem Zeigefinger gar fürsorglich und rannte dann um so rascher zum Vater. Auf der Tafel stand, von des Lehrers Hand geschrieben, das Wort „Räppchen”, und darunter stand das Wort von Trudels Hand ungelenk nachgemalt.

Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben und sagte zu dem Bauern:

„Sehn Sie doch, Vetter, wie die Menschen von Anbeginn gierig sind nach ihrem Fluch!”

„Sie sind es in der Tat: der Teufel hol mir alle seine Schulmeister!”

„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte der Pfarrer und ging quer über die gemähte Wiese des Nachbars davon.

Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen, hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die ganzeFlatterschar keck zum Kampf herauszufordern.

Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten, was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.

Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren, dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehernder anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer weiter, ins Dorf hinein.

Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen.

Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen heftigen Ruck sich selber befreien können. Dastand gerade die kleine Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.

Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt, den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht gesehen worden im Dorf und nicht im Tal.

Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte, mäßigte erseinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter. Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen.

Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen, kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen denspitzen Zähnen hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen, denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben, oder aber als errege es seine besondere Freude.

Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte:

„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”

Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlott, dem Hasenvater, der in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, dann den jungen Geislein, die noch keine Hörner hatten, dann der Stalltür und den zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, die in Reih und Glied hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über jeden Fleck malte Trudel ein großes R.

Als die Mutter aus dem Garten, der hinterm Hause lag, hervorkam, um denHerd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überm Herde auf, an der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte, und hinaus durchs offene Fenster.

Es geschah, daß die Buben und alle Buben des Dörfchens mit dem Namen Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen besannen. Während der Pausen auf dem Schulhof, während man im Badloch zu schwimmen versuchte, plätscherte man eifrig die schönsten Namen übers Wasser hin, und Trudel, das Kind, hatte seine liebe Not! Es wollte sein Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, aber die Buben spotteten und hörten sie nicht einmal an!

Da standen sie wieder beisammen, die Herrn Buben, standen mit ihren Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zurückzuhalten, die Gassenbuben!

„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls Räppchen immer noch Richardele heißen?” und er lachte, und alle Buben lachten mit ihm.

„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard heißen!”

„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, „warum denn nicht?” Und sie nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte.

„Und dann, Trudel, das mußt du verstehen, das verstehst du aber noch nicht,” so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard ist doch ein Bubenname!”

Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus.

„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”

„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese Goliath nennen!” meinte August, und Gustav entgegnete:

„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S nicht machen und kommt wieder gelaufen!”

„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt hin, „Riese Goliath heißen wir's!”

„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!”

„Gut!” entschied Gustav, „nennen wir's Riese!”

Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und rief ein übers andere Mal:

„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”

„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchenübern Kopf und sagte immerzu: „Riesele, Riesele!”

Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude aller Erwachsenen.

Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!

Die Gänse, die auch allmorgendlichgemeinsam auf die Weide auszogen, die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich, und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem Störenfried an die Beine wollten.

Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes,freundliches Kerlchen war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von ferne trappeln hörten.

Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten, brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles Wiehern, und siedurften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen, was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen, und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere nicht gibt!

Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft und durfte anstellen, was es wollte!

Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!

Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf, schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise dieKlinke aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.

Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken, hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, — allein, es kam nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte,streckte dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für diesen Tag war die Schule aus.

„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß uns fliehen!”

Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm kein Mensch mehr habe singen können,wie er sich zugleich geübt habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben, wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er, der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl umgefallen sei, um sich zu verbluten!

„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt! Oder kennt ihr eine schönere?”

„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:

„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”

„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”

„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”

„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und nachher doch König wurde!”

„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”

„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer dazwischen.

„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte, oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte und sang und Flöten blies und Harfen schlug?”

Die Kinder zischelten; aus den neunBänken schossen die Finger wie Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte:

„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?”

Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein:

„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!”

„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?”

Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte:

„David!!”

„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es zuvorvon seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu tragen gehabt?”

„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht gewußt!” heulte Trudel.

„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille, sei stille!”

Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen und ihr Geschluchz hub stärker an.

Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klassebegann zu schreien vor Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.

Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen, sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:

„Dävidele, Dävidele!”

Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendiglernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.

„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach — nach — nach, Herr Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es auch hier!”

„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”

Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael, der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl! Diesieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen, warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die Schweife tanzten nur so!

Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies Kerlchen, — man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte selbst gern solch ein Kind gezeugt,solch ein Kind sein eigen genannt — dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.

Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm über sie hergefallen.

Da auf einmal gab's ein Geschrei:

„Er wirft mir die Milch um!”

Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!

Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alleHerrlichkeit hatte ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals umgeguckt zu haben.

Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder! Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf, und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen, als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand, legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in dem großen Bette ein, wie alle Kinder es sogerne tun! Es wachte auf, als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern zugesellen zu können.

Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü, hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran, wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm Pfluge gingen, ihre Schar durchden harten Boden, wie wenn sie dem Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse, die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus vielleicht höchstem Hause war.

Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten, bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem Abstand, derihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den gleichen Schlag bewahren konnten, — vielleicht weil die Egge ein unordentliches Gezerr verursacht, — so blieben sie doch, von der Hand des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe.

Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr und ist ganz Ordnung und Würde.

Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwasanderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon.

Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen, zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der Acker in Feuer.

Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen unten, sah alle Schornsteine rauchen, — kerzengerade ringelten sich feine Rauchsäulen in die heiße Luft — und dann sah es noch am anderen Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal, und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum.

Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfevon der Erde auf und drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten.

Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein.

Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien ganz, die Last erschien: es war der leichte,überdächelte Stuhlwagen, den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.

Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und ihr entgegen.

Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.

Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk verschwunden.

Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des Brotes und der lauten Rufe.

Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff herab und klatschte auf den gelben Huf.

Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der Hand einen irdenen Krug mit Milchund erschrak vor solcher Kindeswut im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten auf dem Weg.

Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst, konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an, daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin ergoß.

Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.

Ein blütenweißer Gänserich stand daauf einem Bein und schielte zu den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.

Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.

Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte, erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie einHund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!

Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel zurück und lachte auf dieseWeise, wie es Enten tun, und wackelte weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück, war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.

Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen, aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute! Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, undes wäre eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie wichen der Gewalt!

Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze, das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen streichen und ins Röhrichteinfallen, wo sie ihren verletzenden Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen Enten! Sie haßten das Riesele sehr!

Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,daß es — der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen — daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!

Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer Schüssel.

Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele!

Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun einmal, und wissen sich drein zu schicken!

Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte. Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und hörte nicht, was um ihnvorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein.

Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter, pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte?

Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalenRücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine Puppe!

Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen.

„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!”

„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler auch ein Sättele machen?”

„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt unterwegs!”

Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:

„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den Kalender!”

„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin bleiben!”

„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?”

„Dann geh ich in die Stadt!”

„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!”

„Muß es?” fragte Trudel.

Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei!

Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern:

„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!”

„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch, „der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!”

Noch am Abend holten die vier dasHalfter ab, strippten es Riesele um den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an der Mutter Zitzen saufen konnte.

Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer gewissen Freiheit. Gar oft, — ach, wer konnte dem lieben Tierlein gegenüber so entsetzlich streng sein? — durfte es frei umherspringen, wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren.

Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von der Gasse genommen werden mußte in das Gehegedes Zaunes. Als der Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug, merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte. Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte, hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, — und dies war noch ungeheuerlicher, — daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor, daß die getreue Mutter auf einen ganzenTag fort in den Wald mußte, schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.

Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute, den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht eindringlich und nachdrücklich hinzustellen,und etwa zu sagen: „Wart nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber vor sich selber bloßstellen ...

Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.

Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er wohnte daganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht, daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.

Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins! Sie liebten sich, diese beiden!

Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.

Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht mit.


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