Schreckdrachen.

Schreckdrachen.

Bei einer früheren Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, daß die Katastrophentheorie, wonach von Zeit zu Zeit alles Lebende vernichtet und die Welt plötzlich umgestaltet worden, als überwunden gelte; sie verträgt sich mit den Ergebnissen der neueren Forschung nicht und steht im Widerspruch mit der gesamten modernen Weltanschauung. Die Wissenschaft weist nach, daß seit den ältesten Zeiten eine ununterbrochene Entwicklung stattgefunden hat und daß auch in der Vorzeit dieselben Naturkräfte und -gesetze wirksam gewesen sind wie heute. Wenn aber die Meinung aufkam, daß die Entwicklung stets in derselben Weise und demselben Tempo vor sich gegangen wie in unseren Tagen, so lag auch hierin wieder ein kleiner Irrtum. Wie das Auftürmen von Falten- und Überschiebungsgebirgen, das Absinken riesiger Erdschollen, das Hereinbrechen des Ozeans, der Wechsel des Klimas periodisch erfolgte, unterbrochen durch lange Pausen, so auch die Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt. Es gibt Zeiten verhältnismäßig großer Ruhe, wo die Welt fast stillzustehen scheint, und wieder solche gewaltiger Bewegung, wo alles wankt und ein allgemeiner Umsturz sich geltend macht. Das sind die großen Epochen der Erdgeschichte, die sich mit jenen der Menschheits- oder Kulturgeschichte vergleichen lassen. Im Gefolge der großen Umwälzungen, die eine neue Periode einleiten, tauchen zahlreiche neue Typen auf, während alte, die jenen nicht mehr die Stange halten können, verschwinden oder doch die Herrschaft abgeben und sich aufs Altenteil zurückziehen. Die Fortschrittler stürmen vorwärts und entwickeln immer neue, immer gewaltigere Kräfte, bis auch ihre Zeit abgelaufen ist. So erging es auch denSchreckdrachen oder Dinosauriern(vondeinosoderdinos: schrecklich). Das war ein himmelstürmendes Titanengeschlecht, eine Sippschaft von ebenso kolossalen wie seltsamen, zum Teil geradezu fabelhaften Wesen, und diese Riesensippe endete mit einer winzigen, unbedeutenden Art, die sich als lebendes Fossil bis in unsere Tage hinübergerettet hat. Dieser „letzte Mohikaner“ ist dieBrückeneidechseNeuseelands (Hatteria), bis vor kurzem ebenso unbeachtet und unbekannt wie die uralten Molchfische der südlichen Halbkugel, die überhaupt einer ganzen Reihe überlebter Typen noch eine kümmerliche Existenz ermöglicht hat. Das meterlange Tier, das heute sehr selten und offenbar im Aussterben begriffen ist, sieht äußerlich einer gewöhnlichen Eidechse ähnlich, hat aber Fischwirbel gleich den Fisch- und Schlangendrachen und auch sonst allerlei Merkmale, welche nur bei den Uramphibien und Urreptilien vorkommen, steht also in gewissen Beziehungen noch tiefer als die Schreckensechsen der Trias-, Jura- und Kreideperiode.

Die Schreckdrachen erinnern in Größe und Gestalt vielfach an die Drachen der Sage, können aber diesen nicht als Vorbilder gedient haben, da sie schon vor dem Auftreten des Menschen ausgestorben waren. Man kennt heute zirka 50 Gattungen mit mehr als 100 Arten, und Jahr um Jahr werden wieder neue erstaunliche Funde gemacht. Außer Europa haben besonders Nordamerika und Ostafrika solche geliefert. Es sind darunter Tiere, welche mehr als Elefantengröße haben, aber auch solche, die nur die Größe einer Katze erreichen. Merkwürdigerweise zeigen manche im Knochenbau entschiedene Annäherung an Vögel, woraus wohl geschlossen werden darf, daß beide aus einer gemeinsamen Wurzel abstammen, die man allerdings zur Stunde noch nicht kennt, die aber möglicherweise eines Tages gefunden wird. Im folgenden mögen einige der wichtigsten und interessantesten Gattungen dem Leser in Bild und Wort vor Augen geführt werden.

Im zweiten Teil dieser Erdgeschichte wurde darauf hingewiesen, daß nach der großen Steinkohlenperiode, während welcher Jahrmillionen hindurch sehr gleichartige Zustände in bezug auf Verteilung von Land und Meer, Klima, Pflanzen- und Tierwelt geherrscht haben, ein gewaltiger Umschwung eingetreten sei. Auf der nördlichen Halbkugel fanden großartige Erdverschiebungen statt; es bildeten sich tiefe Spalten, die den schmelzflüssigen Massen in der Tiefe als Ausbruchspforten dienten und Anlaß zur Bildung zahlloser Vulkane und vulkanischer Ergüsse gaben. Niedriges Sumpfland wechselte mit Brackwasser- und Süßwasserseen, neue Gebirge entstanden; dann wurde das Festland vielfach zur Wüste und die salzigen Binnenmeere trockneten aus, so daß mächtige Salzlager entstanden (Staßfurt bei Magdeburg und Sperenberg), die sich besonders durch ihren Reichtum an Kalisalzen auszeichnen. Auf der südlichen Halbkugel war derweil eine Eiszeit eingetreten und hatte den verweichlichten Steinkohlenpflanzen den Garaus gemacht. Es entwickelte sich in Anpassung an die neuen Zustände eine ganz neue Pflanzenwelt. Dann brach der Ozean herein und lagerte über der Steinkohlen-, Perm- und Buntsandsteinformation Meereskalk (Muschelkalk) ab. Aber auch dieses Meer war nicht „ewig“; zumal im nördlichen und nordwestlichen Teil Europas bewirkten bedeutende Bodenschwankungen ein langsames Austrocknen desselben; an seine Stelle traten wieder Seen und Sümpfe, und diese machten der Sand- und Lehmwüste Platz. Es entstehen die roten Mergel und Tone, die grauen und roten Sandsteine (Silbersandstein und Schilfsandstein Stuttgarts), die man als Keuper bezeichnet (oberste Trias). Die Siegel- und Schuppenbäume sind verschwunden und ersetzt durch allerlei Nadelhölzer, worunter manche mit breiten ledrigen Blättern; die Farne sind teilweise verdrängt durch palmenähnliche Sagobäume (Palmenfarne) und die Rohrbäume (Kalamiten und Kalamarien) durch echte Schachtelhalme, welche jene an imposantem Wuchs bei weitem nicht erreichen und furchtbar eintönige steife Dschungel von armsdicken, 4 bis 6 Meter hohen Stangen bilden. Die Flüsse vermögen sich meist nicht bis zum offenen Meer zu behaupten, sondern versiegen im Wüstensand oder endigen in flachen Mulden, in sumpfigen Steppenseen, die sich mit Schlamm und Sand füllen. Da unddort werden Flußläufe durch vorrückende Wanderdünen zerschnitten und teilweise zugefüllt, wodurch das Land am Unterlauf der Wasserzufuhr verlustig geht und in einen großen Friedhof verwandelt wird. Alles Lebende geht dort zugrunde, und der nächste Wüstensturm deckt die Leichen mit Sand und Staub. So sah es zur Keuperzeit aus in der Heimat der triadischen „Lindwürmer“, im Schwabenland.

Im Süden Stuttgarts bei Degerloch fand man vor etlichen Jahrzehnten die versteinerten Knochen eines seltsamen Ungeheuers, welchem der hervorragende württembergische Geologe und Paläontologe Quenstedt den Namen des „schwäbischen Lindwurms“ beilegte. Sein wissenschaftlicher Name istZanklodon, nach den riesigen Greifzähnen, welche die Form eines Winzermessers haben (zagkleoderzankle: Winzermesser undodon: Zahn). Ein Oberschenkelknochen ist 75 Zentimeter lang und ein Hinterfuß bedeckt eine Fläche von ¼ Quadratmeter. Das gewaltige Tier erreichte insgesamt eine Länge von zirka 7 Meter. Die Vorderglieder sind verhältnismäßig klein und konnten jedenfalls nicht zum Gehen benutzt werden, dienten vielmehr als Greifhände; dagegen waren Hinterglieder und Schwanz sehr kräftig entwickelt, woraus zu schließen ist, daß dieser Lindwurm aufrecht auf den Hinterbeinen einherging. Er erinnert so einigermaßen an ein Känguruh, war aber viel größer, plumper und schwerfälliger als dieses und konnte trotz des muskulösen Schwanzes keine großen Sprünge machen. Der Schwanz diente wohl als Stütze in der Ruhelage und außerdem als Balancierstange. Die Zehen waren mit ungeheuren Krallen bewaffnet, deren Hornsubstanz, weil leicht verweslich, natürlich nicht mehr vorhanden ist. Der Kopf war nicht sehr groß und mit einem scharfen Raubtiergebiß versehen. Die Natur hat hier versucht, einen Zweifüßer zu schaffen, der nicht mehr am Boden hinkriechen muß, sondern stolz erhobenen Hauptes als geborener Herrscher dahinschreiten kann. Der NameReptil— Kriecher, Schleicher — will hier nicht mehr recht passen, und doch ist kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Lindwürmern und den Neckarsauriern, die zur gleichen Zeit und in den gleichen Gegenden lebten.

Überreste eines nahen Verwandten, der zu Ehren seines Entdeckers den NamenGreßlyosauruserhielt, fand man beiLiestal in Baselland. Der unglückliche Greßly, ein vorzüglicher Geologe, verfiel in geistige Umnachtung und wurde von der fixen Idee befallen, daß er in jenen Lindwurm verwandelt worden sei. In Thüringen, Frankreich und Südafrika stieß man ebenfalls auf Spuren derartiger Drachen; manche von ihnen konnten noch nicht aufrecht gehen, sondern krochen nach alter Väter Weise auf allen vieren.

Abb. 9. Skelett des Iguanodon.

Abb. 9. Skelett des Iguanodon.

Während die „schwäbischen Lindwürmer“ schon im Keuper wieder verschwanden, haben sich ähnliche Formen viel länger erhalten und sind erst in der Kreidezeit ausgestorben. Zu diesen gehören dieIguanodonten, von denen man sich früher ganz falsche Vorstellungen gemacht hat, da lange Zeit nur einzelne Knochen bekannt waren. Nun besitzt man aber die vollständigen Skelette dieser Kreidedrachen. Besonders Belgien hat prachtvolle Exemplare geliefert, und das Paläontologische Museum in Brüssel besitzt etwa zwei Dutzend derselben. Es macht einen nachhaltigen Eindruck, unter jenen vorweltlichen Riesen umherzuwandeln. Gleich den Zanklodonten, denen sie an Größe gleichkamen, schritten sie aufrecht einher, ihren Kopf, der mit dem langen Hals einen rechten Winkel bildet, spähend bald links, bald rechts wendend. Der Name bedeutet soviel wie die „Leguanzähnigen“. Man fand nämlich zunächst nur einzelne Zähne, welche denen einer heutigen Eidechse, desLeguans—Iguana— ähnlich sind. Die Leguane sind abenteuerlich gestaltete 1½ Meter lange Rieseneidechsen Südamerikas und Westindiens, welche sich auf dem Wasser ebenso gewandt bewegen wie auf dem Erdboden und im Geäst der Bäume. Ihres wohlschmeckenden Fleisches wegen werden sie von den Eingeborenen gejagt. Zu den Kammeidechsen oder Leguanen gehört auch der Basilisk, etwas kleiner als der gemeine Leguan, mit hohen Hautlappen auf Rücken und Schwanz. Nun weiß man heute, daß die ausgestorbenen Iguanodonten mit den lebenden Kammeidechsen nicht näher verwandt sind, aber der Name ist geblieben. Die Bezahnung der Iguanodonten ist eine unvollständige, indem der vordere Teil der Kiefer zahnlos und vermutlich mit einer Art hornigem Schnabel versehen war. Die großen spatelförmigen Zähne sind am Rande gekerbt und greifen scherenartig übereinander. Sie erscheinen fast immer stark abgenutzt, waren also wohl zum Abbeißen und Kauen harter Pflanzenstoffe, vielleicht zum Abweiden der Baumkronen eingerichtet. Nebenbei mögen auch Schaltiere als Nahrung gedient haben. Jedenfalls waren die Iguanodonten keine blutdürstigen Bestien, sondern langsame, schwerfällige Geschöpfe. Daß ihregeistigenFähigkeiten gering waren, geht schon aus der geringen Größe der Schädelhöhle hervor. Zur Verteidigung dienten außer den Kiefern der große und ungemein kräftige Schwanz und die Daumen der Vorderglieder, die je zu einem Sporn oder natürlichen Dolch umgewandelt waren, der von den übrigen Fingern senkrecht abstand. Lange Zeit hielt man diesen Sporn für einen zum Schädel gehörigen Hornzapfen und zeichnete das Tier mit einem Horn. Wir werden übrigens später eine verwandte Form kennen lernen, die wirklich ein Horn getragen hat. Auffallend ist die Tatsache, daß die Hinterfüße nur drei Zehen nebst einer verkümmerten vierten Zehe besitzen und im anatomischen Bau mit denjenigen der großen Laufvögel eine gewisse Übereinstimmung zeigen, so daß die Iguanodonten seinerzeit geradezu alsOrnithopoden, das heißt Vogelfüßer, bezeichnet worden sind. Ihre Fährten, die auf Sandsteinplatten der Kreideformation zu Tausenden und in allen Größen vorhanden sind, wurden denn auch anfangs für Fährten von Riesenvögeln gehalten. (Siehe Abbildung 10, Brontozoumfährte). Daß in der Tat nicht nur zufällige Ähnlichkeiten mit Vögeln bestehen, zeigt die Übereinstimmung des Iguanodonfußes mit dem des Hühnchens im Ei. Der Vogelembryo (Keim) hat zuerst Iguanodonfüße und erhält erst durch Verkümmerung und teilweise Verschmelzung einzelner Knochen richtige Vogelfüße. Freilich ist nicht daran zu denken, daß die Vögel etwa von Iguanodonten, überhaupt von Dinosauriern abstammen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach haben die beiden Stämme eine gemeinsame Wurzel. Die Trennung hat wohl schon in der Trias, wenn nicht bereits in der Permperiode stattgefunden. Hier läßt uns die Überlieferung im Stich; von der großen Chronik der Erdgeschichte fehlen einige Bände völlig. Aber glückliche Funde können auch da in ungeahnter Weise Licht bringen.

Abb. 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen.

Abb. 10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen.

Wie artenreich die Sippschaft der „Vogelfüßer“ gewesen, läßt sich einigermaßen ahnen aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der Fährten, das heißt der Abdrücke, welche die verschollenen Saurier auf dem feuchten Sand und Schlamm der Ufer zurückgelassen haben. An der englischen Küste bei Hastings sowie in verschiedenen Gegenden Deutschlands findet man Fußspuren von 20 bis 75 Zentimeter Größe, und in Nordamerika sind dergleichen Funde noch häufiger. Manche Fährten ergeben eine Schrittweite von 3 und 4 Meter, lassen also auf Tiere vonfabelhafter Größe schließen, aber wie dieselben ausgesehen, weiß zur Stunde niemand zu sagen.

Zum Schlusse dieses Kapitels mögen noch zwei wissenschaftlich interessante Formen erwähnt werden: derKompsognathusund derHadrosaurus(Trachodon), ersterer aus dem schwäbischen und fränkischen Jura bekannt, ein sehr leicht gebautes, zierliches Tier von Katzengröße, mit vogelähnlichem Schädel, langen schlanken Hinterbeinen, dreizehigen Vogelfüßen und langem Schwanz; letzterer ein großer, 8 bis 9 Meter langer Schreckdrache von der Gestalt eines Iguanodon, jedoch mit seltsamem riesigem Entenschnabel und einem ebenso seltsamen pflasterartigen Gebiß, das aus zirka 2000 kleinen Zähnen besteht. Man fand ein solches Tier mit erhaltener Haut, die mit Schuppen bedeckt war. Der Hadrosaurus stammt aus der obersten Kreide Amerikas. Von beiden Gattungen sind europäische und amerikanische Vettern bekannt. (SieheAbbildung 19.)

Europa war zur Jurazeit fast ganz vom Meere bedeckt; nur einzelne Inseln und uralte Gebirgsmassen erhoben sich über dasselbe. Hier war somit zur Entfaltung einer großartigen Landfauna (Tierwelt) nicht genug Raum vorhanden, und so kommt es, daß zwischen den Schreckdrachen der Triaszeit und denjenigen der Kreideperiode eine große Lücke besteht. Fast möchte man glauben, mit dem Ende der Keuperzeit sei eine ungeheure Katastrophe, etwa eine allgemeine Sintflut hereingebrochen, habe die ganze Tierwelt vernichtet, und nach vielen Hunderttausenden von Jahren habe die Natur wieder von vorn angefangen. Allein jene Überflutung fand nicht überall statt; in Nordamerika zum Beispiel blieb auch während der auf die Trias folgenden Jurazeit ein ausgedehntes Festland bestehen, und dort konnten sich die Landtiere der Keuperzeit weiter entwickeln. In der unteren Kreide erreichten sie die höchste Entfaltung. Von Nordamerika kamen denn auch vor Jahren wunderbare Mären von fremdartigen Sauriern, die an Größe und Seltsamkeit der Form alles bis dahin Bekannte in Schatten stellten. Skeptische Naturen nahmen jene Berichte mit einem gewissen Mißtrauen entgegen, aber die wissenschaftlichen Darstellungen namhafter Paläontologen und vor allem die in den Museen aufgestelltenFunde selber machten es zur Gewißheit, daß man es nicht mit romantischen Übertreibungen einer sensationslüsternen Presse zu tun habe.

Der gewaltigste unter den amerikanischen Schreckdrachen scheint derAtlantosaurusgewesen zu sein, dessen Überreste im Staate Wyoming am Ostabhang des Felsengebirges gefunden wurden. Der Name ist der griechischen Göttersage entnommen. Der Riese Atlas, der Sohn eines Götterriesen (Titanen) und einer Meergöttin, hatte sich mit seiner ganzen Sippschaft gegen den Himmelvater Zeus empört, wurde aber besiegt und dazu verurteilt, an den Grenzen der Erde, wo Tag und Nacht zusammenkommen, nämlich an der jetzigen Meerenge von Gibraltar, den Himmel zu tragen. Atlas bedeutet auch in der Tat soviel wie „Träger“. Balkenträger an Gebäuden werden daher auch Atlanten genannt. Nach einer anderen Sage war er Besitzer der berühmten Hesperidengärten, einer Art Paradies in der Gegend des heutigen Marokko, und wurde vom griechischen Halbgott Perseus wegen seiner Ungastlichkeit mit Hilfe des Medusenhauptes zum Gebirge versteinert. Nach ihm wurde auch der Atlantische Ozean benannt.

DerAtlantosaurus immanis, das heißt der entsetzliche Riesendrache, war ein Koloß von 30 Meter Länge bei 9 Meter Höhe. Diese ungeheure Fleischmasse bewegte sich auf vier ungefähr gleich großen säulenförmigen Beinen, die je fünf Zehen mit hufartigen Klauen besaßen und nach Art der Eidechsenglieder gebaut waren. Die Oberschenkelknochen sind annähernd 2½ Meter lang und an ihrem oberen Ende ½ Meter dick. Es wird uns dies nicht wundernehmen, wenn wir bedenken, daß ja das Tier, das sie zu tragen hatten, „die Größe eines ziemlich ansehnlichen Hauses“ erreicht haben mußte. Ja, diese mächtigen Knochen hätten wohl kaum ausgereicht, die enorme Last zu tragen und fortzuschleppen, wenn nicht durch besondere Vorrichtungen das Gewicht des Körpers herabgemindert worden wäre. Die Wirbel, von denen die größten einen Meter Durchmesser besaßen, waren nämlich hohl und zu Lebzeiten des Tieres wahrscheinlich mit Luft erfüllt, nur die Wirbel des dicken und langen Schwanzes waren massiv.

Abb. 11. Brontosaurus.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 11. Brontosaurus.

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Nahe Verwandte des Atlantosaurus sind derBarosaurus(der „Schwere“) und derBrontosaurus. Ersterer ist in allen Skeletteilen bekannt; er erreicht eine Länge von 20 Meter, sein Nackenwirbel einen Durchmesser von reichlich einem Meter. Der Brontosaurus, ist ebenso groß und besaß einen ungeheuer langen Plesiosaurushals mit 13 Wirbeln. Wir geben nach einem vollständigen Skelett eine Rekonstruktion des Tieres, wie es lebend etwa ausgesehen haben mag. Auch beim Brontosaurus sind die Wirbel mit großen Luftkammern versehen, selbst die drei ersten Schwanzwirbel besitzen solche. Als weiteres Merkmal verdient hervorgehoben zu werden die im Verhältnis zum Körper winzige Größe des Kopfes und der Gehirnhöhle. „Das Gehirn,“ sagt Neumayr, „ist so außerordentlich klein, wie es im Verhältnis wohl bei keinem anderen höheren Tier bis jetzt bekannt ist.“

Diese amerikanischen Riesen mußten somit höchst stumpfsinnige Geschöpfe gewesen sein und tief unter den heutigen Beherrschern der Tierwelt gestanden haben. Wir dürfen uns dieselben auch nicht vorstellen als grimme, stets in Kampf und Krieg lebende Drachen, denn sie waren Pflanzenfresser und mochten also wohl den damaligen Gewächsen, nicht aber der Tierwelt verderblich gewesen sein. Der Brontosaurus oder Donnerdrache (vom griechischenbronte: Donner,brontogenes: vom Donner erzeugt) mochte ein Gewicht von zirka 380 Doppelzentner erreicht haben, während dasjenige des Indischen Elefanten bloß 30 bis 40 Doppelzentner beträgt. Ober- und Unterschenkel samt Fuß maßen 4 Meter, die Dornfortsätze der Kreuzwirbel ½ Meter. Die wandelnde Fleischlawine mag bis zum Rücken eine Höhe von 6 Meter, mit hoch gehobenem Kopf 9 Meter erreicht haben. (Die Angaben, wonach die größten Formen 12 Meter hoch gewesen sein sollen, scheinen nicht vertrauenswürdig zu sein.) Selbst die ausschweifendste Phantasie war nie imstande, sich ein solches Biest auszudenken, und staunend fragt man sich, wie ein solches „Reptil“ sich bewegen und ernähren konnte. Man denke sich einen Donnerdrachen durch die Straßen einer Stadt dahinschreiten! Er könnte bequem zu den Fenstern des dritten Stockes hineingucken, und die Kronen der Bäume in den städtischen Anlagen böten ihm eine angenehme Weide. Ein Ochse würde sich daneben fast wie ein Bauernhaus neben einem Münster ausnehmen. Und welch ein Anblick müßte es gewesen sein, zu sehen, wie der Koloß sich auf seinen stämmigenHinterbeinen und dem ungeheuren Schwanz erhob! Vielleicht haben sich die Tiere vorwiegend im Wasser aufgehalten nach Art der Flußpferde, wobei die Pflanzenwelt der Ufer abgeweidet und nebenbei allerlei Getier mit verschlungen wurde. Da wie bei den Atlantosauriern die größeren Wirbel, die einen Meter Durchmesser besaßen, Luftkammern hatten, wurde das spezifische Gewicht beträchtlich herabgemindert. Der vierte Halswirbel ist größer als der Schädel, und der Hohlraum der Kreuzbeinwirbel übertrifft die Hirnhöhle um ein Mehrfaches, so daß es scheint, als hätten die Tiere den Hauptteil ihres Zentralnervensystems nicht in den Kopf, sondern in das Hinterteil verlegt. Mit den intellektuellen Anlagen muß es folglich sehr schlimm bestellt gewesen sein.

Die Gestaltungskraft der Natur hatte sich hier verrannt; durch eine bloße Steigerung der Masse schuf sie etwas Unnatürliches und verurteilte diese „Überriesen“ zu schnellem Untergang. Vielleicht ward dieser beschleunigt durch einen Klimawechsel oder durch das Überhandnehmen gefährlicher Raubtiere.

Abb. 12. Diplodokus.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 12. Diplodokus.

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Neben den plumpen, massigen Atlantosauriern, wozu auch der Brontosaurus gerechnet wird, erscheint der Diplodokus (Doppelbalken) geradezu als eine zierliche Form. Er entstammt den gleichen Fundorten wie die vorigen und gehört gleichfalls der unteren Kreide an, dem sogenannten Wealden, das heißt der „Wälderformation“. Diese hat insofern manche Ähnlichkeit mit der Steinkohlen- und der Keuperformation, als die damaligen Festländer mit großen Sümpfen und Moorwäldern bedeckt waren und ein langandauernder Kampf zwischen Land und Meer herrschte. Aus jener Zeit stammen zahlreiche Steinkohlenflöze, die allerdings im allgemeinen von geringer Mächtigkeit sind, aber doch an manchen Orten bergmännisch abgebaut werden, so am Osterwald, am Deister, in Schaumburg und Bückeburg. Sie sind natürlich nicht aus den typischen Steinkohlenpflanzen (Siegel- und Schuppenbäumen usw.) hervorgegangen, denn jene existierten ja längst nicht mehr, sondern aus Pflanzen der Jura- und der ältesten Kreidezeit, hauptsächlich aus Farnen, Nadelhölzern und Sagobäumen (Zykadeen, Farnpalmen). Der Gattung Diplodokus gehören Tiere von 16 bis 25 Meter Länge und 3 bis 4 MeterHöhe an. In welcher Stellung sich dieselben bewegt haben, ist noch nicht festgestellt und je nachdem gelangt man zu verschiedenen Höhenangaben. Der 6 Meter lange Hals gleicht einer Riesenschlange und trägt einen großen, 60 Zentimeter langen Kopf, der etwelche Ähnlichkeit mit einem Pferdekopf hat, die Nasenlöcher befinden sich jedoch weit hinten bei den Augen. Die Kiefer sind nur im vorderen Teil bezahnt, die hinteren Zähne fehlen gänzlich; wir haben es also weder mit einem Raubtiergebiß, noch mit dem eines Pflanzenfressers zu tun. Die Zähne sind lang, dünn, stäbchenförmig und stehen ziemlich weit auseinander, wie die Zähne eines Rechens. Der ungeheure Schwanz zählt nicht weniger als 60 Wirbel. Es ist nicht leicht, sich die Lebensweise dieses märchenhaften Drachen vorzustellen. Man hat daran gedacht, daß er im Wasser nach Muscheln, Schnecken, Fischen, Krabben und Lurchen grundelte, wobei die Zähne nicht zum Beißen, sondern als Seiher dienten, also die gleiche Funktion ausübten wie das Fischbein der Bartenwale. Das hat in der Tat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Die größte Art (Diplodocus Carnegiei) wurde vor einigen Jahren auf Kosten des bekannten Stahlkönigs Carnegie ausgegraben und im Museum zu Pittsburg aufgestellt. Das Berliner Museum besitzt einen Gipsabguß davon, weitere befinden sich in Wien, Paris und London. Überreste nahe verwandter Gattungen wurden in Südamerika, Frankreich und England entdeckt.

Abb. 13. Dach- oder Panzerdrache.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 13. Dach- oder Panzerdrache.

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Einen hochinteressanten Fund machten vor kurzem die Gebrüder Sternberg im westlichen Teil der Union, sie förderten den vollständigen Kadaver eines Diplodokus mit erhaltener Hautbedeckung zutage. Das betreffende Riesenvieh scheint durch einen Unglücksfall umgekommen und auf eine Sandbank im Flusse geschwemmt worden zu sein. Dort wurde es zu einer Mumie ausgetrocknet und durch gewaltige Schlammassen, die später zu Tonschiefer erhärteten, zugedeckt. Die Haut ist mit seltsamen zarten Schuppen gespickt. Der ganze Kadaver, der auf dem Rücken lag, bedeckte eine Fläche von 12 Quadratmeter.

Abb. 14. Dreihorndrache, rechts oben ein Pteranodon.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 14. Dreihorndrache, rechts oben ein Pteranodon.

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Diese stehen den vorigen an Größe beträchtlich nach, sehen aber dafür um so putziger, wirklich drachenhaft aus. Fast möchte man wähnen, ein phantasievoller Fabulierkünstler des Mittelaltershätte dieselben erfunden.Die Panzerdrachen oder Dachdrachen(Stegosaurier) waren plumpe Riesen von mindestens Elefantengröße, jedoch weit beträchtlicherer Länge, nämlich bis zu 10 Meter! Sie hatten wieder die Gewohnheit der alten Reptilien angenommen, das heißt sich einen dicken Panzer angeschafft, also ein Rückfall auf eine tiefere Entwicklungsstufe; denn das Hautskelett ist das ursprüngliche, das älteste; erst verhältnismäßig spät machte sich das innere Knochenskelett geltend, wodurch das erstere allmählich überflüssig wurde, weil es die aufsteigende Entwicklung hinderte. Der Rückenpanzer, der sich vom Kopf bis zur Schwanzspitze erstreckte, bildete ein schützendes Dach aus starken, dicken Schilden und war überdies mit einem ungeheuren Kamm versehen, der aus zwei Reihen aufrechtstehender meterlanger Platten bestand. Am Ende des langen Schwanzes waren jene Knochentafeln zu spitzigen halbmeterlangen Stacheln reduziert. Das war zweifelsohne eine sehr gefährliche Waffe, und der Koloß konnte damit furchtbare Schläge austeilen. Die Kehlgegend war durch einen besonderen Knochenharnisch geschützt. Offenbar fehlte es zu jener Zeit (untere Kreide) nicht an mächtigen Feinden. Die Glieder sind ungleich lang, und zwar sind die vorderen wieder beträchtlich kürzer als die hinteren. Die Zahl der Zehen betrug je fünf, jedoch waren bei den Hinterfüßen die beiden äußeren verkümmert, so daß das Tier nur mit je drei Zehen austrat. Dadurch entstanden sonderbare Fährten, die den Eindruck erweckten, als seien zwei ganz verschiedene Tierarten (Herr und Diener) stets miteinander oder vielmehr hintereinander auf dem nassen Boden dahingewandelt. Der kleine Kopf mit einer Art Iguanodongebiß endete in einen plumpen Schnabel, was dem gepanzerten Ungeheuer ein besonders phantastisches Aussehen verschaffte. Besondere Erwähnung verdient die Schädelhöhle; dieselbe ist nämlich sehr klein, so daß nur ein winziges Gehirn in derselben Platz hatte. Der Rückenmarkkanal im Kreuzbein ist wohl zehnmal so groß als die Hirnhöhle, so daß man von einem „Kreuzbeinhirn“ gesprochen hat. Letzteres bestand aber selbstverständlich nicht aus Hirnsubstanz, sondern aus Nerven für den kolossalen Hinterkörper.

Diese Panzerdrachen haben sich wohl durch eine geradezu beispiellose Dummheit ausgezeichnet. Sie konnten wahrscheinlich gleich den Iguanodonten aufgerichtet auf den Hinterbeinen einherschwanken, aber ebensogut auf allen vieren davonstapfen.

Ein ebenso wunderlicher Kauz, ein Vetter des vorigen, war derDreihorndrache(Trizeratops), 8 bis 9 Meter lang, wovon 2 Meter auf den spitzdreieckigen, vorn ebenfalls in einen Schnabel endigenden Kopf entfallen. Dieser Schreckdrache, der also im Gegensatz zu seinem mikrozephalen Vetter zu den „Großköpfen“ gehört, trug neben einem meterlangen Horn über der Nase noch zwei seitliche hintere Hörner über den Augen. Der Hinterkopf endete in einen knöchernen Nackenschirm, der am Rande mit zackigen Knochenplatten besetzt war und wie eine große Halskrause aussieht. Die Zähne deuten auf Pflanzennahrung und haben — bei Reptilien etwas Unerhörtes — zwei Wurzeln, was sonst nur bei Säugetieren vorkommt. Auch die Glieder weisen gewisse Säugetiermerkmale auf, die Zehen tragen nämlich große Hufe, wie diejenigen der Huftiere (Schweine, Pferde, Wiederkäuer). Dazu der gehörnte Kopf, der an gewisse Urhufer der Braunkohlenzeit gemahnt.

Diese Säugetierähnlichkeit ist noch größer beimEinhorndrachen(Monoklonius) mit mächtigem, nach rückwärts gekrümmtem Horn, demZweihorndrachen(Dizeratops) und demStierdrachen(Torosaurus), alle der oberen Kreideformation Nordamerikas angehörend. Vereinzelte Bruchstücke einer nahe verwandten Art wurden auch bei Wiener-Neustadt gefunden. Dem winzigen Gehirn nach zu schließen, sind alle Horndrachen sehr stumpfsinnige Geschöpfe gewesen.

Nordamerika galt als das Paradies der Schreckdrachen, und seine Reptilienwelt überragte alles bis anhin Bekannte. Da trat Afrika als Konkurrent auf, und zwar — wer hätte das für möglich gehalten? — mit Erfolg. Zunächst richtete die Südspitze des Schwarzen Erdteils die Augen der Paläontologen auf sich. Dort — in der sogenannten Karrooformation — entdeckte man nämlich eine Menge versteinerter Knochen, welche von einer höchst seltsamen Tierwelt zeugten, die in der Perm- und Triaszeit dort gehaust. Die einen jener Knochentrümmer schienen einer besonderen Gruppe von Uramphibien (Wickelzähnern, Panzerköpfen) anzugehören, andere waren entschieden reptilienhaft undmanche, besonders die Zähne, wiesen auf niedere Säugetiere hin. Die Bezahnung ließ nämlich eine Gruppierung in Schneide-, Eck- und Backenzähne erkennen. Sollte man es hier mit den Stammvätern der höchststehenden Tierklasse zu tun haben? Sollte nun Licht in die Dunkelheit ihrer Herkunft fallen? Die hochgespannten Erwartungen der Forscher erfüllten sich nicht. Immerhin ist zu sagen, daß jene Afrikaner höchst interessante Zwischenformen (Kollektiv- oder Sammeltypen) und daß die berühmtesten unter ihnen, dieTheromorphen, das heißt dieSäugetierähnlichen, offenbar Seitenzweige jenes Hauptastes sind, dem die Ursäugetiere entstammen. Zwischen beiden bestehen nicht bloß oberflächliche Ähnlichkeiten (Analogien), sondern enge verwandtschaftliche Beziehungen.

Abb. 15. Schädel eines Wolfsauriers aus der südafrikanischen Trias.a.Oberkiefer.b.Unterkiefer.

Abb. 15. Schädel eines Wolfsauriers aus der südafrikanischen Trias.a.Oberkiefer.b.Unterkiefer.

Die „Säugetierähnlichen“ bewohnten übrigens nicht ausschließlich Südafrika, sondern auch Amerika, Ostindien, Europa (Rußland, England, Frankreich, Deutschland, Schweiz). Sie scheinen samt und sonders schon in der Triaszeit ausgestorben zu sein; die heutige Tierwelt hat nichts Gleichartiges. Man kennt zirka 100 Gattungen; ihre versteinerten Skelette sind meist schlecht, oft nur in wenigen Knochenstücken erhalten und dann schwer zu deuten. Unter den vielen Arten gibt es Zwerge, die nur die Größe einer Ratte erreichen, aber auch einzelne schwerfällige Riesen von Nashorngröße. Ich führe nur zwei Vertreter mit Namen an, denWolfsaurier(Lykosaurus), ein Raubtier mit scharfem Gebiß, und den plumpenPareiasaurus(Backensaurier), ein bizarres, drei Meter langes Monstrum, ein „dackelhafter Bär“ auf kurzen, dicken, geknickten Beinen, deren unglaublich dicke Zehen wahrscheinlich zum Graben eingerichtet und mit großen Krallen versehen waren. Er hielt sich wohl mit Vorliebe an der Küste auf und ernährte sich von allerlei kleinem Getier, das er aus der Erde hervorscharrte. Der breite, kurze Schädel war mit vielen Höckern und der Unterkiefer mit zapfenartigen Auswüchsen geziert. Von einem ähnlichen Biest (Sklerosaurus) fand man Überreste im Buntsandstein von Riehen bei Basel. Aber damit sind wir mit Afrika und den Afrikanern noch keineswegs zu Ende.

In den allerjüngsten Zeiten ging uns von dem rühmlich bekannten Stuttgarter Geologen Fraas die unverhoffte Kunde zu, daß drüben in Deutsch-Ostafrika sich ein Drachenfriedhof befinde, der mit den amerikanischen Fundorten im Staate Wyoming in jeder Hinsicht den Vergleich aushält. Dort ist nun eine reichsdeutsche Expedition seit einigen Jahren beschäftigt, die wunderbaren Reste ausgestorbener Tierriesen auszugraben und der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Jene Gigantosaurier (Riesendrachen) scheinen ihren amerikanischen Vettern, den Atlantosauriern, Zanklodonten, Panzerdrachen usw. mindestens ebenbürtig zu sein. Wie in Wyoming liegen die Knochen teilweise an der Oberfläche oder in geringer Tiefe, aber deren Konservierung und Transport zur Meeresküste und von dort nach Europa ist ein ebenso schwieriges wie kostspieliges Geschäft. Das Berliner Museum hat bereits durch jene Funde eine erstaunliche Bereicherung erfahren.

Die Grabungen werden am Tendaguruhügel, nordwestlich von Lindi vorgenommen, wobei benachbarte Negerstämme das Ausgraben und den Transport besorgen. Die Arbeiten sind mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden. Fürs erste sind jene Gegenden mit fast undurchdringlichem Gras- und Buschwald bewachsen und weit ab von Verkehrslinien, sodann macht die Regenzeit jede Arbeit unmöglich, und im Sommer, wo gar kein Regen fällt, hat man mit Hitze, Fiebern, Nahrungsmangel und einem Heer bösartiger Insekten zu kämpfen, nicht zu rechnen mit den Überfällen von Löwen, Leoparden und Schlangen.

Kreidelandschaft.Tiere: Maassaurier, Kreidevögel (Ichthyornis), im Hintergrund ein Iguanodon.Pflanzen: Zypressen, Palmen, Weiden.❏GRÖSSERES BILD

Kreidelandschaft.

Tiere: Maassaurier, Kreidevögel (Ichthyornis), im Hintergrund ein Iguanodon.Pflanzen: Zypressen, Palmen, Weiden.

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Im ersten Jahre wurde mit 150 Arbeitern begonnen, im zweiten mit 200, und diese Zahl stieg allmählich auf 500. Essind drei übereinanderliegende Saurierschichten vorhanden, die verschiedenen Zeiten, aber insgesamt der ältesten Kreideperiode angehören, somit gleichaltrig sind wie die berühmten Kreideschichten in Nordamerika. Welche Riesen (Gigantosaurier) zutage gefördert wurden, mag folgender Vergleich zeigen:

des

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Meter

Neben einem solchen afrikanischen Riesendrachen erscheint der größte lebende Bewohner Afrikas, der Elefant, tatsächlich als ein Zwerg. Leider fand man bis jetzt niemals vollständige Skelette, sondern nur einzelne Knochen, so daß es schwer hält, sich ein Bild vom ganzen Tier zu machen.

Über die afrikanischen Arbeiter, welche auf die 20 Fundstellen verteilt waren, sind die Leiter der Expedition des Lobes voll.Dr.Hennig berichtet darüber: „Wenn man auf der Ausreise von Aden ab das schwarze Gesindel der Hafenstädte kennen lernt, so bildet sich ein unter Umständen schon in der Heimat eingeflößtes schlechtes Vorurteil in verstärktem Maße aus. Schon in Lindi, das dem großen Verkehrsweg einigermaßen entrückt ist, herrschen wesentlich erfreulichere Zustände, wie selbst Daressalam gegenüber nichtdeutschen Häfen ein günstigeres Zeugnis ausgestellt werden kann. Im unberührten Lindi-Hinterland aber sitzt eine Bevölkerung, die ich aufrichtig liebgewonnen habe. Am wichtigsten und erstaunlichsten zugleich war die Anstelligkeit, mit der sie nicht nur die ungewohnten Grabgeräte handhaben lernten, sondern sehr bald sich auch in die feineren Präparationsarbeiten hineinfanden. Bei den oft brüchigen Knochen in härterer Gesteinsumhüllung erforderte die Präparation zweifellos Hingabe an die Arbeit, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit. Bei dem Umfang, den das Werk bald annahm, war es unmöglich,diesen Teil der Arbeit uns selbst vorzubehalten, ganz abgesehen von der Bedenklichkeit des Unterfangens, sich als Europäer der vollen Tagesglut im windgeschützten glühenden Schacht dauernd auszusetzen.

Wenn man wünschenswerte Eigenschaften im Neger nicht findet, so liegt das in sehr, sehr vielen Fällen nicht am Objekt, sondern am Sucher! Denn auch ohne fremde Erziehung, schon aus eigenem Wesen heraus, weisen die Eingeborenen im Süden der Kolonien manchen sehr sympathischen Zug auf. Der Grundton ihres Wesens ist Sorglosigkeit; sie kann sich als Fatalismus, als Mangel an Voraussicht (zumal in Verpflegungsfragen) äußern, sie gibt sich aber auch in jener heiteren Gemütsart kund, die jederzeit zu Scherz und Spiel bereit und für Humor überaus empfänglich ist, die auch über erlittenes Ungemach schnell hinwegzuhelfen vermag. Ich habe gesehen, daß beim Abbrennen eines Dorfes nach der unter Geschrei und Gezänk beendeten Löscharbeit sofort die Aufräumungsarbeiten mit lustigem Gesang aufgenommen wurden.

Endlich ist die Intelligenz keineswegs zu verachten. Und zwar besteht nicht nur Empfänglichkeit für Neues und Ungewohntes, sondern vielfach auch eine gewisse aktive Beweglichkeit, die den Dingen aus eigenem Antrieb entgegengeht. Der erste Eindruck der Arbeiten bei der umwohnenden Bevölkerung war natürlich eine Verwunderung darüber, daß die Europäer etwas in ihrem armen Lande zu finden und auszunutzen verstanden, was sie selbst nie beachtet noch zu verwenden gewußt hatten. Es drangen zweifelnde Fragen bis zu uns, was denn wohl aus den Funden gemacht werden könne; die einzigen Möglichkeiten, die ihnen dabei vorschwebten, waren: Zaubermittel, Geld oder Tücher! Dann traten doch aber bald auch tieferforschende Fragen auf, nach dem Namen und Wesen des Tieres, nach der Herkunft solcher Reste und ihrem Alter, nach der Lebensweise und dem Vorhandensein in der Gegenwart, ganz vereinzelt wohl auch der staunende Gedanke: woher wissen die Weißen das alles? Das letztere Problem hörte ich übrigens mit der ersichtlich voll zufriedenstellenden Antwort lösen: ‚Die Europäer lernen so etwas in der Schule.‘ ... Der Gedanke, daß dort, wo sie jetzt schafften und lebten, einst Meer gewesen sei, daß zur Zeit, da diese Ungeheuer ihr Wesen trieben, es noch keine Menschen gegeben habe, daß die versteinerten Muscheln, Schnecken, Fische an Ort und Stelle im Wasser gestorben seien, wo sie doch seit Menschengedenken nur Busch zu sehen gewohnt waren, bereitete ihrer Vorstellungskraft keinerlei Schwierigkeiten.“

Über die ausgegrabene Saurierwelt selbst schreibtDr.Hennig: „Die ungeheure Größe einiger der ostafrikanischen Dinosaurier macht sie zu den gewaltigsten überhaupt je bekannt gewordenen Landbewohnern der Erde. Ist die Größe an sich auch ohne sonderliche wissenschaftliche Bedeutung, so war sie doch selbst für Fachkreise eine Überraschung, hauptsächlich aber für uns, die wir diese Giganten aus dem Erdreich herausschälen durften.

Erreichte nun der Oberarmknochen bei der größten Form mehr denn 2 Meter, so mißt er bei der kleinsten nur wenige Zentimeter. Nicht selten kam es vor, daß Skeletteile so verschieden gestalteter Wesen durcheinanderlagen. Da war es dann natürlich nicht schwer, die zusammengehörenden herauszufinden. Unangenehmer war es schon, wenn viele beieinander gefundene Wirbel, Rippen, Beine Hoffnung auf ein nahezu vollständiges Skelett erweckt hatten und dann etwa ein sich einstellender dritter Oberschenkel von der Anwesenheit mindestens zweier Individuen gleicher Größe zeugte. Am schwierigsten aber gestaltete sich die Trennung in zwei Fällen, wo sich ganze Herden von fünfzig und mehr Individuen kleinerer Art auf engem Raume beisammenfanden.

Wiederum an anderen Stellen gab es wahre Trümmerstätten, wo nur die festeren Bein- und Flächenknochen verschiedenster Sorten in Mengen angehäuft lagen. Viele Kadaver sind wohl eine Zeitlang im Wasser umhergetrieben, ehe sie auf den Boden sanken oder strandeten und nun erst endgültig eingebettet wurden. Dabei konnten leicht einige Teile des Körpers abfaulen und weit entfernt zur Ablagerung gelangen. Wie aber sind die riesigen Tiere in solchen Mengen in ein Küstengewässer geraten? Man könnte etwa annehmen, ein flaches Wattenmeer sei zur Ebbezeit auf weite Strecken hinaus trockengefallen und jene Kolosse hätten den halbtrockenen Meeresboden nach Tangen und kleinen Wassertieren abgesucht, die ihnen zur Nahrung dienten, die rückströmende Flut habe ihnen dann in Unebenheiten des Strandes den Rückweg abgeschnitten und vielen ein Grab bereitet. Es ließe sich auch denken, daß bei dem Auf- und Niedersteigen desKüstengebiets kleinere Inselpartien nach und nach abgescheuert und später samt den darauf zusammengedrängten Bewohnern gänzlich verschlungen wurden.... Um über derartige Möglichkeiten eine Entscheidung herbeizuführen, hätte es geologischer Untersuchungen in weiterem Rahmen bedurft. Dafür gebrach es uns in Ansehung der Hauptaufgabe leider an Zeit.

Ein Bild läßt sich aber auch so gewinnen von dem wundersam vielgestaltigen Leben, das sich hier am Rande des Kreidemeers abgespielt haben muß. Da trotteten stumpfsinnig jene Ungeheuer mit einem mehr als 12 Meter langen und bis 2 Meter dicken Hals, mit Beingestellen, die alles gewohnte Maß übersteigen; da tummelte sich die große und kleine Drachenbrut bis hinab zum winzigsten Eidechslein; da zogen Herden gepanzerter Schreckgestalten daher, mit mächtigen Stacheln auf Rücken und Schwanz; da eilten auch kleine, flinke Saurier, auf den Hinterbeinen erhoben; da flogen andere durch die Luft; da gab es neben fleischfressenden Räubern auch Giganten, die ihren Riesenleib von Pflanzen und kleineren Seetieren ernährten.“ (AusDr.Hennig, Am Tendaguru.)

Der Leser möchte vielleicht gern wissen, welcher Zeitraum seit dem Untergang jener riesenhaften und wunderbar mannigfaltigen Tierwelt verflossen ist. Leider ist die Wissenschaft gegenwärtig noch nicht imstande, darauf eine genaue Antwort zu geben; man muß sich mit bloßen Schätzungen begnügen, und diese schwanken zwischen vier und zehn Millionen Jahren.

Als die gewaltigen Kolosse der Jura- und Kreideperiode — die stumpfsinnigen Atlantosauren, Brontosauren, Gigantosauren, Zanklodonten, Iguanodonten, Panzerdrachen und hundert andere verwandte Formen — die damaligen Festländer bewohnten, die eine von den heutigen ganz abweichende Gestalt und Ausdehnung hatten, mußten goldene Zeiten für die Wegelagerer und Freibeuter sein. An solchen fehlte es in der Tat nicht. Der größte unter allen scheint derTyrannosaurusgewesen zu sein, dessen Skelett vor kurzem in Montana (Nordamerika) aufgefunden und im New Yorker Naturhistorischen Museum aufgestellt worden ist. Er wird als ein 12 Meter langes Biest mit meterlangen Kiefern und 6 bis 18 Zentimeter langen Zähnen geschildert.Er war mit solcher Riesenkraft und so furchtbaren Waffen ausgerüstet, daß er sich wohl an jeden anderen Riesen heranwagen konnte. Seine Landsleute und Zeitgenossen, derAllosaurusund derLälaps, stellten sich ihm würdig an die Seite. Sie konnten zweifelsohne trotz ihrer Größe gewaltige Sprünge ausführen, da Schwanz und Hinterbeine ungeheuer muskulös und die größeren Knochen zudem hohl waren, wodurch das Körpergewicht beträchtlich herabgemindert ward. DerNashorndrache(Ceratosaurus nasicornis), beträchtlich kleiner und zierlicher, ist 4 bis 5 Meter lang, hat kurze Vorderbeine mit vier Fingern und große Hinterbeine mit drei Zehen. Auf der Nase trug das Tier ein großes Horn. Der Nashorndrache mag große Ähnlichkeit mit dem Iguanodon besessen haben, war aber schlanker, leichter und flinker als letzteres.

Weit verbreitet war derMegalosaurus(der Große), dessen Reste aus Europa, Afrika, Ostindien, Australien und Südamerika bekannt sind. Er erreichte 8 Meter Länge, sein Oberschenkel 1 Meter, das Schulterblatt 80 Zentimeter. Die 4 Zentimeter langen Zähne sind vorn und hinten zugeschärft und fein gesägt.


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