Schlangen- oder Langhalsdrachen.

Schlangen- oder Langhalsdrachen.

Abb. 5. Nothosaurus.

Abb. 5. Nothosaurus.

Auf unserer Abbildung 5 gewahren wir ein seltsames Reptil mit langem, schlankem Hals und weit aufgesperrtem Rachen — es ist einNothosaurus(Bastardechse), ein Mittelding oder Bastard von Schlangendrache und Urkrokodil, offenbar ein gefährlicher Seeräuber, der sich aber auch am Strande leidlich gut bewegen konnte. Der Schlangenhals, der mindestens 20 Wirbel zählt, befähigte ihn, die Beute aus beträchtlicher Tiefe heraufzuholen. Der flache, eckige Kopf birgt ein sehr kleines Gehirn, weist also von vornherein auf wenig Intelligenz, aber die Sinnesorgane sind gut ausgebildet. Eines Panzers bedurfte das Tier nicht; es vermochte sich mit Hilfe des scharfen Gebisses und der großen Beweglichkeit des Halses gegen Feinde genügend zu schützen. Daß es von ausgesprochenen Landtieren abstammt und sich nur allmählich wieder ans Element seiner Urahnen — der devonischen Urmolche — angepaßt, also in gewissem Sinne den umgekehrten Entwicklungsgang der letzteren eingeschlagen hat, ist so gut wie erwiesen. Man kennt nämlich auch kleinere Formen mit gewöhnlichen Schreitbeinen und solche, die erst an den Vorderfüßen Schwimmhäute haben.

Abb. 6. Skelett des Plesiosaurus.

Abb. 6. Skelett des Plesiosaurus.

Die Nachkommen der Nothosaurier setzten die angefangene Entwicklung fort und paßten sich immer besser ans Meerleben an. Dies führte zum Typus der eigentlichenSchlangendrachenoderPlesiosaurier. Das sind höchst merkwürdige Tiergestalten. In England, wo die schönsten Exemplare gefunden wurden, verglich man sie mit einer durch den Körper einer Schildkröte gezogenen Riesenschlange, daher der Name. Der auffallendste Körperteil ist der lange Schwanenhals, der bis 41 Wirbel zählt. Beiläufig mag erwähnt werden, daß der Hals des Schwanes 23,der Giraffenhals bloß 7 Wirbel besitzt. Die Riesen unter den Schlangendrachen hatten einen 4 bis 5 Meter langen Hals bei einer Gesamtlänge von zirka 9 Meter. Auf demselben saß ein kegelförmiger, verhältnismäßig kleiner Eidechsenkopf mit spitzen Krokodilszähnen. Das Rumpfskelett ist sehr kräftig gebaut und läßt auf eine gewaltige Muskulatur schließen. Irgendwelche Spuren von Bepanzerung sind nie gefunden worden; der Körper war somit nackt und wohl nur mit einer schlüpfrigen Lederhaut bedeckt, was für schnelles Schwimmen und Tauchen von großem Vorteil war. Der nicht sehr lange, aber doch kräftige Schwanz trug vermutlich eine Flosse, welche als Steuer diente. Die Beine waren zu gewaltigen Paddeln umgewandelt, also ausschließlich zum Rudern, nicht zum Gehen an Land eingerichtet. Die langen Finger steckten in einer dicken Haut wie in einem Fausthandschuh, glichen somit den Paddeln der Seeschildkröten; aber sie erreichten eine viel bedeutendere Größe.

Abb. 7. Plesiosaurus, rekonstruiert.

Abb. 7. Plesiosaurus, rekonstruiert.

Die Schlangendrachen waren sicherlich höchst gefährliche Räuber, der Schrecken des Meeres. Aus bescheidenen Anfängen in der Trias entwickeln sie sich zu immer riesigeren Formen und sterbenin der Kreidezeit aus, so daß die heutige Tierwelt nichts Ähnliches aufweisen kann. Der Plesiosaurus war sozusagen das Urbild eines schwimmenden Wirbeltiers von höherer Organisation; was sich an ihm bewährt hat, finden wir auch heute noch, aber auf viele getrennte Ordnungen verteilt. Die Schädelmerkmale müssen wir bei den Krokodilen und Eidechsen, die Wirbel bei den Fischen, den Brustkorb bei den Schildkröten suchen; den langen Hals hat der Schwan geerbt, die Ruderfinnen und den Steuerschwanz der Delphin; doch ist bei diesem der Schwanz zu einem wichtigeren Schwimmorgan geworden. Man kann es bedauern, daß so interessante Sippen wie die Schlangendrachen verschwunden sind, aber das ist der Welt Lauf; alles ist vergänglich und muß Neuem Platz machen; wie wäre sonst überhaupt Neues und Besseres und Schöneres möglich?


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