XIV

Nach einigen Tagen kam der Direktor wieder als Soldat und hatte einen Herrn bei sich, dem Dauphin auf den ersten Blick ansah, daß er ein gildiger Zirkusmann sei. Er gab Dauphin gleich vertraut ein Stück Zucker, was diesem durchaus nicht schmecken wollte. Und am Abend nahm der neue Direktor Dauphin mit sich in die Eisenbahn, und sie fuhren eine Nacht und einen Tag lang durch unbekannte Gegenden nach Berlin.

Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten, auf die Friedrichstraße, schieben sich viele Schwadronen kleiner, magerer Pferdchen, endlos wie die Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden Menschenmassen hin. Sie ziehenschwere und leichte Kanonen und sind vollauf gerüstet, wie einst Wallenstein gerüstet war.

Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin an Muskelkraft nach! Dauphin riß an seinem Zügel und wollte seinem schmeichlerischen neuen Herrn entlaufen, wollte zu einem der Soldaten hinlaufen und wollte seinen fleißigen Brüdern ziehen helfen.

Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen, uniformierten Zeit zu ahnen und widersetzte sich auf dem Weg, solange er Russenpferdchen sah, seinem Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin verlor die ungeheure Masse der Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und noch in der Nacht zogen sie, sichtbar seinen Augen, von Soldaten geführt, an ihm vorüber.

Andern Tages begann wieder die Dressur; er sollte umlernen, Neues lernen wie in seiner Jugend und hatte keinen Sinn dafür, sehnte sich irgendwohinnach den Sielen und sah dauernd die Masse seiner gerüsteten Brüder.

Qualvoll waren die ersten Tage bis zur Generalprobe, morgens um zehn Uhr.

Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem Helm auf dem Kopf und mit feldgrauem Soldatenrock, der am Hals zusammengeknöpft ist, umhangen, mit einem Tornister auf dem Rücken und einem langen Schleifsäbel zur Seite hinterm Vorhang und sieht mit dem linken Auge in die Arena hinüber, wo ein feldgrauer Soldat sitzt, der den Arm in einer weißen Binde trägt. Hinten am großen Spiegel steht eine Dame und zupft ihr steiffaltiges, weitgespreiztes Akrobatenröcklein zurecht. Dauphin schämt sich ordentlich seines Gewandes und sieht erhöht hinter dem Soldaten mit der Armbinde einen zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem einen Auge ein schwarzes Läppchen hat.

„Dauphin!” ruft der Direktor, und Dauphin stößt mit dem Maul den Vorhang auseinander und tritt hinaus in die Arena.

Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum sind alle Plätze mit Soldaten besetzt, einer geht an einer Krücke hinter der Manege hin und sucht seinen Platz, einer sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und rechts vom Eingang sind alle Plätze besetzt mit Männern in langen, weiß und blau gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten, ringsum Soldaten!

Und Dauphin soll Kunststückchen machen? (Daß er sie eigens für die Verwundeten ausnahmsweise gutmachen müßte, fällt ihm seltsamerweise nicht ein).

Dauphin rennt aufs Geratewohl zu ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf die Manege, streckt seine Zähne vor und stößt einen Schrei in die Luft, der kein Wiehern ist.

Sie fassen ihn, die lieben Soldaten!Sie wissen, er ist einer, der zu ihnen gehört!

Aber der Direktor kommt mit der Peitsche, und Dauphin muß in die Mitte, um seine Kunststückchen zu machen.

Doch er weiß nichts und kann nichts und steht da wie soeben vom Himmel gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre, der reine Tor!

Die Peitsche, was will die Peitsche? Was will der Direktor mit seinem Zucker?

Dauphin läuft am Zucker vorbei, an der Peitsche vorbei, durch ihre Schläge hin an die Manege und wird zurück geholt von maskierten Sklaven. Und Dauphin wird öffentlich planmäßig gepeitscht und mit seinem Helm und seinem Schleifsäbel aus der Arena fortgejagt, hinaus, hinter den Vorhang!

Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner steht ihm bei: sie kennen ihn halt nicht,ihn, den Dauphin, den von der Königin geküßten Dauphin!

Den Soldatenfreund, den Soldatennarren!

Nach der Vorstellung wurde Dauphin nochmals angesichts aller Pferde geschlagen und bekam zwei Tage nichts zu fressen.

„Bürschken!” sagte der Direktor, „wenn du mir den Sonnabend-Abend verdirbst, bist du gerichtet!”

Aber Dauphin freute sich entfernt seiner Schmerzen und sah hinter ihnen eine Beschäftigung winken, irgendwo in den Sielen, die für ihn Wollust war.

Der Samstag-Abend kam, und Dauphin sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen und wußte wieder nichts und konnte nichts und ward wieder hinausgejagt.

Und so geschah es noch zweimal, und dann sagte eines Tages der Direktor:

„Wart, Bürschken, du kommst mir zum Militär!”

Hätte Dauphin diese Sprache desgehaßten Direktors verstanden, so hätte er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt — denn das konnte er — und hätte gelacht wie eine ganze Kompagnie.

Und siehe da, Dauphin ward beglückt: am andern Morgen kommen Soldaten, und alle Pferde werden wieder gemustert.

Wie die Reihe an Dauphin kommt, sagt der Offizier:

„Den da, den zarten Mann, können Sie behalten!”

Aber der Direktor entgegnet:

„Wat soll ich noch mit ihm machen? Nehmen Sie ihn doch ooch mit, er kann Handlangerdienste tun in der Kaserne. So schwach, wie er ausschaut, ist er nisch!”

Und Dauphin durfte bei den Soldaten stehen bleiben und wurde auch sogleich von ihnen abgeführt. Viele Stunden lang durfte Dauphin dann in einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen Pferden stehen.

Dann ging ein Soldat mit ihm an den Bahnhof; sie fuhren wieder viele Stunden, und dann in einer kleinen Stadt eilten sie schnurstracks auf die Kaserne zu.

Wie Dauphin die vielen Soldaten auf dem Kasernenhofe exerzieren sah, streckte er, hurra! den Kopf steil hoch, ließ die schwabbeligen Lippen hängen, daß die weißen Zähne zum Himmel aufbissen, und stieß einen Freudenschrei aus, der durchaus kein gewöhnliches Wiehern war. Das Echo dieses Schreies lief zwischen den hohen Bauten hin und her, und tausend Gesichter richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling.

Er ward nun in einen Stall geführt zu sechs blank gefütterten Reitpferden und bekam zu fressen, indes die Reitpferde ihm zusehen mußten, wie er fraß.

Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin auf den Schenkel, der recht feist geworden war, und ging weiter.

Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse vorbei, band den Apfelschimmel los, führte ihn hinaus, und der Hauptmann setzte sich darauf.

So geschah es noch fünfmal, und Dauphin stand allein im Stall und wartete auf den siebenten Hauptmann, auf „seinen” Hauptmann. Er trug offenbar etwas wie einen hellen Schein im Herzen.

Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist mit beschmutzter, abgenutzter Dienstmütze, die einmal blau gewesen war. Eine Zigarre hing ihm schwer aus den Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade durch die offene Tür über den Kasernenhof, wo, den ganzen Platz zwischen den grünen Linden erfüllend, sechs Kompagnien in Kompagniekolonne aufgestellt waren. Die sechs Pferde standen mit ihren Hauptleuten, hochauf die Ohren, je in der Mitte hintereinander, und Dauphin beobachtete den beschmutzten Zivilisten nicht weiter.

Der aber band ihn los und führte ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand in ein Wägelchen, das so schmutzig war wie er selber, nahm ihn am Zaume und führte ihn hinter sich her, irgendwohin, zum Tore hinaus.

Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte Kinder mit guten und schönen Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück vors Auge und betrachtete Dauphin.

„Ach!” riefen sie, „der Balthasar hat ein neues Gäulchen, und was für eins, Balthasar!”

Und sie klatschten Dauphin auf den Schenkel, sprangen aufs Wägelchen, und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen den Kopf hatte hängen lassen, hob ihn wieder und freute sich plötzlich, da er Kinder sah, die ihm gut waren. Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften gemach eines nach dem andern von seinem Wagen, einige ließen Pfennige auf die Erde fallen und liefen ans Kasernentor zurück.

Balthasar steckte an der alten Zigarre eine neue an und ließ sie zwischen den Lippen auf- und abpendeln.

Ins Schlachthaus gings, ins Schlachthaus, mitten hinein ins Schlachthaus!

Einen halben Ochsen mußte Dauphin heimziehen, dessen hautloses Bein seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte.

Das Bataillon rückte aus, die Straße her, Dauphin entgegen, mit Pauken und Trompeten! Dauphin versuchte, mit einem Ruck den Kopf steil hochzurecken; die Last hinter ihm aber war zu schwer, und er stieß den Atem krampfhaft durch die schwabbeligen Lippen und zog die Nüstern hoch und die Augenbrauen, um alles genau zu sehen, und ließ den langen Schweif hin und her schwingen. Er gehörte ja auch zu denen da! Wahrscheinlich spürte er zwischen seinen Ohren den Husarenbusch schwanken, den er einst trug.

Wie er am ersten Hauptmannspferd vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf, gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich grüßen.

Allein das Hauptmannspferd wandte sofort die Augen, die es im geradeausgestellten Kopf kaum merklich herübergedreht hatte, von Dauphin ab. Und genau so machte es das zweite Pferd und das dritte und das vierte.

Zum fünften sah Dauphin selber nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken, die Augenlider und die Ohren und den Schweif.

Allein in Dauphins Geist strömte ein dämmerndes Gefühl, daß er sich nicht vor diesen Gecken zu schämen brauche: er, Dauphin, der voller Kunst stak und voller Wissenschaft und voller Weisheit, und der von einer Königin geküßt war!

Er nickte nach links und nach rechts und wußte schon den Weg ins Kasernentor, wo die vielen Kinder standen.

Einige spielten mit Pfennigen, einige hielten Kasernenbrot im Arm; alle aber kamen sie und lachten mit dem Gäulchen und streichelten es.

An der Küche wurde der halbe Ochse abgeladen. Köche mit aufgeschürzten Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen Hände auf Dauphins Rücken, Hals und Stirn, und Dauphin schob den Kopf wagrecht vor, um diese Hände von sich abzuschütteln. Aber die Köche lachten und liebkosten um so mehr, weil sie meinten, das gefiele dem schwarzen Gäulchen.

„Heut raucht aber der Balthasar ein gutes Kraut!” sagte ein Koch.

„Das ist,” entgegnete ein anderer, „weil er ein neues Gäulchen hat!”

Große, offene Fässer, in denen eine zähflüssige Masse an die Wände klunkerte, wurden ausgeladen. Ein Koch griff in ein Faß, holte etwas heraus und hielt es Dauphin hin, daß er es fresse, aber Dauphin fraß es nicht, obgleich erHunger hatte, und der Koch warf die Handvoll in die Gosse.

Dauphin mußte diese Fässer quer durch die ganze Stadt ziehen in eine Fabrik mit vielen hohen und niedrigen Schornsteinen, wo es fürchterlich stank. Balthasar begann in dem Gestank heftig zu niesen, nieste fünf- oder sechsmal und stieß dabei diese Laute von sich:

„E Zigga, e Zigga!”

Als sie wieder in der frischen Luft waren, sagte Balthasar etwas zu Dauphin, was diesen höchlich erfreute:

„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” sagte Balthasar zu Dauphin.

Nunmehr zog Dauphin täglich den Fleischwagen, den Spülichtwagen und noch andere Wägelchen durch die volkreiche Stadt. Man kannte ihn nicht in dieser Stadt; niemand kannte ihn! Man blieb wohl einmal stehen, besah sich das schwarze Gäulchen mit der weißen Blesse und ging weiter, undnur die Kinder fanden es der Mühe wert, sich zu verweilen, mit dem kleinen Freunde zu laufen, ihm einen Bissen Brot zu reichen oder ein Stückchen Zucker.

Obwohl nirgends mehr an den Mauern, an den Plakatsäulen, in den Schaufenstern Dauphins Bild mit dem Purpurmantelettchen hing, wußten die Kinder doch, daß das kleine Gäulchen kein gewöhnliches Kasernentierchen war, denn sie liefen neben ihm her und beschenkten es mit Zucker und Liebkosungen!

O wenn Dauphin frei gewesen wäre! Wenn er ledig seiner Siele, ledig des schweren Kummets gewesen wäre, ledig aller Mühen und Sorgen! Kinder! Kinder!

So aber war das Leben eine Qual, so aber wollten die klaren Augen nicht aufblicken in den Tag, der fast stets Nacht war, und sie blieben lieber am Erdboden haften, und die Unterlippe,die sonst so gern und so übermütig an den Freuden der Stunde nippte, hing schlaff nach unten und ward täglich schwerer.

Die Hauptmannspferde bekamen bessere Kost als Dauphin, wurden täglich gestriegelt, und ein jedes hatte einen Soldaten zur Bedienung!

Dauphin aber stand hinten im Stall, wo kein Fenster war, keine frische Luft und kein Licht, und sein Fressen lag oft tagelang in der Krippe, und wenn Balthasar ein dünnes Getränk brachte, so leerte er die Krippe zuvor nicht aus, und Dauphin fraß fast nichts als Heu.

Auf seinem Rumpfe zeichneten sich bald die Rippen deutlich ab, und da das schwarze Fell gänzlich von Staub und Schmutz durchsetzt war, konnte kein Kind Freude haben, das Gäulchen zu streicheln und liebkosend zu tätscheln. Die Mähne, ehedem ein zartwelliges Gekräusel, ein Kindergelock und ein Fähnchen der Fröhlichkeitund des Uebermutes, hing wie ein Bündel Haberstroh übern Hals herab und stak zerschabt in der Fessel des Kummets. Der kotige Zügel griff durch ihre letzten Spitzen, und wenn die Sonne auf diese Mähne schien, sah man Staubwölkchen draus emporwirbeln wie aus einem Sofa. Die Knochen der Hinterbacken stießen sich hervor, und Balthasar hing oft, wenn er schwitzte, seine verschmutzte Mütze dran. Die schweren Eisen der Hufe klapperten, die Rippen schoben sich unter der Haut hin und her.

Balthasar redete nie ein Wort mit Dauphin, und Dauphin empfand natürlich auch nie Lust, den mürrischen Alten etwas von seinem Können merken zu lassen. Niemand ahnte von Dauphins Qualitäten! Nicht einmal seinen Namen kannte man. Balthasar nicht, die Hauptleute nicht, die übrigen Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen ihn nicht mit seinem Namen.

Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige überhaupt noch Namen und irgendwelche Qualität? Konnte dies arme Tierchen im Kehrichtwagen noch etwas anderes als Sklavendienste tun?

Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin sehr litt! Seine Leiden, die anfangs rein seelischer Art waren, bogen sich, da er trotz allem unabänderlich gern und sogar freudig schaffte, ins Körperliche um, aber Dauphin mußte immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin sich das Leben unter den Soldaten so vorgestellt hätte, wie gern wäre er in seiner Arena geblieben! Er gewahrte nicht einmal, wie seine Gaben schwanden, und das war gut!

Einmal kamen fünf ganz junge, kleine Leutnants, aufgetakelt wie frischgewickelte Säuglinge, aus der Regimentskammer gehüpft, streiften weiße Handschuhe an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen unter den angepreßten Oberarmen und liefen an Dauphin und anBalthasar vorüber. Da sagte Balthasar wieder einmal etwas. Er nahm sich Dauphins Ohren und sagte:

„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins! Kriegsware! Heut Mittag trinken sie fünfzig Flaschen Sekt, und hernach steigen sie auf die Hühnerleiter, ganz oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen! Wundert's dich, daß wir so dreckig sind? Mich wundert's nicht!”

Dauphin freute sich über diese Rede, die er freilich nicht verstand, wieherte und trug den Kopf höher als sonst.

Er sah eine Kompagnie, die auf dem Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel schrie einen Gemeinen an:

„Mensch! Sie wollen Feldwebel werden: werden Sie doch erst einmal Mensch!”

Der Angeschrieene hob den Kopf und schrie dagegen:

„Feldwebel will ich werden!”

An der Wache vorn am Kasernentor hielt Balthasar sein Gäulchen an,weil er mit einem Kollegen etwas zu reden hatte. Zwei Soldaten in Drillichzeug schleppten eine verschlossene eiserne Kiste aus dem Stübchen, das hinter dem Wachtstübchen lag.

„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach der eine.

„Geld stinkt!” erwiderte der andere.

„Auch die Fahnen, die dahinter stehen, stinken, Ambros!”

„Alle Signale stinken, Willi, der Mensch aber ist frei!”

„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber auch er ist aus Dreck gemacht, Ambros!”

Zum Glück verstand Dauphin auch dieses Gespräch nicht, aber er reckte doch den Kopf zu den beiden Geldträgern hin, weil er wieder ein bißchen Freude an den Menschen hatte.

Balthasars Freundlichkeit versickerte gleich wieder, und des Pferdchens Kopf sank wieder, und seine Augen besahen die Steine, die seine Hufe betreten mußten.

Einmal trottete er mit dem Mistwagen im Schatten der Linden rund um den Kasernenhof herum, indes Balthasar bei Soldaten stand, die höchst eifrig Strohsäcke stopften. Viermal trottete Dauphin so hinterm Rücken Balthasars vorbei, und jedesmal hörte er Balthasar nießen und seinen Laut ausstoßen:

„E Zigga, e Zigga!”

Als er zum fünftenmal vorüberkam, sah er, wie einer der Soldaten dem Balthasar eine Zigarre in den Mund steckte, ein Streichholz am Schenkel anstrich und sagte:

„Nun mach' dich mit deinem Räppchen aus unserem kaiserlichen Staub!”

Die Soldaten erregten Dauphins Teilnahme fast nicht mehr. Ihr Trommelschlag, ihre Marschmusik, ihre bunten Kleider, ihr Feldgeschrei, das sie zwischen den Mauern ausstießen, nichts erregte Dauphins Aufmerksamkeit. In sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und dieErinnerung an glanzvolle Tage verblaßte in seiner Seele. Neigung zu Schlaf zeigte sich.

Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und es ist wahrscheinlich, daß vor seinem geistigen Auge sich die Bilder seiner frühesten Jugend zeigten, das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweils wieder zur Stadt zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder.

Der Koch der dritten Kompagnie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin wollte sich nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln füttern lassen und biß nur selten an, wenn er nicht gerade ganz großen Hunger hatte, und oft geschah es, daß derKoch ihm die weichen Kartoffeln in die Nüstern stumpfte. Da schreckte Dauphin wie aus Träumen auf, ließ entsetzt die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber hermachten und zwilchten und zankten, bis alles aufgefressen war.

Auch die Kinder umjubelten Dauphin immer seltener und schließlich gar nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen, zu rufen begannen:

„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen wäre, Dauphins Soldatenname!

Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:

„Dauphin!”

Er reißt den Kopf hoch, — spürt er nicht den Husarenschweif zwischen den Ohren schwanken? —, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.

Wieder ruft jemand:

„Dauphin!”

Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der „Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft „Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphintrottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten. Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen. Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe heftig auf und ab.

„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel und will ihn mit sich ziehen.

Aber Dauphin hebt keinen Fuß undläßt sich nicht so mir nichts dir nichts fortzerren.

Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:

„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”

„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.

„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.

Balthasar sagt kein Wort und iststill wie immer und hat die Hände auf dem Rücken liegen wie immer.

Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.

Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher Klepper schon zerkaut hatte!

Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den Schatten derGartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.

Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.

Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.

Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den glorreichen Tag Dauphins.

Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.

Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des Biergartensgleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.

Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.

Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen. Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.

Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu plaudern.

„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.

„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”

Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!

Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das ungeheuer Spaß machte, — es war so fröhlich wie früher im Zirkus —, nieste dreimal hintereinander.

Hellauf lachten die Kinder.

Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.

Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!

Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober hinaufgelegt war.

Da wußte Dauphin, was nun kommenmüsse, denn hinter der Leiter sah seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große, halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, — wißt ihr's noch, ihr lauten Kinder? —, den Atem nahm.

Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter.

Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr beengt war, und sie spannten es aus.

Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.

Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen, kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.

Da läßt Dauphin die Beine langsamvon der Leiter hinab und wird eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...

Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:

„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's auf mich ankommt!”

Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.

Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte eine Muskel.

Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommtmit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten zu Dauphin her.

„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar entgegnet:

„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”

Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt ihm leichthin auf die Achsel und sagt:

„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf, Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand Kostgänger!”

Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!

Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen, wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen nichtmehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem hungrigen Maul.

Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die Blumenblühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.

Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den Kieseln des Jammertales! Der Sommerkam, und die Ernte blieb im Regen sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.

Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt! Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen, und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten,und sie banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die weiße Blesse hing.

Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.

Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine eingefältelte Narbe in der Höhle hat.

Er trägt Balthasars Mütze: er rauchtZigaretten, er fängt gleich am ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben, ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.

Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet, und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten stürmenaufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen, schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher. Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.

Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme, daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.

Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm in die gespitzten Ohren:

„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie zuSchustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine Schuld an deinem Geschick!”

Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu hören:

„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du an der Spitze meiner Truppenau milieu de mes troupesin Paris einziehen!”

„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche vergrämte Seele hat sich an uns wiedergesund gefreut! Weißt du's noch, Dauphin?”

Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß, und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe, und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.

„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte: „Auf Vater und Mutter schießen!”

„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und Dauphin, in dessen Herz unter allerleiUnrat noch mehr Natur lebte als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen klagenden Laut zum Himmel.

„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben! Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden! Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht ihr da? ... Das Tier!!”

„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.

„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”

„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.

„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen! Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen! Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann mannicht aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow! O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten — das ist ein echtes Hohenzollernwort — verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”

Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:

„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”

Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:

„Schwarz, weiß, rot! Was daranjunkerisch ist, schwarz und weiß, das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur befreienden Tat!”

Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.

Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück in seinen neuen Alltag.

Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl! Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die sich nicht wollen revolutionierenlassen: was braucht Balthasar eine Revolution?

Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen schien, hatte unverhofft Glück!

Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse.

Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße, erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen, von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den Kopf hochträgt und die Augenin die Zuschauer sinken läßt, sieht man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da stehen, gehen heim und verwinden die Tränen.

In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.

Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen, wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war. Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts.

Als die versunkenen Kanoniere erstweit draußen vor der Stadt den kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete. Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk stadtwärts, und Dauphin ließ denKopf wieder hängen, denn er schämte sich vor den großen Gäulen sehr.

In die Kaserne ging's!

„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause, „die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag gedulden können!”

Dieser Tag kam nach drei Tagen!

Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt, sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule standen, die vor Hunger stampften.

Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei Burschen in den Stall, banden eiligden kleinen Dauphin los und führten ihn durch ein Hintertürchen — Dauphin verstand es wohl, sich zu bücken — davon.

Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich ausbreitete.

Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar ausgezeichnet zu sein!

Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung verharrte, am Heu eines Protzkastens,fraß nicht, hälmelte nur so und war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt!

Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden, rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von jedermann in den Mund gucken lassen!

Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf.

„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu:

„Kannst ihn billig haben!”

„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig Mark!”

Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine ergriff:

„Emma heißt sie doch, gelt?”

Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich:

„Emma! Freilich, wie denn sonst!”

Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber sie beide achteten nicht darauf!

Sie entfernten sich weiter von derStadt, überschritten die Brücke, die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang sich auf seinen Rücken.

Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit, unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig des mürrischen Balthasar!

Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel, und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen Namen hatte!

„Will Emma auch ein Stück Brot?”

Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot!

Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen! Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen!

Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und der Schweiß verkroch sich wieder.

Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:

„Siehst du, Emma, dort oben hinterdiesem Buckel ist unsere Heimat! Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr geben!”

Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eineDreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht.

An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.

„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die Butter und für die Eier!”

Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleineKinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich seine sonore, hastige Stimme:

„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!”

Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.

„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht wieder verkauft! Emma gehört mir!”

„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater sagte:

„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!”

„Und wenn du ihn verkaufen solltest:nicht unter tausend Mark, und diese tausend Mark für mich auf die Kasse!”

„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”

„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif und schien über die Maßen beglückt zu sein.

Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die beiden Milchkälber neben sich und mußtesehen, wie die acht Kinder sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf trinken mußten.

Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt, und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.

Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei ihr, denn die Straße her kamenetwa zwanzig Soldaten zu vieren im Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf das Gäulchen und schrie:

„Riesele! Riesele!”

Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander, und der eine Soldat rief unausgesetzt:

„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren war!”

Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund und schrie und tobte:

„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”

„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!”

„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund.

Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige.

„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!”

Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich zu schmunzeln begann.

Riesele aber zog mit. Es hatte denHandel still über sich ergehen lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist alleweil der ewige Nährboden der Seele.

Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. JungeMädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!

Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke mit.

Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die Ohrenspitzten fast so hoch als die der Soldaten.

Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus.

Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner, und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten blieben zurück, zwei stiegen aus.

Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon gesehenhatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen um die bessere Zukunft.

Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.

Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus: er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel, die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen Schalenihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter bestrichen war.

Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab, eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine Frau an der Hand und führte die Seinen heim.


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