Alte Krokodilier.
Abb. 3. Belodon oder Neckarsaurier.
Abb. 3. Belodon oder Neckarsaurier.
Gegen das Ende des Altertums (jüngste Steinkohlenperiode und Perm) erscheinen Reptilien von eidechsenartiger Gestalt,aber sie haben noch viele Merkmale mit Panzerlurchen gemein, besonders im Bau der Wirbelsäule, der Glieder und der Zähne. Sie haben sich also aus Uramphibien entwickelt, und zwar in der Weise, daß sie die Kiemenatmung vollständig unterdrückten und ausschließlich mit Lungen atmeten, womit eine Vervollkommnung des Blutkreislaufs, gänzliche Verknöcherung des Skeletts und vollkommenere Entwicklung der Jungen im Ei, teilweise sogar im Mutterleib nebenher ging. Zu achtunggebietender Entfaltung bringen sie es in der Triaszeit. Eine der berühmtesten Formen ist derPfeilzahnoderBelodon(belos: Pfeil undodon: Zahn), von Professor FraasNikrosaurus, das heißtNeckarsaurieroderNeckardrachegetauft. Seine prachtvollen Überreste sind aus dem schwäbischen Keuper,[2]und zwar aus dem sogenannten Stubensandstein von Stuttgart zutage gefördert worden und nun im Stuttgarter Naturalienkabinett aufgehoben. Der Neckarsaurier war, wie unsere Abbildung veranschaulicht, ein sehr stattliches krokodilartiges Reptil mit langgestreckter, wohlbezahnter Schnauze und kräftigem Panzer. Es muß eine Länge von mehr als 6 Meter erreicht haben; der Kopf allein ist zirka 1 Meter lang. Die Nasenlöcher sind nicht vorn an der Schnauze, sondern weit oben in der Nähe der Augen, also wohl Spritzlöcher, wie die heutigen Walfische sie haben. DasTier war hierdurch instand gesetzt, das beim Ergreifen der Beute eingedrungene Wasser durch die Nasenlöcher zu entfernen, ohne die Kiefer aus dem Wasser bringen und öffnen zu müssen. So sehr der Neckardrache aber auch an Krokodile erinnert, so weicht er doch von diesen in manchen Merkmalen sehr bedeutend ab. „Der erste Blick schon zeigt,“ sagt Fraas, „daß der Keuper hier einen Saurier bietet, der mit keinem der lebenden sich vergleichen läßt, so wenig er mit einem Saurier der Juraperiode stimmen will. Von oben gesehen hat der Schädel einige entfernte Ähnlichkeit mit den ostasiatischen Krokodilen, dem Gangesgavial und dem Krokodil von Java, aber die Nasenlöcher, die bei diesen am Vorderrand der Schnauze sind, fallen ins hintere Dritteil der Schädellänge. Auch von der Seite gesehen ist kein Krokodil mit solcher Pferdenase bekannt. Andererseits erinnert die Lage der Nase in der Augengegend an Eidechsen, dagegen sind Eidechsen mit langen Schnauzen und schmalen Kiefern wieder etwas Fremdartiges. Fast möchte man an Wale und Delphine denken. Die Zähne stecken wie bei krokodilartigen Tieren in besonderen Höhlen und ersetzen sich auf dieselbe Weise. Sie sind in Form und Größe mannigfaltiger als bei jedem anderen bekannten Reptil, dabei die Wurzel eher schwächer als die Krone. Der Zahl nach sind es 175 bis 180. Vorn stehen große kegelförmige Fangzähne, auf diese zunächst kleinere und nach hinten wieder größere und flachere Kauzähne. Die bikonkaven, das heißt auf beiden Seiten ausgehöhlten Wirbelkörper, der zweiteHalswirbel, ein Hakenschlüsselbein, das Darmbein erinnern an die Warneidechsen (große 1,5 Meter lange Eidechsen, die hauptsächlich in Afrika vorkommen), dagegen die Halsrippen, Rückenrippen, Schwanzwirbelbogen und das Schulterblatt wieder an Krokodile. Der Fuß stimmt wieder am meisten mit dem Gangeskrokodil, dem Gavial und jurassischen Panzersauriern überein.“
Abb. 4. Gangeskrokodil.
Abb. 4. Gangeskrokodil.
Die auffallende Erscheinung, daß ein altes Lebewesen die Merkmale von mehreren heute scharf getrennten Familien, Ordnungen oder gar Klassen vereinigt, als wäre es aus Bruchstücken von solchen zusammengeflickt worden, ist ganz allgemein und erklärt sich aus der Tatsache, daß jeweils aus einer gewissen Stammform eine Menge Nebenstämme, Äste und Zweige hervorgegangen sind. Nach dem alten Schöpfungsglauben war hierfür keine vernünftige Erklärung möglich, und die älteren Forscher standen der Erscheinung verständnislos gegenüber.
Außer Württemberg haben auch Franken, Braunschweig und Nordamerika Belodonten geliefert. Eine verwandte, viel kleinere, aber sehr zierliche Gattung, nur etwa 1 Meter lang, ist derAëtosaurus. Bei Stuttgart wurden auf einer Steinplatte nicht weniger als zwei Dutzend vollständige Individuen gefunden; das Prachtstück ist im Stuttgarter Naturalienkabinett zu sehen. Im gemütlichen Schwabenland hat es einst von Krokodilen und Drachen nur so gewimmelt, und wir werden noch des öfteren darauf zu sprechen kommen.
An dieser Stelle mag noch einTatzelwurm, derTeleosaurus, das heißt der „vollkommene Drache“ erwähnt werden. (Siehe Juralandschaft, das große Reptil im Vordergrund.) Er stand ungefähr in der Mitte zwischen den Neckarsauriern und den heutigen Krokodilen, speziell dem Gangesgavial, daher auch der seltsame Name, welcher besagt, daß er mit der modernen Tierwelt vollkommen (teleos) übereinstimmt. Das Tier wurde 5 bis 6 Meter lang, trug einen starken Rücken-, Brust- und Bauchpanzer und hatte vier kräftige Pratzen, deren Zehen durch Schwimmhäute verbunden waren. Die Vorderglieder waren nur halb so lang als die hinteren und dienten wohl hauptsächlich, um sich damit am Ufer emporzuschieben. Der Schädel endet in eine lange schmale Schnauze mit vielen spitzigen, ungleich hoch und schief stehenden Zähnen. (Siehe Tafel Juralandschaft.) Die Nahrung bestand wohl aus Fischen, Tintenfischen, kleinerenLurchen und Reptilien, gelegentlich auch aus Tangen. Die „Tatzelwürmer“ hielten sich vermutlich in seichten Buchten auf und waren gute Schwimmer; auf dem Lande waren ihre Bewegungen watschelnd und ungeschickt. Trotz ihrer „Vollkommenheit“, welche sie fast zu modernen Geschöpfen macht, hatten sie doch auch reaktionäre Rückfälle; ihre Wirbel waren nämlich denen der Uramphibien und Fische ähnlich, steckten also gewissermaßen noch im Altertum drin, eine Folge von erblicher Belastung. Wunderschöne versteinerte Exemplare findet man in der Juraformation bei Holzmaden und Boll (Württemberg) und bei Banz in Franken, auch in England und Frankreich.
[2]Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
[2]Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
[2]Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.