Fischdrachen.

Fischdrachen.

Ein Zeitgenosse und Konkurrent des Plesiosaurus ist der Ichthyosaurus (vonichthys: Fisch undsaurus: Echse), zum Scherz wohl auch das „schwäbische Haustier“ genannt, denn der schwäbische „schwarze“Jurabirgt dessen versteinerte Reste in fabelhafter Zahl, als wären sie dort förmlich gezüchtet worden. Offenbar lebten jene Seeräuber scharenweise in sogenannten Schulen beisammen gleich den Walfischen, Walrossen und Seehunden. Außer in Schwaben, das sieben Arten geliefert hat, findet man sie in Bayern, Frankreich, England, Spitzbergen, Nord- und Südamerika, Ostindien, Australien und Neuseeland. Die untere Juraformation Englands (Lias) weist nicht weniger als 26 Arten auf. Die Fischdrachen haben sich ans Wasserleben noch vollkommener angepaßt als die Schlangendrachen und gleich den Walen, die eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, die Fischform angenommen. Die ältesten Arten (Mixosaurus, Phalarodon usw.) sind von geringer Größe und lassen erkennen, daß sie von landbewohnenden Panzermolchen abstammen. Jahrmillionen hindurch waren die Fischdrachen neben den verwandten Schlangendrachen die Beherrscher des Meeres, denn es waren gar großschnauzige und gewalttätige Herren, erreichte doch die größte Art,Ichthyosaurus ingens, das heißt der Riesen-Fischdrache, 12 Meter Länge, wovon fast ein Drittel auf den Kopf entfällt. In den ungeheuren Kiefern steckten über 200scharfe, spitze Zähne, und zwar nicht in besonderen Höhlen, sondern in einer gemeinsamen Rinne des Kieferknochens; sie wurden nur durch das Zahnfleisch aufrecht gehalten und fielen nach dem Tode leicht aus. Eine solche Befestigung der Zähne findet sich heute noch bei zwei Walfischarten.

Abb. 8. Ichthyosaurus (Fischdrache).

Abb. 8. Ichthyosaurus (Fischdrache).

Einen merkwürdigen Anblick bieten die Augen; sie sind von erstaunlicher Größe — wie Teller — und geschützt durch einen aus zahlreichen Platten bestehenden Knochenring. Wir dürfen wohl annehmen, daß dessen Besitzer imstande war, auch in beträchtlicher Tiefe wie im Dunkel der Nacht die Beute zu erspähen. Wie beim Neckarsaurier befinden sich die Nasenlöcher im hinteren Teile der langen Schnauze, unmittelbar vor dem Augenwinkel, und haben wohl als Spritzlöcher funktioniert, was auf unserer Juratafel angedeutet ist. Wahrscheinlich waren die Tiere imstande, lange unter Wasser zu verweilen, jedoch genötigt, von Zeit zu Zeit an der Oberfläche zu erscheinen, um frische Luft einzuatmen. Zum Unterschied von den Schlangendrachen ist der Hals sehr kurz, kaum erkennbar. Die Wirbelsäule besteht aus zirka 150 Wirbeln, welche ähnlich geformt sind wie jene der Fische. Die Schwanzregion ist an einer gewissen Stelle häufig abgeknickt, was von der großen schweren Ruderflosse, die sie zu tragen hatte, herrührt. Die Glieder sind zu kräftigen Ruderflossen entwickelt undgleichen äußerlich den Walfischfinnen. Außer paarigen Paddeln und der großen Schwanzflosse besaßen die Tiere noch eine gewaltige Rückenflosse, die in mehrere Lappen geteilt war und sich von der Mitte des Rückens bis zum Schwanz hinzog. Bei dem auf Seite 26 abgebildeten Exemplar sind merkwürdigerweise alle Flossen sehr schön erhalten, so daß man jetzt nicht mehr auf bloße Vermutungen angewiesen ist. „Alles an diesem Tier ist merkwürdig,“ schreibt O. Fraas; „von der Form eines Schwertwals, besaß es die Schnauze eines Delphins, die Zähne eines Krokodils, den Kopf einer Eidechse, die Wirbel eines Fisches, das Brustbein des australischen Schnabeltiers und breite Ruderfüße eines Wals.“ Von einer schützenden Körperbedeckung ist nichts zu entdecken, die Haut war vollkommen nackt.

Wie halbverdaute und unverdaute Reste in der Magengegend und die in großer Menge vorhandenen Exkremente (Kotballen) beweisen, bestand die Nahrung der Fischdrachen hauptsächlich aus Fischen und Kopffüßern (Tintenschnecken, Ammoniten und Belemniten). Durch den Tintenbeutel der letzteren ist oft der Mageninhalt dunkel gefärbt. Die versteinerten Kotballen oderKoprolithenzeigen stets mehr oder weniger deutliche Spiralfurchen, was offenbar von einer spiralig gewundenen Hautfalte des Mastdarms, der sogenannten Spiralklappe, herrührt. Dasselbe ist von einigen Panzerlurchen bekannt. Unter der heutigen Tierwelt weisen nur die interessanten Lurchfische, die Haie und Störe, alles sehr alte Sippschaften, einen derartigen Apparat auf. Die Koprolithen, die durch ihren Gehalt an Phosphorsäure sich als Dünger eignen, finden sich in einzelnen Schichten des englischen Lias in solcher Menge, daß sie bergmännisch abgebaut werden. Beim Anschleifen zeigen sie oft hübsche Zeichnungen, so daß sie auch zur Herstellung von Knöpfen und Broschen benutzt werden, gewiß eine höchst auffällige Verwendung von Exkrementen.

Die Ichthyosaurier brachten die Jungen lebendig zur Welt, entgegen allen Gewohnheiten der Reptilien. Man fand einige Weibchen in „interessanten“ Umständen, die Jungen schön entwickelt und völlig unversehrt hinter dem Magen, mit der Schnauze nach hinten gerichtet. Bei einigen Funden gewinnt man den Eindruck, daß die Jungen verschlungen worden seien, und es ist daher wahrscheinlich, daß die nimmersatten Fresser demKannibalismus gehuldigt und ihr eigen Fleisch und Blut nicht verschont haben.

Vielleicht interessiert es den Leser, noch einiges zu hören über die Gewinnung der Saurierleichen in Württemberg. Oskar Fraas schreibt darüber:

Da bekanntlich der Wissenschaft die Mittel immer fehlen, die gerade nur in ihrem Interesse aufgewendet werden sollen, so muß sie sich an sehr unwissenschaftliche Arbeiten anlehnen, in diesem Falle an die Gewinnung von Bodenplatten für Hausfluren, Keller und Viehställe, oder an die Industrie in Mörtel und Zement, oder gar ans duftige Schieferöl. Die eine ruft in Schwaben, die andere in Frankreich und England die Saurier wieder ins Leben. In Schwaben sind es die Orte Holzmaden, Zell, Ohmden, Isingen, Boll, darin seit Jahrhunderten die Plattenindustrie getrieben wird. Der Name vonBoll, des alten, schon von Bauhin[3]verherrlichten Badeortes, ist dem Auslande der bekannteste. Auf einer Quadratrute Oberfläche (eine Rute = 3 Meter) liegt durchschnittlich ein „Tierle“, wie der Arbeiter die Saurier nennt. Da liegen sie in ihren vieltausendjährigen Steinsärgen, vom Schiefer dicht umhüllt, nur die rohen Umrisse erkennt man gleich den in Leinwand gewickelten Mumien. Man sieht den Kopf durchblicken, die Wirbelsäule, die Lage der Glieder, die ganze Länge des Tieres, und raschen Blickes erkennt an dieser Form schon der Arbeiter, ob’s ein Tier ist mit Flossen oder mit „Pratzen“ (das heißt ob Ichthyosaurus oder Teleosaurus). Ist doch ein „Pratzentier“ ums Dreifache mehr wert als eines mit Flossen. Aber nicht danach bloß richtet sich der Preis: das Wichtigste ist, wie und wo das Tier liegt, ob im festen, dauerhaften „Fleins“, was das Erwünschteste ist, ob es Schwefelkies führt, was leider die schönsten Stücke oft unbrauchbar macht, und namentlich, ob am Stück nichts fehlt, wenn die Platte durch das Schrämen oder durch natürliche Abgänge entzweiging. Bis zu 100 Gulden (210 Franken oder 168 Mark) wird für ein vollständiges Tier bezahlt. Der Arbeiter tut keinen Schritt zum Verkauf des Fundes, er stellt ihn ruhig zur Seite, weiß er doch, daß fast von Woche zu Woche die Käufer kommen, die Unterhändler der Kabinette und wissenschaftlichen Sammlungen. Kein Pferdehandel wird je mit solchem Eifer abgeschlossen, mit solchem Aufgebot aller Beredsamkeit und Entfaltung aller Künste und Kniffe, als der Saurierhandel, und keiner erfordert neben genauer Kenntnis der Stücke so viele Schlauheit, um nicht, da ohnehin die Katze im Sacke gekauft wird, zu Schaden zu kommen. Kein Kauf endlich kommt zustande, ohne daß der Käufer noch die besondere Verpflichtung eingehen muß, mit verschiedenen Wein- und Mostflaschen dem gefallenen Helden eine Totenfeier zu veranstalten.Noch steht aber das schwierigste Geschäft bevor, es gilt jetzt, den Saurier zu „putzen“, das heißt ihn aus der Schieferhülle zu lösen und seine alten Knochen ans Licht der Sonne zu bringen. Nur Vertrauten darf solche Arbeit überlassen werden, eine unkundige Hand „schindet“ das Tier. Monatelang dauert bei manchen die Arbeit, denn mehr mit Grabstichel und Nadel, als mit Hammer und Meißel muß das Gebirge (Gestein) vom Knochen genommen werden. Wer nicht selbst schon den Grabstichel geführt hat, versteht nichts von den Freuden, die den Kenner erfüllen, wenn er den Verlauf eines Knochens im Schiefer verfolgt und jeden Tag ein Stückchen, schließlich das harmonische Ganze des Tieres vor Augen legt.

Da bekanntlich der Wissenschaft die Mittel immer fehlen, die gerade nur in ihrem Interesse aufgewendet werden sollen, so muß sie sich an sehr unwissenschaftliche Arbeiten anlehnen, in diesem Falle an die Gewinnung von Bodenplatten für Hausfluren, Keller und Viehställe, oder an die Industrie in Mörtel und Zement, oder gar ans duftige Schieferöl. Die eine ruft in Schwaben, die andere in Frankreich und England die Saurier wieder ins Leben. In Schwaben sind es die Orte Holzmaden, Zell, Ohmden, Isingen, Boll, darin seit Jahrhunderten die Plattenindustrie getrieben wird. Der Name vonBoll, des alten, schon von Bauhin[3]verherrlichten Badeortes, ist dem Auslande der bekannteste. Auf einer Quadratrute Oberfläche (eine Rute = 3 Meter) liegt durchschnittlich ein „Tierle“, wie der Arbeiter die Saurier nennt. Da liegen sie in ihren vieltausendjährigen Steinsärgen, vom Schiefer dicht umhüllt, nur die rohen Umrisse erkennt man gleich den in Leinwand gewickelten Mumien. Man sieht den Kopf durchblicken, die Wirbelsäule, die Lage der Glieder, die ganze Länge des Tieres, und raschen Blickes erkennt an dieser Form schon der Arbeiter, ob’s ein Tier ist mit Flossen oder mit „Pratzen“ (das heißt ob Ichthyosaurus oder Teleosaurus). Ist doch ein „Pratzentier“ ums Dreifache mehr wert als eines mit Flossen. Aber nicht danach bloß richtet sich der Preis: das Wichtigste ist, wie und wo das Tier liegt, ob im festen, dauerhaften „Fleins“, was das Erwünschteste ist, ob es Schwefelkies führt, was leider die schönsten Stücke oft unbrauchbar macht, und namentlich, ob am Stück nichts fehlt, wenn die Platte durch das Schrämen oder durch natürliche Abgänge entzweiging. Bis zu 100 Gulden (210 Franken oder 168 Mark) wird für ein vollständiges Tier bezahlt. Der Arbeiter tut keinen Schritt zum Verkauf des Fundes, er stellt ihn ruhig zur Seite, weiß er doch, daß fast von Woche zu Woche die Käufer kommen, die Unterhändler der Kabinette und wissenschaftlichen Sammlungen. Kein Pferdehandel wird je mit solchem Eifer abgeschlossen, mit solchem Aufgebot aller Beredsamkeit und Entfaltung aller Künste und Kniffe, als der Saurierhandel, und keiner erfordert neben genauer Kenntnis der Stücke so viele Schlauheit, um nicht, da ohnehin die Katze im Sacke gekauft wird, zu Schaden zu kommen. Kein Kauf endlich kommt zustande, ohne daß der Käufer noch die besondere Verpflichtung eingehen muß, mit verschiedenen Wein- und Mostflaschen dem gefallenen Helden eine Totenfeier zu veranstalten.

Noch steht aber das schwierigste Geschäft bevor, es gilt jetzt, den Saurier zu „putzen“, das heißt ihn aus der Schieferhülle zu lösen und seine alten Knochen ans Licht der Sonne zu bringen. Nur Vertrauten darf solche Arbeit überlassen werden, eine unkundige Hand „schindet“ das Tier. Monatelang dauert bei manchen die Arbeit, denn mehr mit Grabstichel und Nadel, als mit Hammer und Meißel muß das Gebirge (Gestein) vom Knochen genommen werden. Wer nicht selbst schon den Grabstichel geführt hat, versteht nichts von den Freuden, die den Kenner erfüllen, wenn er den Verlauf eines Knochens im Schiefer verfolgt und jeden Tag ein Stückchen, schließlich das harmonische Ganze des Tieres vor Augen legt.

[3]Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des Herzogs von Württemberg.

[3]Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des Herzogs von Württemberg.

[3]Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des Herzogs von Württemberg.


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